Zur Einführung: Der universelle Charakter der geisteswissenschaftlichen Bewegung
Aus einem Vortrag, Nürnberg, 14. März 1915*1)
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geht nicht, daß wir über diese Dinge - was auseinandergesetzt
wurde - wie im Traume denken. Die Wahrheit ist ja doch diese,
daß zum Beispiel all dasjenige, was ich geschrieben habe in meinem
Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens»,
nur herausgeschrieben ist aus der Art, wie der Spiritualismus in der
mitteleuropäischen Kulturströmung lebt. Das Buch ist sogleich ins
Englische übersetzt worden, und man hat uns damals dort - mir
wenigstens - gesagt, in diesem Buche stecke die ganze Theosophie
darin. Wir könnten nun sagen: Nun ja, wenn die Leute in London
rinden, daß in dem Buche die ganze Theosophie darinsteckt, so
können sie ja mit uns gehen. - Aber wir haben nicht einen Schritt
gemacht, der etwas anderes war als ein Ausdruck des mitteleuropäischen sich entwickelnden Spiritualismus. Und einige Monate
vor dem Kriegsausbruch hat es mich noch eigentümlich berührt
- heute darf ich das erwähnen -, daß einige von unseren Damen,
die Eurythmie treiben, nach London hinübergegangen sind, um dort
einen Kursus zu geben. Die Eurythmie hat gefallen. Das ist ganz gut;
sie soll den Menschen gefallen, aber man merkt nicht, daß diese
Eurythmie das Geistige ist, der Gegenpol des materialistischen Sportwesens. Man hat auf der einen Seite das Europa überflutende, ganz
dem Materialismus Angehörige und trägt den Materialismus bis in die
Bewegung der Menschen hinein durch den Sport, der dem Amüsement
der Menschen, der Sucht, sich gesund zu machen, dient, der ganz
materialistisch ist, während bei uns jede Bewegung der Ausdruck
für das Geistige ist, die genau dem entspricht, was mitteleuropäische
Spiritualität ist. Immer handelt es sich darum, auf diesem Boden zu
arbeiten und aus diesem Boden heraus die Früchte der geistigen
Entwickelung zu treiben. Wie hat gerade das Sportwesen auch in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland eingegriffen. Wie
haben dann auch feinere sportliche Tätigkeiten - ich glaube, eine
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 17
Methode war besonders die von Dalcro^e -, wie haben diese Dinge
eingegriffen. Jetzt wird man ihn nicht besonders gerne mögen, weil er
auch zu denjenigen gehört, die den «deutschen Barbarismus» so
furchtbar beschimpfen. Aber dasjenige, was dem deutschen Wesen
angehört, ist das Eurythmische, wodurch das Geistige, das in den
Bewegungen des Ätherleibes gegeben ist, dem Ätherleib naturgemäß
ist, das im übersinnlichen Menschen wirkt, zum Ausdruck gebracht
wird in den Bewegungen des physischen Leibes. Denn diese Eurythmie beruht auf folgenden Prinzipien: Wir haben ein Organ, durch das
der Ätherleib unmittelbar in Aktion tritt, so daß das Physische ein
Abbild des Ätherischen wird. Das ist der Fall, wenn wir sprechen.
Aber es wird nicht das ganze Physische, sondern die Luft ein Abbild
des Ätherischen. Das tönende Wort in der Luft, die Art, wie da die
Luft schwingt, ist unmittelbar ein Ausdruck des Ätherischen. Wenn
man nun dasjenige ergreift, was im Laut, im Wort lebt, und es auf
den ganzen Ätherleib ausdehnt und dann Hände und Füße und alles
am Menschen sich so bewegen läßt, wie ganz naturgemäß im Sprechen
und im Gesang die Luft im Ätherleib bewegt wird, dann hat man
die Eurythmie. Denn die Eurythmie ist ein Sprechen des ganzen
Menschen, so daß zu Hilfe genommen wird nicht nur die sich
bewegende Luft, sondern die menschlichen Organe.
An einer solchen Sache sehen Sie, wie universell, wie umfassend
dasjenige gedacht ist, was das Eingreifen der Geisteswissenschaft in
die moderne Kultur ist. Wir haben, um den Nerv der Sache zu verstehen, einiges gehört, woran man heute gar nicht einmal denkt.
Und wenn ich durch diese beiden Vorträge, die ich jetzt in diesem
engeren kleinen Kreise gehalten habe, wirklich nichts anderes erreiche,
als daß in Ihnen die Empfindung angeregt wird, man müsse noch
mehr auf das hinschauen, was Geisteswissenschaft in universeller
Beziehung für das ganze, menschliche Leben will, so ist das schon
genug. Denn damit, daß wir uns einzelne theoretische Begriffe aneignen, wird wirklich die Aufgabe der Geisteswissenschaft nicht
erfüllt. Die Aufgabe der Geisteswissenschaft wird erfüllt, wenn sie
eingreift in alles Leben und dieses Leben durchgeistigt, dieses
Leben spiritualisiert.
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Notwendig ist es in unserer fünften Kulturepoche innerhalb desjenigen Volkes, dem insbesondere diese Aufgabe zufällt, die Spiritualisierung herbeizuführen, diese Dinge zu verstehen, ein Verantwortlichkeitsgefühl in bezug auf die Entwickelung herbeizuführen.
Die Menschheitsentwickelung zu kritisieren ist leicht, recht leicht.
Darum handelt es sich aber nicht, denn die Dinge, die geschehen,
geschehen mit Notwendigkeit, auch wenn sie demjenigen widersprechen, was gewissermaßen der gute Fortschritt mit den Menschen
will.
Nun müssen wir in einer gewissen Beziehung etwas, was diesem
guten Fortschritt eigentlich widerspricht, in unserer Kultur darinnen
haben und darinnen lassen. Unter diesen mancherlei Dingen, die dazugehören, ist zum Beispiel dieses, daß wir im Grunde genommen
eigentlich wegen unseres gegenwärtigen Kulturstandpunktes unserer
Zeit, wie man sagt um des Fortschrittes willen unsere Kinder vom
zartesten Alter an zu malträtieren beginnen. Man weiß es nicht, aber
man malträtiert sie. Denn es gibt im Grunde genommen nichts der
menschlichen Natur Widersprechenderes, als die Kinder vom siebenten Jahre an schon anfangen zu lassen, die Schulgegenstände zu
lernen und sie schulmäßig zu unterrichten, wie man es gegenwärtig
tut. Es könnte einen wirklich als etwas besonders Glückliches treffen,
wenn man ganz anders heranwüchse und solches, was schon im
siebenten Jahr an die Menschen herangebracht wird, erst im neunten
oder zehnten Jahr bekäme… Aber es muß der Gegenpol geschaffen
werden. Und während wir auf der einen Seite dadurch, daß wir
gewisse Arten des Schulunterrichtes haben, namentlich die Ätherleiber
der Kinder malträtieren, weil wir ihnen etwas einprägen, wofür sie
in diesen Jahren absolut nicht taugen, müssen wir im Zuführen der
Eurythmie einen Gegenpol schaffen und gerade das, was Eurythmie
ist, den Kindern zuführen, damit der Ätherleib in diesen ihm eingeborenen Bewegungen den Ausgleich hat. Eurythmie wird etwas werden, was ganz allgemein ist, denn die Entwickelung erreicht nicht ihr
Ziel dadurch, daß man einseitig vorwärtsgeht, sondern daß man in
Gegensätzen vorwärtsgeht. Man muß immer den Gegenpol schaffen,
den Gegenpol geltend machen. Entwickelung bewegt sich in Gegencopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 19
Sätzen. Und der Malträtierung des Ätherleibes durch den heutigen
Schulunterricht muß ein Gegenpol geschaffen werden in dem Elastischmachen, dem naturgemäßen In-Bewegung-Bringen des Ätherleibes in dem Sinne, wie es in den ersten Anfängen in unserer
Eurythmie versucht wird. So hängt etwas, was vielleicht viele heute
noch «unsere Eurythmie» nennen, wirklich mit demjenigen zusammen, was ich den universellen Charakter unserer geistigen Bewegung
zu nennen habe. |