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NATIONALÖKONOMISCHER KURS, DREIZEHNTER VORTRAG, Dornach, 5. August 1922

NATIONALÖKONOMISCHER KURS, DREIZEHNTER VORTRAG, Dornach, 5. August 1922

Über den volkswirtschaftlichen Wert der geistigen Leistungen. Der Sammler von Autographen. Der Ausgangspunkt für alles Wirtschaften: die Bearbeitung von Grund und Boden. Beispiel der geschlossenen Dorfwirtschaft mit den Geistesarbeitern. Bewertung der geistigen Leistung nach der Arbeit, die sie erspart. Der Streit zwischen körperlicher Arbeit und Arbeitsersparung. Das Herunterbewerten der körperlichen Arbeit im Verhältnis zur geistigen. Die Verhältnismäßigkeit von Bodenproduktion und geistiger Produktion.

Seite Text
185 Es wird gerade, um zu verstehen, wie solche Dinge gemeint sein können, wie sie gestern besprochen worden sind, nötig sein, heute einiges einzusehen über die volkswirtschaftlichen Prozesse, welche doch auch eingreifen in volkswirtschaftliche Bewertungen, und die zeigen können, wie schwer dasjenige, was von der Seite des menschlichen Geistes aus geschieht, eigentlich in volkswirtschaftlichem Sinne zu bewerten ist. Ich will ein Beispiel nicht ganz fingieren, sondern es nur so gestalten, daß die Wirklichkeit, die dahinterliegt, nichts beiträgt zu dem Werte, den für unsere Betrachtung dieses Beispiel haben kann.
Sehen Sie, es kann folgendes vorkommen: daß in einer bestimmten Zeit ein großer Dichter lebt, der nach und nach, eben schon zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tode immer mehr, als ein großer Dichter anerkannt wird. Es kann dann einer derjenigen, die sich irgendwie mit diesem Dichter beschäftigen, sei es auch nur, sagen wir als Liebhaber dieses Dichters, auf den Gedanken kommen, sich zu sagen: In der nächsten Zeit wird von diesem Dichter noch mehr Aufhebens gemacht werden als jetzt. Ich weiß ganz bestimmt - mindestens riskiere ich den Gedanken -, daß in einiger Zeit, sagen wir in zwanzig Jahren, von diesem Dichter noch viel mehr Aufhebens gemacht werden wird als jetzt. Ich kann sogar wissen, daß nach zwanzig Jahren für diesen Dichter, nach den Denkgewohnheiten der Zeit in der wir leben, ein Archiv gebaut werden wird, und daß in diesem Archiv die Handschriften dieses Dichters gesammelt werden. - Durch verschiedene Dinge, die er erfahren hat, und die er in seinem schlauen Kopf wälzt, sagt er sich: Ja, das wird geschehen. Ich beginne jetzt Autogramme, Autographen von diesem Dichter zu kaufen. Die sind außerordentlich billig, jetzt noch. - Da sitzt einmal dieser Mann zusammen mit anderen. Da sagt der eine: Ja, ich bin nicht besonders auf Spekulation in Werten angelegt; ich will einfach die gewöhnlichen Zinsen von meinen Ersparnissen haben. - Ein zweiter sagt: Na, mit den gewöhnlichen
186 Zinsen will ich mich doch nicht begnügen, ich kaufe mir Papiere von diesem oder jenem Bergwerke. - Er ist schon ein spekulativerer Kopf, kauft sich also Papiere. Der dritte aber, das ist unser Mann, der sagt: Ich kaufe mir die besten Papiere, die es jetzt gibt; ich kaufe mir ganz billige Papiere, aber ich sage euch nicht, was für Papiere ich mir kaufe - das ist nämlich noch etwas, was dazu kommt, er verrät diese Geschichte nicht -, ich kaufe mir Papiere, die aber in der nächsten Zeit am meisten steigen werden. Und er kauft sich lauter Autographen des betreffenden Dichters. Und nach zwanzig Jahren verkauft er an das Archiv oder an solche, die weiter an dieses Archiv verkaufen, diese Papiere um das Vielfache von dem, was er ausgegeben hat. So daß er der allerspekulativste Kopf von den dreien war.
Es ist das ein durchaus realer Fall; ich will ja nur nicht die Realitäten hier erwähnen; aber der Fall ist vorgekommen. Nun, dadurch geschah doch eine sehr bedeutsame Umlagerung auch von volkswirtschaftlichen Werten. Und es handelt sich darum: Welches sind die Faktoren, die zu dieser Umlagerung beigetragen haben? Da ist es zunächst lediglich die denkerische Ausnützung des Umstandes, daß der betreffende Dichter in aufsteigender Schätzung war, einer Schätzung, die sich sogar real ausgedrückt hat darinnen, daß ihm ein Archiv errichtet worden ist. Aber dazu kommt noch das - wenigstens für die Umlagerung, so daß alles in eine Hand zusammengegangen ist -, daß er die Geschichte verschwiegen hat, daß er die anderen nicht darauf aufmerksam gemacht hat und sie von selbst nicht darauf gekommen sind. Und er hat so den Riesengewinn eingesteckt.
Ich erwähne den Fall nur aus dem Grunde, weil ich Sie nun darauf aufmerksam machen möchte, wie kompliziert die Frage wird, welche Faktoren im Wertewesen ineinanderfließen - wie schwer diese Faktoren alle zu erfassen sind. Und vor uns muß ja die Frage nun auftauchen: Ist es nun ganz unmöglich, diese Faktoren in irgendeiner Weise zu fassen? - Nun, Sie werden sich sagen: Für einen großen Teil, für ein großes Stück des Lebens wird es ganz gewiß Menschen mit einem gesunden Menschenverstand in Assoziationen möglich sein, die Faktoren soweit abzuschätzen, daß sie einen gewissen zahlenmäßigen Ausdruck finden können. Aber es wird immerhin sehr vieles,
187 und zwar in der Bewertung der Dinge Ausschlaggebendes sein, das nicht in gewöhnlicher Weise mit dem gesunden Menschenverstand zu erfassen ist, wenn wir nicht nach anderen Hilfsmitteln suchen.
Wir haben gesehen, wie die Natur umgewandelt werden muß durch menschliche Arbeit, also gewissermaßen in Verbindung treten muß mit menschlicher Arbeit, wenn sie einen volkswirtschaftlichen Wert bekommen soll. Das Naturprodukt hat zunächst in einer wirtschaftlichen Organisation, die auf Arbeitsteilung beruht, ja noch keinen eigentlichen Wert. Wenn wir uns hineindenken in das Bild, daß nun die Werte durch ein Ineinanderfügen von, sagen wir, Naturstofflichkeit und Arbeit entstehen, dann werden wir, wenn auch zunächst vielleicht nur in einer Art algebraischer Formulierung, die Möglichkeit haben, heranzukommen an das Funktionelle der Wertbildung. Wir werden uns ja leicht eine Vorstellung davon machen können, wie diese Wertbildung nicht einfach so vor sich geht, daß etwa Arbeit mit dem Naturelement zusammengefügt werden kann, daß die Arbeit verändert das Naturelement; es wird also schon eine kompliziertere Funktion da sein, als etwa eine bloße Addition sein könnte. Aber immerhin, wir werden festhalten können an dem, was wir ja schon ausgesprochen haben: Wir sehen den wirtschaftlichen Wert entstehen, wenn das Naturprodukt zunächst von der menschlichen Arbeit übernommen wird.
Die allererste Stufe nun dieses Übernehmens des Naturproduktes von der menschlichen Arbeit ist ja die, wo unmittelbar, ich möchte sagen, auf dem Grund und Boden gearbeitet wird. Das ist ja dasjenige, was uns dazu führt, als den Ausgangspunkt für alles Wirtschaften dennoch die Bewirtschaftung des Grund und Bodens anzusehen. Diese Bewirtschaftung des Grund und Bodens ist ja die Voraussetzung für alles übrige Wirtschaften. Nun aber, wenn wir an die andere Seite des Wirtschaftens gehen - ich brauche Ihnen ja heute nicht mehr auseinanderzusetzen, das geht aus den vorhergehenden Vorträgen ganz gewiß hervor, daß auch solche Dinge, wo jemand eine Wertumlagerung zustande bringt, daß auch das in die wirtschaftliche Wertebewegung hineingreift -, wie werden wir uns da verhalten müssen, wenn wir aufsuchen wollen, was sich eigentlich an so etwas vergleichen
188 läßt mit dem anderen? Wenn wir also meinetwillen «Natur mal Arbeit» als den Wert ansehen würden, der von der einen Seite sich herbewegt, oder irgend eben eine Funktion, wie ich gleich anfangs gesagt habe, ja, da müßten wir dazukommen, doch irgend etwas Vergleichbares dadrinnen zu finden. Den Geist mit der Natur zu vergleichen, das wird ganz ohne Zweifel nicht gehen; denn da werden Sie kaum irgendeinen Vergleichungspunkt, und ganz besonders nicht durch volkswirtschaftliche Erwägungen, finden, schon aus dem Grunde, weil da ja etwas außerordentlich Subjektives einfließt.
Denken Sie sich eine einfache Dorfwirtschaft, die meinetwillen abgeschlossen in sich ist. Solche konnte man ja, wenigstens zum Teil, durchaus erleben. Eine solche wird bestehen in demjenigen, was erzeugt wird - sagen wir, wir denken uns weg selbst den Markt und die Stadt - von den Bauern, von den Bodenbearbeitern, von einzelnen Gewerbetreibenden, die die Leute kleiden und so weiter, von einigen anderen Gewerbetreibenden, im wesentlichen gar nicht eigentlich von besonderen Proletariern - die werden noch gar nicht da sein, aber darauf brauchen wir ja bei dieser Art von Denkungsweise zunächst nicht unsere Aufmerksamkeit zu verwenden, denn dasjenige, was für sie in Betracht kommt, wird uns ja bei der weiteren Verfolgung auffallen können. Dann wird in dieser Dorfwirtschaft da sein der Lehrer, der Pfarrer, oder ein paar Lehrer, ein paar Pfarrer; die werden, wenn wir eine reine Dorfwirtschaft haben, leben müssen aus dem, was die anderen ihnen von dem Ihrigen abgeben. Und was sich an freiem Geistesleben entwickelt, wird sich im wesentlichen abspielen müssen zwischen den Pfarrern und Lehrern - eventuell wird noch dazukommen der Gemeindeverwalter -, aber da, zwischen diesen Leuten wird sich im wesentlichen das freie Geistesleben abspielen. Und wir werden uns fragen müssen: Wie kommen wir denn nun eigentlich zu einer Bewertung in diesem einfachen wirtschaftlichen Kreislauf?
Viel anderes freies Geistesleben wird nicht da sein. Man kann sich nicht gut vorstellen, daß da ein Romanschriftsteller entsteht im Lehrer oder Pfarrer; denn wenn die Dorfwirtschaft in sich geschlossen ist, dann wird er kaum viel verkaufen können. Wir würden ja nur darauf
189 rechnen können, daß ein Romanschriftsteller irgend etwas wird verdienen können, wenn er in gleicher Zeit imstande wäre, den Bauern und Schneidern und Schustern eine besondere Neugierde auf seine Romane beizubringen. Da würde er ja in der Tat sogleich eine kleine Industrie ins Leben rufen können, nicht wahr? Das würde zwar außerordentlich teuer zu stehen kommen. Aber jedenfalls können wir uns nicht vorstellen, daß das ohne weiteres in dieser kleinen Dorfwirtschaft da sein würde. Wir sehen also, daß das freie Geistesleben erst auf gewisse Bedingungen warten muß. Aber wir können uns vielleicht vorstellen, wie eigentlich nun dadurch, daß überhaupt Pfarrer und Lehrer und ein Gemeindeverwalter da sind, die Bewertung desjenigen zustande kommt, was diese Geistesarbeiter - denn im volkswirtschaftlichen Sinne sind sie ja Geistesarbeiter - leisten.
Was ist die Voraussetzung, daß diese Geistesarbeiter überhaupt in dem Dorfe leben können? Die Voraussetzung ist, daß die Leute ihre Kinder in die Schule schicken und daß sie ein religiöses Bedürfnis haben. Geistige Bedürfnisse sind die Grundvoraussetzung. Ohne diese wären überhaupt selbst diese Geistesarbeiter nicht da. Und nun werden wir uns zu fragen haben: Wie werden denn diese Geistesarbeiter nun ihrerseits ihre Produkte, sagen wir, die Kanzelrede - denn im volkswirtschaftlichen Sinne sind auch die volkswirtschaftlich zu begreifen - und den Schulunterricht, wie werden sie denn diese volkswirtschaftlich bewerten? Wie wird sich das volkswirtschaftlich bewerten in der ganzen Zirkulation? Das ist eine Fundamentalfrage.
Ja, wie sich das bewertet, darauf kommen wir nur, wenn wir uns zunächst recht anschaulich machen: Was müssen denn die anderen Leute tun? Sie müssen körperliche Arbeit leisten. Dadurch rufen sie volkswirtschaftliche Werte hervor, daß sie körperliche Arbeit leisten. Wenn kein Bedürfnis vorhanden wäre nach Kanzelreden und nach Schulunterricht, so würden auch die Pfarrer und die Lehrer eben körperlich arbeiten müssen, dann würden alle körperlich arbeiten, und es würde das Geistesleben überhaupt wegfallen. Da hätten wir natürlich nicht zu sprechen von einer Bewertung der geistigen Leistungen. Zu dieser Bewertung kommen wir, wenn wir darauf hinschauen, daß ja eben gerade dieses körperliche Arbeiten den Pfarrern und den
190 Lehrern erspart werden muß; denn wollen die ihre nun immerhin auch begehrte Arbeit leisten, so muß ihnen die körperliche Arbeit abgenommen werden. So daß da wirklich etwas, was nun wenigstens wiederum im allgemeinen Sinn zu erfassen ist, in den Gedankengang eingeführt werden kann. Denn nehmen wir an, es ist nur Bedürfnis vorhanden für halbe Predigten und halben Schulunterricht - also für eine halbe Predigt eines Pfarrers und den halben Unterricht eines Lehrers -, was würde da eintreten müssen? Da man nicht einen halben Pfarrer und einen halben Lehrer anstellen kann, so werden Pfarrer und Lehrer eine gewisse Zeit anwenden müssen, um nun auch körperlich zu arbeiten. Und die Bewertung, die wird eintreten müssen für diese beiden, wird sich also danach ergeben, wieviel sie körperliche Arbeit ersparen können. Das gibt den Maßstab für die Bewertung ihrer Arbeit. Der eine gibt körperliche Arbeit hin, der andere erspart sie, und er bewertet seine geistige Leistung danach, wieviel er mit dieser Geistesleistung körperliche Arbeit erspart. Da haben Sie auf den zwei verschiedenen Feldern des wirtschaftlichen Lebens, wenn wir eben volkswirtschaftlich die Sache durchdenken, daß für uns eine Kanzelrede auch volkswirtschaftlichen Wert haben muß, da haben Sie das, was uns darauf hinweist, wie die den volkswirtschaftlichen Wert bekommt. Sie bekommt ihn dadurch, daß Arbeit erspart wird, während auf der anderen Seite Arbeit aufgewendet werden muß.
Das geht aber durch das ganze Geistesleben hindurch. Was bedeutet es im volkswirtschaftlichen Sinn, wenn einer ein Bild malt, an dem er meinetwillen auch zehn Jahre lang malt? Das bedeutet, daß das Bild für ihn dadurch einen Wert bekommt, daß er nun wieder zehn Jahre lang an einem Bilde malen kann. Das kann er aber nicht anders, als daß er für zehn Jahre die körperliche Arbeit erspart. Das Bild wird so viel wert werden müssen, als körperliche Arbeit an anderen Produkten in zehn Jahren leistet. Und wenn Sie selbst solche komplizierten Fälle nehmen, wie der, den ich heute am Anfang der Stunde auseinandergesetzt habe, so bekommen Sie dennoch dasselbe heraus. Da, wo es sich um geistige Leistungen handelt, bekommen wir überall, wenn wir den WertbegrifF finden wollen, den anderen Begriff, den Begriff der ersparten Arbeit, der Arbeit, die man erspart.
191 Das war der große Fehler der Marxisten, daß sie die ganze Sache nur von der körperlichen Seite her angeschaut haben und davon geredet haben, daß man im Kapital zu sehen habe kristallisierte Arbeit, ein Produkt, mit dem Arbeit verbunden ist. Wenn einer ein Bild malt: der Geist, den er hineinmalt durch zehn Jahre, der ist allerdings verbunden damit; aber das können höchstens die berechnen, die da glauben, der Geist sei umgesetzte innerliche menschliche Arbeit. Das ist Unsinn. Das Geistige läßt sich nicht ohne weiteres vergleichen mit dem Natürlichen. Aber hier handelt es sich nicht darum, wenn ich eine geistige Leistung vollziehe, daß darinnen irgendwie Arbeit aufgespeichert ist. Die Arbeit, die aufgespeichert ist, ist volkswirtschaftlich nicht zu erfassen. Die kann als körperliche Arbeit sehr gering sein. Und was als körperliche Arbeit in Betracht kommt, fällt unter den anderen Begriff der körperlichen Arbeit. Was der Leistung Wert erteilt, ist die Arbeit, die ich nunmehr mit ihr ersparen kann.
So also bekommt man auf der einen Seite des volkswirtschaftlichen Prozesses die wertebildende Kraft dadurch, daß Arbeit herbeigeschafft wird, an das Produkt gebracht wird, an das Produkt gewendet wird - das Produkt zieht die Arbeit an. Auf der anderen Seite strahlt das Produkt die Arbeit aus, bewirkt die Arbeit; der Wert ist ursprünglich da, der bewirkt die Arbeit.
Dadurch aber sind wir in der Lage - weil wir ein Vergleichbares nun darinnen haben, nämlich Arbeit in einem Fall und Arbeit im andern Fall -, sind wir in der Lage, überhaupt die Dinge miteinander in der Realität in Beziehung zu bringen. Wenn wir sagen können das eine Mal:

Tafel 11

der Wert ist gleich «Natur mal Arbeit», w = n • a, so müssen wir im anderen Falle sagen: «Geist minus Arbeit», w =g — a. Es ist genau entgegengesetzt gerichtet. Körperliche Arbeit hat nur einen Sinn, wenn derjenige, der sie in die Volkswirtschaft einfügen will, sie von sich aus aufwendet. Was im Geistigen mit der Leistung in Beziehung tritt, ist eine Arbeit, die dem einen von dem andern getan wird - ist also tatsächlich das, was im negativen Sinn in den volkswirtschaftlichen Prozeß hineingefügt werden muß.
Es ist sehr merkwürdig: Wenn man die Geschichte der Volkswirtschaftslehre verfolgt, dann findet man überall eigentlich die Dinge, die

192 richtig sind, aber im Grunde genommen nur auf einem Partialgebiet. Sie haben gewisse Volkswirtschaftslehrer, die eben durchaus der Meinung sind: Arbeit verleiht den Dingen einen Wert - Smithsche Schule, Marxistische Schule und so weiter. Aber Sie haben auch andere Schulen, die die andere Definition haben, die nun wiederum für ein gewisses Gebiet richtig ist, daß etwas zum Kapital wird, zum Wertausgangspunkt dadurch, daß es Arbeit erspart. Beides ist richtig. Nur gilt das eine für alles dasjenige, was mit der Natur, mit Grund und Boden irgendwie zusammenhängt; das andere gilt für dasjenige, was mit dem Geist irgendwie zusammenhängt. Zwischen beiden Extremen liegt nun ein Drittes dazwischen drinnen. Wir können sagen: Ganz reinlich ist eigentlich keines dieser Extreme vorhanden, sondern nur annähernd; denn schließlich ist schon geistige Arbeit darinnen, wenn von zwei Brombeerensammlern - nicht wahr, Brombeersammeln bekommt auch nur wirtschaftlichen Wert dadurch, daß die Sammler hingehen und Arbeit leisten -, wenn von zwei Brombeerpflückern der eine unschlau ist und sich an Stellen, wo wenig Brombeeren wachsen, Arbeit macht; dann haben seine Brombeeren einen geringeren Wert, weil das gleiche Quantum nur ebenso teuer bezahlt wird wie beim andern, der sich ein gut mit Brombeeren bewachsenes Gebiet aussucht und der daher mehr erzielt. Also es ist nirgends die Sache in Reinkultur vorhanden. Schon beim Brombeerpflücken ist geistige Arbeit - man sollte sie nicht so nennen », denn die Kombinationsarbeit ist wertebildend ebenso wie bei Autographensammlern, umlagernd wertebildend wenigstens.
So daß wir also sagen können: Es ist schon so, daß wir in der einen Richtung die Arbeit haben und in der andern Richtung auch die Arbeit haben. Dadurch aber bekommen wir die Möglichkeit, überhaupt die volkswirtschaftlichen Werte irgend zu vergleichen. Dieses Vergleichen, das macht aber nun der volkswirtschaftliche Prozeß eben selber. Man kann ihn nur in einer gewissen Weise in die Vernunft herauf heben. Wie ja alles, was ich sage in diesen Tagen, darin besteht, daß gewisse instinktive Prozesse in die Vernunft heraufgehoben werden.
Also wie gesagt, in Reinkultur haben wir nichts von diesem. Auf
193 der anderen Seite haben wir immer, auch wenn der Maler noch so viel kombiniert und durch sein Kombinieren und meinetwillen durch hellseherische Kraft, die sich überhaupt nun gar nicht irgendwie fassen läßt auf volkswirtschaftlichem Feld, wenn er nun überhaupt nur irgend etwas, was in der Volkswirtschaft in Betracht kommt, schaffen will, so muß er auch ein Stückchen Arbeit darauf verwenden. Es kann sein großes Genie gestatten, daß er ein furchtbarer Faulpelz ist, aber ab und zu wird er doch den Pinsel in die Hand nehmen müssen. Also, etwas Arbeit wird auch bei ihm aufgewendet werden müssen, wie etwas kombinatorische Kraft selbst beim Brombeerenpflücken. Wir können die Dinge, die in der Wirklichkeit spielen, quantitativ nicht reinlich erfassen, sondern wir müssen sie im Geschehen erfassen. Und dadurch können wir sie eigentlich nur festhalten mit unseren Begriffen, wenn wir uns bewußt werden, daß diese Begriffe in fortwährender Bewegung sind.
Zwischen diesen beiden drinnen liegt aber das, wo deutlicher wahrzunehmen ist, wie in der Tat unmittelbar im Betriebe ineinanderwirken körperliche Arbeit und geistige Arbeit, wo es hin- und hergeht. Ich möchte sagen: Wie in irgendeiner Maschine eine Steuerung meinetwillen hin- und hergeht, so geht hin und her im Betriebe: körperliche Arbeit hin und geistige Arbeit zurück. Und dann wird es sich eben darum handeln, daß wir in dem gegenseitigen realen Sich-Entgegenarbeken von beiden Seiten dasjenige haben, was nun als Drittes zwischen diesen beiden im volkswirtschaftlichen Prozeß drinnen spielt, das heißt mit anderen Worten: Wenn einer körperlich eben arbeiten muß und ihm durch seine geistige Kombinationsfähigkeit die körperliche Arbeit zum Teil erspart wird, also wenn er beides zusammen tut, was ja eigentlich der reale Fall immer ist. Aber dieser reale Fall, der nähert sich eben einmal mehr der ersten Formel: w = n * a, und einmal mehr der zweiten Formel: w = g - a. Es wäre das, was in der zweiten Formel ist, eigentlich im Grunde genommen ja nur erfüllt, wenn irgend jemand unter die Konsumenten gehen würde, der bloß durch Geistiges sich Arbeit ersparen würde. Das könnte aber nur sein jemand, der in erwachsenem Zustand auf der Erde geboren würde.
194 Nun sehen Sie daraus, daß es schon möglich ist, auch von diesem Gesichtspunkt der Bewertung des Naturhaften auf der einen Seite und des Geisthaften auf der anderen Seite in den volkswirtschaftlichen Prozeß hineinzuschauen. Und wir bekommen dann daraus die Möglichkeit, uns zu sagen: Da, wo Positives und Negatives ineinanderwirken, da muß irgendein mittlerer Zustand herauskommen. Es kann das Positive überwiegen und es kann das Negative überwiegen. Nun nehmen wir einmal das Überwiegen des Positiven an. In dem Fall bei der Dorfwirtschaft wird nun ganz gewiß das Positive überwiegen; denn es wird ganz gewiß für mehr als für die allernotdürftigste Geistesarbeit in dieser Wirtschaft ja nicht ein ausgiebiges Interesse sein; aber je weiter sich das Leben kompliziert, oder - wie man auch auf sentimentale Art sich ausdrückt - je weiter die Kultur fortschreitet, desto höher wird ja im allgemeinen, wie Sie empirisch wissen, das geistige Leisten bewertet. Das heißt, um so mehr wird Arbeit erspart, um so mehr also wirkt ein Negatives entgegen dem Positiven. Bedenken Sie, daß man damit, indem man die Sachen so charakterisiert, in der Tat einen realen Prozeß ergreift. Hier handelt es sich ja nicht darum, daß körperliche Arbeit auf der einen Seite aufgewendet und auf der andern etwa vernichtet wird - das würde ja keinen realen Prozeß im volkswirtschaftlichen Sinne bedeuten, sondern höchstens einen Naturprozeß bedeuten können -, sondern hier handelt es sich darum, daß alle körperliche Arbeit, die verrichtet wird, eben durchaus wertebildend auftritt, daß von ihr nichts vernichtet wird, daß dasjenige, was entgegenwirkt, die Arbeitsersparung, daß diese nur zahlenmäßig entgegenwirkt, also den Wert der körperlichen Arbeit lediglich zahlenmäßig beeinflußt. Aber indem es zahlenmäßig beeinflußt, kommen wir überhaupt dazu, eine Möglichkeit zu haben, dasjenige, was da eigentlich geschieht, irgendwie auch real auszudrücken. Es sind also tätig die körperlichen Arbeiter, sind tätig die geistigen Menschen, und in demjenigen, was geleistet wird, handelt es sich einmal um positiv aufgewendete Arbeit, das andere Mal um eine solche Arbeit, die eigentlich eine Arbeitsersparnis bedeutet. Dadurch wird erst die endgültige Bewertung hervorgerufen.
Also ich möchte sagen: Es wird dadurch die Benanntheit der
195 Sachen gewonnen und das Erfassen im Zahlenmäßigen eben erst möglich gemacht, dadurch, daß dieselbe Sache von zwei Seiten herkommt und nur die Bewertung verändert wird. Wenn also, wie gesagt, die Kultur fortschreitet, dann gewinnt die geistige Betätigung immer mehr und mehr an Bedeutung. Das aber bewirkt, daß die körperliche Arbeit von da ab mit einer geringeren Kraft in die Bewertung hineinwirkt. Also körperliche Kraft wird aufgewendet, muß sogar auch im Fortschreiten immer mehr aufgewendet werden. Es muß ja mit fortschreitender Kultur auch die Bodenkultur fruchtbarer gemacht werden. Es muß da mehr gearbeitet werden im positiven Sinn. Aber die Kraft des Bewertens, die wird eigentlich der körperlichen Arbeit genommen, kann ihr aber nur genommen werden, wenn von dem Verrichter dieser körperlichen Arbeit immer mehr und mehr das Bedürfnis aufgebracht wird nach demjenigen, was geistig zu leisten ist. So daß hier wiederum durchaus ein Menschliches hineinspielt in die Volkswirtschaft. Sie können das Menschliche, das da hineinspielt, gar nicht umgehen; aber dieses Menschliche, das da hineinspielt, das ist etwas, was mit dem fortschreitenden Geistesleben auch wiederum als eine objektive Notwendigkeit heraufkommt.
Es ist ja richtig, daß zunächst, wenn im Dorfe nur der Pfarrer und der Lehrer sein werden, daß dann nicht viel Geistesleben sein wird; aber nehmen wir an, es sind zwei Dörfer: in dem einen Dorf, da sind Pfarrer und Lehrer recht mäßige Menschen. Nun, da wird es so fortgehen, wie es ist. In dem anderen Dorfe ist der Pfarrer oder der Lehrer oder sind beide ausgezeichnete Leute. Die werden allerlei geistige Interessen erregen können in der nächsten Generation, und es liegt vielleicht sogar in ihrer Hand, für die nächste Generation irgendeine geistig produzierende Persönlichkeit noch als dritte in ihrem Bund im Dorfe ansässig zu machen. Das Geistige hat durchaus in dieser Beziehung eine sich auswirkende Kraft, die nun wiederum in die Volkswirtschaft hineinwirkt. Aber was bedeutet denn der ganze Prozeß? Der ganze Prozeß bedeutet ja im Grunde genommen eben nichts anderes als: Es wird dasjenige, was im rein materiellen volkswirtschaftlichen Wirken als Arbeit, also als wertebildende Kraft in der Arbeit, geradezu einen unendlich großen Wert hat, das wird immer
196 mehr und mehr von demjenigen, was ihm entgegenkommt - entwertet kann ich nicht sagen, aber es wird immer mehr und mehr zahlenmäßig auf ein Geringeres heruntergeführt, so daß in dem Zusammenwirken zwischen alldem, was Bearbeitung des Bodenmäßigen ist, und demjenigen, was von der geistigen Seite her geschieht, daß in diesem Zusammenwirken etwas liegt, was sich in einem gewissen Sinne volkswirtschaftlich gegenseitig kompensiert. Und eine gewisse Kompensation wird einzig und allein das Richtige sein.
Nun treten ja auch da wiederum recht komplizierte Verhältnisse auf; denn es kann sich durchaus herausstellen, daß irgendwo zu viele geistig Produzierende sind, das heißt, daß eben eine zu starke arbeitersparende Kraft entgegenwirkt. Dann bekommen wir einen negativen Wert heraus, dann können die Leute alle zusammen nicht leben, wenn sie sich nicht gegenseitig aufzehren. So daß wir darin, in dieser Kompensation, die da vorhanden ist, eine gewisse Grenze haben. Diese Grenze ist aber darinnen gegeben, daß für ein jedes volkswirtschaftliche Gebiet einfach ein durch die Natur der Sache gegebenes Bilanzverhältnis besteht zwischen der Bodenproduktion auf der einen Seite und der geistigen Produktion auf der anderen Seite.
Und ehe nicht dies in der Volkswirtschaftslehre berücksichtigt wird, wie sich verhält die Bodenproduktion, im weitesten Sinn natürlich, zu der geistigen Produktion, ehe nicht dieses Problem, das ja fast gar nicht in Angriff genommen ist, ganz ernsthaft in Angriff genommen wird, eher können wir eine den heutigen Notwendigkeiten entsprechende Volkswirtschaftslehre überhaupt nicht bekommen.
Da ist schon notwendig, daß nun vor allen Dingen solche Arbeiten gemacht werden, welche aus Daten heraus arbeiten, aus denen man sich überzeugen kann, in welcher Weise, ohne daß Unredlichkeit und Agitation dabei wirkt, sagen wir, irgendein Gebiet dadurch in volkswirtschaftliche Ungesundheit hineinkommt, daß zu viele geistig Tätige vorhanden sind. Und welche Kraft des sich Weiterkultivierens ein solches Gebiet hat, in dem diese Grenze, von der ich eben gesprochen habe, noch nicht erreicht ist. Denn nur so lange ist Fortschritt möglich auf einem bestimmten Gebiete, als diese Grenze, die durch die Kompensation gegeben ist, noch nicht erreicht ist. Da wird es sich darum
197 handeln, daß zunächst aufgesucht werden die Elemente, die heute noch vorhanden sind von geschlossenen Wirtschaften - Teile sind ja überall vorhanden, wir gehen langsam in die Weltwirtschaft hinein -, daß die Elemente aufgesucht werden, wo noch geschlossene Wirtschaften für irgendein Gebiet da sind, und daß gewissermaßen der gesamte Wohlstand untersucht werde für die Gebiete, wo verhältnismäßig wenig Dichter und Maler und schlaue Industrielle und so weiter leben und sehr viel Landwirtschaft oder anderes mit dem Boden Zusammenhängendes noch ist, und daß andere Gebiete untersucht werden, in denen das Umgekehrte der Fall ist. So müssen wir da empirisch herausarbeiten aus dem, was uns erreichbar ist, gewisse Gesetzmäßigkeiten, die sich ergeben für eine theoretische Herausarbeitung einer Bilanz zwischen Landwirtschaft, Landbearbeitung im weiteren Sinn und geistiger Wirksamkeit im anderen Sinn. Das wird tatsächlich notwendig sein, daß man einmal einfach für irgendein Gebiet sich so die mittleren Geistesarbeiter herausnimmt, die nicht gerade die ganze Bilanz fälschen, und auf der anderen Seite auch die mittleren physischen Arbeiter herausnimmt, und daß man die Dinge bilanziert, um herauszubekommen, wie das eine kompensierend auf das andere wirkt.
Hier liegt nämlich ein Punkt, der von einer ganz großen Wichtigkeit ist für denjenigen, der heute irgendwie etwas beitragen will zu einer Weiterführung der Volkswirtschaftslehre; denn es ist schon tatsächlich so, daß dieses Problem, das allem Nachdenken über Preis und Wert zugrunde liegen muß, kaum heute irgendwie richtig gesehen wird.
Zu einigen von Ihnen habe ich schon gestern gesagt: Die Leute im volkswirtschaftlichen Denken lassen sich immer dazu verführen, partiell zu denken, nicht total zu denken. - Spengler hat ganz gewiß im zweiten Band seines «Untergangs des Abendlandes» ganz ausgezeichnete volkswirtschaftliche Apergus am Schlüsse; aber der Mann verdirbt sich seine glänzenden Apercus dadurch, daß er nicht dazu kommen kann, dasjenige, was er geschichtlich bis zu einem gewissen Grade überblickt, ins gegenwärtige Volkswirtschaftliche umzudenken. Er weist in außerordentlich gutem Sinne hin darauf, wie in der antiken Wirtschaft noch überwiegend war jenes Wirtschaften, das aus dem
198 Boden heraus kommt, und wie heute überwiegend ist das Wirtschaften, das in einem Denken in Geld besteht, das also eigentlich geistige Arbeit ist; aber er sieht nicht, daß das, was er geschichtlich feststellt, zwei Stadien des Wirtschaftens sind, die auch heute noch nebeneinander stehen, die nicht geschichtlich einander, das eine das andere, abgelöst haben, die noch heute nebeneinander stehen, so wie heute im Fortgeschrittensten das Primitive drinnen ist. Wir finden draußen frei, nicht wahr, die Amöben, die einfach herumkriechen, und wir finden diese selben in unserem eigenen Blut in den weißen Blutkörperchen. Dasjenige, was geschichtlich auch in der Natur vorhanden ist, steht heute nebeneinander - so auch in der Volkswirtschaft. Die verschiedensten Verhältnisse stehen nebeneinander. Manchmal ist es sogar so, daß in bezug auf dasjenige, was in einer, sagen wir, kultivierten Wirtschaft ist, gerade das Höchstkultivierte zurückkehrt zum Primitivsten, so daß man tatsächlich sagen kann: Werte, die dadurch geschaffen werden, daß man in einer Hochkultur lebt, die kehren in einer gewissen Weise zum Tauschhandel zurück, indem gewissermaßen diejenigen, die da sich ihre Arbeitsersparnisse schaffen, sich diese Arbeitsersparnisse tatsächlich gegenseitig unter Umständen austauschen, um untereinander einem gewissen Bedürfnis zu entsprechen. - Das kommt durchaus vor, so daß wir oftmals auf der höchstentwickelten Stufe gerade für das Höchste die primitivsten Verrichtungen wiederum finden.
Das wollte ich heute einfügen, damit ich Ihnen morgen noch wenigstens einen notdürftigen Abschluß geben kann.




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