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NATIONALÖKONOMISCHER KURS, ERSTER VORTRAG, Dornach, 24. Juli 1922

NATIONALÖKONOMISCHER KURS, ERSTER VORTRAG, Dornach, 24. Juli 1922

Die Nationalökonomie ist entstanden, als das moderne Wirtschaftsleben schon sehr kompliziert war. Drei Perioden desselben. Im ersten Drittel des 19. Jh. in England instinktive Handelsverhältnisse, im zweiten Drittel in Deutschland bewußt gestaltete Industriewirtschaft, im dritten Drittel staatliche Periode. - Gegensatz von England und Deutschland. Dreigliederung die Lösung. - Methode der Nationalökonomie: ponderable und imponderable Begriffe. Das Wirtschaftsleben zwischen Natur und Kapital. Ideen der Volkswirtschaft müssen lebendig sein. Eingriff der Staatsgrenzen in das Wirtschaftsleben. Die Erde als Wirtschaftsorganismus bzw. sozialer Organismus.

Seite Text
9 Zunächst möchte ich heute mit einer Art Einleitung beginnen und dann morgen übergehen zu demjenigen, was in gewisser Beziehung ein Ganzes ergeben soll über nationalökonomische, über sozialökonomische Fragen, die sich in der Gegenwart der Mensch stellen muß.
Die Nationalökonomie, wie man nun einmal in der Gegenwart von ihr spricht, sie ist eigentlich erst eine neuere Schöpfung. Sie ist entstanden im Grunde genommen erst in der Zeit, als das wirtschaftliche Leben der neueren Völker außerordentlich kompliziert geworden ist gegenüber früheren wirtschaftlichen Verhältnissen. Und da wir hier diesen Kursus so gestalten wollen, wie er hauptsächlich für den Studenten der Nationalökonomie eben gestaltet werden soll, so muß ja einleitend gerade auch auf diese besondere Eigentümlichkeit des nationalökonomischen Denkens von heute hingewiesen werden.
Wir brauchen uns ja schließlich gar nicht einmal sehr weit in der Geschichte zurückzubegeben, so werden wir schon sehen, wie das wirtschaftliche Leben auch, sagen wir, nur während des 19. Jahrhunderts selbst sich verändert hat gegenüber früheren Verhältnissen. Beachten Sie nur einmal die eine Tatsache, daß in gewissem Sinn zum Beispiel England im wesentlichen wirtschaftlich neuzeitlich gestaltet war schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, so daß eigentlich verhältnismäßig wenig in der wirtschaftlichen Struktur in England sich radikal verändert hat im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die großen Fragen, die sich in der neueren Zeit in sozialer Hinsicht an die wirtschaftlichen Fragen anschließen, waren in England schon da in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts, und schon damals konnten diejenigen Menschen, welche darauf ausgingen, im modernen Sinn das Sozialökonomische zu denken, ihre Studien in England machen, während solche Studien dazumal noch, sagen wir, in Deutschland hätten unfruchtbar bleiben müssen. In England hatten sich vor allen Dingen die großen Handels Verhältnisse bereits herausgebildet bis in das erste Drittel des 19.Jahrhunderts, und es war innerhalb der englischen
10 Volkswirtschaft durch diese Herausbildung der Struktur des Handelswesens geschaffen eine Grundlage in dem Handelskapital. Man hatte in England nicht notwendig, für die neuere Wirtschaft an einen anderen Ausgangspunkt anzuknüpfen als an das, was sich als Handelskapital ergeben hatte aus den konsolidierten Handels Verhältnissen, die eben schon bestanden, sogar schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. An diese Zeit anknüpfend, hat sich dann für England alles mit einer gewissen Folgerichtigkeit ergeben. Nur dürfen wir nicht vergessen, daß die ganze englische Wirtschaft nur möglich war auf der Grundlage, die sich aus dem Verhältnis Englands zu den Kolonien ergeben hatte, namentlich zu Indien. Die ganze englische Volkswirtschaft ist nicht denkbar ohne das Verhältnis Englands zu Indien. Das heißt aber mit anderen Worten: Diese englische Volkswirtschaft mit ihrer Möglichkeit, große Kapitalien herauszubilden, ist aufgebaut darauf, daß ein gewissermaßen wirtschaftlich jungfräuliches Land im Hintergrund Hegt. Das dürfen wir nicht übersehen, namentlich nicht, wenn wir jetzt herübersehen von der englischen Volkswirtschaft in die deutsche herein.
Verfolgen Sie diese, so werden Sie sehen, daß sie zum Beispiel im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts noch wesentlich so ist, daß sie entspricht den wirtschaftlichen Gewohnheiten, die sich noch aus dem Mittelalter heraus ergeben haben. Die wirtschaftlichen Gewohnheiten und wirtschaftlichen Zusammenhänge sind innerhalb Deutschlands im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts durchaus alte. Damit war das ganze Tempo des wirtschaftlichen Lebens in Deutschland ein anderes als zum Beispiel in England im ersten Drittel, ja in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In England spielte sich dasjenige schon ab in dieser ersten Jahrhunderthälfte, was man nennen kann das Rechnen mit rasch wechselnden Lebensgewohnheiten. Es bleibt der allgemeine Zug des wirtschaftlichen Lebens im wesentlichen derselbe, aber er ist schon berechnet auf rasch wechselnde Gewohnheiten. In Deutschland sind diese selber noch konservativ. Das wirtschaftliche Leben kann noch einen Schneckengang gehen, kann noch angepaßt sein demUmstand, daß die Verhältnisse in technischer Beziehung durch lange Zeit hindurch ungefähr gleich bleiben, daß auch die Bedürfnisse sich nicht rasch ändern.
11 Darin ist aber ein Umschwung eingetreten im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Da entwickelte sich rasch heraus eine Anähnlichung an die englischen Verhältnisse unter der Ausbildung des industriellen Wesens. Deutschland war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im wesentlichen ein Agrarland, es wurde aber rasch umgewandelt in ein Industrieland, viel rascher umgewandelt als irgendein anderes Gebiet der Erde.
Aber das war mit etwas anderem noch verknüpft. Man möchte sagen: In England hat sich der Übergang zu einer industriellen Auffassung der Volkswirtschaft instinktiv herausgebildet; man wußte eigentlich gar nicht wie. Er ist gekommen wie ein Naturereignis. In Deutschland war zwar das Mittelalterliche im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts vorhanden - Deutschland war ein Agrarstaat; aber während die äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse in der Weise verliefen, daß man sie fast noch mittelalterlich nennen könnte, hat sich das menschliche Denken gründlich geändert. Ins Bewußtsein der Menschen ist eingezogen, daß da etwas anderes kommen muß, daß das eigentlich nicht mehr zeitgemäß ist, was vorhanden ist; und so hat sich das, was sich als Umbildung der wirtschaftlichen Verhältnisse im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland ergeben hat, viel bewußter vollzogen als in England. Die Leute haben viel mehr gewußt in Deutschland - in England wußte man es gar nicht -, wie man hineingekommen ist in den modernen Kapitalismus. Würden Sie heute das, was man dazumal, ich möchte sagen, auseinandergesetzt hat, gesprochen hat über das Hineingehen in den Industrialismus, würden Sie das lesen, so würden Sie die Vorstellung bekommen: Ja, es ist merkwürdig, wie da die Leute in Deutschland gedacht haben. - Die Leute haben es geradezu als eine volle Menschenbefreiung angesehen - man hat das Liberalismus genannt, Demokratie genannt -, die Leute haben das geradezu angesehen wie das Heil der Menschheit, nun herauszukommen aus alten Bindungen, aus dem alten Korporationswesen, und zu der völlig freien Stellung - wie man es nannte - des Menschen im wirtschaftlichen Leben überzugehen. Wir erblicken deshalb in England niemals eine Theorie über die Volkswirtschaft, wie sie etwa ausgebildet haben Leute, die ihre Bildung aus der Hochblüte
12 dieser Zeit gezogen haben, die ich charakterisiert habe. Schmoller, Röscher und andere haben ihre Ansichten gezogen aus der Hochblüte dieser liberalistischen Volkswirtschaft. Mit vollem Bewußtsein haben sie aufgebaut, was durchaus in diesem Sinne aufgebaut war. Solch eine Volkswirtschaftslehre würde der Engländer fade gefunden haben. Man denkt doch über solche Dinge nicht nach, würde er gesagt haben. Daher betrachten Sie nur den radikalen Unterschied, wenn man in England - ich will bloß nehmen selbst solche Leute, die schon theoretisch genug waren, wie Beaconsfield-, wenn sie gesprochen haben über solche Fragen, oder wenn in Deutschland gesprochen haben Richter, Lasker oder selbst Brentano. In Deutschland also ist man mit Bewußtsein in diese zweite Periode eingezogen.
Dann kam die dritte Periode, die eigentliche staatliche Periode. Nicht wahr, als das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts heranrückte, da konsolidierte sich der deutsche Staat im Grunde genommen durch reine Machtmittel. Es konsolidierte sich nicht dasjenige, was die Idealisten von den achtundvierziger oder auch schon von den dreißiger Jahren an wollten, sondern da konsolidierte sich der Staat durch reine Machtmittel. Dieser Staat nahm auch nach und nach mit vollem Bewußtsein das wirtschaftliche Leben für sich in Anspruch, so daß das wirtschaftliche Leben in seiner Struktur ganz durchsetzt wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von dem entgegengesetzten Prinzip als früher. Im zweiten Drittel hatte es sich entwickelt unter den liberalistischen Anschauungen, jetzt entwickelte es sich ganz unter den Anschauungen des Staatsprinzips. Das gab dem Wirtschaftsleben in Deutschland seine Gesamtsignatur; und zwar waren Bewußtseinselemente in dieser ganzen Entwickelung drinnen. Und das Ganze war doch wiederum unbewußt.
Das Wichtigste war nun, daß ja dadurch, nicht etwa bloß im Denken, sondern im ganzen Wirtschaften selber, ein radikaler Gegensatz geschaffen war zwischen dem, was englische Wirtschaft war, und dem, was nun mitteleuropäische Wirtschaft war. Ja, aber auf diesem Gegensatz beruhte es, wie man miteinander wirtschaftete. Die ganze Wirtschaft des 19.Jahrhunderts, wie sie sich entwickelte ins 20. Jahrhundert, wäre nicht denkbar gewesen ohne diesen Gegensatz des
13 Westens und der europäischen Mitte: daß man so, wie man verkaufte, verkaufte, so, wie man Waren anbrachte, sie anbrachte, wie man sie fabrizierte, sie fabrizierte.
Und so hat sich allmählich herausgebildet die Möglichkeit der englischen Wirtschaft auf Grundlage des Besitzes von Indien, und jetzt die Möglichkeit der Erweiterung des Wirtschaftens auf Grundlage des Gegensatzes zwischen westlicher und mitteleuropäischer Wirtschaft. Das Wirtschaftsleben beruht ja nicht auf demjenigen, was man so sieht in seiner allernächsten Umgebung, sondern auf den großen gegenseitigen Verhältnissen in der Welt draußen.
Mit diesem Gegensatz nun trat eben die Welt überhaupt in die Weltwirtschaft dann ein und - konnte in die Weltwirtschaft nicht hinein. Denn sie beruhte eigentlich auf den instinktiven Elementen, die sich heraufentwickelt hatten und die ich eben angedeutet habe mit dem Gegensatz zwischen England und Mitteleuropa. Im 20. Jahrhundert stand man eigentlich - ohne daß die Welt es wußte, sie bemerkte nichts davon - davor, daß dieser Gegensatz immer aktueller und aktueller, immer tiefer und tiefer wurde. Der Gegensatz wurde immer aktueller und aktueller, immer tiefer und tiefer, und man stand vor der großen Frager Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind aus diesen Gegensätzen heraus entwickelt, sie tragen diese Gegensätze immer mehr und mehr in die Zukunft hinein; aber zu gleicher Zeit, wenn die Gegensätze immer größer und größer wurden, konnte man nicht miteinander wirtschaften. Das war die große Frage des 20. Jahrhunderts - der Gegensatz hatte die Wirtschaft geschaffen, die Wirtschaft hatte den Gegensatz vergrößert, der Gegensatz bedurfte einer Lösung -, die Frage war dann: Wie löst man die Gegensätze? - Nun, die geschichtliche Entwickelung hat gezeigt, daß die Menschen nicht imstande waren, die Frage zu lösen.
So wie ich jetzt gesprochen habe, hätte man sprechen können 1914 im Frieden. Dann ist statt einer Lösung gekommen das Ergebnis der Unfähigkeit, eine welthistorische Lösung zu finden. Das ist die Krankheit, die da eintrat, wenn man die Sache von der wirtschaftlichen Seite anschaut.
Nun, auf Gegensätzen beruht im Grunde genommen die Möglichkeit
14 aller Entwickelung. Ich will nur einen solchen Gegensatz nennen: Dadurch, daß die englische Wirtschaft in viel früherer Zeit konsolidiert worden war als die mitteleuropäische, waren die Engländer nicht fähig, für gewisse Waren so billige Preise zu machen, wie das in Deutschland der Fall war, so daß der große Gegensatz der Konkurrenz entstand; denn das « Made in Germany » war eine Frage der Konkurrenz. Und als dann der Krieg vorbei war, da konnte die Frage entstehen : Ja, wie kann man jetzt, nachdem sich die Menschen zunächst die Köpfe eingeschlagen hatten, statt nach einer Lösung der Gegensätze zu suchen, wie kann man jetzt mit den Dingen fertig werden? Da mußte ich glauben, daß die Menschen zunächst gefunden werden müßten, die nun das verstehen sollten, was auf einem anderen Gebiet als Gegensätze geschaffen werden muß; denn das Leben beruht auf Gegensätzen und kann nur existieren, wenn Gegensätze da sind, die miteinander spielen. Und so konnte man 1919 darauf kommen, zu sagen: Also weise man auf die Gegensätze hin, nach denen eigentlich die welthistorische Entwickelung tendiert, auf die Gegensätze des Wirtschaftlichen, Rechtlich-Politischen und Geistig-Kulturellen, auf die Gegensätze der Dreigliederung.
Was war im Grunde genommen das Richtige an der Sache, daß man damals dachte, man müsse die Dreigliederung in möglichst viele Köpfe hineinbringen? Ich will heute nur äußerlich charakterisieren: das Wichtigste war, daß man zunächst die Dreigliederung in möglichst viele Köpfe hineingebracht hätte, bevor die wirtschaftlichen Folgen aufgetreten sind, die seither eingetreten sind. Sie müssen bedenken : als die Dreigliederung zuerst genannt worden ist, standen wir noch nicht vor den Valutaschwierigkeiten von heute; im Gegenteil, wäre damals die Dreigliederung verstanden worden, so hätten sie nie kommen können. Aber wiederum stand man vor der Unmöglichkeit, daß die Menschen so etwas in wirklich praktischem Sinn verstanden. Man versuchte damals, die Dreigliederung verständlich zu machen, und dann fragten einen die Leute: Ja, das wäre alles schön, wir sehen es auch ein; aber das erste ist ja doch, daß wir dem Niedergang der Valuta entgegenarbeiten. - Ja man konnte den Leuten nur sagen: Das steckt ja in der Dreigliederung! Bequemt euch zu der Dreigliederung,
15 sie ist das einzige Mittel, um gegen den Valutaniedergang zu arbeiten! - Die Leute fragten gerade, wie man das macht, was doch gerade die Dreigliederung hätte treffen sollen. Sie verstanden also die Dreigliederung nicht, wenn sie das auch immer behaupteten.
Und so liegt heute die Sache so, daß man sagen muß: Spricht man heute wiederum zu Persönlichkeiten, wie Sie es sind, so kann man nicht mehr in denselben Formen sprechen wie dazumal, sondern heute ist eine andere Sprache notwendig. Und das ist das, was ich Ihnen jetzt in diesen Vorträgen hier geben möchte. Ich möchte Ihnen zeigen, wie man heute nun wiederum über die Fragen zu denken hat, namentlich, wenn man jung ist und man noch mitwirken kann an dem, was sich einmal in den nächsten Zeiten gestalten muß.
So kann man auf der einen Seite eine Zeit charakterisieren, das 19. Jahrhundert, in weltgeschichtlichen, wirtschaftlichen Gegensätzen. Man könnte aber auch weiter zurückgehen und man umfaßt dann die Zeit, in der die Menschen angefangen haben über Nationalökonomie zu denken. Sie können, wenn Sie die Geschichte der Nationalökonomie nehmen, sehen: früher ging alles instinktiv. Eigentlich kommt erst in der neueren Zeit jene Kompliziertheit des Wirtschaftslebens herauf, in der man es für notwendig fühlt, über die Dinge zu denken.
Nun spreche ich eben eigentlich für Studenten, spreche eigentlich so, wie Studenten sich hineinfinden sollen in die Nationalökonomie. Deshalb möchte ich jetzt das Wesentlichste, worauf es heute ankommt, sagen. Die Zeit, in der man über Nationalökonomie nachdenken sollte, war schon die Zeit, wo man nicht mehr die Gedanken hatte, um solch ein Gebiet zu umfassen, wie das volkswirtschaftliche Gebiet es ist. Man hatte einfach nicht mehr die Ideen dazu. Ich will Ihnen durch Heranziehen eines Beispieles aus der Naturwissenschaft zeigen, daß das so ist.
Die Sache ist so: Wir haben als Menschen unseren physischen Leib, der schwer ist, wie andere physische Körper schwer sind. Er wird schwerer nach einem Mittagsmahl sein, als er vor einem Mittagsmahl ist. Man könnte ihn sogar abwiegen. Das heißt, wir nehmen an der allgemeinen Schwere teil. Aber mit dieser Schwere, die die Eigenschaft
16 alles ponderablen Stofflichen ist, könnten wir im menschlichen Leibe nicht viel anfangen; wir könnten höchstens als Automaten in der Welt herumgehen, nicht aber als bewußte Wesen. Ich habe es schon öfter gesagt, was man braucht, um sich Begriffe zu bilden, die einen Wert haben, habe öfter gesagt, was notwendig ist für den Menschen zum Denken. Das menschliche Gehirn ist ungefähr 1400 Gramm schwer, wenn man es für sich wiegt. Wenn Sie diese 1400 Gramm auf die Adern drücken lassen, die da an der Schädeldecke unten sind, dann quetscht es diese tot. Sie könnten keinen Augenblick leben, wenn das menschliche Gehirn so wäre, daß es mit seinen ganzen 1400 Gramm daraufdrückte.

Tafel 11)

Es ist schon ein Glück für den Menschen, daß das archimedische Prinzip besteht, daß jeder Körper im Wasser so viel an Gewicht verliert, als das Gewicht der Flüssigkeit beträgt, die er verdrängt. Wenn Sie also im Wasser einen schweren Körper haben, so verliert dieser ebensoviel von seinem Gewicht, als ein gleich großer Wasserkörper schwer ist. Das Gehirn schwimmt im Gehirnwasser und verliert dabei 1380 Gramm; denn so viel ist das Gewicht des Wasserkörpers, der gleich groß ist wie das menschliche Gehirn. Das Gehirn drückt nur mit 20 Gramm auf die Grundlage, und das kann diese Grundlage ertragen. Aber wenn wir uns jetzt fragen: Wozu ist denn das? - dann müssen wir sagen: Mit einem Gehirn, das bloß ponderable Masse ist, könnten wir nicht denken. Wir denken nicht mit dem, was schwerer Stoff ist, sondern wir denken mit dem Auftrieb. Der Stoff muß erst seine Schwere verlieren, dann können wir denken. Wir denken mit dem, was wegfliegt von der Erde.
Wir sind uns aber im ganzen Körper bewußt. Wodurch werden wir uns denn in unserem ganzen Körper bewußt? In unserem ganzen Körper sind fünfundzwanzig Billionen roter Blutkörperchen. Diese fünfundzwanzig Billionen roter Blutkörperchen sind sehr klein; sie sind aber doch schwer, sind dadurch schwer, daß sie Eisen enthalten. Jedes dieser fünfundzwanzig Billionen roter Blutkörperchen schwimmt, schwimmt im Blutserum und verliert so viel an Gewicht, als es verdrängt an Flüssigkeit. So daß wiederum in jedem einzelnen Blutkörperchen ein Auftrieb erzeugt wird, fünfundzwanzig Billionen Mal also erzeugt wird. In unserem ganzen Körper sind wir bewußt durch

17 das, was heraufstößt. So daß wir sagen können: Wenn wir Nahrungsmittel zu uns nehmen, so müssen diese zuerst zum großen Teil entschwert werden, umgewandelt werden, damit sie uns dienen können. Das ist die Anforderung des Organismus.
So zu denken und das als etwas Maßgebendes anzusehen, hat man verlernt in der Zeit, wo es notwendig geworden ist, nationalökonomisch zu denken. Von da ab rechnete man nur mit den ponderablen Stoffen, dachte man nicht daran, welche Umwandlung zum Beispiel in einem Organismus ein Stoff hinsichtlich seiner Schwere erfährt, indem er einen Auftrieb hat.
Aber noch etwas anderes. Wenn Sie sich an Ihre physikalischen Studien heute noch erinnern, so werden Sie ja wissen, man redet in der Physik vom Spektrum. Man erzeugt durch das Prisma dieses Farbenband: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Indigo, Violett. So weit, vom Roten bis zum Violetten, erscheint das Spektrum beleuchtet.

Tafel 1

Sie wissen aber, daß angenommen werden vor dem Gebiet, das Lichtwirkungen hat, die sogenannten ultraroten Strahlen und jenseits des Violetten die ultravioletten Strahlen. Wenn also einer bloß vom Licht redet, so umfaßt er nicht das Ganze dieser Erscheinung; er muß davon reden, wie das Licht nach zwei Seiten hin polarisch umgeändert wird; er muß davon reden, daß außerhalb des Rot das Licht in die Wärme hinein versinkt und außerhalb des Violett in die chemischen Wirkungen und eigentlich verschwindet als Licht. Wenn also einer eine bloße Lichtlehre gibt, so gibt er einen bloßen Ausschnitt; wir geben aber noch dazu eine falsche Lichtlehre. In derselben Zeit, in der man hätte anfangen sollen, über Nationalökonomie zu denken, war die Physik, das physikalische Denken in einem solchen Zustand, daß eine falsche Lichtlehre herausgekommen ist.
Dieses habe ich Ihnen angeführt aus dem Grunde, weil hier eine gültige Analogie besteht. Bitte, betrachten Sie die - nun nicht Volkswirtschaft, sondern die Spatzen wir tschaft oder Schwalbenwirtschaft! Das ist ja auch eine Art von Wirtschaft; aber diese Wirtschaft im Tierreich, die reicht nicht weit in das Menschenreich herauf. Beim Hamster können wir ja sogar von einem Tierkapitalismus reden. Das Wesentliche der Tierwirtschaft besteht darin, daß die Natur die Produkte darbietet

18 und sich das Tier als Einzelwesen diese nimmt. Der Mensch ragt schon noch hinein in diese tierische Wirtschaft, aber er muß heraus aus ihr.
Diejenige Wirtschaft, von der man zunächst eigentlich als einer menschlichen Wirtschaft reden kann, ist zu vergleichen mit dem, was im Spektrum als Licht sichtbar ist, während wir das, was noch in die Natur hineinragt, vergleichen müssen mit dem, was ins Ultrarote hineinragt. Da ragen wir hinein zum Beispiel in das Gebiet der Landwirtschaft, ragen hinein in das Gebiet der wirtschaftlichen Geographie und so weiter. Die Wirtschaftslehre können wir nach dieser Richtung nicht fest begrenzen. Die Wirtschaftslehre ragt hinein in ein Gebiet, das auf ganz andere Weise erfaßt werden muß. Das auf der einen Seite.
Auf der andern Seite aber ist man gerade unter unseren komplizierteren Wirtschaftsverhältnissen allmählich dazu gekommen, daß eigentlich wiederum das wirtschaftliche Denken dem Menschen entfällt. Geradeso wie das Licht aufhört, gegen das Ultraviolette hinein als Licht zu erscheinen, so hört das menschliche Wirken im Wirtschaften auf, rein wirtschaftlich zu sein. Ich habe das öfters charakterisiert, wie sich das zugetragen hat. Diese Erscheinung beginnt eigentlich erst im 19. Jahrhundert. Bis dorthin ist das Wirtschaftsleben noch ziemlich abhängig von der einzelnen menschlichen Tüchtigkeit. Eine Bank gedieh, wenn ein einzelner an der Bank tüchtig war. Die einzelnen bedeuteten noch etwas. Ich habe öfters das niedliche Beispiel erzählt, wie einmal zu Rothschild gekommen ist ein abgesandter Minister des Königs von Frankreich. Er wollte dort einen Pump anlegen. Rothschild verhandelte gerade mit einem Lederhändler und sagte, als ihm gemeldet wurde der Abgesandte des Königs von Frankreich: Nun, er solle ein bißchen warten. - Nun war der Mann furchtbar bedrückt. Er solle warten, drinnen ist ein Lederhändler! Als der Diener herauskam und das sagte, glaubte er es ihm gar nicht. Ja, sagen Sie drinnen dem Herrn Rothschild, daß ich als Abgesandter des Königs von Frankreich komme! - Der Diener brachte die Antwort: Ja, Sie sollen warten. - Da springt er hinein und sagt: Ich bin der Abgesandte des Königs von Frankreich. - Rothschild antwortet: Bitte, setzen Sie sich, nehmen Sie
19 sich einen Stuhl! - Ja, ich bin der Abgesandte des Königs von Frankreich! - Bitte, nehmen Sie sich zwei Stühle!
Ja, es war das, was damals geschah im Wirtschaftsleben, bewußt in die menschliche Persönlichkeit gestellt. Aber es ist anders geworden. Es ist so geworden, daß heute von der einzelnen Persönlichkeit im Großen des Wirtschaftslebens ungemein wenig abhängt. Das menschliche wirtschaftliche Wirken ist schon sehr stark hineingegangen in dieses, was ich vergleichen möchte mit dem Ultraviolett. Und das ist dasjenige, was als Kapital als solches arbeitet. Die Kapitalmassen arbeiten als solche. Es liegt über dem wirtschaftlichen ein ultrawirtschaftliches Leben, was im wesentlichen bedingt ist von der Eigenkraft der Kapitalmassen, so daß wir sagen müssen: Wollen wir heute wirklich das wirtschaftliche Leben begreifen, so müssen wir es so ansehen, daß es in der Mitte liegt zwischen zwei Gebieten, wovon das eine in die Natur hinunter und das andere in das Kapital hinauf führt. Und dazwischen liegt das, was wir als das eigentliche wirtschaftliche Leben zu erfassen haben.
Aber daraus geht ja hervor, daß man nicht einmal den Begriff hatte, um die Wirtschaftslehre selbst richtig einzugrenzen, richtig hineinzustellen in das gesamte Wissen. Denn wir werden es sehen: kurioserweise ist nur dieses Gebiet, was noch nicht in das Wirtschaften eigentlich hineingeht, was sich mit dem Ultraroten vergleichen läßt, nur dieses ist mit dem menschlichen Verstand zu fassen. Man kann nachdenken wie über andere Prozesse: Wie man Hafer baut, wie man Gerste baut und so weiter, wie man die Rohprodukte am besten zutage fördert im Bergbau. Man kann im Grunde genommen nur über dieses mit dem Verstand richtig denken, den man gewohnt worden ist in der Wissenschaft der neueren Zeit anzuwenden.
Das ist von einer immensen Bedeutung! Denn denken Sie nur doch zurück an das, was ich gegeben habe als den Begriff, den man braucht in der Wissenschaft. Wir genießen als Nahrungsmittel schwere Stoffe. Daß sie uns dienen können, beruht darauf, daß sie fortwährend ihr Gewicht verlieren in uns, daß sie sich also total umändern. Das geht aber so weit, daß sie sich in jedem Organ anders umändern. In der Leber ist eine andere Umänderung als im Gehirn oder in der Lunge.
20 Der Organismus ist differenziert und die Verhältnisse werden für jeden Stoff in jedem Organ anders. Wir haben eine fortwährende Änderung der Qualität in der Änderung der Organe.
So ist es ungefähr, wenn wir reden innerhalb eines volkswirtschaftlichen Ganzen, sagen wir von dem Wert einer Ware. Geradeso wie es Unsinn ist, irgendeinen Stoff, sagen wir als Kohlenstoff zu definieren und dann zu fragen: Wie benimmt er sich im menschlichen Körper? - der Kohlenstoff wird bis auf seine Ponderabilität etwas ganz anderes, als er da oder dort in der Außenwelt ist - ebensowenig kann man nach dem Wert einer Ware fragen. Dieser, ist ein anderer, ob die Ware in einem Laden liegt oder ob sie da- oder dorthin transportiert ist.
Die Ideen der Volkswirtschaft müssen ganz beweglich sein. Wir müssen uns abgewöhnen, solche Begriffe zu konstruieren, die man definieren kann. Es muß uns klar sein, daß wir es mit einem lebendigen Prozeß zu tun haben und daß wir die Begriffe im lebendigen Prozeß umformen müssen. Nun versuchte man aber gerade, Wert, Preis, Produktion, Konsumtion und so weiter mit den Ideen zu erfassen, die man hatte. Aber die taugten nichts. Daher haben wir im Grunde eine Volkswirtschaftslehre nicht erringen können. Wir können nicht mit den Begriffen, die wir gewohnt worden sind, zum Beispiel die Frage: Was ist Wert, was ist Preis? - beantworten; denn wir müssen das, was Wert hat, fortwährend in Zirkulation betrachten, wir müssen den Preis, der einem Wert entspricht, in fortwährender Zirkulation betrachten. Und sehen Sie, wenn Sie fragen nach der einfachen physikalischen Eigenschaft des Kohlenstoffes, so werden Sie gar nichts wissen von dem, was zum Beispiel in der Lunge vorgeht, obwohl er auch in der Lunge ist, weil die ganze Konfiguration eben etwas ganz anderes wird in der Lunge. So ist das Eisen, wenn Sie es im Bergwerk finden, etwas ganz anderes als im volkswirtschaftlichen Prozeß. Die Volkswirtschaft geht auf etwas ganz anderes, als daß es Eisen «ist». Aber mit solch labilen Faktoren muß gerechnet werden.
Ich kam einmal in eine Familie vor etwa fünfundvierzig Jahren. Da zeigte man mir ein Bild. Das Bild, das lag, ich glaube, dreißig Jahre auf dem Boden. Solange es da gelegen hat und kein Mensch da war, der etwas anderes von dem Bild gewußt hat, als daß es so etwas ist,
21 das in eine Ecke geschmissen worden ist, war es im volkswirtschaftlichen Prozeß nichts wert; als man aber erkannt hat, daß es wertvoll ist, war es dreißigtausend Gulden wert - und dreißigtausend Gulden waren damals viel. Wovon hing der Wert dazumal ab? Lediglich von dem, was für eine Ansicht man von dem Bilde gewann. Das Bild war nicht von seinem Orte weggebracht worden; nur die Menschen haben andere Gedanken darüber gekriegt. So kommt es bei nichts darauf an, was es «ist» unmittelbar. Und gerade die volkswirtschaftlichen Begriffe können Sie nie in Anlehnung an die äußere Realität entwickeln, sondern Sie müssen sie immer in Anlehnung an den volkswirtschaftlichen Prozeß entwickeln. Und innerhalb eines Prozesses ändert sich ein Ding fortwährend. Man muß also sprechen von der volkswirtschaftlichen Zirkulation, bevor man auf solche Dinge kommt, wie Wert, Preis und so weiter. Nun sehen Sie in Volkswirtschaftslehren von heute, daß man mit Definitionen von Wert und Preis beginnt. Das erste ist aber die Darstellung des volkswirtschaftlichen Prozesses; dann erst ergeben sich die Dinge, mit denen man heute die Sache anfängt.
Und nun, im Jahre 1919 konnte man denken, weil alles im Grunde genommen zerstört war, daß die Leute gesehen haben würden, daß man mit etwas Frischem anfangen muß. Nun, es war nicht der Fall. Die geringe Anzahl von Menschen, die dazumal daran glaubten, daß man neu anfangen muß, sind auch sehr bald in die Bequemlichkeit verfallen: Man kann ja doch nichts machen. - Mittlerweile trat die große Kalamität ein, die Valutaentwertung in den östlichen und mittleren Gegenden, und damit eine vollständige Umwälzung der Menschenschichtung; denn mit jeder weiteren Entwertung muß selbstverständlich derjenige, der von dem lebt, was mit Ultraviolett verglichen worden ist, verarmen. Und das geschieht auch, vielleicht mehr, als man es heute schon bemerkt. Das wird vollständig geschehen. Daher wird man vor allen Dingen hier gewiesen an den Begriff des sozialen Organismus, aus dem Grunde, weil sich ja zeigt, daß die Valutaentwertung durch die alte Staatsbegrenzung bestimmt wird. Die alte Staatsbegrenzung greift also ein in den volkswirtschaftlichen Prozeß. Diesen muß man begreifen, aber man muß erst den sozialen
22 Organismus verstehen. Aber all die Nationalökonomien, von Adam Smith angefangen bis herauf zu den neuesten, rechnen eigentlich mit kleinen Gebieten als sozialen Organismen. Sie beachten da nicht einmal, daß, wenn man schon eine bloße Analogie wählt, diese stimmen muß. Die Menschen beachten gar nicht, daß sie stimmen muß.

Tafel 1


Haben Sie schon einen wirklichen ausgewachsenen Organismus gesehen, der so ist: Hier ist zum Beispiel ein Mensch, hier ist der zweite Mensch, hier ist der dritte Mensch und so weiter. Es wären niedliche Menschenorganismen, die in solcher Weise aneinanderkleben würden; das gibt es doch bei ausgewachsenen Organismen nicht. Das ist aber doch bei den Staaten der Fall. Organismen brauchen die Leere um sich herum bis zu dem anderen Organismus. Das, womit Sie die einzelnen Staaten vergleichen können, sind höchstens die Zellen des Organismus, und Sie können nur die ganze Erde als Wirtschaftskörper mit einem Organismus vergleichen. Das müßte beachtet werden. Das ist mit Händen zu greifen, seit wir Weltwirtschaft haben, daß wir die einzelnen Staaten nur mit Zellen vergleichen können. Die ganze Erde, als Wirtschaftsorganismus gedacht, ist der soziale Organismus.
Das wird nirgends ins Auge gefaßt. Denn die gesamte Volkswirtschaftslehre ist gerade dadurch hineingewachsen in etwas, was nicht der Wirklichkeit entspricht, weil man Prinzipien aufstellen will, die für eine einzelne Zelle gelten sollen. Daher finden Sie, wenn Sie die französische Volkswirtschaftslehre studieren, eine andere Konstitution, als wenn Sie die englische, die deutsche oder andere Volkswirtschaftslehren studieren. Aber als Volkswirtschafter brauchen wir schon ein Verständnis für den gesamten sozialen Organismus.
Und das wollte ich Ihnen heute als Einleitung sagen.




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1)
Zu den Tafeln siehe S. 216.
ablage/offen/rudolf_steiner/dreigliederung/013_ga_340_nationaloekonomischer_kurs/001_erster_vortrag.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:20

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