Zu dieser Ausgabe
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| 213 | Die Fragment gebliebene Schrift «Anthroposophie» entstand zwischen Ende Oktober 1909 und November 1910. Am 23. Oktober 1909 in Berlin, gleich im ersten Vortrag der Reihe über «Anthroposophie», die anlässlich der 8. Generalversammlung der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gehalten wurde, kündigte Rudolf Steiner an, dass er «so schnell als möglich» einen «kurzen Abriß über Anthroposophie» erscheinen lassen wolle. Kurz vor der 9. Generalversammlung im folgenden Jahr, Ende Oktober 1910, begann er das noch unvollendete Manuskript in die Druckerei zu geben. Er korrigierte die eintreffenden Druckbögen und setzte das Manuskript fort. Im November 1910 unterbrach er die Arbeit an der Schrift, die seitdem unvollendet liegen blieb. Offen gebliebene Fragen der Forschung, der sprachlichen Form und Zeitmangel wegen Überlastung mit anderen Arbeiten verhinderten den Abschluss der Schrift, die Steiner noch 1920/21 als eine besonders wichtige Aufgabe seines Werkes kennzeichnete. Siehe darüber die in Anhang 6, S. 200ff, zusammengestellten Selbstzeugnisse zu der Fragment gebliebenen Schrift. Die Arbeit an der Schrift, die stilistisch durch eine systematisch angewendete geistes- und naturwissenschaftliche Terminologie gekennzeichnet ist, fällt in die Jahre der sich anbahnenden Loslösung der anthroposophischen Strömung Rudolf Steiners von der Theosophischen Gesellschaft. Es ist die Werkphase, in welcher Steiner mit der 1910 veröffentlichten «Geheimwissenschaft im Umriß» die Grundlagenwerke der anthroposophischen Geisteswissenschaft über den Aufbau und die Entwicklung von Mensch und Welt abgeschlossen hatte und nach verschiedenen Richtungen hin die Ausarbeitung spezieller Gebiete begann. Damals plante er unter anderem eine Trilogie von Büchern, von welcher die «Anthroposophie» den ersten Teil bilden sollte. Wie er am Ende des ersten Kapitels in Aussicht stellte, sollten dem ersten Buch solche über «Psychosophie» und über «Pneumatosophie» folgen. War der erste Teil des Vorhabens dem geisteswissenschaftlichen Verstehen der Leiblichkeit des Menschen gewidmet, so sollte der |
| 214 | zweite eine Skizze der Grundelemente des rein Seelischen, eine wirkliche Psychologie, und der dritte eine Untersuchung des Geistigen im Menschen geben. Das Vorhaben wurde in Vortragskursen weiter ausgeführt, indem Steiner anlässlich der nächsten Generalversammlungen in den Jahren 1910 und 1911 jeweils vier Vorträge zur «Psychosophie» und zur «Pneumatosophie» hielt. Zusammen mit dem ersten Vortragszyklus über «Anthroposophie» sind diese Vorträge in der Gesamtausgabe in dem Band «Anthroposophie - Psychosophie - Pneumatosophie», GA 115, enthalten. Methodik und Inhalte der eingeschlagenen Richtung sollten nicht nur der anthroposophischen Geisteswissenschaft eine neue Fundamentierung verleihen, sondern auch unter Berücksichtigung des damaligen Stands der Wissenschaften dieser Gebiete unternommen werden, wobei die Auseinandersetzung mit der Philosophie und Psychologie Franz Brentanos in den Vordergrund rückte. Die Ausführung des Plans der schriftlichen Darstellungen gab Steiner auf, nachdem er die «Anthroposophie» unvollendet Hegen lassen musste. Er befasste sich aber nach weiteren Forschungen, die neue Ergebnisse zeitigten, in den «Skizzenhaften Erweiterungen» seiner 1917 erschienenen Schrift «Von Seelenrätseln», GA 21, erneut mit der Darstellung der begonnenen Themen - ausdrücklich mit Hinweisen versehen, dass den jetzt publizierten Inhalten jähre- und jahrzehntelange Forschungen mit den «wissenschaftlichen Mitteln der Gegenwart» zugrunde lägen, deren Ausführung eigentlich umfangreiche Darstellungen erforderten, was ihm aber die Zeitverhältnisse nicht erlauben würden. Das Fragment «Anthroposophie» muss demgemäß als Wegstein eines Forschungsweges angesehen werden, dessen Ergebnisse Steiner zu seinen zentralen wissenschaftlichen Entdeckungen zählte und die 1916/17 so weit gereift waren, daß er sich gedrängt sah, sie wenigstens in kurzen Skizzen schriftlich zu veröffentlichen. Die weitgefächerten Impulse, Ideen und praktischen Anregungen, die Steiner nach dem Ersten Weltkrieg für die Gestaltung der sozialen Verhältnisse, die Wissenschaften, die Pädagogik, die Medizin und andere Lebensbereiche geben sollte, bauen in vieler Hinsicht auf diesen Entdeckungen auf. Der Ideengang der Schrift «Anthroposophie» nimmt seinen Ausgang von einer geisteswissenschaftlichen Erforschung der |
| 215 | Sinne des Menschen. Schon in seinen erkenntnistheoretischen Schriften und den Erläuterungen von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften Ende des 19. Jahrhunderts hatte Steiner das Wesen der Sinneswahrnehmung philosophisch gründlich untersucht. 1909/10 entwickelte er nun eine Sinneslehre, welche die damals anerkannte Zahl der Sinne auf zehn Sinne erweitert. Dabei vertrat Steiner zu diesem Zeitpunkt noch die Auffassung, dass der Tastvorgang und die Wahrnehmung des anderen Ich keine Sinneswahrnehmungen im eigentlichen Sinne, sondern Grenzorte der Sinnesbezirke in Bezug auf die physisch-sinnliche Außenwelt und auf die übersinnliche Welt seien. Diese Auffassung hat er nie selbst veröffentlicht. Vom Jahre 1916 an stellte er seine in der Zwischenzeit erweiterte Anschauung von insgesamt zwölf Sinnen des Menschen immer wieder von verschiedenen Seiten in mündlichen Vorträgen dar. 1917 publizierte er in seiner Schrift «Von Seelenrätseln», GA 21, eine Skizze über die zwölf Sinne des Menschen, zu denen jetzt auch das Tasten und das unmittelbare Wahrnehmen des fremden Ich gehören. Nur sie kann als gültige Darstellung seines schriftlichen Werkes angesehen werden. Vorträge und Fragment von 1909/10 müssen als Vorarbeiten dazu gelten, in denen allerdings der Gnindriss schon ausführlich gezeichnet wurde. Dies erklärt auch, warum Steiner später öfter umstandslos und abkürzend davon sprach, dass seine Erforschung der zwölf Sinne des Menschen in die Jahre 1909/10 zurückreichen würde, hatte sich doch für ihn nur der frühere Grundriss modifiziert. Beachtet werden muss dabei, daß Steiner, was sowohl die Ausführungen im Fragment als auch viele Notizbuchaufzeichnungen zeigen, schon 1910 von zwölf Erlebnisgebieten ausging, indem er zehn Sinne zwischen den Grenzen von Tastorgan und Ichorgan ansiedelte. Der Unterschied liegt nur darin, dass er das Tasten und die Wahrnehmung des anderen Ich damals noch nicht als eigentliche Sinne innerhalb der physisch-sinnlichen Welt ansah. Dies ist gut auch auf dem S. 182f reproduzierten Notizblatt Archiv-Nr. NZ 63 zu verfolgen, dessen Zeichnung die zwölf Erlebnisgebiete und die zehn Sinnesfelder zeigt. Gerade die Entwicklung der Sinneslehre von erst zehn zu dann zwölf Sinnen beweist, daß Steiner bei seiner Sinnesforschung auf keinen Fall a priori von einem zwölfzahligen Schema ausging, sondern dass er, obgleich er von |
| 216 | Anfang an zwölf Erlebnisgebiete beschrieb, zunächst nur zehn Sinne als echte Sinne ansah. Erst die weitere Entwicklung seiner Forschung hat ihn dazu geführt, von 1916 an auch die Vorgänge des Tastens sowie die Wahrnehmung des anderen Ich als vollgültige Sinne mit entsprechenden Sinnesorganen des Menschen anzusehen, was er von nun an besonders in Hinsicht auf den Ichsinn stets mit großer Vehemenz vertrat. Siehe dazu die am Schluss dieses Teils zusammengestellten weiterführenden Darstellungen zur Sinneslehre im Gesamtwerk, S. 239f. Der grundlegende Aufbau der Gliederung der menschlichen Sinne in drei Bereiche blieb seit der Arbeit an der «Anthroposophie» in allen Darstellungen Steiners der gleiche: ein unterer Bereich der inneren, leiblichen Sinne; ein mittlerer Bereich der halb inneren, halb äußeren Sinne; ein oberer Bereich der ganz nach außen dringenden, seelenartigen Sinne. Mit seiner Unterscheidung der leibbezogenen Sinne und der Erforschung von Sprach-, Begriffs- und Ichsinn als höheren Sinnen sah sich Steiner zwar einerseits im Gegensatz zur herrschenden Wissenschaft, andererseits aber auch im Einklang mit einigen Spitzen der Bestrebungen der Naturwissenschaft und Philosophie seiner Zeit: In den Vorträgen zur «Psychosophie», die er im November 1910 zeitgleich oder wenige Tage nach der Arbeit an Manuskript und Druckbögen der «Anthroposophie» hält, nimmt er die ausführliche Auseinandersetzung mit der Psychologie Franz Brentanos (1838 - 1917) auf; in der Schrift «Von Seelenrätseln» erfolgt 1917 dann eine zusammenfassende Stellungnahme zum Denken des soeben verstorbenen Brentano; anlässlich seiner Skizze über die Sinne des Menschen weist Steiner in derselben Schrift auf ähnlich gerichtete Ideentendenzen bei Wilhelm Dilthey (1833 - 1911) hin; im Vortrag am 2. Oktober 1920 abends, GA 322, machte er im Zusammenhang einer Darstellung des Ichsinns auf Max Scheler (1874 - 1928) und seine Theorie des unmittelbaren Wahrnehmens der anderen Person aufmerksam; und er skizziert in der «Anthroposophie» an mehreren Stellen ausdrücklich kommende naturwissenschaftliche Entdeckungen über die Organe des Menschen aus der Perspektive seiner geisteswissenschaftlichen Forschung. Das Ziel der Darstellung der Schrift «Anthroposophie», ebenso wie dasjenige der gleichnamigen Vorträge im Vorjahr, bestand |
| 217 | darin, Gestaltungskräfte der menschlichen Gestalt und der Organe des menschlichen Organismus aufzuweisen, ein Problem, das sich in vielschichtiger Weise durch das Gesamtwerk zieht. Die aufgerichtete Gestalt des Menschen als Begegnung zweier Kraftrichtungen von oben nach unten und von unten nach oben, die Symmetrien der Seiten, die Ausrichtung nach vorne, die Lage und Gestalt einzelner Organe sollten aus den im Aufbau des Menschen tätigen leiblichen und seelisch-geistigen Faktoren zum Verständnis gebracht werden. Zu berücksichtigen ist, dass Rudolf Steiner etwa zur selben Zeit die aus unbewussten Tiefen heraufreichenden Kräfte des Menschen erforschte, die in der frühen Kindheit zum Erlernen des Aufrichtens, Sprechens und Denkens führen, siehe dazu die von ihm 1911 herausgegebenen Kopenhagener Vorträge: «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Menschheits-Entwickelung», GA 15. Auch im Hinblick auf die Erforschung der menschlichen Gestalt muss die erst später gereifte und 1917 in «Von Seelenrätseln» veröffentlichte Erkenntnis von der Dreigliederung des menschlichen Organismus als wesentliche Erweiterung der 1909/10 im Fragment «Anthroposophie» vorläufig niedergelegten Anschauungen angesehen werden. Erst hierdurch wurde es möglich, die Seelenvorgänge von Vorstellen, Fühlen und Wollen und die geistigen Welten von Imagination, Inspiration und Intuition bis in die Leiblichkeit der drei gegenseitig sich durchdringenden Funktionsbereiche des Nerven-Sinnessystems, des rhythmischen Systems von Atmung und Blutzirkulation sowie des Stoffwechselsystems als durchgängigen Zusammenhang zu verfolgen. |