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VORBEMERKUNG

VORBEMERKUNG

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7 Von dem hier veröffentlichten, unvollendet gebliebenen Werke «Anthroposophie» von Rudolf Steiner aus dem Jahre 1910 befinden sich im Nachlaß ein handschriftliches Manuskript sowie vom Autor selbst korrigierte Druckbogen. Rudolf Steiner hat dasselbe Thema mündlich in den zwei ersten der zwölf Vorträge «Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie» (gehalten in Berlin 1909, 1910 und 1911) behandelt und später von den verschiedensten Seiten her immer wieder aufgenommen.1) Der Inhalt des Fragmentes ist so wertvoll, daß es gerechtfertigt erscheint, ihn mitzuteilen, obwohl es sich hier um ein unvollendet gebliebenes Werk handelt, das Rudolf Steiner selbst nicht veröffentlicht hat.
Wie diese Seiten aufzufassen sind und wie Rudolf Steiner über sie gedacht hat, geht aus Ausführungen über diese Inhalte hervor, die er an namentlich zwei Stellen in seinem Vortragswerk gab. Zunächst im Vortrag vom 2. Oktober 1920 in dem Kurs «Grenzen der Naturerkenntnis»2) im siebenten Vortrag (Seite 105/106), und später, das heißt ca. sechs Monate darauf, im Vortrag vom 22. März 1921, in seinem Kurs Mathematik, wissenschaftliches Experiment, Beobachtung und Erkenntnisergebnis vom Gesichtspunkte der Anthroposophie»,3), im sechsten Vortrag. Rudolf Steiner führte am 2. Oktober 1920 in Dornach folgendes aus:
«Ich habe vor vielen Jahren auf einem gewissen Gebiete versucht, in Worte zu kleiden dasjenige, was man nennen kann menschliche Sinnenlehre. Es ist mir in einer Weise gelungen, das in Worte zu kleiden, was solche menschliche Sinneslehre, die Lehre von den zwölf Sinnen, ist, im mündlichen Vortrage, weil man da noch eher die Möglichkeit hat, die Sprache so zu drehen und zu wenden und durch Wiederholungen zu sorgen für das Verständnis, daß man die Mängel unserer Sprache, die solch übersinnlichem
8 Wesen noch nicht gewachsen ist, nicht so stark fühlt. Aber als ich dann - es war, wie gesagt, vor vielen Jahren - aufschreiben wollte, um es zu einem Buche zu formen, dasjenige, was ich als eigentliche Anthroposophie gegeben habe in Vorträgen, da stellte sich das Merkwürdige heraus, daß das äußerlich Erlebte bei seinem Hineintragen in das Innere etwas so Sensitives wurde, daß die Sprache nicht die Worte hergab. Und ich glaube, fünf bis sechs Jahre lag der Anfang des Gedruckten, mehrere Bogen, in der Druckerei. Ich konnte, weil ich das Ganze in dem Stil fortschreiben wollte, wie es angefangen war, einfach weil die Sprache zunächst das nicht hergab für meine damalige Entwickelungsstufe, was ich erreichen wollte, nicht weiterschreiben. Nachher ist eine Überlastung mit Arbeiten gekommen, und ich konnte bis jetzt dieses Buch noch nicht fertigmachen. Derjenige, der es weniger gewissenhaft nimmt mit dem, was er aus der geistigen Welt heraus seinen Mitmenschen gibt, der mag vielleicht lächeln über ein solches Stehenbleiben bei einer zeitlich unüberwindlichen Schwierigkeit. Wer aber wirklich erlebt hat und wer zu durchdringen vermag mit dem vollen Verantwortlichkeitsgefühl dasjenige, was sich ergibt, wenn man schildern will die Wege, die nun die abendländische Menschheit zur Imagination hin nehmen muß, der weiß, daß vieles notwendig ist, um gerade für eine solche Schilderung die richtigen Worte zu finden. Als Schulungsweg ist es verhältnismäßig einfach zu schildern. Das ist in meinem Buche <Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?> geschehen. Aber indem man ganz bestimmte Resultate erzielen will, wie es das Resultat war, die Wesenheit der menschlichen Sinne selber, also eines Teiles der inneren Menschheitsorganisation zu beschreiben, wenn man solche ganz bestimmte Resultate erzielen soll, dann ergibt sich die Schwierigkeit, Imaginationen zu erfassen und sie in scharfen Konturen durch die Worte hinzustellen.»
'' '' Und am 22. März 1921 in Stuttgart:
'' '' «Ich habe einmal vorgetragen für die Anthroposophische Gesellschaft dasjenige, was ich genannt habe in den Vorträgen <Anthroposophie>. Ich habe damals soviel vorgetragen von dieser Anthroposophie, als sich eben meiner Geistesforschung ergeben
9 hatte. Es wurden dann diese Vorträge gedruckt verlangt, und ich ging daran, die Sachen niederzuschreiben. Im Niederschreiben wurde wiederum etwas anderes daraus. Nicht daß irgend etwas in dem, was zuerst gegeben war, verändert worden wäre, sondern es wurde nur notwendig, einiges hinzuzufügen, was weitere Erklärungen abgab. Aber es wurde auch nötig, die Sache noch genauer zu formulieren. Das nahm ein Jahr in Anspruch. Nun kam wiederum eine Gelegenheit. Es wurde wiederum die Generalversammlung in der Gesellschaft gehalten. Da sagten denn die Leute, bei der Generalversammlung sollten nun doch die <anthroposophischen> Vorträge verkauft werden, also müssen sie fertig werden. Ich hatte dann angekündigt für diese nächste Generalversammlung einen anderen Vortragszyklus, und verschickte die ersten Bogen dieser <Anthroposophie> an die Druckerei. Sie wurden auch sofort gedruckt. Ich dachte, ich würde nun weiterschreiben können. Ich schrieb auch eine Zeit lang weiter. Aber es ergab sich immer mehr und mehr die Notwendigkeit, weiteres hinzuzufügen zu den genaueren Erklärungen. Das Ganze endete dann damit, daß eine ganze Anzahl von Bogen gedruckt waren. Bis dahin hatte ich geschrieben. Ein Bogen kam dann so, daß die sechzehn Seiten nicht mehr voll wurden, sondern nur noch, ich glaube, dreizehn oder vierzehn voll waren. Die anderen waren weiß, und ich sollte weiter schreiben. Mittlerweile hatte sich mir ergeben - es gab auch andere Gründe für das Ganze, aber ich will jetzt einen der Gründe, die das Ereignis hervorgerufen haben, eben jetzt mit Bezug auf das, um was es sich hier handelt, Ihnen anführen. Es kam die Zeit, in der ich mir sagte: Um die Sache nun wirklich so, wie ich sie jetzt nach einem Jahre haben müßte und haben will, zu Ende zu führen, dazu ist es notwendig, nun im Genaueren auszubilden eine gewisse Vorstellungsweise, eine besondere Ausarbeitung des imaginativen, inspirierten Erkennens und gerade mit Bezug auf diese anthroposophischen Fragen diese Erkenntnisart anzuwenden. Da ging ich denn daran, erst etwas Negatives zu machen: die ganze <Anthroposophie> liegen zu lassen. Sie liegt heute noch so, wie sie dazumal, viele Bogen schon, gedruckt war, und ich dachte daran, zunächst eben die Fortsetzung nun auch wirklich zu erforschen. Da machte ich
10 denn gründlich Bekanntschaft mit etwas, was ich Ihnen jetzt schildern möchte. Ich kann es Ihnen nur schematisch schildern. Aber dasjenige, was ich Ihnen schematisch schildere, ist eine große Summe von inneren Erlebnissen, die eigentlich Erkenntnismethoden in der Erforschung des Menschen sind.
Es zeigte sich nämlich immer klarer und klarer, daß man eine Anthroposophie, wie sie dazumal intendiert war, erst dann vollenden kann, wenn man innerlich anschauend darauf kommt zu sehen, wie man dasjenige, was man da wirklich in innerer Schau als geistig-seelische Tätigkeit arbeitend im Nervensystem erblickt, so weit fortsetzen kann, bis man innerlich hier an einen Punkt kommt - der Punkt ist eigentlich eine Linie, die in vertikaler Richtung liegt, aber ich will hier die Sache nur schematisch geben, der Punkt liegt für gewisse Erscheinungen weiter oben, dann weiter tiefer usw., das im einzelnen zu schildern wird vielleicht bei diesen Vorträgen nicht möglich sein, ich will nur gewissermaßen einen Querschnitt durch das Ganze führen -, bis man zu diesem Punkt kommt, wo man dann deutlich merkt, die ganze von außen nach innen vorrückende geistig-seelische Tätigkeit, die man erfaßt im Imaginieren und Inspirieren, die kreuzt sich. Aber indem sie sich kreuzt, ist man dann nicht mehr frei in der Ausübung dieser Tätigkeit. Man ist ja vorher auch nicht ganz frei, wie ich geschildert habe. Jetzt wird man noch unfreier. Man merkt, daß das Ganze eine Veränderung erfährt. Man läuft ein in ein stärkeres Festgehaltenwerden im imaginativ-inspirierten Vorstellen. Konkret gesprochen, wenn man dasjenige, was Sinneswahrnehmung und deren verstandesmäßige Fortsetzung für das Auge ist, im imaginativ-inspirierten Vorstellen auffaßt und dadurch zu der Imagination des Sehorgans kommt, wenn man also dazu kommt, durch Imagination, die durchinspiriert ist, das Sehorgan aufzufassen, dann setzt sich diese Tätigkeit nach dem Innern fort, dann tritt hier eine Kreuzung ein, und dann umfaßt man mit der Tätigkeit, mit der man erst hier das Auge um faßt hat, ein anderes Organ. Es ist im wesentlichen die Niere.
Und so für die anderen Organe. Man findet immer, wenn man diese imaginativ-inspirierte Tätigkeit nach dem Innern des Menschen fortsetzt, daß man dasjenige, was eben schon fertige
11 Organe sind - in ihrer Anlage wenigstens vollständig fertig, wenn der Mensch geboren ist —, gewissermaßen umgreift mit dieser inspirierten Imagination und so zur wirklichen Innenschau des menschlichen Organismus vorrückt. Es ist eine ganz besondere Schwierigkeit, und da ich dazumal nun nicht bloß das Buch fertigschreiben sollte, sondern nun noch einen anderen Vortragszyklus, der wiederum Forschungen nötig hatte, halten sollte, so können Sie sich denken, daß es nicht leicht war, mit dieser damals ausgebildeten Methode - es ist jetzt viele Jahre her - dazumal fertig zu werden.
Ich muß nur noch erwähnen, die Schwierigkeit besteht nämlich darin, daß man zunächst immerfort zurückgeworfen wird. Dieses wirkliche Fortsetzen ist etwas, wo man schon die innere Kraft sehr zusammenhalten muß, wenn man es zuwege bringen soll. Man muß tatsächlich sich immer wieder und wiederum vornehmen, ich möchte sagen, die Kraft des Vorstellens, des inneren Arbeitens in der Seele an der Liebe zur äußeren Natur zu verstärken, intensiver zu machen. Sonst wird man immer leicht einfach zurückgeschlagen. Man merkt, man geht in sich hinein, aber man wird immer wieder zurückgestoßen, und man bekommt eigentlich statt etwas, was ich mit dieser Innenschau bezeichnen möchte, dieses, was nicht richtig ist. Man muß das überwinden, was sich da als ein Zurückschlagen entwickelt.
Nun, ich wollte Ihnen die Geschichte erzählen aus dem Grunde, damit Sie sehen, daß der Geistesforscher schon hinweisen kann auf diejenigen Momente, wo er mit gewissen Problemen der Geistesforschung ringt. Leider ist ja in den Jahren, die dann auf das Ereignis gefolgt sind, das ich erzählt habe, meine Zeit durch alles Mögliche insbesondere in den letzten Jahren so ausgefüllt worden, daß dasjenige, was ich als eine besonders notwendige, eigentlich unerläßliche Tätigkeit bezeichnen müßte, das Zu-Ende-Schreiben dieser <Anthroposophie>, nicht hat Zustandekommen können.»

Der hier wiedergegebene Text folgt bis Seite 101, Zeile 18 v. o., den aufgefundenen Korrekturbogen. Der Rest ist aus dem Manuskript abgedruckt. Die Korrekturbogen enthalten zum Teil
12 verschiedene Varianten, die hier jeweils am Schluß des Kapitels wiedergegeben sind.
Von den hinzugefügten Erweiterungen (Anhang 1-5) sind die ersten drei neu aufgefundene Manuskriptseiten, die Abwandlungen gegenüber dem hier wiedergegebenen Text darstellen und von Rudolf Steiner nicht in demselben aufgenommen wurden, da ihr Inhalt sich nicht in den Rahmen des übrigen Inhalts einfügte; Anhang 4 als Entwurf zu einem endgültigen Text war schon in der Ausgabe von 1951 enthalten; Anhang 5 ist eine selbständige, jedoch zum Thema gehörende Darstellung.

Die Herausgeber


Ausführungen zum selben Thema im Vortragswerk Rudolf Steiners:

1909 - «Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie». 12 Vorträge in Berlin 1909/1910/1911. Bibl.-Nr. 115, Gesamtausgabe 1965.
1916 - «Weltwesen und Ichheit». 7 Vorträge in Berlin, 6. Juni bis 18. Juli. Bibl.-Nr. 169, Gesamtausgabe 1963.
1916 - «Das Rätsel des Menschen - Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte». 13 Vorträge in Dornach, 29. Juli bis 3. September. Bibl.-Nr. 170, Gesamtausgabe 1978.
1917 - «Von Seelenrätseln». Bibl.-Nr. 21, Gesamtausgabe 1976.
1918 - «Die Geheimnisse der Sonne und des dreigeteilten Menschen». 3 Vorträge in Dornach vom 24.—26. August. In «Die Wissenschaft vom Werden des Menschen». 9 Vorträge in Dornach, 17. August bis 2. September. Bibl.-Nr. 183, Gesamtausgabe 1967.
1919 - «Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik». 14 Vorträge in Stuttgart, 21. August bis 5. September. Bibl.-Nr. 293, Gesamtausgabe 1980.
1920 - «Die zwölf Sinne des Menschen in ihrer Beziehung zu Imagination und Intuition». Vortrag in Dornach am 8. August. In «Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung». 17 Vorträge in Dornach und Berlin, 6. August bis 18. September. Bibl.-Nr. 199, Gesamtausgabe 1967.
1920 - «Grenzen der Naturerkenntnis». 8 Vorträge in Dornach, 27. September bis 3. Oktober. Bibl.-Nr. 322, Gesamtausgabe 1969.
1921 - «Naturbeobachtung, Mathematik, wissenschaftliches Experiment und Erkenntnisergebnisse vom Gesichtspunkte der Anthroposophie». 8 Vorträge in Stuttgart, 16. bis 23. März. Bibl.-Nr. 324, Gesamtausgabe 1972.
1921 - «Menschenwerden, Weltenseele und Weltengeist, Zweiter Teil». 11 Vorträge in Dornach, 22. Juli bis 20. August. Vortrag 1 und 2. Bibl.-Nr. 206, Gesamtausgabe 1967.




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1) , 2) , 3)
Vergleiche die Übersicht auf Seite 12.
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