DRITTER VORTRAG

DRITTER VORTRAG , Stuttgart, 6. Februar 1923

Die kopernikanische Revolution in der Wissenschaft: Erde zum Staubkorn geworden. Anthroposophie will wieder den Geist im Weltall erkennen. Neues Denken und neues Wollen. Die «Philosophie der Freiheit». Das Erlebnis des Aufwachens. Der Wille im Denken. Vertretung der Anthroposophie auf Autorität hin oder mit Überzeugung. Mißverständnisse und Konflikte wegen falscher Entwickelung der Gesellschaft. Die drei Phasen der anthroposophischen Arbeit, 1902-09, 1910-17, 1918-23, und ihre Inhalte. Krisen in der dritten Phase infolge der Neugründungen. Unfruchtbare Polemik, unausgeführte Programme. Gesellschaft muß Träger der anthroposophischen Arbeit sein.

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einer Art Reorganisation der Anthroposophischen Gesellschaft, möchte ich heute meinen Vortrag so einrichten, daß er vielleicht manchem nützlich sein kann, um sich in diesen entscheidenden Tagen ein unabhängiges Urteil zu bilden. Ich möchte zu diesem Zweck heute zuerst einmal verhältnismäßig zusammenfassender und kürzer sprechen, als ich sonst auf anthroposophischem Boden zu sprechen pflege zu dem, was ich die dritte Phase unserer anthroposophischen Arbeit nennen möchte. Und dann möchte ich eben zu dem angegebenen Zweck heute abend einiges zu Ihnen sprechen über die drei Phasen unserer anthroposophischen Bewegung. Wir vernehmen es ja heute sehr häufig, daß hingewiesen wird auf jenen großen Umschwung, den das abendländische Geistesleben genommen hat, als Kopernikus das alte Himmelsbild zu dem neueren umgestaltete. Und wenn dann ausgedrückt werden soll, was das bedeutet, so spricht man wohl so davon, daß man sagt: In einer älteren Zeit habe der Mensch zunächst die Erde als das Gebiet seiner Erkenntnis angesehen, es zur Hauptsache seiner Erkenntnisbetrachtung gemacht und den Inhalt des ganzen Himmelsraumes um die Erde herumkreisen lassen. In der neueren Zeit haben sich in einer gewissen Weise für die menschliche Anschauung die andern Himmelskörper weit über das Gebiet hinaus vergrößert, das man ihnen früher zugewiesen hatte, die Erde sei wie eine Art Staubkorn im Weltenraum geworden und der Mensch fühle sich auf der gegenüber der Gesamtheit des Universums unbedeutenden Erde unter Tausenden und aber Tausenden von Welten wie eben auf einem Staubkorn dieses Weltenalls. Man muß aber heute - Sie gestatten mir die skizzenartige Darstellung, denn ich will gewissermaßen nur den Charakter der dritten Phase unserer anthroposophischen Bewegung damit charakterisieren - schon auch darauf hinweisen, daß der Mensch, indem er auf der einen Seite die Erde in seiner Betrachtung zu einem Staubkorn des Weltenalls gemacht hat, auf der Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite: 49 andern Seite die Möglichkeit verloren hat, über das übrige Weltenall überhaupt noch sich Erkenntnisurteile zu bilden außer denjenigen, welche dieses Weltenall nach den Begriffen der Physik vorstellen, höchstens noch in der neueren Zeit nach den Begriffen der Chemie. Von dem vor allem, was darüber hinausgeht, von einer Betrachtung, die nach der Beseelung, nach der Durchgeistigung dieses Weltenalls hinblickt, sieht man heute - und das ist ja bei der Gesamthaltung unserer modernen Erkenntnis natürlich - ab. Man verliert die Möglichkeit, irgendwie das, was der Mensch als sein Seelisches, als sein Geistiges bezeichnet, in irgendeinen Zusammenhang zu bringen mit dem, was uns von den Sternen aus dem Weltenraum herunterleuchtet. Anthroposophie - Sie können das aus den andeutenden Skizzen meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» ersehen - will wiederum die Durchseelung und Durchgeistigung des ganzen Weltenalls, den Zusammenhang des Menschengedankens mit den Weltengedanken, den Zusammenhang der Menschenseele mit andern Weltenseelen, den Zusammenhang des Menschengeistes mit andern Weltengeistern, mit der schaffenden Geistigkeit des Universums überhaupt durchschauen. Anthroposophie will also wiederum die Möglichkeit herbeiführen, Geist im Weltenall zu erkennen. Indem Anthroposophie dieses anstrebt, tritt ihr auf ihrem Wege ein starkes Hindernis entgegen; dieses starke Hindernis möchte ich heute einmal ganz unbefangen charakterisieren. Es treten Menschen auf, die das Anthroposophische mit Recht, mit vollem Recht, mit Enthusiasmus verkünden. Sie betonen dabei aber, daß sie bei dieser Verkündung eine Lehre geben, die ihrer Erfahrung zunächst nicht zugänglich sei, die sie vertreten als eine Lehre, die nur dem Geistesforscher als solchem zugänglich sei. Dadurch wird ein Konflikt herbeigeführt mit der Geisteshaltung der heutigen Zivilisation. Die heutige Zivilisation macht dem Menschen einen Vorwurf, wenn er gewissermaßen doch auf eine Art Autorität hin irgendeine Weltanschauung vertritt. Dieser Vorwurf würde ja wegfallen, wenn man gründlich einmal hüben und drüben einsehen würde, daß die Ergebnisse der Geistesforschung, wie sie in der Anthroposophie gemeint sind, zwar gefunden werden müssen mit Methoden, die der einzelne sich auf verschiedenen Wegen aneignen muß, daß diese Ergebnisse aber von dem wirklich unCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 5 0 befangenen Menschenverstände, wenn sie einmal da sind, tatsächlich auch eingesehen werden können. Aber dasjenige, was auf einem gemeinsamen Boden des wirklich unbefangenen Menschenverstandes gefunden werden könnte, das wird dennoch nicht immer zu etwas Fruchtbarem führen, wenn nicht gerade auf dem Boden der Anthroposophie noch etwas auftritt wie eine Art anderer Haltung als es diejenige ist, die viele von denen einnehmen, die heute auch Anthroposophie verkünden. Es handelt sich dabei um folgendes. Ich möchte zurückverweisen auf mein Buch «Die Philosophie der Freiheit», das ja vor drei Jahrzehnten der Öffentlichkeit übergeben worden ist. Und ich möchte darauf aufmerksam machen, daß ich in diesem Buche bereits hingewiesen habe auf eine besondere Art des Denkens, die anders ist als diejenige, die man gewöhnlich heute zugibt. Wenn man heute vom Denken spricht, gerade wenn man in maßgebendsten Kreisen vom Denken spricht, dann verbindet man mit diesem Begriffe vom Denken den einer gewissen Passivität in der Haltung des Menschengeistes. Man übergibt sich als Menschengeist der äußeren Beobachtung, man beobachtet oder experimentiert, und man verknüpft die Beobachtungen durch das menschliche Denken, kommt dabei zu Naturgesetzen, streitet vielleicht auch über die Geltung dieser Naturgesetze, über ihre metaphysische oder bloß physische Bedeutung. Aber etwas anderes ist, diese Gedanken, die man sich so an der Natur macht, zu haben - oder sich nun wirklich aufzuklären darüber, wie man sich als Mensch verhält zu diesen Gedanken, die man sich bildet über die Natur, die man sich, so wie man sie heute über die Natur sich bildet, erst in der neuesten Zeit bilden kann. Denn die Naturgedanken einer älteren Zeit - noch des 13., 12., 11. nachchristlichen Jahrhunderts - waren eben in bezug auf die menschliche Seelenhaltung ganz andere. Denken heißt für den Menschen von heute, passiv die Erscheinungen verfolgen und über ihre Regelmäßigkeit oder Unregelmäßigkeit sich eben Vorstellungen zu bilden. Man läßt die Gedanken gewissermaßen an den Erscheinungen auftreten, man läßt sie passiv anwesend sein in der menschlichen Seele. Demgegenüber habe ich in meiner «Philosophie der Freiheit» das aktive Element im menschlichen Denken betont, habe betont, wie der Wille einschlägt in das Gedankenelement, wie man Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 5 7 Seite: 51 gewahr werden kann die eigene innere Tätigkeit im sogenannten reinen Denken, indem ich zugleich gezeigt habe, daß aus diesem reinen Denken herausfließt alles dasjenige, was in Wirklichkeit moralische Impulse sein können. So daß ich also den Einschlag des Willens in die passive Gedankenwelt, dadurch die Auferweckung der passiven Gedankenwelt zu etwas, was der Mensch innerlich tätig, aktiv verrichtet, aufzuzeigen versucht habe. Was für eine Art von Lesen war nun vorausgesetzt bei dieser «Philosophie der Freiheit»? Bei dieser «Philosophie der Freiheit» war eine besondere Art des Lesens vorausgesetzt. Es war vorausgesetzt, daß der Leser, während er das Buch liest, eine Art inneren Erlebnisses durchmacht, welches man wirklich äußerlich vergleichen kann mit dem Aufwachen, das man morgens früh erlebt, wenn man vom Schlaf- in den Wachzustand übergeht. Man sollte sich gewissermaßen so fühlen: In dem passiven Denken habe ich auf einer höheren Stufe der Welt gegenüber doch nur geschlafen, jetzt wache ich auf -, so wie man des Morgens, wenn man aufwacht, weiß: Du bist passiv im Bette gelegen, du hast dich hingegeben dem Lauf des Naturgeschehens in deinem Leibe, du fängst jetzt an, innerlich tätig zu sein, du verbindest jetzt die Tätigkeit deiner Sinne mit dem, was draußen in der tönenden, farbigen Welt vorgeht, du verbindest jetzt die Tätigkeit deines eigenen Leibes mit deinen Intentionen. - Dieses Moment des Ubergehens aus einem bloßen Erleiden in ein Tätigsein, das ist es, was auf einer höheren Stufe in ähnlicher Weise beim Lesen der «Philosophie der Freiheit» in dem Menschen auftauchen sollte. Er sollte sich gewissermaßen sagen: Ja, ich habe bisher gedacht, aber dieses Denken bestand eigentlich darin, daß ich die Gedanken in mir strömen ließ, ich gab mich hin dem Strom der Gedanken. Jetzt beginne ich Stück für Stück meine innere Tätigkeit zu verbinden mit dem Gedanken; jetzt ist es so mit den Gedanken, wie wenn ich des Morgens aufwache und die Tätigkeit meiner Sinne verbinde mit der Farben- und Tonwelt oder die Tätigkeit meines Organismus verbinde mit meinem Willen. - Dadurch aber, daß man ein solches Aufwache-Erlebnis hat - ich habe darauf hingedeutet in meinem Buche «Vom Menschenrätsel», da wo ich über Johann Gottlieb Fichte spreche -, kommt man zu einer Seelenhaltung, die eben durchCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 57 Seite: 5 2 aus eine andere Seelenhaltung ist als diejenige, die heute die gewöhnliche ist. Diese Seelenhaltung aber, zu der man da kommt, die führt einen nach und nach nicht bloß zu einer Erkenntnis, die man auf Autorität hinzunehmen hat, sondern sie führt einen dazu, sich zu sagen: Ja, was sind denn diese Gedanken, die du früher gehabt hast, und was ist denn die Tätigkeit, die du jetzt in deine passiven Gedanken, in die Gedanken, die du bloß zu erleiden hattest, hast hineinschlagen lassen? Was ist denn dasjenige, was da in dein früheres Denken hineingefahren ist, so wie das seelisch-geistige Leben des Morgens in den Leib fährt? - Ich meine damit nichts anderes als die äußere Tatsache des Aufwachens. Da kommt man eben dazu, ein Erlebnis zu haben über das Denken, welches man gar nicht haben kann, solange man nicht das Denken auch als Lebendiges, als Aktives kennenlernt. Solange man bloß auf das passive Denken hinblickt, ist einem eben das Denken dasjenige, was sich im Menschenleibe entwickelt, wenn dieser Menschenleib durch seine Sinne die äußeren Dinge ansieht. Läßt man aber in dieses passive Denken hineinfahren die Aktivität des inneren Menschen, dann kann man dasjenige, was man früher gehabt hat, mit etwas anderem vergleichen; dann kann man erst anfangen, über das Wesen dieses passiven Denkens sich aufzuklären. Und dann kommt man dazu, daß dieses passive Denken ja eigentlich im Seelenleben sich so ausnimmt wie ein Leichnam eines Menschen in der physischen Welt. Wenn man den Leichnam eines Menschen in der physischen Welt hat, dann sagt man sich: So etwas kann ja nicht primär entstehen; es kann durch keine gewöhnlichen Naturgesetze eine solche Zusammenfügung der Materien stattfinden, wie sie da in einem Leichnam vor mir liegt. Diese Zusammenfügung der Materien ist nur dadurch möglich, daß der Leichnam früher belebt war von einem Menschenwesen, daß er ein Rest ist, daß er übriggeblieben ist von einem belebten Menschen, der diesen Leib an sich getragen hat. - Der Leichnam als solcher ist nur erklärlich unter der Voraussetzung des früher vorhandenen lebendigen Menschen. Vor seinem passiven Denken steht der Mensch so, wie ein Wesen, das niemals Menschen gesehen hätte, sondern nur Leichname. Ein solches Wesen müßte alle Leichname als ebenso viele Wunder empfinden; denn sie könnten gar nicht entstehen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 25 7 Seite: 5 3 aus dem, was in der übrigen Natur um die Leichname herum ist. So lernt man - in dem Augenblicke, wo das aktive Element des Seelenlebens in das Denken hineinschießt - das Denken erst erkennen als etwas, was ein Rest ist. Man lernt es erkennen als Rest von etwas. Das gewöhnliche Denken ist tot, es ist ein Seelenleichnam, und man muß aufmerksam werden auf diesen Seelenleichnam dadurch, daß man das eigene Leben der Seele hineinschießen läßt und den Leichnam, das abstrakte Denken nun in seiner Lebendigkeit kennenlernt. Will man einen Leichnam verstehen, so muß man daneben einen lebendigen Menschen anschauen. Will man das gewöhnliche Denken verstehen, so muß man sich sagen: Es ist tot, es ist ein Seelenleichnam, und das Lebendige davon war in dem vorirdischen Leben; da lebte die Seele ohne den Leib in der Lebendigkeit dieses Denkens, und das, was mir geblieben ist hier im irdischen Leben, das muß ich betrachten wie den Seelenleichnam der lebendigen Seele des vorirdischen Lebens. Das wird innere Erfahrung. Darüber kann man sich innerlich aufklären, wenn man eben den Willen hineinschießen läßt in das Denken. In der Art muß man dieses Denken schon betrachten, indem man im Sinne der heutigen Menschheitsentwickelung die ethischen, die moralischen Impulse im reinen Denken aufsucht. Dann kommt man dazu, durch das reine Denken selber hinausgehoben zu werden aus seinem Leib in eine Welt, die nicht die irdische ist, und man weiß jetzt: Das, was du in deinem lebendigen Denken hast, das geht eigentlich diese physische Welt zunächst nichts an, aber es ist eine Realität; das geht eine Welt an, die deine Augen hier nicht sehen, in der du warst, bevor du in deinen physischen Leib heruntergestiegen bist. Das geht eine geistige Welt an. Und man kommt zuletzt dazu, sich aufzuklären darüber, daß auch die Gesetze unseres Planetensystems solche sind, daß sie mit der Welt, in die man nun hineinversetzt ist durch das belebte Denken, nichts zu tun haben. So daß man bis zum Ende des Planetensystems - ich will absichtlich im alten Sinne die Sache charakterisieren - gehen muß, um in eine Welt zu kommen, für die dasjenige eine Bedeutung hat, was man im lebendigen Denken erfaßt. Das heißt, man muß über den Saturn hinaus gehen, um die Welt zu finden, auf die jetzt die lebendigen Gedanken anwendbar sind, aber in der dasjenige zu Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 54 finden ist, was aus dem Universum herein auch auf unserer Erde schöpferisch ist. - Jetzt hat man einen ersten Schritt gemacht in dem Zeitalter, das sich sonst nur versetzt fühlt auf das Staubkorn Erde im Weltenraum, jetzt hat man einen ersten Schritt gemacht, um wiederum hinauszugehen in das Weltenall, um ein Mittel zu haben, da draußen wiederum etwas schauen zu können, etwas schauen zu können mit dem lebendigen Denken. Man kommt jenseits des Planetensystems. Und betrachtet man in der Weise, wie ich es in meiner «Philosophie der Freiheit» getan habe, weiter den menschlichen Willen - ich habe in dieser «Philosophie der Freiheit» mich beschränken wollen auf die bloß sinnengemäße Welt, bin erst in den folgenden Schriften weitergegangen, weil die Dinge ja nach und nach entwickelt werden mußten -, so kommt man dazu, daß ebenso wie in das passive Denken, in das Denken, das man nur zu erleiden hat, der Wille einschlägt und man hinausgeführt wird über den Saturn in das Universum, daß man ebenso, indem man in den Willen sich hineinvertieft, so, daß man gewissermaßen mit seinem ganzen Wesen ruhig wird, wie ein ruhender Pol in der Bewegtheit der Willenswelt, die man sonst entfaltet, man nach der andern Seite weiterkommt. Wenn wir innerhalb unseres Leibes wollen, sind wir eigentlich in Bewegung. Selbst wenn das Wollen nur ein Wunsch ist, so liegt eine innere Stoffbewegung vor. Wollen ist, so wie es beim Menschen für das gewöhnliche Bewußtsein auftritt, Bewegung. Der Mensch ist gewissermaßen in die Bewegung der Welt hineinversetzt, indem er will. Gelingt es einem nun durch jene Übungen, die ich angegeben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dieser Bewegung, in der man innerhalb des Wollens steht, die Ruhe des eigenen Wesens entgegenzusetzen, gelingt es einem, wenn ich mich bildlich ausdrücken will, in der Seele stehenzubleiben, während man mit dem Leibe im Räume geht - es ist nur ein Bild, es muß angewendet werden auf alle Betätigungen des Willens -, gelingt es einem, in der Welt tätig zu sein und in der Seele ruhig zu bleiben, gewissermaßen die eigene Tätigkeit sich fortbewegen zu lassen und ruhig zuzuschauen seiner eigenen Tätigkeit: dann trägt man das Denken in den Willen hinein wie früher den Willen in das Denken. Dann kommt man nach der andern Seite aus der Welt heraus. Man kommt Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite:55 nämlich dadurch dazu, den Willen zu erkennen als etwas, das nun wiederum sich loslöst von dem physischen Leibe, das sogar einen herausführt aus der gewöhnlichen Erdengesetzmäßigkeit, und man lernt auf diese Weise kennen eine ganz besonders bedeutsame Tatsache bezüglich des Zusammenhanges des Menschen mit dem Universum. Man lernt sich sagen: Du hast in dir allerlei Triebe, Instinkte, Leidenschaften, die schon innerhalb des Willensmäßigen liegen. Aber diese Triebe, Instinkte, Leidenschaften, die beim Leichnam fehlen, die gehören gar nicht der Welt an, die du mit deinen Experimenten erkennen kannst, indem du dich auf die irdische Sinnenwelt beschränkst. Das gehört einer andern Welt an, die in diese Welt hineingestellt ist und die von ihrer Wirksamkeit alles dasjenige zurückwirft, was in dieser Sinneswelt liegt. Ich will heute nur skizzenhaft die Dinge andeuten, weil ich den Charakter der dritten Phase der Anthroposophie darlegen will. Man kommt dazu, nach der andern Seite in das Universum hineinzukommen, nämlich nach der Seite, die äußerlich-physisch durch den Mond charakterisiert wird. So wie der Mond das Sonnenlicht zurückwirft, es nicht aufnimmt, sondern in sich das Sonnenlicht freiläßt, indem er alles zurückstrahlt, so strahlt er auch andere Kräfte des Universums zurück. Er schließt sie aus, er gehört einer andern Welt an, als diejenige ist, durch die wir die Dinge sehen. Wir sehen die Dinge durch das Licht, der Mond strahlt uns das Licht zurück, er nimmt es nicht in sich auf. Wir werden auf der einen Seite durch das Denken, das sich selbst erfaßt in innerer Tätigkeit, bis auf den Saturn hinaufgeführt. Wir werden auf der andern Seite, indem wir den Willen erfassen, in die Mondentätigkeit hineingeführt, lernen den Menschen in Beziehung setzen zum Universum, werden hinausgeführt über das Staubkorn Erde, schwingen wieder unsere Erkenntnis auf zum Universum, finden wiederum etwas im Universum, was verwandt ist demjenigen, was in uns seelisch-geistig lebt. Und wenn wir dann auf der einen Seite das vom Willen durchtränkte aktive Denken in unserer Seelenhaltung haben, auf der andern Seite den vom Denken durchtränkten Willen und uns bewußt geworden sind: auf der einen Seite kommen wir an die Grenze des Planetensystems bis ins Saturnische, auf der andern Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 56 Seite, innerhalb des Irdischen, aus dem Planetensystem hinaus über das Universum in das Mondenhafte, wenn wir uns fühlen mit unserem Bewußtsein im Universum, so wie wir uns hier auf der Erde mit unserem Bewußtsein im Irdischen fühlen, und dann mit diesem Bewußtsein, das nun, so wie das gewöhnliche Bewußtsein das Irdische miterlebt, das Universell-Himmlische miterlebt, wenn wir mit einem solchen Bewußtsein im Himmlischen darinnenstehen und da das Selbstbewußtsein erlangen, dann taucht die Erinnerung auf an die früher zugebrachten Erdenleben, dann werden die wiederholten Erdenleben eine Tatsache des Weltengedächtnisses, das wir uns angeeignet haben. Man braucht sich nicht zu wundern darüber, daß im Irdischen nicht erinnert werden können die wiederholten Erdenleben; denn dasjenige, was dazwischen liegt, wird ja nicht auf der Erde durchgemacht, und die Wirksamkeit des einen Erdenlebens in das spätere kommt nur dadurch zustande, daß der Mensch sich vom Irdischen erhebt. Wie sollte der Mensch sich an die früheren Erdenleben erinnern, wenn er nicht sich zuerst aufschwingen würde zu einem himmlischen Bewußtsein! Ich habe heute nur skizzenhaft darüber reden wollen, denn ich habe ja über solche Dinge hier auch schon oftmals geredet. Ich habe gewissermaßen andeuten wollen die Regionen, in denen sich die anthroposophische Forschung bewegt, namentlich in den letzten Jahren bewegt hat. Diejenigen, die prüfen wollen, was hier vorgegangen ist, die werden wissen, wie sich die Haltung meiner Vorträge in den letzten Jahren gerade in solchen Regionen bewegt hat. Es hat sich darum gehandelt, allmählich eine Klärung darüber hervorzurufen, wie man aus dem gewöhnlichen Bewußtsein in ein erhöhtes Bewußtsein hineinkommen kann. Und obwohl ich immer wieder gesagt habe, der gewöhnliche, unbefangene Menschenverstand kann die Ergebnisse der Anthroposophie einsehen, so habe ich auch betont, daß für jeden heute zugänglich ist eine solche Bewußtseinshaltung, durch die er unmittelbar selber ein neues Denken und ein neues Wollen erreicht, wodurch er sich hineinversetzt fühlt in diejenige Welt, von der Anthroposophie redet. Dasjenige, was notwendig gewesen wäre, das ist, daß man abgekommen wäre davon, so etwas wie meine «Philosophie der Freiheit» mit derselben Seelenhaltung zu lesen, wie man etwa andere philosophische Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 57 Darstellungen liest. Man hätte sie in der Seelenhaltung lesen müssen, durch die man aufmerksam wird darauf, daß man in eine ganz andere Art des Denkens, des Anschauens und des Wollens hineinkommt. Dann aber würde man gewußt haben: Man erhebt sich mit dieser andern Bewußtseinshaltung von der Erde in eine andere Welt hinein, und dann entspringt aus dem Bewußtsein einer solchen Seelenhaltung eben jene innere Festigkeit, welche mit Überzeugung reden darf von demjenigen, was die Geistesforschung ergründen kann. Liest man die «Philosophie der Freiheit» in richtigem Sinne, dann redet man über das, was der Geistesforscher zu sagen hat, der eben mehr ergründen kann als dasjenige, was der Anfänger kann, mit Sicherheit, mit innerer Überzeugung. Aber ein solcher Anfänger, wie ich ihn jetzt charakterisiert habe, kann eben schon durch das richtige Lesen der «Philosophie der Freiheit» jeder werden. Dieser Anfänger kann dann von dem Ausführlicheren, das der entwickelte Geistesforscher sagen kann, so reden wie derjenige, der Chemie gelernt hat, von Forschungsresultaten redet, die er auch nicht angesehen hat, von denen er aber weiß aus dem, was er gelernt hat, aus dem, wie man über die Sachen redet und wie sie der realen Sphäre des Lebens angehören. Immer kommt es darauf an, wenn es sich um Anthroposophie handelt, daß eine gewisse Seelenhaltung eintritt, nicht bloß das Behaupten eines andern Weltbildes, als man es im gewöhnlichen Bewußtsein hat. Das hat man eben nicht mitgemacht, die «Philosophie der Freiheit» anders zu lesen, als andere Bücher gelesen werden. Und das ist es, worauf es ankommt, und das ist es, worauf jetzt mit aller Schärfe hingewiesen werden muß, weil sonst eben einfach die Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft ganz und gar zurückbleibt hinter der Entwickelung der Anthroposophie. Dann muß die Anthroposophie auf dem Umwege durch die Anthroposophische Gesellschaft von der Welt ja gänzlich mißverstanden werden, und dann kann nichts anderes herauskommen als Konflikt über Konflikt! Ich möchte nun, um eben der unmittelbaren anthroposophischen Gegenwart zu dienen, von den drei Phasen in der Entwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft ganz kurz sprechen. Vor etwa zwei Jahrzehnten wurde begonnen, Anthroposophie zu verkünden - im Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 58 wesentlichen, möchte ich sagen, denn im Keim liegt es durchaus zum Beispiel in meiner «Philosophie der Freiheit», schon in meinen Schriften über Goethes Weltanschauung - aber im wesentlichen wurde es begonnen vor zwei Jahrzehnten. Und daß es als Anthroposophie begonnen hat verkündet zu werden, mag Ihnen aus Folgendem hervorgehen. Als ich meine ersten Berliner Vorträge gehalten habe, die in dem Büchlein «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung» enthalten sind, als ich diese Vorträge im Anfange des 20. Jahrhunderts in Berlin gehalten habe, da forderte man mich von sehen der Theosophischen Gesellschaft auf, dort mitzumachen, wenn ich so sagen darf. Ich habe die Theosophische Gesellschaft nicht gesucht. Man hat dasjenige, was in jenen Vorträgen rein aus der Verfolgung meiner eigenen Weltanschauung entsprungen war, für dasjenige gehalten, was man dort hören wollte. Das hat dazu geführt, zu sagen: Die Theosophen wollen dasjenige hören, was da zu hören ist, und ich wiederum werde jederzeit da reden, wo man mich hören will. - Daher fand ich für mich, trotzdem ich früher die Theosophische Gesellschaft nicht gerade freundlich charakterisiert habe - ich habe es früher so gemacht, und habe es später so gemacht -, keine Veranlassung, nicht nachzukommen der Aufforderung, innerhalb der Theosophischen Gesellschaft das zu vertreten, was ich selber aus der geistigen Welt heraus zu vertreten habe. Daß es aber als Anthroposophie vertreten worden ist, mag eben daraus hervorgehen, daß in derselben Zeit, und zwar in denselben Stunden, als die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft in Berlin gegründet worden ist, ich abgesondert davon meinen damaligen Vortragszyklus über Anthroposophie gehalten habe, der auch so benannt war. Auf der einen Seite ist die Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet worden, und ich habe meinen Vortragszyklus über Anthroposophie damals gehalten. Also es hat sich von Anfang an darum gehandelt, nicht irgend etwas anderes zu vertreten als Anthroposophie. Und nun beginnt damit die erste Phase der anthroposophischen Bewegung, verkörpert durch dasjenige, was dazumal sich gefunden hat, um die anthroposophische Weltanschauung aufzunehmen innerhalb Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite:59 zunächst der Deutschen Sektion und dann auch weiterer Kreise der Theosophischen Gesellschaft. Durch die erste Phase hindurch war also gewissermaßen die Anthroposophische Gesellschaft in einer Art embryonalen Lebens innerhalb der Theosophischen Gesellschaft. Ich möchte sagen, eine Art Embryo war sie in der Theosophischen Gesellschaft, aber sie hat sich entwickelt eben als Anthroposophische Gesellschaft. Sie hatte innerhalb dieser ersten Phase ihre ganz besondere Aufgabe: sie hatte die Aufgabe, zunächst demjenigen, was in der Theosophischen Gesellschaft vorlag - und das war die traditionelle Aufnahme uralter orientalischer Weistümer -, entgegenzusetzen die Spiritualität der abendländischen Zivilisation mit dem Mysterium von Golgatha als Mittelpunkt. Nun haben wir die erste Periode der anthroposophischen Bewegung, die etwa bis zum Jahre 1908 oder 1909 dauert. Diejenigen, welche die Geschichte der Entwickelung der anthroposophischen Bewegung zurückverfolgen, werden sehen können, wie hinorientiert worden ist alles dasjenige, was nun - nicht durch Übernahme alter Traditionen, sondern aus dem unmittelbaren Bewußtsein der Gegenwart heraus - gefunden werden konnte über präexistentes Leben, über wiederholte Erdenleben und so weiter, wie das hinorientiert worden ist zu jener geschichtlichen Entwickelung innerhalb des menschlichen Erdendaseins, die ihren Mittelpunkt hat in dem Mysterium von Golgatha und in dem ChristusImpuls. Es wurden da die Evangelien ausgearbeitet, es wurde anderes ausgearbeitet, und man hatte - ungefähr in der Zeit, in der man beginnen konnte mit dem Übergang der anthroposophischen Bewegung zu einer Art künstlerischen Offenbarung, was dann zunächst geschehen ist durch meine Mysteriendramen - man hatte da zunächst ausgearbeitet die Anthroposophie und sie bis zu jenem Mittelpunkte gebracht, der in dem Mysterium von Golgatha lag. Dann war die Zeit gekommen, in welcher die theosophische Bewegung in eine Art Absurdität ausgeartet ist, denn diese theosophische Bewegung konnte eben nicht herankommen an das Mysterium von Golgatha, hat dann die Absurdität vollbracht, eine Art wiederverkörperten Christus in einer gegenwärtigen menschlichen Jünglingsgestalt der Welt zu verkündigen im Zusammenhang mit allerlei andern AbCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite:6 0 surditäten. Es war ganz selbstverständlich, daß ein ernster Mensch sich auf diese Absurditäten überhaupt nicht einlassen konnte, daß diese Absurditäten lächerlich waren gegenüber der abendländischen Zivilisation. Aber Anthroposophie war hineingearbeitet in diese abendländische Zivilisation, so hineingearbeitet worden, daß das Mysterium von Golgatha in einer erneuerten Auffassung innerhalb des Anthroposophischen erschien. Und es kam zu jenen Differenzen mit der Theosophischen Gesellschaft, die dann dazu geführt haben, daß alle Anthroposophen eigentlich ausgeschlossen worden sind aus derTheosophischen Gesellschaft. Das hat ihnen nichts gemacht aus dem Grunde, weil sich ja an der Anthroposophie nichts dadurch geändert hat. Ich selber habe nie etwas anderes als Anthroposophie mit denen, die sie hören wollten, getrieben, auch in der Zeit nicht, in der Anthroposophie äußerlich enthalten war in der Theosophischen Gesellschaft. Nun kam die zweite Phase der anthroposophischen Bewegung. Diese zweite Phase der anthroposophischen Bewegung hatte also zu ihrer Voraussetzung die wichtigsten Lehren über Schicksal und wiederholte Erdenleben, sie hatte das Mysterium von Golgatha in einer spirituellen Beleuchtung, die im Einklang stand mit der Zivilisation der Gegenwart; sie hatte ferner eine Evangelieninterpretation, welche die Tradition wiederum in Einklang erscheinen ließ mit dem, was man auch heute noch erfassen kann durch den lebendig gegenwärtigen und wirkenden Christus. In der zweiten Phase, die dann etwa bis zum Jahre 1916 oder 1917 dauert, hatte man zunächst, ich möchte sagen, Umschau zu halten auf alles dasjenige, was die äußere wissenschaftliche und praktische Zivilisation der Gegenwart ist. Man hatte zu zeigen, wie Anthroposophie in Einklang gebracht werden kann mit demjenigen, was heute wissenschaftlich ist, was heute künstlerisch ist, natürlich in einem tieferen Sinn, und dem, was heute praktisches Leben ist. Sie brauchen nur solche Dinge, wie den Vortragszyklus, den ich 1911 in Prag und 1910 in Kristiania gehalten habe, den einen über «Okkulte Physiologie», den andern über die europäischen Völkerseelen, zu nehmen, und Sie werden sehen, wie in der zweiten Phase der Anthroposophie ausgearbeitet worden ist der Zusammenhang mit den wissenschaftlichen Fragen der Gegenwart und mit den Fragen des praktischen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite: 61 Lebens der Gegenwart. Das sind aber nur Beispiele; die Aufgabe war, die Beziehungen zu suchen zu Wissenschaft und Lebenspraxis der Gegenwart. Während dieser zweiten Phase der Anthroposophischen Gesellschaft kam ja nichts anderes in Betracht, als daß sich in der Welt eine Anzahl von Menschen fand, die der Anthroposophie durch ihre innere Seelenverfassung Gehör schenken konnten. Diese Menschen haben sich in immer größerer und größerer Zahl gefunden. Es war nichts anderes notwendig, als daß sich Menschen zusammenfanden, die der Anthroposophie aus ihrer ehrlichen Seelenhaltung heraus Gehör schenken konnten. Dadurch konnte eine Art anthroposophische Gemeinde entstehen, und die Aufgabe war eigentlich nur diese, solchen Menschen, die gemäß dem inneren Entwickelungsgange der Menschheit in der Gegenwart etwas entgegenbrachten der anthroposophischen Erkenntnis, diesen Menschen - darum konnte es sich nur handeln - gerecht zu werden, diesen Menschen etwas zu geben, was sie brauchten für ihre Seelenentwickelung. Es bedurfte also nur der Verkündigung der Anthroposophie. Und im Grunde genommen konnte es einem gleichgültig sein, ob sich die Bekenner der Anthroposophie in diesen zwei ersten Phasen der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenfanden in sektenartigen Zirkeln, ob sie für öffentliche Vorträge herbeikamen und dergleichen. Man brauchte sich nur auf die Grundlage der ehrlich erworbenen Erkenntnis zu stellen und das zu sagen, was von dieser ehrlich erworbenen Erkenntnisgrundlage aus zu sagen war. Und man konnte innerhalb dessen, was sich da als Anthroposophische Gesellschaft herausgebildet hatte, durchaus zurechtkommen. Ein weiteres in dieser Phase war die Weiterentfaltung des Künstlerischen. Ungefähr in der Mitte dieser Phase ist aufgetreten die Intention, das Goetheanum, den Dornacher Bau aufzuführen. Dasjenige, was in den Mysterien künstlerisch gegeben worden ist, das ist dadurch in das Architektonische, Bildhauerische, Malerische ausgedehnt worden. Es kam das Eurythmische dazu, das ich ja öfter in den Einleitungen zu eurythmischen Darstellungen in seinem Wesen charakterisieren konnte. Und das alles entsprang gewissermaßen aus dem Quell heraus, der eben eröffnet war durch die Wege, die ich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» skizzenhaft angedeutet Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 57 Seite: 6 2 habe, aber so weit, daß jeder, der will, eine Vorstellung davon bekommen kann, wie man solche Wege zu gehen hat. Eine besondere Schwierigkeit ergab sich für diese zweite Phase der Anthroposophischen Gesellschaft dadurch, daß man hineinkam in jene furchtbare Zeit Europas und der neueren Zivilisation, die dann den entsetzlichen Weltkrieg gesehen hat. Und es war insbesondere schwierig in dieser Zeit, in der Mißtrauen und Haß die ganze neuere Zivilisation durchsetzten, das Schifflein der Anthroposophie durchzubringen, besonders auch deshalb, weil ja das Goetheanum auf einem neutralen Boden stand, der nicht immer ganz leicht in der Zeit der Absperrung zu erreichen war. Aber es war dasjenige, was man begründen konnte als Vertrauen in die Ehrlichkeit des anthroposophischen Wollens, eben doch größer, auch während der Zeit des Krieges, als dasjenige, was als Mißtrauen wider sie aufgetreten ist in der Nachkriegszeit. Und man kann sagen: In der anthroposophischen Arbeit hat die Kriegszeit eigentlich keine Störung hervorgerufen, es konnte in dieser Arbeit fortgefahren werden. - Und es ist ja oft hervorgehoben worden, wie eine große Anzahl von Menschen aus den verschiedensten europäischen Nationen, die sich äußerlich auf den Kriegsschauplätzen in Haß und Feindschaft im Kampfe gegenüberstanden, in Dornach friedlich miteinander in anthroposophischer Gesinnung den Bau, der uns jetzt durch das furchtbare Unglück entrissen ist, aufgeführt haben. Und dann kam die dritte Phase der anthroposophischen Bewegung, jene dritte Phase, in der aufgenommen worden ist von einer Anzahl Persönlichkeiten allerlei Tätigkeit. Ich habe schon betont, auch hier: der Inhalt dieser Tätigkeit war gut. Aber die Tätigkeiten mußten mit eisernem Willen aufgenommen und in ihrer Art verfolgt werden. Man mußte dasjenige, was man aufnahm - damals hat es sich genannt «Dreigliederungsbewegung», später «Bund für freies Geistesleben», Hochschulbund und so weiter -, man mußte all das so aufnehmen, daß man wußte, man ist so dabei, daß man mit seinem ganzen Wesen untrennbar davon ist. In der dritten Phase der Anthroposophie war es nicht mehr möglich, die Sache so zu halten, daß Anthroposophie einfach verkündet wurde und sich diejenigen zusammenfanden, die ihr ehrlicher innerer Sinn zu dieser Anthroposophie brachte, sondern es war jetzt so geCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite: 63 kommen, daß eine Anzahl von Persönlichkeiten dieses oder jenes tun wollten, von sich aus tun wollten und auch taten, so daß innerhalb der anthroposophischen Bewegung allerlei entstand von andern Gemeinschaften, als die ursprünglich anthroposophische ist. Zum Beispiel eine wissenschaftliche Bewegung. Diese wissenschaftliche Bewegung, sie hat sich erhoben auf Grundlage dessen, was von der Anthroposophie an Beziehungen zur Wissenschaft in der zweiten Phase festgelegt worden ist. Wissenschafter traten auf. Sie hatten die Aufgabe, gerade dasjenige der neueren Wissenschaft zu geben, was eben von der Anthroposophie aus der neueren Wissenschaft gegeben werden kann. Aber es hatte fortgesetzt werden sollen dasjenige, was von mir angefangen worden ist an der Hand des Hersteilens der Beziehungen zur neueren Wissenschaft. Ich darf an Vorträge erinnern, welche eben in der zweiten Phase der anthroposophischen Bewegung gehalten worden sind. Ich habe zum Beispiel immer darauf aufmerksam gemacht: Man sehe,wie die neueren Physiker zu dieser oder jener Denkweise kommen. Ich bin ausgegangen von dem, wozu die neueren Physiker kommen, ich habe es zunächst nicht verneint, sondern bejaht, ich habe gesagt: Fangen wir da an, wo die Physiker aufhören, dann kommen wir von der Physik in die Anthroposophie hinein. Und so habe ich es für verschiedene andere Gebiete gemacht. Diese Orientierung hätte fortgesetzt werden sollen, dann wäre ein anderes Bild von wissenschaftlicher Tätigkeit in der dritten Phase entstanden, als entstanden ist. Dann wäre vor allen Dingen nicht das herausgekommen, was von mir schon das letzte Mal eine unfruchtbare Polemik und eine unfruchtbare Diskussion genannt worden ist. Und heute wäre die positive Aufgabe da, zu sagen: Gewiß, Anthroposophie hat etwas in der Wissenschaft zu sagen, die Wissenschaft kann eine bestimmte Fortsetzung unter dem Einflüsse der Anthroposophie gewinnen, das ist so und so zu machen. - Dann würde eine andere Haltung gegenüber der Wissenschaft herauskommen, als in einem der letzten Hefte der «Drei» herausgekommen ist oder in einer Anzahl von Heften, die ich durchnehmen mußte wegen des Vortragszyklus über Naturwissenschaft, den ich letzte Weihnachten in Dornach zu halten hatte. Sie hat mich erschreckt durch die der Anthroposophie ebenso wie der Wissenschaft schädliche Art, sich auseinanderzusetzen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 64 mit Wissenschaft und Anthroposophie. Mit dieser unfruchtbaren Polemik der Anthroposophen führt man nur die Anthroposophie einem gewissen Mißkredit entgegen. Damit habe ich nicht bloß eine Kritik geliefert, sondern zugleich angedeutet, was der Wissenschafter heute innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft zu tun hat. In anderer Beziehung hat ähnliches zu geschehen. Man beachte einmal einen andern Fall. Ich habe auch darauf schon das letzte Mal aufmerksam gemacht. Wir haben in der dritten Phase der anthroposophischen Bewegung den Hochschulbund sich begründen sehen. Dieser Hochschulbund ist aufgetreten mit einem ausgezeichneten Programm; aber man hätte dabei bleiben müssen, mit seinem ganzen Wesen dafür einstehen müssen, irgend jemand. Ich selber hatte nur für Anthroposophie einzustehen. Wenn irgend jemand auf dem Boden der Anthroposophie etwas unternahm, das selbständig war, hatte er selber dafür einzustehen. Man blieb nicht hinter dem Programm stehen, trotzdem ich, als das Programm gemacht wurde, ausdrücklich aufmerksam gemacht habe - die Worte habe ich gebraucht: Man mache solche Programme nur, wenn man den eisernen Willen hat, sie durchzuführen; sonst unterlasse man sie. - Also man unterlasse sie, wenn man nicht dabei stehenbleiben will. Wer nicht dabei stehengeblieben ist, das ist die führende Welt der Anthroposophischen Gesellschaft gewesen. Was hat sich herausentwickelt? Etwas hat sich herausentwickelt, was zur Anthroposophie wiederum hinkommt, das heißt, zur lebendigen Quelle der Anthroposophie hinkommt: eine Anzahl von jüngeren Menschen der studentischen Welt, die mit aller Sehnsucht zur echten Anthroposophie wiederum hinwollen und die ihrerseits in der Anthroposophischen Gesellschaft dasjenige nicht finden können, was sie suchen, die ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht haben: Wir wollen uns zum Beispiel auch von der künstlerischen Seite aus dem anthroposophischen Impuls nähern. - Zu Frau Dr. Steiner sind die Leute gekommen, um von der Rezitation und Deklamation aus hineinzukommen in den anthroposophischen Schwung, wenn ich mich so ausdrücken darf. Daneben ging ein anderes, meine lieben Freunde. Daneben ging es so, daß in der dritten Phase der anthroposophischen Bewegung eben die geistigen Welten so geschildert wurden, wie ich sie jetzt am Anfange Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite: 65 meines heutigen Vortrages kurz skizziert habe für ein bestimmtes Kapitel, das gewissermaßen erhoben wurde in die Sphäre rein geistiger Betrachtung, wo man zeigen kann, wie der Mensch zu einem andern Bewußtsein kommt, um in die geistige Welt hineinzukommen. Zu der Orientierung nach dem Mysterium von Golgatha, zu der Orientierung gegenüber Wissenschaft und Lebenspraxis in der ersten und zweiten Phase kam die dritte Phase, ich möchte sagen, die unmittelbare Darstellung der geistigen Welten. Und wer verfolgt hat, was während der drei Phasen nach dieser Richtung in Dornach versucht worden ist, versucht worden ist zum Beispiel auch hier, wer ein Herz und einen Sinn gehabt hat für den Fortschritt, der darin lag gegenüber der ersten und zweiten Phase, wer namentlich verfolgt hat das, was auch außerhalb der mitteleuropäischen Zivilisation in der letzten Zeit als anthroposophischer Inhalt verkündet werden kann, der wird bemerken, daß es sich darum handelt, eine wirkliche dritte Phase der anthroposophischen Bewegung zu begründen, die aber in geradem Aufstiegen gerader Fortentwickelung der beiden ersten liegt. Und im Grunde genommen wäre es nicht möglich gewesen, die Waldorfschul-Pädagogik, die ebenso aus dem ewigen wie aus dem zeitlichen Wesen des Menschen heraus geschaffen werden mußte, zu schaffen, ohne diese dritte Phase der anthroposophischen Bewegung. Nun vergleichen Sie mit alledem, was ich Ihnen jetzt gesagt habe - ich will niemanden kritisieren, aber ich muß jetzt aus einem offenen Herzen zu Ihnen sprechen —, die beiden Diskussionen, die hier gepflegt worden sind gestern und eine Woche vorher, und fragen Sie sich, wie an der Anthroposophischen Gesellschaft die drei Phasen der anthroposophischen Arbeit vorbeigegangen sind. Wären nicht diese Diskussionen vor achtzehn Jahren oder meinetwillen sechzehn Jahren in genau demselben Wortinhalte möglich gewesen, wie jetzt nach zwei Jahrzehnte langer anthroposophischer Arbeit? Ist es nicht, als ob die Anthroposophische Gesellschaft im Anfange bei ihrer Gründung wäre? Wie gesagt, ich will niemandem irgendwie kritisch nahetreten, aber Anthroposophische Gesellschaft kann nur etwas sein, wenn sie die Pflegestätte desjenigen ist, was in anthroposophischer Arbeit errungen wird, wenn diejenigen, die zum Beispiel als Wissenschafter in ihr tätig Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite:66 sind, eingedenk dessen sind, daß sie die Anthroposophie nicht über der Wissenschaft vergessen dürfen, sondern daß sie gerade die neueste Phase der Wissenschaft mit Anthroposophie krönen müssen, nicht in unfruchtbarer Polemik die Anthroposophie, ich möchte sagen, bloßstellen vor der Wissenschaft. Diejenigen, die als Lehrer tätig sind, haben eine ähnliche Aufgabe. Und insbesondere hätten diejenigen eine ähnliche Aufgabe, die als Praktiker tätig sind; denn gerade die Lebenspraxis wird am meisten Einwendungen machen gegen Anthroposophie, die gerade sehr praktisch sein kann, der man es aber am allerintensivsten streitig machen will, praktisch zu sein. Heute steht eben die Anthroposophische Gesellschaft vor der Notwendigkeit, nicht bloß zuzusehen der wirklichen anthroposophischen Arbeit und daneben allerlei zu begründen, ohne daß man diesen Begründungen den anthroposophischen Eifer und anthroposophischen Enthusiasmus zugrunde legt, heute steht die Anthroposophische Gesellschaft vor der Notwendigkeit, sich bewußt zu werden der anthroposophischen Arbeit. Das ist eine ganz positive Bezeichnung ihrer Aufgabe, die nur in den Einzelheiten ausgeführt zu werden braucht. Sonst, wenn dieses Positive nicht unternommen wird, führt das dazu, daß Anthroposophie durch die Anthroposophische Gesellschaft vor der Welt geschädigt und immer mehr geschädigt würde. Wie viele Gegnerschaft hat zum Beispiel die Dreigliederungsbewegung der anthroposophischen Bewegung deshalb gebracht, weil die Dreigliederungsbewegung nicht verstanden hat, sich auf anthroposophischen Boden zu stellen, sondern sich auf den Boden aller möglichen Kompromisse gestellt hat, und man nach und nach in einzelnen Kreisen anfing, Anthroposophie zu verachten. In ähnlicher Weise geht es auf anderen Gebieten. Was wir zu sehen haben, ist eben, daß Anthroposophie, wie ich im ersten der Vorträge, die ich vor Ihnen hier halten durfte, gesagt habe, die Mutter ist dieser Bewegung. Dessen muß man sich bewußt werden; das hätte auch dazu geführt, die richtige Orientierung gegenüber der von mir ja inaugurierten Bewegung für religiöse Erneuerung zu finden. Statt dessen sind nur Schiefheiten auch auf diesem Gebiete zutage getreten. Heute handelt es sich darum, in dieser ernsten Stunde die Worte zu finden, die in positive Arbeit hineinführen, hinauszugehen über das unfruchtbare Reden in dem Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 67 Sinne, als ob man heute in der Zeit vor zwei Jahrzehnten stünde und als ob keine anthroposophische Arbeit geleistet worden wäre. Sie müssen, meine lieben Freunde, nicht übelnehmen, daß ich in dieser Weise jetzt zu Ihnen gesprochen habe; ich mußte es tun, denn es liegt das vor, was ich am 6. Januar bereits in Dornach ausgesprochen habe: die Anthroposophische Gesellschaft ist gut, die Anthroposophische Gesellschaft kann aufnehmen dasjenige, was ich auch mit den schärfsten Worten jetzt charakterisiert habe. Aber es muß die Führerschaft der Anthroposophischen Gesellschaft sich der Aufgabe bewußt werden, daß die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie sich Anthroposophische Gesellschaft weiterhin nennen will, eben ein Bewußtsein davon in sich tragen muß, daß sie die Trägerin der anthroposophischen Arbeit sei. In dem Augenblicke, wo mit gutem Willen dieses Bewußtsein hinlänglich klar ausgesprochen wird, in dem Augenblicke hören die Konflikte, die jetzt ausgebrochen sind, auf. In dem Augenblick ist auch die Krisis vorüber. Aber es gehört der gute Wille dazu, dieses auch wirklich auszusprechen, nicht bloß unfruchtbare Kritik zu üben; allerdings auch nicht sich in Illusionen zu wiegen, wenn man ein paar Kompromisse zwischen dieser oder jener Bewegung herbeigeführt hat, um dann wieder im alten Trott fortzusegeln, sondern es handelt sich darum, ganz und gar ernst zu machen mit der anthroposophischen Arbeit. Alle einzelnen Strömungen innerhalb der anthroposophischen Bewegung müssen zusammenwirken, um diesen Ernst herbeizuführen. Da darf es nicht geben abgesondert eine Waldorfschul-Bewegung, eine Bewegung für freies Geistesleben, eine Bewegung für religiöse Erneuerung, sondern das alles kann nur gedeihen, wenn es sich fühlt innerhalb der Mutterbewegung, der anthroposophischen Bewegung. Ich weiß, daß schließlich doch das aus aller Herzen heraus gesprochen ist für alle diejenigen, die es ehrlich mit der anthroposophischen Bewegung meinen. Deshalb durfte ich es auch heute vor Ihnen hier mit etwas schärferen Worten aussprechen. Die meisten von Ihnen werden sich schon bewußt geworden sein, daß es jetzt darauf ankommt, die Dinge mit klar umrissenen Worten auszusprechen, damit eben dieses Bewußtsein entsteht, von dem ich die Notwendigkeit darlegen wollte. Drei Phasen hat die anthroposophische Bewegung durchgemacht. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 5 7 Seite: 6 8 In der dritten Phase hat man die Anthroposophie in einem gewissen Sinne über allerlei Einzelbewegungen vergessen. Sie muß wiedergefunden werden, wiedergefunden werden als lebendige Geistesbewegung, als solche lebendige Geistesbewegung, die gerade von dem modernen Zivilisationsleben und vor allen Dingen von einem echten Empfinden moderner Herzen der Menschen gefordert wird. In diesem Sinne nehmen Sie diese Worte auf. Haben sie auch hart geklungen, meine lieben Freunde, denken Sie, daß sie um so herzlicher gemeint gewesen sind, daß sie auffordern wollen nicht zu irgendeiner kaustischen Überlegung, sondern zu einer Bewegung aus gutem anthroposophischem Herzen heraus. |


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ablage/offen/rudolf_steiner/mitglieder/164_ga_257_anthroposophische_gemeinschaftsbildung/003_dritter_vortrag.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:05

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