Dornach, 17. April 1921, SECHSTER VORTRAG : Heileurythmie-Kurs gehalten in Dornach für Eurythmisten und Ärzte VI
Das zunächst nach dem Geistigen hin gelegene Physiologische der Eurythmie am Beispiel von Goethes Gedicht «Über allen Gipfeln ist Ruh». Zuhören: ein schlaf ähnlicher Zustand, ähnlich dem Imaginieren. Ätherbewegungen des schlafenden oder zuhörenden Menschen, Ausführung durch den physischen Leib in der Eurythmie. Anregung der Wachstumskräfte beim Kind, verjüngender Kräfte beim Erwachsenen. Wirkung des vokalischen Eurythmisierens auf die Organe des rhythmischen Systems. Anhören von Konsonantischem. Wirkung des konsonantischen Eurythmisierens auf die Kopforganisation. Verdauungstätigkeit als Stoffwechseltätigkeit, die nach dem Rhythmischen hin sich entfaltet. Menschliche Willenstätigkeit. Egoismuskräfte in ihrer Bedeutung für den menschlichen Organismus. Kristallisationskraft und plastische Kraft der Organe. Geistige Tätigkeit und physische Tätigkeit. Rhythmische Abwechslung von konsonantierendem und vokalisierendem Eurythmisieren, Wirkung auf die Aura des Menschen.
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unendlich vieles anzuführen über die Beziehungen des Hygienisch-Therapeutischen zur Eurythmie - wir wollen heute einmal in Erwägung ziehen,
ich möchte sagen das zunächst nach dem Geistigen hin gelegene Physiologische, das sich uns ergibt, wenn wir die eurythmische Übung ins Auge
fassen. Natürlich dasjenige, was sich beobachten läßt an der Kunsteurythmie in dieser Beziehung, das wird alles in verstärktem Maße einem entgegentreten, wenn man von der Kunsteurythmie übergeht zu dem, was
wir als eine gewisse verstärkte Eurythmie in diesen Tagen kennengelernt
haben. Aber das Wesentliche, um was es sich handelt, kann schon an der
Ausführung eines Eurythmischen rein künstlerisch auch beobachtet werden, und dann kann gewissermaßen die Physiologie dafür gesucht werden.
Nun wollen wir, um dieses zu tun, einmal folgendes ausführen.
Vielleicht ist Frau Baumann so gut und führt abwechselnd vokalisch
und konsonantisch aus das Gedicht, das Sie (Frau Dr. Steiner) vielleicht
rezitieren: «Über allen Gipfeln ist Ruh.»
Nun machen wir uns klar, was da eigentlich vorgeht; aber gehen wir
ganz exakt vor dabei. Was geht vor? Es wird eine Dichtung rezitiert. Also
derjenige, der eurythmisiert - der kommt ja physiologisch für uns jetzt in
Betracht -, derjenige, der eurythmisiert, hört an, er hört zu. Das ist das
erste, was wesentlich zu beachten ist: er hört zu. Also er spricht nicht
selbst, er hört zu. Das ist das Wesentliche. Und er hört etwas an, was im
wesentlichen das sinnerfüllte Wort, der sinnerfüllte Wortzusammenhang
ist. Also er hört sich an etwas, worinnen Denktätigkeit, Vorstellungstätigkeit lebt. Also dasjenige, was er äußerlich wahrnimmt, ist Vorstellungstätigkeit, gekleidet in den Lautzusammenhang. Nicht wahr, das ist etwas,
was der Mensch in seinem wachen Tagesleben oftmals tut. Was geschieht
denn da eigentlich, wenn der Mensch in seinem wachen Tagesleben dieses
tut? Sie werden leicht bemerken, wenn Sie psychologisch-physiologisch
sich den Vorgang überlegen, daß beim Zuhören stattfindet ein leises partielles Einschlafen. Ich und astralischer Leib gleiten hinüber in dasjenige,
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was sie aufnehmen, sie leben sich hinein in dasjenige, was sie aufnehmen.
Der Mensch tritt also gewissermaßen leise aus sich heraus, indem er zuhört. Er verfällt, indem er zuhört, in einen Zustand, der schlafähnlich und
wieder nicht schlafähnlich ist. Schlafähnlich ist er dadurch, daß sein Ich
und sein astralischer Leib leise heraustreten. Nicht schlafähnlich ist er dadurch, daß dieses Ich und der astralische Leib doch empfänglich bleiben,
wahrnehmend bleiben und sich bewußt bleiben. Es ist also dasjenige, was
da sich abspielt, außerordentlich ähnlich dem Imaginieren. Es ist ein leises
bewußtes Imaginieren, ein bewußtes Imaginieren, das noch sehr stark in
das Unterbewußte hinuntergedrängt ist. Das ist der Vorgang.
Nun, gegen jeden solchen Vorgang gibt es eine Reaktion des Menschen
selbst; diese Reaktion des Menschen selbst beachten wir auch. Also jetzt
schauen wir auf dasjenige, was sich bei einem Menschen vollzieht, der eben
nicht rezitiert. Was tut denn der, wenn er zuhört? Er bringt seinen Ätherleib in Bewegung. Der Ätherleib reagiert. Der Ätherleib nimmt tatsächlich
diejenigen Bewegungen an, die er ausführt, aber viel schwächer, wenn der
Mensch schläft und seinen Ätherleib im physischen Leib zurückläßt.
Wenn der Mensch schläft und seinen Ätherleib und physischen Leib zurückläßt, so ist ja dieser Ätherleib wesentlich tätiger, als wenn der Mensch
wacht. Nun werden in einem verstärkten Maße bei diesem abgelähmten
Schlafe, der im Zuhören stattfindet, die Bewegungen des Ätherleibes
wachgerufen. Man kann beobachten diese Bewegungen des Ätherleibes.
Man hat also im zuhörenden Menschen einen Menschen, der gesteigert
diejenigen Bewegungen zeigt, die sonst abgeschwächt der Mensch im
Schlafe zeigt. Man kann also auch beim zuhörenden Menschen, und zwar,
indem es einem geradezu vordemonstriert wird, die Ätherbewegungen des
Menschen beim Schlafe studieren. Man braucht den Menschen gar nicht
im Schlafe zu studieren, man kann die Ätherbewegungen des Menschen
studieren, wenn er zuhört, und auch da gerade die verstärkten Schlafbewegungen des Ätherleibes. Diese Bewegungen, die studiert man, und man
läßt sie nun vom physischen Leibe ausfuhren, das heißt, man läßt den
physischen Leib in alle die Ätherbewegungen hineingleiten, die man auf
die eben angegebene Weise studiert hat. So daß man also in der Eurythmie
dasjenige ausführt, was der Mensch beim Zuhören mit seinem Ätherleibe
fortwährend ausführt. Sie sehen, was da eigentlich geschieht.
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Nun, nachdem man so beobachtet hat dasjenige, was da eigentlich
geschieht, so wird sich einem auch ergeben, was die Wirkung ist. Die
Wirkung ist diese, daß man ins Bewußtsein hereinführt, eben auf dem Umwege durch die physische Bewegung ins Bewußtsein einführt, was sonst
unbewußt geschieht. Man regt also damit wiederum auf dem Umwege
durch den physischen Leib astralischen Leib und Ich an, man macht sie so,
daß sie verstärkt sind. Was geschieht aber dadurch? Wenn astralischer Leib
und Ich auf diese Weise verstärkt sind, dann wird ihre Tätigkeit ähnlich
derjenigen, die im Naturzusammenhang beim Kind und beim noch heranwachsenden Menschen wirkt. Man appelliert also an die Wachstumskräfte
des Menschen. Man arbeitet direkt in den Wachstumskräften des Menschen. Ist der Mensch noch ein Kind und droht er im Wachstum zurückzubleiben, so regt man dadurch sein Wachstum an. Ist der Mensch kein
Kind mehr, haben die Wachstumskräfte schon abgenommen, oder ist der
Mensch gar in der zweiten Hälfte seines Lebens, so wendet man sich an die
Jugendkräfte, wendet man sich an verjüngende Kräfte in ihm, die aber,
weil ja der menschliche Organismus schon ausgewachsen ist, nicht zu seinem Wachstum beitragen können. Wir können ein Kind in seinem Wachstum fördern, wenn wir es eurythmisieren lassen, [oder] in seinem abnormen Wachstum bekämpfen.' Bei einem erwachsenen Menschen setzt der
innere Organismus zu großen Widerstand entgegen, als daß wir ihn noch
wachsen machen könnten. Aber dennoch führen wir diese Wachstumskräfte in ihn ein. Die Folge davon ist, daß sie an dem Widerstand des
Organismus anprallen und sich dadurch metamorphosieren, das heißt, sie
regen in diesem metamorphosierten Zustand die plastische Kraft der inneren Organe an. Sie wirken anregend auf die plastische Kraft der inneren
Organe, und diese inneren Organe lernen dadurch besser atmen, sie lernen
dadurch besser verdauen. Sie werden also in bezug auf die ganze notwendige Tätigkeit des menschlichen Organismus angeregt. Wenn Kunsteurythmie ausgeführt wird, so darf sie natürlich nicht zugleich als Heileurythmie gedacht werden, obwohl sie in dem Augenblicke, wo der
Mensch anfängt, überhaupt irgendwie abnorm zu sein, auch heilend
wirken wird. Aber wir haben ja auch schon die Beispiele betrachtet, wo
* Im Stenogramm auch möglich als «dämpfen» zu lesen.
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wir durch Verstärkung der gewöhnlichen Eurythmie gesehen haben, wie
auch natürlich dasjenige verstärkt werden muß, was als Reaktion auftritt,
und wir können uns jetzt eine Vorstellung machen, wie in die Plastik
der Organisation hinein diese Eurythmie wirkt.
Sie können verstehen, daß die habituelle Ausübung der Eurythmie für
den Menschen zunächst die Plastik der Organe, die plastische Kraft der
Organe anregt, daß der Mensch in seinem Inneren ein besserer Atmer
wird, daß er in bezug auf die nach innen gelegene Verdauung ein - wenn
ich mich so ausdrücken darf - besserer Mensch wird. Er wird ein Mensch,
der mehr seinen ganzen Organismus in seine Willkür hereinbekommt. Er
wird ein innerlich geschickterer Mensch. Und eigentlich besteht alles
Künstlertum darinnen, daß man den inneren Menschen beweglich, plastisch, geschickt macht. Man kann das schon sehen, wenn man zum Beispiel plastisch arbeitet. Man kann eigentlich nicht richtig plastisch arbeiten,
wenn man nicht in seinem inneren Erleben übergehen kann, sagen wir
zum Beispiel in die Figur, die man plastisch ausarbeitet, wenn man nicht
diese Kräfte lebendig machen kann in sich selber, die diese Figur bilden,
die in dieser Figur sich ausdrücken wollen. Aber wenn man dann noch den
menschlichen Organismus selber als ein Werkzeug betrachtet und das
Entsprechende im Inneren tut, dann ist dasjenige, was bei dem äußeren
Künstlertum der Fall ist, in einem noch erhöhten Maße der Fall, denn
dann kann man gar nicht anders, als daß man im Inneren das Entsprechende hervorruft für die äußere Bewegung.
Wir wollen nun, wenn Sie so gut sind, das Gedicht noch einmal
machen, und zwar so, daß Sie rein vokalisch, also nur mit Betonung der
Vokale die Eurythmie ausführen. (Frau Dr. Steiner rezitiert, Fräulein
Wolfram eurythmisiert.)
Hier ist dasjenige, was ich über die Physiologie des Eurythmischen
eben gesagt habe, spezialisiert. Wenn also rein vokalisch eurythmisiert
wird, haben wir nicht im vollen Sinne dasjenige zum Ausdruck gebracht,
was ich eben charakterisiert habe. Was ich eben charakterisiert habe, das ist
richtig für den Fall, daß gesprochen wird und dabei abwechselnd konsonantierende und vokalisierende Bewegungen gemacht werden. Für dasjenige, was wir eben ausgeführt haben, ist das, was ich gesagt habe, nicht
ganz richtig, sondern wir müssen es selbst spezialisieren. Denn hier werCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 81
den ganz bestimmte differenzierte Bewegungen ausgeführt, die sich also
herausstellen als solche Bewegungen im Ätherleib, die vorzugsweise sich
beziehen auf alles dasjenige, was im rhythmischen System selber liegt. Also
dasjenige System fassen wir als ätherisches System ins Auge, das sich insbesondere beim Sprechen beteiligt. Fassen wir dieses ins Auge. Wenn der
Mensch dem Vokalischen zuhört - natürlich, die Sache ist so spezialisiert
nur in der Eurythmie vorhanden, aber gerade deshalb muß sie hervorgehoben werden, weil sie da für das Therapeutische besonders wichtig ist -
wenn der Mensch dem Vokalischen zuhört, also wenn man ihm nur eine
Aufeinanderfolge von Vokalen rezitieren würde, oder wenn man ihn
eben nur solche Bewegungen machen läßt - da hört er ja gewissermaßen
eurythmisierend solchen Bewegungen zu, die Ausdrucksformen für das
Vokalisieren sind -, dann kommen gewöhnlich beim Menschen nun, der
dem Vokalisieren zuhört, diejenigen Bewegungen des Ätherleibes in der
früher beschriebenen Weise zur Betätigung, die dem rhythmischen
System entsprechen. Und man läßt nun diejenigen Bewegungen wiederum
ausführen von dem Eurythmisierenden, durch die er mit seinem physischen Leib in diese Bewegungen hineingleitet, die sonst durch den Ätherleib beim Zuhören des Vokalischen sich abspielen. Das ist also die Spezialisierung der Sache. Dadurch aber werden insbesondere zur Atmungs- und
inneren Verdauungstätigkeit diejenigen Organe angeregt, die Organe für
das rhythmische System sind. Die werden gestärkt, in denen wird der
Appell an die Wachstumskräfte gerichtet beim noch heranwachsenden
Kinde, oder an die plastischen Kräfte, die an der Organisation eben ihren
Widerstand haben, bei dem erwachsenen Menschen.
Das führt Sie in die Physiologie gerade des vokalischen Eurythmisierens hinein. Wenn Sie also dasjenige zu therapeutischen Zwecken anwenden, was dem Vokalisieren entstammt in der Eurythmie, dann werden
Sie auf die rhythmischen Organe ganz besonders wirken.
Nun darf ich Sie vielleicht bitten, Frau Baumann, konsonantierend
dasselbe Gedicht noch einmal auszuführen. Sie werden beim bloßen Anblick den radikalen Unterschied beim Konsonantieren gegenüber dem
Vokalisieren ja unmittelbar merken. Dieser Unterschied ist auch ein
durchaus radikaler. Und wenn wir dasjenige, was wir jetzt eben gesehen
haben, studieren wollen, dann müssen wir uns klar sein darüber, wie sich
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die Sache verhält beim gewöhnlichen Anhören, wenn wir also nur Konsonantisches anhören würden. Es ist ja das beim Kulturmenschen wenig der
Fall, aber bei weniger zivilisierten Volksstämmen kommt es allerdings vor,
daß sie viel Konsonantisches anhören müssen. Denn bei weniger kultivierten Volksstämmen hat die Sprache [eine] wesentlich reichere Konsonantenwelt und da ist ein starker Übergang von einem Konsonanten zum
andern, unbehelligt durch das dazwischenliegende Vokalische, vorhanden.
Sie können das sogar noch bis [nach] Europa herein beobachten. Schauen
Sie sich einmal tschechisch geschriebene Worte an, so werden Sie sehen,
wie Sie da Konsonantenzusammenstellungen haben. Nun, selbstverständlich, wenn sie ausgesprochen werden, so klingt das Vokalische in diesen
Konsonantenzusammenstellungen schon mit, aber es durchsetzt sie nur so
wie eine fortlaufende, kaum nuancierte Strömung. Und wenn Sie dem
Tschechischen zuhören, so werden Sie sich einfach sagen müssen: Dieses
Anhören des Konsonantischen ist ein ganz anderes als das Anhören eines
in einer Sprache Gegebenen, die außerordentlich gut vokalisierend ist.
Man hat es also da mit einem ganz andern Prozeß zu tun, und diesen
Prozeß kann man in der folgenden Weise am besten charakterisieren: Dieser Prozeß, er ist also als gewöhnlicher Anhörungsprozeß, er ist ein starkes
Hervorrufen derjenigen Bewegungen des Ätherleibes, die bei den physischen Bewegungen sonst eigentlich ausgeführt werden. Sie werden zurückgehalten. So daß also der Mensch beim Anhören des Konsonantischen in
einer gewissen Spannung lebt. Er möchte eigentlich unbewußt, beim Anhören des Konsonantischen, äußerlich physisch imitieren, nachahmen, und
hält es zurück. Diese Spannung lebt da. Es ist im wesentlichen ein Beruhigungszustand, aber ein künstlich hervorgerufener, durch eigene Ich-Kraft
hervorgerufener Beruhigungszustand gegenüber den Bewegungen, die
eigentlich ausgeführt werden wollen. Es ist also ein in sich gestaltetes Wollen, das beim Anhören des Konsonantischen zutage tritt. Sie werden daher
auch finden, daß das Anhören des Konsonantischen außerordentlich innerlich kräftigt, stark macht. Und man kann schon studieren, wenn man dafür
ein Auge hat, man kann schon studieren wie solche Völker, wie zum
Beispiel das tschechische Volk sich in seinem Inneren ausnimmt, wie sich da
* Von Helene Finckh so übertragen, bei späteren Kontrollen eher als «gestähltes»
gelesen. In früheren Ausgaben «gestautes».
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:315 Seite: 83
der Mensch in seinem Inneren ausnimmt, mit diesen Spannungskräften,
mit diesen aggressiven Kräften, wenn man weiß, daß das an dem Konsonantieren der Sprache herangebildet ist, dieses fortwährende Zurückhalten
desjenigen, was eigentlich physische Bewegung werden will.
Nun ist es ja wiederum ein Herausgehen des Menschen, ein Übergehen
in den Schlaf zustand, und dieses Herausgehen des Menschen, dieses Übergehen in den Schlafzustand, es ist außerordentlich interessant. Sehen Sie,
beobachten Sie einmal schematisch den Menschen: Kopf, rhythmisches
System, Gliedmaßen-Stoffwechselsystem.
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Engagiert beim Konsonanten-Zuhören ist ja vorzugsweise das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem. Der Mensch will seine Glieder bewegen, will
in Bewegung übergehen, nur ist die Bewegung in Spannung versetzt. Er
geht gewissermaßen in einen Schlaf über, der eigentlich sonst nicht ausgeführt wird, denn es bleiben eigentlich Ich und astralischer Leib wie im*
gewöhnlichen Schlafe, bleiben im Organismus drinnen.** Jetzt sucht man
sogar eine Art künstlichen Schlafs herbeizuführen für das GliedmaßenStoffwechselsystem in diesem Falle. Aber da macht sich dann die starke
Reaktion bemerkbar, diese starke Reaktion, wenn man gewissermaßen
einschläft mit seinem Gliedmaßen-Stoffwechselmenschen. Diese Reaktion
besteht darin, daß man träumt. Aber nun ist wiederum das Bewußtsein
* Nicht eindeutig zu entziffern, möglicherweise «beim» an Stelle von «wie im».
** Zu dieser Aussage siehe Hinweis S. 151.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 8 4
nicht dazu hergerichtet, daß man träumt. Es entstehen gewissermaßen
Träume am Menschen, die ihn umspielen (orange).
T4
orange
orange
Er beeinflußt die äußere Astralität und den äußeren Äther. Solche
Menschen, die Konsonantischem zuhören, machen in ihrer Umgebung
eine Verstärkung der Aura, und diese Verstärkung der Aura, die spricht
sich wiederum polarisch dadurch aus, daß nun dasjenige, was da im Unterbewußtsein bleibt, als polarischer Inhalt, als Willensgefühlsfaktor den
Kopforganismus umspielt (violett) und in den Kopforganismus sich
hineinsetzt.
violett
iolett
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orange
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 8 5
orange
Sie können daher bemerken bei solchen Menschen, die ans Konsonantieren gewöhnt sind, eine Verstärkung ihres Eigensinnes, eine Verstärkung
des Eigenwillens. Es sind in Wille umgewandelte Träume, die da durch
den Kopforganismus spielen, in Wille umgewandelte Träume.
Was ist denn das eigentlich physiologisch richtig angesehen «in Wille
umgewandelte Träume»? Wenn man dafür das ätherisch-physische Korrelat betrachtet - das ist im wesentlichen dasjenige, was nun plastisch wirkt
in der Kopforganisation. Man hat also vorzugsweise das plastische Wirken
auf die Kopforganisation, und man wird solche Kopforganisation, welche
gewissermaßen hinter sich selber zurückgeblieben ist, die wird man auf
diese Weise anregen können. Hat man es also zu tun mit einem Schwachsinnigen, hat man es zu tun mit jemandem, bei dem man sonst konstatieren
kann, physisch konstatieren kann, daß seine Kopforganisation nicht in
Ordnung ist, so lasse man ihn konsonantierend eurythmisieren, und man
greift ein in diejenige Kraft, die sonst als traumhafter Wille in der ganzen
übrigen, in der Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation wirkt und da die
Organisation anregt, in Regsamkeit erhält. Man macht dem Schwachsinnigen und dem sonst in der Kopforganisation Zurückgebliebenen seinen
Kopf regsamer. So daß man also brauchen kann diese Art von Eurythmie,
um Heilkräfte in bezug auf die Kopforganisation hervorzurufen. Insbesondere wenn man das verstärkt ausführen wird, was wir ja als Verstärkung, als verstärkte Metamorphose der Konsonanten in der Eurythmie,
was wir da in den letzten Tagen gehört haben.
Es ist ja natürlich, wenn man die Physiologie des Eurythmisierens ins
Auge fassen will, daß man den bewegten, regsamen Menschen ins Auge fassen muß, daß man also gewissermaßen wirklich Physiologie treiben muß.
Denn mit der gewöhnlichen Physiologie treibt man eigentlich keine Physiologie, sondern man geht im Grunde genommen doch, selbst wenn man
seine Versuche am Lebendigen macht, vom Maschinellen aus, oder man
geht ganz von der Leiche aus und schließt dann auf das eigentlich Physiologische. Man hat also etwas, was man erschlossen hat. Das, was man sonst
erschlossen hat, das muß man der Regsamkeit des Menschen ablesen, wenn
man es zur Physiologie dieser Prozesse bringen will, und man wird sehen
können, daß von einem solchen Studium eine Belebung der gesamten Physiologie wiederum ausgehen kann. Denn bedenken Sie nur das Folgende:
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Was ist eigentlich, jetzt am lebendigen Menschen betrachtet, die Verdauungstätigkeit? Sie ist Stoffwechseltätigkeit, die nach dem Rhythmischen hin
stößt, nach dem Rhythmischen hin sich entfaltet. Verdauungstätigkeit ist
Stoffwechsel, der gewissermaßen aufgefangen wird von dem Rhythmus der
Zirkulationsorgane. Es spielt sich ja fortwährend ein Prozeß ab, der eine
Zusammensetzung ist aus der Stoffwechseltätigkeit in der Gewebeflüssigkeit. Und dasjenige, was sich abspielt als Stoffwechseltätigkeit in der Gewebeflüssigkeit, das wird, indem der Rhythmus heranschlägt„, selber von diesem Rhythmus der Zirkulationsorgane mitgenommen, mitgerissen, und es
geht die mehr chaotische Tätigkeit, das Chaos, das stattfindet in den Regungen der Gewebeflüssigkeit, das geht über in den Rhythmus des Zirkulationssystems. Und in so etwas, wo das Chaos der Gewebeflüssigkeit übergeht in die regelmäßige rhythmische Betätigung des Zirkulationssystems,
in dem lebt sich ja physisch aus dasjenige, was menschliche Willenstätigkeit
ist. Willenstätigkeit - die man wiederum jetzt genau unterscheiden muß
vom äußeren Tun, obwohl sie sich in dieses äußere Tun ergießt-, die besteht
darinnen, daß ein fortwährender Übergang stattfindet zwischen chaotischer
Regsamkeit in der Gewebeflüssigkeit und rhythmisch-regelmäßiger Tätigkeit, auch harmonisierender Tätigkeit in dem Zirkulationswesen. Dadurch
aber, daß dieses stattfindet, harmonisiert sich die Innenwelt des Menschen,
das innerhalb der Haut Gelegene, mit dem äußeren Wesen des Menschen.
Der Mensch gliedert sich gewissermaßen, indem er sein Eigenwesen“ herabsetzt, in das Wesen der Außenwelt ein. Indem man daher eurythmisch
auf diese Tätigkeit wirkt, wie wir es j a beim Konsonantieren gesehen haben,
ist das so, daß wir in der Tat entgegenwirken dem Eigensinnig-Werden des
Menschen, dem Egoistisch-Werden des Menschen, aber auch im organischen Sinne dem Egoistisch-Werden des Menschen. Denn was heißt denn
egoistisch werden des Menschen eigentlich? - Sehen Sie, egoistisch werden
des Menschen heißt, organisch ausgedrückt: die Organe verlieren ihre plastische Kraft und nehmen zu in bezug auf ihre starre Kristallisationskraft.
Sie wollen gewissermaßen nicht mehr Plastiker sein, sie wollen sich nähern
dem Kristallisierungszustande. Dem arbeitet man entgegen durch das
konsonantierende Eurythmisieren.
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Möglicherweise «heraufschlägt» laut Stenogramm.
** «Eigenwesen» laut Stenogramm, vorher «Innenwesen».
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So sehen Sie eigentlich ganz in die menschliche Organisation hinein.
Egoisten sind eigentlich immer Menschen, deren Magen und Leber und
Lungenflügel drohen, anzunehmen richtige Keilform. Sie wollen Keile werden, sie wollen ins Kristallinische übergehen, währenddem Menschen, die
krankhaft selbstlos sind, bei denen fließen diese Organe aus. Sie haben keine
Kristallisationskraft, sie haben plastische Kraft, sie runden sich. Das ist ja
auch ein krankhafter Zustand. Immer ist es ja das Ausschlagen des Pendels
nach der einen und nach der andern Seite, was man zu beachten hat.
Nun beachten Sie einmal die eigentliche auch geistige Tätigkeit so:
Wenn der Mensch denkt und vom Denken aus fühlt all dasjenige, was man
im gewöhnlichen Leben die Tätigkeit nennt, welche man [als] geistige
bezeichnet - sie wird ja ausgeführt von der physischsten Kopforganisation, also gerade dadurch ist sie die sublimierend geistige Tätigkeit, das Individualisierende auf der einen Seite, das abstrakt Gefühlte auf der andern
Seite - wenn der Mensch diese geistige Tätigkeit ausführt, was geschieht
denn dann? Sehen Sie, dann zieht er aus seinem Organismus heraus diejenige Kraft, welche ihn befähigt, sich als Glied in die Außenwelt hineinzuversetzen. Er zieht auch aus seinem Organismus heraus diejenige Kraft,
die ihn krankhaft dazu verführt, auszufließen. Er macht sich geradezu zum
Kristallisator, wenn er geistig tätig ist. Gewisse, insbesondere - wie ich
glaube - mehr nach Norden gelegene Völker, die haben ein starkes instinktives Bewußtsein sich angeeignet für diese Dinge. Und sie haben zwar
heute noch keine Neigung, das Eurythmische nach diesem instinktiven
Bewußtsein einzurichten, sie verwenden dann dasjenige, was mehr äußerlich physiologisch ist, das schwedische Turnen und so weiter, aber sie
benutzen doch die eigentümliche Wechselwirkung, die da besteht zwischen derjenigen Tätigkeit, die die Kinder ausführen müssen, wenn sie in
der Schule szientifisch wirken sollen, nicht wahr, denken sollen und so
weiter, diese Tätigkeit lassen sie abwechseln mit demjenigen, was dann zur
Bewegung anregt. Sie fordern auch schon, daß jeder Lehrer eigentlich ein
Turnlehrer sei, sie fordern wiederum von dem Turnlehrer, daß er auf der
geistigen Höhe des Kindes steht. Solche Dinge sind ja in einer fortgeschrittenen Zivilisation durchaus zu berücksichtigen, und wenn ich eine bissig
erscheinende, aber durchaus nicht bissig gemeinte Bemerkung, die nur
aufklärend sein soll, machen will, so könnte ich sagen: Um diese Dinge
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instinktiv zu berücksichtigen, dazu gehört Zeit. - Das muß also bei Völkern ausgeführt werden, welche sonst weniger am Zivilisationsprozeß teilnehmen, die mehr für sich leben, ein abgeschlossenes Leben für sich leben,
und die also instinktiv nach und nach ausbilden können dasjenige, was sich
auf solchen Rhythmus von geistiger Tätigkeit und physischer Tätigkeit
bezieht wie zum Beispiel die Schweden und Norweger, die so eine Art
isoliertes Dasein führen, die können ja solche Anschauungen ganz besonders gut instinktiv ausführen. Andere Völker, die mehr angewiesen sind
darauf, solche Dinge bewußt auszuführen, weil sie sonst mehr sich betätigen an dem allgemeinen Weltprozesse, diese Völker, die also sich zum
Beispiel beschäftigen müssen, was ja in der letzten Zeit sehr der Fall war,
mit Kriegsführung und so weiter, die müssen dann um so mehr bewußt
auf diese Dinge sehen. Und diejenigen, die durchaus eigentlich, weil sie
mitten drinnenstehen in der Bewegung der Welt und ganz eigentlich sich
in diese Dinge versetzen müssen, weil sich gewissermaßen um sie die Welt
dreht, die werden schon sehen, was sie hinterlassen, wenn sie sich nicht
bewußt diesen Dingen zuwenden, wie sie allmählich dekadent werden.
Das ist etwas, was sich insbesondere die Schweiz sagen müßte.
Diese Dinge laufen also ein durchaus auch in das Betrachten der allgemeinen Weltverhältnisse, denn schließlich, nicht wahr, meine lieben
Freunde, die allgemeinen Weltverhältnisse gehen ja aus dem Wirken der
Menschen hervor, und sie gehen sogar heute noch viel mehr aus dem unbewußten Wirken der Menschen hervor als aus dem bewußten. Aber man
hat die Aufgabe, das unbewußte Wirken der Menschen in das bewußte
allmählich überzuführen.
Nun, diese geistige Tätigkeit, wie wirkt sie im Menschen? Sie wirkt, indem sie die Kristallisationskräfte wachruft. Sie wirkt daher bei ich-schwachen Menschen auf die Verstärkung des Ego, sie macht sie egoistischer.
Aber wir haben ja nötig die Egoismuskräfte bei solchen Menschen, die organisch ausfließen, weil sie zu wenig egoistisch sind, diese Egoismuskräfte,
nicht für die Seele, aber für den Organismus dann anzuregen. Wir können
sie anregen ja auch durch äußere Mittel, und es wird ja natürlich sein, daß
wir solchen Menschen, die organisch ausfließen, raten, zuckerhaltige Substanzen zu sich zu nehmen. Aber sie haben dafür manchmal gerade eine
gewisse Antipathie, worin sich gerade die Tatsache erst recht ausdrückt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:315 Seite: 89
Nun aber, das ist ja dasjenige, was uns jetzt in diesem Augenblick viel
weniger interessiert. Was uns jetzt in diesem Augenblick interessiert, ist
das, daß man ja durch die vokalisierende Eurythmie dazu kommt, nach
dieser Richtung hin ganz besonders zu wirken, und daß man da gewissermaßen durch das vokalisierende Eurythmisieren den Menschen zu sich
selbst bringen kann, organisch. Man kann diejenigen Kräfte wachrufen,
die ihn organisch zu sich selbst bringen. Und das kann ja für gewisse
Menschen außerordentlich notwendig sein, auch zum Beispiel für diejenigen Menschen, die verschlafen sind. Man wird aber auch sehen, daß die
Abwechslung der beiden, des Vokalisierenden und des Konsonantierenden dadurch günstig wirkt, daß da ein lebendiger Rhythmus entsteht im
Menschen, wie er auch sein soll zwischen der Hingabe an die Welt und der
Zurücknahme in sich selbst. Das ist dann dasjenige, was durch das abwechselnde konsonantierende und vokalisierende Eurythmisieren hervorgerufen wird. Es ist natürlich dann ganz besonders notwendig, wenn man
die Eurythmie zu Heilzwecken anwenden will, daß man dieses, ich möchte sagen physiologisch-psychologische Durchschauen dessen, was eigentlich vorgeht, sich aneignet, daß man also richtig weiß: Es neigt ein Mensch,
der konsonantisch eurythmisiert, dazu, eine Art von Aura um sich hervorzurufen, welche dann wiederum auf ihn zurückwirkt und ihn herausbringt
aus dem wesenlosen Zusammenfließen mit der Welt. Es wirkt bei dem
Menschen, den man vokalisierend eurythmisieren laßt, die Sache so, daß
gewissermaßen seine eigene Aura zusammengezogen wird, was ja immer
auch bei der geistigen Tätigkeit der Fall ist, daß seine eigene Aura zusammengezogen wird, in sich verdichtet wird und daß dadurch die inneren
Organe angeregt werden, den Menschen zu sich zu bringen.
In pädagogisch-didaktischer Beziehung ist es ja nun wirklich so, daß
man wiederum durch die Abwechslung zwischen den Stunden, die man
etwa an den Vormittag verlegt, in denen mehr geistig gearbeitet werden
muß, und denjenigen Stunden, in denen mehr in Bewegung gearbeitet
wird, also wo auch viel eurythmisiert wird, daß man dadurch eine rhythmische Tätigkeit in dem heranwachsenden Kinde hervorruft, die außerordentlich günstig wirkt, indem all die Schäden, die entstehen müssen bei
zu starker geistiger Anstrengung, indem diese Schäden wiederum durch
das Eurythmisieren ausgeglichen werden. Und deshalb stellt sich auch in
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:315 Seite: 9 0
den Gesamtunterricht das Eurythmisieren in einer außerordentlich wohltätigen Weise hinein.
Dasjenige, was ich nun über das Eurythmisieren den Ärzten speziell zu
sagen habe, das werde ich dann in die Mitteilungen gegenüber den Ärzten
noch hineinfließen lassen. Die eigentlichen eurythmischen Betrachtungen
wollen wir damit abgeschlossen sein lassen und morgen zwei aufeinanderfolgende eigentliche Ärztestunden haben, wo die Eurythmisten dann nicht
dabei sind, nämlich um halb neun und nach einer Pause um Viertel vor
zehn. |