Dornach, 16. April 1921, FÜNFTER VORTRAG : Heileurythmie-Kurs gehalten in Dornach für Eurythmisten und Ärzte V
Zwölf eurythmische Übungen, um vom Seelischen aus in die ganze Konstitution des Organismus hineinzuarbeiten auf dem Umwege durch den Ätherleib: Urteil, Willensäußerung, GefühlsbewegungE, Wunschbewegung-U, Beuge- und Streckbewegung mit B, R, M, Geschicklichkeits-E; E und O auf dem Boden, H-A und A-H. Den
Ätherleib geschmeidig machen. Pädagogisch-didaktische, hygienische und therapeutische Anwendung dieser Übungen. Physiologisches Turnen als Schule des Materialismus, Wirkung des eurythmischen Turnens für Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung des Menschen. Fragenbeantwortung. Hinweis auf Abwechslung und
Anwendungsdauer der Übungen.
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beziehen. Dabei muß aber vorausgeschickt werden, daß gewöhnlich angenommen wird, wenn der Mensch eine Willensäußerung entwickelt, oder
wenn er ein Urteil entwickelt, daß diese Äußerungen nur zusammenhängen mit dem menschlichen Nervensystem. Das ist aber durchaus nicht der
Fall, sondern man muß sich klar sein darüber, daß zum Beispiel Urteile,
die der Mensch abgibt, durchaus zusammenhängen mit seiner Gesamtkonstitution, daß der Mensch ein Urteil aus seinem Gesamtwesen heraus
gibt. Wenn man daher für ein Urteil die entsprechende eurythmische Bewegung macht, dann ist das auch wieder so, daß dadurch der ganze Mensch
in einer gewissen Weise beeinflußt wird, daß also nicht für dasjenige, was
in einem eurythmischen Beurteilen zustande kommt, etwa bloß der Kopf
beeinflußt würde. Wenn Sie zum Beispiel kennen lernen für eine Bejahung
die entsprechende Bewegung, nun für eine Verneinung: (Frau Baumann
demonstriert). Jetzt aber kann man natürlich das auch [therapeutisch anwenden]. Das ist natürlich dann oftmals hintereinander zu machen, wenn
es als therapeutische Übung gemacht wird. Nun, eine solche Bejahung und
Verneinung ist ja im übergeordneten Sinne dasjenige, was man ein Urteil
nennen kann; wenn man irgend etwas bejaht oder verneint, hat man ja das
eigentliche Wesen des Urteils. Wenn Sie eine solche Bejahung oder Verneinung abgeben, so ist das so, wenn es öfters wiederholt wird - Sie können zum Beispiel, sagen wir die Bejahung zehnmal hintereinander wiederholen lassen, dann die Verneinung. Sie können dann darauf folgen lassen
Bejahung, Verneinung, Bejahung, Verneinung, zehnmal beides hintereinander -, so wirkt eine solche Bewegung auf dem Umwege durch den
Ätherleib außerordentlich stark auf das Atmungssystem, und man kann
sagen: Man kann auf diese Weise einer vorhandenen Kurzatmigkeit ent-
* Wort nicht eindeutig zu entziffern, von Helene Finckh ursprünglich mit «negativen» übertragen, später korrigiert mit «ausgesprochenen». Nach vielen Vergleichen
mit anderen Stellen im Stenogramm ist «übergeordneten» am ehesten vertretbar.
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gegenarbeiten, so daß also, wenn wiederum diese Kurzatmigkeit das Symptom für irgendeine tieferliegende Krankheitserscheinung ist, man da -
weil ja die Sache auf dem Umwege durch den Atherleib geschieht - tatsächlich hineinarbeiten kann in die ganze Konstitution des Organismus.
Sie müssen nur eigentlich jetzt ins Auge fassen, was das ist, was da getan
wird. Dasjenige, was jetzt Frau Baumann getan hat, das könnte man in
folgender Weise etwa interpretieren und würde auch das Wesen treffen,
man könnte sagen: Das, was sie in die Welt gesetzt hat dadurch, ist ein
flüchtig gewordener Gedanke, gleichsam der Gedanke, der Flügel gewonnen hat und in die Bewegung übergegangen ist. Wenn ein Urteil eurythmisch fixiert wird, eine Bejahung oder Verneinung, so ist das ein Gedanke,
der reitet auf der Bewegung, Und dadurch, daß der Gedanke auf der Bewegung reitet, setzt man tatsächlich einen Teil dieses Wesens heraus; da
der Gedanke auf der Bewegung reitet, nimmt man tatsächlich einen Teil
gründlicher in sich herein, als es sonst ist. Das heißt, man macht eine Bewegung, durch die man eigentlich wacher wird als man sonst ist. Solche
Bewegungen sind tatsächlich aufweckende Bewegungen. Aber da man mit
dem Ich nicht zu gleicher Zeit in derselben Weise aufwacht, so wird die
Ich-Tätigkeit dadurch in einer gewissen Weise herabgestimmt. Dieses
Herabstimmen der Ich-Tätigkeit ist aber nicht absolut, sondern in Relation zum Organismus; das macht dasjenige aus, was man auf dem Umwege durch den Ätherleib eben als erstes Symptom erreicht in der Bekämpfung der Kurzatmigkeit, und was dann eigentlich sich auf dem Umwege
durch den Atherleib in die ganze menschliche Konstitution hineinverfügt.
Nun eine Willenszustimmung, also sagen wir Sympathie und Antipathie, geben: (Fräulein Wolfram demonstriert) Sympathie - nun zurück
also! - und Antipathie. Nun denken Sie sich, Sie machen diese Bewegung
in der Tat sehr häufig hintereinander: Sympathie, Antipathie, Sympathie,
Antipathie, oder auch eines von beiden. Wenn Sie dieses machen - es ist
natürlich das nur zu konstatieren durch das Anschauen -, wenn Sie dieses
machen, dann ist das in einem gewissen Sinne eine Art von Heraussetzen
von etwas, was man in sich trägt. Es ist eine Art von Einschlafen nämlich.
Es ist ja auch eine Bewegung, bei der derjenige, der ihr zuschaut - die
andere Bewegung muß schnell, diese langsam ausgeführt werden -, es ist
schon etwas, wodurch derjenige, der zuschaut, auch die Imagination des
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Schlafes bekommt, man imaginativ also gewissermaßen einschläft mit einer solchen Bewegung - wenigstens sollte man es nicht [in Wirklichkeit]!
Da man aber doch, während man diese Bewegung macht, nicht in Wirklichkeit einschläft, so ist das Ich in Relation zum Körper stärker tätig, als
es sonst ist. Also es ist stärker tätig als es sonst ist, und es wird dann durch
eine solche Bewegung im wesentlichen die Zirkulation und die Gesamtverdauung angeregt, die Gesamtverdauung so angeregt, daß zum Beispiel
durch eine solche Bewegung die Neigung zum Aufstoßen bekämpft
werden kann.
Jetzt wollen wir einmal ausdrücken dasjenige, was man etwa nennen
kann, sagen wir, das Gefühl der Liebe zu etwas (Frau Baumann). Sehen Sie
sich das gut an, also das Gefühl der Liebe zu etwas. Denken Sie sich das
zehnmal hintereinander ausgeführt und denken Sie es begleitet in der
Weise, in der Weise also, daß Sie es hintereinander ausführen zehn Mal
und es begleiten so, daß Sie immer zwischen dieser Bewegung dann eine
kräftige E-Bewegung machen. Also: Liebe - E, Liebe - E, und so weiter
hintereinander dieses ausführen. Also: Ein solches Gefühl - es könnte auch
ein anderes Gefühl sein -, also dasjenige, was Sie lernen in der Eurythmie
als Gefühls-Bewegung, lassen Sie immer begleiten von E-Bewegungen. Da
haben wir immer eine starke Wirkung, die vom Ätherischen des Menschen ausgeht auf sein Astralisches, und die im wesentlichen eine, ich
möchte sagen, die Zirkulation warm machende Wirkung hat. Es ist also
etwas, was tatsächlich auf das Zirkulationssystem in einer wohltätigen Art
einwirkt. Man kann nicht sagen, daß es beschleunigt oder verlangsamt,
aber es wirkt in einer wohltätig erwärmenden Weise ein.
Nun gibt es auch etwas, was man einen Wunsch nennen kann: Hoffnung (Fräulein Wolfram). Sehen Sie sich dieses an, und denken Sie sich
das, indem man immer wieder in die Gleichgewichtslage zurückgeht, dann
immer wiederum diese Wunschbewegung ausführt, denken Sie sich das in
der Abwechslung begleitet immer von einer U-Bewegung, also begleitet,
abgewechselt damit. Das bedeutet eine sehr starke Einwirkung des Astralischen auf das Ätherische und man kann sagen, daß dadurch wiederum
eine wohltätig erwärmende Wirkung auf das Atmungssystem ausgeübt
wird. Nur natürlich handelt es sich darum, daß all diese Dinge, die wir
heute besprechen, auf dem Umwege durch den Ätherleib stattfinden, und
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daß sie daher ihre Wirkung niemals am nächsten Tage schon äußern können, sondern ungefähr nach zwei bis drei Tagen erst irgendwelche Wirkungen zeigen können; aber um so sicherer sind dann diese Wirkungen.
Nun denken Sie sich einmal jetzt, wir machen eine Bewegung, die eine
Beuge- und Streckbewegung ist, durch die Beine, und wir machen dazu eine
ausgesprochene B-Bewegung zu gleicher Zeit (Frau Baumann): das, was ich
Ihnen jetzt gezeigt habe, mit einer ausgesprochenen B-Bewegung zu gleicher Zeit, jetzt ganz zurück [in die Ausgangsstellung], B mit der Beugung,
dieses zehnmal hintereinander, dann Pause, dann wiederum zehnmal hintereinander. Das ist etwas, was Leute machen sollten, die sehr häufig an
Migräne oder an sonstigen Kopfschmerzen leiden. Dann, wenn sie sie nicht
haben, sollten sie das machen, nicht wenn sie sie haben, die Kopfschmerzen,
sondern dann, wenn sie sie nicht haben, sollen sie das machen.
Nun ist eine besonders wirksame Bewegung diese (Fräulein Wolfram):
vor, rückwärts, aber gleichzeitig begleitet mit einer R-Bewegung, vorne
beugen, rückwärts beugen mit R, und das recht oft hintereinander. Das
wirkt sehr gut auf das ganze rhythmische System ein, auf den Atmungsund Zirkulationsrhythmus. Wenn also da sich Unregelmäßigkeiten
finden, dann wirkt das unter allen Umständen außerordentlich gut.
Nun bitte ich Sie, eine wieder recht wirksame Bewegung zu sehen, die
besteht in folgendem: Kopf nach rechts und links mit Kopfschütteln, den
Kopf nach rechts und links schütteln mit M-Bewegung. Es sollte der Kopf
möglichst nicht gedreht, sondern nur links und rechts gebeugt werden und
dazu die M-Bewegung. Das ist wiederum etwas, was, wenn es ausgeführt
wird, auf dem Umwege durch den Ätherleib sehr stark beruhigend wirkt
auf alles mögliche, was als Unregelmäßigkeiten im Unterleib auftreten
kann. Unregelmäßigkeiten im Unterleib, die sich durch Schmerzen
äußern, die können gemildert werden durch das. Es muß nur eben das so
sein, daß man damit Neigungen zu solchen Schmerzen dann bekämpfen
will, wenn sie nicht da sind, die Schmerzen. Das ist das, worauf es ankommt. Also während die Schmerzen da sind, ist es nicht gut auszuführen,
aber daß man es ausführt, solange die Schmerzen nicht da sind, das ist das,
worauf es besonders ankommt.
Beachten Sie das Folgende: An das Knie anstemmen mit dem andern
Fuß; dieses denken Sie sich begleitet von einer Arm-E-Bewegung. Dieses
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Beugen des einen Beines, Darauf-(schlagen)* auf das andere Bein, und
dabei begleitet von einer Arm-E-Bewegung, es ist eine sehr schöne Bewegung. Und es ist das eine Übung, die sehr gut ausgeführt werden kann mit
den Kindern in der Schule, und [sie] sollte auch da ausgeführt werden,
denn wenn diese Bewegung häufig gemacht wird, so ist sie tatsächlich eine
Bekämpferin der mannigfaltigsten Ungeschicklichkeiten. Die Kinder werden wenigstens sehr gut geheilt von ihren Ungeschicklichkeiten, wenn sie
gerade diese Bewegung machen. Und wenn dann die Kinder kommen und
sagen, es tun ihnen besonders die Schultern weh und es tut ihnen alles
mögliche weh, dann sagen Sie: Das wollte ich ja gerade haben; darüber
wirst du, wenn es wieder gut ist, besonders froh sein! - Denn jeder
Schmerz, der auf diese Weise erzeugt wird, ist ein Bekämpfer der Ungeschicklichkeit. Also man darf da schon durchaus etwas scharf die Kinder
anpacken.
Nun werden wir eine andere Art einmal ins Auge fassen. Denken Sie
sich jede Art von E-Bewegung, die mit den Armen ausgeführt werden
kann, auf den Fußboden projiziert, so entsteht eben diese Linie, schräg
sich kreuzend mit dieser Linie„. Nun denken wir uns die Sache so: Denken wir uns, Frau Baumann stellt sich hierher, Fräulein Wolfram hierher,
und jetzt laufen Sie, indem Sie das Ganze mit einer E-Bewegung der Arme
begleiten, laufen Sie so, und Sie so, aneinander vorbei und geben acht, daß
Sie sich ja nicht anstoßen. Weiter, weiter, sehr acht geben daß Sie sich nicht
anstoßen. Sie machen also auf dem Boden ein E und machen mit den Armen ein E und müssen achtgeben, daß Sie sich nicht anstoßen. Und dieses
Achtgeben, dieses Verwenden der Aufmerksamkeit aufeinander und auch
mit der Bewegung, das ist dasjenige, was hier mit der [E-] Bewegung zusammenwirkt. Man kann also diese Sache immer nur von zwei Personen
ausführen lassen. Sie ist, wenn sie von zwei Personen ausgeführt wird, im
wesentlichen das, was man nennen könnte eine Stärkung des Herzens, also
alles dasjenige, was zusammenhängt mit den Erscheinungen, die man so
gewöhnlich als Stärkung des Herzens bezeichnet.
* «schlagen« findet sich in der Umschrift von Helene Finckh, im Stenogramm aber
unleserlich.
** Die Zeichnung aus früheren Ausgaben läßt sich weder im Stenogramm noch in der
Umschrift finden, daher wird sie nicht mehr wiedergegeben.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 71
[Zwischenfrage] Könnte man das von einem Gesunden und einem Kranken
ausführen lassen?
Man kann das schon, man muß aber dann vielleicht den Gesunden dazu
veranlassen, daß er nicht die E-Bewegung mit den Armen mitmacht. Nicht
wahr, diese Bewegung ist ganz besonders auf, ich möchte sagen den Sanatoriumsbetrieb eigentlich berechnet, wo man natürlich die zwei, deren
Stärkung des Herzens man wünscht, eben hat; es ist schon besser, wenn
man die beiden haben kann.
ST
N u n denken wir uns einmal die Bewegung so, daß eine der Damen hier
steht, die andere hier, hintereinander. Wenn Sie ankommen [Frau Baumann], führt Fräulein Wolfram diesen Lauf aus, aber so, daß sie immer
nach vorne schaut, dann, indem sie fortsetzt zu bewegen, führen Sie nun
diesen Lauf hier aus, Sie diesen, stückeln* eine Bewegung an die andere an,
und das begleitet von der O-Haltung der Arme. Nun natürlich muß man
die Leute, die das machen, veranlassen, mit einem gewissen Tempo anzufangen; erst langsamer, aber das dann immer schneller und schneller machen lassen, und dann wiederum es abfluten lassen, von dem Schnellen
wiederum ins Langsame immer weiter hinein. Dann ist das eine Bewegung, die wesentlich zur Stärkung des Zwerchfelles dienen kann und damit des ganzen Atmungssystems. Man kann da wiederum, wenn man die
O-Bewegung mit den Armen wegläßt, einen Gesunden verwenden zum
Mittun. Aber am besten ist es natürlich, wenn man zwei, die diese Gesundung gebrauchen, dazu verwendet.
* «anstückeln»: Österreichischer Ausdruck für «ansetzen», «ergänzen».
CopyrightRudolfSteinerNachlass-VerwaltungBuch:315Seite:72
Nun bitte ich Sie, zuerst (Frau Baumann) eine H-Bewegung uns noch
einmal vorzumachen. Dies ist eine H-Bewegung. Und jetzt bitte ich Sie,
diese Bewegung so zu machen, daß Sie die Arme ganz stillhalten und bloß
mit den Schultern, so gut es geht, nachahmen diese Bewegung. Und nun
muß man sich aber gewöhnen, diese Bewegung mit den Schultern zu
machen und zugleich ein A mit den Armen zu machen, irgendein A mit
den Armen; das recht häufig hintereinander. Sehen Sie, das ist dasjenige,
was man nennen könnte: eurythmisch lachen. So lacht man eurythmisch.
Und wenn man so eurythmisch lacht, so ist das wirklich in sehr verschärftem Maße dasjenige, was man überhaupt in der gesundenden Wirkung des
Lachens hat. Diese gesundende Wirkung des Lachens, sie ist ja bekannt.
Aber wenn das Lachen eurythmisch getrieben wird, so ist eben diese gesundende Wirkung in besonderem Maße da. Sie können aber das auch
noch anders machen.
Machen Sie (Fräulein Wolfram) zunächst einmal irgendeine A-Bewegung; und jetzt versuchen Sie, aber recht langsam, wie wenn Sie also wirklich es ganz bedächtig machen wollten, indem Sie die Arme so lassen, dieselbe Bewegung, die ich vorhin gesagt habe, diese Schulterbewegung des
H, und wieder zurück, also in der A-Bewegung der Arme diese Schulterbewegung des H zu machen. Das ist dann dasjenige, was man nennen
könnte: der ganze Organismus richtet sich ein auf das Gefühl der Verehrung, und es hat auch alles dasjenige, was durch das Gefühl der Verehrung
ja im wesentlichen im Organismus bewirkt wird. Durch das Gefühl der
Verehrung, wenn es beim Menschen habituell ist, wird ja auf den Organismus die Wirkung ausgeübt, daß er dadurch in der Tat dauerhafter wird,
also beständiger wird, als Organismus beständiger wird. Er wird widerstandsfähiger. Menschen, die wirklich richtig veranlagt sind dazu, gut verehren zu können, die werden widerstandsfähiger in ihrem Organismus.
Daher: alles dasjenige, was man den Kindern an Verehrung, an Begabung
oder an Fähigkeit der Verehrung beibringt, das macht die Kinder widerstandsfähiger. Und man kann dieser Widerstandsfähigkeit gerade durch
die zuletzt angeführte eurythmische Übung zu Hilfe kommen.
Überhaupt muß man das durchaus festhalten, daß das, was wir heute
für Urteil, Willensäußerung, Hoffnung, für Liebe angeführt haben, was
wir sonst angeführt haben in bezug auf gewisse organische Schmerzen,
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 7 3
was wir angeführt haben zur Bekämpfung der Ungeschicklichkeit und so
weiter, daß das in der Tat sich so zum Menschen stellt, daß der Mensch
dadurch im Innersten seines organischen Wesens ergriffen wird und auf
dem Umwege durch den Ätherleib tatsächlich die Möglichkeit bekommt,
überhaupt diesen Ätherleib zu einem brauchbaren Patron zu machen.
Der Ätherleib ist ja etwas im Menschen, was bei den meisten Menschen, die ihr Leben versitzen, die ihr Leben ohne Interesse für ihre Umwelt zubringen, was bei diesen Menschen steif wird. Und es ist eben nicht
gut, es ist auch für die organischen Funktionen nicht gut, wenn der Ätherleib des Menschen steif wird. Wenn man mäßig die Bewegungen, die wir
heute beschrieben haben, ausführen läßt von Kindern, wenn man sie recht
energisch ausführen läßt [von] den entsprechenden Patienten - man sieht
ja aus den Dingen, die gegeben worden sind, welchen Patienten man das
auferlegen soll -, dann wird der Ätherleib geschmeidig, in sich beweglich,
und man tut sowohl Kindern wie auch Erwachsenen damit etwas Gutes.
Diese Bewegungen, sie sind wirklich so, daß man ihnen auch durchaus
den Vorzug geben kann gegenüber den gewöhnlichen Turnbewegungen,
weil die gewöhnlichen Turnbewegungen eigentlich wirklich nur aus der
Physiologie, also aus der Physis des Körpers hervorgeholt sind und im
Grunde genommen den physischen Leib fortwährend herausreißen aus
dem ätherischen, so daß dann der physische Leib immer seine eigenen
Bewegungen macht, die dann nicht die Bewegungen des Ätherleibes in
entsprechender Weise nach sich ziehen. Und dadurch ist ja das gewöhnliche, bloß physiologische Turnen im Grunde genommen eine Schule des
Materialismus, indem das materialistische Denken ins Gefühl übergeht;
und das Eurythmische, das bewirkt, daß der Mensch wirklich mehr die
Fähigkeit bekommt, in sich selber sich zu erkennen, in sich selber sich zu
beherrschen. Daher haben solche Übungen sowohl einen pädagogischdidaktischen Wert wie auch einen therapeutischen und hygienischen Wert.
Es müßte im Grunde genommen die Sache so sein, daß man wirklich den
Versuch machen würde, daß solche Übungen auch von Erwachsenen in
mäßiger Weise immer ausgeführt werden, gerade die heute beschriebenen
meine ich, und für Kranke eben sanatoriumsmäßig ausgebildet würden.
Es ist mir noch eine Frage gestellt worden, die vielleicht auf einiges
führen kann, und einige andere Fragen noch. Hier ist die Frage:
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:315 Seite: 74
Chinesen können den Buchstaben R nicht aussprechen, sie gebrauchen das L
dafür. Erdbeere würde zum Beispiel Eldbeele ausgesprochen werden. Hängt
das mit der Rasse zusammen?
Es hängt natürlich mit der Organisation des Organismus, insofern der rassenmäßig bestimmt ist, zusammen, und man kann ja gerade an dieser besonderen Begabung einer Menschenabteilung für den einen oder den andern
Laut sehen, wie die Menschen veranlagt sind aus ihrem Rassenmäßigen
heraus. Wir haben ja selbst vor einigen Stunden solche Dinge angeführt.
Nun sind hier noch Fragen gestellt worden mit Bezug auf Übungen,
die etwa angestellt werden könnten mit Rücksicht auf die Zustände der
Indolenz, des Reaktionsmangels, des mangelhaften Bewegungstriebes und
so weiter, Zustände also, denen sehr häufig eine ungenügende Funktion
der Schilddrüse zugrunde liegt. Hier ist noch aufmerksam gemacht darauf,
daß Fließ in seinem bekannten Buche über den «Ablauf des Lebens» diese
Symptomkomplexe unter die sexuelle Zwischenstufe (stellt). Wie würde
ein gegenwärtiger Schriftsteller das nicht tun! Alles dasjenige, worüber er
nicht viel weiß, rechnet er natürlich in die sexuelle Zwischenstufe. Oder
auf eine andere Art in dieselbe Kategorie stellt er zum Beispiel Linkshändige. Man darf vielleicht […] linkische […]* Ich betone aber ausdrücklich,
daß ich niemandem noch anempfohlen habe eurythmische Übungen mit
besonderer Rechts- und Linksbetonung.
(Es wird hingewiesen auf die Übungen [aus dem 1. Vortrag], die je verschieden rechts und links begonnen werden sollen, Jambus, Trochäus.)
Das ist nicht eigentlich, um Rechts- oder Linksbetonung besonders hervorzuheben, sondern um gerade in der Vorwärtsbewegung das Jambusoder Trochäusgefühl hervorzurufen. Das ist natürlich durchaus berechtigt. Es ist das doch so: Es kommt weniger auf das lang-kurz an, sondern
es kommt auf diese besondere Bewegung an. Es ist schon richtig, es handelt sich nur darum, daß, wenn umgesetzt wird dasjenige, was also im
Atmungssystem lebt, ins Bewegungssystem, so wird es umgekehrt. Oberer Mensch und unterer Mensch ist ja umgekehrt. Also es muß jeder Jam-
* Im Stenogramm ist dieser Satz fragmentarisch, wurde von Helene Finckh auch nicht
übertragen. Denkbar wäre, daß noch eine Äußerung über Fliess folgte. Siehe den
Hinweis dazu auf S. 150.
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bus, der zu denken wäre etwa im Atmungssystem, also durch das Sprechen hervorgebracht, der muß ein Trochäus werden in der Bewegung mit
den Beinen und umgekehrt. Darauf ist nämlich die ganze Eurythmie gebaut. Sie können die ganze Eurythmie daraufhin prüfen, es ist immer die
Bewegung, die entspricht nicht etwa nach dem Gesichtspunkt der Ähnlichkeit, wenn sie ausgeführt wird, sondern sie entspricht nach dem Bilde
der Polarität. Es ist alles entsprechend nach dem Bilde der Polarität. Das ist
natürlich überhaupt festzuhalten. Aber ich habe niemals anempfohlen
jemandem, daß er besonders irgend etwas links oder rechts ausführen soll;
das soll dem Gefühl vollständig überlassen sein. Also ob etwas mit der
rechten oder linken Hand ausgeführt wird, das soll nur denjenigen Dingen
überlassen sein, die sonst in Betracht kommen. Ich möchte nicht da (die
Meinung aufkommen lassen), daß ich irgendwelchen linkischen Menschen
eine Rechtsbetonung mit den besonderen eurythmischen Übungen
empfohlen hätte, das ist nicht der Fall.
Nun möchte ich aber zu diesem eben das Folgende betonen: Es handelt
sich darum, daß wenn also ein Reaktionsmangel oder ein mangelhafter
Bewegungstrieb vorhanden ist, daß dann diese mehr allgemeine Bezeichnung, daß diese immer unter irgend etwas von dem fällt, was ich eigentlich
schon angegeben habe. Mangelhafter Bewegungstrieb ist ein allgemeiner
Ausdruck, und es fällt das dann unter irgend etwas, was ich angegeben
habe, da sind dann die entsprechenden Bewegungen auszuführen.
(Frage) … [nicht mitstenographiert]
Diese Zustände von Indolenz, mangelhaftem Bewegungsdrang, Unaufmerksamkeit und so weiter bis zur Faulheit sind gewissermaßen eine Vorstufe von dem, was man in der Homöopathie typhösen“ Geisteszustand
nennt [.. .]** Nun, was daran das, ich möchte sagen rein Medizinische ist,
das will ich dann morgen beantworten. Aber ich möchte, weil ja die Frage
wesentlich an den Vortrag über Eurythmie anknüpft, noch das folgende
sagen: Im ganzen muß man solch eine Übung wie diejenige, die ich hier
* Von Helene Finckh mit «diffusen» übertragen, offenbar war sie aber unsicher - sie
hat im Stenogramm die Stelle unterstrichen und mit einem Kreuz gekennzeichnet.
** Nach «nennt» ist eine größere Lücke im Stenogramm durch einen langen Strich
gekennzeichnet.
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angegeben habe mit Bezug auf das Urteil und die Willensäußerung, sie
muß man durchaus betrachten so, daß gerade auch diese Äußerungen von
Indolenz, mangelhaftem Bewegungsdrang und so weiter ganz besonders
bekämpft werden durch dasjenige, was ich angegeben habe für Willensäußerungen. Und sieht man, daß diese nicht besonders wirksam sind, so
lasse man es abwechseln mit demjenigen, was ich für das Urteil angegeben
habe, jedoch so, daß man versucht zu probieren - hier handelt es sich um
das Probieren -, daß man versucht, zu probieren, ob Willensäußerungen
zu Urteilsäußerungen in dem Verhältnis der Zeit drei zu zwei besser wirkt
oder zwei zu drei besser wirkt, also das eine länger, das andere kürzer.
Und es wird sich allerdings, da diese Dinge auf dem Umwege durch den
Ätherleib wirken, es wird sich herausstellen, daß man zunächst anfangen
muß, zwei bis drei Tage die Übungen fortsetzen muß, und daß man unter
Umständen, wenn man sieht, daß sie nicht richtig ausfallen, daß man
dann am dritten Tage ändern muß. Aber im allgemeinen kann man sagen,
daß sowohl die eine wie die andere Übung nach beiden Richtungen hin
weckend auf den Menschen wirken wird. Also gerade diese Willensübung
und Urteilsübung sind dasjenige, was da ganz besonders in Betracht
kommen kann.
Ich betone noch, damit kein Mißverständnis entsteht, daß natürlich die
Meinung nicht entstehen darf, daß solche Übungen, zwei, drei Tage durchgeführt, eben schon eine sehr bedeutsame Wirkung haben könnten. Das
würde ein Irrtum sein. Solche Übungen müssen, wenn sie eine Wirkung
haben sollen, mindestens sieben Wochen durchgeführt werden. Sieben
Wochen also, das ist so ein Zeitraum, der durchaus - ohne daß man dabei,
wenn man es behauptet, mystisch angekränkelt sein muß -, der ungefähr
dann zeigt, wohltätig also, [die] eben charakterisierten Wirkungen.
Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute über diese Dinge sagen wollte,
und ich bitte Sie vielleicht, ob wir morgen dürfen die Stunde, diese entsprechende Stunde anreihen an die andere, nach einer kurzen Pause. Morgen würde dann das die letzte Eurythmiestunde sein, weil wir am Montag
dann nötig haben, zwei Stunden [als] rein ärztliche Stunden hintereinander
zu machen. |