ERGÄNZUNGEN AUS ANSPRACHEN
Über die Sprachentwickelung
Fragenbeantwortung, Zürich, 17. Oktober 1918
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dieser Fragenbeantwortung etwas kurz sagen könnte über eine
einzelne Erscheinung in der neueren geschichtlichen Entwickelung,
die besonders naheliegt dem menschlichen Leben: über die Sprachentwickelung.
Nun wäre natürlich darüber wiederum ein ganzer Vortrag zu halten,
wenn ich irgend etwas Erschöpfendes sagen wollte, aber ich möchte
auf die Anregung schon aus dem Grunde eingehen, weil ich wirklich
Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache hinlenken möchte, daß die
hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
wahrhaftig nicht so dasteht, als ob sie etwa einem Einfall ihr Dasein
verdankte, als ob sie aus der Pistole geschossen wäre, als ob sie
aus zusammengeholten einzelnen Apercus bestünde. Nein, wenn Sie
sich mit der Literatur, die hier zum Teil aufgelegen hat, bekanntmachen, werden Sie sehen, daß diese anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft schon aus der ganzen Breite der Beobachtung,
aus der ganzen Breite der Welterscheinungen heraus das holt, was
sie zu sagen hat. Natürlich muß man immer, wenn man in einer
Stunde - und ich bedaure immer, daß es ohnedies immer länger
wird! - weite Gebiete zusammenzufassen hat, den Eindruck machen,
als ob man in abstrakten Gebieten herumwandelte; allein es soll
auch niemand überzeugt, sondern nur angeregt werden, weiterzugehen, und dann wird man schon sehen, daß wirklich viel mehr als
in einer anderen wissenschaftlichen Bestrebung gerade in dieser
Geisteswissenschaft sorgfältiges, gewissenhaftes methodisches Suchen, ernste Forschung zugrunde liegt.
Es ist interessant, gerade das, was ich heute im allgemeinen charakterisiert habe, an einer solchen einzelnen Erscheinung, wie die
menschliche Sprachentwickelung es ist, einmal zu beobachten. Ich
will aber auch da nur auf eine Erscheinung dieser Sprachentwickelung
eingehen. Wenn wir als Menschen sprechen heute, denken wir gewöhnlich gar nicht darüber nach, wie das Sprechen uns eigentlich
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zwingt, in jedem Augenblicke ungenau zu werden. Ich will nur das
sagen, ungenau zu werden. Frify Mauthner hat ein dreibändiges
Werk und außerdem noch ein «Wörterbuch der Philosophie» geschrieben, um zum Ausdrucke zu bringen, wie alles dasjenige, was
man in der Weltanschauung und in der Wissenschaft produziere,
auf der Sprache beruhe und die Sprache ungenau sei, so daß man
eigentlich niemals eine wahre Wissenschaft haben könne.
Nun, das ist gegenüber der Geisteswissenschaft eine törichte Behauptung, selbstverständlich, wenn sie auch in drei Bänden auftritt! Aber bedeutsam ist es doch, auf das zugrunde liegende Teilphänomen einzugehen. Wenn man zurückgeht in der menschlichen
Sprachentwickelung, so findet man, entgegen der äußeren anthropologischen Sprachforschung, welche mit unzulänglichen Mitteln arbeitet, daß der Mensch in älteren Zeiten, je mehr man in diese
älteren Zeiten kommt, immer mehr und mehr noch innerlich seelisch,
auch wiederum instinktiv und unbewußt mit dem verwachsen ist,
was in seiner Sprache zum Ausdrucke kommt. Der Mensch löst sich
auch von dem, was seine eigene Natur enthält, allmählich los, wie er
sich von der äußeren Natur loslöst. Er löst sich auch von dem unmittelbaren Verbunden werden mit der Sprache los. Und die Sprache
wird etwas Äußerliches. Ein starker Dualismus entsteht zwischen
dem innerlich erlebten Gedanken, den mancher schon gar nicht mehr
hat, weil er in der Sphäre der Sprache bleibt, und dem, was gesprochen wird. Und nötig hat man, daß man, wenn man sich keiner
Täuschung hingibt in dem Entwickelungspunkte der Menschheit, in
dem wir jetzt stehen, im Zeitalter der Bewußtseinsseele, gerade
darauf hinzublicken, wie die Sprache sich schon losgelöst hat von
dem Menschen. Eigentlich sind es nur noch die Eigennamen, welche
sich auf ein einziges Wesen beziehen, die wirklich unmittelbar auf
dieses Wesen zutreffen. Sobald man allgemeine Namen verwendet
- seien sie Eigenschafts- oder Hauptwörter oder wie immer -, drücken
sie nur ungenau dasjenige aus, was sie ausdrücken sollen; sie sind
abstrakt; sie sind Allgemeinheiten gleich. Und nur dann wird man
die Sprache heute in ihrem Verhältnis zum menschlichen Leben
richtig verstehen, wenn man sie auffaßt eigentlich als Gebärde, wenn
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man sich bewußt ist, wie ich hindeute, unmittelbar hindeute, wenn
ich mit dem Finger auf etwas zeige, so deute ich, wenn auch durch
die Hervorbringungen meines Kehlkopfes und durch den Laut,
gebärdenhaft hin auf dasjenige, auf das sich die Laute der Sprache
beziehen. Die Sprache auffassen lernen als Gebärde, das ist es, um
was es sich handelt.
So hat die alte Zeit ein unbestimmtes, ich möchte sagen, im
Unterbewußtsein liegendes, instinktives Ahnen davon gehabt, wie das
seelische Leben gebärdenhaft zusammenhängt mit dem Laut, hat nicht
das innerliche seelische Erleben mit dem verwechselt, was in der
Sprache zum Ausdrucke kommt.
Wir selbst haben versucht, um auf einem Gebiete der Geisteswissenschaft naheliegende Bestrebungen zu entfalten, das Gebärdenhafte der Sprache wiederum zur Anschauung zu bringen in dem,
was wir die Eurythmie nennen, wo versucht worden ist, den ganzen
Menschen in Bewegung zu bringen, und durch die Bewegungen
der Glieder, durch Bewegungen der Menschengestalt im Räume,
durch Gruppenbewegungen, Verhältnissen von Menschen untereinander, gebärdenhaft dasjenige auszudrücken, was sonst auch in der
Gebärde, aber nur nicht bemerkt als Gebärde, durch den menschlichen Kehlkopf und seine Nachbarorgane zum Ausdrucke kommt.
Wir bezeichnen diese Art von Bewegungskunst, die als Neues in die
Menschheitsentwickelung eindringen muß, als Eurythmie.
Und wir haben anknüpfen wollen an diesen Vortrag eine eurythmische Darstellung, welche hier in Zürich hätte angekündigt werden
sollen. Sie muß verschoben werden, weil wir zwar die Erlaubnis
bekamen, diese Vorträge zu halten in der jetzigen schwierigen Zeit,
nicht aber diese eurythmische Vorstellung zu geben. Sie hätte gerade
zeigen wollen, wie gerade gewissermaßen der ganze Mensch zum
Kehlkopf wird. Indem man sich dessen bewußt wird, was die Sprache
ist, kommt man auf etwas, was besonders wichtig, ganz fundamental
wichtig für das Leben der Gegenwart und der Zukunft werden wird.
Nichts trifft man heute öfter im menschlichen Leben, als daß irgend
jemand etwas ausspricht, zum Beispiel ich hier in der Geisteswissenschaft. Ein anderer kommt und sagt: Das habe ich dort gelesen - und
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zeigt etwas auf, was wenigstens in Einzelheiten mit dem Wortlaute
vollständig übereinstimmt. Ich könnte Ihnen eklatante Fälle dieser
Art zeigen. Ich will nur einen Fall besonders hervorheben, an dem
mir die Sache sich ganz besonders hervorragend dargestellt hat. Ich
habe, weil ich nun wahrlich versuche, all die Dinge, welche die
Geisteswissenschaft von mir an Verarbeitung fordert, auf das Leben
anzuwenden, dadurch gerade einzudringen in die wirklichen Impulse
des Lebens, ich habe seit langem mich beschäftigt zum Beispiel mit
dem, was ich nennen möchte: die ganze Denkungsart, die ganze Denkergesinnung von Woodrow Wilson. Es ist interessant für mich gewesen, gerade die Aufsätze über geschichtliche Methode, über Geschichtsbetrachtungen und über das amerikanische geschichtliche Leben von Woodrow Wilson zu studieren. Er spielt eine so große Rolle
im Leben der Gegenwart, man muß ihn kennenlernen; so sagt sich derjenige, der nicht dasjenige verschlafen will, was in der Gegenwart geschieht, sondern welcher es mit wachen Sinnen beobachten will.
Ich habe die Art und Weise bewundern gelernt, wie großartig,
wirklich amerikanisch treffend Woodrow Wilson die Entwickelung
des amerikanischen Volkes selbst darstellt; dieses Fortschreiten von
dem amerikanischen Osten nach dem amerikanischen Westen in einer
ganz eigentümlichen Weise. Das Auftreten des wirklichen amerikanischen Lebens erst, als durchgedrungen wird von dem Osten nach
dem Westen, während alles übrige, was dem vorangegangen ist, von
Woodrow Wilson prägnant als Anhängsel zum europäischen Leben
dargestellt wird. Dieses Ausroden der Natur, dieses Überwinden
der Natur, dieses zum Bauer-, zum Landüberwinderwerden der Eingeborenen des amerikanischen Westens, diese eigentümliche Art von
Geschichtemachen, welche mit manchem ähnlich ist, was sonst im
Leben der Menschen sich zugetragen hat, aber doch wiederum ganz
spezifisch verschieden ist, es kommt großartig zum Ausdruck.
Daher ist es auch interessant, zu sehen, wie Woodrow Wilson seine
Geschichtsmethode einrichtet.
Ich bin den Beschreibungen nachgegangen, wo er diese seine
Geschichtsmethode selbst darstellt. Da stellte sich mir etwas sehr
Eigentümliches heraus. Aus diesem durch und durch amerikanisch
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gearteten Manne fließen Sätze heraus, die mir fast wörtlich übereinstimmend waren mit Sätzen eines ganz anderen Mannes, welcher
wirklich aus ganz anderer Lebens- und Denkergesinnung heraus
sich entwickelt hat. Man könnte Sätze von Woodrow Wilson in
seinem Aufsatze über «Methodik der Geschichte», die bei ihm solch
gute Früchte getragen hat, wörtlich herübernehmen in Aufsätze
des Herman Grimm, der nun ganz in der neuzeitlichen GoetheEntwickelung darinnen steht, der in dieser Goethe-Entwickelung
als ein wirklich durch und durch mitteleuropäischer deutscher
Geist dasteht. Man könnte sagen, man braucht Sätze nur herauszuheben aus Herman Grimms Aufsätzen, sie in Wilsons Aufsätze herüberzusetzen - eine ganz anders geartete Natur! - und von Woodrow
Wilson Sätze herüberzunehmen in Herman Grimms Aufsätze; man
würde gar keine großen Veränderungen dem Wortlaute nach finden.
Aber man lernt an einer solchen Erfahrung, was ich nun mit trivialen Worten ausdrücken, aber dadurch etwas sehr Bedeutsames
ausdrücken will. Man lernt: Wenn zwei dasselbe sagen, ist es nicht
dasselbe, sei es auch dem Wortlaute nach übereinstimmend.
Was man dadurch lernen muß, ist, daß man sich nicht bloß in
den Wortlaut, der durch die Sprache gegeben wird, einzuleben hat,
sondern in den ganzen Menschen. Dann wird man das spezifisch
Verschiedene Herman Grimms und Woodrow Wilsons finden. Dann
wird man finden, wie bei Grimm jeder einzelne Satz mit voller
Bewußtseinsseele erarbeitet ist, wie das Fortschreiten in dem geistvollen Aufsatze von Herman Grimm, wo er über die geschichtliche
Methode und geschichtliche Betrachtung spricht, wahrlich so ist, daß
man sieht, wie er von einem Satz zum anderen im inneren Seelenkampf fortschreitet, so daß nichts unbewußt bleibt, sondern alles in
das Bewußtsein hereingedrängt wird. Man hat es immer zu tun mit
diesem innerlichen Fortschreiten der Seele.
Sieht man, wie bei Woodrow Wilson sich die Sache ausnimmt,
dann sieht man, wie aus merkwürdig unterbewußten Untergründen
der Seele, wie aus dem Menschen selbst - im Gegensatz zu dem
äußerlichen Einwirken - diese Sätze heraufdringen. Ich meine damit
gar nichts Übles. Aber ich möchte nur, wenn ich mich paradox ausCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite:559
drücken darf, anschaulich machen: bei Herman Grimm fühle ich
immer: in der Region des ganz bewußten Seelenlebens geht von
Säte zu Satz alles seelische Leben vor sich. - Bei Woodrow Wilson
spüre ich: er ist wie von etwas, was in seinem eigenen Inneren liegt
und das heraufstrahlt, von seinen eigenen Wahrheiten in seinem
eigenen Inneren besessen. Wie gesagt: ich meine nichts Sympathisches oder Antipathisches damit, sondern nur etwas, was ich charakterisieren will. Es wird ihm eingegeben aus dem eigenen Untergrunde der Seele.
Da werden wir finden, wirklich zu erkennen, selbst wenn der
Wortlaut gleich ist: Wenn zwei dasselbe sagen, so ist es nicht
dasselbe! Wir erkennen nur, was zugrunde liegt, wenn wir uns nicht
an den Wortlaut halten, sondern wenn wir uns an das, was aus dem
ganzen Darleben der Persönlichkeit folgt, zu halten verstehen.
Das wird die moderne Menschheit lernen müssen, das noch zu
überwinden, was heute so gang und gäbe ist, wenn man etwas vorgelegt bekommt. Man beurteilt es nur aus dem Inhalte heraus. Das
wird man lernen müssen, daß der Inhalt gar nicht das Wesentliche ist.
Wenn ich über Geisteswissenschaft spreche, lege ich nicht das
Wesentliche an auf Satzformulierung, auf den Inhalt, sondern das
Wesentliche ist, daß in das, was ich sage, einfließe, was wirklich aus
der übersinnlichen Welt heraus produziert ist. Auf das Wie einen
größeren Wert zu legen als auf das Was, muß man lernen, daß man
spürt, daß man fühlen kann, die Dinge sind aus der übersinnlichen
Welt heraus gesprochen.
So muß man überhaupt auch in der Gegenwart gegenüber dem
gewöhnlichen Leben lernen. Mag irgendeine Zeitung, irgendein
Journal etwas noch so Schönes sagen - man kann heute furchtbar
schöne Sachen sagen, denn die Dinge liegen auf der Straße, die
schönen Ideale und die schönen Sachen -, es kommt nicht auf den
Wortlaut an, sondern es kommt darauf an, aus welcher Seelenquelle sie entspringen; daß man durch die Sätze selbst hinblickt
auf Symptome, auf den Menschen. Wir müssen durchdringen wie
durch einen Schleier durch die Sprache und durch den Wortlaut und
dem Menschen uns wiederum nähern.
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Das lehrt uns gerade die neuere Sprachentwickelung, welche den
Menschen losgelöst hat in seinem innersten Wesen in seiner Bewußtseinsseele von der Sprache. Das erzieht uns zu der Notwendigkeit,
nicht bloß auf den Wortlaut zu sehen, sondern durch den Wortlaut
auf die menschliche Seele zu sehen, nach allen Seiten mit allen
Möglichkeiten dem nachzugehen.
Allerdings muß etwas überwunden werden, wenn in dieser Richtung fortgeschritten werden soll, denn die Menschen sind heute noch
an die Abstraktionen gewöhnt, an dieses, ich möchte sagen bürgerliche, philiströse Sich-Halten an den unmittelbaren Inhalt. Wenn
einer ein Ideal ausspricht und irgend etwas formuliert, müssen wir
uns klar sein, sehr verehrte Anwesende, daß das heute so beliebt ist
wie Brombeeren, denn die Ideale sind geformt. Man kann alle möglichen Ideale für die Menschheit und die Völker hinstellen: sie sind
geformt. Es kommt darauf an, woher sie kommen, woher im Seeleninneren, in der Seelenregion sie wirklich entspringen. Es wird das
Leben ungeheuer befruchtet werden, wenn wir in die Lage kommen,
so das Leben anzusehen.
Vielleicht darf ich auch da etwas Persönliches anführen. Sehen Sie,
mir werden mancherlei poetische Produktionen aus der Gegenwart
übergeben. Wer dichtet heute nicht alles! Unter diesen poetischen
Produktionen findet man solche, die sehr formvollendet sind, die
wunderbar dies oder jenes ausdrücken, und solche, die scheinbar
ungelenk sind, die Schwierigkeiten haben mit der Sprache, die sogar
holperig und primitiv sind.
Derjenige, der sich auf einen noch unmodernen Standpunkt stellt,
wird natürlich seine Freude haben über das Schöne, Formvollendete,
namentlich der Sprache, er wird nicht, heute noch nicht empfinden,
daß Emanuel Geibel recht hatte, als er von sich selber sagte, seine
Verse werden ein Publikum finden, solange es Backfische gibt. - Sie
sind schön, sind glatt und werden ein Publikum finden. Selbst
unter denjenigen Menschen ist jenes Publikum, die zum Beispiel
Wildenbruch oder ähnliche Leute für Dichter halten, und derer sind
auch viele.
Aber es gibt eine andere Beurteilung auf diesem Gebiete, und
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das ist auch bei anderen Künsten der Fall. Aber hier spreche ich
jetzt über die Sprache. Es gibt heute Dichter, man kann über deren
Verse stolpern, man kann Schwierigkeiten haben, weil sie in einer
ungelenken Sprache sprechen, aber es ist ein neuer Impuls in ihnen.
Den muß man fühlen. Man muß durch den Schleier der Sprache bei
den geleckten Versen in das Oberflächliche der Seele blicken können.
Denn geleckte Verse, schöne, geleckte Verse, die viel schöner sind
als die Goetheschen Verse, sind heute billig wie Brombeeren, denn
die Sprache dichtet schon. Aber neues seelisches Leben, Leben,
welches unmittelbar aus dem Quell alles Lebens hervorkommt, das
muß erst gesucht werden. Das drückt sich manchmal gerade dadurch
aus, daß es einen Kampf zu führen hat mit der Sprache, daß es
gewissermaßen erst bei einem Stottern ist. Aber solches Stottern
kann einem lieber sein als dasjenige, was in sich vollendet ist und
nur auf die Oberflächlichkeit der Seele zielt.
Es wurden mir einmal Verse übergeben bei einer Gelegenheit, wo
wir selbst solche Verse brauchten, weil wir eine Übersetzung aus
einer anderen Sprache zu leisten hatten; sehr schöne Verse. Ich wurde
wütend darüber und machte selbst schlechte. Ich bin mir bewußt, daß
sie als Verse viel schlechter sind, aber ich wußte, ich wurde in dem
Falle in die Notwendigkeit versetzt, in einer vielleicht holperig
erscheinenden Sprache dasjenige auszudrücken, was ausgedrückt werden sollte, wenn man aus dem entsprechend gesuchten Lebensquell
schöpfte. Ich überschätze durchaus nicht dasjenige, was ich zu
leisten übernommen hatte, aber ich überschätze auch nicht die geleckten Verse, die. mir übergeben wurden.
Das Suchen des Menschen durch die Sprache im Zeitalter der
Bewußtseinsseele ist etwas, was wiederum als Lebenspraxis sich heraus ergibt aus einer wirklichen Betrachtung des sprachlichen Lebens.
Ich habe deshalb auch heute rückhaltlos versucht, auch nicht bei
jedem Satze so zu sprechen, als wenn ich Geisteswissenschaft tradierte und immer das Übersinnliche beweisen wollte, sondern ich habe
versucht, in das Wie der Geschichtsbetrachtung das hineinzulegen.
Und ich glaube, das ist auch das Wichtige, daß man nicht nur
denjenigen einen wahren Geistesforscher immer wieder und wieCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 56 2
derum nennt, der bei jedem fünften Worte das Wort Geist und Geist
und Geistige Welt gebraucht, und dann glaubt, das den Menschen
so suggerieren zu können, sondern der durch die Art der Betrachtungsweise der Welt, selbst der alleräußerlichsten Welt, durch das
Wie - wie er die Dinge darstellt - zeigt, daß der innerliche Führer,
der von Gedanke zu Gedanke, von Anschauung zu Anschauung, von
Impuls zu Impuls führt, daß dieser Führer der Geist ist. Wenn
dieser Führer der Geist ist, dann braucht man ihn nicht immer wieder
vorzubringen.
Das ist etwas, was Ihnen zeigt, wie man an der Sprache erhärten
kann, was ich in einem umfassenden Vortrage darstellen müßte. |
Vor dem Vortrag vom 15. Januar 1916, Dornach
Eurythmie-Programm
Christian Morgenstern Das böhmische Dorf
Der Salm
Der Wasseresel
Der Rock
Professor Palmström
Der Aromat
Die Mausefalle
Die Geruchs-Orgel
Und zum Schluß etwas, woran man öfter denken kann jetzt:
Die Behörde
Über die Humoresken von Christian Morgenstern
Dornach, 15. Januar 1916 und 3. April 1921
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Erlebnisse, charakterologischen Erlebnisse und alles andere von Palmström und von dem Herrn v.Korf. Wir können uns vielleicht ein
anderes Mal, wenn wir schon einiges von den beiden Herren kennengelernt haben, über diese beiden Herren unterhalten. Heute wollen
wir nur das kurze Vorwort als Charakteristik uns vor die Seele
führen, das heißt nämlich, man muß dieses Vorwort von dem Herrn
v. Korf kennen, das heißt nämlich «Das Böhmische Dorf». Nun
muß man vor allen Dingen wissen, was ein böhmisches Dorf ist.
Es ist nicht etwa ein Dorf in Böhmen, sondern - ja, was ist ein
böhmisches Dorf? Etwas, was man so stark nicht kennt, daß, wenn
man es sieht, man ganz perplex davorsteht. Das ist eigentlich ein
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 5 64
böhmisches Dorf. So etwas, wie die Geisteswissenschaft für einen
Philosophieprofessor, oder, na, wie der Johannesbau für einen modernen Kunsthistoriker. Das ist etwa ein böhmisches Dorf.
Dornach, 3. April 1921
Sie werden auch sehen, wenn Sie die Geduld haben, dasjenige, was
ernsteren Dichtungen gegenüber geleistet wird, mit dem zu vergleichen, was den humoristisch-pittoresken Dichtungen gegenüber
versucht ist, wie die Eurythmie den Stilformen durchaus folgt. Wie
auf der einen Seite die außerordentlich verschlungenen, man möchte
sagen, den Weltgeheimnissen und geheimnisvollen Weltenkräften
folgenden dichterischen Vorstellungen des Fercher von Steinwand'durch
eurythmische Formen zum Ausdrucke gebracht werden; wie wir auf
der anderen Seite versuchen, die Humoresken von Christian Morgenstern auch durch besondere Formen eurythmisch im Stil festzuhalten.
Man kann durchaus dasjenige, was Morgenstern wollte, der zu seinen
humoristischen Dichtungen, den «Galgenliedern», den «PalmströmLiedern» und so weiter durch dasjenige geführt wurde, was er im
Inneren seiner Seele, ich möchte sagen, durch das Philistertum, auf
humoristische Art erlebte und erlitt, man kann dasjenige, was er da
dichterisch auslebt, auch in den eurythmischen Formen verfolgen,
ohne mimisch oder pantomimisch zu werden. Christian Morgenstern
empfand ganz besonders dasjenige, was im Philisterium, das überall
um uns herum in unserer prosaisch gewordenen Zeit sich breit
macht, sich auslebt. Ich möchte sagen: Die Spießigkeiten, die Spieße,
die das Philisterium nach allen Seiten ausschickt, taten einer so
sensitiven Natur, wie Christian Morgenstern war, überall weh, und
dadurch kamen seine Gedanken selber ins Tanzen hinein. Sie wurden
überall zurückgeschlagen von den Spießen des Philisteriums, insbesondere auch von jenem Philisterium, das sich heute genial
geben will, das sich aus dem, daß es sich genial geben will, gerade
als so genialisch aufspielt. - Dieses Zurückbeben, dieses Ins-TanzenKommen der Gedanken des Christian Morgenstern durch die Spieße
der Philister fordert wiederum eine besondere Teilform des Eurythmischen geradezu heraus. |
Über die neue Rezitationskunst
Dornach, 30.März und 5. April 1919
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so wie wir es einmal eingerichtet haben, auf der einen Seite den
menschlichen Kehlkopf verkörpert durch die Bewegungen und Gestaltungen des ganzen Menschen und der Menschengruppen sehen,
auf der anderen Seite die Dichtung, das Musikalische hören, so daß
sich beides ergänzt, beides sich zu einem Gesamtkunstwerke vereinigt. Und verstanden sollte werden, daß die die eurythmische Kunst
begleitende Rezitation nun auch dadurch, daß sie als eine besondere
Kunstergänzung zu der Eurythmie auftritt, anders gehalten werden
muß als das, was man heute gewöhnlich unter Rezitation versteht.
Das Rezitieren ist heute aus dem eigentlich Künstlerischen schon
herausgetreten. Das Rezitieren beschränkt sich heute eigentlich auf
Pointisierungen des dichterischen Inhaltes. Gerade das Auffinden
einer Kunstform, wie sie der Eurythmie zugrunde Hegt, wird wiederum dazu führen, die Rezitation selbst zu dem zurückzuführen,
was sie einstmals war, was die Jüngeren unter uns gar nicht mehr
wissen. Diejenigen, die älter sind, wissen sich noch zu erinnern an
die Rezitatoren der siebziger, achtziger Jahre, die vielleicht schon
in der Dekadence, aber doch noch einen Nachklang dessen boten,
was Rezitierkunst früher war. Wenige Menschen wissen heute, daß
Goethe in Weimar für die Bühne die «Iphigenie» mit dem Taktstock
einstudiert hat wie ein musikalisches Kunstwerk, daß man das
Rhythmische, das eigentlich Künstlerische durchhörte. Das war das
Bestreben zum Beispiel auch Goethes. Diese Rezitationskunst ist
verlorengegangen. Durch die Eurythmie wird sie in einer gewissen
Weise sich wiederum notwendig machen. Heute will man gar nicht
mehr hören, was das eigentlich Dichterische, Künstlerische ist.
Die dichterische Form ist nicht etwas, was man in Pointisierung des
Inhaltes zum Ausdrucke bringen kann. Im Grunde genommen ist
heute Rezitationskunst nichts weiter als ein besonders raffiniert
ausgebildetes Prosalesen. Und erst auf dem Umwege durch die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 5 66
Eurythmie wird wiederum Rezitations-, Deklamationskunst gefunden
werden müssen. Das versteht man heute nicht.
Dornach, 5. April 1919
Es ist hier versucht worden, die höchste Offenbarung der Welt,
den Menschen, diesen Mikrokosmos, sichtbarlich wie einen großen
Kehlkopf darzustellen. Natürlich will ich hiermit nichts anderes sagen, als wie diese Kunstform entstanden ist. So wie die Natur im
Menschen selber dasjenige, was Kunst werden kann, in der Dichtung,
im musikalischen Gesänge schafft, so kann dasjenige, was im ganzen
Menschen liegt, zur Kunst werden. Aber alles, was ich gesagt habe,
soll nur die Entstehung ausdrücken. Das Künstlerische muß in der
unmittelbaren Anschauung empfunden werden, und wir sind überzeugt, daß es auch empfunden werden kann.
So werden wir uns bemühen, einerseits das Tonliche durch die
Rezitation, Deklamation oder Musik zum Hören zu bringen, andererseits dasselbe, was gehört werden kann, durch die Eurythmie
sichtbarlich zur Anschauung zu bringen.
Man kommt auch durch die Rezitation in Konflikt mit den heutigen Anschauungen. Die jetzt jüngeren Leute haben die alte Rezitationskunst, selbst in der dekadenten Form, wie sie noch in den siebziger, achtziger Jahren gepflegt wurde, nicht mehr kennengelernt,
jene Rezitationskunst, welche äußerlich die Form wahrte. Man
braucht nur daran zu denken, wie Goethe in Weimar mit dem Taktstock seine «Iphigenie» einstudierte. Heute hat man vielfach kein
Wohlgefallen an dieser Rezitation, die das Formelle, das eigentlich
Künstlerische, das mit dem Inhalt der Worte nichts zu tun hat,
berücksichtigt. Man schätzt viel mehr die vorgetragene Prosa, aus der
das Inhaltliche hervorgeht und die gewisse Nuancen und dergleichen
zum Ausdruck bringt. Hier müssen wir darauf schauen, die Rezitation, die mit der Eurythmie zu einem Gesamtkunstwerke zusammentreten soll, so zu gestalten, daß wir - ebenso wie unsere Tanzkunst vielfach auf den sakramentalen Tanz des Altertums zurückCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 567
gehen muß - zu älteren Formen des Rezitierens zurückgehen, die
heute weniger verstanden werden, die aber wieder verstanden werden können, wenn aus der niedergehenden Kunstkultur des ^.Jahrhunderts sich etwas entwickeln wird, was wiederum elementar
Geistiges, Übersinnliches in sich hat. |
Über die Olympischen Spiele
Domach, 4. Juli 1920
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kann, was von anderer Seite her nicht kommen kann. An was dachte
man alles, bevor dieser Krieg [1914-1918] entbrannt ist! Da dachten
die Leute daran, olympische Spiele aufzuführen. Es ist gerade so,
wie wenn man den Menschen in einem bestimmten Lebensalter an
dasjenige gewöhnen wollte, was eigentlich für ein ganz anderes
Lebensalter gut ist. Man sieht eben heute alles nur abstrakt und
intellektuell an und nicht aus der Wirklichkeit heraus. Die olympischen Spiele waren für das griechische Naturell, was der Mensch in
jenem Zeitalter brauchte. Heute brauchen wir etwas ganz anderes als
olympische Spiele. Wir brauchen etwas, was den Menschen heute
auch seelisch-geistig hineinstellt in den ganzen Weltzusammenhang.
Und so sind die olympischen Spiele und alle die Gedanken, die auf
ähnliches hinzielen, nichts anderes als ein gewisser Dilettantismus
gegenüber der menschlichen Kulturentwickelung. |
Das Musikalische, Bildhafte, Plastische in der dichterischen Gestaltung
Dornach, 3. Oktober 1920
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und ebenso das Bildhafte, das Plastische. Denn die Sprache wird nur
durch die Einverleibung der Bilder, nur durch die Einverleibung
des Musikalischen in das Dichterische erst wirklich poetisch. Auf das
Wie kommt es hier an, nicht auf dasjenige, was ausgedrückt wird,
sondern wie es gestaltet wird. So muß in einer solchen Art die
Rezitation das eurythmisch Dargestellte begleiten. Und das eurythmisch Dargestellte selbst wird um so vollkommener sein, je weniger
es sich nähert dem Prosainhalt. Diejenigen verehrten Zuschauer, die
schon öfter hier waren, werden gesehen haben, daß wir doch versucht
haben, im Laufe der Zeit vorwärts zu kommen, indem wir immer
mehr und mehr, was anfangs da war als ein Unvollkommenes im
Pantomimischen, im Mimischen, überwunden haben. Wir können,
wie im Musikalischen es ja ebenso ist, in der Aufeinanderfolge der
Bewegungen, in der inneren Harmonie und Disharmonie, ich möchte
sagen, in dem Thema der Bewegungen dasjenige zur Offenbarung
bringen, was auch der Dichter, indem er künstlerisch die Sprache
formt, zum Ausdrucke bringen will. Und so können wir Ernstes in
einer entsprechenden eurythmischen Stilform und auch Humoristisches zum Ausdrucke bringen. Ich arbeite auch daran, die Eurythmie
auszudehnen allmählich auf das Dramatische. Bisher können wir nur
solches Dramatisches darstellen, wie etwa den Auftritt mit den
Geistern im «Faust» oder irgendwelche andere sinnlich-übersinnlich
gedachte Gestalten im «Faust». Wir können nur dasjenige darstellen,
wo sich das Dramatische in das Übersinnliche erhebt. Es ist noch
nicht fertig, was auf diesem Gebiete versucht wird; aber es wird
ganz ernst versucht, auch eine eurythmische Form für das rein
Dramatische zu finden. Die Dinge brauchen eben durchaus ihre
Zeit. Sie brauchen die Vertiefung durch das sinnlich-übersinnliche
Schauen. |
Therapeutische Eurythmie
Dornach, 4. Oktober 1920, aus einer Fragenbeantwortung während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses
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Man wird nach und nach auch erkennen, welch ein bedeutsames
Heilmittel man gegen solche und ähnliche Fehler des menschlichen
Organismus in der Eurythmie haben kann. Diese Eurythmie kann,
ich möchte sagen, nach zwei Seiten hin verfolgt werden. Die eine ist
die, auf die ich immer in den «Einleitungen» aufmerksam mache, die
ich zu den Vorstellungen gebe. Da zeige ich, wie bewußt wird durch
sinnlich-übersinnliches Schauen an dem heutigen Menschen der
Sprachorganismus mit seinen Bewegungstendenzen, die dann auf den
ganzen menschlichen Organismus übertragen werden. Aber nicht
wenig Bedeutung hat auch der umgekehrte Weg. Denn, sehen Sie,
bei dem, was Ihnen heute von einem anderen Gesichtspunkt aus
sehr gut vorgebracht worden ist von Dr. Treichler, bei der Sprachentstehung, spielt zweifellos ganz gewiß eine Ur-Eurythmie der Menschen eine ganz bedeutsame Rolle. Die Dinge haben nicht den
Klang gleichsam in sich in dem Sinne, wie es die Bim-Bam-Theorie
behauptet, aber es besteht zwischen allen Dingen, zwischen dem
ganzen Makrokosmos und der menschlichen Organisation, diesem
Mikrokosmos, eine Beziehung. Im Grunde genommen kann alles
dasjenige, was äußerlich in der Welt geschieht, auch durch die
menschliche Organisation in einer gewissen Weise gebärdenhaft in
Bewegung nachgebildet werden. Und so haben wir denn fortwährend
im Grunde genommen allen Erscheinungen gegenüber die Tendenz,
sie durch unseren eigenen Organismus nachzubilden. Wir führen das
nur mit dem physischen Organismus nicht aus, sondern wir führen
es mit dem Ätherorganismus aus. Der Ätherorganismus ist in einer
fortwährenden Eurythmie begriffen. Der ursprüngliche Mensch war
viel beweglicher als der heutige. Sie wissen, dieses Entwickeln von
der Beweglichkeit zur Ruhe, das bildet sich ja noch darinnen ab,
daß es heute in gewissen Kreisen durchaus für ein Charakteristiken
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 57 0
der Bildung angesehen wird, wenn man möglichst phlegmatisch
sich verhält, während man spricht, mit möglichst wenig Gesten sein
Sprechen begleitet. Es ist angesehen worden bei gewissen Rednern,
die Hände immer in der Hosentasche zu haben, damit sie nur nicht
mit ihren Armen irgendwelche Gesten machen, denn das gilt als der
Ausdruck einer besonders guten Redehandhabung, wenn man wie ein
Klotz ruhig dasteht. Aber das, was da karikaturhaft zum Ausdrucke
kommt, entspricht nur jenem Vorschreiten der Menschheit von der
Beweglichkeit zur Ruhe, und wir müssen auf dem Urgründe der
menschlichen Entwickelung in Urzeiten einen Übergang von einer
gebärdenhaften Sprache, von einer Art Eurythmie zu der Lautsprache konstatieren. Dasjenige, was im Organismus zur Ruhe
gekommen ist, hat sich spezialisiert in den Sprachorganen, hat
selbstverständlich erst die Sprachorgane eigentlich ausgebildet. Wie
das Auge am Licht gebildet ist, so ist das Sprachorgan gebildet an
einer zuerst tonlosen Sprache. Und wenn man diese ganzen Zusammenhänge kennt, dann wird man nach und nach das Eurythmische,
indem man es ordentlich einführt in das Didaktische, ganz besonders
gut verwenden können, um all dem entgegenzuarbeiten, was sprachstörend eingreifen könnte. Und nach dieser Richtung hin wird es,
wenn nur ein wenig Muße dazu vorhanden sein wird, eine sehr
reizvolle Aufgabe sein, unsere jetzige, mehr künstlerisch und pädagogisch ausgebildete Eurythmie immer mehr und mehr auch nach der
therapeutischen Seite hin auszubilden und eine Art Heileurythmie
auszugestalten, die sich dann insbesondere auf solche therapeutischen
Forderungen erstrecken wird, wie diejenige ist, von der hier gesprochen worden ist. Ich weiß nicht, ob es schon erschöpfend ist,
was ich gesagt habe, aber ich wollte gerade mit einigen Worten
darauf eingehen.
Es wird gefragt, wie das gemeint sei mit der Bewegung der Eurythmie in bezug auf
den Ätherleib, ob er bei der geisteswissenschaftlichen Forschung dieselbe Form wie der
Körper habe.
Verstehen Sie mich richtig: die Eurythmie ist so, daß sie im
physischen Leibe und durch den physischen Leib dasjenige ausführen läßt, was heute nur der Ätherleib des Menschen ausführt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 5 71
Dadurch, daß der Mensch als Eurythmist mit seinem physischen
Leib die am Ätherleib studierten Bewegungen ausführt, ist noch
nicht gegeben, daß dann derjenige, der eurythmisierend dasteht, wenn
er gerade, ich will sagen, irgendeinen abscheulichen Gedanken hat,
diesen abscheulichen Gedanken nicht mit seinem Ätherleibe ausführte.
Er kann also mit seinem äußeren physischen Leibe die schönsten
Bewegungen ausführen, und da tanzt dann der Ätherleib, seinen
Emotionen folgend, unter Umständen in recht karikaturhafter
Weise. - Ich möchte noch das Folgende sagen.
Nicht wahr, es ist im allgemeinen so, wenn man den ruhenden
Menschen ansieht, daß der Ätherleib ruhig ist, etwas größer ist als
der physische Leib. Aber das wird nur dadurch bewirkt, daß für
den Ätherleib des Menschen, schematisch gezeichnet, der physische
Leib nach allen Seiten «verluftigend» wirkt. Der Ätherleib, wenn er
nicht vom physischen Leib in seiner Form gehalten würde, wenn er
nicht vom physischen Leib gebannt würde, würde ein ganz bewegliches Wesen sein. Der Ätherleib hat an sich durchaus die Möglichkeit, nach allen Seiten hin sich zu bewegen, und er ist außerdem
im wachen Zustande unter dem fortwährenden Einfluß des nun allem
Seelischen folgenden beweglichen Astralischen. So daß also der Ätherleib für sich etwas durchaus Bewegliches ist. Und als Maler hat man
zum Beispiel die Schwierigkeit, wenn man so etwas Ätherisches
malen will, daß man, ich möchte sagen, malen muß, wie wenn man
den Blitz malen könnte. Man muß das Bewegte in Ruhe übersetzen.
Also in dem Augenblick, wo man aus der physischen Welt herauskommt, in dem Augenblick erhält auch der Begriff Distanz, und alle
diese Dinge, die eigentlich nur auf den ruhenden Raum sich beziehen,
hören auf, und es beginnt ein ganz anders geartetes Vorstellen.
Es beginnt ein Vorstellen, welches eigentlich nur so charakterisiert
werden kann, daß man sagt: Es verhält sich zu dem gewöhnlichen
Vorstellen räumlicher Dinge, wie sich eine Saugwirkung zu einer
Druckwirkung verhält. Man wird in die Sache hineingerissen, statt
daß man sie betastet und so weiter. - Also so verhält es sich mit
der Beziehung des ätherischen Leibes zum physischen Leib. |
Eurythmie und physiognomischer Ausdruck
Den Haag, 27. Februar 1921
| 573 |
weil sie meinen, daß Eurythmie mit Mimik oder dergleichen zu tun
habe, einen gewissen physiognomischen Ausdruck und vermissen ihn
hier. Wir geben ihn absichtlich nicht in der gewöhnlichen Form,
sondern nur in der Form, daß jede Bewegung auch des Gesichtes
und des Kopfes dem Eurythmischen entsprechen muß. Ebensowenig, wie man die Tonbewegungen mit dem Gesicht begleiten
kann, die man als Grimassen empfinden würde, wenn sie übertrieben wären, kann man die eurythmische Sprache begleiten mit
dem, was die Menschen als das bewegte Antlitz verlangen aus einem
solchen Mißverständnis heraus. Sie werden sehen, wie - geradeso
wie beim Musikalischen im melodiösen Thema - beim Eurythmisieren in der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge der Bewegungen das
eigentlich Künstlerische zum Ausdruck kommt. Wir versuchen immer
mehr und mehr durch komplizierte Formen, die aber wiederum
innere Einfachheit und Harmonie haben, das gewöhnliche Eurythmische in künstlerisch Eurythmisches umzusetzen, was Sie besonders
in einigen Gruppenbewegungen bemerken werden.
Im zweiten Teil, dem humoristischen, werden Sie sehen, wie der
eurythmische Stil, die eurythmische Form auch diesem Stilunterschied, dem Seriösen auf der einen Seite, dem Pittoresken auf der
anderen Seite, in der äußeren, sichtbaren Formung gerecht werden. <
Die Erweiterung des Dichterischen und Musikalischen durch Eurythmie
Dornach, 10. Juli 1921
| 573 |
zur Geltung bringen will, in dem Gehörten Bewegung, Rhythmus,
Taktmäßiges haben. Indem man die Sprache in die Bewegung
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 5 7 3
bringt, in Licht- und Tongestaltung, dasjenige, was man da auf
mittelbare Weise versucht auszubilden, das Musikalische, das kann
nun in der Bewegung des Menschen, die man herausholt aus dem
Kosmos, zur Offenbarung kommen, so daß tatsächlich durch den
bewegten Menschen das Seelische einer Dichtung sich besonders
aussprechen kann, wie man auch zu dem Musikalischen statt eines
Gesanges, ich möchte sagen, Gesang durch die Bewegung des
Menschen hinzufügen kann. Man kann das Musikalische ebenso
durch diese sichtbare Sprache in Bewegungen der Eurythmie ausdrücken, wie man tatsächlich durch den Gesang das Musikalische
zum Ausdruck bringen kann, tonlich zum Ausdruck bringen kann.
Dadurch ist man in der Tat in der Lage, das Gedankliche in der
Dichtung zurückzudrängen, welches der Dichter nur gebrauchen
muß, um das eigentlich Künstlerische aufzureihen.
Und das andere Element, das in jeder Dichtung enthalten ist, das
Willenselement, das aus dem vollen Menschen, nicht bloß aus dem
Kopf des Menschen kommt, kommt durch die sichtbare Sprache der
Eurythmie mehr zur Offenbarung.
Wer ein wirklich künstlerisches Empfinden hat, wird daher nichts
einzuwenden haben gegen eine solche Erweiterung des Künstlerischen, wie sie im Eurythmischen auftreten will, denn er wird seine
Freude an jeder Erweiterung des Künstlerischen haben. Und wer da
sagt etwa, man solle Goethesche Gedichte nicht in Eurythmie darstellen - was würde Goethe selbst dazu sagen? -, der würde sehr
am Ziel vorbeigehen. Denn gerade das, was als das eigentlich wirklich Bedeutsame im Dichterischen liegt, geht aus dem ganzen Menschen, nicht bloß aus dem hervor, was man in das Wortwörtliche
hineinbringen kann. Und dieses Vollmenschliche kann gerade durch
die Eurythmie zum Ausdruck gebracht werden. So daß manches,
was, ich möchte sagen, in den tiefen Geheimnissen der Dichtung
liegt, gerade durch diese sichtbare Sprache der Eurythmie an die
Oberfläche gebracht werden kann, angeschaut werden kann. Und auf
der Anschauung beruht im Grunde genommen alles, was den künstlerischen Eindruck in Wirklichkeit ausmacht. |
Dornach, 17. September 1922
| 575 |
Rezitierens und Deklamierens zurückführen, als sie heute in einer
gewissermaßen unkünstlerischen Zeit praktiziert wird. Heute wird
doch vielfach, obwohl einige schon einsehen, daß nach etwas anderem
gestrebt werden muß, noch so rezitiert oder deklamiert, daß eigentlich nur der Prosagehalt einer Dichtung zum Ausdruck kommt.
Man pointiert, wie man sagt, aus der Empfindungstiefe heraus den
Prosainhalt. Der wirkliche Dichter arbeitet zunächst in seiner Seele
gar nicht mit dem Prosagehalt, sondern mit einem Ungewissen
melodiösen, harmonischen, musikalischen Elemente, oder er arbeitet
mit der Bildgestaltung der Sprache. Bei dem wirklichen Dichter,
insofern er Künstler ist, geht dem Prosagehalt seiner Dichtung eine
innere Notwendigkeit, ein Webendes, Lebendes, ein sich Rundendes,
oder ein tiefer oder höher Heraufsteigendes voran, woraufhin erst
ein sich in dieser Weise Formendes in diesem oder jenem Gedanken
in der Sprache gestaltet wird. Die wirklich künstlerische Form hat
es zunächst nicht mit der Prosaform des Gedankens zu tun, die sich
etwa in zwei vierzeiligen und in zwei dreizeiligen Strophen ausspricht, sondern gewissermaßen mit einem Hingang, der zunächst
angeschlagen wird, und mit einem Rückgang in den zwei ersten
Strophen; mit einem Hinschauen auf den Hingang, mit einem
Zurückschauen auf den Rückgang in den zwei letzten Strophen. In
derartigen Bildgestaltungen lebt derjenige, der aus dem wirklichen
Kunstgefühl, aus der künstlerischen Phantasie heraus ein Sonett
schafft.
Und so ist es, daß überall wirklich so etwas zugrunde liegt, wie
zum Beispiel bei Schiller, dem es bei seinen hauptsächlichsten lyrischen
Dichtungen zunächst nie ankam auf den Prosagehalt, den er dann
nur aufgereiht hat, nachdem er zuerst eine unbestimmte Melodie im
Sinne hatte. Bei Goethe war es mehr ein unbestimmtes Fühlen;
Goethe lebte mehr als Schiller im unbestimmten Fühlen. Das muß
in der Rezitation und in der Deklamation, welche jeweils die Eurythmie begleiten, durchaus zum Ausdruck kommen. Man kann nicht in
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 575
prosaischer Weise deklamieren, wenn man die Eurythmie deklamatorisch und rezitatorisch zu begleiten hat.
Ebenso kann sichtbar gesungen werden. Dann ist die Eurythmie
Begleiterin des Musikalischen, des Instrumentes, des Instrumentalen.
Beides, Musikalisches und Rezitatorisches, werden wir uns erlauben,
Ihnen vorzuführen. Wenn zur Eurythmie rezitiert und deklamiert
wird, muß auf das Verbildlichen der Sprache, auf das Musikalische
der Sprache gesehen werden. Und in diesem Sinne muß die Rezitations- und Deklamationskunst, wie wir das hier versuchen, wiederum zurückkehren zu dem, was sie in künstlerischeren Zeitaltern war,
als es das unsrige ist. Daher wird manchmal die besondere Form
des Deklamierens und Rezitierens, welche wir hier als eine rein
künstlerische ausbilden, heute noch als etwas Ungewöhnliches empfunden werden können. Bei einer Rückkehr unseres Zeitalters in ein
wirklich Künstlerisches wird das aber schon verstanden werden. |
Beleuchtungs-Eurythmie
Aus Ansprachen 1921 bis 1924
| 577 |
Jedesmal, wenn wir eine solche Vorstellung geben, muß ich aber die
verehrten Zuschauer um Rücksicht bitten, denn so sehr wir von
Monat zu Monat die Eurythmie wiederum vorwärtsbringen, da alles
auf der Bühne durchaus eine sichtbare Sprache ist - bis zu den
Lichtfolgen, den einzelnen Folgen von Lichtnuancen soll alles auf
der Bühne eine sichtbare Sprache sein -, trotzdem sind wir aber
heute erst im Anfange.
Dornach, 23. Juli 1922
Geradesowenig wie im Musikalischen bei einem Ton gefragt werden
darf, was er bedeute, wie im Musikalischen der Eindruck dadurch
erzielt wird, daß die gleichzeitigen oder aufeinanderfolgenden Töne
in ihrem Verhältnisse erfaßt werden, geradeso müssen hier die
Bewegungen, und nicht in abstrakt-intellektualistischer Weise, auf
ihre gewisse Bedeutung hin angeschaut werden; sie müssen in unmittelbarer Art von außen erfaßt werden. Und dann die Aufeinanderfolge
der Bewegungsgestaltung, sie ist dasjenige, in dem das Künstlerische
liegen muß.
Nach und nach versuchen wir immer weiter und, weiter mit diesen
Dingen zu kommen. So zum Beispiel fügen wir zu dem Bühnenbild im allgemeinen, welches dadurch entsteht, daß Gedichte oder
Musikalisches, die sonst durch Ton oder Laut zur Offenbarung
kommen, daß diese auch durch den bewegten einzelnen Menschen
oder bewegte Menschengruppen in dieser sichtbaren eurythmischen
Sprache zur Offenbarung kommen, zu diesem Bühnenbild, welches
da entsteht, fügen wir immer mehr und mehr Dazugehöriges hinzu.
So ist von mir namentlich in der letzten Zeit versucht worden, die
Beleuchtungen, welche sich auch wiederum nach eurythmischen
Grundsätzen herstellen lassen, in der entsprechenden Weise dem
Bühnenbilde einzufügen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 57 7
Da darf man nun wiederum nicht etwa auf die einzelne Beleuchtung sehen, in irgendeiner Weise deutend, ob im einzelnen Momente
da oder dort Grün oder Gelb da ist, sondern da muß man wiederum
sich klar sein, daß das ganze so beurteilt werden muß wie das
Musikalische, oder wie die eine Farbnuancierung auf die andere
folgt oder umgekehrt. Also auch da hat man es zu tun mit einer
sichtbaren Sprache; aber wenn es bis zur eurythmischen Vorstellung
kommt, mit der künstlerischen Gestaltung dieser eurythmischen
Sprache.
Dadurch, meine sehr verehrten Anwesenden, erlangt man etwas,
was als eine selbständige Kunst, die keine pantomimische, keine
Tanzkunst auch ist, was als eine selbständige Kunst sich darstellt
neben die musikalische Kunst, neben die dichterische Kunst.
Dornach, 30. Juli 1922
Wir können ganz besonders sehen, wie nach und nach die Eurythmie
sich ausbildet, indem man gerade Rücksicht nehmen muß, daß es
nicht auf die einzelnen Bewegungen, sondern auf die Aufeinanderfolge der Bewegungen ankommt. Daher habe ich in der letzten Zeit
auch versucht, durchaus dasjenige, was zur eurythmischen Darstellung
dazugehört, aber auch weggelassen werden könnte, die Beleuchtung
auch im eurythmischen Sinne zu gestalten, so daß Sie auch bei den
Beleuchtungen das sehen werden, was gerade zu einer Stimmung
paßt, was gerade in der Beleuchtungsfolge zum Ausdruck kommt,
auch als eine sichtbare Sprache.
Dornach, 17. September 1922
Diejenigen der verehrten Zuschauer, welche öfter hier waren, werden
sehen, wie wir uns in den letzten Monaten bemüht haben, auch die
Beleuchtungen, die aufeinanderfolgenden Lichtefifekte nicht in naturalistischer Weise einfach zu den Gesten hinzuzufügen, sondern sie
in ihrer Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenstimmen mit dem
zu begleitenden Eurythmischen aus dem farbig Geformten eurythC7O
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 578
misch zu gestalten. So sollte man auch hier wiederum nicht auf das
einzelne sehen, sondern auf das Hervorgehen einer Beleuchtung
aus einer vorangehenden Bewegung oder auch auf die retardierende
Wirkung, welche die Bühnenbeleuchtung auf die Begleitung der einzelnen Darstellungen ausübt.
Dornach, 30. September 1922
Man hat es also in der Eurythmie mit einer wirklich sichtbaren
Sprache zu tun, welche ebenso künstlerisch gestaltet werden kann,
nur jetzt für das Auge, nicht für das Ohr, wie das Musikalische
oder wie das Dichterische in Rezitation oder Deklamation. Sodann
versuchen wir, der Darstellung mit unserer Eurythmie das ganze
Bühnenbild anzupassen. Und es werden diejenigen verehrten Zuschauer, welche vor einiger Zeit Eurythmie gesehen haben, bemerken,
wie jetzt seit längerer Zeit schon der Versuch gemacht wird, auch
die Beleuchtungswirkungen, sowohl die Beleuchtungswirkungen, die
im Räume fluten, wie auch das Zusammenstimmen der Beleuchtungen mit der Farbe der Kleidung und der Schleier der Eurythmisierenden ebenfalls im eurythmischen Sinne zu gestalten. So daß man
gewissermaßen ein in sich bewegtes oder sich bewegendes Lichtfluten hat, das nun wiederum eigentlich eine sichtbare Sprache
darstellt.
Den Haag, 2. November 1922
Wir haben im Laufe der Zeit versucht, das ganze Bühnenbild demjenigen anzupassen, was als eurythmische Kunst sich hier darbietet.
Und so haben wir namentlich versucht, auch die BeleuchtungsefTekte der Bühne so herzustellen, daß sie gewissermaßen im Bühnenbild die Fortsetzung dessen sind, was in der Eurythmie zur Darstellung kommt. Es handelt sich also nicht darum, einen Lichterlekt auf den anderen unmittelbar abzustellen oder zu beziehen,
sondern in der melodiösen, in der unmittelbaren harmonischen,
künstlerischen Aufeinanderfolge der LichtefFekte dasjenige zu sehen,
auf was es ankommt.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 579
Dornach, 4. Februar 1923
In der Iet2ten Zeit zum Beispiel haben wir zu der Bewegung des
Menschen, die auf der Bühne zu sehen ist, hinzugefügt eine Art
eurythmische Beleuchtungskunst, so daß das Bühnenbild nicht nur
den bewegten Menschen und die bewegten Menschengruppen hat,
sondern im Zusammenklang damit die Aufeinanderfolge der Beleuchtungswirkungen, eine Art Eurythmie durch die Beleuchtung.
Und dabei kann Ihnen gleich etwas auffallen. Während man beim
gewöhnlichen Bühnenbild auf der Szene, wenn Dramatisches, Mimisches dargestellt wird, die Beleuchtungen so wählt, daß sie gewissermaßen sich pointiert anpassen an dasjenige, was nun gerade im
Augenblicke die Situation ist, sagen wir, wenn irgendeine Szene am
Morgen gespielt wird, nimmt man Morgenbeleuchtung und dergleichen, handelt es sich hier darum, daß nichts Naturalistisches
auch in der Beleuchtung liegt, sondern daß auch die Beleuchtungsaufeinanderfolgen so gestimmt sein müssen wie etwa die Töne in
einer musikalischen Melodie. Es kommt auf das Aufeinanderfolgen
der Beleuchtungswirkungen an. Und diese Aufeinanderfolge der Beleuchtungswirkung muß wiederum zusammenstimmen mit demjenigen, was man als Bewegungen sieht.
Dornach, 2, April 1923
Wir haben in der letzten Zeit das Licht- und Farbenelement in das
Eurythmische eingeführt. Ich möchte sagen: Dasjenige, was an Bewegungen des Menschen und der Menschengruppen auf der Bühne
erscheint, geht von der menschlichen Seele, von dem menschlichen
Geiste aus. Aber das Menschlich-Seelische ist immer in Verbindung
mit dem Elementarischen der Außenwelt. Und dasjenige, was auf der
Bühne in dem Bilden der Menschenbewegungen vor sich geht, kann
zusammengestimmt werden, indem es sich harmonisch fortsetzt und
fortbildet in demjenigen, was nun die Bühne durchflutet als Farb'enund LichteiFekte, die auf der einen Seite abgestimmt sind mit der
Gewandung des Eurythmisierenden, die auf der anderen Seite in ihrer
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite:580
Aufeinanderfolge selbst ein aus dem Laute herausgeborenes, ich
möchte sagen, musikalisches Element geben. So daß auch das Beleuchtungselement der Bühne eurythmisch behandelt werden kann.
Das Bühnenbild des Eurythmischen ist allerdings heute erst unvollkommen vorhanden; es wird sich aber immer weiter und weiter
vervollkommnen.
Dornach, 7. April 1923
Wir haben ja heute schon versucht, auch das Bühnenbild nach seiner
Lichteffektseite hin der Eurythmie auszugestalten. Man kann sehen,
wie man auch eine Art Licht-Eurythmie entfalten kann, wie das
Bühnenbild gewissermaßen eingerahmt ist von Licht, von melodiösem
Element und so weiter. Es kommt da bei den BeleuchtungsefFekten
jetzt nicht darauf an, sagen wir, den einzelnen Inhalt, der gerade
in dem bestimmten Zeitpunkt da ist, in symbolische Beziehung zum
Gedichte zu bringen, sondern die Aufeinanderfolge, so wie man im
Musikalischen die Aufeinanderfolge der Töne hat. Die Aufeinanderfolge der Lichtwirkungen ist es, um was es sich handelt.
Dornach, 9. Juni 1923
Aber man hat das Gefühl, mit der Eurythmie auch sonst zum Stil
überzugehen. Diejenigen verehrten Zuschauer, die öfter hier unsere
eurythmischen Vorstellungen gesehen haben, werden in der letzten
Zeit unser Bemühen bemerkt haben, zu dem Bühnenbild, das durch
die bewegten Impulse der Menschen oder Menschengruppen entsteht, Beleuchtungswirkungen hinzuzufügen. Die Beleuchtungen sind
nicht in naturalistischer Weise auf die einzelne Geste zu beziehen,
sondern wie das Musikalische, das Melodiöse in der Aufeinanderfolge der Töne gesucht werden muß, so muß hier in der Eurythmie
in der Aufeinanderfolge der BeleuchtungsWirkungen dasjenige gesehen werden, was eigentlich angestrebt wird. Das bewegte eurythmische Bild ist hineingestellt in dazugehörige Beleuchtungsfolgen,
die nun selber wiederum eine Art Licht-Eurythmie sind.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 5 81
Dornach, 11. Mai 1924
Seit einiger Zeit haben wir versucht, immer vollkommener und
vollkommener auch eine Eurythmie in der Aufeinanderfolge der
Beleuchtungen, die auf der Bühne auftreten, hineinzubringen, und die
dann Fortsetzungen desjenigen sind, was durch den bewegten Menschen oder Menschengruppen geschieht. Daher hat man auch darinnen
nicht irgend etwas im trivialen Sinne Bedeutsames zu sehen, sondern
etwas Künstlerisches. Wir können auch schon manches ins gesamte
Bühnenbild hineinbringen, was nach und nach aber immer mehr
hineingebracht werden muß.
Wenn es also auf der Bühne hell wird einmal, während ein Gedicht
eurythmisiert und rezitiert wird, so ist dieses Hellwerden nicht aus
dem Grunde etwas, well im Gedichte steht, daß die Sonne zum
Beispiel hervorbricht, sondern es ist deshalb, weil in der Sprachbehandlung an dieser Stelle etwas Lichtartiges zutage tritt.
Und so muß man hier bei dieser Beleuchtungseurythmie darauf
sehen, wie die Beleuchtungen aufeinander folgen, wie die Töne in
der Musik zur Melodie und so weiter.
Aber wir wissen, daß wir im Anfange stehen; habe ich doch vor
kurzem erst die Toneurythmie dadurch wieder ein kleines Stückchen
weiterzubilden versucht, daß hier an der Freien Hochschule für
Geisteswissenschaft ein Kursus für Toneurythmie gehalten wurde,
ein besonderer Kursus für Toneurythmie. Wir sind, wie gesagt, am
Anfange und sind selbst in dieser Beziehung unsere strengsten
Kritiker. |