III Pädagogische Eurythmie 10
Bern, 14.April 1924
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eurythmischen Kunst aufführen, welche vom Goetheanum aus gepflegt wird. Damals handelte es sich vorzugsweise darum, Eurythmie
als Kunst vorzuführen. Die Eurythmie ist eine Kunst, welche mit
heute noch ungewohnten Kunstmitteln arbeitet, in heute noch ungewohnten künstlerischen Formen spricht, und über die vielleicht daher
ein paar Worte der Verständigung im voraus notwendig sind.
Der Mensch offenbart dasjenige, was in seiner Seele lebt, durch
das Gesanglich-Musikalische und durch die Sprache. Beides, sowohl
das Gesanglich-Musikalische wie die Sprache, gehen hervor aus demjenigen, was der Mensch in sich erlebt. Aber sie sind gewissermaßen konzentriert auf ein gewisses Organ, ein organisches System,
auf die Sprach- und Gesangsorgane. Nun sehen wir schon im gewöhnlichen Leben, wenn wir sprechen, wie wir so häufig das Bedürfnis haben, dasjenige, was wir durch die Sprache zum Ausdruck
bringen, möglichst zu unterstützen durch allerlei Gebärden. Und wir
vermeinen, wenn wir uns das auch nicht immer klar machen, daß die
Gebärde geeignet ist, den Anteil des Seelischen an dem, was wir da
aussprechen, größer zu gestalten, als wenn wir die Sache bloß aussprechen. Das ist das eine, was als eine Beobachtung aus dem gewöhnlichen Leben hergenommen werden kann, und woraus wir dann
sehen werden, wie es sich zum Eurythmischen verhält.
Ein anderes ist ein kleines Stück von einer Erkenntnis, welche die
heutige Wissenschaft schon hat, während eine ganze Erkenntnis daraus werden kann. Die heutige Wissenschaft weiß, daß das Sprachzentrum, das gewöhnliche Sprechzentrum des Menschen, in der linken
Hirnhälfte liegt, daß da ein ganz bestimmtes Organ ist, aus Hirnwindungen bestehend, ohne welches der Mensch unfähig ist zu sprechen;
nicht deshalb, weil seine Sprachorgane in irgendeiner Weise unfähig
wären, die können ganz intakt sein, der Mensch kann doch nicht, wenn
dieses Gehirnorgan nicht in Ordnung ist, sprechen und singen, weil er
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nicht in diese Sprachlaute Sinn hineinlegen könnte. Nun ist das Merkwürdige dieses, daß die meisten Menschen dieses Sprachzentrum in der
linken Hirnhälfte haben. Die rechte Hirnhälfte in ihren Windungen
zeigt dieses Sprachzentrum gewöhnlich bei den Menschen nicht. Da
ist das Gehirn nicht in den Formen, in denen es geformt ist in der linken Seite des Gehirnes. Nur die wenigen linkshändigen Menschen
haben die Sache umgekehrt; sie haben auf der linken Seite einen ungeformten Teil und auf der rechten Seite das geformte Sprachzentrum des Gehirns. Daraus kann man sehen, daß die Bewegung des
Armes und der Hand etwas zu tun hat mit dem Sprechen. Das Kind
führt zunächst das, was aus seiner Seele sich herausleben will, in den
Handbewegungen aus, und wir haben die Handbewegungen dazu veranlagt, ausdrucksvolle Gesten zu bilden, ausdrucksvolle Gebärden zu
formen. Bei demjenigen Menschen, dessen rechte Hand und rechter
Arm dazu veranlagt sind, ausdrucksvoll zu werden, Sprache zu werden, bei ihm geht durch eine geheimnisvolle innere Organisation
dieser Impuls aus Arm und Hand über auf die linke Seite des Kopfes.
Und man kann durchaus davon sprechen, daß es bei den Linkshändern
auf die rechte Seite des Kopfes übergeht. Also muß die Sprache mit
der Veranlagung von Arm und Hand etwas zu tun haben.
Anthroposophische Geisteswissenschaft, wie wir sie in Dornach
treiben, ist nun imstande, diese Sache, die nur ein kleines Stück
Weg bekannt ist, weiter auszubilden, und da sieht man zuletzt, daß
alles, was im Menschen organisch veranlagt ist, etwas zu tun hat mit
der Fähigkeit zu sprechen. Wer das durchschauen kann, braucht nur
zu sehen, wie ein Mensch auftritt, wie er ein Bein vor das andere
setzt im Gehen. Er kann aus diesem heraus sehen, ob dieser Mensch
eine Sprache hat, auch wenn er nie sprechen gelernt hat, in scharfer
Abgrenzung, ob er einzelne Laute betont oder alles gleich sagt. Wenn
man einen Menschen anschaut, wie er Arme und Beine bewegt,
bekommt man eine Anschauung vom Rhythmus seiner Sprache; das
Mienenspiel des Gesichtes deutet das Melos der Sprache, ihre Melodie
an. Der Mensch bildet das im Verlaufe seines Lebens nicht aus,
sonst würden wir alle merkwürdige Betrachtungen fortwährend machen, wenn wir die Seele im Ausdruck der Sprache zur Offenbarung
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kommen lassen. Wir unterdrücken die Begleiterscheinungen, welche
unser Organismus ausführen will für die Sprache. Sie können sogar
sehen, wie es die Angehörigen der einen Nation mehr tun als die Angehörigen der anderen Nation. Die Engländer stecken die Hände in
die Hosentaschen, wenn sie reden; die Italiener bekräftigen das, was
sie sagen wollen, was sie auf der Seele haben, mit allerlei Gebärden.
Man kann wirklich, wenn man ein exaktes Anschauen von diesen
Dingen hat, jeden Sprachlaut zurückführen auf eine Bewegung des
menschlichen Organismus. So wie sich die Bewegung, die sich aber
im Leben unterdrückt, in die Sprache verwandelt, so kann man die
Sprache zurückverwandeln in Bewegung. Dieses gibt dann Eurythmie. Diese Eurythmie gibt das, was wir in meistens nicht sehr ausdrucksvollen Bewegungen, mit denen wir unsere Sprache begleiten,
zeigen. Wie sich das unartikulierte Lallen des Kindes verhält zur ausgebildeten Sprache der Menschen, so verhält sich die Gebärde der
gewöhnlichen Sprache zur Eurythmie. Das, was der Mensch hat als
Unterstützung seiner Sprache, ist ein Lallen seiner Gebärden. Hier
in der Eurythmie sehen Sie die ausgebildete Bewegungssprache, eine
sichtbare Sprache, die aber ausdrucksvoller ist, die kunstvoll ist, weil
sie nicht der Konvention unterliegt wie die gewöhnliche Sprache.
Was den Gesang betrifft, so kommt in ihm das zum Ausdruck,
was im Menschen, man kann schon sagen, als Musikalisches lebt.
Da ist die Sache noch viel interessanter. Wenn der Mensch nämlich
dasjenige in sich erlebt, was ihn über das Tier hinaushebt, dann
wird das im Menschen unterbewußt erlebt als das Musikalische. Daher
haben wir für die anderen Künste überall Vorbilder in der Natur,
weil in den Reichen der Natur das da ist, was in den anderen Künsten
gepflegt wird. Für die Musik haben wir kein Vorbild der Natur.
Wenn jemand musikalisch komponieren will, kann er nicht die Natur
nachahmen. Derjenige, der den Menschen mit musikalischer Anschauung betrachten kann, findet in dem, was der Mensch innerlich
durch Atmung, durch Blutzirkulation und wiederum durch dasjenige,
was mit Atmung und Blutzirkulation in seiner Gestaltung zusammenhängt, ein lebendes, ein fortwährend bewegliches musikalisches Instrument. Ach, es ist so trostlos pedantisch und philiströs, wenn wir
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nur mit der gewöhnlichen Anatomie und Physiologie den Menschen
beschreiben. Dieses wunderbare Gefüge von Nerven, das im Menschen verläuft und aufgefädelt ist, möchte ich sagen, auf dem Rükkenmark, das da ausläuft in das Gehirn, dieses ganze Nervensystem
angeschaut, ist eigentlich eine wunderbare Abstufung von musikalischen Wirkungen, welche von der Atmung übergehen durch die Blutzirkulation in das Nervensystem, welche im Nervensystem sich als
die wunderbarste im Menschen lebendige Musik absetzt. Was musikalisch erlebt wird, überträgt sich wieder in die Gestalt des menschlichen Organismus. Geradeso wie die Handbewegung, die Beinbewegung, das Fußaufstellen, wie das in der Sprache lebt, so lebt das,
wie der Mensch innerlich rhythmisch veranlagt ist, in dem Musikalischen, in dem, was er gesanglich hervorbringt. So wie das Gehirn
nach den Bewegungen sich 2um Mittelpunkt der Sprache macht,
des sinnvollen Sprechens, so macht sich ein anderer Teil des Gehirnes zum Mittelpunkt dessen, was nicht äußerlich erscheint in
Bewegung, sondern was innerlich in Blutzirkulation erscheint. Wir
lernen das Innere des Menschen kennen, wenn wir diejenige Bewegung, die eigentlich im Inneren des Menschen verläuft, als musikalische Bewegung des Gesanges in die äußere Gebärde übersetzt,
kennenlernen. Dadurch entsteht die Toneurythmie. Sie ist eine Darstellung dessen, was aus dem rhythmischen Menschen heraus ist.
So entsteht sichtbare Sprache und sichtbarer Gesang, welche ebenso
ausdrucksvoll sind wie die Lautsprache und der Tongesang selber.
Nun, das alles kann künstlerisch ausgestaltet werden, ist künstlerisch ausgestaltet und tritt als Kunst zu den anderen Künsten hinzu.
Nun stellt sich noch ein anderes heraus. Wir haben in der Waldorfschule in Stuttgart durch die ganze Volksschule hindurch und
weiter die Eurythmie als obligatorischen Lehrgegenstand neben dem
Turnen eingeführt. Sie ist ein geistig-seelisches Turnen. Wenn man
das Turnen, das eigentlich heute etwas überschätzt wird, ansieht,
dann entsteht es so in der Zeit des Materialismus als ein Bewegen
des Menschen auf Grundlage der Anschauung seiner Körperlichkeit.
Ein sehr berühmter, gar wohl bekannter Physiologe der Gegenwart,
der einmal einer Eurythmievorstellung beigewohnt hat und diese
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Worte von mir gehört hat, als ich sagte, das Turnen ist etwas
Einseitiges und sollte durch solche geistig-seelische Eurythmie ergänzt werden, sagte von seinem Physiologenstandpunkt aus - also
nicht ich, sondern er sagte das, und wenn ich seinen Namen nennen
würde, würden Sie einen Schreck bekommen -, er sagte: Ich nenne
das Turnen eine Barbarei; es ist gar kein Erziehungsmittel. - Jedenfalls möchte ich nicht so weit gehen. Aber in der Waldorfschule
führen wir das, was nun ebenso naturgemäß aus dem menschlichen
Organismus heraus eine Sprache und einen Gesang entfalten läßt,
im Unterricht als ein geistiges Bewegungsspiel ein und als solches
werden Sie es hier sehen, ausgeführt durch die Schülerinnen von
unserer Fortbildungsschule am Goetheanum in Dornach. Man kann
dabei sagen, daß sich Eurythmie vom sechsten, siebenten Lebensjahr
ab durch alle Schulklassen zieht. Man kann sie in allen Lebensaltern treiben. Ich werde oftmals gefragt, wann man aufhören soll
damit. Ich sage dann gewöhnlich: Jedenfalls nicht vor dem achtzigsten
Lebensjahr. - Aber eigentlich sollte man sie bis zum Tode treiben.
Es ist immer etwas, was in so harmonischer Weise aus dem Organismus herauskommt. Die Kinder finden sich mit demselben inneren
Wohlgefallen, mit derselben inneren Behaglichkeit in die Eurythmie
hinein, wie sie sich hineinfanden als viel kleinere Kinder in Sprache
und Gesang. Daraus sieht man schon, daß die Eurythmie mit Notwendigkeit herauskommt aus der ganzen menschlichen Organisation.
Und als drittes haben wir die Eurythmie entwickelt als Heileurythmie, wo sie, weil sie hervorgeht aus der gesunden Bewegung
des menschlichen Organismus, in der therapeutischen Entwickelung
wesentlichen Krankheitsprozessen entgegenarbeiten kann und anderen therapeutischen Methoden als Hilfsmittel dienen kann. Wohlgemerkt, im Anthroposophischen wird man nicht einseitig. Die Dinge
werden so genommen, wie sie sich gegenseitig im Leben darbieten.
Es- fiele dem niemals ein, der Anthroposophie kennt, ein Allheilmittel in eurythmischer Therapie zu sehen. Aber sie wird manchen
Heilprozeß wesentlich unterstützen, und die Heileurythmie ist deshalb
eingeführt als ein wesentlicher Teil der Therapie. Nur so, wie ich es
gesagt habe, ist am Klinisch-Therapeutischen Institut, das Frau Dr.
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Wegman in Ariesheim in Verbindung mit dem Goetheanum leitet,
Heileurythmie eingeführt. Da zeigt sich auch die ganze Bedeutung
der Heileurythmie. Schon daraus sieht man, wie Eurythmie aus dem
hervorgeht, was der gesunde Organismus will. Da mußte sie etwas
abgeändert werden. Nicht das, was Sie hier sehen, und was Sie im
Theater als Eurythmische Kunst gesehen haben, ist Heileurythmie.
Eurythmie muß abgeändert werden, so daß ihre Wirkung so gestaltet
wird, daß sie auf den kranken Organismus wirkt.
Heute werden wir uns bemühen, das vorzuführen, was ich an
zweiter Stelle genannt habe: den pädagogischen Teil der Eurythmie,
der sich dadurch bewährt, daß er den Menschen so ausbildet, daß
dabei Geist, Seele und Leib gleichermaßen zur Geltung kommen. Aber
es zeigt sich dabei allerlei. Nur eines möchte ich erwähnen. Die
Dinge, die man beim Erziehen und Unterrichten als Waldorflehrer
findet, sind manchmal sehr im Verborgenen der menschlichen Entwickelung gelegen. Es zeigt sich, daß pädagogische Eurythmie entgegenwirkt der Lügenhaftigkeit der Kinder. Es ist auch eine Erfahrung, daß nicht ganz wahrhaftige Kinder die einzigen sind,
welche Eurythmie nicht lieben. Die anderen Kinder treiben sie als
etwas Selbstverständliches. Die Menschen haben es nur gelernt, etwas
unwahrhaftig zu nennen, was durch die Sprache ausgedrückt wird.
Wenn man aber Lügenhaftigkeit auch durch die Bewegung offenbaren kann, kann man die Lüge wieder aus der Seele zurückdrängen,
so daß für die Erziehung zur Wahrhaftigkeit die Eurythmie ein ganz
ausgezeichnetes Heilmittel ist.
Wir wissen es alle, denn wir sind die strengsten Kritiker unserer
selbst, daß die Eurythmie erst im Anfange der Entwickelung steht.
Sie wird sich weiter auf den drei genannten Gebieten nach und nach
einfügen. Immerhin darf ich sagen, daß wir uns bewußt sind, einen
Anfang zu haben. Und ich glaube, daß es reizvoll ist, etwas, was
eine bedeutsame Zukunft hat,, im Anfang zu sehen. Nach und nach
wird sich Eurythmie schon hineinstellen in die ganze menschliche
Zivilisation, in alles, was künstlerisch, pädagogisch und auch therapeutisch angesehen wird, für die ganze menschliche Entwickelung
sowohl in Erziehung wie auch in der Kultur.
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GOETHEANUM DORNACH
(Im provisorischen Saal)
EURYTHMISCHE KUNST
Zwei Darbietungen am
Ostersonntag, den 20. April 1924
5 Uhr nachmittags
Ostermontag, den 21. April 1924
5 Uhr nachmittags
Romantische und klassische Dichtung
und Musik in eurythmischer-künstlerischer Darstellung
Ankündigung in den Zeitungen
Dornach, 20. und 21. April 1924
PROGRAMM
Vom Sieben-Nixen-Chor Eduard Mörike
Intermezzo, As-Dur, Op. 76, Nr. 3 Johannes Brahms
Schön Rohtraut Eduard Mörike
Romanze, F-Dur, Op. 118, Nr. 5 Johannes Brahms
Die traurige Krönung Eduard Mörike
Musik: Jan Stuten
Larghetto aus der 4. Violinsonate . G. Fr. Händel
Du denkst, dein Leiden Albert Steffen
Es träumt die Braut Albert Steffen
Arie D. Gabrielli
Wind, du mein Freund! Christian Morgenstern
Allegro aus der 4. Violinsonate G. Fr. Händel
Prelude, H-Dur, Op. 28, Nr. 11 Fr. Chopin
Musette, D-Dur J. S. Bach
Allegro aus der 7. Klaviersonate J. Haydn
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Dornach, 20. April 1924, 11 Uhr (Ostern)
Dornach, 22. April 1924, 17 Uhr
EURYTHMIE-PROGRAMM
für Mitglieder
I
Die Grundsteinlegung Rudolf Steiner
Air aus der Suite, D-Dur (bearb. f. Cello und Klavier) J.S.Bach
Aus «Wegzehrung-» Albert Steffen
Du hebst die Hände …
Für meine Mutter
Präludium, f-moll J. S. Bach
Aus «Wegzehrung»: Christus in mir Albert Steffen
Andante J. E. Galliard
II
Menuett für Flöte und Klavier Rosenberg
Aus «Wegzehrung» Albert Steffen
Wie die Blumen im Garten stehn, …
Liegt der bloße Erdenleib …
Largo, B-Dur, für Violine und Oboe G. Fr. Händel
Vermächtnis Robert Hamerling
Präludium Pugnani-Kreisler |