II Der Ursprung der Sprachfähigkeit und die Gebärdensprache der Eurythmie 44
Dornach, 1. Juli 1923, anläßlich der pädagogischen Tagung am Goetheanum
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darüber ausdrücken, daß wir heute den versammelten Lehrern hier
wiederum eine Eurythmievorstellung vorzuführen in der Lage sind.
Die Eurythmie in ihrem Wesen versuchte ich schon zu charakterisieren bei dem letzten lieben Besuch, den wir von dieser Seite empfangen haben, und ich möchte heute nur ein paar Einleitungsworte
der Vorstellung vorangehen lassen.
Eurythmie kann in dreifacher Gestalt in unser gegenwärtiges Leben
eintreten: erstens als Kunst, als künstlerische Eurythmie; zweitens
vom pädagogisch-didaktischen Gesichtspunkte aus, gewissermaßen
als eine Art beseeltes, durchgeistigtes Turnen, als pädagogisch-didaktische Eurythmie; und dann als ein gewisser Zweig der Therapie,
als Heileurythmie.
Eurythmie als Kunst beruht darauf, daß der Mensch nicht nur die
Möglichkeit hat, dasjenige, was in seinem inneren Wesen seelisch
lebt, durch die hörbare Sprache und den hörbaren Gesang zur
Offenbarung zu bringen, sondern auch entweder durch Bewegungen
seiner eigenen Leiblichkeit, seiner Glieder oder auch durch Bewegungen von einzelnen Menschen oder Menschengruppen im Räume,
wodurch dann eine wirklich sichtbare Sprache zustande kommt. Der
Mensch redet und singt ja nicht aus dem physischen Leib heraus,
sondern er singt, er redet aus der Seele heraus. Und den Ursprung
des Sprachlichen und des Gesanglichen findet man eigentlich erst,
wenn man zurückgeht auf das übersinnliche Wesen des Menschen.
Dem äußeren physisch-sinnlichen, körperhaften Wesen des Menschen
Hegt zunächst der sogenannte Bildekräfte- oder Ätherleib zugrunde,
der eine Verbindung des eigentlich Geistig-Seelischen mit dem physischen Leibe darstellt. Wenn wir uns durch die Lautsprache oder
durch den Gesang offenbaren, dann kommt dies dadurch zustande,
daß die beiden Elemente, welche im heutigen Menschen in der
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gegenwärtigen Entwickelung des Menschen auseinanderfallen, Atmung und Gedanke, daß diese beiden Elemente zusammentreten,
daß dasjenige, was namentlich in der ausgeatmeten Luft sich gestaltet, geformt wird durch den Gedanken, durch die Vorstellung.
Und man hat dann in dem, was in dem ausgeatmeten Luftstrom so
gestaltet wird, daß es zur Erscheinung kommt im Laut, im Ton, eine
Art durch den Gedanken gestalteter Gebärde. Bei dieser durch den
Gedanken gestalteten Gebärde bleibt der Mensch - im wesentlichen
wenigstens - mit seinen Bewegungsgliedern ruhig. Nur dann, wenn
er das Gefühl hat, daß er das innere Erlebnis, welches er durch den
Laut ausdrücken will, daß er das nicht vollständig durch den bloßen
Laut, der vom Gedanken geformt ist, zum Ausdrucke bringen kann,
dann greift er zur Gebärde. Und er unterstützt durch die gewöhnliche, alltägliche Gebärde das, was er spricht, wobei er gewissermaßen ein noch mehr Innerliches an Offenbarung zu der mehr
konventionellen Sprache hinzufügt. Aber das sind andeutende Gebärden. Diese andeutenden Gebärden bedeuten eigentlich nie mehr
als eine Art von Lallen. So wie die Sprache beim Lallen beginnt,
dann zur ausgebildeten, artikulierten Sprache wird, kann man nun
aber auch das gewöhnliche Gebärdenlallen, welches wir alle mehr
oder weniger tun im Leben, zur völlig künstlerisch artikulierten
Gebärde ausbilden, und dies geschieht in der Eurythmie.
Ein Ganzes in der gewöhnlichen Sprache bilden Atmung und
Gedanke. Ebenso aber können ein Ganzes bilden der Rhythmus,
welcher in der Blutzirkulation lebt, und die Bewegungen der menschlichen Glieder. Wie sich im einen Pol des Menschen Atmung und
Gedanke zueinander verhalten, so verhalten sich im anderen Pol die
Blutzirkulation, welche das Stoffliche auflöst, verbrennt, zu der
Bewegung der Glieder. Und während wir, wenn wir durch die Verbindung von Gedanken und Atmung in der Sprache uns offenbaren,
mehr dasjenige zum Ausdrucke bringen, was zwischen Mensch und
Mensch lebt, so können wir, wenn wir jene geheimnisvollen inneren
Vorgänge, welche sich im Zusammenhange zwischen der Bewegungsgebärde und dem innerlichen Verbrauch abspielen, der im Menschen
in der Blutzirkulation wellenden und webenden Substanz, mehr dasCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite:358
jenige offenbaren, was der Mensch in seinem Verhältnisse zum Kosmos, zur ganzen Welt erlebt, erlebt allerdings im gewöhnlichen
Bewußtsein oftmals auf unbewußte Art.
Geht man mit seiner Erkenntnis des Menschenwesens bis zum
Ätherleib zurück, findet man durch den physischen Leib als Offenbarung vorhanden Gedanken, Gefühl, den Willen in der Bewegung.
Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, Denken, Fühlen und
Wollen gehen ineinander über. Und so paradox es klingt, im Ätheroder Bildekräfteleib ist es so, daß der Wille denkt und das Denken
will. Diese beiden Tätigkeiten, Wollen und Denken, können ineinander übergehen; das Gefühl bleibt immer in ihrer Mitte. Die Sprache
kommt aus dem Gefühl. Sie geht aus dem Gefühl in den Atem
hinein, und der Gedanke formt das, was gesprochen wird. Ebenso
geht das Gefühl in die Blutzirkulation.
Und die Bewegung, die Bewegungsgebärde kann das formen, was
der Mensch innerlich dadurch, daß er - Sie wissen, Blut ist ein ganz
besonderer Saft, es enthält das Innerste des Menschenwesens im Verhältnisse zur Welt - das entsprechende Verhältnis zwischen jenem
Rhythmus vorbildet, welcher eigentlich ein Rhythmus des Makrokosmos ist und im menschlichen Blutkreislauf mikrokosmisch zur
Darstellung kommt. Was die Welt als Makrokosmos im Menschen,
im menschlichen Mikrokosmos, sprechen will, kann durch die sichtbare Sprache der Eurythmie, durch die ausdrucksvolle Gebärde gesprochen werden. Geradeso wie unbewußt die Natur aus dem Kinde
die Lautsprache heraustreibt, so kann man, wenn man das Menschenwesen wirklich versteht, mit einer Erkenntnis von dem Verhältnis des
Willens zur Blutzirkulation durch den Ätherleib sinnvolle Bewegungen herausbekommen, so sinnvoll, wie die Laute der Sprache, wo
je eine Bewegung zu einer bestimmten Seelenäußerung gehört wie
der einzelne Buchstabe der Sprache. So kann man eine sichtbare
Sprache herausbekommen, die nichts Willkürliches enthält, die nicht
aus augenblicklichen, erfundenen Gebärden besteht, sondern aus
einer inneren Gesetzmäßigkeit der menschlichen Organisation wie die
Lautsprache oder der Gesang selber. Dadurch ist man imstande, das,
was in der Dichtung von einem Pol des Menschen aus, vom AtCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 3 5 9
mungs-Gedankenpol, dargelegt werden kann, vom BewegungsBlutzirkulationspol aus darzustellen. So entsteht dieses orchestrale
Zusammenwirken, welches Ihnen in der künstlerischen Eurythmie
entgegentritt, wo Sie in dem Bühnenbild sehen, wie der Mensch die
kosmische Sprache spricht.
Auf der anderen Seite wird das Gedicht deklamiert und rezitiert,
durch Deklamatorisches oder Rezitatorisches zur Darstellung gebracht. Ich möchte sagen, wie im Orchester zwei Instrumente zusammenwirken, geschieht das. Allerdings muß auch die Deklamation
oder Rezitation, die schon innere Eurythmie ist, welche in jeder
wahren Dichtung enthalten ist - in der heutigen Zeit, die etwas
unkünstlerisch ist, hat man kein rechtes Gefühl für wirkliche Deklamation und Rezitation -, diese zur Darstellung bringen.
Frau Dr. Steiner hat jahrelang versucht, diese Kunst wieder zur
Geltung zu bringen. Wirkliches Deklamieren, wirkliches Rezitieren,
kann man heute noch verkennen. Man wird gerade, wenn Rezitation und Deklamation die Eurythmie zu begleiten haben, sehen, wie
notwendig es ist, daß auf der einen Seite das Bildhaft-Imaginative,
auf der anderen Seite das Musikalisch-Thematische, Rhythmische,
Taktmäßige bei dieser Rezitation und bei allem wirklichen Rezitieren
und Deklamieren zur Offenbarung kommt, nicht das prosaische
Pointieren, wo dann jeder Dilettant glaubt, daß er auch deklamieren
und rezitieren kann, sondern dasjenige, was künstlerische Gestaltung
der Sprache ist, in dem das eigentlich Dichterische liegt. Soviel
über das Künstlerische der Eurythmie.
Eurythmie hat dann ihre pädagogisch-didaktische Seite. Sie läßt
den Menschen Bewegungen ausführen, aber jede einzelne Bewegung
ist durchgeistigt und durchseelt. Dadurch ist sie etwas, was den
Menschen in die Welt, in das Leben so hineinstellt, wie das bloße
Turnen es nicht kann. Das Turnen ist aufgekommen in einer Zeit,
in welcher der Materialismus seine besondere Blüte zu treiben anfing. Man hat eingesehen, daß der menschliche Wille im Turnen in
Übung kommen kann, allein es war die Zeit, wo man gewohnt war,
nur hinzuschauen auf den menschlichen physischen Organismus. Dadurch fragt man immer: Welche Bewegungen sollen ausgeführt werCopyrigh t Rudol f Steine r Nachlass-Verwaltun g Buch : 27 7 Seite : 36 0
den aus den Gesetzen des physischen Organismus heraus? - Aber
der Mensch wird dabei nicht voll erfaßt. Ich will ganz gewiß nichts
gegen das Turnen sagen. Wir haben selbst in der Waldorfschule das
Turnen eingeführt in dem Augenblicke, wo wir das nach den materiellen Mitteln konnten, und es wird heute das Turnen, das physische
Turnen gerade eifrig auch getrieben, so wie das beseelte, das durchgeistigte Turnen der Eurythmie in der Waldorf schule getrieben wird.
Aber berücksichtigt werden muß, daß, während das gewöhnliche
Turnen nur immer nach dem physischen Leibe des Menschen fragt,
daher eigentlich das Geistig-Seelische unterdrückt, Eurythmie in pädagogisch-didaktischer Weise den ganzen Menschen nach Leib, Seele
und Geist so in Bewegung bringt, daß in jeder einzelnen Bewegung
sein Seelenwesen liegt, sozusagen wie von den Lippen sein Seelenwesen ausfließt, wenn er spricht.
Dadurch kommt es auch, daß die Kinder im schulpflichtigen und
im anderen Alter sich mit derselben Selbstverständlichkeit in die
Eurythmie hineinfinden, wie sie sich als ganz kleine Kinder in das
Sprechen hineinfinden. Die Kinder fühlen, wenn der Eurythmieunterricht richtig getrieben wird, wie es eigentlich eine selbstverständliche Offenbarung der Menschennatur ist, dieses Eurythmisieren. Wie es selbstverständlich ist, daß der Mensch seine Seele
durch die Sprache ausgießt, in die Weltenlüfte durch den Gesang
hinausschickt, so wird es dem Menschen auch selbstverständlich, sein
ganzes Seelenwesen dann mehr nach dem Willen hin zu orientieren
in gebärdenhaften Bewegungen seiner Glieder und in Bewegungen
im Räume, die geradeso ausgestaltet sind, nach außen hin zu offenbaren, wie durch Stärkung, Durchseelung, Durchgeistigung nach dem
Inneren hin zu arbeiten.
Das dritte ist, daß Eurythmie auch eine Art von Therapie darstellt. Wir wollen ganz gewiß nicht in dilettantischer oder laienhafter Weise Heilmittel ersinnen, aber wenn die künstlerischen oder
pädagogisch-didaktischen eurythmischen Bewegungen so umgeformt
werden, daß sie in einer gewissen Weise zurückwirken auf die
menschliche Natur, bessern sich gewisse Zustände in der Natur. So
bekommt man, nicht mit denselben Bewegungen, die Sie hier in
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künstlerischer Eurythmie sehen, aber mit etwas umgeformten, metamorphosierten Bewegungen, dasjenige, was bei gewissen Erkrankungs- und Schwächungsprozessen heilend, therapeutisch auf den
Menschen einwirken kann. In dem Klinisch-Therapeutischen Institut
von Frau Dr. Wegman in Ariesheim, ebenso in unserem KlinischTherapeutischen Institut in Stuttgart wird die Heileurythmie als ein
Teil der Therapie betrieben und trägt, wie jetzt schon durchaus
nachweisbar ist, ebenso ihre guten Früchte, wie durch die Waldorfschule nachweisbar ist, daß die pädagogisch-didaktische Eurythmie
ihre guten Früchte trägt.
Aber auch heute möchte ich wie immer vor solchen Vorstellungen,
Vorstellungsversuchen, die verehrten Zuschauer um Nachsicht bitten.
Wir wissen, daß wir überall, in allen Seiten der Eurythmie noch im
Anfange der Entwickelung dieser Kunst, dieses pädagogischen Teiles,
dieser therapeutischen Zugabe stehen, wissen, daß das viel Entwickelung noch brauchen wird. Aber derjenige, der sich in die Dinge
einlebt, kann auch wissen, daß unermeßliche Entwickelungsmöglichkeiten in ihr vorhanden sind, weil man sich des vollkommensten
Instrumentes bedient, dessen man sich überhaupt bedienen kann,
des ganzen Menschen, wie es nicht einmal die mimische Kunst,
die nur teilweise, möchte man sagen, wie eine Zugabe den Menschen zum Sprachlichen benützt. Und so kann man hoffen, daß Eurythmie immer sich mehr und mehr vervollkommnen wird, daß einmal die Zeit kommen werde, wo man nicht mehr bloß um Nachsicht bitten muß, weil Eurythmie erst im Anfange ihres Werdens sein
wird, sondern diejenige Zeit kommen wird, wo Eurythmie anerkannt
sein wird als eine vollgültige jüngere Kunst neben den anderen
vollgültigen älteren Künsten. |