II Künstlerische Sprachbehandlung 36
*Dornach, 11.Februar 1923 **
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Bühne dargestellt sehen in Begleitung von Rezitation und Deklamation und in Begleitung von Musikalischem den bewegten Menschen
oder auch bewegte Menschengruppen. Dasjenige aber, was von dem
einzelnen Menschen in der Eurythmie ausgeführt wird, besonders
durch die Bewegung der ausdrucksvollsten Organe, der Arme und
Hände, oder durch Menschengruppen, ist etwas, zu dem sich die
gewöhnlichen Gebärden, welche man wohl auch beim gewöhnlichen
Sprechen macht, verhalten wie das Lallen eines Kindes zu der ausgebildeten, artikulierten Sprache des Menschen.
Wenn wir einem etwas lebhafteren Menschen zusehen, wie er
spricht, so finden wir, daß er, wenn er das nicht durch eine besondere
Erziehungskonvention sich abgewöhnt hat, seine sprachliche Offenbarung begleitet durch allerlei Gebärden. Wir sehen Gebärden angewendet bei der Bejahung, wir sehen Gebärden angewendet bei der
Verneinung, wir sehen Gebärden angewendet, wenn dieses oder jenes
Gefühl den Inhalt unserer Sprache begleitet, wenn wir in einer noch
ausdrucksvolleren Weise als durch die Nuancierung der Sprache
selbst auf dieses Gefühl hindeuten wollen.
Durch diese gewöhnlichen Gebärden, welche ja dann auch in der
mimischen Kunst verwendet werden, deutet man aber eigentlich
nur dasjenige an, was von Gefühls- oder Willensimpulsen das Sprachliche durchzieht. Aber man kann, wenn man dasjenige anwendet,
was Goethe sinnlich-übersinnliches Schauen nennt, ich möchte sagen,
dieses Gebärdenlallen dann ausbilden zu dem, was jetzt als Eurythmie
auftritt. Der Mensch begleitet eigentlich innerlich mit seiner ganzen
Seele, ja wiederum mit dem ganzen Körper, möchte ich sagen, beim
sprachlichen Ausdruck - sowohl beim Anhören vom Sprachlichen wie
auch beim Sprechen selbst —, was er durch Seelisches erlebt, das er
im Grunde genommen im ganzen Körper fühlen kann, wenn er die
nötige Aufmerksamkeit auf so etwas verwenden kann.
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Aber man kann auch, wie gesagt, studieren, durch sinnlich-übersinnliches Schauen, wie beim Menschen diese innerlichen Bewegungen
der Seele hineinschießen in diejenigen Bewegungen, welche der Kehlkopf zu Luftbewegungen umbildet, welche dann hörbar werden.
Man kann gewissermaßen das, was da aus dem Menschen im Sprechen oder auch im Singen herauskommt, hineinverfolgen in den
menschlichen Organismus selbst. Dann kommt man zu einer ausgebildeten sichtbaren Sprache, nicht bloß zu jenem Gebärdenlallen,
welches in der mimischen Kunst vorhanden ist.
Man kommt nämlich dazu, zu erkennen, daß ebenso wie ein
bestimmter Ton, der da lautet, der Ausdruck ist für irgend etwas,
was die Seele empfindet, aber dessen sie sich nicht mehr bewußt
ist, daß ebenso eine Bewegung des menschlichen Organismus dasselbe ausdrücken kann, was zum Beispiel empfunden wird, wenn der
Mensch sich gedrängt fühlt, irgend etwas durch den I- oder A-Laut
auszudrücken. Oder wiederum kann man gewisse Bewegungsformen
finden, welche der Empfindung, dem Gefühle bei dem Konsonantensprechen parallel gehen können. Auf diese Weise kann man ebenso
bewußt, wie unbewußt von dem kleinen Kinde in der Nachahmung
die artikulierte Sprache ausgebildet wird, und wie der Gesang ausgebildet wird, das sichtbare Sprechen und sichtbare Singen ausbilden,
wie das eben in der Eurythmie der Fall ist.
Dann bedeutet - und zwar in demselben künstlerisch-menschlichen
Sinne, wie das Tonlich-Lautliche im Gesänge oder in der Sprache
das innere Seelenleben bedeutet, nicht in abstrakt-intellektualistischer
Weise, sondern in künstlerisch-menschlicher Weise -, irgendeine Bewegung genau dasjenige, was erlebt wird im I, im A und so weiter, wie der Ton oder der Laut das bedeutet, und man bekommt
eine wirklich sichtbare Sprache oder einen wirklich sichtbaren
Gesang.
Wenn Musikalisches erklingt und dazu eurythmisiert wird, so hat
man nicht ein Tanzen, sondern man hat ein sichtbares Singen. Und
gerade bei diesem sichtbaren Singen kann man den Unterschied der
Eurythmie von der bloßen Tanzkunst sehen. Die Tanzkunst strömt
die Emotion, die Leidenschaft in eine menschliche Bewegung aus,
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wenn das auch bei diesen oder jenen Tänzen, welche schon edler
geformt sind, nicht mehr gewußt wird. Aber das Eurythmische,
welches in der Bewegung erscheint - parallel einem Musikalischen -,
ist ein sichtbares Singen. Das sind Bewegungen, welche ebenso Takt,
Rhythmus, das Melodiöse, ja das einzelne Intervall, den einzelnen
Ton ausdrücken wie der Gesang selbst.
Und ebenso ist es, wenn parallel dem Deklamieren und Rezitieren dasjenige geht, was als eurythmische Bewegungen, als sichtbare Sprache auf der Bühne durch den einzelnen Menschen oder
durch Menschengruppen erscheint. Eigentlich ist aber die Eurythmie
schon enthalten in der künstlerischen Sprachbehandlung des wirklichen Dichters. In der künstlerischen Sprachbehandlung des wirklichen Dichters ist das Prosaische des Gedichtinhaltes ganz zurückgetreten. Es kommt gar nicht darauf an, daß irgend jemand als
Dichter nur gewissermaßen in Verse gebrachte Prosa offenbart, sondern es kommt darauf an, wie der Dichter zum Ausdrucke bringt
in der Sprachbehandlung imaginativ, also bildlich, oder auch, ich
möchte sagen, musikalisch in Takt, in Rhythmus, in dem melodiösen
Thema der Sprache, wie er in der Sprachbehandlung das zum Ausdrucke bringt, was er zum Ausdrucke bringen will.
Wenn wir zum Beispiel ein einfaches Gedicht nehmen:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
da kommt es nicht darauf an, daß das ausgedrückt wird: «Über allen
Gipfeln ist Ruh» und so weiter, sondern daß in der Behandlung
des Lautlichen bildhaft - denn bei Goethe ist immer die Sprachbehandlung eine imaginative - dasjenige wellt und webt, was in der
Natur draußen zum Beispiel bei einem solchen Gedichte wie diesem,
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selber webt und lebt. Es kommt nicht darauf an, daß ich ausdrücke
die Ruhe in den Gipfeln, sondern es kommt darauf an, daß die
Sprachsilben ebenso rinnen und wellen in einer solchen Ruhe, wie
dasjenige, was da draußen in der Natur lebt:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch…
Man möchte sagen, dieselbe ruhige Atmosphäre, welche einem
aus dem Walde entgegentönt, tönt einem auch entgegen aus der
Aufeinanderfolge und dem Ineinanderklingen, Ineinandermalen, Ineinanderkolorieren der Silben. Da liegt schon in der wirklichen
Sprachbehandlung des Dichters dies durchaus darinnen.
Aber diese Eurythmie ist eine verborgene. Diese Eurythmie muß der
Rezitator, der Deklamator hervorholen. Der kann aber dasjenige, was
als eine verborgene Eurythmie in dem Gedicht liegt, nur durch die
Sprachbehandlung zur Offenbarung bringen. Dann wird das, was immer möglich ist, das lautliche Kolorieren des Einzelnen durch das
Ganze, des einen durch das andere, in dem diese sichtbare Sprache
der Eurythmie ausgebildet ist, auch sichtbar vor den Menschen
hintreten können. Das ist dann künstlerisches Wirken durch die sichtbare Sprache oder durch den sichtbaren Gesang der Eurythmie.
So kann in der Tat durch die Eurythmie dasjenige, was in einem
Gedichte, in einem Musikstück liegt, durchaus ebenso zum Ausdruck
gebracht werden nach einer gewissen Seite hin, wie es zum Ausdruck
gebracht werden kann durch Gesang und Lautsprache. Nur daß wir
bei dem Gesang und bei der Lautsprache das Einmischen des gedanklichen Elementes haben. Und eigentlich kämpft der Dichter
immer, da er sich der Worte bedienen muß, welche im Laute, im
Ton zustande kommen, gegen das Unkünstlerische des Gedankens.
Das Gedankenelement ist immer etwas Unkünstlerisches. Dieses Unkünstlerische bleibt weg in der sichtbaren Sprache und dem sichtbaren Gesang der Eurythmie. Da ist vorzugsweise das, was an einem
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Gedicht gefühlsmäßig oder auch willensimpulsmäßig erlebt wird,
daher das eigentlich Künstlerische.
Schopenhauer sah in dem Willen das eigentlich Künstlerische im
Menschen. Er hat es abstrakt zum Ausdrucke gebracht. Ich möchte
sagen, Eurythmie gibt die Praxis davon. Während man in der Dichtung noch ringen muß, daß der Gedanke nicht zu sehr zur Geltung
kommt, sondern die sprachliche Gestaltung des Gedankens, gibt
eigentlich die Eurythmie alles dasjenige, was der Dichter geben
möchte, was er in sich trägt, solange noch das Gedicht nicht in die
Lautsprache überfließt. Das, möchte man sagen, kann durch die
Eurythmie besonders empfunden werden, was Schiller meinte, wenn
er sagt: Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr.
Die Seele hat etwas viel Innerlicheres, sie hängt viel innerlicher mit
ihrem ganzen Leiblichen zusammen, und es kann Rezitation und
Deklamation, wenn sie dieses Innerliche nachfühlt, allerdings in die
Nuancierung des Sprachlichen hineinbringen das verborgene Eurythmische. Aber es kann auch dieses verborgene Eurythmische nach
der anderen Seite hin in die Bewegungen des einzelnen Menschen
oder von Menschengruppen hineingelegt werden. Und dann kommt
in bewußter Weise durchaus etwas ganz ähnliches zustande wie auf
unbewußte Weise während des kindlichen Lebensalters in der Lautsprache und im Gesang.
Nun, auch heute wie immer möchte ich die verehrten Zuschauer
um Nachsicht bitten, denn wir wissen sehr wohl, daß die eurythmische Kunst noch im Anfange ihrer Entwickelung ist. Aber sie
bedient sich des Menschen als ihres Instrumentes selbst. Man vergleiche nur einmal die Eurythmie mit dem, womit sie sich vergleichen läßt, mit der Plastik, der Bildhauerkunst. Da hat man ein
äußeres Material. Man kann den ruhenden Menschen darstellen,
gewissermaßen nur den schweigsamen Menschen in seinem Innenleben. Den innerlich bewegten Menschen stellt man in der Eurythmie
durch den bewegten Menschen selbst dar. In der äußeren Körperbewegung tritt die innere Bewegung des Seelischen zutage. Da der
Mensch ein Mikrokosmos ist, alle Geheimnisse der Welt in sich
enthält, darf man hoffen, daß dieses vollkommenste Instrument,
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welches sonst nirgends als in der Eurythmie als solches künstlerisches Instrument gebraucht wird, gerade die eurythmische Kunst
befähigt, immer vollkommener und vollkommener zu werden, damit
sie sich einmal zuletzt als eine wirklich anzuerkennende Kunst
neben die anderen heute schon voll anerkannten Schwesterkünste
hinstellen kann.
Daß das heute noch nicht der Fall ist - wir wissen es, aber wir
kennen auch die unermeßlich großen Entwickelungsmöglichkeiten,
welche in der Eurythmie liegen. Daher glauben wir, daß das in der
Zukunft noch einmal der Fall sein wird.
Wir haben drei Teile im Programm. Nach dem Beethoven-Menuett
wird eine kurze Pause von etwa fünf Minuten sein; dann kommt
«Das Verhängnis» von Fercher von Steinwand.
Dornach, 11. Februar 1923
PROGRAMM
RevesI Musik: Jan Stuten Victor Hugo
Des Engels Flügelschlag Albert Steffen
Prelude, Op. 28, Nr. 15 . . Fr. Chopin
Die Seele fremd Albert Steffen
Feuerrotes Fohlen Alber t Steffe n
Allegro au s de r Sonat e Es-Dur , Op . 7 .. . L . va n Beethove n
Le Samourai J. M. Heredia
Menuett L. van Beethoven
Das Verhängnis… Musik: L. van der Pals Fercher von Steinwand
Auf leichten Füßen Christian Morgenstern
Nocturne, Es-Dur, Op. 9, Nr. 2 Fr. Chopin
Mein Kind, wir waren Kinder Heinrich Heine
Valet J.W. v.Goethe
Scherzo aus der Sonate A-Dur, Op. 2, Nr. 2. L. van Beethoven
Die wirklich praktischen Leute Christian Morgenstern
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Eintragungen in ein Notizbuch
Dornach, 18. Februar 1923
Eurythmie
Wahrnehmen = Konsonantisch -
Wollen = vokalisch -
Im Eurythmischen = Das Wollen,
das Blut = wird zur Darstellung des Menschen;
das Wahrnehmen,
der Nerv wird zur Darstellung der Welt -
Wenn der Mensch die Sprache mit
Geberden begleitet, so stellt er
das Seelische körperlich-räumlich dar -
er stellt den Einklang zwischen sich und der Welt her
der ruhende Körper ist «nicht von dieser Erde» -
Das Blut wird zum Nerv
gemacht im gewöhnlichen Sprechen -
Das Wollen in die Bewegung
Das Wahrnehmen — in die Haltung
In die Brust = die Gedanken bis zum Fühlen =
In den ganzen Menschen = bis zum Wollen = |