II Eurythmisch-dramatische Szene aus «Der Seelen Erwachen», zweites Bild 26
Dornach, 1.Januar 1922
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darüber zu sagen, wie jede Stilisierung, die bei bühnenmäßig Dargestelltem durch die Eurythmie ganz besonders zur Geltung zu
bringen möglich ist, zur Darstellung kommen soll bei einigen anderen
Stücken aus den von mir versuchten Mysteriendramen. Wir werden
im zweiten Teil unserer heutigen Vorstellung eine Szene aus «Der
Seelen Erwachen» aufführen, und zwar eine Szene, die im Stück dem
gestern Aufgeführten voranging. Auch in dieser Szene kommt zur
Darstellung etwas von dem Seelenleben des Johannes Thomasius,
und zwar so, daß dieses Seelenleben wiederum nicht in allegorischer
oder symbolischer Beziehung gemeint ist, sondern so, wie es sich
darstellt durch sinnlich-übersinnliches Schauen.
Es wird zuerst ein zweifacher Chor auftreten: ein Chor von
gnomenartigen Gestalten und ein Chor von sylphenartigen Gestalten.
Der Gnomenchor hat den Sinn zu zeigen, wie in der Seele des
Johannes Thomasius diejenigen Seelenkräfte wirksam sind, die mehr
nach der Verstandesseite hin liegen; der Sylphenchor, wie diejenigen
Seelenkräfte wirksam sind, die mehr nach der Gefühls- und Gemütsseite hin liegen.
Daß man genötigt ist, wenn man das Seelenleben eines Menschen
darstellt, zu solchen naturgeistartigen Szenen zu greifen, Hegt daran,
daß in Wirklichkeit der Zusammenhang des Menschen mit der Natur
so ist, daß er sich keineswegs in einer abstrakten Gesetzmäßigkeit,
wie wir sie in unserer heutigen Erkenntnis zu geben gewohnt sind,
erschöpfen läßt. Man kann lange darüber Betrachtungen anstellen,
wie das Verhältnis des Menschen zur Natur in solchen Gesetzen
allein wissenschaftlich gerechtfertigt sich ausdrücken läßt, da es eben
nicht so ist. Da man sich nach der Wirklichkeit und nicht nach den
menschlichen Erkenntnisanforderungen richten kann, so muß man zu
demjenigen greifen, was in einer realen Weise das Verhältnis des
Menschen zur Natur zum Ausdrucke bringt.
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Wenn aber der Mensch in einer wirklichen Selbstschau darinnensteht, wie das bei Johannes Thomasius der Fall ist, dann kommt er
auch in gewissen Momenten seines Lebens der Natur ganz besonders
nahe; er fühlt sich dann der Natur gewissermaßen ganz besonders
verbunden. Und diese Verbundenheit soll dargestellt werden durch
den Gnomenchor, gerade durch das, was aus der Natur heraus sich
offenbart wie ein Walten von rein verstandesmäßig, schlau-ironischen
Mächten, und durch den Sylphenchor, der alles dasjenige offenbart,
was an Seelenkräften, an Gemütskräften in die Natur hinein sich
denken läßt, wenn man an das Innere der Natur sich erinnert: die
Seelenhaftigkeit.
Dann treten drei Gestalten auf, die durch eine vierte ergänzt
werden: Philia, Astrid, Luna und die andere Philia. Diese Gestalten
treten aus dem Grunde auf, weil vor Augen geführt werden soll,
wiederum nicht in symbolischer Weise, sondern eben so, wie sich
so etwas vor dem erkennenden, übersinnlichen Schauen ausnimmt.
Vor Augen geführt werden soll, was durch Johannes Thomasius
bei der Selbstschau wirkt. Was, ich möchte sagen, Erlebtes für die
Menschenseele ist, drückt sich aus durch dasjenige, was in der
Gestalt der Philia wirkt. In der Gestalt der Astrid drückt sich dasjenige
aus, was weisheitsvoll die Seele durchglüht. Und in der Gestalt der
Luna alles dasjenige, was Charakterfestigkeit darstellt, was an die
Charakterfestigkeit appelliert. In der anderen Philia drückt sich
schon etwas luziferisch aus, was den Menschen aus seinen Seelenkräften heraus, ich möchte sagen, über seinen eigenen Kopf in ein
mystisches Schwelgen hineinzuführen droht. Alle diese Seelenwesen
kommen in Betracht, wenn der Mensch vor einer wahren Selbstschau steht.
Wiederum so wie gestern steht vor uns der Geist von Johannes'
Jugend, das heißt, der jugendliche Johannes selber, aber für Johannes so objektiv geworden wie eine äußere Wesenheit, so daß sie
für ihn, diese Jugend, besondere Schicksale hat. Sie kommt in ein
Verhältnis zu der luziferischen Welt, die durch Luzifer repräsentiert
auftritt, und sogar so objektiviert, daß Johannes Thomasius sehen
kann, wie eine andere Persönlichkeit, die Theodora, welche durch
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alle vier Mysterienstücke geht und eine Art von zurückgebliebenem
Hellsehen darstellt, also in einer gewissen Weise in die geistige Welt
hineinschaut. Wie diese Gestalten darin sich verhalten werden, wird in
das Schicksal des Geistes von Johannes' Jugend in einer bestimmten
Weise eingreifen. So wird das Seelenleben des Johannes in einem bestimmten Momente festgehalten, bühnenmäßig dramatisch vorgeführt.
Es wird überall angestrebt, die Gestalten lebendig zu machen,
nicht zu strohernen Allegorien abstrakt werden zu lassen. Das kann
dann durch jene Eigenschaften der Eurythmie, wie ich öfters schon
von dieser Stelle aus dargelegt habe, auch besonders stilisiert auftreten. Denn in der Tat ist dasjenige, was in diesen Mysteriendramen
in die übersinnliche Welt hinüberspielt, überall so gedacht, daß es
auch schon eine innere Eurythmie, eine Gedanken-Eurythmie, in sich
hat, so daß im Grunde genommen wie selbstverständlich sich das,
was Inhalt dieser Mysteriendramen ist, in die sichtbare Sprache der
Eurythmie umsetzen läßt.
Wir werden die Vorstellung heute so einrichten, daß allerlei Dichterisches im ersten Teil zur Darstellung kommt. Und es wird eine Pause
sein nach der Darstellung der «Artemis » von Heredia. Nach Verlauf
dieser Pause werden zunächst die eben besprochene dramatische Szene
zur Aufführung kommen und dann Goethesche Dichtungen.
Aufzeichnungen auf einetn Noti^blatt
Zur Eurythmie, 22. Januar 1922 Mannheim =
Nicht Kunst erklären -
Die Bewegungen sind nicht Geberden, nicht Mimik. -
In der Lautsprache beruhigt sich der menschliche Wille, indem er sich dem Gedanken und damit der Welt anpaßt. In
der Musik erlebt der Mensch die eigene Organisation. In der
Eurythmie bringt der Mensch die Gesetze der eigenen Organisation zur Offenbarung. Eine Sprache, in der das Weltall
durch die menschliche Bewegung spricht.
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Stuttgart, 24. und 25. Februar 1922
PROGRAMM
Hymnus an die Natur J. W. v. Goethe
Lebens^auber Edvard Grieg
Kophtisches Lied J. W. v. Goethe
Begegnung C. F. Meyer
Aus «Der Seelen Erwachen» 4. Bild:
Doppelgänger-Szene Rudolf Steiner
Aus «Der Seelen Erwachen» 2. Bild:
Chor der Gnomen und Sylphen Rudolf Steiner
Auf dem Wasser %u singen Franz Schubert
Aus den «Humoresken» Christian Morgenstern
Scholastikerproblem
Das Grammophon
Die Fledermaus
Nachtwächter Jan Stuten
Toilettenkünste
Die Windhosen
Dieses Programm wurde, mit kleinen Änderungen, am 1. März in Leipzig und am
5. März in Halle aufgeführt.
Aus einem Brief von Marie Steiner an Rudolf Steiner in Dornach:
[Stuttgart, 25. Februat 1922]
Wir haben nun unsern ersten Probeabend hinter uns. Scheinbar ist
man begeistert. Ich weiß natürlich nicht, wie viel auf Konto des
Wunsches kommt, uns wegen der letzten faux pas zu begütigen.
Gestern war es sehr gut besucht, auch Stehplätze wurden vergeben.
Die «Natur» ist aber nicht gut gegangen; es ist überhaupt eine Sache,
wo man am wenigsten zum Erleben durchdringt, weil die Gedächtnisspannung überwiegt; die Bühne ist ja leider hier zu eng, und nun
kam durch den Temperaturunterschied vor und hinter den Vorcopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 27 2
hängen eine solche Blähung der Vorhänge, daß die Damen in die
Mitte zusammenrücken mußten und dadurch viel zu gedrängt dastanden, um die Formen auswirken zu lassen. Ich war nur froh, daß
Kisseleff nicht in den Vorhängen hängen blieb, die ihr in die Beine
wehten. Das gab sich dann später, als die Temperatur ausgeglichener
war. Aber es ist überhaupt zu kalt hinter den Vorhängen, da es keine
Heizkörper dort gibt. … Das übrige ging ohne Malheur vor sich und
wir hören nur Gutes. … Ich freue mich sehr, daß wir gestern und
heute die Szenen aus den «Mysterien» geben durften und daß man
die Ergriffenheit spürte.
Dornach, 26. Mär^ 1922 (in der Schreinerei)
PROGRAMM
Hymnus an die Natur J. W. v. Goethe
Lebens^auber Edvard Grieg
Kophtisches Lied J. W. v. Goethe
Aus «Wegzehrung» Albert Steffen
Laßt uns die Bäume lieben …
Wie die Blumen …
Schwing dich …
Aus «Der Hüter der Schwelle» 8. Bild:
Ahrimans Reich Rudolf Steiner
Norwegische Volksweise
Aus den «Humoresken» Christian Morgenstern
Mopsenleben
Himmel und Erde
Die Beichte des Wurms Musik: Max Schuurman
Das Wasser
Die Luft
Der Papagei
Das Mondschaf
Das Grammophon
Der Gaul |