II Eurythmie als Erziehungsmittel 25
Dornach, 28.Dezember 1921
| Seite | Text |
| 266 |
werden soll, wird durch Kinder dargestellt. In der von Emil Molt
begründeten, von mir geleiteten Waldorfschule in Stuttgart, haben
wir durch alle Schulklassen hindurch die Eurythmie neben dem Turnen als einen obligatorischen Lehrgegenstand eingeführt. Und man
kann jetzt, nach einigen Jahren der Praxis, bereits sehen, daß damit
allerdings für die Entwickelung des Kindes etwas Bedeutsames geschehen kann.
Das gewöhnliche Turnen ist ja so gestaltet, daß dabei nur die Gesetze der menschlichen Leiblichkeit, Körperlichkeit, berücksichtigt
werden. Es soll von mir gar nichts gegen das Turnen eingewendet
werden; wir schaffen es ja auch nicht ab, sondern wir wollen es nur
ergänzen durch dasjenige, was als Eurythmie neben diesem gewöhnlichen Turnen gewissermaßen ein beseeltes, ein durchgeistigtes Turnen ist. Ich werde gewiß nicht so weit gehen wie ein deutscher
Physiologe, ein sehr berühmter Mann, der einmal auch hier in diesem
Saale anwesend war bei einer Eurythmievorstellung und auch die
Worte angehört hat, die ich über die Beziehung von Eurythmie und
Turnen gesprochen habe, und der dann nachträglich zu mir sagte: Sie
bezeichnen das Turnen als etwas, was aus der Körperlichkeit des
Menschen heraus sich rechtfertigen läßt als ein Erziehungsmittel? Für
mich - als Physiologe, meinte er - ist Turnen gar kein Erziehungsmittel, sondern eine Barbarei. - Wie gesagt, soweit werde ich nie
gehen. Ich sage das also nicht, habe es auch nicht weiter zu rechtfertigen.
Was aber die Eurythmie auch in pädagogisch-didaktischer Beziehung ist gegenüber dem Turnen, ist, daß sie im Fühlen und in den
Willensimpulsen jederzeit für jede Bewegung, für jede Bewegungsform beim Kinde das Erleben eines Seelischen, eines Geistigen ist.
Die Bewegungen werden so ausgeführt, daß das Kind in die BeweCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 266
gungen seine Seele, seinen Geist hineinfließen läßt und so hineinfließen läßt, daß nicht nur das allgemeine Erlebnis einer Gebärde,
sondern das sinnvolle Erlebnis einer wirklich belebten Sprache, einer
sichtbaren Sprache sich des Kindes bemächtigt.
Dadurch kommt auch das zustande, was man bei dem Gebrauche
von Eurythmie als pädagogisch-didaktisches Prinzip klar bemerken
kann: die Kinder in einem späteren Lebensalter rinden sich in einer
ebenso elementaren naturgemäßen Weise wohl bestimmt in diese
Sprache hinein, wie sie sich in den früheren kindlichen Lebensjahren
in die Lautsprache hineinfanden und in den Gesang. Denn Eurythmie
ist ebensosehr als Gesang zu gebrauchen wie als Sprache.
Wenn man außerdem aus einer wirklichen Erkenntnis des menschlichen Körpers oder der ganzen menschlichen Natur heraus weiß,
daß die Konfiguration des Denkens, die künstlerische Gestaltung des
Denkens nicht bloß etwas ist, was vom menschlichen Kopf, vom
menschlichen Gehirn abhängt, sondern was aus dem ganzen Menschen heraus kommt - der Mensch lernt nicht nur so denken, wie
sein Gehirn ist, sondern der Mensch lernt so denken, wie er seine
Beine und seine Arme bewegen kann -, wenn man das weiß, dann
wird man auch verstehen, daß die Inanspruchnahme nicht bloß der
Sprachorgane, des Kopfes, der Brust, beim Laute Sprechen und beim
Singen dieses zeigt. Man kann auch anderes bemerken, kann bemerken, wie durch dieses beseelte, durch dieses durchgeistigte Turnen
etwas im Menschen ausgebildet wird, was aus der Not unserer Zeit
heraus die ganz besonders jetzige und die folgende Generation brauchen werden: Initiative des Seelischen, und namentlich Initiative des
Willens. Und in bezug auf die Entwickelung des Willens hat man in
der Schule ein bedeutendes Unterstützungsmittel in der Eurythmie.
Das Turnen macht den Körper geschmeidiger, geschickter, aber es
holt nicht dasjenige heraus, was körperlich ist, aus dem Seelischen.
Und dadurch kann es auch weniger eine Willenskultur vermitteln,
als das gerade durch die Eurythmie der Fall ist.
Und so kann man, wenn man den Menschen wiederum zu betrachten beginnt nach seinem ganzen Wesen, nach Leib, Seele und Geist,
durchaus Verständnis entwickeln für die Anwendung der Eurythmie
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite:267
als eines Erziehungsmittels. Das ist dasjenige, was wir Ihnen heute
in einigen Beispielen vorführen wollen, daß in der Tat die Eurythmie
angewendet auf den kindlichen Körper, sich als etwas Selbstverständliches darstellt. Und auch in der Anschauung wird, wie ich glaube,
dasjenige hervorgerufen, was man sehen kann, wird die Empfindung
hervorgerufen: Diese Kunst ist etwas, was sich in die Menschenwesenheit hineinlebt als etwas, was mit Freude, mit innerer Befriedigung erlebt werden kann. - Und Freude, innere Befriedigung im
ernsten Sinne in der Erziehung angewendet, liefern immer sehr gute,
bedeutsame Resultate. Das werden Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, meine Damen und Herrn, vielleicht aus dieser unserer
heutigen Darstellung ersehen können.
Dornach, I.Januar 1922, im Goetheanum
PROGRAMM
Symbolum J. W. v. Goethe
Musik: Leopold van der Pals
Mignon J. W. v. Goethe
Aus den Jahressprüchen:
4. Dezemberwoche Rudolf Steiner
Sonett; True Love W. Shakespeare
Gavotte
Contre /es Bücherons ä laforet de Gätine P. de Ronsard
Aujtakt: Evoe Musik: Max Schuurman
Artemis J. M. Heredia
Aus «Der Seelen Erwachen», 2. Bild:
Chor der Gnomen und Sylphen Rudolf Steiner
Luzifer, Geist von Johannes' Jugend, Seelenkräfte, Theodora
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 26 8 |