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II Eurythmie als Erziehungsmittel 25

II Eurythmie als Erziehungsmittel 25

Dornach, 28.Dezember 1921

Seite Text
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werden soll, wird durch Kinder dargestellt. In der von Emil Molt begründeten, von mir geleiteten Waldorfschule in Stuttgart, haben wir durch alle Schulklassen hindurch die Eurythmie neben dem Turnen als einen obligatorischen Lehrgegenstand eingeführt. Und man kann jetzt, nach einigen Jahren der Praxis, bereits sehen, daß damit allerdings für die Entwickelung des Kindes etwas Bedeutsames geschehen kann. Das gewöhnliche Turnen ist ja so gestaltet, daß dabei nur die Gesetze der menschlichen Leiblichkeit, Körperlichkeit, berücksichtigt werden. Es soll von mir gar nichts gegen das Turnen eingewendet werden; wir schaffen es ja auch nicht ab, sondern wir wollen es nur ergänzen durch dasjenige, was als Eurythmie neben diesem gewöhnlichen Turnen gewissermaßen ein beseeltes, ein durchgeistigtes Turnen ist. Ich werde gewiß nicht so weit gehen wie ein deutscher Physiologe, ein sehr berühmter Mann, der einmal auch hier in diesem Saale anwesend war bei einer Eurythmievorstellung und auch die Worte angehört hat, die ich über die Beziehung von Eurythmie und Turnen gesprochen habe, und der dann nachträglich zu mir sagte: Sie bezeichnen das Turnen als etwas, was aus der Körperlichkeit des Menschen heraus sich rechtfertigen läßt als ein Erziehungsmittel? Für mich - als Physiologe, meinte er - ist Turnen gar kein Erziehungsmittel, sondern eine Barbarei. - Wie gesagt, soweit werde ich nie gehen. Ich sage das also nicht, habe es auch nicht weiter zu rechtfertigen. Was aber die Eurythmie auch in pädagogisch-didaktischer Beziehung ist gegenüber dem Turnen, ist, daß sie im Fühlen und in den Willensimpulsen jederzeit für jede Bewegung, für jede Bewegungsform beim Kinde das Erleben eines Seelischen, eines Geistigen ist. Die Bewegungen werden so ausgeführt, daß das Kind in die BeweCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 266 gungen seine Seele, seinen Geist hineinfließen läßt und so hineinfließen läßt, daß nicht nur das allgemeine Erlebnis einer Gebärde, sondern das sinnvolle Erlebnis einer wirklich belebten Sprache, einer sichtbaren Sprache sich des Kindes bemächtigt. Dadurch kommt auch das zustande, was man bei dem Gebrauche von Eurythmie als pädagogisch-didaktisches Prinzip klar bemerken kann: die Kinder in einem späteren Lebensalter rinden sich in einer ebenso elementaren naturgemäßen Weise wohl bestimmt in diese Sprache hinein, wie sie sich in den früheren kindlichen Lebensjahren in die Lautsprache hineinfanden und in den Gesang. Denn Eurythmie ist ebensosehr als Gesang zu gebrauchen wie als Sprache. Wenn man außerdem aus einer wirklichen Erkenntnis des menschlichen Körpers oder der ganzen menschlichen Natur heraus weiß, daß die Konfiguration des Denkens, die künstlerische Gestaltung des Denkens nicht bloß etwas ist, was vom menschlichen Kopf, vom menschlichen Gehirn abhängt, sondern was aus dem ganzen Menschen heraus kommt - der Mensch lernt nicht nur so denken, wie sein Gehirn ist, sondern der Mensch lernt so denken, wie er seine Beine und seine Arme bewegen kann -, wenn man das weiß, dann wird man auch verstehen, daß die Inanspruchnahme nicht bloß der Sprachorgane, des Kopfes, der Brust, beim Laute Sprechen und beim Singen dieses zeigt. Man kann auch anderes bemerken, kann bemerken, wie durch dieses beseelte, durch dieses durchgeistigte Turnen etwas im Menschen ausgebildet wird, was aus der Not unserer Zeit heraus die ganz besonders jetzige und die folgende Generation brauchen werden: Initiative des Seelischen, und namentlich Initiative des Willens. Und in bezug auf die Entwickelung des Willens hat man in der Schule ein bedeutendes Unterstützungsmittel in der Eurythmie. Das Turnen macht den Körper geschmeidiger, geschickter, aber es holt nicht dasjenige heraus, was körperlich ist, aus dem Seelischen. Und dadurch kann es auch weniger eine Willenskultur vermitteln, als das gerade durch die Eurythmie der Fall ist. Und so kann man, wenn man den Menschen wiederum zu betrachten beginnt nach seinem ganzen Wesen, nach Leib, Seele und Geist, durchaus Verständnis entwickeln für die Anwendung der Eurythmie Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite:267 als eines Erziehungsmittels. Das ist dasjenige, was wir Ihnen heute in einigen Beispielen vorführen wollen, daß in der Tat die Eurythmie angewendet auf den kindlichen Körper, sich als etwas Selbstverständliches darstellt. Und auch in der Anschauung wird, wie ich glaube, dasjenige hervorgerufen, was man sehen kann, wird die Empfindung hervorgerufen: Diese Kunst ist etwas, was sich in die Menschenwesenheit hineinlebt als etwas, was mit Freude, mit innerer Befriedigung erlebt werden kann. - Und Freude, innere Befriedigung im ernsten Sinne in der Erziehung angewendet, liefern immer sehr gute, bedeutsame Resultate. Das werden Sie, meine sehr verehrten Anwesenden, meine Damen und Herrn, vielleicht aus dieser unserer heutigen Darstellung ersehen können. Dornach, I.Januar 1922, im Goetheanum PROGRAMM Symbolum J. W. v. Goethe Musik: Leopold van der Pals Mignon J. W. v. Goethe Aus den Jahressprüchen: 4. Dezemberwoche Rudolf Steiner Sonett; True Love W. Shakespeare Gavotte Contre /es Bücherons ä laforet de Gätine P. de Ronsard Aujtakt: Evoe Musik: Max Schuurman Artemis J. M. Heredia Aus «Der Seelen Erwachen», 2. Bild: Chor der Gnomen und Sylphen Rudolf Steiner Luzifer, Geist von Johannes' Jugend, Seelenkräfte, Theodora Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 26 8 |


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