II Die Formensprache in der Eurythmie und in den übrigen Künsten 14
Dornach, 17. Oktober 1920, anläßlich des ersten Hochschulkurses
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Eurythmieaufführung einige Worte voranschicke, nicht um die Vorstellung zu erklären. Bei künstlerischen Dingen darf nicht eine
Interpretation oder eine Erklärung vorausgeschickt werden, sie müssen durch sich selber wirken, sonst gehörten sie mitnichten dem
Gebiete der Kunst an. Aber dasjenige, was wir uns als Eurythmie
denken, namentlich in seiner weiteren Ausführung, kommt doch
aus gewissen künstlerischen Quellen heraus, von denen die Menschheit bisher nur einen sehr geringen Gebrauch gemacht hat, und liegt
in einer künstlerischen Formensprache, die auch in den anderen
Künsten und überhaupt im künstlerischen Leben bisher kaum
angewendet war. Mit all dem, was sonst ähnlich ist, darf eigentlich
die Eurythmie doch nicht verglichen werden, denn die Ähnlichkeit
mit gewissen pantomimischen Künsten, Tanzkünsten und dergleichen,
könnte nur eine äußerliche sein. Das alles will die Eurythmie nicht
sein, denn sie bedient sich eines besonderen Ausdrucksmittels, welches
in einer Art stummer Sprache besteht, die durch Bewegungen wirkt.
Und so werden Sie auf der Bühne den bewegten Menschen sehen,
das heißt, den aus sich bewegten Menschen, den Menschen, der seine
Glieder in einer gewissen Weise bewegt, oder auch Menschengruppen,
die Bewegungen ausführen, in ihrem gegenseitigen Verhältnisse sich
verändern in den Raumesverhältnissen, so daß eben auch da Bewegung, gesetzmäßige Bewegung von Menschengruppen entsteht.
Das alles ist nun nicht etwa so zustande gekommen, wie zustande
kommt, man möchte sagen, eine Zufallsgebärde, eine Zufallsgeste
mit dem, was sich in der Seele abspielt, sondern all das, was da
ausgeführt wird an Bewegungen, steht durchaus in.einem solchen
Zusammenhange mit dem menschlichen Seelen- und Geistesleben,
wie die Tonsprache selbst. Zustande gekommen sind nämlich diese
Bewegungen, die da ausgeführt werden von den eurythmisierenden
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Menschen, so, daß durch sinnlich-übersinnliches Schauen, um mich
dieses Goetheschen Ausdrucks zu bedienen, beobachtet ist, welche
Bewegungstendenzen der Kehlkopf und die anderen Sprachorgane
des Menschen haben, wenn der Mensch sich durch die Lautsprache
offenbart. Da sind allerdings nur Bewegungstendenzen vorhanden,
denn so wie der Mensch in Berührung ist mit der Außenwelt im
Sprechen, so geht dasjenige, was da eigentlich unmittelbar im Kehlkopf und in den Nachbarorganen geschieht, über an die bewegte
Luft, durch die ja der Ton vermittelt wird; die eigentliche Bewegungstendenz aber wird schon im Entstehen unterbrochen.
Wenn man diese Bewegungstendenzen, die durch den Kehlkopf,
und seine Sprachorgane erregt werden, erkennen, beobachten kann
durch sinnlich-übersinnliches Schauen, so kann man sie auch, indem
man das Prinzip der Goetheschen Metamorphose heraufhebt ins
Künstlerische, aus der bloßen Gestaitenbeobachtung in die Handhabung der menschlichen Funktionen übertragen, nach diesem Prinzip der Goetheschen Metamorphose den ganzen Menschen und auch
Menschengruppen sich so bewegen lassen, wie sich sonst, ich möchte
sagen, bewegen wollen der Kehlkopf und seine Nachbarorgane in
der gewöhnlichen Tonsprache.
Goethe hat ja darauf aufmerksam gemacht - und das wird in der
zukünftigen Lehre vom Lebendigen eine noch viel größere Rolle
spielen, als sich heute schon die Menschheit träumen läßt -, Goethe
hat geltend gemacht, daß die ganze Pflanze nichts anderes ist als
ein komplizierter ausgebildetes Blatt und das Blatt eine einfach gestaltete ganze Pflanze. So kann man auch sagen: Dasjenige, was im
Kehlkopf und seinen Nachbarorganen veranlagt ist, ist eigentlich der
ganze Mensch. Und man kann wiederum, wenn man es beobachten
kann in seinem innerlichsten Vorgange, was da vorgeht in den
Sprachorganen, auf den ganzen Menschen und Menschengruppen
übertragen. Dann bekommt man diese bewegte Sprache heraus, die
Ihnen als Eurythmie vorgeführt wird. Da ist nichts Mimisches,
Pantomimisches, nichts bloß Tänzerisches darinnen, sondern da ist die
Aufeinanderfolge der Bewegungen so, wie die Aufeinanderfolge der
Laute in der menschlichen Sprache ist. Und es sind die Formen, in
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denen wir die Bewegungen ausführen, um künstlerische Gestaltung
des wortwörtlichen Inhaltes darzustellen, nachgebildet der reinen
Entstehung, der Gestaltung, wie sie der Dichter herausformt aus der
bloßen Prosasprache und so weiter. Dadurch bekommt man in der
Tat eine besondere Kunstart, die den Anforderungen unserer Zeit
ganz wesentlich angepaßt ist. Die heutige Zeit muß darnach streben,
wenn der Mensch nicht wirklich, statt zu einem Aufschwünge zu
kommen, in die Barbarei, die ja viele heute schon voraussagen,
und die sogar von Spengler wissenschaftlich bewiesen werden sollte,
hineinsinken soll, ein innerliches Erheben des Menschen, ein innerliches Durchlebt werden mit neuen Kräften, neuen Formen und so
weiter zu erwirken.
Nun wohl, Eurythmie ist solch ein innerliches Durchkraften des
Menschen, und ich werde, um das zu zeigen, diese Eurythmie in
die Reihe der übrigen Künste mit ein paar Worten hineinstellen
müssen.
Da haben wir zum Beispiel die Plastik. Man versteht sie nur,
die Plastik, die Bildhauerkunst, wenn man aus seiner Form heraus die
Gestaltung des physischen menschlichen Leibes versteht. Denn im
Grunde genommen können wir alles, was wir sonst in der Plastik
formen, nur plastisch ausbilden, wenn wir die Plastik des menschlichen Leibes verstehen. Die Architektur ist dann eine Kunst, die
zunächst so wirkt, daß man ein eigentliches Vorbild für sie nicht
hat. Sie wirkt so, wie sie auftritt, durch Proportionalität, Symmetrie,
durch ein erfühltes oder erschautes Gleichmaß und Gleichgewicht der
einzelnen architektonischen Glieder und so weiter. Man fühlt aus
dem Grunde kein Vorbild für die Architektur, weil dieses Vorbild
im Äußeren des Menschen selber ist. Dasjenige, was wir erleben,
indem wir zum Beispiel als kleines Kind von dem Zustande, in dem
wir nicht gehen können, uns zur Vertikalen allmählich hinaufschwingen, gehen lernen, dasjenige, was wir als Gleichmaß erleben,
indem wir unsere Glieder bewegen lernen, kurz, alles dasjenige,
was wir in uns erleben, erleben können als das Innerlichste der
menschlichen Leibesgestaltung, wenn dieser Leib lebt, das tragen
wir in die äußere Welt hinaus und bilden es zur Architektur.
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Und indem wir uns der äußeren Welt selber hingeben, ihren intensiven Eindrücken in Farben und Hell-Dunkel, bilden wir die Malerei
aus. Dann aber, wenn wir dasjenige, was eigentlich unter der Oberfläche der Dinge, mit der sich im wesentlichen die Malerei beschäftigt, wenn wir das, was das Äußere der Natur an übersinnlichem
Gleichmaß darbietet, wenn wir das erfühlen können, uns hingeben
können der Natur nicht als ein bloßer Beobachter, sondern mitgehen
mit den inneren Geheimnissen der Natur, und statt daß wir - was
wir schon als Kind tun - das Gleichgewicht unseres eigenen Leibes
fühlen, die Symmetrie, das rätselvolle, geheimnisvolle Gleichmaß der
Naturdinge draußen fühlen, die Proportionalität und Symmetrie der
Naturdinge, und wenn wir das dann in uns selber gewissermaßen
zu einem Echo ausbilden, der stummen Natur das Gegenbild der
ihr abgelauschten Geheimnisse entgegenhalten, dann bilden wir das
Musikalische dadurch aus, daß wir unsere eigenen Leibesglieder, die
daraufhin organisiert sind, anpassen den äußeren Symmetrie- und
Gleichmaßverhältnissen der Natur. Zur Architektur tragen wir unser
Gleichmaß und unsere Proportionalitätsverhältnisse in die Außenwelt; für den Gesang tragen wir dasjenige, was an Gleichmaß in der
Außenwelt existiert, in uns hinein und bringen es durch unseren
eigenen Leib, durch einen Teil unseres Leibes bis zu einer Art
Echo der stummen Natur. Und ein Ast davon ist dasjenige, was wir
in der Sprache, insbesondere im Metrum, im Rhythmus der Sprache
und so weiter ertönen lassen in der Deklamation, Rezitation.
Bei alldem ist es unser ätherischer Leib, der gewissermaßen in
sich ruhend bleibt, aber Teile von sich, also sein Inneres zu einem
Widerklang des natürlichen Geschehens macht. In dem Augenblicke
aber, wo wir die Naturgeheimnisse, ich möchte sagen, tiefer in uns
einströmen lassen, als das beim Gesang und bei der Deklamation
der Fall ist, werden wir durch die Sprach- und Gesangsorgane
durchströmen lassen in die ganze Leibes Organisation dasjenige, was in
der äußeren Natur ist. Dann fühlt sich der Mensch nicht so, daß er
gewissermaßen wie beim Singen oder Deklamieren dasjenige behält,
was er als Echo der Natur ertönen läßt, sondern er fühlt sich so, daß
er dasjenige, was er der Natur an Geheimnissen ablauscht, gleich
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wieder selbst in Bewegung überführt; so daß der Mensch zwar das
Instrument ist, um die bewegte oder symmetrische oder proportionierte Übernatur zur Darstellung zu bringen, aber gleich wieder
in die Natur übergeht; er behält das nicht, was er von Gesang
oder Musik aufnimmt, in sich, sondern geht gleich in die äußere
Natur über. Der Mensch ist ganz selbstlos, physisch selbstlos. Er
wird zu einem Werkzeuge desjenigen, was die Geheimnisse der Natur
selber sind, wenn er eurythmisiert. Dadurch ist in der Tat die
eurythmische Kunst etwas für die Verinnerlichung, und sie ist etwas
echt Künstlerisches. Denn dasjenige, was die Verinnerlichung wird,
das zeigt sich irgendwie wiederum in den Bewegungen objektiviert
an der sinnlichen Außenwelt: der Geist der Welt in den Bewegungen
des Menschen. Man könnte sagen, so wirkt die Eurythmie ganz im
Sinne des schönen Goethe-Wortes: Wenn der Mensch an den Gipfel
der Natur gestellt ist, empfindet er sich selbst wiederum als eine
ganze Natur, nimmt Ordnung, Maß, Harmonie und Bedeutung zusammen und erhebt sich zur Produktion des Kunstwerkes. - Am
Schönsten und Edelsten erhebt er sich aber zur Produktion des
Kunstwerkes, wenn er sich selbst als Werkzeug hingibt. Er tut das
allerdings im Gesang, in der Deklamation; aber er tut es nun so,
daß er das, was er ausbildet, nicht in seiner eigenen Leibesorganisation bildet, sondern sogleich nach außen vernehmbar macht als eine
sichtbare Sprache in der Eurythmie.
So hat diese eurythmische Kunst etwas, wodurch sie sich in die
Reihe der Künste gerade für den gegenwärtigen Menschen auf eine
ganz besondere Art einreiht. Sie hat auch eine therapeutisch-hygienische Seite, von der ich hier nicht sprechen will, die auch weiter ausgebildet werden muß; sie hat aber auch eine didaktisch-pädagogische
Seite. Daher haben wir sie eingereiht in den Lehrplan als obligatorischen Unterrichtsgegenstand in unserer Stuttgarter Waldorfschule.
Wenn einmal die Menschen objektiver, unbefangener denken
werden über die Dinge, die hier in Betracht kommen, als heute,
wird man sagen müssen: Das Turnen mag eine gute Sache sein, es
ist den physiologischen Gesetzen des menschlichen Leibes abgeCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 194
lauscht, und dasjenige, was erreicht wird, bezieht sich eigentlich
nur auf das, was Ausbildung des Leiblichen ist. Aber für die Kinder
hat dasjenige, was durch Eurythmie an sie herangebracht wird, einen
ganz besonderen Wert. Erstens Heben die Kinder, wenn sie sie wirklich kennenlernen, diese Eurythmie ganz außerordentlich, wie das sich
in der Waldorfschule im Unterricht gezeigt hat; dann aber ist die
Eurythmie ein beseeltes Turnen. Keine Bewegung wird ausgeführt,
ohne daß Geist und Seele hineingelegt wird. Jede Bewegung jedes
Gliedes ist der Ausdruck, die Offenbarung eines Geistig-Seelischen. -
Das ist etwas, in das das Kind so hineinwächst, daß in ihm Willensinitiative, Seelenkräftigkeit sein wird. Und das ist etwas, was der
Menschheit heute eigentlich gegeben werden soll, denn es ist dasjenige, was mit unserem Niedergange am allermeisten zusammenhängt, daß die Menschheit diese Seelenenergie nicht hat. Und furchtbare Degenerationserscheinungen der Kultur müßten auftreten, wenn
die nächste Generation in einer ebensolchen Weise aufgezogen würde
mit schläfriger Seele, ohne Energie, wie es zum großen Teile diejenigen Generationen geworden sind, die dann hineingesegelt sind in
die furchtbare Katastrophe der Gegenwart.
Ich habe während dieses Kurses auch über Deklamation und
Rezitation gesprochen, und es ist tatsächlich so, daß unsere Eurythmie,
die begleitet wird auf der einen Seite von dem Musikalischen, auf
der anderen Seite von der Rezitation und Deklamation, nur eine
andere Ausdrucksform für beides ist, denn der Mensch bedient sich
eines einzelnen Organes bei der Deklamation, während er sich bei
der Eurythmie seines ganzen Leibes bedient. Was aber sich zeigt, ist
dieses: Gerade an der Eurythmie kann man erkennen, wie berechtigt
die Dinge sind, die ich bei unserem jetzigen Kursus über Rezitation
gesprochen habe. In der gegenwärtigen unkünstlerischen Zeit hält
man etwas ganz anderes für Rezitationskunst, als wirklich eine
solche ist. Man glaubt, daß es darauf ankäme, den Prosainhalt besonders durch Betonen desjenigen, was man oftmals gefühlvoll
nuancieren nennt, herauszubekommen. Nein, beim Deklamieren und
Rezitieren - und das zeigt sich, wenn man zur Eurythmie rezitieren
soll - kommt es darauf an, daß schon die innere Eurythmie,
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Rhythmus, Takt, überhaupt die Formung des wortwörtlichen Inhaltes, wie sie durch den Dichter geschieht, daß das besonders in
der Formung des Tones, in der Gestaltung, in dem Tempo, im
Takt des Tones, im Rhythmus des Tones zum Ausdrucke kommt.
Und nur indem man diese Rezitation, die auch im Praktischen
geschildert werden sollte, durch dasjenige, was während des Kurses
Frau Dr. Steiner rezitiert hat, indem man diese Rezitationskunst ausübt, kann man überhaupt zeigen, wie auf der einen Seite in der
sichtbaren Sprache der eurythmischen Bewegung und andererseits
durch die eurythmische Formung des Tones in der Rezitation oder
Deklamation der Inhalt erst zum vollen Ausdrucke kommt.
Es bedarf sehr viel, um das zu vervollkommnen, was heute
erst ein Anfang ist. Wenn es aber dann vervollkommnet sein
wird bis zu einer gewissen Stufe, dann wird man schon sehen, daß
diese Eurythmie, die hier aus Goetheschem Kunstsinn und Kunstgesinnung, wie alles andere, was von hier ausgeht, ausgebildet ist,
sich als eine vollberechtigte jüngere Kunst neben die anderen
Schwesternkünste wird hinstellen können. Auch diese Schwesternkünste mußten erst nach und nach im Laufe der Menschheitsentwickelung sich ihre Position erobern. Eurythmie wird sich, wenn
sich manche einseitigen Vorurteile, beziehungsweise Vorempfindungen erst abgestreift haben werden, diese Position schon auch
neben den anderen Künsten in der Zukunft erobern.
Eintragungen in ein Notizbuch
23. Oktober 1920
Zur Eurythmie pädagogisch
1.) Sprache beobachten -
2.) Sie entspringt aus dem ganzen Menschen.
Löst sich aber los. Dadurch vom Willen losgelöst.
3.) Euryt. bringt sie wieder an den Willen heran. Bekämpft
die Phrase - macht den Menschen zum Teilnehmer an
seinem Gesprochenen.
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GOETHEANUM DORNACH
Eurythmie
Darbietung Samstag, den 23.,
und Sonntag, den 24. Oktober 1920,
5 Vz Uhr nachmittags
Ernstes und Humoristisches - auch Mysterien-Bilder-Szenen - in
eurythmischer, deklamatorischer und musikalischer Kunst.
Ankündigung in den Zeitungen |