II Zur Inszenierung der Arielszene aus Goethes «Faust» II 10
*Dornach, 24. April 1920 **
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immer das unkünstlerische Element aus. Und indem wir gerade durch
die Eurythmie herausbringen können das ideelle, das intellektuelle
Element und hineinbringen können in die Darstellung den ganzen
Menschen in seiner Offenbarung, wird die eurythmische Sprache eine
im eminentesten Sinne künstlerische Sprache, eine künstlerische
Ausdrucksform.
Ich möchte sagen, wenn man richtig empfinden kann, wird man in
einer eurythmischen Bewegung, in einer eurythmischen Form etwas
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finden, was viel mehr an den individuellen Menschen gebunden ist
als das Wort, als der Satz, so daß man wieder zurückgeht in das
Menschlich-Individuelle, indem man von der Lautsprache zur
Eurythmie schreitet.
Und nichts Willkürliches ist darinnen, sondern es ist gerade das
an der Lautsprache studiert, was man sonst nicht beachtet, wenn
man der Lautsprache zuhört. Man beachtet die Tonfolge, den Inhalt
der Worte, alles dasjenige, was in der Eurythmie unterdrückt wird.
Weil es unterdrückt wird, müssen wir heute noch diese Eurythmie
begleitet sein lassen von der Dichtung oder von der Musik. Aber
dafür tritt etwas anderes ein. Der Mensch, der selber eurythmisiert,
wird finden, indem er eine eurythmische Bewegung macht, lebt er
sich in diese mit seinem ganzen Menschen hinein, während er sich
bei der Lautsprache hingibt an ein einzelnes menschliches Organ.
Das ist eben studiert, was dieses Organ, der Kehlkopf und seine
Nachbarorgane, an Bewegungstendenzen beim Lautesprechen entwickeln. Und das ist gesetzmäßig übertragen auf die Bewegungen
des ganzen Menschen, so daß Sie auf der Bühne sehen im ganzen
Menschen oder in der Menschengruppe etwas wie den bewegten
Kehlkopf. Sie würden einfach, wenn Sie durch irgendein Instrument
die Bewegungsformen des Kehlkopfes, des Gaumens, der Zunge, der
Lippen graphisch festhalten könnten, und würden aus den Zitterbewegungen die Linien loslösen können, die durch die Bewegungen
als die Bewegungstendenzen durchgehen, so würden Sie überall die
Bewegungen, die hier von dem Menschen ausgeführt werden, auf
der Bühne sehen. So daß, wenn zwei Menschengruppen oder zwei
Menschen an verschiedenen Orten ein und dasselbe Musikstück
eurythmisch darstellen, nicht mehr Unterschied darinnen ist, wie
wenn zwei verschiedene Klavierspieler ein und dieselbe Sonate zu
spielen haben. Wie die Musik in der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge der Melodien besteht, so besteht hier diese bewegte Musik in
der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge der Bewegungen, die abgelauscht
sind den Bewegungstendenzen der menschlichen Sprachorgane, abgelauscht durch übersinnliches Schauen, weil man durch dieses
Schauen gerade das beobachtet am menschlichen Sprechen, was sonst
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nicht beachtet wird. So kann man fragen, wenn man Eurythmie
richtig empfindet: Was ist sie dann? - Sie ist das, was entstehen
würde, wenn man die Bewegungsvorgänge des Kehlkopfes, des
Gaumens, der Lippen, plötzlich vergrößern könnte, so daß sie die
Größe des gan2en Menschen einnehmen würden, und dann vom ganzen Menschen das ausführen lassen würde, was so vergrößert ist. -
Also es beruht auf einem wirklichen Beobachten desjenigen, was die
Seele in den Laut gießt. Hier in der Eurythmie gießt die Seele das
in die Bewegungen hinein.
Sie werden im ersten Teil vor der Pause auch sehen die sehr
bedeutende Szene des Anfanges des zweiten Teiles des «Faust»
von Goethe. Und da zeigt sich, wie man gerade die Eurythmie
verwenden kann, um dasjenige bühnenmäßig darzustellen, was sonst
mit dem gewöhnlichen Naturalismus durchaus nicht bühnenmäßig
darzustellen ist.
Wer viele «Faust»-Vorstellungen in verschiedensten Bearbeitungen
gesehen hat, weiß, wie gerade dasjenige bei Goethe im «Faust»
schwer auf der Bühne darzustellen ist, was von dem gewöhnlichen
Prosagehalt des Lebens abführt und die Beziehungen der menschlichen Seele zur übersinnlichen Welt darstellt. Die haben wir in
dieser ersten Szene des zweiten Teiles ganz besonders gegeben.
Man hat Goethe sogar einen Vorwurf daraus gemacht, daß er,
nachdem Faust die große, schwere Schuld des Mordes sogar auf
sich geladen hat, von furchtbaren Gewissensbissen gequält ist, in eine
solche Lage gebracht wird wie im. Beginne des zweiten Teiles. Da
treten ja diejenigen Mächte auf, welche aus dem Übersinnlichen
herein in die Menschenseele wirken, die natürlich, wenn sie dramatisch vorgeführt werden, personifiziert werden müssen, aber nicht
als Personifikation gemeint sind, sondern als Anschauung der wirklichen übersinnlichen Welt.
Es hat zum Beispiel ein Herr Max Rieger, der ein Büchelchen
geschrieben hat über den Goetheschen «Faust», gemeint, Goethe wäre
der Ansicht gewesen, wenn ein Mensch eine schwere Schuld auf
sich geladen hat, brauche er nur einen Morgenspaziergang zu machen im frischen Sonnenlicht, so wird er von diesen Gewissenscopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 17 6
bissen geheilt sein. So ist es allerdings hier bei Goethe nicht
gemeint. Es ist vielmehr gemeint, daß die Metamorphose der Seele,
nachdem die Seele solches auf sich geladen hat wie Faust, nur durch
eine Beeinflussung von Seiten der übersinnlichen Welt vor sich
• gehen könne!
Nun hat sich herausgestellt, daß man gerade durch die Zuhilfenahme der Eurythmie solche übersinnlichen Szenen sachgemäß auf
der Bühne darstellen kann. Ich bin sehr damit beschäftigt, auch den
Versuch zu machen, Dramatisches überhaupt noch weiter auszuarbeiten. Wir stellen heute vorzugsweise, weil wir nur das können,
Lyrisches, Episches und dergleichen dar; aber ich bin auch sehr
damit beschäftigt, vielleicht einmal Formen zu finden, durch die das
Dramatische als solches auch eurythmisch ausgedrückt und dargestellt werden kann.
Aber wenn auch heute noch nicht erreicht ist, das Dramatische
im Gang der dramatischen Handlungen, die dramatischen Spannungen und Lösungen eurythmisch darzustellen, wenn man beibehält
die gewöhnliche bühnenmäßige Kunst, die gewöhnliche Bühnentechnik für das im physischen Leben sich Abspielende, so kann die
Eurythmie zu Hilfe gerufen werden da, wo die dramatische Dichtung
sich von dem physischen Erleben zu dem überphysischen Erleben,
zu dem geistigen Erleben, erhebt, wie so etwas bei dieser Szene der
Fall ist. Ich deutete darauf hin, wie ich hoffe, daß die eurythmische
Kunst auch auf das Dramatische, auf das allgemein Dramatische
wird ausgedehnt werden können; ich hoffe dieses.
Diejenigen, die als verehrte Zuhörer öfter dagewesen sind, werden
sehen, daß wir uns bemüht haben, namentlich in den letzten Monaten,
zu immer Vollkommenerem und Vollkommenerem gerade in dieser
eurythmischen Kunst zu kommen. Dennoch aber ist noch sehr vieles
zu tun. Und ich darf daher auch heute die verehrten Zuhörer um
Nachsicht bitten, denn wir stehen mit unserer eurythmischen Kunst
am Anfange, aber wir glauben, daß, da sie sich des Mittels des
menschlichen Bewegens selbst bedient als eines Werkzeuges, und da
sie schöpft aus den allerursprünglichsten Quellen des künstlerischen
Schaffens, aus den Tiefen der menschlichen Seele, und dafür neue
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Formen sucht, sich diese eurythmische Kunst einmal neben die älteren
Künste, die sich schon ihren Platz in der Welt erobert haben, einst
als vollberechtigte Kunst wird in der Welt hinstellen können.
Wie gesagt, es ist darauf aufmerksam zu machen, daß wir es noch
mit einem Anfange, vielleicht sogar mit dem Versuch eines Anfanges
in der werdenden eurythmischen Kunst zu tun haben, die vielleicht
nicht mehr durch uns, aber durch andere wahrscheinlich zu einer
vollwertigen, jüngeren Kunst wird ausgebildet werden können.
Auch Goetheschen Humor werden wir heute zur Darstellung
bringen. Man wird gerade an der Darstellung des Goetheschen
Humors durch die Eurythmie sehen, wie eigenartig dieser Goethesche Humor ist: ein Humor, der sich erheben kann bis in die Höhen
der Weltanschauung und doch ein elementar gesunder Humor bleibt.
Ich mache Sie darauf aufmerksam, wenn Sie mir das gestatten,
meine sehr verehrten Anwesenden, daß wir uns jetzt besonders
bemühen, an solchen humoristischen Dichtungen, die wir in
Eurythmie umsetzen, zu zeigen, wie der Hauptwert bei diesem
Eurythmisieren nicht darinnen liegt, wie ich schon sagte, daß der
Prosainhalt in den Formen oder Gesten zum Ausdrucke kommt,
sondern dasjenige, was der Dichter künstlerisch gemacht hat, so daß,
man in der Tat die künstlerische Sprachgestaltung wieder nachfühlen
kann auch in der bewegten, der stummen Sprache der Eurythmie.
So soll sich also gerade daran zeigen, daß hier nicht versucht wird,
mimisch oder pantomimisch die Humoresken nachzubilden, den humoristischen Inhalt, sondern zu zeigen, wie die künstlerische Lautform
umgesetzt wird in eurythmische stumme Bewegungsformen.
Eurythmisch Kunst
Samstag, den 1. Mai 1920, 5 Uhr
Sonntag, den 2. Mai 1920, 5 Uhr
Lebens- und Weltbilder eurythmisiert. Humoristisch-Paradoxes
in eurythmischer Darstellung. Musikalisches.
Ankündigung in den Zeitungen
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