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I Menschliches Erkenntnisstreben und echte Künstlerschaft 4

I Menschliches Erkenntnisstreben und echte Künstlerschaft 4

** Dornach, 2. Februar 1919, zur Schluß-Szene der Klassischen Walpurgisnacht aus «Faust» II**

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darf ich mir wohl erlauben, alle die verehrten Gäste, welche diesen unseren Versuch, eine - wie man wohl von einem gewissen Gesichtspunkte aus sagen kann - bedeutungsvolle Dichtung dramatisch darzustellen, mit ihrem Interesse beehren wollen, herzlichst im Namen der Veranstalter willkommen zu heißen. Dasjenige, was wir zur Darstellung bringen wollen, ist der Schluß des zweiten Aktes des Goetheschen zweiten Teiles des «Faust», der Schluß der sogenannten Klassischen Walpurgisnacht. Von einem gewissen Gesichtspunkte aus, erlaubte ich mir schon zu bemerken, kann man gerade der Anschauung sein, daß diese Dichtung Goethes sowohl auf der einen Seite für die Erkenntnis des Goetheschen Geistes und der Goetheschen Geistesart, wie auch auf der anderen Seite für die Anschauung der dichterischen Kraft der Menschheit eine ganz besondere Rolle spielt. Wer sich tiefer einläßt auf die Betrachtung dieser Episode aus dem so nach allen möglichen Richtungen hin reichen zweiten Teil von Goethes «Faust», der wird nur zu bestätigt finden, was Goethe zu seinem Freunde und Hausgenossen Ecker mann über den zweiten Teil des «Faust» überhaupt sagte. Goethe sprach da einmal dasjenige, was mit Bezug auf diesen zweiten Teil des «Faust» so wichtig ist zu berücksichtigen, mit den folgenden Worten aus. Er sagte zu Eckermann, er habe in den zweiten Teil seines «Faust» viel, viel hineingeheimnißt, was der Eingeweihte, der nach den tieferen Gründen dieser Dichtung sucht, wohl finden und bemerken werde. Allein, er habe auch gesucht, durch die Ausgestaltung des Bildhaften für das naive Gemüt so zu wirken, daß man durchaus die tieferen Geheimnisse nicht braucht, wenn man die bloße Bilderfolge auf der Bühne rein gefühlsmäßig beobachten will. Aber damit weist Goethe überhaupt auf eine Eigentümlichkeit einer solchen Szene hin, wie die nachher aufzuführende ist, und Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 3 8 wie sie sich recht zahlreich gerade im zweiten Teil seines «Faust» finden. Wer versucht, nun wirklich das auch zu finden, was Goethe glaubte in diese Szene hineingeheimnißt zu haben, und wer auf der anderen Seite einen freien, offenen ästhetischen Sinn hat, um wirklich dramatisch und künstlerisch gegenständlich Gewordenes unmittelbar auf sich wirken zu lassen, der wird gerade vor einer solchen Szene so stehen, daß er sich sagt: Hier ist einmal in einer Dichtung grandios zum Ausdrucke gekommen höchstes menschliches Erkenntnisstreben, wahrhafteste menschliche Weisheitsanschauung, und nach der anderen Seite ganz unmittelbare Kunst. - Dadurch, daß man es zu tun hat mit der Ausgestaltung eines höchsten menschlichen Erkenntnisstrebens, wurde unter Goethes eindringlicher dichterischer Kraft ein solches Gedicht nicht zum Lehrgedicht, nicht zum trockenen, nüchternen Lehrgedicht. Auf der anderen Seite aber fällt auch alles bloß ästhetisch Spielerische fort durch die Dichtung, die überall durchdrungen ist von menschlicher Einsicht, von ehrlichstem, aufrichtigstem Streben vor allen Dingen nach dem - das ist ja das Bedeutungsvolle im «Faust» -, was man nennen kann menschliche Selbsterkenntnis und Selbsterfassung. Und das ist das Bedeutungsvolle einer solchen Schöpfung Goethes, daß man an ihr sieht, wie diese Goethe-Persönlichkeit im höchsten Sinne des Wortes durch und durch in ihrem Wahrheitsstreben und in ihrem künstlerischen Schaffen absolut ehrlich ist und absolut ehrlich, innerlichst ehrlich glaubt an die Möglichkeit, immer und immer neue Offenbarungen in der Seele zu empfangen, je weiter man im Leben vorrückt. Goethe gehörte zu denjenigen Persönlichkeiten, die tief innersten Glauben an das Leben hatten, die gewissermaßen überzeugt sind davon, daß, je älter sie werden, desto reichlicher und reichlicher in ihr Seelisches die Offenbarungen der Weltengeheimnisse fließen. Darum ist es so laut sprechend sowohl für Goethes Geist wie für den Geist der Menschheit überhaupt in ihrer Eigentümlichkeit, daß Goethe eine solche Szene, wie wir sie nun vorführen wollen, im Zustande seiner höchsten Reife, wenige Jahre vor seinem Tode, als einen Teil derjenigen Dichtung niedergeschrieben hat, die ihn damals bereits seit sechs Jahrzehnten beschäftigte. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 39 Auf ein sechzigjähriges dichterisches und Erkenntnisstreben blickte Goethe zurück, als er diese reifste Episode seiner Menschheitsdichtung einfügte. Und niemals war er der Ansicht, daß dasjenige, was einem beschert wird, wenn man entgegenlebt der Lebensreife und Lebenserfahrung, daß das, was einem später beschert wird, irgendwie nicht bedeutungsvoller sein könne als dasjenige, was einem früher beschert wird. Was ist nun die eigentliche Aufgabe dieser Goetheschen Szene? Wir sehen über die Bühne geleitet in einer Phiole mit Benutzung eines mittelalterlichen, alchimistischen Bildes, der mittelalterlichen alchimistischen Vorstellung, den Homunkulus - Homunkulus, geleitet von dem alten griechischen Naturphilosophen Thaies. Wir sehen Homunkulus in seinem Streben, Homo zu werden. Den Weg vom Homunkulus zum Homo will Goethe gerade in dieser Szene darstellen. Zugrunde liegt das Streben nach wirklicher menschlicher Selbsterkenntnis und Selbsterfassung. Das aber verbindet eine Geisteswissenschaft, wie sie hier am Goetheanum gepflegt werden sollte, mit Goethes Weltanschauung, daß Goethe tief davon durchdrungen war: Auf zwei Wegen kommt man nicht zu einer lebensfruchtbaren und lebenseindringlichen menschlichen Selbsterkenntnis und Selbsterfassung, auf zwei Wegen nicht, nicht auf dem einseitigen Wege der bloßen naturwissenschaftlichen Erkenntnis, nicht auf dem einseitigen Wege einer bloßen mystischen, abstrakt-innerlichen Vertiefung. - Goethe war sich klar darüber, daß weder einseitige Mystik, noch einseitige Naturwissenschaft dem Menschen Selbsterkenntnis und Selbsterfassung bringen könne; daß ein anderer Weg notwendig ist, der Weg, den Geisteswissenschaft immer behaupten muß. Goethe war noch nicht in derjenigen Epoche, in welcher Geisteswissenschaft da sein konnte. Heute sucht gerade Geisteswissenschaft am intensivsten in die Goethesche Weltanschauung einzudringen. Goethe war sich klar darüber, daß mit all derjenigen Erkenntnis, die in der Naturwissenschaft zu großartigen Triumphen führt, in der Mystik zu einer gewissen Verinnerlichung des Menschen, zu einer gewissen religiösen Stimmung führt, das Wesen des Menschen aber nicht erkannt werden kann. Dasjenige, Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 4 0 was nur sich aufschwingt in bezug auf die Erkenntniskräfte der äußeren sinnlichen Anschauung, des an das Gehirn gebundenen Verstandes, das kann nicht vordringen zu der wirklichen Beantwortung der Frage: Was ist der Mensch? Wie ist der Mensch hineingestellt in das Weltendasein? - Diese Erkenntnis, die eine bloße sinnliche und Verstandeserkenntnis ist, kann nicht den Weg zeigen vom Homunkulus zum Homo. Dieser Weg kann allein gefunden werden, wenn das gewöhnliche Bewußtsein, das sowohl der gewöhnlichen Naturwissenschaft wie der gewöhnlichen Mystik zugrunde Hegt, selber durch diejenigen Kräfte, die sonst im Menschen verborgen sind, durch jene übersinnlichen Kräfte entwickelt wird, durch die der Mensch wirklich aufsteigen kann, um zu erkennen mit Erkenntniskräften, die nicht mehr sich der Werkzeuge des Leibes bedienen. Wir nennen heute in geisteswissenschaftlicher Anschauung solche Erkenntnis, die gewissermaßen außerhalb des Leibes gewonnen wird, imaginative, inspirierte, intuitive Erkenntnis. Es ist jene Erkenntnis, die dem Menschen werden würde, wenn er nachts schlafend, zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, in jenem Zustand, wo er frei vom Leibe als Seele ist, plötzlich im Geistigen so sehen würde, wie er sonst durch seine Sinnesaugen, durch seine Sinnesohren, durch seinen physischen Verstand, sehend, hörend und verstehend in der physischen Welt ist. Das kann man werden. Goethe wollte wenigstens ahnungsartig hinweisen, daß man es werden könne. Allein er wollte nicht, wie man es heute auf dem Boden der Geisteswissenschaft macht, selber Imaginationen hinstellen. Das ist nun diejenige Eigenschaft, die zu seiner Grundehrlichkeit im Wahrheits- und im Kunststreben als Besonderes hinzutritt; er war nicht nur ehrlich, er war tief, tief bescheiden sowohl in seinem Kunststreben wie in seinem Erkenntnisstreben. Deshalb wollte Goethe nicht eigene Imaginationen hinstellen da, wo er aufmerksam machen wollte auf wirkliche Menschenerkenntnis. Er stellte nicht eigene Imaginationen hin, er nahm zu Hilfe die Imagination der griechischen Mythe, der griechischen Mythologie. Er wußte ganz gut, wenn man in den bedeutungsvollen Bildern lebt, lebt der Mensch nicht nur in bloßen erträumten Welten, sondern er lebt in etwas, was nähersteht der wirklichen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 41 Homonatur, während die Verstandeserkenntnis und die sinnliche Erkenntnis und auch die gewöhnliche Mystik nur das Selbstbild des Menschen geben, was nicht Homo ist, was nicht wirklicher Mensch ist, was nur Menschlein ist, was Homunkulus ist. Diesen Homunkulus führt nun Thaies über die Szene. Wir sehen, daß Goethe wirklich die Bilder ausgestaltet, die rein äußerlich künstlerisch aufgefaßt die Seele anziehen und ein gewisses, rein ästhetisches Empfinden hervorrufen können. Wir sehen aber auch überall, wie er seine tiefere Weltauffassung und Lebensempfindung in diese Dinge hineingeheimnißt hat. Wir sehen, wie er zunächst auftreten läßt die Sirenen, als äußere Bilder der griechischen Mythologie entnommen, hier hindeutend darauf, wie das gewöhnliche, an die Sinnlichkeit gebundene Bewußtsein hinaufgeführt werden muß in eine übersinnliche Welt. Die Sirenen locken in ein Bewußtsein hinein, das in eine Welt schaut, die sonst der Mensch nur vom Einschlafen bis zum Aufwachen bewußtlos durchlebt. Darauf weist Goethe deutlich hin. Eine nächtliche Szene wird uns vorgeführt. Und heran treten an die Sirenen andere Imaginationen der griechischen Mythologie: die Nereiden und Tritonen, Wesenheiten dämonischer Natur, die, richtig aufgefaßt, Goethe näher glaubte dem Menschenrätsel, dem wirklichen HomoRätsel als dem bloßen Verstand, der nur dem Homunkuluswesen nahe ist. Das zeigt er auch, indem er uns vorführt diese Nereiden und Tritonen 'auf dem Wege nach dem griechischen Heiligtum, dem heiligen Samothrake, wo die Mysterien der Kabiren gefeiert wurden. Diese Kabiren - man hat viel nachgedacht über sie! Gewiß, geehrt werden soll alles dasjenige, was Gelehrsamkeit, emsige, fleißige Gelehrsamkeit über diese Kabiren zutage gefördert hat, allein es bedarf wohl einer noch stärkeren Vertiefung in griechisches Denken und griechisches Empfinden, wenn man das nachbilden, nachdenken will, was durch die griechischen Seelen zog, wenn diese Seelen dachten an dasjenige, was dargestellt wurde durch die dämonischen Götter in Samothrake, durch die Kabiren. Diese Kabiren hängen mit alledem zusammen, was Werdekraft in der großen Natur ist, was wieder verwandt ist mit aller Werdekraft Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 4 2 im Menschen. Daß Goethe an höchste Menschenrätsel mit dieser Szene rühren will, das zeigt er einfach dadurch, daß er das Kabirenrätsel hinstellt, die Kabiren herbringen läßt durch die Nereiden und Tritonen. Dann sehen wir, wie versucht wird durch Thaies, der den Homunkulus auf diesem Wege vom Homunkulus zum Homo führt, bei dem alten Meergreis, Meerdämon Nereus, man möchte sagen, alle die einzelnen Seelenkräfte, die der Mensch im höheren Sinne ausbilden kann, vorzuführen, insofern sie geeignet sind, das menschliche Erkenntnisvermögen eindringen zu lassen in wahrhaftige Menschheitserkenntnis und Menschenerfassung. Und so sehen wir, daß uns in Nereus entgegentritt eine dämonische Gestalt, welche in sich vereinigt dasjenige, was sonst beim Menschen nur in geringerem Maße vorhanden ist: großer Verstand, aber Verstand hinaufgebracht bis zu prophetischen Gaben, Unvermögend ist dieser Nereus-Verstand, diese Nereus-Kritik, das Menschenrätsel, das Homo-Rätsel zu erfassen. Nereus verweist auf Proteus - man sieht, wie Goethes Bescheidenheit in alledem waltet -, auf Proteus, den Dämon der Verwandlungskräfte in Natur- und Menschenleben. Daß er der Dämon der Verwandlungskräfte ist, tritt dadurch hervor, daß er selbst in seine Gestalten sich verwandelt. Zuerst tritt er auf als Schildkröte, dann in menschlicher Gestalt, dann als Delphin. Auf ihn verweist Goethe, um zum Ausdruck zu bringen, wie er sich selber bemüht hat auf dem Wege seiner tiefsinnigen Metamorphosenlehre - ein geistiger Darwinismus vor dem materialistischen Darwinismus -, das Werden in der Natur bis zum Menschen hinauf zu verfolgen durch die Verwandlung der Form. Allein Goethe bleibt bescheiden, indem er andeutet: Die verschiedenen Wege führen zwar in die Nähe der Menschenerkenntnis, aber man kann das Menschenrätsel - gewissermaßen wie ein Photograph ein Objekt nur von verschiedenen Seiten photographiert - auch nur von verschiedenen Seiten erfassen. Man kann es dann ahnen, aber man kann es nicht voll in seine Seele aufnehmen. - Und so muß denn auch Proteus darauf verzichten, dem Homunkulus zu sagen, wie der Weg zum Homo ist. Nereus hat schon früher hingewiesen darauf, daß er seine Tochter Galatee erwartete, die Schwester der Doriden. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 43 Mit dieser Galatee tritt hier in dieser Szene die Repräsentation all derjenigen Kräfte auf, die im großen Kosmos draußen walten und gleichartig sind mit den Kräften, welche die menschlichen Werdekräfte sind, indem der Mensch von der Empfängnis durch die Geburt ins sinnliche Dasein eintritt. Indem ein solcher Mensch wie Goethe an diese Kraft, die nicht nur im Menschen liegt, sondern die den ganzen Kosmos durchwebt und durchwallt, denkt und sie empfindet, denkt und empfindet er tiefste Geheimnisse, die im Weltenall weben und leben. Vor allen Dingen kommt dann einer solchen Natur, wie es die Goethesche ist, zum Bewußtsein, wie das Eindringliche, Große verwandt ist mit demjenigen, was in der Alltäglichkeit schon lebt, aber weil es in der Alltäglichkeit lebt, eben nicht genügend tief vom Menschen erfaßt wird. Goethe war es klar: Wenn wir des Morgens aus jenem Zustande, der für die meisten Menschen nicht geheimnisvoll erscheint, aber für den tiefer Denkenden und Empfindenden gerade zum größten Lebensgeheimnis werden kann, wenn man des Morgens aus dem Schlafe erwacht und auf die Kräfte hinblickt, die einen heraustragen aus dem Schlafe zur Wiederbenützung seines Körpers, zum Wieder-sich-Hineinfinden in die sinnliche Welt, so wirken bei jedem Aufwachen, nur abgeschwächt, abgelähmt, dieselben Kräfte, die auch im Menschen geboren werden, im Menschenwerden. - Diese Kräfte repräsentiert die heranrückende Galatee. Das Anschauen und Empfinden dieser Kräfte, es verbindet in dem Menschen das Sinnliche mit dem Übersinnlichen. Goethe empfand wohl das Bedeutungsvolle dieses Zusammenstellens von Sinnlichem und Übersinnlichem, wie der Mensch hinstrebt immer vom Sinnlichen zum Übersinnlichen, wie er aber in dem Augenblicke, wo er sich aufschwingen kann mit seiner Seele zum Erfassen des Übersinnlichen, sogleich wiederum von dem Übersinnlichen lassen muß, weil das Sinnliche ihn in Anspruch nimmt. Das stellt Goethe hier in diesem Satz so schön dar, indem die Schwestern der Galatee ja direkt die Schifferknaben bringen, die irdischen Menschen, gebracht von den göttlich-dämonischen Wesenheiten. Sie möchten das miteinander verbinden. Die Götterwesen, die übersinnlichen Wesen wollen sich mit dem menschlichen Wesen verbinden. Allein: Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 7 7 Seite: 4 4 Die Götter wollen's nicht leiden. Dieses Zusammenstoßen von Sinnlichem und Übersinnlichem - Goethe hat es anschaulich zur Darstellung gebracht. Noch einmal darf ich sagen: Goethes ganz tief innerlichste Bescheidenheit waltet gerade in dieser Dichtung. Goethe hat die verschiedensten Wege zur Wahrheit gesucht. Wie bedeutungsvoll klingt es, wenn er, auf seiner italienischen Reise begriffen, nach der er sich so gesehnt hat, nach Hause schreibt an seine Weimarer Freunde, gewissermaßen anklingend an dasjenige, was er herauslesen wollte aus seinem Spinoza, er nun nach Hause schreibt, indem er die italienischen Kunstwerke anschaut, durch die er der griechischen Kunst nahezukommen suchte, wie diese in den italienischen Kunstwerken noch in einem Abglanze erschienen. Da schreibt er an seine Weimarer Freunde: Indem ich diese Kunstwerke betrachte und der griechischen Kunst glaube auf die Spur gekommen zu sein, ist es mir, als ob ich sähe, wie die griechischen Künstler nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selbst verfährt, und denen ich auf der Spur bin. Da ist Notwendigkeit, da ist Gott. Und wer die tiefen Gedanken in dem Goethebuch über Winckelmann auf seine Seele wirken läßt, der weiß, mit welchem Ernst und welcher Größe Goethe die Spur der Wahrheit in künstlerischem Schaffen verfolgte, ohne all das, was der Mensch durch ästhetisches Nachschaffen der Naturkräfte vor seine eigene Seele hinzustellen vermag. Auch diesen Weg wollte Goethe für sich gehen, und er wollte zeigen, wie er auch nur gewissermaßen von dieser Seite dem großen Rätsel des Daseins sich nähern kann. Das sehen wir grandios dargestellt, indem hier die Teichinen von Rhodos auftreten, die ersten, gewissermaßen großen künstlerischen Nachschöpfer der Naturkräfte. So sehen wir Bild für Bild, indem Goethe überall zeigen will, wie der Weg, wenn er versucht wird, vom Homunkulus zum Homo den Menschen führt, von sinnlicher Verstandeserkenntnis, die nur den Homunkulus liefern kann, zur übersinnlichen Erkenntnis, die erst an den Homo herankommen kann. Denn, wenn der Mensch mit dieser übersinnlichen Erkenntnis zur Selbsterfassung, zu dem Hineinstellen Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 45 seines eigenen Wesens in das Praktische und in das Weltenall wirklich gekommen ist, dann erlebt der Mensch etwas, das Goethe nun grandios in dem Schluß dieser Szene hinstellt. Der Mensch, der nun in übersinnlicher Erkenntnis sich hinaufgeschwungen hat und wiederum wie in einem Erwachen aus tiefem Schlaf zurückkehrt, um sich seiner sinnlichen Augen, seiner sinnlichen Ohren zu bedienen, seines sinnlichen Verstandes, dem ist es schon so, wie es einem ist, wenn man hier am Schluß dieser Szene auf der Bühne sieht, daß der Wagen der Galatee heranrückt, Homunkulus auf dem Weg zum Homo zerschellt an diesem Muschelwagen der Galatee. So ist es, daß unsere übersinnliche Erkenntnis, wenn wir sie herübertragen wollen in die Welt, in der Augen sehen Luft und Wasser, Natur und Erde, in der Ohren die irdischen Töne hören, in der der physische Verstand denkt. So ist es, daß, wenn wir die Homo-Erkenntnis herübertragen in diese Welt, sie wie zerschellt an der äußeren physischen Erkenntnis. Das kommt, wie ich glaube, wirklich grandios in diesem Schluß der Klassischen Walpurgisnacht Goethes zum Ausdruck. Wir haben nun versucht - und nehmen Sie das, sehr verehrte Anwesende, was Ihnen da geboten werden soll, eben als einen schwachen Versuch auf -, mit Hilfe unserer in einer besonderen Art ausgebildeten, sogenannten eurythmischen Kunst, einer Art Gebärdenkunst, solche Goetheschen Szenen zur Darstellung zu bringen in ihrer Vollständigkeit, die sonst auf der Bühne kaum vollständig zur Darstellung kommen könnten. Diese Gebärdenkunst unterscheidet sich von allem ähnlichen, was auf diesem Gebiet in der gegenwärtigen Zeit so zahlreich versucht wird. Die Eurythmie beruht wirklich nicht auf willkürlichen Gebärden, sondern auf einer inneren Gesetzmäßigkeit. Diese innere Gesetzmäßigkeit ist ebenso bestimmt wie die Gesetzmäßigkeit der musikalischen Kunst selber, und wenn ein und dieselbe Szene, ein und dasselbe Gedicht oder sonst etwas wiedergegeben wird in unserer eurythmischen Kunst durch die eine oder andere Eurythmistin, so ist Subjektives darinnen nur ebensoviel wie in der Wiedergabe, sagen wir einer Beethovenschen Sonate durch die eine oder die andere Person. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite:46 Mit Hilfe dieser eurythmischen Kunst ist es uns vielleicht gelungen, so schwierig darstellbare Szenen wie diese, wenigstens versuchsweise auf der Bühne ein wenig möglich zu machen. Wir müssen selbstverständlich, da es sich um einen schwachen Versuch handelt, um Nachsicht bitten. Ich kann aber noch einmal versichern, welch tiefe Befriedigung es uns gewährt, daß die verehrten Gäste mit uns zusammen ihr Interesse dieser Goetheschen Schöpfung zuwenden wollen. |


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