NATIONALÖKONOMISCHER KURS, NEUNTER VORTRAG, Dornach, 1. August 1922
**Mittelbare Wertgrößen in den volkswirtschaftlichen Verhältnissen. Kuppelprodukte, Roggenpreis, Leistung des Arztes. Binnenwirtschaft. Dreifache Produktivität der Kapitalumlagerungen durch
Kaufen, Leihen, Schenken - letzteres am produktivsten. Handelskapital in England - Leihkapital in Frankreich - Industriekapital in Deutschland. Die dahinter stehenden menschlichen Eigenschaften. Bankwesen, in ihm ist Geldwirtschaft ohne natürliches Subjekt; eine entpersönlichte Geldzirkulation, ein «objektloser Imperialismus». **
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| 125 | Die Formeln, die ich gestern versuchte darzustellen, sind natürlich nicht mathematische Formeln, sondern sie sind Formeln, so wie diejenigen, von denen ich schon früher gesprochen habe, die eigentlich am Leben verifiziert werden müssen. Und nicht nur das, sondern sie müssen so aufgefaßt werden, daß sie in der Volkswirtschaft drinnen wirklich leben. Nun muß ich Ihnen heute einiges sagen, das nach und nach dazu führen kann, zu begreifen, wie diese Dinge volkswirtschaftlich leben. Wenn wir einfach darauf hinsehen, daß im gesamten volkswirtschaftlichen Prozeß alles, was drinnen zirkuliert, einen gewissen Wert haben muß, so müssen wir auf der anderen Seite uns wiederum doch darüber klar sein, daß im volkswirtschaftlichen Organismus manches vorkommen kann, was seinen Wert unmittelbar in den Vorgängen der Volkswirtschaft nicht zum Ausdruck bringt. Ich will Ihnen das an einem Beispiele klarmachen, das uns dann dazu führen wird, einige weitere volkswirtschaftliche Begriffe uns vorzuführen. Solche Dinge, die gewissermaßen verborgenere volkswirtschaftliche Zusammenhänge darlegen, hat ja sehr schön Unruh in seinen volkswirtschaftlichen Büchern dargestellt. Und ich führe hier nur dasjenige an, dem ich selber dann nachgegangen bin, und von dem ich sagen kann, daß es rein der Beobachtung nach stimmt, obwohl Unruh ein durchaus von Staatsökonomie getragener Geist ist, der also dadurch, daß er eigentlich nicht wirtschaftlich, sondern politisch denkt, die Dinge wiederum nicht in einen entsprechenden Zusammenhang zu bringen weiß. Was uns aufmerksam machen kann, wie kompliziert sich die Dinge im volkswirtschaftlichen Prozeß abspielen, das ist zum Beispiel in gewissen Gebieten Mitteleuropas der Roggenpreis. Wenn man Großlandwirte hört, so werden sie sehr häufig sagen: Am Roggenpreis verdient man nichts; im Gegenteil, man verliert durch den Roggenpreis. - Was ist damit eigentlich gemeint? Damit ist zunächst gemeint, daß |
| 126 | Roggen für diese Leute nicht so verkauft werden kann, wie verkauft werden muß dasjenige, was zum Beispiel - wenigstens in der Hauptsache - seinen Preis heute in der Regel zusammensetzt aus den Preisen für die Rohprodukte, aus den Herstellungskosten und einem gewissen Gewinn. Wenn man in dieser Weise die Roggenpreise nehmen würde, so würde man einfach finden, sie entsprechen nicht dem, was die Herstellungskosten und ein Gewinn sind. Sie sind weit darunter. Und wenn man in dieser Weise die Bilanz gestalten würde für irgendeine Landwirtschaft, daß man einfach die Roggenpreise mit den Werten einsetzt, wie sie sind auf dem Markt, dann würde man eben einfach Werte einsetzen, die durchaus die Bilanz in einem negativen Sinne beeinflussen müssen. Wie gesagt, man kann der Sache nachgehen, und es ist absolut richtig, daß unter dem Preis - wie man sagen könnte - verkauft wird. Nun, das kann aber doch eigentlich nicht sein in Wirklichkeit. Es ist unmöglich, daß es in Wirklichkeit geschieht. Nach außen hin geschieht es aber durchaus. Was da vorliegt, ist dieses: Der Roggen liefert nicht nur die Frucht, sondern auch das Stroh. Das Stroh wird nur zum kleinsten Teile verkauft von solchen Landwirten, welche unter dem Preis Roggenfrucht abgeben. Sie verwenden es in ihrer eigenen Landwirtschaft. Damit versorgen sie namentlich das Vieh. Und dann machen sie ihre Bilanz so, daß sie dasjenige, was sie am Roggen verlieren, ausgleichen durch den Dünger, den sie bekommen von den Tieren. Nun ist dieser Dünger ja der beste Dünger, den man bekommen kann für die Landwirtschaft. Er ist außerordentlich bakterienreich. Und man bekommt auf diese Weise eigentlich den Dünger wiederum geschenkt - der Bilanz gegenüber geschenkt. So daß man also auf diese Weise tatsächlich einen richtigen Bilanzausgleich schaffen kann. Sie sehen, hier liegt etwas vor, was uns nötigt, einen volkswirtschaftlichen Begriff aufzustellen, der außerordentlich wichtig ist und den Sie wenig berücksichtigt finden in der volkswirtschaftlichen Literatur. Dieser Begriff, den ich da aufstellen möchte, ist der der Binnenwirtschaft innerhalb der Volkswirtschaft. Also, wenn Wirtschaft in sich selber Wirtschaft treibt, also Tausch der Produkte in sich selber treibt, so daß also die Produkte nicht nach außen verkauft und |
| 127 | von außen gekauft werden, sondern innerhalb der Wirtschaft selber zirkulieren - das möchte ich als Binnenwirtschaft bezeichnen gegenüber der allgemeinen Volkswirtschaft. Wo Binnenwirtschaft getrieben wird, haben wir es durchaus mit der Möglichkeit zu tun, daß nun sogar unter dem sonst volkswirtschaftlich notwendigen Preis Produkte abgegeben werden. Dadurch wird natürlich die Preisbildung innerhalb eines volkswirtschaftlichen Gebietes eine außerordentlich komplizierte Tatsachenreihe. Nun können wir aber, wenn wir von diesen, wie gesagt, auch schon von Volkswirtschaftern als Tatsachen bemerkten Zusammenhängen ausgehen, zu einer anderen Tatsachenreihe übergehen, die ich schon berührt habe von einem gewissen Gesichtspunkt aus, die nun aber auch von einem anderen Gesichtspunkt aus angeschaut werden muß. Ich habe Ihnen nämlich vor einigen Tagen gesagt, daß man nicht ohne weiteres die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge übersieht. Wenn man daran denkt, daß ein Schuster, sagte ich, krank wird und einen ungeschickten Arzt bekommt, so bleibt er drei Wochen krank, kann keine Schuhe fabrizieren; es werden also seine Schuhprodukte, die er in drei Wochen fabrizieren würde, der volkswirtschaftlichen Zirkulation entzogen. Nun sagte ich Ihnen, wenn er nun einen geschickten Arzt bekommt, der ihn in acht Tagen gesund macht und er also vierzehn Tage lang seine Schuhe fabrizieren kann, so kann man die Frage aufwerfen: Wer hat jetzt, volkswirtschaftlich gedacht, die Schuhe fabriziert? - Volkswirtschaftlich gedacht, hat sie zweifellos in diesem Augenblick des volkswirtschaftlichen Prozesses der Arzt fabriziert. Es ist ja gar nicht daran zu zweifeln. Aber nun liegt hier wiederum etwas anderes vor, nämlich, es fragt sich, ob nun der Arzt sie auch bezahlt bekommen hat. Bezahlt bekommen hat sie der Arzt nun wieder nicht. Denn Sie könnten jetzt folgende Rechnung anstellen: Sie könnten marktmäßig berechnen, wieviel diese Schuhe ausmachen, die der Arzt fabriziert hat, und Sie könnten das aufrechnen, wenn Sie eine etwas längere Bilanz aufstellen, auf seine Ausbildungsausgaben, und da würden Sie sehen, daß seine Ausbildungsausgaben wahrscheinlich nicht sehr verschieden wären von all den Schuhen, die er fabriziert hat, von all den Hirschen, die er |
| 128 | geschossen hat - denn bekanntlich haben Ärzte nicht immer die Eigentümlichkeit, daß sie einen, der sonst drei Wochen dem Leben entzogen wäre, eben nur acht Tage entziehen. Aber jedenfalls, wie auch dann die Gesamtbilanz sich stellen würde, würden wir die volkswirtschaftliche Rechnung nicht richtig aufstellen, wenn wir sie in einer solchen Weise aufstellen würden, daß wir nun die Schuhe, die er fabriziert, die Hirsche, die er schießt, wenn er einen Jäger früher gesund macht, das Korn, das er erntet und so weiter, nicht aufrechnen würden auf seine Ausbildung. Nur ist der volkswirtschaftliche Prozeß natürlich da ein sehr komplizierter, und das Zahlen stellt sich auch als ein außerordentlich kompliziertes heraus. Sie können also daraus ersehen, daß es gar nicht so sicher ist, an irgendeiner Stelle zu sagen, wo heraus eigentlich etwas gezahlt wird im volkswirtschaftlichen Prozeß. Man muß manchmal weit gehen, um herauszubringen, von woher irgend etwas bezahlt wird. Wer etwa ganz glatte Einfachheit sucht im volkswirtschaftlichen Prozeß, der wird niemals zu volkswirtschaftlichen Anschauungen kommen, die sich mit der Wirklichkeit irgendwie decken. Er wird niemals zu dem gehen, was ich gesagt habe: es ist eigentlich hinter den Formeln gegeben : Preis, Angebot, Nachfrage und so weiter. Er wird nicht zu dem gehen. Man muß aber zu dem gehen. Nun aber, dadurch wird es ganz besonders schwer, den volkswirtschaftlichen Prozeß in der richtigen Weise zu taxieren, weil man eben aus dem Grunde, daß, sagen wir, für Ausgaben manchmal die Einnahmen weit weg liegen, nicht so leicht in die Lage kommt, im gesamtvolkswirtschaftlichen Prozeß einzusehen, was bezahlt, gekauft ist, was geliehen ist und was geschenkt ist. Denn nehmen Sie einmal an jetzt, es realisiert sich das, was ich vor ein paar Tagen gesagt habe, daß diejenigen Kapitalien, die auf irgendeine Weise entstehen, entzogen werden dem Stauen innerhalb des Grund und Bodens und hineingeschoben werden in die geistige Kultur, dann kann das in der Form geschehen, daß man zum Beispiel Stipendien und Stiftungen gründet. Da haben Sie Schenkungen. Und Sie können also jetzt auf der einen Seite Ihrer großen, aber die wirkliche Volkswirtschaft umfassenden Buchführung erst sehen, daß in dem, was nun der Arzt fabriziert an Schuhen, die durch zwei |
| 129 | Wochen gehen, vielleicht ein Posten steht, den Sie auf der anderen Seite unter der Rubrik der Schenkungen suchen müssen, wenn er etwa ein Stipendium gehabt hat, an einer Stiftung teilgenommen hat. Kurz, Sie können, von da ausgehend, die schwerwiegende Frage aufwerfen: Was sind eigentlich die produktivsten Kapitalumlagerungen im volkswirtschaftlichen Prozeß, die allerproduktivsten? - Und wenn Sie solche Zusammenhänge weiter verfolgen, wie ich sie jetzt dargestellt habe, wenn Sie namentlich verfolgen, was von verfügbaren Kapitalien in Stiftungen, in Stipendien, in sonstige geistige Kulturgüter hineingehen kann, die dann wiederum befruchtend wirken auf das ganze Unternehmertum, auf das ganze geistige Produzieren, dann werden Sie finden, daß das Fruchtbarste innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses gerade die Schenkungen sind, und daß man eigentlich zu einem wirklich gesunden volkswirtschaftlichen Prozeß nur kommen kann, wenn erstens die Möglichkeit da ist, daß Leute zum Schenken etwas haben, und zweitens den guten Willen haben, dieses zu Schenkende auch in vernünftiger Weise zu schenken. So daß wir hier kommen auf etwas, was in die Volkswirtschaft sich auf eine eigentümliche Weise eingliedert. Und das Kuriose dabei, das ist etwas, was man nicht aus Begriffen herausschälen kann, sondern was nur eine umfangreiche Erfahrung geben kann; aber eine umfangreiche Erfahrung wird es Ihnen geben, je mehr Sie dem nachgehen - und ich würde es Ihnen sogar empfehlen, versuchen Sie recht viel Dissertationsthemen gerade nach der Frage hin zu orientieren: Was wird im volkswirtschaftlichen Prozeß aus den Schenkungen? - Sie werden dann finden, daß die Schenkungen das Allerproduktivste sind, so daß also Schenkungskapitalien das Allerproduktivste im volkswirtschaftlichen Prozesse sind. Weniger produktiv im volkswirtschaftlichen Prozesse sind die Leihkapitalien, und am unproduktivsten im volkswirtschaftlichen Prozesse ist dasjenige, was unmittelbar unter dem Kauf und Verkauf steht. Was unmittelbar unter dem Kauf und Verkauf gezahlt wird, ist das Unfruchtbarste im volkswirtschaftlichen Prozeß. Dasjenige, was auf Leihen beruht, was also in den volkswirtschaftlichen Prozeß durch die Funktion des Leihkapitals |
| 130 | hineinkommt, das ist, möchte man sagen, von mittlerer Produktivität. Dasjenige, was hineinkommt durch Schenkungen, das ist von der allergrößten Produktivität, schon aus dem Grunde, weil diejenige Arbeit wirklich erspart wird, das heißt die Leistungen jener Arbeit erspart werden, welche sonst aufgebracht werden muß, um das Betreffende zu erwerben, was hier geschenkt wird. Geschenkt wird, was verfügbar aus dem volkswirtschaftlichen Prozeß hervorgeht und den volkswirtschaftlichen Prozeß schädigen würde, wenn es sich auf Grund und Boden stauen würde. So können wir sehen, daß in einem Augenblick der Entwickelung überhaupt der volkswirtschaftliche Prozeß über sich selber keinen Aufschluß gibt, sondern das Vorher und Nachher unbedingt berücksichtigt werden muß. Aber das Vorher und Nachher kann ganz gewiß nicht berücksichtigt werden, wenn es nicht in das Urteil der Menschen gestellt wird, die sich assoziativ vereinigen, und die also auch über Vergangenheit und Zukunft eine entsprechende Einsicht haben können. Sie sehen, man muß bauen den volkswirtschaftlichen Prozeß auf die Einsicht der in der Volkswirtschaft Drinnenstehenden. Das geht auch aus diesen Dingen hervor. Es ist überhaupt schwer, so ohne weiteres abzuwägen, wie beteiligt sind an dem ganzen Menschenleben, insofern dieses materiell ist, die einzelnen Faktoren im volkswirtschaftlichen Prozeß. Von einem gewissen Gesichtspunkt können wir sprechen im volkswirtschaftlichen Prozeß von Handelskapital, von Leihkapital und von Industriekapital. Ungefähr wird das zirkulierende Kapital damit erschöpft, daß man es gliedert in Handelskapital, Leihkapital und Industriekapital. Nun, in der allerverschiedensten Weise stecken im volkswirtschaftlichen Prozeß diese drei Dinge drinnen: Handelskapital, Leihkapital und Industriekapital. Es ist nun wirklich - da überall eingestreut sind in den volkswirtschaftlichen Prozeß solche Binnenwirtschaften, wie ich sie heute an einem Beispiel besprochen habe - außerordentlich schwer zu sagen in einem innerhalb eines größeren Ganzen sich abspielenden volkswirtschaftlichen Prozesse, welches, quantitativ ausgedrückt, an dem volkswirtschaftlichen Gedeihen der Anteil ist von Leihkapital, Industriekapital und Handelskapital. Man kann aber |
| 131 | allmählich doch zu haltbaren Begriffen kommen, wenn man diese Dinge im Umfang eines größeren Horizontes betrachtet. Sehen wir da einmal zunächst auf ganze Volkswirtschaften, Staatswirtschaften, wie wir in Gemäßheit des neueren Wirtschaftslebens sagen müssen. Da haben wir, sagen wir zum Beispiel Frankreich. Nur als Beispiel hebe ich es heraus. Da haben wir Frankreich. An Frankreich in seinem ganzen weltwirtschaftlichen Zusammenhang, wie es vor dem Kriege namentlich war, und wie es dann in seinen Wirkungen im Kriege sich gezeigt hat, ist zu beobachten, wie im Wirtschaftsprozeß im Großen das Leihkapital wirkt. Frankreich hat ja eigentlich immer, man möchte sagen, eine gewisse Neigung gehabt, das Leihkapital eben wirklich anzulegen, also das Leihkapital als Leihkapital zu behandeln. Sie wissen ja, daß schließlich alles dasjenige, was dann in das politische Gebiet hinübergedrungen ist, woran man so klar hat sehen können die Schäden der Zusammenkoppelung von Wirtschaftsund Rechtsleben, also eigentlich von politischem Leben, daß das sich ja in bezug auf Frankreich abgespielt hat in der Beleihung sowohl von Rußland als auch der Türkei. Frankreich hat außerordentlich viel Leihkapital exportiert nach Rußland und der Türkei. Sogar nach Deutschland, trotzdem sonst im ganzen Frankreich eigentlich nie so recht gut auf Deutschland zu sprechen war, ist schon französisches Leihkapital exportiert worden, zum Beispiel im Anfang des Baues der Bagdadbahn, wo sich England zurückgezogen hat; aber Frankreich hat den Leuten, zum Beispiel Siemens und Gwinner, die ja da an der Spitze des Unternehmens standen, schon Leihkapital gegeben. Also Frankreich war eigentlich im wesentlichen ein leihendes Land, so daß man sehen konnte, wie Leihkapital eigentlich verstrickt wird in den gesamten volkswirtschaftlichen Prozeß. Ich will jetzt gar nicht für irgend etwas und gegen etwas sprechen, sondern lediglich objektiv darstellen. An einer äußeren historischen Erscheinung können Sie tatsächlich sehen, was für Interessen das Leihkapital eigentlich hat. Wenn wir den Blick wenden, sagen wir auf private Wirtschaften, so werden wir überall durch die Bank finden: der Privatwirtschaftende wird ein friedliebender Mensch sein; denn er weiß unter allen Umständen, daß in seine Zinsverhältnisse Unordnung |
| 132 | hineinkommt, wenn er sein Leihkapital vergeben hat und über die wirtschaftlichen Zusammenhänge der Krieg hinüberfegt. Damit rechnen ja auch alle Volkswirtschafter, daß die leihenden Leute friedliche Leute sind. Das ist ja auch der Grund, warum es immer möglich ist, daß man mit Bezug auf Frankreich sagt, daß es keine Schuld am Kriege hat. Aus dem einfachen Grunde kann man es sagen, weil, wenn man beweisen will, daß in Frankreich nicht der Krieg gewollt worden ist, man nur auf die Interessen der Kleinrentner hinzuweisen braucht, nicht auf die Interessen derjenigen, die zum Krieg getrieben haben. Man hat immer in Frankreich im Hintergrunde die Leute, die durchaus den Krieg nicht gewollt haben. Gerade diese historische Tatsache kann uns im Großen zeigen dasjenige, was aber auch im Kleinen durchaus vorhanden ist: der Leihende, also derjenige, der sich Leihkapitals erfreut, der Leihkapital weggeben kann, ist eigentlich ein Mensch, der womöglich verhütet sehen möchte, daß die Wirtschaft gestört wird durch die Ereignisse, die nicht selber der Wirtschaft angehören, auch durch solche Ereignisse innerhalb der Wirtschaft selbst, die im wirtschaftlichen Leben besonders starke Erschütterungen hervorbringen. Derjenige, der Leihkapital zu vergeben hat, wird um so mehr lieben einen ruhigen Gang des Erlebens, als er sich selber sein Urteil im wesentlichen ersparen möchte und mehr darauf geben möchte, daß man ihm eben sagt: Da und dort ist eben etwas gut angelegt. - In unserer Zeit, in der das öffentliche Urteil zwar sehr eingebildet ist auf sich, aber doch im Grunde genommen sehr wenig vorhanden ist, in dieser unserer Zeit, da können wir sagen, ist zu gleicher Zeit die Möglichkeit, Leihkapital weggeben zu können, an einen außerordentlich starken Autoritätsglauben im wirtschaftlichen Leben und im Leben überhaupt geknüpft. Und das wiederum trübt außerordentlich stark das wirtschaftliche Urteil. Es bekommen diejenigen Leute leicht Geld geliehen, die in irgendeiner Weise abgestempelt sind oder dergleichen. Der Personalkredit wird gern demjenigen verliehen, der in irgendeiner Weise abgestempelt ist. Danach wird die Sache entschieden. Und nicht wahr, je nachdem überhaupt dieses autoritative Prinzip kultiviert wird oder nicht, je nachdem sehen wir auch, daß entweder die persönlich fähigeren Leute produktiv eingreifen können in das Wirtschaftsleben |
| 133 | oder diejenigen, die nicht durch ihre Fähigkeiten, sondern durch andere Zusammenhänge - die soll es ja auch geben - Kommerzienräte zum Beispiel werden. Wenn die eingreifen können in das wirtschaftliche Leben, so wird es eben anders gehen, als wenn man angewiesen ist darauf, daß nur durch das Bemerken der persönlichen Fähigkeiten im rein öffentlichen Urteil die Dinge vermittelt werden. Da greift wiederum in das wirtschaftliche Leben etwas ein, was man nicht so recht fassen kann. Es ist in einer gewissen Gemeinschaft in der letzten Zeit gar zu sehr üblich geworden, ein Wort überall dort zu gebrauchen, wo man mit den Begriffen so recht nicht mehr mitkommt, und daher ist mir in der letzten Zeit gar zu oft an den verschiedenen Orten das Wort «Imponderabilien» in die Ohren getönt. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich dieses Wort hier vermeiden und daraufhinweisen möchte, wie sich dasjenige, was mehr gradlinig ist, verzweigt in dasjenige, dem wir werden nachgehen müssen auf etwas krummeren Wegen; aber es ist nicht nötig, daß gleich überall der Terminus Imponderabilien eintreten muß, wie es gehört werden mußte in der letzten Zeit an diesem oder jenem Ort bis zum Überdruß. Nun, das zunächst einmal ein kleiner Ausblick auf das Leihkapital. Gehen wir zum Industriekapital über, dann werden wir ja, wenn wir das Industriekapital in seiner Wesenheit studieren wollen - wenn auch dieses Industriekapital ein recht wenig erbauliches Schicksal durchgemacht hat -, die Funktion des Industriekapitals besonders in dem Aufschwung der Industrie in Deutschland in den Jahrzehnten vor dem Krieg außerordentlich gut studieren können. Man wird das aus dem Grunde schon besonders gut können, weil ja in der Tat das Industriekapital unter dem Einfluß des Unternehmungsgeistes unmittelbar heraus sich verwandelte aus dem Leihkapital - mehr in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg als irgendwo in einem anderen Gebiete der Welt. Es ist ja eben durchaus wahr, was ich schon im allerersten Vortrag hier erwähnt habe, daß sich zum Beispiel in England nach und nach das Handelskapital umgewandelt hat in Industriekapital, weil der Industrialismus in England in einer langsameren Weise aus dem Handel heraus sich entwickelt hat als in Deutschland, wo mit einer ungeheuren Schnelligkeit der Industrialismus emporgeschossen |
| 134 | ist, so daß in der Tat dasjenige, was, ich möchte sagen, Industrialismus in Reinkultur darstellt - und er ist in Reinkultur, wenn er nicht das Handelskapital umwandelt in Industriekapital,sondern das Leihkapital umwandelt in Industriekapital -, wenn man das studieren will, so kann man es insbesondere an der deutschen Volkswirtschaft studieren. Nun, das Industriekapital, das ist ja eigentlich tatsächlich hineingestellt zwischen, ich möchte sagen zwei Puffer. Der eine Puffer ist das Rohprodukt, der andere sind die Märkte. Das Industriekapital ist darauf angewiesen, möglichst die Rohproduktequellen aufzusuchen und möglichst die Märkte zu arrangieren. Das ist nun nicht so leicht an der deutschen Industrie zu studieren. Am deutschen Industrialismus können Sie mehr rein volkswirtschaftlich studieren, wie, ich möchte sagen, in sich das Industriekapital arbeitet; aber Sie können immerhin, weil ja das Auftreten des Industrialismus in allen Ländern im Verlaufe des 19. Jahrhunderts und ins 20. Jahrhundert herüber bedeutsam ist im volkswirtschaftlichen Leben, dieses Stehen zwischen den zwei Puffern eigentlich überall studieren. Sie müssen nur eben die richtigen Tatsachen des wirtschaftlichen Lebens aufsuchen. Da wird sich Ihnen ergeben - und wie gesagt, es ist gut, gerade die Richtung, die Orientierung, die man braucht für seine Begriffe, an so überschaubaren Dingen sich vorzuhalten -, wenn Sie kleinere Wirtschaftsgebiete betrachten, daß Sie für Begriffsbestimmungen, für Begriffscharakteristiken außerordentlich schwierige Wege aufsuchen müssen. Sie erleichtern sich diese Wege, wenn Sie die Wirtschaften im Großen anschauen, wenn Sie an den Wirtschaften im Großen sich herausbilden Anschauungen, wie in der Regel sich am stärksten die Machtbegriffe und die manchmal in Rechtsbegriffe maskierten Machtbegriffe ganz besonders verwirklichen, wenn es sich darum handelt, die Rohproduktequellen zu erschließen. Wir können ja das im Großen studieren, sagen wir am Burenkrieg, wo es sich im wesentlichen darum gehandelt hat, Edelmetalle zu erschließen. Das ist ein richtiger Rohproduktekrieg gewesen. Er ist allerdings immer in einer gewissen Maskierung aufgetreten, aber er ist ein richtiger Rohproduktekrieg gewesen. Dann haben Sie ein Beispiel, wie sich entfaltet das wirtschaftliche Leben auf |
| 135 | eine politische Weise, ins Politische, ins Machtmäßige hineinspielend, sagen wir in dem, was kriegerisch unternommen hat Belgien, um das Elfenbein und den Kautschuk vom Kongostaat zu erhalten. Da können Sie sehen, wie in der Volkswirtschaft die Erschließung der Rohproduktequellen vor sich geht. Oder nehmen Sie, wie Nordamerika die spanischen Besitzungen in Westindien sich angeeignet hat, weil es dort die Rohproduktequellen für Zucker aufsuchte. Also überall können wir sehen, wie das Aufsuchen des Rohproduktes das rein Wirtschaftliche nach der einen Seite hin ins Politische leicht hineintreibt, zur Machtentfaltung treibt. Das ist die eine Seite, der eine Puffer, möchte ich sagen. Anders ist es mit dem Aufsuchen der Märkte. Und es ist schon durch die Geschichte leicht zu erweisen, daß das Aufsuchen der Märkte nicht in derselben Weise ins politische Leben hineinführt. Es entwickelt sich einfach nicht, aus der menschlichen Natur heraus, in derselben Weise die Entfaltung der Macht. Ein krasses Beispiel, das muß man schon im 19. Jahrhundert suchen, als sich England im sogenannten Opiumkrieg den chinesischen Opiummarkt eroberte. Aber selbst da ging es nicht so leicht mit dem Krieg, sondern da hat schon auch, ich möchte sagen, die friedliche Politik ihr Wörtchen mitgeredet, indem sich, als die Geschichte sengerig wurde, einhunderteinundvierzig Ärzte gefunden haben, die ein Sachverständigenurteil dahin abgegeben haben, daß der Opiumgenuß nicht schädlicher wirke als der Tabak- und Teegenuß. Also da spielte die Politik hinein, die friedliche Politik; aber Politik ist immer schwer fernzuhalten. Sie kennen den Clausewitzschen Satz, daß der Krieg die Fortführung der Politik mit andern Mitteln sei. Nun, solche Definitionen kann man immer aufstellen: denn man kann ja mit dieser Definitionsart auch zum Beispiel den Satz rechtfertigen, daß die Scheidung die Fortsetzung der Ehe ist mit andern Mitteln. Ja, man kann gar mancherlei Lebenszusammenhänge, wenn man mit dieser Logik vorgeht, in dieses oder jenes Licht stellen, und die Leute bewundern das dann. Komischerweise, da bemerkt es ein jeder, wenn ich sage: Die Scheidung ist die Fortführung der Ehe mit andern Mitteln. Da bemerkt jeder die Geschichte. Wenn aber überall deklamiert wird: Der Krieg ist die Fortführung der Politik mit andern |
| 136 | Mitteln - da bemerken die Leute nicht das Kuriose der Logik, sondern sie bewundern das. Wenn man solche Logik, namentlich in der Volkswirtschaft, anwendet, das möchte ich methodologisch sagen, dann kommt man nämlich niemals einen Schritt weiter, wenn man solche Definitionen aufstellt. Wenn wir diesen andern Puffer betrachten, das Aufsuchen der Märkte, dann müssen wir uns allerdings sagen: Beim Aufsuchen der Märkte spielt eine wesentlich größere Rolle die menschliche Klugheit zwischen den Polen Schlauheit, List, und weiser volkswirtschaftlicher Führung. Es ist sehr viel von allen drei Gattungen in dem Arrangieren der Märkte, wie sie eingerichtet wurden namentlich von den großen volkswirtschaftlichen Gebieten, die die Staaten selber geworden sind, als sich die Politik mit der Wirtschaft verbunden hatte; es ist dabei von den Staaten selbst sehr viel getrieben worden, sowohl an weisheitsvoller Führung, wie auch an Listigkeit, Klugheit, Schlauheit und so weiter. So daß man für die Begriffe, die man sich nun für die einzelnen kleineren Wirtschaftsgebiete ausbilden will über den Zusammenhang zwischen der einzelnen Industrieunternehmung und ihrer Beziehung zu den Rohproduktequellen und zu dem Markte, daß man sich da doch eigentlich erst anschauliche Begriffe bilden kann, wenn man diese Dinge im Großen betrachtet. Wenn man die Funktion des Handelskapitals studieren will, dann ist es gut, England zu studieren, und zwar vorzugsweise in derjenigen Zeit, in welcher England seinen großen wirtschaftlichen Fortschritt gemacht hat durch den Handel, wodurch das Handelskapital immer erhöht wurde, so daß eigentlich England ganz sanft und allmählich in den neueren Industrialismus eingetreten ist. In der Zeit, als der Industrialismus alles umgestaltete, da hatte England schon sein Handelskapital, so daß man für frühere Zeiten an England studieren kann das Handelskapital. Für neuere Zeiten hat ganz besonders Marx die volkswirtschaftliche Funktion des Industrialismus in England studieren wollen; aber für ältere Zeiten, die gerade der Schöpfung des modernen Industrialismus vorangegangen sind, in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, wenn man zu diesen zurückgeht, dann findet man die Funktion des Handelskapitals ganz besonders in den wirtschaftlichen Schicksalen Englands. Und da allerdings, da muß man |
| 137 | sagen, daß das Wesentliche dennoch immer ist, ob es nun mehr oder weniger offen oder versteckt hervortritt, sowohl in der großen Volkswirtschaft, wenn sie hauptsächlich auf Handel gestellt ist, wie auch innerhalb des Handels selber, die Konkurrenz. Gewiß, diese kann dadurch, daß allerlei Anstandsbegriffe eingeführt werden, eine sehr faire sein. Aber Konkurrenz bleibt sie doch. Denn dasjenige, worauf gerade die Produktivität im Handel beruht, wodurch gerade Handelskapital so behandelt werden kann im volkswirtschaftlichen Prozeß, daß es dann wirksam wird, zum Beispiel als Industriekapital, das beruht ja doch darauf, daß Handelskapital zur Zusammenhäufung führt, und diese Zusammenhäufung ist ohne Konkurrenz nicht denkbar. So daß man die Funktion des Handelskapitals ganz besonders gut studieren wird, wenn man die Funktion der Konkurrenz im volkswirtschaftlichen Leben ins Auge faßt. Zu gleicher Zeit stehen aber mit diesen Dingen in Zusammenhang auch die historischen Verwandlungen. Es ist ja durchaus so, daß wir sagen können, daß bis etwa ins erste Drittel des 19. Jahrhunderts hinein, wenn man die allmählich entstehende Weltwirtschaft als ein Ganzes - vor dem Kriege war sie es in hohem Grade - betrachtet, daß bis dahinein die hervorragendste Rolle im wirtschaftlichen Leben die wirtschaftlichen Prozesse des Handels und der Industrie spielten. Die Blütezeit, ich möchte sagen, das klassische Zeitalter des Leihkapitals trat eigentlich erst im 19. Jahrhundert, und zwar erst eigentlich gegen das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts ein. Und damit ist dann zu verzeichnen in der geschichtlichen Entwickelung das Heraufkommen derjenigen Institutionen, die namentlich dem Beleihen dienen, das Heraufkommen des Bankwesens. So daß das klassische Zeitalter des Leihkapitals und damit die Entfaltung des Bankwesens in die letzten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts und in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts fällt. Mit der Entwickelung des Bankwesens entwickelt sich immer mehr und mehr die Beleihung als dasjenige, was, ich möchte sagen, nun als ein erster Faktor eintritt in den volkswirtschaftlichen Prozeß. Aber dabei hat sich zu gleicher Zeit etwas ganz Besonderes gezeigt, gerade beim Beleihen, nämlich das, daß nun durch das Beleihen im großen Stil unter der Ausbreitung des Bankwesens |
| 138 | dem Menschen die Herrschaft über die Geldzirkulation eigentlich entzogen worden ist, daß nach und nach der Zirkulationsprozeß des Geldes ein solcher geworden ist, der sich - ja, ich finde keinen andern Ausdruck -, der sich unpersönlich abspielt; so daß, was ich schon erwähnt habe im ersten Vortrag, tatsächlich die Zeit heraufgezogen ist, wo das Geld nun selber wirtschaftet, und der Mensch bald droben, bald drunten ist, je nachdem er in diesen ganzen Strom der Geldwirtschaft hineingezogen wird. Er wird es nämlich viel mehr, als er es eigentlich denkt; denn es hat sich die Geldzirkulation gerade im Laufe der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts verobjektiviert, ist unpersönlich geworden. Damit komme ich - und weil es bei der Volkswirtschaft darauf ankommt, daß man das ganze Leben in unbefangener Weise beurteilt, so müssen Ausblicke auf das ganze Leben gegeben werden -, damit komme ich auf eine eigentümliche Erscheinung des 19. Jahrhunderts, namentlich seines Endes, auf eine Erscheinung, die zunächst psychologisch sich ausnimmt, die dann aber eine große volkswirtschaftliche Rolle spielt: daß Lebenserscheinungen, die sich inaugurieren aus Kräften, welche durchaus reale Kräfte im Lebenszusammenhang sind, daß diese Lebenserscheinungen dann wie durch eine Art von sozialer Trägheit weiterrollen, wie eine Kugel weiterrollt, wenn ich ihr einen Schwung gegeben habe, daß das Weiterrollen sich dann abspielt, auch ohne daß die ursprünglichen Impulse noch drinnen tätig sind. So haben wir durchaus volkswirtschaftliche Impulse in dem Leihsystem schon drinnen gehabt bis in das erste Drittel des 19. Jahrhunderts. Da fangen diese volkswirtschaftlichen Impulse an, rein finanzwirtschaftliche Impulse zu werden durch das Bankwesen. Damit wird das Ganze nicht nur unpersönlich, sondern sogar unnatürlich; es wird alles in die sich selbst bewegende Geldströmung hineingezogen. Geldwirtschaft ohne natürliches und persönliches Subjekt, das ist dasjenige, wo hintendiert hat gegen das Ende des 19. Jahrhunderts das, was ursprünglich durchaus vom persönlichen und vom natürlichen Subjekt getragen war. Und es ist eigentümlich, daß dieses subjektlose Wirtschaften, dieses subjektlose Geldzirkulieren begleitet ist von einer anderen Erscheinung. Das ist diese: daß die Staaten allerdings angefangen haben zu |
| 139 | wirtschaften aus wirtschaftlichen Impulsen heraus, aus wirtschaftlichen Impulsen heraus zum Beispiel versucht haben zu kolonisieren. Wir werden morgen sehen, was für einen Einfluß dieses Kolonisieren auf das Wirtschaftsleben hat; auch das Entkolonisieren muß dabei betrachtet werden. Wir können zum Beispiel sehr gut beobachten in einem realwirtschaftlichen Prozeß, welche Bedeutung das Kolonisieren bei England hat; England ist im Grunde genommen kaum jemals hinausgegangen über das Kolonisieren, also sagen wir über den Imperialismus mit objektiver Substanz. Ich meine das Hereinbeziehen von wirklichen wirtschaftlichen Inhalten mit Imperialisieren. Wenn Sie aber betrachten zum Beispiel das deutsche Kolonisieren - Sie brauchen sich nur die Kolonialbilanzen einmal vorzunehmen -, da werden Sie sehen, daß das deutsche Kolonisieren zunächst ganz mit negativer Bilanz behaftet war. Es gab nur ganz kleine Flecke, die mit positiver Bilanz abschnitten. Aber auch bei anderen Staaten hat sich nach und nach wenigstens die Tendenz eingeschlichen, sich einfach durch Kolonien zu vergrößern. Das haben dann auch einzelne Leute wie Hilferdingin seinem Buch «Finanzkapital», das 1910 in Wien erschienen ist, genannt «objektlosen Imperialismus». Sie können also von diesen zwei Erscheinungen als eben außerordentlich lehrreichen Erscheinungen in der neueren Zeit sprechen: auf der einen Seite von dem sowohl in natürlicher wie in persönlicher Beziehung subjektlosen Geldzirkulieren, und auf der anderen Seite vom objektlosen Imperialismus in der großen Wirtschaft. Das sind durchaus zwei Erscheinungen, die in der neueren Zeit dastehen, wie wenn das eine das andere bedingt hätte im ganzen Zusammenhang. Man kann sagen: Rein Psychologisches ist es, wovon man ausgehen kann; aber es wird im weiteren Verlauf ein Wirtschaftliches; denn wenn man unproduktive Kolonien hat, so muß das negativ gezahlt werden. Also es greift nachher schon in das Wirtschaftsleben ein. Nun, das sind die Dinge, die wir heute zu besprechen hatten. |