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NATIONALÖKONOMISCHER KURS, FÜNFTER VORTRAG, 28. Juli 1922

NATIONALÖKONOMISCHER KURS, FÜNFTER VORTRAG, 28. Juli 1922

Der volkswirtschaftliche Prozeß als Kreislauf: Wertaufbau - Wertabbau. Entwertung und wertbildende Spannungen durch die Konsumtion. Personalkredit und Realkredit, ersterer verbilligt, letzterer verteuert. Stauung des Kapitals in Grund und Boden, dadurch Entstehung von Scheinwerten. Notwendigkeit des Kapitalverbrauchs bis auf einen Rest als «Saat». Assoziationen müssen den volkswirtschaftlichen Prozeß regeln durch richtige Verteilung der arbeitenden Menschen. Der Preis hängt von der Menge der Arbeiter auf einem bestimmten Felde ab.

Seite Text
67 Wenn wir die Tatsachenfolgen innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses, die wir gestern ins Auge gefaßt haben, uns noch etwas weiter anschauen, so wird sich uns das Folgende ergeben. Wir haben gesehen, wie der volkswirtschaftliche Prozeß in Gang kommt dadurch, daß zunächst die Natur bearbeitet wird, daß also aus dem bloßen, innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses noch wertlosen, unbearbeiteten Naturprodukte das bearbeitete Naturprodukt entsteht. Dann haben wir gesehen, wie der Prozeß weitergeht dadurch, daß die Arbeit gewissermaßen eingefangen wird von dem Kapital, daß das Kapital die Arbeit gliedert, organisiert, und daß dann die Arbeit in dem Kapital drinnen wiederum verschwindet, so daß für den weiteren Fortschritt des volkswirtschaftlichen Prozesses das Kapital arbeiten muß. Aber dieses Arbeiten ist nicht mehr in demselben Sinn wie früher ein Arbeiten, sondern es ist ein Aufnehmen des Kapitals von dem bloßen Geistigen. Und indem dann das Geistige, wie ich es gestern beschrieben habe, das Kapital weiter verwertet innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses, geht eben dieser vorwärts.
Ich möchte Ihnen das, was ich Ihnen hier auseinandergesetzt habe, damit wir zu einem Begreifen der gestern angedeuteten Formel allmählich aufsteigen können, schematisch, gewissermaßen sinnbildlich darstellen. Wir können sagen: Die Natur geht unter in der Arbeit (siehe Zeichnung 3).

Tafel 4a

So daß wir etwa diese Strömung haben von der Natur in die Arbeit hinein. Die Natur geht unter in der Arbeit. Die Arbeit entwickelt sich weiter. Die entwickelten Werte strömen gewissermaßen weiter. Die Arbeit verschwindet im Kapital. Und wir haben den Prozeß bis hierher verfolgt (siehe Zeichnung 3). Sie werden ihn sich jetzt leicht fortsetzen können. Es ist notwendig, daß der Kreislauf sich schließt. Das Kapital kann nicht in einfaches Stocken hineinkommen. Sonst hätte man es nicht mit einem organischen Prozeß zu tun, sondern mit einem Prozeß, der im Kapital ersterben würde. Es muß das Kapital wiederum in der Natur verschwinden. Das,

68 daß das Kapital wiederum in der Natur verschwinden muß, das können Sie eigentlich anschaulich verfolgen, aber Sie müssen vorerst noch einen anderen Begriff zu Hilfe nehmen, wenn Sie dieses Verschwinden des Kapitals in der Natur richtig verstehen wollen.

Tafel 4a



Zeichnung 3
Bedenken Sie doch, was ich eigentlich bis jetzt vor Ihnen hier im volkswirtschaftlichen Prozeß nur entwickelt habe. Ich habe entwickelt die Bearbeitung der Natur, die Organisierung der Arbeit durch den Geist, und damit die Entstehung des Kapitals, die eine Begleiterscheinung ist der Organisierung der Arbeit durch den Geist. Dann das Vorhandensein des Kapitals, das gewissermaßen die Übernahme des Kapitals aus dem die Arbeit organisierenden Geist ist, diese Verselbständigung des Kapitals, wo die Arbeit verschwindet und wo nun der Geist im Kapital als erfinderischer Geist, aber im sozialen Zusammenhang, arbeitet. Das eigentlich Technische der Erfindungen geht uns hier nichts an, das eigentlich Technische der Erfindungen wird erst in Betracht kommen, wenn wir unsere Auseinandersetzungen weiter verfolgen.
Nun, alles, was ich Ihnen da geschildert habe - überschauen Sie es nur -, das ist von einem einseitigen Standpunkt aus geschildert. Ich

69 mußte es auch von einem einseitigen Standpunkt aus schildern. Denn das ist alles geschildert vom Standpunkt des Produzierens aus. Ich habe im Grunde genommen höchstens andeutungsweise bisher von etwas anderem gesprochen als von der Produktion. Ich habe gewissermaßen nur hereingenommen zuweilen Begriffe, die von der Konsumtion herrühren, wenn es sich darum gehandelt hat, uns der Preisfrage etwas zu nähern; aber von der Konsumtion werden Sie eigentlich noch gar nichts bemerkt haben. Also, ich habe bisher von der Produktion gesprochen. Aber der volkswirtschaftliche Prozeß besteht ja nicht bloß in der Produktion, sondern besteht auch außer in der Produktion in der Konsumtion.
Wenn Sie eine einfache Überlegung anstellen, so werden Sie sehen, daß die Konsumtion genau der entgegengesetzte Pol ist von der Produktion. Wir haben uns bemüht, innerhalb der Produktion zu finden Werte, die im volkswirtschaftlichen Prozeß entstehen; aber die Konsumtion besteht in einem fortwährenden Wegschaffen dieser Werte, in einem fortwährenden Aufbrauchen dieser Werte, also in einer fortwährenden Entwertung dieser Werte. Und das ist in der Tat dasjenige, was im volkswirtschaftlichen Prozeß die andere Rolle spielt: ein fortwährendes Entwerten der Werte. Dadurch gerade hat man ein gewisses Recht, davon zu sprechen, daß der volkswirtschaftliche Prozeß ein organischer ist, ein Prozeß, in den das Geistige dann eingreift; denn ein Organismus besteht eben darinnen, daß er etwas bildet und dann wieder entbildet. Es muß fortwährend im Organismus produziert und verbraucht werden. Das muß auch im volkswirtschaftlichen Organismus da sein. Es muß fortwährend produziert und verbraucht werden.
Damit kommen wir dazu, dasjenige, was eigentlich sich bis jetzt an werterzeugenden Kräften gezeigt hat, noch in einem anderen Licht, von einem anderen Gesichtspunkt aus zu sehen. Bis jetzt haben wir eigentlich nur gezeigt, wie innerhalb oder im Verlauf des Produktionsprozesses Werte entstehen. Nun aber, jedesmal wenn ein Wert vor seiner Entwertung steht, dann verändert sich ja die ganze Bewegung, die wir bisher gesehen haben. Es war eine fortlaufende Bewegung, die wir beobachtet haben: Werte entstehen durch die Anwendung der
70 Arbeit auf die Natur; Werte entstehen durch die Anwendung des Geistes auf die Arbeit; Werte entstehen durch die Anwendung des Geistes auf das Kapital. Und das alles ist eine fortschreitende Bewegung.
Wir können also sagen: Wir haben die wertebildende Bewegung betrachtet innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses. - Es gibt aber dadurch, daß überall in diesen volkswirtschaftlichen Prozeß nun auch das Entwertende, die Konsumtion eintritt, noch etwas anderes. Es gibt jene Wertentfaltung, welche sich nun ergibt zwischen der Produktion selbst und der Konsumtion. Indem der Wert in die Konsumtion hineingeht, bewegt er sich nicht weiter. Er wird nicht höherwertig. Er bewegt sich nicht weiter. Es steht ihm etwas gegenüber. Es steht ihm eben die Konsumtion mit ihrer Bedürfnisentwickelung gegenüber. Da ist der Wert hineingestellt in etwas ganz anderes, als er bis jetzt in unserer Betrachtung hineingestellt erschien. Bis jetzt haben wir den Wert betrachtet in einer fortlaufenden Bewegung. Nunmehr müssen wir beginnen, den Wert bis zu einem gewissen Punkt zu betrachten, dann aber ihn aufgehalten anzusehen. Jedesmal, wenn der Wert aufgehalten wird, entsteht nicht eine wertbildende Bewegung weiter, sondern eine wertbildende Spannung.
Und das ist das zweite Element im volkswirtschaftlichen Prozeß.

Tafel 4a

Wir haben im volkswirtschaftlichen Prozeß nicht nur wertbildende Bewegungen, sondern haben auch wertbildende Spannungen. Und solche wertbildende Spannungen, wir können sie am anschaulichsten eben beobachten, wenn einfach der Konsument dem Produzenten oder Händler gegenübersteht, und wenn im nächsten Augenblick, könnten wir sagen, die Wertbildung aufhört, indem sie in die Entwertung übergeht. Da bildet sich eine Spannung, und diese Spannung, die wird im Gleichgewicht gehalten durch das Bedürfnis von der anderen Seite. Da (siehe Zeichnung) wird der wertbildende Prozeß aufgehalten: das Bedürfnis, der Verbrauch tritt ihm entgegen, und es entsteht die Spannung zwischen Produktion und Konsumtion, die nun durchaus auch ein wertbildender Faktor ist, aber ein solcher wertbildender Faktor, der einem Kraftentwickeln, das aufgehalten wird, das im Gleichgewicht gehalten wird, nicht einem Fortwirken der

71 Kräfte zu vergleichen ist. Sie haben da durchaus ein Analogon zu dem Physikalischen der lebendigen Kräfte und der Spannkräfte, der lebendigen Energien und der Energien der Lage, wo Gleichgewicht erzeugt wird. Wenn man nämlich diese Spannungsenergien im volkswirtschaftlichen Prozeß nicht ins Auge faßt, so kommt man zu den kuriosesten Anschauungen. Wir werden sehen, wenn man solche Anschauungen entwickelt, wie man da zu Auffassungen eines jeden volkswirtschaftlichen Verhältnisses kommt, wie man aber sonst in die konfusesten Anschauungen hineinkommt. Sie werden, wenn Sie zum Beispiel nur einseitig volkswirtschaftliche Bewegungen der Energien festhalten, nicht begreifen können, warum der Diamant in der Krone von England einen so ungeheuer großen Wert hat; denn da sind Sie zugleich genötigt, zu dem Begriff des volkswirtschaftlichen Spannungswertes Ihre Zuflucht zu nehmen. Ebenso finden Sie heute noch bei vielen Volkswirtschaftern die Seltenheit irgendeines Naturproduktes berücksichtigt. Die Seltenheit wird niemals gefunden werden als wertebildender Faktor, wenn man nur die Bewegung innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses als wertebildend ansieht, wenn man nicht verstehen lernt allmählich, wie eintritt da oder dort, am hervorragendsten durch die Konsumtion, aber auch durch andere Verhältnisse, was die Wertebildung durch Spannungen ist, durch Situationen, durch Gleichgewichtslagen.
Nun sehen Sie also, daß im volkswirtschaftlichen Prozeß, den wir damit durchaus als einen organischen ansehen können, in den fortwährend der Geist eingreift, auch Entwertung eintreten kann. Entwertung muß fortwährend da sein oder ist fortwährend da. So daß wir also sagen werden: Bei diesem Weg, den die Werte durchmachen, von der Natur, der Arbeit zum Kapital, wird eine fortwährende Entwertung gleichzeitig eintreten. Wenn nämlich diese Entwertung nicht in der entsprechenden Weise eintreten könnte, ja, was würde denn dann geschehen? Was dann geschehen würde, kann Ihnen gerade hier an dieser Stelle (siehe Zeichnung 3) anschaulich werden.

Tafel 4a

Nehmen Sie einmal, um sich das wirklich klarzumachen, die Kreditfrage, das Kreditproblem. Wenn wir in dem Sinne, wie ich das gestern auseinandergesetzt habe, das Kapital in den Dienst des Geistes stellen

72 wollen, so wird ja der geistige Produzent zum Schuldner. Er wird zum Schuldner oder kann zum Schuldner werden nur dadurch, daß er Kredit hat. Hier tritt der Kredit ein (siehe Zeichnung),

Tafel 4a

und zwar dasjenige, was man nennen kann den persönlichen Kredit. Er hat Kredit. Der Kredit ist zahlenmäßig auszudrücken. Was ihm viele andere oder mehrere andere eben an Kapital vorschießen, das ist gewissermaßen sein Personalkredit. Nun, dieser Personalkredit hat ja, wie Sie wissen, eine bestimmte Folge, wenigstens wenn wir ihn innerhalb unserer jetzigen nationalökonomischen Verhältnisse betrachten. Er hat etwas zu tun in seiner volkswirtschaftlichen Wirksamkeit mit dem Zinsfuß.
Nehmen Sie an, der Zinsfuß ist niedrig. Ich habe wenig zu bezahlen an die Menschen, die mir das Kapital vorschießen, wenn ich als geistiger Schöpfer im volkswirtschaftlichen Prozeß zum Schuldner werde, also zu demjenigen, der Kredit in Anspruch nimmt. Ich kann dadurch, daß ich weniger an Zins zu bezahlen habe, meine Waren billiger herstellen; dadurch werde ich in den volkswirtschaftlichen Prozeß verbilligend einwirken können. Wir können also sagen: der Personalkredit verbilligt die Produktion, wenn der Zinsfuß abnimmt. Wenn wir dieses Verhältnis so lange betrachten, solange das Kapital noch vom Geiste einfach verwertet wird im ökonomischen Prozeß, ist das immer so. Bei sinkendem Zinsfuß kann sich derjenige, der Kredit braucht, leichter rühren, er kann in einer intensiveren Weise eingreifen in den volkswirtschaftlichen Prozeß, in intensiverer Weise nämlich für die anderen. Wenn er zunächst Waren verbilligt, so greift er in fruchtbarer Weise zunächst für die Konsumenten ein.
Nun aber stellen wir uns das andere vor. Es wird Kredit gegeben, sogenannter Realkredit, auf Grund und Boden, Wenn Realkredit auf Grund und Boden gegeben wird, so steht die Sache wesentlich anders. Nehmen Sie an, der Zinsfuß ist fünf Prozent. Und derjenige, der Kapital auf den Grund und Boden aufnimmt, muß fünf Prozent bezahlen. Kapitalisieren Sie das, so bekommen Sie das Kapital, das diesem Grund und Boden entspricht, das heißt dasjenige, um das der Grund und Boden gekauft werden muß. Nehmen Sie an jetzt, der Zinsfuß fällt auf vier Prozent, dann kann mehr Kapital in diesen

73 Grund und Boden hineinkreditiert werden, wird wenigstens mehr hineinkreditiert. Und wir sehen überall, daß infolge des sinkenden Zinsfußes Grund und Boden nicht billiger, sondern teurer werden. Grund und Boden werden infolge sinkenden Zinsfußes nicht billiger, sondern teurer. Realkredit verteuert, während Personalkredit verbilligt. Realkredit verteuert den Grund und Boden, während Personalkredit die Waren verbilligt. Das heißt aber eigentlich sehr viel im volkswirtschaftlichen Prozeß; das heißt, daß, wenn das Kapital nun wiederum zurückkommt zur Natur und sich einfach mit der Natur in Form des Realkredites verbindet, so daß man dann eine Verbindung von Kapital mit Grund und Boden, das heißt mit der Natur hat, man den volkswirtschaftlichen Prozeß immer mehr und mehr in die Verteuerung hineinführt.
Vernünftig kann es also nur sein innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses, wenn sich das Kapital hier (siehe Zeichnung 3)

Tafel 4a

nicht erhält in der Natur, sondern wenn es in die Natur hinein verschwindet. Auf welche Weise kann es verschwinden in die Natur hinein? Ja, solange Sie überhaupt das Kapital verbinden können mit der Natur, also fortwährend durch die Kapitalbildung die Natur verteuern können in ihrem noch unbearbeiteten Zustande, so lange kann das Kapital in die Natur hinein nicht verschwinden; im Gegenteil, es erhält sich in die Natur hinein. Und in allen Ländern, in denen die Hypothekgesetzgebung dahin geht, daß sich das Kapital mit der Natur verbinden kann, bekommen wir ein Stauen des Kapitals in der Natur im Grund und Boden. Statt daß das Kapital hier (siehe Zeichnung 3) verbraucht werde, das heißt hier verschwinde, statt daß hier eine wertbildende Spannung entsteht, entsteht eine weitere wertbildende Bewegung, die dem volkswirtschaftlichen Prozeß schädlich ist. Was davon abhalten kann, ist nur, daß wir demjenigen, der Grund und Boden zu bearbeiten hat, überhaupt nicht einen Realkredit auf den Grund und Boden zusprechen können, wenn der volkswirtschaftliche Prozeß gesund ist, sondern auch nur einen Personalkredit, das heißt einen Kredit für die Verwertung des Kapitals durch Grund und Boden. Wenn wir lediglich Grund und Boden verbinden mit dem Kapital, dann staut sich das Kapital, indem es bei der Natur hier ankommt. Wenn es sich aber verbindet

74 mit der geistigen Leistungsfähigkeit desjenigen, der auf Grund und Boden eben die Verwaltung übt, der durch Grund und Boden den volkswirtschaftlichen Prozeß zu fördern hat, dann verschwindet das Kapital, indem es bei der Natur hier ankommt, dann staut es sich nicht, dann wird es nicht erhalten, sondern dann geht es durch die Natur durch, eben wieder in die Arbeit hinein, und es macht den Kreislauf wiederum. Eine der schlimmsten Stauungen im volkswirtschaftlichen Prozeß ist diejenige, wo Kapital sich einfach mit der Natur verbindet, wo also, nehmen wir den volkswirtschaftlichen Prozeß an seinem Anfange - das ist ja nur eine Hypothese -, wo, nachdem sich an die Natur anschließend, Arbeit und Kapital entwickelt haben, dann das Kapital in die Lage kommt, sich der Natur zu bemächtigen, statt sich in die Natur hineinzuverlieren.
Ja, nun werden Sie natürlich einen sehr gewichtigen Einwand haben können, der dahin geht, daß Sie sagen: Ja, nun aber, innerhalb dieser Bewegung ist eben das Kapital entstanden. Wenn es nun da ankommt vor der Natur, und es ist so viel, daß man nicht die Möglichkeit hat, es in die Arbeit zu leiten? Wenn man nicht die Möglichkeit hat, sagen wir, neue Methoden zu finden, um die Rohproduktion zu fördern? - Da ist überall nicht die Natur mit dem Kapital verbunden, sondern die Arbeit: wenn wir also hier ankommen mit dem Kapital, und wir machen die Rohproduktion rationeller oder erschließen neue Rohproduktequellen und so weiter, dann können wir hier das Kapital unmittelbar in die Arbeit überleiten. Aber wenn nun zuviel Kapital da ist, empfinden das natürlich die einzelnen Kapitalbesitzer, die nun nichts anfangen können mit ihrem Kapital. Ja, wenn Sie geschichtlich die Sache verfolgen, so ist das auch so, daß in der Tat zuviel Kapital eben entstanden ist, und dadurch das Kapital nur den Ausweg gefunden hat, sich in der Natur zu konservieren. Dadurch haben wir eben gerade den sogenannten Wert, die sogenannte Werterhöhung von Grund und Boden innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses sich herausbilden sehen.
Betrachten Sie aber jetzt in diesem größeren Zusammenhang dasjenige, was durchaus immer ungenügend von den Bodenreformern dargestellt wird, wo die Sache nie verstanden werden kann, so werden
75 Sie sich sagen: Ja, wenn ich das Kapital mit der Natur verbinde, dann wird der Wert der Natur selbstverständlich erhöht. Je mehr Hypotheken auf etwas lasten, desto teurer muß es dann bezahlt werden. Es wird fortwährend erhöht der Wert. Ja, ist denn das aber - die Höherwertung von Grund und Boden -, ist das eine Wirklichkeit? Es ist ja gar keine Wirklichkeit. Naturgemäß kann der Grund und Boden nicht mehr Wert bekommen, er kann mehr Wert höchstens bekommen, wenn eine rationellere Arbeit darauf verwendet wird. Dann ist die Arbeit das Werterhöhende; aber der Grund und Boden als solcher selbst - wenn Sie ihn verbessern, so muß die Arbeit vorangehen -, der Grund und Boden als solcher, werterhöht gedacht, ist ein Unding, ein völliges Unding. Der Grund und Boden, insofern er bloß Natur ist, kann ja noch überhaupt keinen Wert haben. Sie geben ihm ja einen Wert, indem Sie das Kapital mit ihm vereinigen, so daß man sagen kann: Dasjenige, was im heutigen volkswirtschaftlichen Zusammenhange Wert von Grund und Boden genannt wird, ist in Wahrheit nichts anderes als auf den Grund und Boden fixiertes Kapital; das aber auf dem Grund und Boden fixierte Kapital ist nicht ein wirklicher Wert, sondern ein Scheinwert. Und darauf kommt es an, daß man auch innerhalb des volkswirtschaftlichen Prozesses endlich begreifen lernt, was wirkliche Werte sind und was Scheinwerte sind.
Wenn Sie in Ihrem Gedankensystem einen Irrtum haben, dann bemerken Sie ja zunächst nicht die Wirksamkeit dieses Irrtums, weil sich der Zusammenhang zwischen dem Irrtum und allen diesen verschiedenen störenden Prozessen im Organismus, die damit zusammenhängen und die man nur durch Geisteswissenschaft erkennt, weil sich dieser Zusammenhang der heutigen groben Wissenschaft entzieht. Man weiß nicht, wie zum Beispiel in den peripherischen Organen durch Irrtümer Verdauungsstörungen entstehen und so weiter. Aber im volkswirtschaftlichen Prozeß, da wirken eben die Irrtümer, die Scheingebilde, da werden sie real, da haben sie eine Folge. Und es ist eigentlich volkswirtschaftlich kein wesentlicher Unterschied, ob ich, sagen wir, irgendwo Geld ausgebe, das zunächst nicht in irgendeiner Realität begründet ist, sondern das einfach Notenvermehrung ist, oder ob ich dem Grund und Boden Kapitalwert verleihe. Ich schaffe in beiden Fällen
76 Scheinwerte. Durch solche Notenvermehrung erhöhe ich der Zahl nach die Preise, aber in Wirklichkeit tue ich gar nichts im volkswirtschaftlichen Prozeß. Ich schichte nur um. Den einzelnen aber kann ich ungeheuer schädigen. So schädigt diejenigen Menschen, die im Zusammenhang im volkswirtschaftlichen Prozeß drinnenstehen, dieses Kapitalisieren von Grund und Boden.
Sie können ja da ganz interessante Studien anstellen, wenn Sie zum Beispiel vergleichen die Hypothekargesetzgebung, wie sie vor dem Kriege war in mitteleuropäischen Ländern, wo man den Grund und Boden in beliebiger Weise hinaufschrauben konnte, durch die Gesetzgebung selbst bedingt - und wenn Sie in England nehmen die Gesetzgebung, wo der Grund und Boden nicht wesentlich steigen kann in gewisser Weise, wenn Sie sich da die Wirkungen auf den volkswirtschaftlichen Prozeß anschauen. Doch diese Dinge können ganz interessante Dissertationsthemen abgeben. Einmal die Wirkung der englischen Hypothekargesetzgebung mit der deutschen Hypothekargesetzgebung zahlenmäßig zu vergleichen, würde ein ganz gutes Thema abgeben.
Damit also konnte ich Ihnen anschaulich machen, um was es sich hier eigentlich handelt: daß tatsächlich die Natur hier (siehe Zeichnung 3)

Tafel 4a

nicht zu einer Konservierung des Kapitals führen darf, sondern daß hier das Kapital ungehindert weiterwirken muß wiederum in die Arbeit hinein. Aber wenn es da ist - ich will das noch einmal sagen -, wenn es nicht verwertet werden kann, ja das einzige, wodurch es nicht da ist in einem Maße, in dem es nicht da sein soll, das einzige ist, daß es auf diesem (siehe Zeichnung 3) Wege aufgebraucht wird und daß zuletzt nur so viel da ist, als hier wiederum in die Bearbeitung des Grund und Bodens hineingehen kann, als diese Arbeit braucht. Das Selbstverständlichste ist, daß auf dem Wege hier das Kapital verbraucht wird, daß es konsumiert wird. Es wäre ja auch - denken Sie sich das hypothetisch! - etwas Furchtbares, wenn auf dem ganzen Wege hier nichts konsumiert würde. Da würde man die Produkte mitschleppen müssen. Nur dadurch wird die Sache organisch, daß die Dinge aufgebraucht werden. Ebenso aber, wie aufgebraucht wird dasjenige, was erarbeitete Natur ist, wie aufgebraucht wird die

77 durch das Kapital organisierte Arbeit, so muß auf seinem weiteren Wege das Kapital einfach verbraucht werden, richtig verbraucht werden. Ja, dieser Verbrauch des Kapitals, der ist ja etwas, was eben einfach herbeigeführt werden muß.
Das kann nur herbeigeführt werden dadurch, daß der ganze volkswirtschaftliche Prozeß vom Anfang bis zum Ende, das heißt bis zu seiner Rückkehr zur Natur, in richtiger Weise geordnet wird, so daß etwas da ist, wie der Selbstregulator im menschlichen Organismus. Der menschliche Organismus bringt es zustande, daß, wenigstens wenn er normal funktioniert, nicht unverbrauchte Nahrungsstoffe da oder dort abgelagert werden. Und wenn unverbrauchte Nahrungsstoffe da oder dort abgelagert werden, so ist man eben krank, ebenso wie wenn unverbrauchte Teile des Organismus abgelagert werden. Denken Sie sich zum Beispiel, bei der Kopfverdauung werden die Stoffe abgelagert, das heißt es tritt im Kopfe eine unregelmäßige Verdauung ein. Die Sachen werden nicht fortgeschafft, die abgelagert werden. Also der Verbrauch ist nicht ordentlich geregelt. Dann kommen die Migränezustände. So könnten Sie überall sehen im menschlichen Organismus, wie im nicht richtigen Aufnehmen und Wegschaffen des zu Verdauenden, wie da die Ursache von Krankheitserscheinungen liegt. Ebenso ist es im sozialen Organismus in dem Anhäufen von demjenigen, was eigentlich an einer bestimmten Stelle verbraucht werden soll. Es ist einfach notwendig, daß hier (siehe Zeichnung 3)

Tafel 4a

der Verbrauch des Kapitals eintritt, damit mit der Natur nicht das Kapital eben sich zum Unlebendigen verbinden kann, gleichsam zu einem versteinerten Einsatz im volkswirtschaftlichen Prozeß. Denn der kapitalisierte Grund und Boden ist eben ein unmöglicher Einsatz im volkswirtschaftlichen Prozeß.
Ich möchte ausdrücklich bemerken, daß es sich hier nicht handelt um agitatorische Dinge. Ich will die Dinge entwickeln, wie sie sich aus dem natürlichen Prozeß heraus gestalten. Nur das Wissenschaftliche soll hier in Betracht kommen; aber man kann eine Wissenschaft, die mit dem Handeln der Menschen sich beschäftigt, nicht treiben, ohne daß man hinweist darauf, was für Krankheitserscheinungen entstehen können, so wie man auch den menschlichen Organismus nicht

78 betrachten kann, ohne daß man hinweist darauf, was für Krankheitserscheinungen entstehen können. Nun, der entsprechende Verbrauch des Kapitals muß da sein, nur nicht der ganze Verbrauch, sondern was notwendig ist, das ist: daß eben noch etwas übergeht, damit dann die Natur weiter bearbeitet werden kann.
Das aber, was da übergehen muß, das kann ich Ihnen wiederum durch ein Bild klarmachen. Nehmen Sie einen Landmann, der muß volkswirtschaftlich danach trachten, daß er das, was das Erträgnis seiner Äcker ist, daß er das tatsächlich wegschafft und für das nächste Jahr das Saatgut behält. Das Saatgut muß fortbehalten werden, muß konserviert werden. Das ist durchaus ein Bild, das sich anwenden läßt auf diesen Prozeß hier (siehe Zeichnung 3).

Tafel 4a

Das Kapital muß soweit verbraucht werden, daß lediglich noch das bleibt, was als eine Art von Saat für die weitere Anfachung des volkswirtschaftlichen Prozesses, wiederum von der Natur aus, aufgefaßt werden kann. Also nur das darf bleiben, was etwa rationeller die Förderung von gewissen Rohproduktequellen besorgt, was unter Umständen auch den Boden verbessert, sagen wir, durch Schaffung von besseren Düngesubstanzen. Aber da müssen Sie Arbeit aufwenden. Also es muß das dem Verbrauch entzogen werden, was als Arbeit fortwirken kann; dagegen das muß verbraucht werden vorher, was, wenn es noch hier wäre (siehe Zeichnung 3), sich mit der Natur in unorganischer Weise verbinden würde.
Nun können Sie sagen: Also, sag uns jetzt, wie das geschieht, daß nun gerade richtig hier nur so viel Kapital ankommt, daß dieses Kapital gewissermaßen nur das Saatgut für das folgende ist! Sag uns das!
Nun, wir stehen mit der Volkswirtschaftswissenschaft nicht auf einem logischen Boden, sondern wir stehen mit der Volkswirtschaftswissenschaft auf einem realen Boden. Da kann man nicht Antworten geben, wie man sie unter Umständen, sagen wir, in der bloß theoretischen Ethik bekommt. Nicht wahr, man kann in der theoretischen Ethik einen Verbrecher sehr schön ermahnen und alles Mögliche tun. Da wird man ethisch genug getan haben. Aber das Volkswirtschaftliche, das muß geschehen, das muß sich abspielen. Man muß von

79 Realitäten reden. Wenn man vom Produktionsprozeß redet und zeigt, inwiefern er Werte schafft, redet man von Realitäten. Daß man beim Konsum von Realitäten spricht, weiß ja jeder. Also, man muß in der Volkswirtschaft von lauter Realitäten sprechen. Ideen, die bewirken nichts in der realen Welt. Dasjenige, was den volkswirtschaftlichen Prozeß in der richtigen Weise regelt, das spricht sich aus in dem, was ich in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» die wirklichen Assoziationen genannt habe.
Wenn Sie nämlich das wirtschaftliche Leben auf sich selber stellen und diejenigen Menschen, die am wirtschaftlichen Leben beteiligt sind, sei es als Produzenten, sei es als Händler, sei es als Konsumenten, wenn Sie diese Menschen zusammenfassen entsprechend in Assoziationen, dann werden diese Menschen durch den ganzen volkswirtschaftlichen Prozeß hindurch die Möglichkeit haben, eine zu starke Kapitalbildung aufzuhalten, eine zu schwache Kapitalbildung anzufachen.
Dazu gehört natürlich die richtige Beobachtung des volkswirtschaftlichen Prozesses. Sie gehört dazu. Wenn also irgendwo eine Warengattung, sagen wir, zu billig wird oder zu teuer wird, so muß man das in der entsprechenden Weise beobachten können. Billiger werden und teurer werden hat ja natürlich noch keine Bedeutung; erst dann, wenn man in der Lage ist, aus den Erfahrungen heraus, die nur im Zusammenberaten der Assoziationen entstehen können, zu sagen: Fünf Geldeinheiten sind für eine Menge Salz zu wenig oder zu viel - erst dann, wenn man wirklich sagen kann, der Preis ist zu hoch oder zu niedrig, dann wird man die nötigen Maßregeln ergreifen können.
Wird der Preis irgendeiner Ware, irgendeines Gutes zu billig, so daß diejenigen Menschen, welche das Gut herstellen, nicht mehr in der entsprechenden Weise für ihre zu billigen Leistungen, für ihre zu billigen Ergebnisse Entlohnung finden können, dann muß man für dieses Gut weniger Arbeiter einstellen, das heißt die Arbeiter nach einer anderen Beschäftigung ableiten. Wird ein Gut zu teuer, dann muß man die Arbeiter herüberleiten. Man hat es zu tun bei den Assoziationen mit einem entsprechenden Beschäftigen von Menschen innerhalb
80 der einzelnen Zweige der Volkswirtschaft. Man muß sich klar darüber sein, daß ein wirkliches Steigen des Preises für einen volkswirtschaftlichen Artikel einzunehmen der Menschen, die diesen volkswirtschaftlichen Artikel bearbeiten, bedeuten muß, und daß ein Sinken des Preises, ein zu starkes Sinken des Preises, die Maßregel notwendig macht, die Arbeiter ab- und auf ein anderes Arbeitsfeld herüberzulenken. Wir können von den Preisen nur sprechen im Zusammenhang mit der Verteilung der Menschen innerhalb gewisser Arbeitszweige des betreffenden sozialen Organismus.
Was für Ansichten herrschen zuweilen heute, wo man überall die Tendenz hat, lieber mit Begriffen zu arbeiten als mit Realitäten, das zeigen Ihnen manche Freigeldleute. Die finden es ganz einfach: Wenn Preise, sagen wir, zu hoch sind irgendwo, also man zuviel Geld ausgeben muß für irgendeinen Artikel, so sorge man dafür, daß das Geld geringer wird, dann werden die Waren billiger, und umgekehrt. Wenn Sie aber gründlich nachdenken, so werden Sie finden, daß das ja gar nichts anderes in Wirklichkeit bedeutet für den volkswirtschaftlichen Prozeß, als wenn Sie beim Thermometer so durch eine hinterlistige Vorrichtung, wenn es zu kalt wird, die Thermometersäule zum Steigen bringen. Sie kurieren da nur an den Symptomen herum. Dadurch, daß Sie dem Gelde einen anderen Wert geben, dadurch schaffen Sie nichts Reales.
Reales schaffen Sie aber, wenn Sie die Arbeit, das heißt die Menge der arbeitenden Leute, regulieren; denn es hängt eben der Preis von der Menge der Arbeiter ab, die auf einem bestimmten Felde arbeiten. So etwas durch den Staat ordnen wollen, das würde die schlimmste Tyrannei bedeuten. So etwas durch die freien Assoziationen, die innerhalb der sozialen Gebiete entstehen, zu ordnen, wo jeder den Einblick hat - er sitzt ja in der Assoziation, oder sein Vertreter sitzt darin, oder es wird ihm mitgeteilt, was darin geschieht, oder er sieht es selber ein, was zu geschehen hat -, das ist dasjenige, was zu erstreben ist.
Natürlich ist das andere damit verbunden, daß man nun sorgen muß, daß der Arbeiter nun nicht bloß sein ganzes Leben lang nur irgendeinen Handgriff kann, daß er sich auch anders betätigen kann.
81 Denken Sie, das wird notwendig werden, namentlich notwendig aus dem Grunde, weil sonst zuviel Kapital hier (siehe Zeichnung 3) ankommt. Da können Sie das Kapital, das hier zuviel wäre, dazu verwenden, um den Arbeitern etwas beizubringen, um sie in andere Berufszweige überzuführen. Also, Sie sehen, in dem Augenblick, wo man rationell denkt, da korrigiert sich der nationalökonomische Prozeß - das ist das Wichtige, das Wesentliche -, er korrigiert sich. Aber er wird sich nie korrigieren, wenn man bloß sagen würde, durch das und jenes, durch Inflation oder durch Ausgabe von den oder jenen Verfügungen wird es besser werden. Dadurch wird es nicht besser, sondern lediglich dadurch, daß Sie den Prozeß an jeder Stelle beobachten lassen, und die beobachtenden Leute unmittelbar die Konsequenz ziehen können.
Bis hierher wollte ich heute kommen, damit Sie sehen, daß es sich bei dem, was als Dreigliederung gemeint war, nicht gehandelt hat darum, Agitation zu treiben, sondern der Welt etwas zu sagen, was folgt aus einer realen Betrachtung des volkswirtschaftlichen Prozesses.




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