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NATIONALÖKONOMISCHER KURS, VIERTER VORTRAG, Dornach, 27. Juli 1922

NATIONALÖKONOMISCHER KURS, VIERTER VORTRAG, Dornach, 27. Juli 1922

Nochmals das Schneider-Beispiel. Die Entstehung des Kapitals durch die Arbeitsteilung, Wagen-Beispiel. Kapital 1. Stufe durch Emanzipation von der Natur. Kapital 2. Stufe durch Emanzipation von der Arbeit* Geldwirtschaft und Geldkapital. Geld als realisierter Geist. Leihkapital als zweite Etappe des Kapitalprozesses. Arbeitsteilung ein Divisionsverhältnis von Waren zu Geldwert. Der Naturwert wird geteilt durch die vom Geist erfaßte Arbeit. Die volkswirtschaftliche Methode: inneres Anschauen der Prozesse.

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51 Ich habe gestern ein etwas krasses, möchte ich sagen, Beispiel gewählt aus dem volkswirtschaftlichen Leben, um daran etwas zu veranschaulichen. Und es scheint ja, als ob dieses etwas drastische Beispiel dem einen oder dem anderen etwas Kopfzerbrechen gemacht hätte. Das ist das Beispiel von dem Schneider, der weniger billig für sich arbeitet, wenn er seinen eigenen Anzug verfertigt - wenn er den Anzug für sich selbst verfertigt -, als wenn er sich, während er sonst Anzüge für die anderen fabriziert, seinen eigenen Anzug eben auch bei einem Händler kauft. Nun, es ist ja furchtbar einfach, selbstverständlich, mit diesem krassen Beispiel nicht zurechtzukommen; denn es ist ganz natürlich, daß man, wenn man so rechnet, sagt: Ja, der Händler kauft, da er doch etwas profitieren muß, den Anzug billiger beim Schneider ein, als er ihn verkauft; folglich muß dann selbstverständlich der Schneider für seinen Anzug, wenn er ihn kauft, um den Profit des Händlers mehr bezahlen, als er bei ihm selbst zu stehen kommt. Es liegt so auf der flachen Hand, diesen Einwand zu machen, daß er ja kommen muß; dennoch habe ich gerade dieses krasse Beispiel gewählt, um zu veranschaulichen, wie man nötig hat, gegenüber der heutigen Volkswirtschaft eben nicht hauswirtschaftlich zu denken, sondern eben volkswirtschaftlich - wie man nötig hat, darauf zu rechnen, was entsteht durch die Arbeitsteilung.
Es kommt ja nicht darauf an, daß der Schneider, sagen wir, unmittelbar nachdem er mit seinem Anzug fertig geworden ist, nun gegenüber der Tatsache, wenn er diesen Anzug nun verkaufte an einen Händler und dann einen anderen Anzug wieder zurückkaufte, daß er da etwas verloren hat; sondern es kommt darauf an, ob, wenn der Schneider nun nach einiger Zeit, nach irgendeiner Zeit, sagen wir x, seine Rechnung macht, ob er nun, wenn er sich den eigenen Anzug gemacht hat, wenn er sich den Anzug für sich selbst gemacht hat, ob er nun besser daran ist, oder ob er besser daran ist, wenn er es unterlassen hat, diesen Anzug für sich selbst zu machen.
52 Wenn nämlich Arbeitsteilung wirkt, dann verbilligt sie die Produkte in der richtigen Weise; sie werden billiger durch die Arbeitsteilung, billiger eben im ganzen volkswirtschaftlichen Zusammenhang. Und wenn man dann gegen die Arbeitsteilung arbeitet, so bewirkt man Preisdruck bei den entsprechenden Produkten. Der Preisdruck wirkt aber im volkswirtschaftlichen Prozeß zurück. Mit anderen Worten: der Schneider wird zwar bei dem einzelnen Anzug billiger zurechtkommen; aber er wird um einen ganz kleinen Posten zunächst - aber wenn es viele Schneider tun, so multipliziert sich das -, er wird in einem gewissen Sinn auf die Preise der Kleider drücken. Die werden billiger. Dann muß er die anderen auch billiger geben. Und es handelt sich dann nur um die Zeit, nach der er nachschauen kann in der Bilanz, wieviel er für die anderen Kleider weniger eingenommen hat, als er eingenommen hätte, wenn er nicht den Preis gedrückt hätte.
Es kommt nicht darauf an, ein wenig das hauswirtschaftliche Denken einzumischen in die Sache. Ich habe auch nicht gemeint, daß der Schneider nicht das Recht hätte oder den Geschmack haben könnte, sich seinen Anzug selbst zu fabrizieren; aber er soll nur nicht meinen, daß er dadurch billiger zurechtkomme, sondern er wird ihm teurer zu stehen kommen. Er kommt ihm teurer zu stehen in seiner Gesamtbilanz nach einiger Zeit. Es macht allerdings insofern weniger aus für einen solchen krassen Fall, weil die Differenz, um die der Preis gedrückt wird, erst nach einer sehr langen Zeit hervortritt. Er muß sehr viele andere Anzüge machen, um die kleine Billigkeitsquote wirksam zu machen. Aber drinnen wird sie einmal sein in seiner Gesamtbilanz. Das ist dasjenige, was Ihnen zeigen soll, daß man durchaus nicht so, ich möchte sagen, furchtbar nahe denken darf, wenn man einem volkswirtschaftlichen Prozeß gegenübersteht, der nun in einer unermeßlich großen Anzahl von ineinandergreifenden Faktoren besteht, so daß die einzelne Erscheinung von einer unermeßlich großen Anzahl von ineinandergreifenden Faktoren bewirkt wird.
Sie kommen natürlich sofort in eine Kalamität des volkswirtschaftlichen Denkens hinein, wenn Sie Ihre Gedanken nur an das anknüpfen, was, möchte ich sagen, in der Nachbarschaft der Wirtschaftenden liegt. Dadurch kommen Sie absolut nicht mit dem Begreifen
53 des volkswirtschaftlichen Prozesses zurecht. Sie müssen die Gesamtheit des sozialen Organismus ins Auge fassen lernen, und die Gesamtheit angesehen, führt zuletzt dazu, daß man genötigt ist, solche krasse Beispiele, die eigentlich im Tag nicht, aber vielleicht im Jahrzehnt sehr stark bemerkbar werden, anzuführen.
Es handelt sich durchaus darum, daß man von solchen, ich möchte sagen, halb absurden Beispielen ausgeht, um allmählich sein Denken von dem Denken, das man gewohnt ist, überzuführen zu einem Denken, das Weites umfaßt, und dadurch, daß es Weites umfaßt, mehr die scharfen Konturen verliert und dadurch in die Lage kommt, das Fluktuierende zu fassen. Dasjenige, was in unmittelbarer Nähe liegt, kann man in scharfe Konturen fassen; aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, die Anschauung zu erringen; und die Anschauung, die liefert durchaus bewegliche einzelne Ideen. Die decken sich nicht mit demjenigen, was die in der Nachbarschaft gewonnenen Ideen sind. Das möchte ich insbesondere Ihnen heute erwähnen, damit Sie, wenn wir jetzt von verhältnismäßig einfacheren Dingen ausgehen, doch sehen, wie der volkswirtschaftliche Prozeß sich allmählich aus den mannigfaltigsten Faktoren zusammensetzt. Wir wollen nämlich heute einmal, um immer mehr und mehr dahinzukommen, das Preisproblem erfassen zu können, wir wollen den volkswirtschaftlichen Prozeß als solchen von einem gewissen Gesichtspunkt aus vor Augen führen.
Wir wollen ihn heute beginnen mit der Natur. Zunächst muß die menschliche Arbeit ja bei der Natur einsetzen, die Naturprodukte verwandeln, so daß dann dieses verwandelte Naturprodukt, dieses durch die menschliche Arbeit verwandelte Naturprodukt, im Aufdrücken der menschlichen Arbeit auf das Naturprodukt einen volkswirtschaftlichen Wert erhält. Und in der Volkswirtschaft hat man es nun einmal nicht mit der Substanz zu tun. Diese als solche hat keinen volkswirtschaftlichen Wert. Die Kohle, die noch im Bergwerk unter der Erde liegt als Kohlensubstanz, hat keinen volkswirtschaftlichen Wert, bekommt auch keinen volkswirtschaftlichen Wert, wenn sie nun wandert vom Bergwerk in die Wohnung, in das Zimmer desjenigen, der einheizt. Dasjenige, was die Substanz der Kohle zum Wert macht, das
54 ist die aufgeprägte Arbeit, also dasjenige, was getan werden mußte, um die Kohle zutage zu fördern, auch schon um das Bergwerk zurechtzumachen, um die Kohle zu verfrachten und so weiter. Alles dasjenige, was der Substanz der Kohle aufgeprägte menschliche Arbeit ist, gibt ihr erst den volkswirtschaftlichen Wert. Und nur mit diesem hat man es in der Volkswirtschaft zu tun.
Sie können keine volkswirtschaftliche Erscheinung fassen, wenn Sie nicht von solchen Ideen ausgehen. Nun aber, indem so die menschliche Arbeit auf die Natur angewendet wird, kommen wir ja beim Weiterrücken der volkswirtschaftlichen Entwickelung eben in die Arbeitsteilung hinein, in die Arbeitsteilung, die dadurch entsteht, daß Menschen zusammenwirken, bei irgendeiner für die Volkswirtschaft bedeutsamen Tatsache zusammenwirken.
Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel. Nehmen wir einmal an, in einer Gegend hätte eine Anzahl von Menschen eine bestimmte Tätigkeit verrichtet, indem diese Anzahl von Menschen einen Gang verrichtet hätten von ihren Häusern, also, sagen wir, von verschiedenen Ortschaften zu einer gemeinsamen Arbeitsstätte, zu einer Förderungsstätte von irgendwelchen Naturprodukten. Nehmen wir an, wir wären noch in einer sehr primitiven Zeit, es gäbe noch kein anderes Mittel, als daß die Arbeiter, um zu der Stätte zu kommen, wo sie die Natur bearbeiten, zu Fuß gehen. Nun kommt einer darauf, einen Wagen zu bauen und Pferde zu benützen, um den Wagen zu ziehen. Da wird dasjenige, was zuerst allein verrichtet werden mußte von jedem, das wird nun von jedem verrichtet im Zusammenhang mit demjenigen, der den Wagen nun stellt. Es wird eine Arbeit geteilt. Dasjenige, was verrichtet wird, was im volkswirtschaftlichen Sinne Arbeit ist, wird geteilt. Es spielt sich ja dann die Sache so ab, daß ein jeglicher, der den Wagen benutzt, nun an den Wagenunternehmer eine bestimmte Quote zu bezahlen hat.
Damit aber ist derjenige, der den Wagen erfunden hat, in die Kategorie des Kapitalisten eingetaucht. Der Wagen ist für den betreffenden Menschen jetzt richtiges Kapital. Sie werden, wo Sie suchen wollen, sehen, daß gewissermaßen der Entstehungspunkt des Kapitals immer in der Arbeitsteilung, Arbeitsgliederung liegt. Aber wodurch ist der
55 Wagen erfunden worden? Er ist eben durch den Geist erfunden worden. Und jeglicher solcher Vorgang besteht darin, daß der Geist auf die Arbeit angewendet wird, daß die Arbeit durch den Geist in irgendeiner Beziehung durchdrungen wird. Also durchgeistigte Arbeit, das ist dasjenige, was im Verlauf der Arbeitsteilung auftritt. Wir haben es zunächst mit nichts anderem zu tun als mit durchgeistigter Arbeit, wenn wir im Verlaufe der Arbeitsteilung Kapital entstehen sehen. Die erste Phase des Kapitals besteht eigentlich immer darinnen, daß vom Geist heraus, während früher nur von der Natur heraus, jetzt vom Geist heraus die Arbeit organisiert, gegliedert und so weiter wird.
Es ist schon notwendig, daß das Kapital, die Kapitalbildung, von diesem Gesichtspunkt aus klar angesehen wird; denn nur von diesem Gesichtspunkt kann man verstehen die Funktion des Kapitals im volkswirtschaftlichen Prozeß. Kapitalentstehung ist immer die Begleiterscheinung der Arbeitsteilung, Arbeitsgliederung.
Damit aber löst sich etwas los von dem unmittelbaren Verkehr, in dem der Mensch ist mit der Natur, wenn er die Natur bearbeitet. Solange man es nur zu tun hat mit der Bearbeitung der Natur, solange können wir nur sprechen von Naturprodukten, die durch die menschliche Arbeit verändert worden sind und dadurch einen Wert bekommen haben; in dem Augenblick aber, wo wir davon sprechen, daß der Geist die Arbeit organisiert, die Arbeit als solche - denn diesem Menschen, nicht wahr, der da Kapital schafft in seinem Wagen, dem ist es ja im Grunde genommen gleichgültig, zu welchem Zweck, zu welchem Ziel er seine Leute von einem Ort zum andern führt -, findet eine Emanzipation statt von der Natur. Hier überall ist, ich möchte sagen, noch durchscheinend durch die menschliche Arbeit die Natur. Wenn auch die Kohle als Substanz nicht den Wert bildet, sondern dasjenige, was als menschliche Arbeit der Kohle aufgeprägt ist, so scheint doch eben das Naturprodukt durch, durch die menschliche Arbeit. Das ist die eine Seite der Entstehung wirtschaftlicher Werte.
Die andere Seite ist diese, daß sich nun dasjenige, was vom Geist aus an der Arbeit organisiert wird, daß sich das von der Natur vollständig emanzipiert, daß es sich vollständig abhebt von der Natur. Wir kommen endlich dazu, daß wir den Kapitalisten haben, dem ganz
56 gleichgültig sein .kann, wie die Arbeit, die er gliedert, 2u der Natur steht. Es kann ja sehr einfach stattfinden. Es kann diesem Mann einfallen : während er bisher Leute geführt hat von den verschiedensten Orten, sagen wir zu irgendeiner Ackerarbeit, läßt er nun, wenn ihm das besser gefällt, indem er seinen Wagen da wegnimmt, Leute an einen anderen Ort, zu einer ganz anderen Arbeit fahren. Sie werden finden, daß sich in der Anwendung des Geistigen durchaus emanzipiert dasjenige, was menschliche Arbeitsgliederung ist, von der Naturgrundlage. Damit haben Sie aber auch die Emanzipation des Kapitals gegeben von der Naturgrundlage.
Man hat ja von verschiedenen volkswirtschaftlichen Standpunkten aus die Ansicht aufgestellt, daß Kapital aufgespeicherte Arbeitskraft wäre; aber es ist dieses eigentlich nur eine Definition, die, weil die Sache fluktuierend ist, eigentlich nur für ein gewisses Stadium paßt. Solange man im engsten Sinn mit der geistigen Organisation an irgendeine Arbeitsart gebunden ist, wird noch die Natur durchschimmern. In dem Augenblick, wo man sich emanzipiert, wo man nurmehr an das denkt, wie man dasjenige, was man gewinnt, durch die Anwendung des Geistes fruchtbar macht, in dem Augenblick merkt man auch, wie in der Kapitalmasse, die man dann hat, die Arbeit allmählich undeutlich wird, in ihrer besonderen Eigenart verschwindet.
Nehmen Sie an, Sie haben eine Zeitlang kapitalisiert und haben sich dadurch Kapital erworben, das nun wirklich volkswirtschaftlich arbeitet. Einer, der erst einen Wagen hat, kann volkswirtschaftlich weiterarbeiten, indem er zwei Wagen erwirbt und so weiter. Sein Kapital arbeitet volkswirtschaftlich. Aber im Grunde ist von der Natur der Arbeit da nichts mehr darinnen. Wenn Sie einen Bergarbeiter ansehen, da ist von ihr sehr viel darinnen; aber in dem Kapital sehen Sie immer weniger von der Arbeit darinnen; und wenn Sie gar annehmen, der Mann überläßt nun einem anderen die ganze Sache, dann wird es durch den Übergang unter Umständen dem zweiten eben nur darauf ankommen, daß sich dasjenige, was da durch den Geist geschehen ist, fruktifiziert; aber höchst gleichgültig wird ihm die Natur der Arbeit sein, die da organisiert wird. Es soll überhaupt nur organisiert werden.
57 Mit anderen Worten: Wir haben da einen realen Abstraktionsprozeß. Es ist ganz dasselbe, was man sonst im logischen Denken in der Abstraktion innerlich vollzieht. Das vollzieht man da äußerlich. Die Besonderheit verschwindet, die Besonderheit der Natursubstanz und die Besonderheit der Arbeitsarten, in den Kapitalmassen nach und nach. Wenn wir den volkswirtschaftlichen Prozeß dann weiter verfolgen, dann werden Sie sehen, daß schon gar nichts mehr da ist von dem, was ursprünglich da an Arbeit organisiert worden ist. Denn nehmen Sie den Fortschritt des volkswirtschaftlichen Prozesses, dann wird er sich etwa so darstellen: Der Mann, der den Wagen gebaut hat, der hat noch seinen Geist wenigstens dieser ganzen Erfindung aufgeprägt; aber nun verdient er, er verdient mehr an Wert, als er nur irgendwie selbst bewältigen kann. Ja, sollen das jetzt für die Volkswirtschaft unbenutzte Werte bleiben? Das sollen sie nicht bleiben. Es muß ein anderer kommen, der diese Werte mit einer anderen Art von Geistigkeit bewältigen kann, der diese Werte in einer ganz anderen Weise nun verwertet.
So können Sie sich vorstellen: Dasjenige, was da an Werten geschaffen worden ist durch den Wagenerfinder, das ginge über nach einiger Zeit - also dasjenige, was als Fruktifizierung herausgekommen ist -, ginge über an einen Kunstschmied. Der Kunstschmied hat den Geist, eine Kunstschmiede aufzuführen; aber mit dem Geist kann er zunächst nichts anfangen. Aber der andere hat schon wirtschaftliche Werte geschaffen. Die muß er übertragen auf diesen. Da haben Sie schon den vollständigsten Abstraktionsprozeß in der Realität draußen.
Daher ist es auch notwendig, damit die Sache überhaupt weitergehen kann - sie könnte sonst nicht weitergehen, denn wie soll der Wagenbauer dem Kunstschmied seine Werte übertragen? -, daß etwas da ist, was sich zu dem Besonderen, das da in der Volkswirtschaft lebt, wie ein Abstraktes verhält. Und das ist zunächst das Geld. Das Geld ist nichts anderes als der äußerlich ausgedrückte Wert, der durch Arbeitsteilung erwirtschaftet ist und der von einem auf den anderen übertragen wird.
Wir sehen also im Verfolg der Arbeitsteilung den Kapitalismus
58 auftreten, wir sehen im Verfolg des Kapitalismus, und zwar ziemlich bald, auftreten die Geldwirtschaft. Das Geld ist gegenüber den besonderen wirtschaftlichen Geschehnissen ein vollständiges Abstrakturn. Wenn Sie fünf Franken in der Tasche haben, können Sie sich dafür ebensowohl ein Mittagsmahl kaufen und ein Abendbrot, wie Sie sich einen Anzugsteil kaufen können. Für das Geld ist es irrelevant, was dafür erworben wird, gegen was es sich im volkswirtschaftlichen Prozeß austauscht. Das Geld ist das für die einzelnen Volkswirtschaftsfaktoren, insofern sie noch von der Natur beeinflußt sind, absolut Gleichgültige. Deshalb wird das Geld aber der Ausdruck, die Handhabe, das Mittel für den Geist, um einzugreifen in den volkswirtschaftlichen Organismus, der in der Arbeitsteilung steht.
Ohne daß das Geld geschaffen wird, ist es überhaupt nicht möglich, daß der Geist eingreift in den volkswirtschaftlichen Organismus, wenn wir von der Arbeitsteilung sprechen. So können wir sagen: Da wird dasjenige, was ursprünglich zusammen ist im volkswirtschaftlichen Zustand, was jeder einzelne in seinem Egoismus erarbeitet, das wird verteilt auf die Gesamtheit. - So ist es ja in der Arbeitsteilung. Im Kapital werden Einzelheiten wiederum zusammengefaßt zu einem Gesamtprozeß. Die Kapitalbildung ist eine Synthese, durchaus eine Synthese. So wird derjenige, der in dieser Art als Kapitalbildner aufgetreten ist, der durch die Notwendigkeit des Auftretens des Geldes eben sein Kapital in Geldkapital verwandeln kann, der wird zum Leiher für einen, der nichts anderes hat als Geist. Der empfängt das Geld. Das ist der richtige Repräsentant von durch den Geist aufgebrachten wirtschaftlichen Werten.
Wir müssen die Sache durchaus volkswirtschaftlich betrachten. Es mag religiös und ethisch das Geld eine noch so schlimme Sache sein; im volkswirtschaftlichen Sinn ist das Geld der in dem volkswirtschaftlichen Organismus drinnen wirksame Geist. Es ist nicht anders. Also, es muß im volkswirtschaftlichen Prozeß das Geld geschaffen werden, damit überhaupt der Geist seinen Fortschritt findet von dem Ausgangspunkt aus, wo er sich nur an die Natur wendet. Er würde in primitiven Zuständen bleiben, wenn er sich nur auf die Natur anwenden würde. Er muß, um nun auch die Errungenschaft des Geistigen
59 in den volkswirtschaftlichen Prozeß wiederum hineinzugießen, als Geld sich realisieren. Geld ist realisierter Geist. Es kommt aber gleich wieder das Konkrete herein. Zunächst ist das Geld ein Abstraktum, von dem man sagen kann: Es ist gleich, ob ich mir um fünf Franken einen Teil des Anzugs kaufe oder die Haare schneiden lasse - es braucht ja nicht ein einziger Haarschnitt zu sein -, ich meine, für das Geld ist es gleichgültig. Aber indem das Geld an die Person des Menschen und damit an den Geist des Menschen zurückkommt, in dem Moment wird das Geld dasjenige, was nun wiederum in seiner konkreten besonderen Tatsache volkswirtschaftlich tätig ist. Das heißt: der Geist ist in dem Geld drinnen volkswirtschaftlich tätig.
Da entsteht nun aber ein ganz besonderes Verhältnis. Derjenige, der das Geld zunächst erworben hat, der wird zum Leiher, zum Gläubiger. Der andere, der das Geld bekommt, der nur den Geist hat, wird zum Schuldner. Da haben Sie jetzt das Verhältnis zwischen zwei Menschen. Dasselbe Verhältnis kann ja auch dadurch herbeigeführt werden, daß nun die Beleiher eine Anzahl von Menschen sind, die dem einen eben ihre Überschüsse geben, so daß er nun noch eine höhere Synthese bewirkt durch seinen Geist; aber er bleibt der Schuldner. Dieser arbeitet durchaus auf dem Boden, der sich nun also durch und durch emanzipiert hat von der Naturgrundlage, denn selbst dasjenige, was er noch bekommt von den ersten Kapitalisten selbst, ist ja bei ihm überhaupt ein Nichts; das muß er ja wieder zurückgeben nach einiger Zeit, es gehört ihm ja nicht. - Er arbeitet eigentlich nur auf der einen Seite volkswirtschaftlich als Schuldner, und auf der anderen Seite haftet er volkswirtschaftlich als geistiger Schöpfer. Es ist durchaus sogar vielleicht eines der gesündesten Verhältnisse, wir müssen das besonders berücksichtigen in der sozialen Frage, wenn ein geistiger Arbeiter für die Allgemeinheit dadurch arbeitet, daß ihm die Allgemeinheit auch - denn für ihn ist es die Allgemeinheit - das Geld dazu gibt. Wie da hinein Besitz und Eigentum und so weiter spielen, das werden wir noch sehen. Hier handelt es sich nur darum, den volkswirtschaftlichen Prozeß zu verfolgen. Es ist ganz gleichgültig, ob Sie den Leihenden als Besitzer auffassen oder nicht und den Schuldner so
60 auffassen, wie ihn die Jurisprudenz auffaßt oder nicht. Es kommt darauf an, für uns jetzt, wie der volkswirtschaftliche Prozeß verläuft.
Wir sehen also zuletzt einen Teil des volkswirtschaftlichen Prozesses, wo herausgearbeitet wird bloß noch aus dem, was geistig errungen ist, was sich schon emanzipiert hat. Aber diese geistige Errungenschaft ist vorher aus der Organisation der Arbeit entstanden. Aber wir sind jetzt auf der zweiten Etappe. Wenn Sie auf dieser zweiten Etappe, wo ein geistiger Arbeiter als Schuldner arbeitet, noch sagen wollten, dasjenige, was er bekommt als Schuldkapital, das sei etwa kristallisierte Arbeit, so würden Sie volkswirtschaftlich einen ungeheuren Unsinn sagen, denn es hat keine Bedeutung für den volkswirtschaftlichen Prozeß, wie das Kapital entstanden ist, das er schuldet, sondern das hat Bedeutung, wie dessen Geist beschaffen ist, der das Geld jetzt hat, wie er es überführen kann in fruchtbare volkswirtschaftliche Prozesse. Die erste Arbeit, durch die das Kapital entstanden ist, hat jetzt keinen volkswirtschaftlichen Wert mehr; volkswirtschaftlichen Wert hat lediglich das, was er als Geist aufbringt, um das Geld zu verwerten. Denken Sie sich, es ist noch so viel Arbeit aufgespeichert im Kapital: Es kommt ein Dummkopf darüber, der alles verpulvert; dann haben Sie einen anderen Prozeß, als wenn ein gescheiter Mensch dazu kommt, der einen fruchtbaren Prozeß einleitet.
Also auf dieser zweiten Etappe, wo wir es zu tun haben mit Leiher und Schuldner, müssen wir sagen: Wir haben es zu tun mit dem Kapital, aus dem die Arbeit bereits verschwunden ist.
Worin besteht jetzt die volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Kapitals, woraus die Arbeit verschwunden ist, worin besteht sie? Die volkswirtschaftliche Bedeutung besteht lediglich darin, daß erstens eine Möglichkeit herbeigeführt worden ist, daß man solches Schuldkapital aufbringen kann, daß man es zusammensammeln kann; und zweitens, daß es geistig verwertet werden kann. Darin besteht die volkswirtschaftliche Bedeutung dieses Kapitals.
Das Reale, das daraus entsteht, ist das Verhältnis zwischen dem Schuldner und seinen Geldgebern. Und in dem volkswirtschaftlichen
61 Prozeß, der von dem Schuldner eingeleitet wird, steht der Schuldner in der Mitte drinnen. Wir haben es auf der einen Seite zu tun mit dem, was zum Schuldner hintendiert, und auf der andern Seite mit dem, was von dem geistig Produzierenden, dem Schuldner, ausgeht. Und wir können sagen: In diesem Fall wird dasjenige, was auf der einen Seite Leihkapital ist, dadurch einfach, daß es Schuldkapital wird, umgewandelt in die zweite Etappe des volkswirtschaftlichen Prozesses.
Sie haben gar nichts darinnen als eine Zirkulation des Kapitals; aber diese Zirkulation des Kapitals ist in einer sozialorganischen Betätigung darinnen, so wie Sie das Blut in einer menschlichen oder tierischen organischen Betätigung haben, wenn es durch den Kopf fließt und verwertet wird zu dem, was der Kopf erzeugt.
Und ich möchte sagen: Was wird denn hervorgerufen dadurch, daß wir es zu tun haben mit Leihenden und Schuldnern, die auftreten? Es ist das etwas ganz Ähnliches wie das, was Ihnen im Physikalischen als eine Art Niveaudifferenz entgegentritt. Wenn Sie hier oben Wasser haben, so langt es da unten an durch die Niveaudifferenz. Ebenso ist einfach eine soziale Niveaudifferenz vorhanden zwischen der ersten Stätte des Kapitals und der zweiten, zwischen der Stätte des Leihers, der nichts anzufangen weiß damit, und der Stätte des Schuldners, der es verwerten kann. Das ruft die Niveaudifferenz hervor.
Aber wir müssen bedenken, was das Tätige in dieser Niveaudifferenz ist. Das Tätige ist nicht einmal dasjenige, was als Geist sich ausdrückt in dem Geschehen; sondern bei dieser Niveaudifferenz sind das Bedingende die verschiedenen Anlagen der Menschen. Wenn einer Kapital hat, der dumm ist, so wird in einem gesunden volkswirtschaftlichen Prozeß der Dumme oben sein und der Kluge unten. Dadurch entsteht eine Niveaudifferenz. Das Kapital schwimmt zu dem Klugen hin ab. Und durch die Niveaudifferenz zwischen den menschlichen Anlagen kommt eigentlich das Kapital in Fluß. Es ist eigentlich nicht einmal die menschliche Betätigung, sondern die menschliche Qualität der Menschen, die im sozialen Organismus miteinander verbunden sind, was die Niveaudifferenz hervorruft und dann erst den volkswirtschaftlichen Prozeß weiter fortsetzt.
62 Nun schauen Sie sich einmal konkret diesen volkswirtschaftlichen Prozeß an, so werden Sie sich sagen: Wir sind ausgegangen von der Natur, die noch nichts wert ist. Daß sie nichts wert ist, geht daraus hervor, daß, wenn der Spatz seine Bedürfnisse an der Natur befriedigt, so zahlt er nichts dafür. Also die Natur als solche hat noch keinen volkswirtschaftlichen Wert. Das zeigt die Spatzenwirtschaft im Gegensatz zur Volkswirtschaft. Es beginnt also der volkswirtschaftliche Wert damit, daß die menschliche Arbeit sich mit der Natur verbindet. Es geschieht die Fortsetzung des wirtschaftlichen Prozesses dadurch, daß die Arbeit sich gliedert, sich teilt. Nennen wir zunächst in höchst unbestimmter Art dasjenige, was wir da haben: Arbeit auf die Natur angewendet. Ich will, damit allmählich ein völliger volkswirtschaftlicher Sinn in die Sache kommt, das, was da auftritt, bezeichnen mit Na = Natur, erfaßt von menschlicher Arbeit. Was ist das im volkswirtschaftlichen Sinn: Natur, erfaßt von der menschlichen Arbeit? Das ist, wie wir gesehen haben, Wert; in der Volkswirtschaft ist es Wert. Ich will also sagen: Natur, erfaßt von der menschlichen Arbeit, zum Wert geworden: Naw. Das ist das eine.
Jetzt kommt die Arbeitsteilung. Was heißt aber in diesem Sinne Arbeitsteilung? In diesem Sinne Arbeitsteilung heißt ja: Auseinanderteilen derjenigen Prozesse, die man zuerst als an der Natur vollführte Arbeitsprozesse verrichtet hat, und die dann weiterleben. Nicht wahr, wenn ich zuerst einen ganzen Ofen mache, so habe ich die verschiedensten Arbeitsprozesse verrichtet; wenn ich teile, so habe ich diese Arbeitsprozesse auseinandergeschält. Ich teile. Wenn das hier, Naw, dasjenige ist, was durch Arbeit verändertes Naturprodukt ist, das zum Werte geworden ist, dann muß dasjenige, was durch die Arbeitsteilung entsteht, indem dieses, Naw, auseinandergeschält wird - ich könnte es ja auch anders schreiben -, sein: = Naw1, Naw2 und so weiter.
Wenn das nun wirklich einen realen Prozeß durchmacht, wodurch muß er dann, wenn die Arbeitsteilung eintritt, ausgedrückt werden? Nun, durch eine Division, durch einen Bruch. Es muß dasjenige, was in der Realität vorhanden ist, indem der Wert, den ich hier aufgeschrieben habe, in die Arbeitsteilung übertritt, es muß das in irgendeiner
63 Weise dividiert werden. Es fragt sich jetzt nur, durch was wird es denn dividiert? Was ist denn das Teilende? Was teilt denn diesen Prozeß auf? Nun, da müssen wir eben auf die andere Seite sehen. Nicht wahr, bei der reinen Mathematik braucht man nur zu nehmen, was als Zahlen gegeben ist; wenn man aber Rechnungsprozesse in der Wirklichkeit selber aufzusuchen hat, muß man dasjenige, was wirklich teilt, das muß man aufsuchen. Nun haben wir auf der anderen Seite gefunden die vom Geist erfaßte Arbeit. Wir können also dem, Naw, gegenüberstellen die vom Geist erfaßte Arbeit, die nun nach der anderen Seite zum Wert wird: Agw, unter dem Bruchstrich geschrieben. Aber nun haben wir es ja schon dazu gebracht, etwas zu verstehen von dieser durch den Geist erfaßten Arbeit: Wenn sie weiterwirken soll im volkswirtschaftlichen Prozeß, wenn dieses, Naw, dividiert ist, und sie soll weiterwirken - wir haben ja gesehen, was da für dies Agw, Arbeit, durch den Geist organisiert, zum Wert geworden, eigentlich eintritt:

Tafel 4



Das Geld tritt ein. Das Geld tritt aber jetzt nicht ein in seiner ganzen Abstraktheit - abstrakt ist es zunächst -, ich möchte sagen, als die Substanz, an die der Geist sich anwendet; aber es wird sehr individualisiert, sehr besondert, wenn der Geist es erfaßt und auf das oder jenes anwendet. Und indem der Geist dieses tut, bestimmt der Geist als solcher den Wert des Geldes. Hier beginnt das Geld einen bestimmten konkreten Wert zu bekommen. Denn, ob einer ein Dummkopf ist und das Geld auf etwas, was sich nicht fruktifiziert, hinausschmeißt, oder es in einer bestimmten Weise anwendet, das zeigt sich jetzt als ganz realer Wert im volkswirtschaftlichen Prozeß. So daß Sie also als diesen Nenner bekommen werden, was mit dem Gelde etwas zu tun hat. Als Zähler kann ich natürlich nichts anderes bekommen als das, was damit zu tun hat, daß ich etwas vor mir habe, wohinein sich die Substanz der Natur verwandelt hat. Wenn aber eine Natursubstanz sich durch Arbeit verwandelt und dann da ist im volkswirtschaftlichen Prozeß, dann ist es Ware, in die Formel eingesetzt: über dem Bruchstrich

64 = Ware. Und das, was hier die organisierte Arbeit ist, das ist Geld, in die Formel eingesetzt unter dem Bruchstrich = Geld.

Tafel 4


Das heißt, es sind uns jetzt neue Werte aufgetreten: Der Warenwert und der Geldwert. Und wir haben in einem volkswirtschaftlichen Prozeß, der auf Arbeitsteilung beruht, zu erkennen, daß der Quotient von der in dem volkswirtschaftlichen Organismus vorhandenen Ware und dem in dem volkswirtschaftlichen Organismus vorhandenen Geld - wenn wir es ansehen nicht als dasjenige, was wir in den Kassen abzählen, sondern als dasjenige, was vom Geist der Menschen ergriffen wird - ein Zusammenwirken darstellt, in dem das Geld den Divisor ausmacht. Und in diesem Zusammenwirken - aber in einem solchen, das nicht etwa durch Subtraktion dargestellt werden kann, sondern eben durch Division -, in diesem Zusammenwirken besteht eigentlich die Gesundheit des volkswirtschaftlichen Prozesses. Und wir werden verstehen müssen, um nach und nach die Gesundheit des volkswirtschaftlichen Prozesses zu verstehen, was da eigentlich im Zähler und was da im Nenner wirkt: Wir werden immer mehr und mehr verstehen

müssen, worin das eigentliche Wesen der Ware auf der einen Seite liegt, und worin das eigentliche Wesen des Umlaufmittels, des Geldes, auf der anderen Seite liegt. Die bedeutsamsten volkswirtschaftlichen Fragen können gar nicht gelöst werden, wenn man nicht in einer solchen Weise genau auf die Sachen eingeht, aber sich auch klar darüber ist, daß, was auch auftritt in der Volkswirtschaft, daß das immer etwas Fluktuierendes sein muß. In dem Augenblick, wo die Ware nur von einem Ort zum andern gebracht wird, wird der Zähler etwas anderes und so weiter. Und ich kann eigentlich immer nur beweisen, wie fluktuierend im volkswirtschaftlichen Prozeß alles ist.
Es ist ein sehr beträchtlicher Unterschied zwischen der Börse, die ich in der Tasche habe und wo fünf Franken drin sind, und der Börse,

65 die ein anderer hat und wo auch fünf Franken drin sind. Es ist nicht gleichgültig, ob die fünf Franken in der einen Tasche oder in der anderen sind; denn das alles muß im realen wirtschaftlichen Prozeß absolut erfaßt werden. Sonst bekommen Sie nur einige hingepfahlte abstrakte Begriffe heraus von Preis und Wert und Ware und Produktion und Konsumtion und so weiter, und Sie bekommen nicht das heraus, was eigentlich wirklich zum Verständnis des volkswirtschaftlichen Prozesses führt.
Das ist das so unendlich Traurige in unserer Gegenwart, daß wir in einer Lage sind, wo wir eben einfach deshalb, weil durch Jahrhunderte die Menschheit sich an scharf konturierte Begriffe gewöhnt hat, die nicht anwendbar sind im Prozeß, das nicht können, was sich heute so notwendig als eine Forderung vor uns hinstellt: daß wir mit unseren Begriffen in Bewegung kommen, um die volkswirtschaftlichen Prozesse zu durchdringen. Das ist, was errungen werden muß: die Beweglichkeit des Denkens, um einen Prozeß als solchen innerlich durchdenken zu können. Gewiß, in der Naturwissenschaft werden auch Prozesse durchgedacht, aber so, wie sie von außen angeschaut werden. Das hilft aber nichts. Sie müßten sich in einem Luftballon weit hinauf begeben und den volkswirtschaftlichen Prozeß anschauen, wie der Chemiker seine Prozesse von außen anschaut. Was die volkswirtschaftlichen Prozesse auszeichnet, ist, daß wir in ihnen drinnenstehen. Wir müssen sie also von innen anschauen. Wir müssen uns in den volkswirtschaftlichen Prozessen so erfühlen, wie etwa ein Wesen, das, sagen wir, in einer Retorte wäre. Hier wird etwas gebraut unter Wärmeentwickelung. Dieses Wesen, das da in der Retorte wäre, das kann nicht der Chemiker sein, dieses Wesen, das ich vergleichen will mit uns, sondern das müßte ein Wesen sein, das die Wärme mitmacht, selber mitsiedet. Der Chemiker kann das nicht, dem Chemiker ist das ein Äußerliches. In der Naturwissenschaft stehen wir außer den Prozessen. Der Chemiker könnte das nicht mitmachen, wenn hier eine Temperatur von hundertfünfzig Grad entwickelt wird. Den volkswirtschaftlichen Prozeß machen wir überall innerlich mit, müssen ihn auch innerlich verstehen. Deshalb ist es so, daß vielleicht ein Mathematiker sagt: Ja, du hast uns jetzt irgend etwas wie eine Formel aufgeschrieben.
66 So sind wir nicht gewohnt, daß mathematische Formeln aufgebaut werden. - Gewiß, weil wir nur gewohnt sind, daß mathematische Formeln aufgebaut werden, wenn wir die Prozesse von außen anschauen! Wir müssen Anschauung entwickeln, damit wir einen Zähler und einen Nenner kriegen und um zu begreifen, daß etwas eine Division sein muß und nicht eine Subtraktion sein kann. Wir müssen versuchen, uns hineinzudenken in den volkswirtschaftlichen Prozeß. Deshalb habe ich natürlich auch dieses krasse Beispiel gestern gewählt, daß ich Ihnen nicht vorgeführt habe den einen Schneider und den Händler von außen betrachtet, wie es der Naturwissenschafter betrachtet; denn da kann man nicht daraufkommen auf das, um was es sich handelt. Will man herein, dann kommt es einem unheimlich vor mit dem Denken, das nur von außen anschaut wie beim Forscher, der die Retorte nur von außen anschaut. Wir müssen die ganze Summe von Vorgängen, die sich abspielen zwischen dem Schneider und allen Effekten, die sich volkswirtschaftlich zutragen, uns innerlich vorstellen.
Ich würde nicht wahr werden in dem Erfüllen dessen, was Sie verlangt haben, wenn ich die Sache anders darstellen würde, als wie ich sie darstelle. Dadurch ist die Sache von Anfang an etwas schwierig.




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