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17. Juli 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS VII

17. Juli 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS VII

SIEBENTER DISKUSSIONSABEND

Der politische Geist der bisher führenden Klassen, veranschaulicht an einem Auszug aus einer Rede des Sprachwissenschaftlers Gustav Roethe. Die Haltung der Kommunistischen Partei und anderer Parteigruppierungen gegenüber der Dreigliederung. Symptome für die Schwächung der sozialen Bewegung in Mitteleuropa durch das sich wieder sicherer fühlende Unternehmertum. Hinweise auf die Bedeutung einer zukünftigen Württemberger Betriebsräteschaft und der damit beginnenden Sozialisierung für die Entwicklung der allgemeinen Weltlage. Die notwendige Überwindung des alten Einheitsstaates durch die Dreigliederung. Appell für ein neues Denken.

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235 Der Vorsitzende, Herr Roser, eröffnet die Versammlung. Anschließend teilt er mit, daß beabsichtigt ist, Studienabende einzuführen, an denen Erläuterungen zur Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus gegeben werden sollen und an denen insbesondere das Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» gründlich besprochen werden soll. Der erste Studienabend soll in der kommenden Woche stattfinden. Dann berichtet er, daß die Schuhindustrie in bezug auf die Betriebsrätefrage Fortschritte erzielt habe. Man sei dort bereits so weit gekommen, daß sich die Betriebsräte der Lederbranche zu einem Aktionsausschuß zusammengeschlossen hätten, der beabsichtige, in nächster Zeit innerhalb des Schuhgewerbes aktiv zu werden.



Einleitende Worte

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235 Rudolf Steiner: Meine sehr werten Anwesenden! Wie an den Abenden zuvor, so werde ich auch heute nur eine kurze Einleitung geben, damit wir uns dann in der Diskussion ausführlich über die eine oder andere spezielle Frage unterhalten können. Aber angesichts des erlahmenden Interesses an der Betriebsrätefrage wird es sich vielleicht empfehlen, zu Beginn des heutigen Abends zunächst einige allgemeinere Bemerkungen zu machen.
Sehen Sie, von selten des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» ist angestrebt worden, mit der Schaffung einer Betriebsräteschaft den ersten wirklich praktischen Schritt in die Richtung zu gehen, die im Grunde genommen seit mehr als einem halben Jahrhundert durch die soziale Bewegung vorgezeichnet ist. Diese Bewegung ist ja wie ein Aufschrei des Proletariats gegen seine Unterdrückung. Dieser Aufschrei ist aber im Grunde genommen nichts anderes als eine Art weltgeschichtliche Kritik an der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Bedingt durch die Weltkriegskatastrophe haben sich jetzt Verhältnisse herausgebildet, die es
236 erforderlich machen, daß die Kritik, an die sich die Parteien der sozialistischen Bewegung gewöhnt haben, durch etwas anderes abgelöst werden muß. Als man aus dieser Bewegung heraus wiederum begann, Wege zu einer sozialen Erneuerung zu finden, da konnte man ja die Hoffnung haben, daß sich besonders innerhalb der breiten Massen der Arbeiterschaft, erstens aus ihren Erlebnissen innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung heraus, zweitens aus den Untergründen heraus, die sich ergeben, weil die Arbeiterschaft durch ihre Erfahrungen wirklich politisch viel geschulter ist als das Bürgertum, ein Verständnis bilden würde für das, was die früher bloß soziale Kritik an der Gesellschaftsordnung ersetzen sollte. Nach dem sogenannten Zusammenbruch des Deutschen Reiches konnte man im Grunde genommen etwas wirklich Einschneidendes nur von dieser Seite her erhoffen, denn diejenigen, die ganz mit der alten Staats- und Wirtschaftsordnung verknüpft waren, die hatten, trotz der Erfahrungen der Weltkriegskatastrophe und deren Folgen, nichts zu bieten, was zu einem Neuaufbau wirklich führen könnte.
Man bekommt recht trübe Gedanken heute, wenn man doch auf der einen Seite einsieht, daß zu einem Neuaufbau die Intelligenz notwendig ist, und wenn man auf der anderen Seite die seelische und die politische Verfassung dieser Intelligenz im heutigen Mitteleuropa ins Auge faßt, namentlich der Intelligenz jener, die zu den führenden Persönlichkeiten gehören. Aus all dem, was hier bislang gesprochen wurde, werden diejenigen unter Ihnen, die öfter hier waren, gesehen haben, daß, wenn wir wirklich weiterkommen wollen, eine neue Gesellschaftsordnung auch aus einem neuen Geist heraus gefunden werden muß. Dies gilt insbesondere für den jetzigen Zeitpunkt, der deutlich zeigt, daß Mitteleuropa im Zusammenbruch begriffen ist. Daß von gewissen Kreisen nichts zu erhoffen ist, sei an folgendem Beispiel verdeutlicht.
Sehen Sie, wenn man von einem neuen Geiste spricht, aus dem heraus die Zukunft gestaltet werden soll, dann muß man sich zunächst fragen: Wo sind die Anlagen zu diesem neuen Geiste? Nun, den politischen Geist, der heute vor allem die führenden
237 Klassen beherrscht, den möchte ich an einem Beispiel, das aber vertausendfacht werden könnte, veranschaulichen. In einer Berliner Rede finden sich die folgenden Worte. Ich bitte Sie, hören Sie genau zu, denn man muß sich heute mit dem Geist der Menschen vertraut machen. Hören Sie also genau zu:

«Daß wir vor der Revolution im ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Regierung vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen preußischen Beamtenstaat uns das Mitreden ersparen konnten, darin nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland allgemein, zumal auch in seiner wissenschaftlichen und technischen Entwicklung, wahrend des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen hat. Man kann nicht zweien Herren zugleich dienen. Die allgemeine Politisierung ist notwendig ein Feind strenger Sammlung und Versenkung in schaffende Arbeit. Möge der deutsche Geist die Kraft entwickeln, sich durch die häßliche politische Sund- und Schlammflut wieder zu jenem rühmlichen Staate des Vertrauens durchzuarbeiten, wie ihn uns Preußen die Hohenzollern geschenkt hatten!»

[Zwischenruf: Ist das der Oldenburg-Januschau?]


Ja, das glauben Sie, daß das der Oldenburg-Januschau ist! Es wäre tröstlich, wenn es wenigstens er wäre. Aber sehen Sie, diese Worte hat der tonangebende Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Berliner Universität gesprochen. Das ist das Ausschlaggebende! Diese Worte, die also der Vertreter der deutschen Sprache und Literatur, der erste Vertreter dieses Faches an der ersten deutschen Universität, gesprochen hat, die sind wohl einigermaßen ausschlaggebend für den Geist, der bei denjenigen herrscht, die heute unsere Jugend zu begeistern haben für das, was die Menschheit von der Zukunft zu erwarten hat. Muß man sich da wundern, daß trübe Gedanken aufsteigen, wenn man an diese Zukunft denkt? Im Grunde genommen führt man so etwas als charakteristisch deshalb an, weil ja schließlich auch diejenigen Menschen, die heute in der Publizistik das Wort führen, insbesondere in der Publizistik der Parteien, weil die ja, selbst wenn sie sich einzelne Programmpunkte angeeignet haben, in bezug auf ihr ganzes Denken

238 doch manches von diesen Leuten gelernt haben. Vor allem haben sie gelernt, kurzsichtig, um nicht zu sagen stumpfsinnig, zu sein.
Gegenüber diesem muß eben immer wieder betont werden: Ehe sich die Menschen nicht zu einem wirklich neuen Geist aufraffen, zu einem umfassenden Geist, kann es im Grunde genommen nicht besser werden. Deshalb ist es so unendlich bedauerlich, daß, wo doch die Idee der Begründung einer Betriebsräteschaft herausgeschöpft war aus einem wirklich neuen Geiste, daß diese Idee der Betriebsräteschaft, die ja eine wirklich praktische Idee ist, bei den Massen so wenig Anklang findet. Natürlich kann auch einmal etwas langsam gehen, das wäre ja nicht einmal das Schlimmste, aber zum Allerschlimmsten muß man schon zählen, wie die Sache geschehen ist.
Wir haben ja hier begonnen mit der Arbeit im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Zuerst haben sich, das habe ich schon einmal ausgesprochen, diejenigen Leute, auf die ja immer gehört wird, gesagt: Nun, das ist mal eine kleine Narretei, die lassen wir gewähren. Dann aber hat sich diese Narretei als etwas entpuppt, das eine nach Tausenden zählende Anhängerschaft in Stuttgart und Umgebung gefunden hat. Da ist es den Leuten höchst ungemütlich geworden. Dann trat die praktische Idee der Betriebsräte in einer wirklich praktischen Gestalt hervor. Da wurde es den Leuten noch ungemütlicher, und da stellte sich dann eben diese merkwürdige Tatsache ein, die immer wieder festgehalten werden muß, daß nun von Seiten der Parteien gegen die Dreigliederung des sozialen Organismus im allgemeinen und gegen die Betriebsräteschafts-Frage im besonderen Merkwürdiges ins Feld geführt wird. Da hören wir auf der einen Seite: Ja, die Dreigliederung, die ist ja schon ganz gut. - Als neulich unsere Freunde Gönnewein und Roser in einer Volksversammlung gesprochen haben drüben im Dinkelacker-Saal, da trat zum Beispiel unter den verschiedenen, zum großen Teil uns gegnerisch gegenüberstehenden Diskussionsrednern wieder einer auf, der da sagte: Ja, die Dreigliederung des sozialen Organismus ist ja ganz gut; sie muß
239 sich letztlich ergeben, aber wir bekämpfen sie! - Also, sie ist gut und muß sich letztlich auch ergeben, aber sie wird doch bekämpft. - Wir wollen, so sagte er, zunächst etwas ganz anderes, und dann, wenn wir dieses ganz andere verwirklicht haben, dann wird sich die Dreigliederung von selbst ergeben.
Nun, es kann keine Rede davon sein, daß sich die Dreigliederung jemals von selbst ergeben wird, sondern sie muß eben gerade hart erarbeitet werden. Es ist, ich muß das Wort schon aussprechen, der größte Schwindel, wenn man immer wieder und wieder das alte Wort wiederholt: Wir brauchen nur dieses oder jenes zu tun, es braucht nur diese oder jene Klasse die Herrschaft zu erhalten, dann wird sich schon ein richtig geordnetes gesellschaftliches Wesen von selbst ergeben. - Nein, das richtig geordnete gesellschaftliche Wesen, es muß zuerst erkannt und dann erarbeitet werden. Und charakteristisch ist eben, daß man immer wieder sagt: Die Dreigliederung des sozialen Organismus ist ganz gut, so muß auch einmal eine Gesellschaftsordnung sein, wie diese Dreigliederung es sagt, aber wir bekämpfen sie. - Wenn die Leute aber einmal das sagen sollen, was sie denn wollen, dann hört man nichts anderes als Schlagworte und Phrasen.
Das einzige, was ich innerhalb der Kommunistischen Partei in bezug auf deren Bekämpfung der Dreigliederung gefunden habe, das ist, daß man sich dort einig ist - soweit einem das entgegentritt —, daß die Dreigliederung ganz gut ist, aber daß man sie bekämpfen muß. Darin ist man sich einig. Und von der anderen Seite her hat es sich gezeigt - glauben Sie nicht, daß mir irgend etwas an der Sache liegt, aber wenn es sich darum handelt, etwas durchzukämpfen, dann muß auf solche Dinge hingesehen werden -, daß man anläßlich des Erscheinens der ersten Nummer unserer Wochenschrift «Dreigliederung des sozialen Organismus» auf keinen einzigen der in diesem Blatt enthaltenen Gedanken eingegangen ist, aber daß man wüst geschimpft hat. Das resultiert aus der Stumpfheit, aus der Unfähigkeit, auch nur einen eigenen wirklichen Gedanken hervorzubringen. Daher kann man nichts anderes als schimpfen. Auch von dritter und vierter Seite ist manches angeführt
240 worden, was in eine ähnliche Richtung zielt. Die Dinge wurden immer so behandelt, daß schon bald deutlich wurde, daß all diese Kritiker wirklich sachliche Einwände gar nicht vorbringen. Einerseits offenbart sich da die Unfähigkeit, die Impotenz, andererseits die Dummheit, indem man immer wieder sagt, daß die Dreigliederung an sich ja gut ist, aber bekämpft werden muß. Nun, wenn auf diese Dinge nicht hingeschaut wird, wenn nicht der Krebsschaden als Folge der Parteibetriebsamkeit gesehen wird, dann kann nichts Heilsames aus dem Kampf, in dem wir uns befinden, herauskommen.
Meine sehr verehrten Anwesenden! Es ist heute wahrhaftig nicht die Zeit, in der man sich in solchem Parteigezänke verlieren darf, denn wir stehen heute nahe an dem Punkt, daß nämlich die Menschen, die eine solche Gesinnung haben wie Professor Gustav Roethe von der Berliner Universität, die ich Ihnen vorgelesen habe, auch in kapitalistischen Kreisen wieder die Oberhand gewinnen. Man braucht wahrhaftig kein Freund sein dieser Ideen, die ja nur Halb- oder Viertelsideen und obendrein ziemlich unpraktisch sind, und man braucht kein Freund zu sein von Wisseil und Moellendorffy aber man muß doch sagen, daß man von einer gewissen Seite her die Macht hatte, die beiden zu verdrängen. Wären sie von anderer Seite verdrängt worden, so wäre dies kein besonderer Schaden gewesen, aber daß man die Macht hatte, sie eben von jener Seite her zu verdrängen, das beweist den gegenwärtigen Ernst der Lage in Mitteleuropa. Das beweist, daß sich gewisse Kreise wieder sicher fühlen, Kreise, die sich vor verhältnismäßig kurzer Zeit noch sehr unsicher fühlten.
Vor ein paar Wochen, gerade in der Zeit, als ich von der Schweiz, von Dornach, nach Stuttgart kam und wir unsere Tätigkeit begannen, da war es noch so, daß sich das Unternehmertum, ja die führenden Kreise überhaupt, in einem gewissen Sinne unsicher fühlten. Da herrschte in diesen Kreisen noch eine ganz sonderbare Stimmung. Und da konnte man durchaus den Eindruck haben, daß dann, wenn eine energische Bewegung, die Inhalt und Sinn hat, kommt, etwas erreicht werden kann. Damals hatten die,
241 denen die Planwirtschaft und die Rahmengesetze von Moellendorff ein Greuel waren, noch nicht so viel Mut, um so kühn hervorzutreten, wie sie das heute tun. Weil man aber voraussehen konnte, wie sich die Sache entwickeln würde, wurde hier und auch in anderen Versammlungen, auf denen ich gesprochen habe, ein Gedanke immer wieder und wieder vorgebracht, für viele wahrscheinlich bis zum Überdruß, nämlich: Man schreite mit Bezug auf die Idee der Betriebsräte zur Tat, ehe es zu spät ist.
Im Zusammenhang mit der Verabschiedung von Moellendorff und Wissell gilt es zu beachten, daß das Betriebsrätegesetz nun neuerdings wiederum der Nationalversammlung vorgelegt worden ist. Alle diese Symptome können Sie zusammennehmen, und Sie werden es nicht unglaublich finden, wenn heute derjenige, der in diese Dinge etwas hineinschaut, Ihnen sagt: Das alles ist systematische Arbeit von der anderen Seite her, systematische Arbeit von Seiten der ehemaligen Unternehmer, die sich schon sehr am Rande des Abgrunds gefühlt hatten und die nun nach und nach die soziale Bewegung in Mitteleuropa lahmlegen. Von dieser Seite wird auch kein Mittel gescheut, auch mit der Entente zusammenzugehen, wenn es sich darum handelt, die soziale Bewegung in Mitteleuropa lahmzulegen. Wenn die Ideen derjenigen Leute, die heute am Werk sind, und das ist keine Übertreibung, sich erfüllen, dann ist es so, daß alles soziale Streben, wie Sie es empfinden, für viele Jahre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Denn da handelt es sich dann nicht darum, wie stark der Kapitalismus in Mitteleuropa ist, sondern darum, wie stark der Entente-Kapitalismus ist.
So verhalten sich die Dinge auf der einen Seite. Auf der anderen haben wir das wüsteste Parteigezänk, das hinwegzufegen die einzige Möglichkeit wäre, um zu einem sachlichen Streben zu kommen. Was offenbart denn dieses Parteigezänke? Es offenbart vor allem die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. In dieser Dreigliederung soll auf der einen Seite das Geistesleben eine selbständige Verwaltung haben, auf der anderen Seite soll das Staats- oder Rechtsleben eine eigene Verwaltung haben und auf der dritten Seite das Wirtschaftsleben. Innerhalb des Wirtschaftslebens
242 als einer rein wirtschaftlichen Einrichtung wollen wir die Betriebsräte entstehen lassen. Diese Betriebsräteschaft würde den Beginn einer wirklichen Sozialisierung dadurch einleiten, daß sie die Wirtschaftsverwaltung von dem geistigen und politischen Leben abtrennt. Wodurch wäre denn das Wirtschaftsleben am sichersten auch weiterhin dem Kapitalismus ausgeliefert? Dadurch, daß das Wirtschaftsleben weiterhin verquickt wird mit dem politischen Leben! Und was quiekt denn da eigentlich aus dem törichten Parteigezänke heraus? Es ist das wüste Durcheinanderwerfen und Ineinanderverschmelzen von wirtschaftlichen Gesichtspunkten und politischen Gesichtspunkten. Diese neuzeitlichen Parteien sind deshalb so schädlich, weil sie ganz auf dem beruhen, was sich als Verschmelzung des politischen mit dem wirtschaftlichen Leben überlebt hat. Daher hört man immer -wieder von Leuten, die von einer Struktur der sozialen Ordnung rein gar nichts verstehen, daß man erst die politische Macht haben muß und dann die wirtschaftliche. Dann kehren sie das wiederum um und so weiter. Aus all diesen Dingen spricht der wüsteste Dilettantismus. Daß gerade solche Anschauungen innerhalb der Parteien auftreten, zeigt, wie notwendig die Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Und in unseren Tagen sollte man, ich möchte sagen, wirklich wie schon beim Herannahen der zwölften Stunde, mit sich zu Rate gehen und sich fragen: Will man denn wirklich der Narr der heraufziehenden Reaktion dadurch sein, daß man blinder als jemals die scheinbar gutgläubigen Katholiken den Parteiparolen aufs Wort folgt? Will man sich denn nicht auf das eigene Urteil stützen? Hätte man sich auf das gesunde eigene Urteil gestützt, dann wäre die Betriebsräteschaft schon zustande gekommen. Denken Sie einmal, was das bedeuten würde, wenn die Betriebsräteschaft jetzt schon Wirklichkeit wäre und wenn jetzt die wirtschaftlichen Forderungen des Proletariats von den Betriebsräten aufgegriffen und hineintönen würden in all das, was sich jetzt abspielt innerhalb des wiedererstarkten Kapitalismus und Unternehmertums, in das, was getrieben wird von Seiten der Erzbergerei, die ja viel schädlicher ist, als man denkt, und in das, was mit
243 dem Friedensvertrag zusammenhängt. Die Leute haben immerfort betont, daß es sich vor allen Dingen darum handle, die politische Macht zu erobern.
Oh, meine sehr verehrten Anwesenden, es kommt mir nichts lächerlicher vor als solch eine Phrase. Man kann natürlich solche Phrasen, also daß man erst die politische Macht haben müsse, aussprechen. Wenn aber der erste Schritt getan werden soll, um überhaupt zur Macht zu gelangen, wie es durch die Wahl der Betriebsräte hätte geschehen können, dann wird dieser erste Schritt nicht getan. Er wird nicht getan, weil man es liebt, in großen Worten und Phrasen zu sprechen. Man liebt es aber nicht, wirklich sachgemäß an das heranzugehen, was wirklich notwendig ist.
Der bisher vorliegende Betriebsräte-Gesetzentwurf hat sich als etwas Unpraktisches, als etwas Unannehmbares entpuppt. Jetzt wird ein neuer Entwurf der Nationalversammlung vorgelegt, nachdem man ja den schüchternen Versuch von Moellendorff und Wissell, der auch Ansätze zu einer Planwirtschaft enthielt, in den Orkus hinabgestürzt hat und die beiden Persönlichkeiten gleich dazu. Das alles zeigt, welcher Unfug von einer gewissen Seite her getrieben wird, der aber zuletzt zu nichts führen kann. Man stelle sich vor, wenn seit vierzehn Tagen unsere Betriebsräteschaft in Württemberg tagen würde und jeden Tag greifbare Vorschläge für eine wirkliche Sozialisierung in die Welt senden würde! Wenn das der Fall wäre, dann könnte man sagen: Aus diesem Proletariat heraus, da ersteht der neue Geist, der für einen Neuaufbau notwendig ist. Wenn jetzt tausend Betriebsräte hier säßen und nicht nur die paar Männchen, dann konnten wir sagen: Wir lachen über das, was nach dem Beginn der Novemberrevolution und nach Ausbruch des Streiks jener Großindustrielle mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht hat: Wir brauchen nichts anderes tun, als zu warten! Denn der Zeitpunkt wird kommen, an dem die Arbeiter winselnd und flehend vor unserer Etablissementtüre erscheinen werden und zufrieden sein werden, wenn sie ein Viertel von dem arbeiten dürfen, was sie jetzt verlangen. - Nun, man ist aber heute noch nicht in der Lage, die Dinge mit dem nötigen Ernst
244 zu betrachten. Es reicht aber auch nicht aus, diesen Ernst nur in Worten zum Ausdruck zu bringen, sondern es kommt darauf an, daß sich dieser Ernst auch in Taten niederschlägt. Wenn man darauf hinschaut, daß die mitteleuropäischen Industriellen in bezug auf ihre Macht Unterstützung von Seiten der Entente bekommen werden, dann muß man doch zu dem Schluß kommen, daß diese Betriebsräteschaft entstehen muß, ehe es zu spät ist. Ich will mit alledem nicht sagen, daß man jetzt nichts mehr tun kann. Selbstverständlich muß in der angefangenen Richtung weitergearbeitet werden, aber es wäre ein Blinde-Kuh-Spiel, wenn man die Augen vor der allgemeinen Weltlage verschließen wollte. Wir stehen nun einmal in ihr drinnen, und eigentlich hätten wir nicht so in sie hineingeraten sollen, ohne daß wir schon Betriebsräte haben.
Sehen Sie, den richtigen Moment, den richtigen Augenblick zu erfassen, zu nutzen, das ist in Zeiten solcher Umwälzungen, in denen wir leben, von ganz besonderer Wichtigkeit. Da geht es darum, daß man nicht vier bis sechs Wochen warten kann mit demjenigen, was gleich geschehen soll. Heute wissen ja viele Leute, daß mit der großen Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts und mit den folgenden Revolutionen im 19. Jahrhundert eigentlich nur eine Art Emanzipation des Menschen als Staatsbürger erreicht worden ist. Aber die Tatsache, daß in einem gewissen Grade einzelne Menschen freier geworden sind, ist für die breite Masse des Proletariats bedeutungslos. Warum? Weil diejenigen, die sich gegen die alte Feudalordnung aufgelehnt haben, zwar die Staatsmacht erobert haben, aber es unterlassen haben, dem Arbeiter, auch wenn er jetzt persönlich frei war, die wirtschaftliche Zwangsjacke auszuziehen. Heute ist es an der Zeit, daß man einsieht, daß es mit der bloßen Eroberung der Staatsmacht nicht getan ist. Als Folge der Revolutionen gelangten zwar andere Menschen an die Macht, doch man schuf nicht wirklich etwas Neues. Der alte Rahmen des Staates wurde beibehalten. Und so arbeitete man immer weiter bis hin zur Weltkriegskatastrophe. Man preßte alles in den Rahmen des alten Einheitsstaates hinein. Heute ist die Zeit gekommen, wo man erkennen sollte, daß das Proletariat
245 nicht einfach das Bürgertum, das nur die Staatsmacht erobern wollte, nachahmen darf. Das Proletariat muß etwas Neues entwickeln und darf nicht festhalten am alten Einheitsstaat. Das Proletariat muß den dreigliedrigen sozialen Organismus zur Entfaltung bringen. Entweder man wird diese Dreigliederung begreifen, oder man wird wieder in ein solch unmögliches Gebilde hineinsegeln, wie es der Staat des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts war. Es ist nicht damit getan, daß man immer wieder sagt, daß man die alten Einrichtungen stürzen und an die Stelle des Kapitalismus neue soziale Formen setzen wolle! Man muß auch wissen, worin diese neuen Formen bestehen sollen! Deshalb ist auch versucht worden, mit meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» etwas vor die Menschen hinzustellen, was dem ersehnten sozialen Gemeinwesen nun wirklich eine organische Gliederung gibt. Es wird dort gezeigt, wie dieses soziale Gemeinwesen möglich werden, wie es sich gestalten kann. Was nützt es denn, wenn man immer sagt: Die Dinge müssen von selber kommen!
Nun, ich könnte mir vorstellen, daß solche Fanatiker des Vonselber-Kommens auch dann noch glauben, die soziale Ordnung sei von selber gekommen, wenn sie in Wirklichkeit hart erkämpft werden mußte. Sehen Sie, wenn der Hahn auf dem Mist vor Sonnenaufgang, also wenn es noch dunkel ist, kräht und dann die Sonne aufgeht, dann kann sich der Hahn einbilden, daß durch sein Krähen die Sonne aufgegangen ist. Ganz gewiß wird dadurch, daß man immer nur Sozialismus und Diktatur des Proletariats kräht, eine neue soziale Ordnung nicht heraufziehen. Diese kommt nur, wenn in einer genügend großen Anzahl von Menschen der Gedanke lebt: Wir müssen arbeiten, um diese neue soziale Ordnung herbeizuführen. Wir müssen aus unserer Mitte heraus diejenigen, zu denen wir Vertrauen haben, wählen, damit auf der Grundlage der vorhandenen wirtschaftlichen Erfahrungen etwas für das wirtschaftliche Leben Ersprießliches zustande kommt, das dann alle bürokratischen Gesetzes vorschlage und dergleichen, nach dem man von anderer Seite her strebt, in den Schatten stellen kann.
246 Ich frage Sie: Schreckt man denn vor solch einer Arbeit zurück, oder warum unterläßt man das Schaffen einer solchen Betriebsräteschaft, die ja wirklich dadurch, daß sie vom Vertrauen der Arbeiter getragen sein wird, ein Machtfaktor wäre? In dem Augenblick, dessen können Sie sich sicher sein, in dem eine solche Betriebsräteschaft neue fruchtbare Gedanken hervorbringt, in diesem Augenblick ist die Betriebsräteschaft auf bestimmten Gebieten die größte Macht. Das ist dann kein Krähen des Hahnes auf dem Mist, der glaubt, daß durch sein Krähen die Sonne aufgeht. Das ist ein Appell, an die Arbeit zu gehen, aber an eine solche Arbeit, von der man weiß, in welchem Sinn sie verlaufen soll.
Sehen Sie, allein aus einer solchen Empfindung heraus könnte, so glaube ich, der neue Geist erblühen. Aber solange dieser neue Geist nicht in den Gemütern lebt, so lange wird nichts Heilsames kommen. Und die jetzige wirtschaftliche Lage ist nun einmal so, daß vor allen Dingen daran gedacht werden muß, wie wir unser Wirtschaftsleben in Mitteleuropa wieder einigermaßen auf die Beine bringen. So werden neue Rohstoffquellen der verschiedensten Art erschlossen werden müssen, insbesondere im Osten. Da wird so manches notwendig sein, was die mitteleuropäische Unternehmerschaft bisher nicht in Angriff genommen hat. Allerdings lassen sich Rohstoffquellen in Sibirien wohl nicht mehr erschließen, denn der Lauf der Welt läßt dies heute nicht zu; das lassen die Amerikaner und die Japaner nicht mehr zu. Da, wo wir wirksam werden können, das ist der gesamte europäische Osten. Aber da wird es darum gehen, daß man den richtigen Ton findet, um mit der russischen Volksseele zusammenzugehen. Das war gerade das Schlimmste an den bisher leitenden industriellen Kreisen, daß sie nie den Ton gefunden haben, um mit anderen Volksseelen eine entsprechende Verbindung einzugehen. Auch deshalb muß ein neuer Geist in unser Wirtschaftsleben hinein. Ansonsten wird uns der Osten die Türe zuschlagen, nämlich vor allem dann, wenn wir mit dem Geiste kommen, den bisher unsere führenden Kreise entwickelt haben. Vor allem sind wir darauf angewiesen, mit dem Osten eine Brüderlichkeit, eine wirtschaftliche Brüderlichkeit zu
247 entwickeln, sonst kommen wir aus der Situation, in die wir hineingeraten sind, niemals heraus.
Ein neuer Geist nach den verschiedensten Richtungen hin ist notwendig! Dieser neue Geist möge in den Herzen und Gemütern aufkeimen, denn wir brauchen ihn. In dem, was ich Ihnen am Anfang vorgelesen habe, in dem können Sie den neuen Geist nicht finden, denn da wird gesagt, «daß wir vor der Revolution im ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Regierung vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen preußischen Beamtenstaat uns das Mitreden ersparen konnten, darin nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland allgemein, zumal auch in seiner wissenschaftlichen und technischen Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen hat. … Möge der deutsche Geist die Kraft entwickeln, sich durch die häßliche politische Sund- und Schlammflut wieder zu jenem rühmlichen Staate des Vertrauens durchzuarbeiten, wie ihn uns Preußen die Hohenzollern geschenkt hatten.»
So darf man heute nicht sprechen, das werden Sie einsehen. Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, ich werde diese Worte nun in eine andere Sprache übersetzen und frage Sie dann, ob man heute so sprechen darf: Daß wir vor der Revolution im ganzen auf die redliche und sachliche Zuverlässigkeit unserer Parteibonzen vertrauen durften, daß wir in dem vortrefflichen Parteibonzen-Bürokratismus uns das Mitreden ersparen konnten, darin nicht zuletzt wurzelt die geistige Überlegenheit, die Deutschland allgemein, nicht aber in seiner sozialdemokratischen und sozialistischen Entwicklung, während des neunzehnten Jahrhunderts erwiesen hat. Man kann nicht zwei Herren dienen, den Parteibonzen und der Dreigliederung. Die allgemeine Politisierung ist notwendig ein Feind strenger Sammlung und Versenkung in die Hingabe, in die Ergebenheit, in das Parteibonzentum. Möge der soziale Geist die Kraft entwickeln, sich durch die häßliche politische Sund- und Schlammflut wieder zu jenem rühmlichen Parteiwesen des Vertrauens durchzuarbeiten, wie ihn uns Sozialdemokraten die Parteibonzen geschenkt haben.
248 Sehen Sie, da haben Sie dieselben Gedankenformen nur auf etwas anderes angewendet. Ob man der Professor Roethe ist und so über die Hohenzollern spricht oder ob man irgendein gutgläubiger Parteimann ist und so über die Parteibonzen spricht, beides beruht auf denselben seelischen Empfindungen. Es macht den Menschen nicht freier, wenn er einfach anderen Götzen huldigt! Frei wird man dadurch, daß man sich auf sein eigenes Urteil, auf seine eigene Vernunft und auf seine eigene Empfindung stützt. An diese eigene Empfindung haben wir appelliert. Ich hoffe, daß sich doch noch die Tatsache herausstellt, daß wir nicht vergeblich appelliert haben, denn hätten wir vergeblich appelliert, so würde es schlimm um die Entwicklung des Proletariats stehen.



Diskussion

Das Verhältnis der Arbeiterschaft zur Dreigliederung. Zur Frage der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, insbesondere von Grund und Boden. Votum von Emil Molt über sein Engagement als Unternehmer und Kommerzienrat für die Begründung von Betriebsräten. Votum von Hans Kühn zu Vorurteilen gegenüber der Dreigliederung. Das Wesen des Syndikalismus und seine Bestrebungen sowie die in ihm veranlagten Ähnlichkeiten mit den Bestrebungen der Dreigliederung. Die Arbeiterbewegung in Frankreich, England, Amerika und Deutschland. Das Phlegma der Massen und der soziale Geist der Zukunft. Über die Notwendigkeit der Überwindung der Phrase und des Übergehens zu dem, was Tat werden kann.

248 Herr Huch: Der Redner ist mit Herrn Dr. Steiners Ausführungen völlig einverstanden und spricht sein Bedauern darüber aus, daß die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus nicht so aufgenommen wird, wie es nötig wäre. Er sieht die Schuld zum großen Teil bei den Gewerkschaften. Als Mitglied eines Arbeiterausschusses bemerkt auch er, daß das Unternehmertum heute wieder ganz anders auftritt als vor sechs bis acht Wochen.

Herr Fischer: Er stellt sich als Gewerkschaftsführer vor und verteidigt die Arbeit der Gewerkschaften gegen den Herrn Vorredner. Es liege, so führt er aus, an den Arbeitern selbst, wenn die Gewerkschaft nicht richtig vorgehe. - Der schlechte Besuch der heutigen Versammlung hängt wohl auch damit zusammen, daß die Arbeiter mißtrauisch sind gegen alles, was von Philosophen, Theosophen und Kommerzienräten kommt. - Bezüglich der Betriebsräte tadelt Herr Fischer, daß sich auch die Betriebsräte in Deutschland zersplittern. Wenn jetzt in verschiedenen Städten unabhängig voneinander und von verschiedenen Branchen ausgehend Konkurrenzen stattfinden über Betriebsräte, so ist das ein großer Fehler. Der Redner bekennt sich als Anhänger der Betriebsräte. In dem Augenblick, wo die Parteien und die Gewerkschaften sich überlebt haben, müssen sie selbstverständlich hinweggefegt werden; es fragt sich nur noch, was wir an
249 deren Stelle setzen. Man muß sich darüber im klaren sein, daß man so ohne weiteres die Organisationen, die bisher das Vertrauen der Massen hatten, nicht auf die Seite werfen kann. - Der Redner kann sich nicht denken, wie in einer Betriebsräteschaft Einigkeit herrschen soll, wo doch dort Menschen der verschiedensten wirtschaftlichen und politischen Anschauungen sitzen werden. Wenn praktische Sozialisierung getrieben werden soll, dann muß man damit anfangen, Produktionsmittel sowie Grund und Boden den Ausbeutern aus den Händen zu nehmen und sie in den Besitz der Gesellschaft überzuführen, weil die Macht der Kapitalisten auf dem Besitz dieser Mittel beruht. - Der Redner bittet Herrn Dr. Steiner, ihm den Weg anzugeben, wie die Betriebsräte diese Aufgabe lösen können. Ferner wird Herr Dr. Steiner gebeten, Aufschluß zu geben darüber, wie seiner Meinung nach die Betriebsräte in die Lage versetzt werden können, um den Bedarf festzustellen. Denn solange der Arbeiter fragen muß: Habe ich genug zum Leben? -, so lange wird er sich nicht mit hohen geistigen Problemen beschäftigen. Die ausgehungerten Massen lechzen nach Brot, nicht nach geistigen Idealen. Erst wenn wieder Nahrung da ist, wird auch geistige Spannkraft dasein. Die große Masse wird sicher nicht um Arbeit winseln und betteln, sondern sie wird die Gesellschaft zum Teufel jagen. Die Auseinandersetzung des Proletariats mit den Kapitalisten wird nicht in Form von schönen Vorträgen vor sich gehen, sondern in der Form, daß Gewalt angewendet werden muß.

Ein weiterer Diskussionsredner: Der Gedanke des Herrn Dr. Steiner, daß wir uns nach dem Osten hin orientieren müssen, deckt sich mit dem, was auch ich in einer Versammlung ausgeführt habe. Auch ich habe gesagt, daß aus dem Osten das Neue kommt; dort ist eine neue Gesellschaftsform entstanden, vielleicht noch nicht so, wie sie sein soll, aber von dort kommt das Neue, und wir müssen uns nach dorthin orientieren. Was erleben wir? Unsere Regierung hat nichts anderes gewußt, als ängstlich nach dem Westen zu sehen und darauf zu achten, daß nichts anderes geschieht, als was der Entente lieb ist. Das ist das ganze Übel, mit dem wir es heute zu tun haben. An die Stelle des deutschen Kapitalismus ist eben der Entente-Kapitalismus getreten, und wir werden sehr schwere Kämpfe hinter uns zu bringen haben, wenn wir diesen Entente-Kapitahsmus aus der Welt schaffen wollen. Diesen Weg zu weisen ist noch niemandem gelungen. Wenn es Dr. Steiner gelingt, wird die Arbeiterschaft ihm folgen.
250 Rudolf Steiner: Ich will zunächst einige Bemerkungen vorausschicken, bevor ich auf die Worte des Herrn Vorredners zurückkomme.
Zunächst wurde gesagt, daß die Arbeiterschaft stark voreingenommen sei gegen die Dreigliederung, da sie eben ausgehe von Philosophen, Kommerzienräten und dergleichen. Die Sache stimmt ja gar nicht, sondern die Wahrheit ist, daß die Arbeiterschaft zu Beginn unserer Tätigkeit gar nicht sehr voreingenommen war. Vielmehr hat sich herausgestellt, daß wir Tausende und aber Tausende von Anhängern fanden für das, was wir nicht als eine utopistische Idee verbreiten, sondern als etwas, was unmittelbar Tat-Keimgedanken sind, wie ich sie damals genannt habe. Die Arbeiter haben sich dazumal einen Teufel darum geschert, ob diese Gedanken von Philosophen oder Kommerzienräten kommen, sondern sie haben sich auf ihren gesunden Menschenverstand verlassen und zugehört. Und diejenigen, die voreingenommen waren, die pfiffen von einer ganz anderen Seite her. Und die haben es dahin gebracht, daß diese Voreingenommenheit erst nach und nach entstanden ist. Also, die Sache ist eine ganz andere.
Obwohl der Herr Vorredner die ja wirklich einige bessere Züge zeigende Bewegung der kaufmännischen Angestellten, die es verdiente, von der übrigen Arbeiterschaft etwas genauer studiert zu werden, richtig charakterisiert hat, lassen seine Worte doch erkennen, daß ihm das, was die Dreigliederung im allgemeinen ist und was sie im besonderen mit der Gründung einer Betriebsräteschaft will, ganz und gar unbekannt ist. Denn das ist es ja gerade, was am schärfsten von Seiten der Dreigliederung des sozialen Organismus bekämpft werden muß, nämlich daß diese Zersplitterung eintritt. Es war niemals unser Bestreben, lediglich Betriebsräte für irgendwelche Branchen zu schaffen beziehungsweise innerhalb der Betriebsräteschaft zu individualisieren. Wie oft ist gesagt worden: Wenn Betriebsräte für die einzelnen Branchen geschaffen werden, so ist das das Gegenteil dessen, was im Rahmen einer wirklichen Sozialisierung angestrebt werden muß. Wir haben immer eine Betriebsräteschaft angestrebt, die sich einheitlich über ein größeres, in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet erstreckt. Und erst aus einer
251 solchen Betriebsräteschaft sollte dann alles, was zur Individualisierung notwendig ist, hervorgehen. Daß die Sache die Gestalt angenommen hat, daß in einzelnen Branchen mehr Eifer gezeigt wird als in anderen, das hat nichts zu tun mit der Betriebsräteschaft, wie sie hätte von der Dreigliederungsidee her entstehen sollen.
Ja, und dann brachte der Vorredner noch das Argument, daß man damit anfangen müßte, die Produktionsmittel sowie Grund und Boden in den Besitz der Gesellschaft überzuführen. Versuchen Sie nur einmal das, was mit diesem nebulosen Satz eigentlich gemeint ist, konsequent zu Ende zu denken! Bedenken Sie einmal, was eine solche Forderung praktisch bedeutet! - Ich möchte da noch an etwas anknüpfen. In irgendeiner Stadt, ich glaube, es war in Göppingen, sprach ich einmal über diese Dinge, und nach mir sprach ein Mann, der von einem gewissen Gesichtspunkte aus eigentlich ganz gut sprach. Er war wohl Kommunist. Er sagte, er sei Schuhflicker. Zunächst hat er sehr gut gesprochen, aber dann kam etwas Merkwürdiges, er sagte: Ja, das weiß ich schon, daß ich, nachdem ich nichts gelernt habe, kein Standesbeamter werden kann, dazu braucht man Intelligenz. - Nun, verzeihen Sie, dazu gehört wohl nicht so sehr viel Verstand, aber sehr viel Verstand und sehr viel Einsicht gehört zu dem, was dieser Mann wissen wollte über die Eroberung politischer Macht und dergleichen. Diese Dinge müssen ins Auge gefaßt werden.
Nun, es handelt sich doch konkret um die Frage, wie sich die grundsätzlich ja richtige Forderung nach einer Überführung der Produktionsmittel sowie des Grund und Bodens in die Allgemeinheit vollziehen läßt. Es müssen natürlich dann auch die Menschen vorhanden sein, die die Produktionsmittel sowie Grund und Boden sachgemäß werden verwalten können. Die Sache ist ja so: Dasjenige, was bisher die kapitalistische Produktionsform war, das hat eine ganz bestimmte Konfiguration; dazu war eine ganz bestimmte Art der Handhabung notwendig. Diese muß umgewandelt werden in eine andere Handhabung, und diese muß erst geschaffen werden. Sie können heute, bevor Sie nicht konkrete Ansätze haben bezüglich der Verwaltung der Produktionsmittel sowie des Grund
252 und Bodens, nicht einfach die Überführung der Produktionsmittel und so weiter in die Allgemeinheit fordern! Das ist ja dann dasjenige, was die Betriebsräte dann ja ganz praktisch in die Hand nehmen sollen. Man kann nicht mit Sätzen, mit Theorien etwas revolutionieren, sondern nur mit Menschen, und diese Menschen hätten die Betriebsräte sein sollen, und zwar die einheitliche, nicht die zersplitterte Betriebsräteschaft. Das ist es, worum es sich handelt. Man kommt nicht weiter, wenn man immer wieder sagt, daß die Vorschläge der Philosophen und Kommerzienräte aus den Wolken kommen, und diesem dann eine sogenannte Praxis entgegenstellt, die noch viel nebuloseren Regionen entsprungen ist, weil es sich dann zeigt, daß man überhaupt nicht sagen kann, wie sich solche Dinge wirklich vollziehen lassen. Aber gerade um dieses «Wie» handelt es sich ja. Dieses «Wie» ist ausgearbeitet in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage»; man braucht sie nur zu verstehen, darum geht es.
Ja, und dann ist auch schon wiederholt gesagt worden, daß wir erst die Wirtschaftsordnung ändern müssen. Das Geistige wird dann schon von selbst entstehen. - Das wird es nicht. Wir brauchen bereits diesen neuen Geist, um die Wirtschaftsform zu ändern. Und man redet gerade dann unpraktisch, nebulos, wenn man immer wieder sagt: Wir ändern die Wirtschaftsform, dann kommt der neue Geist schon von selbst. Nein, Sie brauchen den neuen Geist, um damit die Wirtschaftsform zu ändern. Deshalb sage ich Ihnen: Meinetwillen jagen Sie die ganze Gesellschaft - nach den Worten des verehrten Vorredners - weg, aber machen Sie sich dann auch klar, was Sie zu tun haben, wenn Sie die alte Gesellschaft weggejagt haben. Wissen Sie, was Sie dann machen wollen? Sie können ja nicht dasselbe machen, sonst brauchten Sie sie nicht zu verjagen. Wenn Sie die ganze Wirtschaft zentralisieren und Oberbonzen über Oberbonzen hinstellen, glauben Sie, daß dadurch etwas verbessert wird? Das mochte ich sehen, ob etwas für die arbeitende Masse besser wird, wenn Sie nun die ranghöchsten Gewerkschaftsbonzen statt der Kapitalisten und Unternehmer an die obersten Stellen setzen würden. Das ist das, was Sie sich
253 überlegen sollen. Das ist eben das, was sich aus praktischen Überlegungen ergab, so sympathisch mir auch der ganze Ton des Herrn Vorredners war. Aber es ist noch nicht verstanden worden, um was es wirklich geht, denn alles das, was in der optischen Industrie, in der Autoindustrie und dergleichen geschieht, ist das Gegenteil von dem, was hier propagiert wird. Und deshalb genügt es nicht, nur Wege zu zeigen, sondern es muß ein wirkliches Verständnis in der breiten Arbeiterschaft Platz greifen und dann in der konkreten Praxis zur Entfaltung gebracht werden. Deshalb glaube ich meinerseits sagen zu müssen, wenn gesagt wird: Der Steiner zeigt uns die Wege -, daß es nichts nützen wird, daß ich diese Wege zeige, solange immer wieder große Massen vom Verständnis abgehalten werden dadurch, daß immer wieder Leute kommen, die diesen Weg noch nicht verstanden haben und dann vom Gegenteil reden, wie es eben wieder geschehen ist, und dann sagen: Wenn uns die Wege gezeigt werden, werden wir ihnen folgen; ich lasse mich gerne belehren. - Wenn aber etwas gezeigt wird, dann wendet man ein, daß es nichts ist. Nein, solange dies der Fall ist, kommen wir nicht vorwärts. Wir kommen nur vorwärts, wenn wir uns einen Instinkt für das Richtige aneignen. Und das ist es, was wir vom «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» vermissen. Zunächst haben wir einen gewissen gesunden Masseninstinkt gefunden, dann aber haben wir erfahren müssen, daß der Gehorsam gegenüber den alten Führern doch ein großer ist. An der Entstehung eines gesunden Instinktes werde ich nicht zweifeln, aber er wird erst hervortreten, wenn nicht mehr jene Redner gegenüber den Massen auftreten, die, ohne ausreichend in die Sache einzudringen, einfach reden und die Massen davon abhalten, weitere Schritte zu tun, ja im Gegenteil sie immer wieder zum alten Gehorsam und zu zweifelhaften Ideen zurückbeziehungsweise hinführen, indem sie immer wieder sagen: Macht ruhig Betriebsräte; sie werden doch wieder zersplittern.
Wenn wirklich das, was wir angestrebt haben, verwirklicht worden wäre, dann würden wir keine Zersplitterung haben, sondern eine einheitliche Gestaltung der wirtschaftlichen Belange innerhalb
254 der Betriebsräteschaft in die Zukunft hinein, zumindest für Württemberg. Das würde dann anfeuernd wirken für andere und über dieses Wirtschaftsgebiet hinaus wirksam werden können.

Herr Fischer: Er stellt fest, daß sich seine Kritik an den Betriebsräten nicht gegen Herrn Dr. Steiner gerichtet habe, sondern gegen die eingangs von dem Vorsitzenden gemachten Ausführungen … Ich habe gesagt: Ich bin überzeugt, daß die Ideen, die Dr. Steiner ausgearbeitet und in die Massen getragen hat, andere waren. Es ist aber etwas anderes propagiert worden, als es sich in der Praxis gezeigt hat. - Herr Dr. Steiner hat gesagt, daß die Vergesellschaftung der Produktionsmittel eine Phrase sei und daß nachher niemand da wäre, der wissen würde, wie die Produktionsmittel dann zu verwalten waren. - Es wäre doch traurig, wenn die Arbeiter und die Angestellten, die seither die Arbeit gemacht haben, nicht wüßten, was sie mit den Produktionsmitteln anzufangen hätten! Ich verstehe darunter, daß man die Aktionäre aus der Welt schafft und sagt: Die Aktien haben keinen Wert mehr. Die Sache geht in den Besitz der Allgemeinheit über und wird von der Allgemeinheit verwaltet. - Herr Dr. Steiner stellt geistige Ideen über alles. Die Arbeiterschaft will aber heute nur Brot, weil sie körperlich heruntergekommen ist und nicht in der Lage ist, geistige Ideen anzunehmen. Ich bitte Herrn Dr. Steiner, darauf einzugehen und zu zeigen, wie den Massen diese Ideen zugänglich gemacht werden können mit hungrigem Magen.

Rudolf Steiner: Das ist eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Denken Sie, es wird auf der einen Seite gesagt: Wir können die Produktionsmittel in die Allgemeinheit überführen. - Nun, eine wirklich konkrete Körperschaft, die diese Allgemeinheit repräsentieren würde, das wären eben die Betriebsräte. Solch eine Körperschaft aber muß erst geschaffen werden, sie ist nicht da! Gewiß, die große Masse ist durch den Hunger geschwächt. Aber sollen wir denn warten, bis Manna vom Himmel fällt, damit Brot da ist und dann sozialisiert werden kann? Das ist eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Wir müssen selbstverständlich beides zur gleichen Zeit anstreben, und wir werden nichts erreichen, wenn wir nicht alle zusammenarbeiten, denn das Manna wird nicht einfach vom Himmel fallen. Es muß gearbeitet werden! Alle
255 werden wir arbeiten müssen, aber wir werden doch nur wirklich arbeiten wollen, wenn wir sehen, was bei dieser Arbeit herauskommt. Wir werden selbst noch mit geschwächten Muskeln, mit hungrigem Magen arbeiten, wenn wir wissen: Morgen führt unsere Arbeit zu einem Ergebnis. - Aber wenn uns immer nur gesagt wird, es soll sozialisiert werden, dann werden wir auch mit hungrigem Magen nicht arbeiten können, weil wir wissen, daß wir auch morgen nicht satt werden, wenn wir nicht mit praktischen Ideen arbeiten.
Es kommt also heute darauf an, daß wir uns auf dieses einlassen und zudem sagen: Nun schön, die alte Gesellschaft wurde ja am 9. November in großen Scharen davongejagt […] Der Herr Vorredner, der überhaupt sehr Gutes gesagt hat, hat dann sehr gut geschildert, was dann eingetreten ist. Ich will jetzt nicht untersuchen, wieviel von dem, was da eingetreten ist, auf Unfähigkeit zurückzuführen ist. Ich führe nämlich mehr auf die Unfähigkeiten der heute Herrschenden zurück als auf ihren bösen Willen. Aufgrund dieser Unfähigkeit kommt auch immer wieder das, was eigentlich überwunden werden sollte, zum Zuge. Das muß vermieden werden. Ob nun mit oder ohne Gewalt diese Gesellschaft, von der heute die Rede war, davongejagt wird, das ist eine andere Frage. Aber diejenigen, die sich an deren Stelle setzen, die müssen wissen, was sie wollen. Das allein ist praktisch gedacht. Und das ist das Bestreben des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus», daß der 9. November keine Wiederholung findet und daß nicht nach ein paar Monaten wieder gesagt werden muß: Nun seht Ihr, nun haben wir überall im wirtschaftlichen Leben ein anderes Regime, aber das macht es geradeso wie das frühere. - Das muß verhindert werden. Das kann aber nur dadurch verhindert werden, daß man eine Betriebsräteschaft auf die Beine stellt und dann zeigt, daß unter dem neuen Regime eben anders gearbeitet wird. Natürlich, wenn unter der arbeitenden Bevölkerung, unter den Angestellten sich keine Menschen finden lassen könnten, die wirklich arbeiten können, dann müßte man in der Tat verzweifeln. Aber das ist es nicht allein. Wesentlich ist, daß dann neue
256 Formen der Sozialisierung sichtbar werden. Die Leute sind ja alle gewöhnt, unter dem alten Regime irgendwie zu arbeiten. Deshalb muß nun, wenn die Macht errungen ist, von denen, die sie errungen haben, wirklich erkannt werden, wie man mit dieser Macht umzugehen hat. Also, es handelt sich darum, die Sache einmal wirklich praktisch anzufassen. Und das ist das Traurige, daß man gerade für ein solches praktisches Vorgehen heute kein Verständnis hat und immer wieder mit alten Phrasen kommt. Mißverstehen Sie mich nicht, ich sage nicht, daß die Überführung der Produktionsmittel sowie des Grund und Bodens in die Gemeinschaft eine Phrase als solche ist. Das habe ich nicht gesagt. Aber Phrase, was ist eine Phrase? Etwas ist für den einen eine Phrase, weil er hinter den Worten nichts Besonderes sehen kann, während es für den anderen eine tiefe goldene Wahrheit ist, weil er etwas Konkretes dahinter sieht. Wenn zum Beispiel Bethmann-Hohlkopf, ich will sagen, Bethmann-Hollweg, sagt: Freie Bahn dem Tüchtigen! -, so ist das eine Phrase, weil er vielleicht darunter versteht, daß zum Beispiel sein Neffe oder ein anderer der Tüchtigste ist. Wenn aber jemand, der wirkliche soziale Einsichten und eine wirkliche Menschenempfindung hat, sagt: Freie Bahn dem Tüchtigen! -, so ist das keine Phrase, so ist das real. Wenn jemand einfach die alte Parteiphrase von der Vergesellschaftung der Produktionsmittel immer wieder benutzt, dann kann es eine reine Phrase sein. Wenn derjenige es sagt, der es so charakterisiert, wie es in meinem Buch steht, dann ist es keine Phrase, dann ist es Ausdruck für eine Realität. Deshalb müssen Sie nicht glauben, daß, wenn ich etwas eine Phrase nenne, dieses absolut gemeint ist. Ich meine, eine Phrase ist es dann, wenn hinter dem Gesagten nicht die nötige Realität steht. Das ist es, was ich noch sagen wollte.

Herr Roser: Der Herr Vorredner befindet sich in einem Irrtum, wenn er meint, daß ich die Betriebsräte in der Schuhindustrie deshalb begrüßt hätte, weil sie sich separat gebildet haben. Ich wollte nur feststellen, daß die Lederindustrie die Dreigliederung des sozialen Organismus erfaßt hat. Ich muß feststellen, daß die Betriebsräte der Schuhwarenindustrie sich
257 fest auf dem Boden der Dreigliederung gebildet hat; nur deshalb habe ich die Sache begrüßt. An einem Punkt muß doch der Anfang gemacht werden.

Frau Bühl: Ich möchte dem Herrn Fischer doch sagen, daß der Herr Gewerkschaftssekretär gesagt hat: Ohne Gesetz keine Betriebsräte; das Gesetz muß erst geschaffen werden. Die Hauptschuld, daß wir noch keine Betriebsräte haben, liegt bei den Parteien. Es ist eine Schande, daß, wenn man an Versammlungen ist und von seiner Überzeugung spricht, es dann gleich heißt: Das ist auch so eine von denen von Dr. Steiner. - Warum darf man denn nicht einmal seine Überzeugung zum Ausdruck bringen? - Und dann kommt man uns immer mit den «Kommerzienräten»! Warum sprechen Sie immer in der Mehrzahl? Ich kenne bloß einen Kommerzienrat bei uns, und es wäre kein Fehler, wenn wir deren ein paar Dutzend hätten. Was der eine Kommerzienrat schon alles geschaffen hat! Erstmal die freie Schule. Es ist eine Schande, wenn man hört, wie die Sache beurteilt wird. Es ist doch gut, wenn Kommerzienräte es so machen. Ich kann keine Schule aufmachen. Das ist das dumme Mißtrauen bei der Arbeiterschaft und bei den Parteien. [Zuruf: Woher hat er das Geld?] Der eine macht sein Portemonnaie auf, der andere macht es nicht auf; das ist der Unterschied. Wenn ein Mensch sozial denkt und eine Empfindung hat für seine Arbeiter, das ist die Hauptsache!

Herr Huth: Die Ausführungen des Herrn Fischer rufen mich auf den Plan. Ich will ihm zunächst gern bestätigen, weil ich ihn kenne, daß er nicht zu denjenigen Gewerkschaftsbonzen zählt, die sich im Geiste eines Legiert bewegen, sondern zu denen, die im Sinne einer wirklich revolutionären Arbeiterschaft tätig sind. Wenn er aber kritisiert, daß sich in der Schuhindustrie Betriebsräte gebildet und sich zusammengeschlossen haben, und wenn er damit feststellen will, daß damit eine Zersplitterung stattfinden würde, weil noch andere Berufszweige Betriebsräte haben, so muß ich ihn eines anderen belehren. Wir haben ja in der Schuhindustrie, als wir unsere Betriebsräte wählten, ziemlich lange gewartet, bis auch die Metallindustrie hier dazu übergehen würde, ihre Betriebsräte zu wählen, um mit denen zusammen eine Betriebsräteschaft im Sinne der Dreighederung zu bilden. Nachdem aber die Zeit verstrichen ist, und zwar durch die Schuld der proletarischen Parteien, und in den anderen Berufen die Sache noch nicht soweit gediehen ist wie bei der Schuhindustrie, haben
258 wir uns sagen müssen: Es hat keinen Sinn, wenn wir uns nicht zusammenfinden und aus uns heraus praktische Arbeit leisten. Wir müssen eine Betriebsräteschaft bilden, auch wenn sie noch so klein ist, und dann den Gedanken der Betriebsräteschaft hinaustragen in die Kreise derjenigen Arbeiter, die noch nichts in dieser Richtung unternommen haben.
Wir können nicht warten, bis irgendeine Regierung uns die Sozialisierung bringt. Die Befreiung des Proletariats muß vom Proletariat selbst kommen, und wenn es auf einem Wege ist, den ein Philosoph gezeigt hat, wenn der Weg gut ist. Es wurde darauf hingewiesen, daß immer wieder das alte Schlagwort: Wir müssen uns zuerst die politische Macht erobern - in den Köpfen spukt. Das wird den Proletariern immer wieder eingehämmert. Dieses Wort ist tatsächlich eine Phrase, eine Verlogenheitsphrase der Parteien, die sich heute proletarisch nennen, aber nicht wissen, was sie in der gegebenen Stunde zu tun haben. Weil sie das nicht wissen, vertrösten sie das Proletariat immer auf den großen Kladderadatsch, bis wir Zuwachs von Westen bekommen, der uns die politische Macht in die Hand geben wird. - Wir hatten die Macht, aber was haben wir mit ihr getan? Wir haben sie wieder aus der Hand gleiten lassen, weil wir nichts mit ihr anzufangen wußten. Wir müssen dazu übergehen, nicht die politische Macht, sondern die wirtschaftliche Macht zu erobern durch die Betriebsräte. Dann wird uns die Macht nicht mehr aus der Hand gleiten können. Die Betriebsräte, die nur wirtschaftliche Instrumente sein sollen, werden dann ergänzt werden durch politische Räte, durch eine Rechtsorganisation. Wenn wir aber diesen beiden Organisationen nicht auch die geistige Organisation zugesellen, dann werden wir nicht zu gesunden Zuständen kommen, wie es Rußland zeigt. Die Führer der USP haben sich zu einer Zweigliederung schon aufgeschwungen. Aber auch der kulturelle Teil darf nicht vergessen werden!
Wenn ich Däumig oder Müller lese, muß ich mir sagen: In die Praxis umgesetzt, wird das zur Dreigliederung führen, denn sie haben den kulturellen Teil eigentlich nur vergessen. - Ich bin Mitglied der USP, aber ich scheue mich nicht, den Parteien das Zeugnis auszustellen, daß sie nicht wissen, was zu tun ist. Als Proletarier müssen wir sagen: Wenn ihr es nicht versteht, uns zu führen, dann habt ihr den Platz zu verlassen. - Jede Bewegung hat die Führer, die sie verdient; wir auch. Das Proletariat hat in seiner Gesamtheit noch nicht den Mut aufgebracht, den Führern zu sagen, wer sie sind. Wenn es auch schon reichlich spät ist, so müssen wir die Frage der Betriebsräte trotzdem mit erneuter Energie aufgreifen.
259 Herr Molt: Es ist heute abend wiederholt die Rede von dem gewesen, der zu Ihnen spricht und der, wenn ich so sagen darf, der alten Räteschaft noch angehört. Herr Fischer, dem zu begegnen ich jetzt nicht zum ersten Mal das Vergnügen habe, hat die konkrete Frage an mich gestellt, woher das Geld eigentlich komme, das ich habe. Dieses Geld kommt genau von demselben Kapitalismus her, von dem auch Herr Fischer sein Geld bezieht, also auch aus dem kapitalistischen Wirtschaftskreislauf. Und die Frage ist nur, ob man das Geld, das man auf kapitalistischem Boden erwirbt, für sich behält oder ob man es zurückgibt an die Allgemeinheit. An ihren Taten sollt ihr sie erkennen! - Früher sagte man: An ihren Früchten. - Wenn man eine Schule begründet, damit der wahre Sozialismus durchgeführt wird, wenn man das, was man erspart hat durch saure Arbeit - wirklich durch Arbeit, nicht durch Kapitalismus -, wenn man das dazu verwendet, daß die heranwachsende Generation auch andere Dinge kennenlernt, als was wir kennengelernt haben, so würde ich eben das die praktische Frucht einer guten Idee nennen. Wenn sie nur deshalb entstanden ist, weil ich während des Krieges den Magen noch etwas besser füllen konnte und dadurch eine gute Idee hatte, dann ist es doch gut, daß die wenigstens da ist. Die Idee scheint eben wirklich dazusein. Und wenn nicht überall gute Ideen sind, dann kann man wenigstens froh sein, daß noch Menschen da sind, die Ideen haben, und die Hauptsache ist, daß sie durchgeführt werden.
Sehen Sie, die Frage der Betriebsräte, die Herr Fischer so gründlich mißverstanden hat, sie ist wirklich in ein viel ernsteres Stadium getreten, als es heute abend zum Ausdruck gekommen ist. Es handelt sich wahrhaftig um Sein oder Nichtsein! Entweder wir schaffen die Betriebsräte, dann haben wir den Sozialismus, oder wir gehen am Entente-Kapitalismus zugrunde, nicht nur der Handarbeiter, sondern auch der Kopfarbeiter. Und diese Tatsache, zusammen mit einer wahren Idee vom Sozialismus, die kann auch schon unsere Zeit innerlich dafür erwärmen, daß man wahr macht die Betriebsräte und selbst als Kommerzienrat sich in den Dienst dieser Sache stellt, und zwar deshalb, weil man es auch wirklich ehrlich meint. Und daß man es ehrlich meint, beweist die wunderbare Tatsache, daß selbst Proletarierversammlungen diesen merkwürdigen Kommerzienrat wünschen, um ihnen Vortrage über Betriebsräte zu halten, nicht zum Nachteil dieser Versammlung. Deshalb stehe ich gewissenhaft auf dem Boden der Betriebsräte wie auf dem Boden der Breigliederang des sozialen Organismus. Diese Betriebsräte sind eben anders als die in der Autobranche
260 und in der optischen Branche, denn diese sind ja nichts anderes als politische Mittel, um die Parteien zu stärken, sie sind nicht deshalb da, um das Wirtschaftsleben im großen und wahren Maßstabe gründlich zu sozialisieren. Deshalb wenden wir uns ja vom «Bund für Dreigliederung» aus mit dieser großen Entschiedenheit dagegen, daß man etwa die Betriebsräte, die von den Parteien kommen, verwurstelt mit denen, die wir wollen.
Sie haben wohl schon heute in einer Tageszeitung gelesen, daß dieses Betriebsrätegesetz wiederum an die Regierung gelangt ist. Wir sind uns klar darüber, daß die Betriebsräte nicht normiert werden können, weil eben jeder Betrieb anders ist. Das Wirtschaftsleben kann weder durch politische Macht noch durch Gesetze geregelt werden, sondern es kann sich nur aus sich selbst regeln. Wenn das Gesetz einmal da ist, so ist es schwer, dagegen anzugehen; da muß man schon ein Revolutionär sein. Wenn man aber nicht einmal gegen die Entwürfe ernstlich Stellung nimmt, wieviel weniger wird es möglich sein, wenn das Gesetz einmal da ist? Wenige Wochen trennen uns noch von diesem Gesetz. Diese Zeit muß genutzt werden. Wird sie nicht genutzt, so ist es einfach zu spät mit den Betriebsräten und mit dem Sozialisieren. Deshalb wünscht man so sehnsüchtig, daß endlich die Arbeiterschaft aufwacht. Es ist nicht richtig, wenn man meint, die Arbeiter seien voreingenommen gegen «Philosophen und Kommerzienräte». Die Sache liegt anders. Wer die Zeitung gelesen hat und gelesen hat, was der «Sozialdemokrat» zu dieser Waldorf schule gesagt hat - er sagt: «Die Schule ist schön, aber sie kommt von Fabrikanten, also ist sie überhaupt nichts» -, der muß sich schon sagen: Das sind die Menschen, die den wahren Sozialismus und den wahren Fortschritt hemmen. Die Parteibonzen aller Schattierungen sind schuld, daß unsere ehrlichen Bestrebungen und die Betriebsräte bis jetzt nichts wurden. Aber das Proletariat wird ja selber in Bälde sehen, wie es in Elend und Not hineingetrieben wird, wenn es sich nicht rechtzeitig aufrafft.
Dieser Appell sollte heute noch einmal an Sie gerichtet werden. Es ist keine Zeit zu verlieren! Wir haben nur noch drei bis vier Wochen. Wenn die versäumt werden, ist es endgültig aus. Damit Sie sehen, wie ernst es ist, möchte ich Ihnen ein paar Zeilen aus einem Brief vorlesen, der gerade heute in meine Hand kam. Dieser Brief stammt von einem deutschen Diplomaten, der an erster Stelle steht im Ausland, und Sie sollen hören, wie von jener Seite die deutschen Zustände charakterisiert werden:
261

«Die Zustände in der Heimat werden immer schlimmer, und ich fürchte, die Katastrophe, die man durch Annahme des Friedens vermeiden wollte, ist nur aufgeschoben, um dann um so gewaltiger über uns hereinzubrechen. Das, was man in Deutschland jetzt Regierung heißt, ist doch nur eine Karikatur einer solchen, schwankend zwischen Parteidoktrinen und Angst vor der Revolution von links nach rechts. Dabei geht die Moral des Volkes vollends in die Brüche. Mit welcher Geschwindigkeit unser Ansehen im Auslande sinkt, ist nicht zu beschreiben; dabei viel zu retten ist unmöglich.»


Das ist ein heute eingetroffener Brief eines deutschen Diplomaten an erster Stelle, der die Verhältnisse kennt und weiß, wie die Dinge liegen, wie man heute im Ausland betrachtet wird. Die Dinge können aber wahrhaftig nur andere werden, wenn man eben in Arbeiterkreisen nicht verschläft, daß wir dem wahren Elend jetzt erst entgegengehen, und wenn man dann in letzter Stunde sich aufrafft, um zu einem solchen Zustand zu gelangen, daß unser am Rande des Abgrundes sich befindendes Wirtschaftsleben wieder gehoben werden kann. Und das kann nur geschehen, wenn wir selbst Hand anlegen, wenn wir selbst wollen, daß durch die Einführung der Betriebsräteschaft endlich ein Aufschwung nach oben gemacht wird. Diesen Appell wollte ich nochmals an Sie richten, damit wir nicht in drei bis vier Wochen sagen müssen: Jetzt ist es zu spät. - Es ist noch Zeit, aber es ist die zwölfte Stunde. An Ihnen, nicht an uns liegt es.

Herr Jansen: Als vor acht bis zehn Wochen Herr Dr. Steiner mit seinen Vorträgen begonnen hat, war wirklich eine große Begeisterung für die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus vorhanden. In dem Augenblick aber, wo Herr Dr. Steiner und mit ihm der «Bund für soziale Dreigliederung» überging zur Praxis, also von dem Gedanken zur Wirklichkeit überging, in dem Augenblick, wo Arbeit, wo Leistung verlangt wurde von denen, die bisher nur bravo schreien und klatschen durften, da hörte schon ein Teil der Begeisterung auf. Die kühle Haltung der Arbeiterschaft ist auch mit Schuld gewesen, daß die Begeisterung für die Ideen Dr. Steiners nicht so weit ging, um gegen die Führer ankämpfen zu können. Wir alle, die in der Agitation gestanden haben, wir wissen über dieses Phlegma ein Wort zu reden. Auch Herr Dr. Steiner bekommt das Phlegma der Massen zu spüren. Der Gedanke der Betriebsräte hat

262 bei dem vor einem Vierteljahr wirklich nicht allzu sicheren Kapitalismus die letzten in ihm ruhenden Kräfte hervorgerufen. Er hat versucht, um diese Betriebsräte abzumurksen, die Richtigkeit und die Durchführbarkeit zu leugnen. Und die sogenannte gebildete Kaste unserer heutigen Gesellschaft und die noch wohlfeilere Presse aller Schattierungen, sie haben es fertiggebracht, daß die wahre Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus und der Betriebsräte so herabgezogen wurde, wie es in den Zeitungen steht.
Nachdem ein halbes Jahrhundert verflossen ist seit dem Hungertod von Karl Marx, streitet man sich heute herum, wie es möglich ist, die Sozialisierung durchzuführen. Und über ein halbes Jahr ist es her, daß das Jena der deutschen Arbeiter, die Novemberrevolution, hereingebrochen ist, und noch immer weiß man nicht, wie die Sozialisierung zu machen ist. Man sollte doch dankbar sein, wenn ein Mann sich die Mühe gemacht hat, einen praktisch gangbaren Weg zu suchen, einen Weg, auf dem es nun möglich ist, den Sozialismus in verhältnismäßig kurzer Zeit einzuführen. Das Gegenteil trifft zu! Man darf es sagen: Einerseits ist die Eifersucht, andererseits ist die Dummheit daran schuld. Ich habe es schon einmal vor ein paar Wochen an einem Beispiel verdeutlicht: Man spricht davon, den Löwen, den Kapitalismus, totzuschlagen, aber man fürchtet sich vor dem Mäuschen, dem Vertreter der Fabriken, dem Direktor, und vor den Gewerkschafts- und Parteibeamten und dergleichen.
Herr Fischer sprach von Kommerzienräten, Professoren, Doktoren, die die Idee der Dreigliederung vertreten. Haben wir nicht auch in den Parteien Professoren und Doktoren? Sagen wir auch von ihren Ideen, daß sie deshalb nichts taugen? Und wenn die nicht in der Partei wären - an der Dummheit der Massen wären die Parteien längst zugrunde gegangen. Ein eigenartiges Kapitelchen noch: Herr Molt, den ich als Mitarbeiter begrüße und den wir gebeten haben, morgen in unserer Sitzung über Betriebsräte in aufklärender Weise zu sprechen, dieser Herr hat Geld. Wir haben in der Partei eine Unmasse an Menschen, die auch Geld haben, die es früher hatten oder die es durch die Tätigkeit in der Partei zu Geld gebracht haben. Diese Männer, die sich Parteigenossen, Parteiführer nennen, die behalten ihr Geld ruhig für sich. Sie stellen es der Partei nicht zur Verfügung! Sie kaufen sich Villen und setzen sich da oben schön fest. Deshalb nur nicht allzu laut und allzu schnell mit dem Vorwurf: Der Mann hat Geld. - Man muß sehen, was die Leute unter uns mit ihrem Geld tun.
263 Es wurde gesagt: Der Hunger muß zuerst beseitigt werden, damit die Menschen überhaupt für geistige Kost zugänglich sind. - Es hat neulich ein Kommunist gesagt: Der Hunger ist der schlimmste Revolutionär. Wenn der Hunger einmal tobt, dann gibt es kein Halt mehr, dann bricht das sich Bahn, was so lange unterdrückt worden ist. - Was sind denn die Streiks anderes als Hungerrevolten? Und weil der Hunger ein guter Antrieb ist, deshalb wäre es nicht gut, den Hunger heute schon zu beseitigen. Sorgen wir dafür, daß wir den Massenhunger dadurch abschaffen, daß wir die Massenausbeutung abschaffen. Der Sozialismus ist doch der Weg dahin! Der Hunger ist ein Antrieb, um die Sozialisierung endlich einmal durchzuführen.

Herr Kühn: Als Geschäftsführer des «Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus» möchte ich verschiedenes sagen zu dem, was gefragt worden ist. — Wir haben die Absicht, die Betriebsräte in der nächsten Woche zu einer ersten Versammlung zusammenzurufen. Ferner werden wir in der nächsten Woche mit den Studienabenden beginnen. Herr Roser hat ja darüber schon gesprochen. Ich darf vielleicht ein paar Worte sagen zu der Diskussion, die sich am heutigen Abend mit Herrn Fischer abgespielt hat. Herr Fischer ist leider schon fortgegangen. Ich wollte ihm vor der Versammlung sagen, daß ich definitiv weiß, daß er niemals, weder hier noch anderswo, anwesend war bei Vorträgen des Herrn Dr. Steiner. Das einzige Mal, wo er mir begegnet ist, das war bei einer Versammlung zur Besprechung der Betriebsrätefrage, die von Angestellten einberufen war und wo er von einigen Rednern etwas über die Dreigliederung gehört hat. Herr Dr. Steiner war nicht anwesend. — So urteilen die Leute, die von der Sache keine Ahnung haben; sie meinen alles mögliche und wollen die Sache einfach abtun. Nebenher hat Herr Fischer mir aber heute abend gesagt, daß seine Gewerkschaft beziehungsweise sein Verband in der nächsten Zeit Versammlungen abhalten wolle, um über Betriebsräte zu sprechen und probeweise Betriebsräte in den Fabriken aufzustellen. Sehen Sie, die Leute kommen nun, wenn sie hier und da etwas gehört haben, und machen ihre Sache daraus. Das ist, was wir vermeiden wollen und was wir bekämpfen müssen. Wir dürfen nicht gemeinsame Sache mit denen machen, die von der Dreighederung des sozialen Organismus nichts wissen wollen und nicht auf sie hinarbeiten. Betriebsräte, die nicht auf der Grundlage der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus geschaffen werden, werden niemals den Sozialismus verwirklichen können. Die Betriebsräte,
264 die wir einführen wollten, wären der erste Schritt zur Sozialisierung im Sinne der Dreigliederung gewesen. Alles andere müssen wir ablehnen. Es ist schade, daß Herr Fischer fortgegangen ist und sich nicht mehr mit uns über die Dreigliederung selbst auseinandersetzen kann.
Immer wieder kommen Einwände gegen die Dreigliederung von Leuten, die nichts von ihr wissen, aber auch von Leuten, die schon viele Vorträge über die Dreigliederung gehört haben. Ein Beispiel möchte ich Ihnen erzählen. Da ist ein Kommunistenführer, der eine ziemlich große Rednergabe besitzt und große Massen an sich fesselt. Er tritt fast in jeder Versammlung auf. Dieser Mann hat viel von der Dreigliederung gehört, aber nichts davon begriffen. So sagt er zum Beispiel: Ja, die Dreigliederung führt zum Dreiklassensystem, denn wenn man drei Glieder schafft, dann gibt es in jedem Glied eine Klasse, und so bekommen wir noch schlimmere Zustände als heute; heute haben wir ja nur zwei Klassen. - Wenn man von den Organisationen auf die Klassen schließen wollte, so müßte man ihm ja sagen: Heute haben wir doch einen Einheitsstaat, also ein Glied. Da müßte man doch heute auch nur eine Klasse haben! So etwas begreift der Mann nicht und kommt zu einem derartigen Vorurteil. Wir wollen gerade, um die Klassenherrschaft zu beseitigen, den sozialen Organismus auf seine gesunden Füße stellen. Von einer Dreigliederung der Klassen ist nicht die Rede. Derselbe Mann behauptet auch das gleiche, was Herr Fischer behauptet hat, nämlich daß die Dreigliederung die Unternehmer in Schutz nimmt. Wer das Buch von Herrn Dr. Steiner gelesen hat, weiß, daß der Unternehmertypus von heute überhaupt verschwinden wird. Der allerschönste Einwand dieses Kommunistenführers war aber der, daß er sagte: Die Wirtschaft von der Politik trennen, das kann man nicht. Das sieht man ja ständig im Reichstag oder in der Nationalversammlung, wie die Leute ihre wirtschaftlichen Interessen vertreten, denken Sie allein an die Industriellen der Schwerindustrie! Die können nicht anders, als ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten. - So hängen die Menschen am alten, an diesem Götzen Einheitsstaat, weil sie nicht sehen, daß das gerade das ist, was wir bekämpfen wollen, was wir abschaffen wollen. Gerade die Wirtschaftspolitik hat uns in diese unheilvolle Katastrophe hineingetrieben. Das sehen die Leute auch im ruhigen Gespräch sehr gut ein, aber die Kraft dazu aufzubringen, daß man Maßnahmen trifft, die eine solche Wirtschaftspolitik nicht mehr möglich machen, ja, das ist den Leuten nicht möglich. Da sind vor allem die Parteiführer, die uns die Betriebsräteschaft verdorben haben. Diese Leute müssen
265 wir abschütteln. Eher kann das Proletariat keinen Sozialismus verwirklicht sehen.
Bei den Angestellten, die wir auch aufgefordert haben, begegnet man ständig einem unglaublichen Vorurteil. Auch dafür möchte ich ein Beispiel anführen: Ein von mir sehr geschätzter Mensch, der als Angestellter tonangebend ist in einer Fabrik, sagte zu mir: Ich weiß noch nicht, ob der Kapitalismus so falsch ist. Ich bestehe jedenfalls darauf, daß es heute besser ist, als es werden wird. Ich bleibe bei meiner Anschauung und gehe lieber damit unter, als daß ich etwas Neues einführe. Ich weiß, daß ich damit allein stehe und damit vielleicht in kurzer Zeit auf der Straße stehe, aber lieber das. Ich bleibe dann ehrlich und konsequent. - Es ist mir gesagt worden, es sei das ein Mann, der ein Herz für das Proletariat hat, so einer spricht dann in dieser Weise konservativ. Als ich ihm sagte, er sei konservativ, wurde er furchtbar wütend. Er meinte, das sei nur ehrlich. Ich sagte ihm: Das ist doch genau so, als wenn man mit einem Zug fährt. An einer Station kommt der Zugführer herein und sagt, der Zug werde bis zur nächsten Station entgleisen, und man sagt dann: Ich bleibe doch darin sitzen; lieber verunglücken als aussteigen. - Ich sagte: Ich würde doch möglichst schnell aussteigen und sehen, ob man nicht den Zug auf ein anderes Gleis bringen kann, wo er nicht entgleist. - So müssen wir uns im letzten Moment zusammenraffen und alles tun, was wir können, damit wir die Betriebsräte zusammenbekommen. Das, worin wir den praktischen Weg sehen, das müssen wir hinaustragen und vertreten und nicht ängstlich sein, daß man von den Parteibonzen zu stark angegriffen werde. Eigentlich müßte das Vertreten von Mund zu Mund die Menschen wieder eines anderen belehren und ihnen die Augen öffnen über das Philistertum ihrer Parteiführer.

Rudolf Steiner: Es ist noch die Frage gestellt worden: Wie kann das, was im Syndikalismus als Gesundes lebt, in Beziehung zur Dreigliederung des sozialen Organismus gebracht werden? - Nun, es würde ja natürlich sehr weit führen, wenn wir uns heute noch zu vorgerückter Stunde über das Wesen des Syndikalismus unterhalten würden. Aber so viel möchte ich doch sagen, daß in dem Syndikalismus, wie natürlich auch in anderen Bestrebungen der Gegenwart, mancherlei wirklich Gesundes lebt. Das Gesunde lebt vor allem im Syndikalismus, da doch bei sehr vielen Syndikalisten
266 die Idee vorherrscht, daß man ohne Rücksicht auf das ewige Pochen auf die Staatsgesetzlichkeit im unmittelbaren Wettstreit mit dem Unternehmertum zu wirtschaftlichen Errungenschaften für die breiten Massen der arbeitenden Bevölkerung kommen muß. Daß aus dem Wirtschaftsleben selbst durch eine Art föderativer Gliederung etwas Zukünftiges entstehen könne, das lebt als gesunder Gedanke innerhalb des Syndikalismus. Der Syndikalismus trat ja besonders in letzter Zeit innerhalb der französischen Arbeiterbewegung hervor, und es ist irgendwie bezeichnend, daß er gerade dort am stärksten hervorgetreten ist. Die Franzosen haben ja ein sehr stark entwickeltes Staatsgefühl. Aber in dem Augenblick, als gerade gut staatlich gesinnte Menschen in Frankreich eine gewisse Arbeiterbewegung begründen wollten, kamen sie darauf, daß diese eigentlich nur dann von Nutzen sein könne, wenn man sich ausschließlich auf wirtschaftlichem Boden bewegt. Die föderative Gliederung des Wirtschaftslebens, wie sie der Syndikalismus vorsieht, weist sogar gewisse Ähnlichkeiten mit dem auf, was aus der Idee der Dreigliederung heraus mit den Assoziationen angestrebt wird.
Sehen Sie, in dem dreigliedrigen sozialen Organismus haben wir ein selbständiges Geistesleben, dann ein selbständiges Staatsoder Rechtsleben und ferner ein selbständiges Wirtschaftsleben. Dieses selbständige Wirtschaftsleben, ich habe ja oftmals davon gesprochen, das wird sich aufzubauen haben auf korporativen genossenschaftlichen Grundlagen, das heißt, daß sich einerseits aus den verschiedenen Berufsgruppen und andererseits aus gewissen Zusammenhängen zwischen Produktion und Konsumtion Assoziationen bilden. Einer der Einwände, die zum Beispiel von Professor Heck in der «Tribüne» gemacht worden sind, stützt sich darauf, daß er sagt: Ja, wie wird denn, wenn in der Zukunft das Wirtschaftsleben so gegliedert sein soll, wie Herr Dr. Steiner will, wie wird es denn dann möglich sein, daß zum Beispiel die Handwerker, die kleinen Kaufleute, hinsichtlich der Belange der Großindustrie sachverständig sind? - Nun, dies zeigt, daß auch Professor Heck nicht verstanden hat, wie die Sache gemeint ist. Man kann
267 selbstverständlich nicht auf allen Gebieten sachkundig sein, und man braucht es auch nicht, denn wenn eine föderative Gliederung wirklich zustande kommt und die einzelnen Assoziationen intensiv zusammenarbeiten, dann wird etwas für das Wirtschaftsleben Fruchtbares herauskommen. Es ist nun einmal nicht möglich, daß alles das, was auf rein demokratischer Grundlage sich entwickeln muß, wie zum Beispiel das Arbeitsrecht, in derselben Weise vertreten oder verwaltet wird wie das rein Wirtschaftliche. Diese Auffassung tritt einem, zumindest ansatzweise, auch im Syndikalismus entgegen. In der anglo-amerikanischen Arbeiterbewegung ist es ja so, daß dort noch sehr stark das Prinzip des englisch-amerikanischen Parlamentarismus herrscht. Da dieser auf ein gewisses Schaukelsystem, nämlich Macht gegen Macht, eingestellt ist, sind auch die anglo-amerikanischen Arbeiterorganisationen nach dem gleichen Prinzip ausgerichtet, nämlich Arbeitermacht gegen Unternehmermacht wird gegeneinander ausgespielt, so wie sich im Parlament die liberale und die konservative Partei gegenüberstehen.
Eine andere Form tritt uns innerhalb der Arbeiterorganisationen in Deutschland entgegen. Da herrscht nämlich ein gewisser Zentralismus vor, ich möchte sogar sagen ein gewisses militärisches System, das basiert auf Befehl und Gehorsam. Ich weiß nicht, ob Sie ganz damit einverstanden sein werden, aber ich kann Ihnen versichern, daß ich mehrfach an gewerkschaftlichen Versammlungen teilgenommen habe und daß ich jedesmal unangenehm davon berührt war, daß immer dann, wenn verschiedene Meinungen aufgetreten sind, der Versammlungsleiter aufgestanden ist und gesagt hat: Kinder, so hat es doch keinen Sinn! - Also, dieses zentralistisch-militärische System ist das zweite; und das dritte ist das, was mit der föderativen Gliederung, mit der Gliederung in selbständige Körperschaften, gemeint ist, in der keine Majorisierung oder Zentralisierung, sondern sachliches Verhandeln stattfinden wird. Dies tritt beim Syndikalismus als ein guter Impuls auf, doch ist auch hier ein weiterer Schritt notwendig, wie er mit der Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus angestrebt wird, nämlich daß wirklich mit den fortschrittlichen Faktoren gerechnet
268 wird, die erst noch in das Denken der gegenwärtigen Menschheit hineinkommen müssen. Und da glaube ich, daß sich vielleicht gerade aus dem Syndikalismus heraus hierfür ein Verständnis entwickeln kann. Aber man soll das durchaus nicht so auffassen, als wenn ich hier einzig dem Syndikalismus ein Loblied singen wollte. Allerdings glaube ich durchaus, daß von dieser Seite die Dreigliederung besser verstanden werden kann als von einer der anderen Richtungen.
Nun, dem, was die letzten Redner hier zum Ausdruck gebracht haben, habe ich nicht mehr viel hinzuzufügen. Ich mochte nur das eine bemerken, nämlich daß mir und den Dreigliederungsfreunden in der letzten Zeit sehr deutlich bewußt wurde, was ein Redner über das Phlegma der großen Masse gesagt hat. Ja, an der Stelle des Phlegmas, da brauchte man schon Feuer, denn wenn wir in der heutigen Zeit wirklich weiterkommen wollen, dann brauchen wir nicht nur Einsicht - dies natürlich ja in erster Linie -, sondern auch Feuer. Sehen Sie, wenn immerfort gesagt wird, daß man den Geist eigentlich nicht braucht, der werde bei der wirtschaftlichen Umgestaltung schon kommen, dann frage ich Sie: Ja, die Möglichkeit weiterzukommen war ja bis zu einem gewissen Grade da. Der 9. November war da, die Nationalversammlung ist gewählt worden. Aber, ist in dieser Nationalversammlung etwas von einem neuen Geist sichtbar? Es gab ja jetzt eine ganz neue Gruppe von Wählern, die früher nicht wahlberechtigt war: die ganze Frauenwelt. Merkwürdig ist aber, daß ganz offensichtlich auch auf diese Frauenwelt der Geist noch nicht herabgekommen ist, denn die Nationalversammlung zeigt durchaus noch nichts von dem, was wir wirklich brauchen für die Zukunft. Dazu aber wird Begeisterung, wird Feuer notwendig sein.
In diesem Zusammenhang frage ich Sie, ob es nicht recht kurzsichtig ist, wenn man nicht bemerken will, daß eine gewisse Sozialisierung bereits schon — und dies vor der offiziellen Sozialisierung - begonnen wurde? Will man denn eine Sozialisierung nur auf dem Papier haben? Ist man dann erst zufrieden? Stellen Sie sich einmal vor, jener Kommerzienrat, der sich der Dreigliederung gewidmet
269 hat, der hätte es so gemacht wie die anderen Kommerzienräte. Dann wäre es nämlich dazu gekommen, daß in dem Augenblick, wo sozialisiert werden soll, gar kein Kommerzienrat vorhanden gewesen wäre! Es wäre dann so gekommen, daß man irgendwann diesen Kommerzienrat so wie andere Kommerzienräte enteignet hätte, und dann wäre kein Geld mehr für eine wirkliche Sozialisierung oder bessere Schulen und dergleichen vorhanden gewesen. Und nun frage ich Sie: Ist es eine große Sünde, wenn jemand, bevor die Menschheit reif ist, das Geld dem anderen abzunehmen, sein Geld zur Sozialisierung schon hergibt? Ist es eine Sünde, wenn jemand nicht immer hinausposaunt: Die Produktionsmittel müssen der Allgemeinheit übergeben werden! -, sondern es aus eigenem Antrieb tut? Ich fürchte, daß diejenigen, die immer phrasenhaft hinausposaunen, daß die Produktionsmittel in den Dienst der Allgemeinheit gestellt werden müssen, sie nicht so sinnvoll anwenden werden wie jene, die etwas aus eigener Einsicht schon vorher tun. Das ist Sozialisierung vor der offiziellen Sozialisierung. Das ist herausgearbeitet aus dem Geist, den wir gerade herbeisehnen wollen als den sozialen Geist der Zukunft. Und den Vorwurf erheben, daß jemand den sozialen Geist vorher hat, also bevor er in irgendeiner Verfassung steht, das heißt überhaupt nicht fähig sein, in den Geist, der die Menschheit einzig und allein retten kann, einzudringen, sondern zeigt nur die Sehnsucht nach dem geschriebenen Wort. Das Gesetz, das Ihr gebt, das könnt Ihr getrost nach Hause tragen. - Wir brauchen den Geist, aus dem heraus sozialisiert wird. Deshalb sollte man nicht in den Fehler verfallen zu sagen: Die Waldorf-Schule ist ja schön, aber sie wird von einem Kommerzienrat gemacht; davon wollen wir nichts wissen! - Gescheiter wäre es zu sagen: Nehmt euch an ihm ein Beispiel, und werdet als Sozialisierer in der Zukunft so, wie er ist, dann wird es gut sein. Das, was von dieser Ecke fortwährend vorgebracht wird gegen Titel und anderes, das bezeugt nur, daß man trotz allem an den Worten und an den Phrasen mehr hängt als an der Tat. Und ehe wir uns nicht entschließen können, uns zur Tat aufzuraffen und uns auch zur Tat zu bekennen,
270 gleichgültig, von wo sie kommt, kommen wir nicht vorwärts; das muß unsere Überzeugung sein. Und wenn das unsere Überzeugung wird, dann werden wir nicht auf etwas anderes blicken als darauf, ob jemand ein einsichtiger, von sozialen Empfindungen beseelter Mensch ist, und wir werden nicht nach etwas anderem fragen. Solange wir nach etwas anderem fragen, kommen wir nicht vorwärts. Wird dies nicht zur Erkenntnis, so ist alles Reden vergeblich. Denn der Anfang muß gemacht werden von denjenigen Leuten, die etwas verstehen von dem, was geschehen soll, gleichgültig, ob sie diese oder jene Rolle in der bisherigen Ordnung spielen. Alle, die wir heute leben, haben selbstverständlich das, wovon wir leben, aus dem Kapitalismus heraus, ob Kapitalist oder letzter Arbeiter. Und wir können nichts ändern, wenn wir nicht schauen auf das, was im Geiste lebt und aus dem Geiste heraus geschehen muß. Wir müssen endlich die Phrase besiegen, wir müssen übergehen zu dem, was wirklich Tat werden kann.

Herr Roser: Er dankt als Vorsitzender Herrn Dr. Steiner für seine Ausführung und macht nochmals aufmerksam auf die nächste Veranstaltung. Er bittet die Anwesenden nochmals, sich mit dem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» zu beschäftigen, damit sie in der Lage sind, in den Kreisen, in denen sie verkehren, über das Buch und über die Dreigliederung des sozialen Organismus zu sprechen.




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