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2. Juli 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS VI

2. Juli 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS VI

SECHSTER DISKUSSIONSABEND

Kritische Anmerkungen zu Lujo Brentanos Auffassung über das Privatunternehmertum und zu Gustav Seegers Aufsatz «Dr. Steiner und das Proletariat». Über die Notwendigkeit eines gründlichen Umdenkens angesichts der sich anbahnenden tragischen Verhältnisse in Mitteleuropa.

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204 Der Vorsitzende, Herr Roser, eröffnet die Versammlung



Einleitende Worte

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204 Rudolf Steiner: Meine werten Anwesenden! Ich will mich auch heute wiederum kurz fassen und hoffe, daß Sie von der Diskussion lebhaften Gebrauch machen werden, so daß wir heute vielleicht auch die eine oder die andere Einzelheit besprechen können. Da die Ereignisse immer mehr zu einer Neugestaltung der sozialen Ordnung drängen, würde es nicht gut sein, wenn die Bestrebungen, welche dazu bestimmt sind, eine solche Neugestaltung herbeizuführen, also solche Bestrebungen wie die der Begründung von Betriebsräten, wiederum völlig einschlafen würden. Denn, meine werten Anwesenden, es gibt ja wohl Leute, denen es ganz recht wäre, wenn diese Betriebsrätebewegung wieder einschlafen würde. Um so mehr müssen wir uns bemühen, sie nicht einschlafen zu lassen. Ich möchte, nachdem ich in der letzten Versammlung über die Dreigliederung und ihre Verbindung mit der Betriebsrätefrage gesprochen habe, heute einige Worte zu Ihnen sprechen über etwas, was gerade mit Rücksicht auf die Dreigliederung ein Verständnis für die Betriebsräteschaft herbeiführen kann.
Sie wissen ja, daß wir zunächst die Betriebsräte einfach aus den einzelnen Betrieben heraus schaffen wollen. Wir wollen, daß aus den einzelnen Betrieben heraus Betriebsräte gewählt werden, die also dann einfach da sind und die dann eine Betriebsräteschaft über ein zunächst in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet, sagen wir Württemberg, bilden. In einer Urversammlung dieser Betriebsräteschaft würde dann alles festzulegen sein, was Aufgabe, Kompetenz und so weiter der Betriebsräte ist. Es würden sich dadurch zum ersten Mal unabhängig von den beiden anderen Institutionen,
205 also dem Geistesleben und dem Staats- oder Rechtsleben, wirtschaftliche Maßnahmen aus den wirtschaftenden Persönlichkeiten heraus ergeben. Diese Maßnahmen würden also erst beschlossen werden in der Urversammlung der Betriebsräteschaft. Dann erst wären die Aufgaben da. Dann würden die einzelnen in den Betrieben gewählten Betriebsräte in ihre Betriebe zurückkehren und dort ihre Aufgaben übernehmen. Zugleich würden dann auch die Forderungen, die überhaupt nur für die allgemeine Sozialisierung gestellt werden können, auf dem Tisch liegen. Wenn dann eine wirkliche Einmütigkeit da wäre - denn in dieser Einmütigkeit liegt die Macht -, müßte sich jede Regierung, welche es auch sei, fügen müssen. Ich glaube sogar, daß manche Leute es schon deutlich fühlen, was es bedeuten würde, wenn aus sämtlichen Betrieben heraus diese Betriebsräte gewählt würden und über ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin eine Urversammlung bilden würden und wenn aus dieser Urversammlung wiederum Beschlüsse hervorgehen würden, die dann vom Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft dieses Wirtschaftsgebietes getragen würden. Das würde eine wirkliche Macht sein, denn einer auf einem eigenen Urteil und der Einmütigkeit und dem Vertrauen gegründeten Macht wird auf die Dauer keine Regierung, keine gesetzgebende Körperschaft widersprechen können. In dieser Weise kann man sich ganz konkret den Weg denken. Damit aber würde zugleich der erste Schritt zu einer wirklichen Sozialisierung getan sein, einer Sozialisierung, die doch nur hervorgehen kann aus den Bestimmungen und Maßnahmen der wirtschaftenden Menschen selber. Vielleicht wird man dann, wenn einmal die Beschlüsse einer solchen Betriebsräteschaft da sind, erst wissen, was eigentlich Sozialisierung bedeutet.
Nun muß man sich aber auch darüber im klaren sein, daß bei der Wahl der Betriebsräte sehr einsichtsvoll umgegangen werden muß, denn diese Betriebsräteschaft wird in vieler Beziehung ganz neue wirtschaftliche Maßnahmen treffen müssen, wird ganz neue Impulse setzen müssen. Ich habe schon öfter gesagt, wenn ich über diese Dinge im Zusammenhang mit der Dreigliederung gesprochen habe, daß wir in der Gegenwart vor allen Dingen ein
206 Umdenken, ein wirkliches Umdenken brauchen. Und ich stelle nur vor, daß dann, wenn zum ersten Mal innerhalb eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes, getragen von dem Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft, die Urversammlung einmütig eine solche wirtschaftliche Maßnahme trifft, daß gerade dann ein Umdenken, ein Umlernen zum Vorschein kommen könnte. Da muß man aber wissen, wie stark mit Bezug auf das wirtschaftliche Leben heute eigentlich umgedacht werden muß. Ich möchte Ihnen deshalb, damit Sie sich über die schweren Aufgaben der Betriebsräte orientieren können, ein Beispiel des alten Denkens schildern.
Sehen Sie, dieses alte Denken ist ja nicht etwa bloß eine Summe von Gedanken, sondern es ist der Ausdruck für die Wirtschaftsordnung, die bisher bestanden hat und die durch die Weltkriegskatastrophe ihr Ende gefunden hat. Aber das, was die Leute dachten, das ragt noch in die neuere Zeit herein, und das ist dasjenige, was im Grunde genommen einmal gründlich aus den Köpfen entfernt werden muß. Hierzu möchte ich nun ein charakteristisches Beispiel anführen. Da ist soeben ein Aufsatz von einem sehr berühmten Volkswirtschaftslehrer des alten Regimes erschienen, also von einem Manne, der in seinen Gedanken viel von dem hat, was das alte Regime, was das sogenannte Privatkapital-Regime, das überwunden werden muß, hervorgebracht hat. Ich möchte Ihnen das, was da von dem Professor Dr. Lujo Brentano gesagt wird, als Beispiel anführen für das, was im alten Regime waltet. Diese Gedanken von Brentano beziehen sich auf den Unternehmer des alten Regimes, und er bemüht sich allen Ernstes, soweit es ihm möglich ist, sich einen Begriff auszubilden von dem, was nun eigentlich der Privatunternehmer ist. Daß er diesen Privatunternehmer durchaus nicht als ein überflüssiges Möbel der künftigen Wirtschaftsordnung betrachtet, das sehen Sie aus den Schlußworten Brentanos. Er sagt:

«Viele glauben heute, das private Unternehmertum gehe seinem Ende entgegen. In der Kontrolle so vieler Unternehmungen größten Stils durch die Banken sehen sie den Beginn der Aufsaugung alles Unternehmertums in ein Gesamtunternehmen und in dieser die Überleitung

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aller Unternehmungen in den Betrieb des Staats. Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, welche der privaten Unternehmung von ihr bisher kaum berührte Erdteile erschließt, und das hat die bisherige Erfahrung gezeigt, daß die verschiedenen Nationen in dem Wettkampf um diese Erschließung als Sieger hervorgehen, je weniger sie dem Staate, je mehr sie der privaten Initiative überlassen. Je mehr die Volkswirtschaft der einzelnen Völker Weltwirtschaft wird, desto größer der Spielraum der privaten Unternehmung, desto größer deren Zukunft. Sie wird ihre Aufgabe aber nicht nur um so segensreicher, sondern auch um so widerspruchsfreier und damit um so vorteilhafter für sie selbst lösen, je rückhaltloser sie eines der Grundprinzipien der heutigen Wirtschaftsordnung, die persönliche Freiheit, auch in der Gestaltung des Arbeitsverhältnisses zur Anerkennung bringt und je mehr sie das Geld, das sie verdient, zu verdienen sucht, nicht auf dem Wege der Wertsteigerung durch Verkümmerung der Bedürfnisse, denen ihre Produkte dienen sollen, sondern durch möglichst vollkommene Befriedigung derselben bei wirtschaftlichster Verwendung der Produktionsmittel. Solange dies der Gesichtspunkt ist, von dem sie sich leiten läßt, ist ihr Ende noch nicht abzusehen.»



Also Sie sehen, ein richtiger Vertreter der alten Wirtschaftsordnung sagt hier, daß das Privatunternehmertum nicht nur nicht zu Ende ist, sondern daß es jetzt erst recht zu blühen beginnt, denn ohne dieses Privatunternehmertum wäre die Wirtschaftsordnung, die sich in Zukunft entwickeln soll, ganz und gar nicht möglich. Wir haben also die Meinung vor uns, die heute noch viele Kreise beherrscht, nämlich daß eine Abschaffung des Privatunternehmertums nicht in Frage komme, da es eine Zukunft hat. Deshalb muß man sich schon, wenn man nun ernsthaft und nicht bloß agitatorisch an die Frage der Ablösung des alten Unternehmertums durch die Betriebsräte herangeht, ein wenig mit den Gedanken, die in den Köpfen herumspuken, auseinandersetzen. Man muß sozusagen gewappnet sein, muß wissen, was die Leute denken und was sie einem entgegenbringen werden, wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern des Bisherigen und den Vertretern des Zukünftigen, also jenen, die sich für die Betriebsräte einsetzen wollen, kommt.

208 Nun sehen Sie, den Begriff des Unternehmers, den will sich dieser Volkswirtschaftslehrer selber klarmachen und vor die Menschen hinstellen. Er stellt sich die Frage: Was ist ein Unternehmer? - Ja, er gibt nun drei Eigenschaften des richtigen Unternehmers an. Erstens, «daß er das Verfügungsrecht über die zur Herstellung eines Produkts nötigen Produktionselemente in seiner Hand vereine». Nun muß man sich aber erst einmal klarmachen, was dieser Herr unter «Produktionselementen» überhaupt versteht. Was er darunter versteht, das geht aus einem seiner Sätze klipp und klar hervor. Diesen Satz drechselt er nicht einmal selber, sondern den entlehnt er bei Emil Kirdorff, einem der erfolgreichsten Männer der bisherigen Praxis. Er sagt: «Wir Direktoren der Aktiengesellschaften, wir sind auch Angestellte des Unternehmens und haben ihm gegenüber Pflichten und Verantwortung.» Und der gute Brentano findet nun heraus, daß zu den «Produktionselementen» auch solche Herren Direktoren wie der Herr Geheimrat Emil Kirdorff gehören, daß also der Unternehmer das Verfügungsrecht über die «Produktionselemente,» das heißt auch über Direktoren, haben muß. Die ganze Arbeiterschaft bis hinauf zu den Direktoren, das alles sind «Produktionselemente». Erstens also ist ein Unternehmer derjenige, der das Verfügungsrecht über die «Produktionselemente» hat; zu diesen gehören auch die Direktoren. Und ein solcher Mann wie Kirdorff sieht das ganz gut ein, daß er eigentlich nicht ein Mensch, sondern ein «Produktionselement» im Wirtschaftsleben ist. Man muß sich schon klarmachen, was für Begriffe da in den Köpfen stecken. Darum habe ich immer wieder betont, daß es notwendig ist, umzudenken und umzulernen. Das war also die erste Eigenschaft eines richtigen Unternehmers.
Die zweite ist die, «daß er diesen Produktionselementen die Bestimmung gebe, einem bestimmten Produktionszweck zu dienen, und dementsprechend darüber verfüge». Hier muß man hinzudenken, daß alle in der Produktion stehenden Menschen gemeint sind; denen muß er also eine Bestimmung geben. Das ist die zweite Eigenschaft.
Die dritte ist die, «daß er dies tue für eigene Rechnung und Gefahr». Nun haben wir also alle drei Eigenschaften eines richtigen
209 Unternehmers im Sinne des alten Regimes zusammen, also des Unternehmers, der im Sinne des alten Regimes zur Aufrechterhaltung der künftigen Wirtschaftsordnung fortbestehen muß und dort eine noch größere Bedeutung haben soll als bisher.
Sehen Sie, wenn man nicht gerade mit Professoren- oder Unternehmer- oder sonstigen Scheuklappen behaftet ist, dann muß man sich ja wohl sagen, daß die Persönlichkeiten mit diesen drei Eigenschaften die Tatsachen, die jetzt in Europa geschaffen werden sollen, nicht dulden werden, denn schließlich: So weit sind wir doch mit unserem Bewußtsein gekommen, daß die Zukunft nicht abhängen kann von einer kleinen Anzahl Unternehmer, die den «Produktionselementen» der weitaus größeren Anzahl von Menschen, also der Masse, ihre Bestimmung gibt. Aber das wird geradezu gefordert. Nun verfolgen wir aber den Gedankengang dieses Vertreters des alten Regimes noch ein wenig weiter. Er ist nämlich eigentlich außerordentlich interessant. Wahrscheinlich werden Sie glauben, ich mache jetzt einen Witz, aber das Folgende steht wirklich in diesem Aufsatz; ich mache keinen Witz. Brentano rechnet nämlich, nachdem er zunächst die große Masse der Arbeitenden als «Produktionselemente» dargestellt hat, merkwürdigerweise auch die Arbeiter, die Proletarier, zu den Unternehmern! Er sagt: «Ist der Arbeiter somit auch nicht Produzent des konsumreifen Produkts, so ist er deshalb doch nicht weniger Produzent eines selbständigen Guts, das er für eigene Rechnung und Gefahr zu Markt bringt. Auch er ist Unternehmer, Unternehmer von Arbeitsleistungen.»
Also sehen Sie, meine werten Anwesenden, wir haben jetzt den Begriff des Unternehmers vor Augen, und zwar so, wie er von einer volkswirtschaftlichen Leuchte der Gegenwart dargestellt wurde. Dieser Begriff des Unternehmers ist so konfus, ja er ist eben so, daß Sie alle, wie Sie hier sitzen, lauter Unternehmer sind, nämlich Unternehmer Ihrer Arbeitskraft, die Sie auf eigene Rechnung und Gefahr zu Markte tragen. Ja, und jetzt kommt noch etwas dazu. Brentano sagt ja, daß das Übel, von dem immer geredet wird, gar nicht besteht, da ja alle Unternehmer sind. Deshalb mußte er herausfinden, worauf es eigentlich zurückzuführen
210 ist, daß die große Masse nicht damit zufrieden ist, ein Unternehmer auf eigene Rechnung und Gefahr durch ihre Arbeitskraft zu sein. Er sagt: «Einst gab es eine Zeit, in der dies der Arbeiter nicht war, eine Zeit, da er in dem Betriebe, in dem er beschäftigt war, aufging. Er war noch keine selbständige Wirtschaftseinheit, sondern nichts als ein Rädchen im Wirtschaftsbetrieb seines Herrn. Das war die Zeit der persönlichen Unfreiheit des Arbeiters. Das Interesse am Fortschreiten seiner eigenen Wirtschaft hat dann den Herrn dazu geführt, in dem von ihm beschäftigten Arbeiter ein Interesse an seiner Leistung zu erwecken. Dies hat die allmähliche Emanzipation des Arbeiters, schließlich seine völlige Freierklärung gebracht.» Schön, nur der Schaden beruht in folgendem. Da ist noch ein netter Satz, der lautet so: «Der kapitalistische Betriebsunternehmer aber hat sich in diese Wandlung aus einem Herrn in einen bloßen Arbeitskäufer noch nicht allenthalben gefunden.» Also der Schaden besteht nur darin, daß sich der Betriebsunternehmer in diese Rolle noch nicht hineingefunden hat, das heißt, kein Herr mehr zu sein im alten Sinne, sondern ein Käufer von Arbeitskraft. Damit sagt Brentano eigentlich das Folgende: Wenn der Arbeiter seine Arbeitskraft dem Unternehmer für eigene Rechnung und Gefahr verkauft, dann ist ja alles in Ordnung. Es muß nur noch hinzukommen, daß der Unternehmer erst verstehen lernt, was das ist: Arbeitskäufer. - Nur weil er es noch nicht versteht, sind immer noch Schäden vorhanden. Also ist es nur noch erforderlich, dem Unternehmer endlich einzuhämmern: Du mußt nur verstehen lernen, Arbeit auf dem Arbeitsmarkt zu kaufen, die euch der Arbeiter als Unternehmer seiner Arbeitskraft verkauft.
Ja, es ist natürlich ein merkwürdiges Zeugnis, das der Herr da den Unternehmern ausstellt. Das Proletariat ist heute so weit, zu sagen, daß es vor allen Dingen darauf ankommt, daß die Arbeitskraft keine Ware mehr sein soll. Jener Herr aber stellt den Unternehmern das Zeugnis aus, daß sie sich nicht einmal zu der Erkenntnis, Arbeitskäufer zu sein, aufgeschwungen haben. Also denkt sich diese Leuchte der Volkswirtschaft das heutige Unternehmertum sehr rückständig.
211 Was aber bedeutet denn das eigentlich alles? Sehen Sie, Sie müssen nur die ganze Schwere dieser Tatsache ins Auge fassen. Lujo Brentano ist einer der berühmtesten Nationalökonomen der Gegenwart, ist einer von denen, die vielleicht die meisten Begriffe in die Köpfe derer hineingegossen haben, die als Intellektuelle über das Wirtschaftsleben sprechen, und wir können ihn heute dabei ertappen, daß er als Universitätslehrer und als angesehene Größe der Volkswirtschaft eigentlich nichts anderes als den alierwüstesten Kohl verzapft. Ja, so muß man die Dinge heute schon klar ins Auge fassen. Wir geben uns ja heute oft einem Autoritätsglauben hin, der viel, viel schlimmer ist, als jemals der Autoritätsglaube der Katholiken gegenüber den Kirchenfürsten war. Das wollen die Leute nur nicht wahrhaben. Deshalb müssen wir uns die Dinge schon klarmachen, und wir müssen aus solchen Dingen lernen, was diese Betriebsräteschaft für eine große Aufgabe haben wird. Sie wird vor allen Dingen zeigen müssen, was das Wirtschaftsleben wirklich ist, denn das, was aus den Kreisen der Intelligenz als Ergebnis des Nachdenkens über das Wirtschaftsleben herausgekommen ist, das war ja nur Kohl. Aber was ist denn dieser Kohl? Betrachten wir ihn nur einmal seiner Realität nach. Warum ist denn dieser Kohl da? Die Leute haben ihn ja noch nicht einmal ausgedacht. Würden sie ihn ausdenken, dann würden sie noch größeren Kohl schreiben. Sie haben ihn nicht einmal ausgedacht, sondern einfach die Verhältnisse, wie sie jetzt sind, studiert, und diese Verhältnisse sind eben verworren, sind ein Chaos. Ganz allmählich hat diese Gedankenlosigkeit von Angebot und Nachfrage auf allen Gebieten des Wirtschaftslebens in das Chaos hineingeführt. Einmal zu beginnen, dies von Grund auf neu zu gestalten, das muß die erste Tat einer wirklichen Sozialisierung sein. Wir brauchen, ich möchte sagen, dieses Gefühl von dem Ernst dessen, was die Betriebsräteschaft sein soll. Und von diesem Ernst möchte ich immer wieder und. wiederum von neuem sprechen, weil auch in manchen Kreisen des Proletariats so wenig noch von diesem Ernst und dem Bewußtsein der Größe der Aufgabe vorhanden ist.
Sehen Sie, wenn man heute von der Dreigliederung des sozialen
212 Organismus spricht, wovon spricht man dann? Man spricht von dem, was zu geschehen hat, damit die jahrzehntealten Forderungen des Proletariats befriedigt werden können. Was wird einem dann aber entgegnet? Ja, da ist wiederum einmal ein Artikel in der «Tribüne» erschienen. Er tragt die Überschrift: «Dr. Steiner und das Proletariat». Da wird zum Beispiel gesagt, es handle sich eben nur um Ideen bei dieser Dreigliederung und Ideen schwirrten gegenwärtig zur Genüge in der Luft herum. Das ist das, was ich nennen möchte: eine leichtsinnige Behauptung. Dann soll dieser Herr nur einmal die Ideen aufzeigen, die jetzt so massenhaft durch die Luft schwirren. Er soll einmal auch nur eine fruchtbare Idee nachweisen! Gerade am Mangel an Ideen leidet ja die Gegenwart. So ist es doch, und hier wird leichtsinnig behauptet, daß die Ideen nur so in der Luft herumschwirren. Und dann heißt es: «Was dem Arbeiter - ich spreche hier nur von körperlich Arbeitenden - zur Besserstellung seines Lebens verhilft, ist nicht Sophisterei, sondern eine tatkräftige Verwirklichung des Sozialismus.» - Aber, was ist denn die Verwirklichung des Sozialismus? Sehen Sie, wenn man immer nur sagt Sozialismus, Sozialismus, so hat man eine Phrase, ein Wort! Man muß aber den Weg angeben! Wenn einer sagt: Was dem Arbeiter zur Besserstellung seines Lebens verhilft, ist Sozialismus -, dann kommt mir das so vor, wie wenn einer sagt: Ich will nach Tübingen - und ich sage ihm: Nun ja, da kannst du mit der Bahn fahren, um die und die Zeit gehen Züge. - Ich gebe ihm genau an, wie er nach Tübingen kommt, so wie der Weg zum dreigliedrigen sozialen Organismus genau angibt, wie man zur Sozialisierung kommt. Er sagt: Das ist Sophisterei, daß du mir da die Minuten der Züge angibst; ich sage dir, wenn ich nach Tübingen kommen will, dann komme ich nur durch das Hinüberbewegen nach Tübingen hin. - So ungefähr kann man sagen: Ich will nicht einen bestimmten, konkreten, im einzelnen gekennzeichneten Weg, sondern ich will den Sozialismus. - Ich will durch das Hinüberbewegen nach Tübingen kommen.
Nun, in dem Artikel heißt es dann weiter: «Jeder einzelne, der sich um das öffentliche Leben kümmert, wird sehr oft in einem
213 Satz politische und wirtschaftliche Fragen miteinander behandeln und behandeln müssen.» Ja, dies geschieht aber, weil alles durcheinandergemuddelt worden ist. Es muß aber getrennt werden. Dann heißt es weiter: «Darum keine <Dreigliederung des sozialen Organismus>, sondern Verwirklichung des Sozialismus!» Also wiederum: Ich will nach Tübingen kommen durch das Hinüberbewegen.
Ja, das muß man schon ins Auge fassen, was entgegensteht einem solchen wirklichen Kennzeichnen des Weges, wie wir es versuchen in bezug auf die jetzt schon oft besprochene Betriebsrätefrage aus den Ideen des dreigliedrigen sozialen Organismus heraus. Es wird ja einem wirklichen Kennzeichnen des Weges dadurch entgegengewirkt, daß man immer nur liebt, den Leuten blauen Dunst vorzumachen. Aber mit blauem Dunst, auch wenn er noch so schön ist, wird man nichts erreichen, sondern allein dadurch, daß man bestimmte Maßnahmen trifft wie das, was ich Ihnen heute am Anfang erzählt habe. Wählen wir Betriebsräte, die dann als Menschen da sind, nicht als Ideen, die durch die Luft schwirren! Diese Menschen können dann aus ihrer wirtschaftlichen Erfahrung heraus beschließen, was zur Gesundung unseres Wirtschaftslebens notwendig ist. Heute ist es eben notwendig, daß wir über das bloße Reden hinauskommen und uns Einsichten in das Wirtschaftsleben verschaffen und aus diesen Einsichten heraus zur weiteren Entwicklung vordringen. Daß wir uns dabei nicht verlassen können auf die Leuchten, auf die Autoritäten, das habe ich Ihnen heute gezeigt. Eine der berühmtesten habe ich Ihnen anhand seiner neuesten Ausführungen vorgestellt. Ich habe ihn so vorgestellt, daß Sie sehen konnten, was es für einen Wert hat, wenn die Nachbeter immer wieder sagen: Ja, das hat der berühmte Herr Soundso gesagt, dem kann man nichts anderes entgegenstellen. - Gewiß, wenn man immer darauf hinweist, was dieser oder jener aus den heutigen Ereignissen heraus gesagt hat, dann weiß man aber dennoch nicht, wie die Sache sich verhält, auch wenn dieser oder jener berühmt ist. Wenn man sie aber an solchen Dingen faßt, wo die Begriffe in Konfusion geraten, wo die Begriffe auseinanderfallen, dann tritt einem deutlich entgegen, daß in der Gegenwart
214 umgedacht und umgelernt werden muß. Und so möchte ich immer wieder sagen: Wenn schon nicht durch etwas anderes, so wird doch wohl durch die Not dieses Umdenken und Umlernen kommen müssen. Auch diejenigen, die sich heute noch sträuben, werden umlernen müssen, denn in den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird sich noch manches ereignen in diesem armen Mitteleuropa, und manches wird sich ereignen müssen, wenn zum Beispiel ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas nicht mehr ernährt werden kann, wenn die alten Verhältnisse fortdauern in der Gestalt, die sie noch bekommen haben durch diesen furchtbaren Versailler Frieden, den sogenannten Frieden. Es müßte ein Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas aussterben oder totgeschlagen werden, wenn man die alten Verhältnisse beibehalten würde.
Der heutige Grund zur Neugestaltung ist selbstverständlich der, daß es mit den alten Verhältnissen überhaupt nicht weitergehen kann. Aber das, was unmittelbar bevorstehen würde, nämlich der Tod oder die Ausrottung von einem Drittel der Bevölkerung Mitteleuropas, das müßte heute die Leute überzeugen, daß sie einfach nicht mehr auf dem alten schläfrigen Standpunkt stehenbleiben dürfen und sagen: Wir sind Praktiker, solche Ideen sind ja bloß Ideen, auf die kann man sich doch nicht einlassen! - Nein, die Leute sind nur zu bequem, um sich auf wirklich Praktisches einzulassen. Dieses Praktische muß heute ein Umfassendes sein, darf sich nicht nur auf dieses oder jenes Gebiet beschränken, sondern muß das ganze Wirtschaftsgebiet umfassen. Und wenn man diese Bequemlichkeit des Denkens im Anschauen der Verhältnisse nicht ablegen will, so wird man nicht vorwärtskommen. Nun, mit diesen Worten wollte ich Sie darauf hinweisen, wie wir vorwärtskommen müssen, und jetzt können wir in die Diskussion eintreten.



Diskussion

Voten einzelner Diskussionsteilnehmer zu Sozialisierungsfragen u. a. von Emil Leinhas über einen Aufsatz von Deutsch (AEG), die Unzufriedenheit der Arbeiter betreffend. Zu einer Stellungnahme von Beamten zur Betriebsräte-Frage. Über das Verhältnis der bestehenden Arbeiterausschüsse zu den Betriebsräten. Der Betriebsrat als Leiter der Betriebe und die Aufhebung des bisherigen Unternehrnerstatus. Betriebsräte innerhalb von Staatsbetrieben. Über die Sozialisierung staatlicher Unternehmen wie Post, Eisenbahn usw. Das Geld als Zirkulationsmittel im Sinne einer «fliegenden Buchhaltung». Einwände gegen die Dreigliederung, dargestellt anhand eines Aufsatzes von Philipp v. Heck über «Die Dreigliederung des sozialen Körpers». Über das Problem, ob erst bessere Menschen dasein müssen, um die Verhältnisse zu bessern, oder umgekehrt. Die gegenwärtige Krise der Menschheit innerhalb des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens. Die Gründung von Betriebsräten als eine Tat von geschichtlicher Bedeutung.

214 Herr Roser: Aus den Ausführungen des Herrn Dr. Steiner über den Artikel von Brentano kann man mit aller Deutlichkeit ersehen, wohin
215 der Kurs geht. Es ist nun an uns, zu zeigen, daß das Proletariat nicht auf dem Standpunkt stehenbleibt, wie es sich die Leuchten der Volkswirtschaft einbilden, sondern daß es sein Geschick selber in die Hand nimmt. Es ist unsere erste Pflicht, der Sozialisierung dadurch Vorschub zu leisten, daß wir die Betriebsräte im Sinne der Dreigliederung auf die Beine stellen, sonst gehen wir einem Chaos entgegen, das so groß ist, wie wir es uns gar nicht denken können. Wir müssen das Wirtschaftsgebiet selbständig machen aus eigener Macht. Damit ist nicht gesagt, daß dies auf dem Weg der Gewalt geschehen muß; das ist nicht notwendig. Gerade die Vorschläge Dr. Steiners, gerade die Idee der Verselbständigung des Wirtschaftslebens im Sinne der Dreigliederung muß für uns der Weg sein, auf dem wir in erster Linie praktisch zu arbeiten imstande sind. Es kann keinen Zweifel darüber geben: Wenn die Betriebsräte richtig gewählt werden aus dem Vertrauen der Massen heraus, so daß in Württemberg vielleicht tausend zusammenkommen, glauben Sie, daß dann die Regierung die Mittel oder die Courage dazu hat, diese Betriebsräte auseinanderzujagen? - Das möchte ich kaum glauben, denn die Arbeiterschaft, die diese Betriebsräte gewählt hat, um praktische Arbeit zu leisten, wird wohl auch den nötigen Rückhalt dafür bieten, daß die Betriebsräteschaft arbeiten kann. Wir müssen den Gedanken der Aufstellung von Betriebsräten unbedingt hochhalten, denn das ist der einzige Weg, der uns aus dem Chaos herausführen kann, daß durch die Aufstellung der Betriebsräte und der Betriebsräteschaft dann tatsächlich eine gesetzgebende Körperschaft zusammentritt, um die Sozialisierung im Sinne der Dreigliederung durchzuführen. Nur dadurch können wir vor dem Untergang bewahrt werden. Der Gedanke der Dreigliederung ist so groß, so mächtig, daß ihn tatsächlich jeder einzelne erfassen müßte, schon aus sich selbst heraus, aus eigenem Interesse, denn er als Proletarier muß sich sagen: Meine Zukunft steht auf dem Spiel, ich habe die Pflicht und Schuldigkeit, alles einzusetzen, um diesen Gedanken durchzudrücken. - In diesem Sinne bitte ich Sie, in die Diskussion einzugreifen. Sprechen Sie sich aus.

Emil Leinhas: Herr Dr. Steiner hat Ihnen heute einen Artikel von einer Leuchte der Wissenschaft der Nationalökonomie vorgetragen. Ich habe zufällig auch gerade eine Sache bei mir, worin eine Leuchte der Praxis sich über die Sozialisierung ausspricht. Es ist dies der Geheime Kommerzienrat Deutsch, der Vorsitzende des Direktoriums der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft. Daß es für wünschenswert erachtet wird, daß diese
216 Äußerung dieses großen Praktikers über die Sozialisierung der breiteren Öffentlichkeit vorgelegt wird, dafür dient als Beweis, daß die ehrwürdige Handelskammer zu Berlin diese Denkschrift veröffentlicht, und zwar mit folgender Einleitung. Die Handelskammer schreibt:

«Im Zusammenhang mit Untersuchungen über die voraussichtlichen Wirkungen von Sozialisierungen aufgrund des Gesetzes vom 23. März 1919, mit denen wir beschäftigt sind, sind uns von unserem Mitgliede, Herrn Geheimen Kommerzienrat Deutsch, Vorsitzender des Direktoriums der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft, zahlenmäßige Zusammenstellungen nebst Erläuterungen über das Verhältnis des Anteils von Arbeit und Kapital am Ertrage einer größeren Zahl industrieller Unternehmungen zugegangen, welche wir als Beitrag für die Beurteilung dieser Fragen hiermit der Öffentlichkeit unterbreiten.»


Die Handelskammer stellt noch weitere Abdrucke der Denkschrift zur Verfügung denjenigen, die durch Verbreitung derselben Hilfe leisten wollen. Und was sagt diese Leuchte der Praxis über Sozialisierung? Ich will Ihnen einige Stellen vorlesen; sie sprechen für sich:

«Woher kommt es, daß das Wort <Sozialisierung> sich mit einer nicht auszurottenden Zähigkeit in Millionen von Gehirnen festgewurzelt hat und daß vor allem die Arbeiterschaft darin das Allheilmittel erblickt, das allen ihren Beschwerden und der Unzufriedenheit mit ihrer wirtschaftlichen Lage mit einem Schlage ein Ende bereiten würde? Diese Unzufriedenheit und die Feindschaft der Arbeiter gegen die kapitalistische Produktionsordnung erhalten stets neue Anregung durch den aufreizenden Gedanken, daß eine kleine Zahl von Kapitalisten den weitaus größten Teil des Gewinns aus der industriellen Arbeit für sich in Anspruch nimmt, während die Arbeiterklasse sich mit einem kleinen Anteil daran begnügen muß. Dieser Gedanke ist ebenso falsch, wie er aufreizend ist, und solange es nicht gelingt, die Arbeiter davon zu überzeugen, ist ein ersprießliches und friedliches Zusammenwirken beider Faktoren der wirtschaftlichen Gütererzeugung auf die Dauer unmöglich.»



[E. Leinhas spricht dann noch weiter über die Ausführungen von Deutsch. Da er selbst angekündigt hat, daß Näheres darüber bald im Druck erscheinen werde, wurden seine weiteren Ausführungen nicht mehr mitgeschrieben.]

217 Herr Stecher berichtet über den Betrieb Haushahn: Wir haben schon öfter unter unseren Kollegen im Betrieb die Frage der Dreigliederung erörtert. Ich konnte konstatieren, daß in dieser Frage die ganze Arbeiterschaft, mit Ausnahme derjenigen, die nur Propaganda für Parteizwecke machen, der Sache sympathisch gegenübersteht. Ich habe mich heute früh, auf die Einladung des «Bundes» hin, bei unserer Firma betreffs der Betriebsräte als Vorsitzender des Arbeiterausschusses mit dem Angestelltenausschuß in Verbindung gesetzt. Der Vorsitzende des Angestelltenausschusses erklärte mir, daß auch er der Sache sympathisch gegenüberstehe, aber er sagte dann doch: Das Gute sollte halt doch von der Regierung kommen. Herr Dr. Steiner hat uns in Weil im Dorf vor einigen Tagen auch einen Vortrag gehalten, der einen gewaltigen, tiefen, unvergeßlichen Eindruck gemacht hat. Die Leute sind von überall her zusammengeströmt. - Ich fordere die anwesenden Arbeiter- und Angestelltenausschüsse auf, sich zusammenzuschließen und überall, wo sie Einfluß haben, die Sache der Dreigliederung zu besprechen. Sie können ja vom Bund für Dreigliederung Referenten anfordern, damit die Sache propagiert wird. Die Referenten werden willige Ohren und willige Herzen bei den Arbeitern finden. Auch die Unternehmerkreise interessieren sich schon. Ein Leiter in unserem Betrieb sagte mir, daß auch er der Sache nachgehe, denn man wisse auch, daß, wenn es so weitergeht, wie es jetzt ist, wir dem Bankrott entgegengehen. Es muß etwas Neues kommen. Leider fehlt bei den Angestellten noch das Interesse für die brennenden Fragen. Wenn wir uns aber nicht sammeln und zusammenarbeiten, so werden wir nicht weiterkommen.

Herr Conradt: Es wird dem Bund für Dreigliederung öfter der Vorwurf gemacht, er wollte, ähnlich wie die Syndikalisten, die Parteien sprengen. Das kann doch dem Bund nicht einfallen. Ich habe den Vorwurf schon dutzendemal gehört. Gerade wenn man sich zu der Idee der Dreigliederung bekennt, kann man gut einsehen, was in den Parteien fruchtbar ist und daß in den Parteien etwas lebt, was nur dadurch fördernd in unser Volksleben eingreift, daß die in den Parteien lebenden Impulse nicht einseitig durchgeführt werden. Es gibt allerdings in den Parteien Strömungen, die einer aufsteigenden Kuitur, und Strömungen, die einer absteigenden Kultur angehören. Das Gute muß nur in richtiger Art zum Leben gebracht werden.

[Die weiteren Ausführungen von Herrn Conradt wurden vom Stenographen nicht mehr wortwörtlich mitgeschrieben. In einer kurzen Zusammenfassung
218 heißt es wie folgt: «Herr Conradt spricht dann des weiteren davon, daß bei der Dreigliederung des sozialen Organismus es sich so verhält, daß soziale Maßnahmen nur auf dem wirtschaftlichen Gebiet getroffen werden können, daß Demokratie nur in das Staats- oder Rechtsleben gehört, daß man aber auf geistig-kulturellem Gebiet sprechen kann von Anarchismus, wenn man das Wort seiner üblen Bedeutung entkleidet.»
Es wird ferner berichtet, daß sich in der Firma Faber ein neuer Betriebsrat gebildet hat und folgender Antrag von dem Arbeiterausschuß der Firma Julius Faber gestellt wurde:]

«Die heutige Versammlung der Angestellten- und Arbeiterausschüsse ersucht die bis jetzt gewählten Betriebsräte, sich in kürzester Zeit zu einer Betriebsräteschaft zusammenzuschließen, und gibt dieser provisorischen Betriebsräteschaft den Auftrag, alle ihr notwendig erscheinenden Vorarbeiten zu treffen, um den Betriebsrätegedanken überall zu propagieren und den Betriebsräten den ihnen zukommenden Einfluß zu verschaffen. - Gezeichnet Glatz, Vorsitzender des Betriebsrates und Obmann des Arbeiterausschusses bei Julius Faber.»


Herr Glatz: Der Antrag, der von unserem Arbeiterausschuß gestellt wird und der Ihnen soeben vorgelegt wurde, spricht für sich selbst. Wir sind jetzt in einer ganzen Anzahl Sitzungen beieinander gewesen, ohne daß eigentlich ein praktisches Resultat erzielt worden ist. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, haben wir allen Grund, möglichst rasch und intensiv zu arbeiten, um zu dem zu kommen, was wir alle als etwas Praktisches für die Arbeiterschaft und für die ganze Menschheit anstreben. Wir dürfen nicht zulassen, daß das Interesse nachläßt, anstatt zuzunehmen. In erster Linie wird es natürlich notwendig sein, daß in den Betrieben, wo noch keine Betriebsräte sind, solche angeregt werden. Ferner muß die Agitation auch aufs Land hinausgetragen werden.
Der Prinzipal unseres Betriebes hat uns selbst auf die Vorträge von Herrn Dr. Steiner aufmerksam gemacht. Der Herr hat sehr freiheitliche Ansichten und spielt in Unternehmerkreisen eine Rolle. Nachdem wir uns mit der Sache der Dreigliederung befaßt haben und von uns aus die Betriebsrätewahl anstrebten, da hat er dann den entgegengesetzten Standpunkt eingenommen und gesagt: Die Unternehmer hätten beschlossen, mit den Betriebsräten zu warten, bis die Sache gesetzlich geregelt wird. Er könne uns nicht als Betriebsrat anerkennen. - Wir haben trotzdem

219 die Wahl vorgenommen. Der Beschluß ist einstimmig gefaßt worden; auch die Angestellten haben sich angeschlossen. Die Wahl wurde unter großer Begeisterung in der Fabrik selbst vorgenommen. Es ist die erfreuliche Tatsache zu verzeichnen, daß beinahe alle Angestellten und Arbeiter von ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht haben, trotz des Widerstandes der Firma. Wenn die Firma die Betriebsräte auch nicht anerkennt, so sind sie doch gewählt. Und da die Betriebsräte auch zum größten Teil dem Arbeiterausschuß angehören, so müssen sie doch immerhin gehört werden. Ich möchte Sie also ersuchen, den Antrag zu unterstützen, damit die Sache Hand und Fuß bekommt.

Herr Roser: Ich möchte bekanntgeben, daß bis jetzt zwölf Betriebsräte gewählt sind. Ich möchte ferner den Wunsch zum Ausdruck bringen, daß noch im Laufe dieser oder Anfang nächster Woche die Betriebsräteschaft gebildet werde. Wir können natürlich nicht bloß in Stuttgart Betriebsräte brauchen, sondern die Sache muß über ganz Württemberg verbreitet werden. Ich möchte deshalb an die Anwesenden besonders appellieren, daß sie dem Gedanken der Betriebsräte noch mehr Interesse entgegenbringen als bisher. Des weiteren kann ich mitteilen, daß neue Betriebsräte sich zu bilden im Begriffe sind. Wir werden in der nächsten Woche den einzelnen Betriebsräten Mitteilung machen, wann sie zusammentreten sollen. Dann können sie unter sich die notwendigen Beschlüsse fassen.

Herr Jansen: Ich möchte Ihnen ein Schriftstück vorlegen, das es verdient, der Öffentlichkeit übergeben zu werden. Die Firma möchte ich nicht nennen; das hat ja mit der Sache nichts zu tun. Ich will nur den ganzen Gedankengang kennzeichnen:

«Die unterzeichneten Beamten haben weder schriftlich noch mündlich offiziell erklärt, daß sie als Betriebsräte seitens des Personals gewählt sind. Wie schon gesagt wurde, ist unser Standpunkt in der Sache folgender: Erstens ist die Wahl seitens der Werktätigen angefochten, und es ist dieser Anfechtung von seilen der Direktion durch entsprechende Bekanntmachung stattgegeben worden. Demnach ist die Gültigkeit der Wahl zweifelhaft. Zweitens kommen nach einer Schrift von Dr. Steiner nur solche Personen als Betriebsräte in Frage, welche in völlig unabhängiger Stellung, weder vom Chef noch sonst vom Geschäft abhängig,

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sich befinden. Da dies bei uns nicht der Fall ist und wir Beamte uns in ausgesprochen abhängiger Stellung befinden, so ist auch diese unsere Wahl zweifelhaft. Drittens: Nach Mitteilung eines Herrn ist die Sozialisierung bei den … schon erfolgt, indem alle Überschüsse nach Bezahlung der garantierten Verzinsung von fünf Prozent restlos der Stadtgemeinde überwiesen und dadurch der Allgemeinheit zugeführt werden. Aus diesem Gesichtspunkt heraus hat der Aufsichtsrat einen Betriebsrat abgelehnt. Es wird daran gearbeitet, daß eine gemeinsame Versammlung sämtlicher Ausschüsse zwecks Besprechung der Betriebsräteangelegenheit erfolgt. Viertens stellen wir uns auf den Boden der nach dem Gesetz eventuell zu wählenden Betriebsräte. Wie uns bekannt ist, ist nach Dr. Steiner geplant, die Sozialisierung von Betrieben in der Art vorzunehmen, daß der Arbeitgeber, die Direktion und die Aufsichtsräte und sämtliche Aktionäre ausgeschaltet werden sollen und daß an deren Stelle der sogenannte Betriebsrat beziehungsweise sämtliches Personal trete. Da dies einem Umsturz der bestehenden Ordnung beziehungsweise der bestehenden Gesetze gleichkommt, so erklären wir hiermit, daß wir uns solchen Bestrebungen nicht anschließen und deshalb die Wahl als Betriebsräte nicht annehmen können.»


Das ist doch ein Dokument, das wirklich von weltgeschichtlicher Bedeutung ist! Da kommen Leute, die durch die Revolution endlich aus den Abhängigkeitsverhältnissen nach einem halben Jahr herausgekommen sind, und erklären: Weil wir dem Kapitalismus nicht an den Kragen wollen, dürfen wir nicht mitmachen, denn wir stehen ja im Dienst des Kapitalismus. Sie haben Interesse daran, daß der heilige Kapitalismus noch bestehen bleibt und daß sie als Angestellte es sind, die mithelfen wollen, diesen Götzen zu stützen, damit das goldene Kalb nicht umfalle. Die Logik in diesem Schriftstück ist ein Zeichen dafür, daß noch eine riesengroße Arbeit zu leisten ist, um die Dummheit herauszuhämmern. Dazu wird es der eisernen Faust des Proletariats bedürfen, um dieses Werk durchzuführen. Ich werde aber eine Verbindung mit diesen Instanzen suchen und versuchen herauszubekommen, wieweit das Schriftstück den Tatsachen entspricht und wieweit die Herren sich auflehnen gegen jeden wirtschaftlichen Neuaufbau.
Rudolf Steiner: Zu diesem Schriftstück, das sehr interessant ist, möchte ich die Bemerkung machen, daß es also immerhin gegenwärtig,

221 wie es scheint, Angestellte gibt, welche folgenden Gedanken entwickeln können: Das Gesetz über die Betriebsräte ist noch kein Gesetz, sondern erst ein Entwurf. Es gibt also noch kein Gesetz über Betriebsräte. Die Herren stellen sich aber auf den Standpunkt, nach den vier Sätzen, daß es nicht nur etwa ein Umsturz - darüber ließe sich diskutieren, das brauchen wir aber nicht - der bestehenden Ordnung und der Gesetze ist, wenn man irgendein bestehendes Gesetz schlecht findet, sondern die Herren stellen sich auf den Standpunkt, daß es schon ein unerlaubter Umsturz ist, wenn man irgendein Gesetz, das noch nicht da ist, das sie noch nicht kennen, oder ein Gesetz, das herauskommen könnte, heute übertritt. Also, die Herren übernehmen es, sämtlichen Gesetzen, die über sie verhängt werden können, von vornherein ihren Gehorsam zuzusichern.

Herr Nagel, Dresden: Wer die Ausführungen des Herrn Dr. Steiner über den Aufsatz von Brentano verfolgt hat, dem scheint es nicht mehr unverständlich, daß die Regierung mit einem solchen Gesetzentwurf wie dem über die Betriebsräte an uns herantreten kann. Es kann uns doch nicht darum zu tun sein, derartige Betriebsräte zu bekommen, sondern wir müssen die wirtschaftliche Macht in die Hand bekommen. Bei uns in Dresden ist leider die Bewegung noch sehr klein, aber es ist ja bekannt, daß Dresden fünfzig Jahre hinter dem Mond gelegen ist. Ich hoffe aber, nachdem ich die Verhältnisse hier studiert habe, zu Hause durch meinen Bericht so viel Anregung zu geben, daß auch dort fruchtbringende Arbeit geleistet werden kann. Es war für mich sehr erfreulich, daß in Stuttgart schon so viele Arbeiter sich zur Dreigliederung des sozialen Organismus bekennen.

Herr Dorfner: Soviel Erfreuliches wir auch gehört haben, vermisse ich doch eins: Ich werde sehr oft gefragt über dieses und jenes, was die Dreigliederung und Betriebsräteschaft betrifft. Ich sage immer: Kommt doch zu den Diskussionsabenden, dort könnt ihr Fragen stellen, die auch dann Herr Dr. Steiner selbst beantwortet. Es werden aber hier fast keine Fragen gestellt. Die Leute, die das nicht gern mündlich tun, können es ja schriftlich machen. - Es ist mir auch die Frage gestellt worden: Werden
222 die Betriebsräte die Arbeiterausschüsse nicht überflüssig machen? - Ich bitte Herrn Dr. Steiner, diese Frage zu beantworten.

Rudolf Steiner: Die Arbeiterausschüsse haben ja ihre Aufgaben vorzugsweise in den einzelnen Betrieben. Dasjenige, worum es sich aber bei der Aufstellung von Betriebsräten handelt, das ist, eine wirkliche Sozialisierung in Angriff zu nehmen. Wenn die Betriebsräte jetzt gewählt werden und dann zu einer Betriebsräteschaft zusammentreten werden, dann wird von dieser Urversammlung der Betriebsräteschaft dasjenige ausgehen können, was man die ersten Schritte zu einer wirklichen Sozialisierung nennt. Dann werden vermutlich auch die Arbeiterausschüsse, wenn sie weiter bestehen sollen, für die einzelnen Betriebe eine Aufgabe erhalten können, oder, was viel wahrscheinlicher ist, man wird die Arbeiterausschüsse als solche nicht mehr brauchen, sondern an ihre Stelle wird der Betriebsrat treten, der vielleicht aber nötig haben wird, gerade Persönlichkeiten der gegenwärtigen Arbeiterausschüsse für seine weitere Arbeit zu kooptieren, da er ja für die Erledigung der Aufgaben, die heute die Arbeiterausschüsse wahrnehmen, wenn er nur sieben oder acht Mitglieder hat, nicht genug Menschen zur Verfügung hat.
Diese speziellen Fragen werden sich erst dann restlos beantworten lassen, wenn wir den vollzähligen Betriebsrat haben. Die Arbeiterausschüsse wurden eben ursprünglich anders angelegt als die Betriebsräte. Die Betriebsräte sind als wirkliche Leiter der Betriebe gedacht. Ein wirklicher Betriebsrat würde entweder den heutigen Unternehmer, wenn er sich dazu bereit erklärt, als einen Betriebsrat unter sich haben, ebenso Personen aus dem Kreis der Angestellten, der geistigen Arbeiter, ferner der physischen Arbeiter, oder aber der Unternehmer müßte sich zurückziehen. Man muß sich eben durchaus darüber klar sein, daß der Betriebsrat als solcher so gedacht ist, daß er der wirkliche Leiter eines Betriebes sein wird, so daß alles Unternehmertum im heutigen Sinne neben diesem Betriebsrat verschwindet. Der Arbeiterausschuß ist aber doch durchaus noch so gedacht, daß das Unternehmertum in der
223 alten Form vorhanden ist. Ich bitte Sie, diesen Unterschied genau ins Auge zu fassen, also den Unterschied zwischen etwas, was noch aus der alten Ordnung heraus besteht wie der Arbeiterausschuß, und dem, was nun den ersten Anfang zu einer wirklichen Neugestaltung bilden soll. Diesen Unterschied müssen Sie ins Auge fassen, sonst werden Sie die Aufgaben der Betriebsräte nicht wirklich umfassend genug denken können.
Dann ist ferner ins Auge zu fassen, daß die Frage nach dem Fortbestehen oder der Umgestaltung der Arbeiterausschüsse erst dann beantwortet werden kann, wenn wir die Urversammlung der Betriebsräteschaft haben werden.
Dann ist hier weiter die Frage eingegangen, wie sich die Dinge gestalten sollen mit Bezug auf den Betriebsrat in einem Staatsbetrieb. Dazu muß ich sagen - es ist auch hier schon erwähnt worden -, daß es für die Wahl der Betriebsräte keinen Unterschied machen sollte, ob es um einen Privat- oder um einen Staatsbetrieb geht. Auch in einem Staatsbetrieb sollte versucht werden, alle die Vorurteile zu überwinden und die Betriebsräte zu wählen, so daß auch diese Betriebsräte dann in der Betriebsräteschaft ihre Stelle haben werden, wenn da ausgearbeitet wird das, was ich nennen möchte das Statut der Betriebsräteschaft. Dann wird es sich ergeben, daß das gewöhnliche Aufgesogensein von solchen Betrieben durch den Staat natürlich nicht fortbestehen wird. Diese Betriebe werden übergeleitet werden müssen in den selbständigen Wirtschaftsorganismus. Aber diese Forderung wird ja erst gestellt werden müssen.
Sehen Sie, die Dinge, die dem Impuls zur Dreigliederung zugrunde liegen, die sind ja durchaus als praktische Forderungen gedacht, aber sie müssen erst gestellt werden. Dadurch, daß sie ein einzelner Mensch in seinem Buche schreibt beziehungsweise stellt und auch dadurch, daß ein «Bund» dafür eintritt, damit ist zunächst noch nichts getan. Auf wirtschaftlichem Boden müssen diese Forderungen von den wirtschaftenden Personen selber gestellt werden, und es muß das Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft dahinterstehen.
224 Weiter ist gefragt worden, wie sich die Sozialisierung der Staatseisenbahnen sowie des Post- und Telegrafenwesens vom Standpunkt der Dreigliederung aus vollziehen läßt. Natürlich werden da die Leute heute noch große Vorurteile haben, und man kann ja durchaus zugeben, daß die Umwälzung schon eine sehr große sein würde, wenn auch diese wirtschaftlichen Betriebe vom heutigen Staat in die Verwaltung des selbständigen Wirtschaftskörpers übergeführt werden sollen. Aber dies muß geschehen, denn Postund Telegrafenwesen sowie die Eisenbahn gehören durchaus zum Wirtschaftsleben und werden im Wirtschaftsleben nur dann richtig sich entfalten können, wenn dieses Wirtschaftsleben unabhängig ist vom Staats- oder Rechtsleben.
Daß man sich heute diese Dinge nur schwer vorstellen kann, das rührt von folgendem her. Man hat sich daran gewöhnt, die Dinge so zu denken, wie sie immer waren. Man sagt: «Das sind Tatsachen.» Aber, meine werten Anwesenden, Tatsachen sind ja doch Dinge, die geschaffen wurden, von Menschen geschaffen wurden, und die lassen sich ebensogut wiederum umschaffen, lassen sich ändern. Das ist es, was wir ins Auge fassen müssen. Es handelt sich eben durchaus darum, daß alles, was dem Wirtschaftsleben angehört, auch wirklich auf den eigenen freien wirtschaftlichen Boden gestellt wird. Der Grund, weshalb sich diese Dinge heute so schwer denken lassen, ist darin zu suchen, daß heute das Geld, das ja ohnedies bei einer großen Anzahl europäischer Staaten schon eigentlich kein richtiges Geld mehr ist, eigentlich auf einem ganz falschen Boden steht. Natürlich wird da der Übergang auch schwierig sein, weil durch das Geld die Menschheit abhängig ist von dem führenden Handelsstaat England und weil wir nicht ohne weiteres von heute auf morgen die Engländer und Amerikaner von der Goldwährung abbringen können. Im Außenhandel mit diesen Staaten müssen wir natürlich die Goldwährung so lange haben, bis unter dem Zwang der Verhältnisse auch die Goldwährung aufhören wird. Aber für den dreigliedrigen sozialen Organismus muß angestrebt werden, daß der Staat nicht mehr dem Geld den Wert verleiht, sondern daß das Geld seinen Wert
225 bekommt innerhalb des wirtschaftlichen Organismus. Dann aber ist das Geld nicht mehr eine Ware, wie es heute ist. Wenn das auch versteckt ist, so ist in Wahrheit heute das Geld doch eine Ware, und zwar nur dadurch, daß ihm sein Wert aufgetragen wird durch den Staat. Aber im dreigliedrigen sozialen Organismus wird das Geld als Zirkulationsmittel nur in dem Sinne vorhanden sein, daß es gewissermaßen eine fliegende Buchhaltung ist. Sie wissen ja aus dem, was ich heute vor acht Tagen gesagt habe: Es wird alles auf wirklicher Leistung und Gegenleistung beruhen im kommenden Wirtschaftsleben. Für die Leistung bekommt man gewissermaßen den Schein, der aber nichts anderes bedeutet als: Es steht auf der allgemeinen aktiven Seite für mich verfügbar dasjenige, was meinen Leistungen entspricht, und ich kann eintauschen dafür dasjenige, was meinen Bedürfnissen entspricht. Gebe ich den Schein hin, so bedeutet das dasselbe, wie wenn ich heute in einem kleinen Betrieb zu buchen habe dasjenige, was auf der linken Seite steht, zum Ausgleich auf der rechten Seite. Also, es wird der Geldverkehr die fliegende Buchführung sein für den Wirtschaftsorganismus. Solche Dinge sind ja eigentlich auch heute schon in ihrem Anfange da. Sie wissen ja, daß es schon eine Art von Gutschreibung gibt, also Guthaben, die übertragen werden können, ohne daß man auf gewissen Gebieten Geldverkehr hat. Überhaupt ist das meiste von dem, was der dreigliedrige soziale Organismus fordert, im Keime schon da und dort vorhanden. Diejenigen Menschen, die heute von der Unpraxis des dreigliedrigen sozialen Organismus sprechen, die sollten sehen, wie da oder dort - aber allerdings im kleinen, so daß es manchmal nicht nützlich, sondern schädlich ist -, wie da oder dort das vorhanden ist, was zusammengefaßt und ins Große stilisiert den dreigliedrigen sozialen Organismus geben wird. Die Staatsbahnen sind heute, beinahe möchte ich sagen, wie ein Staatsmöbel gedacht, und man denkt sich die Umwälzung als etwas Furchtbares. Aber man muß nur bedenken, daß das, worauf es in Zukunft ankommt, nämlich auf die Verwaltung des Wirtschaftslebens durch Betriebsräte, durch Verkehrs- und Wirtschaftsräte - die kommen ja noch außerdem
226 hinzu -, daß diese Veränderungen durchaus mit einer wirklichen Sozialisierung zusammenhängen und daß all die Befürchtungen überflüssig sind. Es handelt sich also darum, daß zum Beispiel die Eisenbahnen in vernünftiger Weise verwaltet werden und nicht so, daß der bürokratische Staat dahintersteht.
Wenn man sich die Dinge im einzelnen richtig vorstellt, dann wird man sehen, daß überall praktisch durchführbare Wege gegangen werden können. Wenn allerdings die Leute immer wieder kommen und sagen, sie verstünden das nicht, was in meinem Buch steht, so muß ich sagen, daß ich das heute begreife, denn ich würde mich wohl sehr wundern müssen, wenn zum Beispiel Herr Professor Brentano, von dem ich Ihnen erzählt habe, und seine Schüler, die sehr zahlreich sind, die «Kernpunkte der sozialen Frage» verstehen würden. Denn ich glaube nicht, daß sie das Buch verstehen können. Aber gerade von den Leuten, deren Gedanken durch diese Schulung nicht verdorben sind, glaube ich, daß sie, wenn sie nur ein wenig ihre Denkgewohnheiten überwinden, das verstehen können, was in den «Kernpunkten» steht.

Herr Roser: Die einzelnen Punkte, die heute abend zur Sprache gekommen sind, waren ja hauptsächlich auf das wirtschaftliche Gebiet bezogen. Es ist begreiflich, daß dieses wirtschaftliche Gebiet in unseren Diskussionsabenden größte Bedeutung hat. Aber bei alledem dürfen wir nicht vergessen, daß dieses Wirtschaftsleben nur ein Teil jenes großen Problems, jener großen Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus ist. Wir dürfen nicht aus dem Auge verlieren, daß das Wirtschaftsleben allein nicht lebensfähig und nicht funktionsfähig ist, wenn man nicht in entsprechender Weise auch auf das Rechts- und Geistesleben blickt. Der Grund hierfür ist, daß ja unsere Verhältnisse, wie wir sie zur Zeit haben, deshalb so chaotisch sind, weil die drei Gebiete zusammengemuddelt wurden. Das muß für uns immer der Leitstern sein, daß wir vor allen Dingen danach streben, daß endlich diese drei Gebiete getrennt werden. Diese müssen dann in Harmonie wieder zusammenarbeiten, aber nicht in der Weise, wie es jetzt geschieht oder geschehen ist, daß zum Beispiel der Rechtsstaat das Wirtschaftsleben für sich in Anspruch nimmt und vergewaltigt oder daß das Wirtschaftsleben das Geistesleben ausbeutet. Nur dadurch, daß
227 auch das Geistesleben zur höchsten Blüte kommt, nur dadurch kann ein gesundes Wirtschaftsleben, kann überhaupt ein gesundes Volksleben entstehen. Nur durch die Dreigliederung wird das ganze Volksleben in das richtige Licht gerückt.

Herr Lange: Er spricht davon, daß der Arzt heute zum Handwerker degradiert wird, weil er nicht frei über Medikamente und dergleichen verfügen kann, sondern sich an die Anweisungen der Krankenkassen halten muß. Auch da sei eine allseitige Beschränkung durch Staatsgesetze und Staatsgewalt. Zudem wird heute der Fehler gemacht, daß man das Neue immer in das Alte hineinpressen will. Auf diese Art käme man aber nicht vorwärts.

Herr Kühn: Daß die Versammlung heute nicht gut besucht ist, liegt nicht an einer gewissen Interesselosigkeit, sondern daran, daß gleichzeitig eine große Versammlung im Dinkelacker-Saal stattfindet. Für die Bildung der Betriebsräte muß viel Kleinarbeit geleistet werden. Das ist ein langer Weg. Bei den einzelnen Versammlungen in den Fabriken zeigt es sich, wie schwer die einzelnen Menschen zu überzeugen sind. Es sollte eigentlich nicht so sehr an einzelnen hängen, sondern mehr am Verständnis der Massen. Dann werden einzelne Betriebe einfach mitgerissen. Wir haben verschiedene Redner oder Referenten, die ständig zur Verfügung stehen, um in Versammlungen zu sprechen. Nach meinen Erfahrungen in einzelnen Betrieben muß man sagen: Sachliche Einwände gegen die Dreigliederung des sozialen Organismus hört man fast nie. Die Arbeiter sind fast restlos einverstanden, nur die Angestellten sind meist etwas schwerfälliger, wie es ja auch aus dem interessanten Brief hervorgeht, der vorhin vorgelesen wurde. Die Leute haben vielfach nicht das richtige Gefühl für die Sache.
Es wäre wünschenswert, wenn die bis heute gewählten Betriebsräte öfters zusammenkommen könnten, auch die von auswärts. Hier, in diesen Diskussionsabenden, wäre so eine Gelegenheit, sich zu treffen, aber leider sind nicht einmal alle Betriebsräte hier, abgesehen davon, daß die von Eßlingen und Heilbronn nicht jedesmal hierher fahren können. Es sollten die verschiedenartigen Branchen vertreten sein; darüber müßte man sich einigen, und ich will nun gleich einmal vorlesen, welche Branchen, welche Arbeitszweige vorhanden sind: Lederfabrik, mehrere Maschinenfabriken, Straßenbahnen, Zigarettenfabrik, Kartonagefabrik, Schuhfabrik, Meßinstrumentefabrik,
228 Instandsetzungsamt, also ein Staatsbetrieb, Setzmaschinenfabrik, Fabrik optischer Instrumente. Ich bemerke noch, daß der Betriebsrat in dem staatlichen Betrieb der einzige ist, der mit Genehmigung des Vorgesetzten gegründet worden ist. Sie sehen, wir haben da eine ganze Reihe verschiedenster Branchen. In Bildung begriffen ist noch der Betriebsrat in einer Schuhfabrik in Kornwestheim, ferner in vier bis fünf Maschinenfabriken; diese sind ja vorherrschend. Es fehlen aber noch Branchen wie zum Beispiel aus dem Textil-, Papier- und Druckgewerbe, was sehr schade ist. Auch die Nahrungsmittelindustrie ist noch nicht vertreten. Zu einer wirklichen Arbeit reichen die heutigen Betriebsräte eigentlich noch nicht aus. Ich möchte deshalb den Vorschlag machen, daß die Betriebsräte möglichst häufig oder sogar regelmäßig bei diesen Versammlungen erscheinen und daß die Arbeiter- und Angestelltenausschüsse, die ohnehin herkommen, alle in Betriebsräte umgewandelt werden. Wenn Sie alle zur Wahl schreiten und nicht nur zuhören, was geredet wird, werden Sie alle bald Betriebsräte sein, so daß wir bald schon diesen Saal mit Betriebsräten füllen können, wobei ich natürlich nicht meine, daß die Arbeiterausschüsse verschwinden sollen; sie werden ja wohl häufig im Betriebsrat drinnen sitzen. Wenn diese Frage- oder Diskussionsabende in der Weise gestaltet werden sollen, daß die Einzelheiten zur Sprache kommen, zum Beispiel wie man diesen oder jenen Wirtschaftsbetrieb umwandeln kann, so ist das schon eine gewisse Vorarbeit zur späteren Arbeit der Betriebsräteschaft. Und so würden sich diese Abende interessant gestalten.

Rudolf Steiner: Es ist ja auch im heutigen Schlußwort nicht mehr besonders viel zu sagen. Ich will zunächst auf eine Frage, die gestellt worden ist, antworten. Diese Frage lautet: Die große Masse des Proletariats erwartet, da es noch materialistisch denkt, eine Besserstellung seiner materiellen Bedürfnisse durch die Tätigkeit der Betriebsräteversammlung. Welche Maßnahmen müßten getroffen werden, um in der Übergangszeit einen gerechten Ausgleich zwischen Bedürfnis und Entlohnung schnell wirksam werden zu lassen? - Sehen Sie, es gibt Dinge, die sich nicht so einfach aus dem Wolkenkuckucksheim herausholen lassen. Wenn es nicht so wäre, daß doch die Betriebsräte unbedingt notwendig wären und endlich mit einer wirklichen sozialen Arbeit beginnen, so würde
229 man den Vorschlag ihrer Konstituierung gar nicht machen. Daher kann auch eine solche Auffassung über die Verbesserung der Lage, bevor die Betriebsräte arbeiten, doch eigentlich nicht als eine sehr bedeutsame angesehen werden. Es gibt ja heute sehr viele Menschen, die kommen mit sonderbaren Fragen, wenn es sich darum handelt, die wirklich praktischen Gesichtspunkte geltend zu machen, die nun die Menschheit zu heilsameren Zuständen führen, als wir sie heute haben. Ich habe in den letzten Wochen immer wieder erlebt, daß die Menschen fragen: Ja, nun soll doch sozialisiert werden. Was wird dann nach der Sozialisierung mit einem Kleinkrämer, der ein Geschäft auf der Straße hat? Oder eine andere Frage: Wie wird der Universitätspedell sozialisiert, wenn die Dreigliederung eingeführt werden soll?
Nun, hört man sich diese Fragen an, so laufen sie alle eigentlich auf das eine hinaus, nämlich auf die Frage: Ja, wie führen wir eigentlich die große Umwälzung so herbei, daß nicht alles beim alten bleibt? So fragt die eine Sorte von Menschen. Die andere Sorte von Menschen möchte schon eine große Umwälzung, aber so möchte sie es nicht machen, sie möchte nicht eingreifen, sie möchte leichtere Maßregeln haben. Und diese Tendenz liegt ein bißchen unserer Frage zugrunde. Man kann da nur antworten: Mit dieser anderen, leichteren Form schon für die Übergangszeit, da kann man nichts erreichen. Daher kommt es darauf an, daß derjenige, der eine Besserung will, sich schon darauf einläßt, diejenigen Dinge zu ergreifen, die die Besserung herbeiführen können. Man kann nicht fragen: Wie führen wir die Besserung herbei im Vorfeld der Begründung von Betriebsräten? - Sondern man muß sich sagen: Damit die Besserung herbeigeführt wird, wollen wir so schnell wie möglich Betriebsräte haben. Ich fürchte sogar, daß hier auch ein Wunder nicht helfen könnte. Also verlassen Sie sich auf keine Wunderkuren, sondern gehen Sie den praktischen Weg; je schneller, desto besser.
Sehen Sie, da ist ja jetzt diese «Tribüne» erschienen, in der auch der Aufsatz über mich und das Proletariat enthalten ist, von dem ich schon gesprochen habe. Es gibt im gleichen Heft noch
230 einen Aufsatz von einem Universitätsprofessor, der die ganze Dreigliederung des sozialen Organismus Punkt für Punkt widerlegt. Man kann nicht einmal sagen, daß das, was er diesmal vorbringt, nicht zutreffend wäre, aber es ist aus einem ganz sonderbaren Grund zutreffend. Sehen Sie, der Mann versteht nämlich gar nichts von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Er ist gar nicht in der Lage, irgendeinen Gedanken, der in meinem Buch über die Kernpunkte der sozialen Frage steht, wirklich zu verstehen. Weil er das nicht versteht, aber doch Universitätsprofessor ist, da muß er alles verstehen. Weil er eben nicht versteht, so macht er sich selbst eine Dreigliederung zurecht. Das ist ein fürchterlicher Kohl. Wenn man alles das zusammenstellt, was er als Dreigliederung schildert, so ergibt das einen fürchterlichen Kohl, einen unausführbaren, lächerlichen, schauderhaften Kohl. Und das widerlegt der nun. Das ist furchtbar leicht zu widerlegen, was er sich da zurechtgemacht hat. Aber darin besteht nun der Aufsatz. Es ist in ihm nichts davon enthalten, um was es eigentlich geht. So kann sich der Mann nicht vorstellen, warum eigentlich dieser selbständige Wirtschaftskörper dasein soll. Ich habe Ihnen neulich gesagt: Der selbständige Wirtschaftskörper muß deshalb im dreigliedrigen sozialen Organismus dasein, weil auf dem Boden des Wirtschaftslebens alles aus der Sachverständigkeit, aus dem Drinnenstehen im Wirtschaftsleben, aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens hervorgehen muß und weil man nicht auf dem Boden des allgemeinen Rechtes, wo jeder mündige Mensch zu entscheiden hat über das, worin er jedem Menschen gleich ist, über das Wirtschaftsleben entscheiden kann. Es kann nur zum Segen für das Wirtschaftsleben etwas werden, wenn sachverständig entschieden wird. Das kann sich Herr Professor Heck nicht vorstellen. Er kann sich überhaupt nichts anderes denken, als was er schon gesehen, was er schon erlebt hat und worin seine Denkgewohnheiten wurzeln. Ich muß bei solchen Dingen immer wieder an etwas denken, was ich neulich gehört habe. Da sagte mir jemand - ich glaube, es war auch ein Professor -: Ich kenne die Bestrebungen des dreigliedrigen sozialen Organismus. - Ich fragte ihn: Leuchtet
231 Ihnen etwas davon ein? - Bis jetzt war es nicht so, sagte er. - Sehen Sie, dieses «bis jetzt war es nicht so», das war alles, was ihm als Gedanke kam. Was bis jetzt nicht war, scheint eben nicht diskutabel zu sein, darüber konnte er sich nicht weiter äußern. Solche Dinge erlebt man eben durchaus. Man begegnet Einwänden, die eigentlich keine Einwände sind. Es wurde - das ist noch nicht lange her - sogar der Einwand erhoben: Ja, die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus, die steht gewissermaßen auf einem sittlichen Standpunkt, und sich auf einen sittlichen Standpunkt zu stellen, das ist ein großer Irrtum. - Ja, diesen Einwand gab es auch schon. Es gibt überhaupt die allermerkwürdigsten Einwände. Einer der gewöhnlichsten ist der: Ja, es wäre ja ganz nett mit dieser Dreigliederung, aber dazu gehören andere Menschen. Mit den gegenwärtigen Menschen kann man die Dreigliederung nicht einführen. - Nun, dabei begreift derjenige, der so etwas sagt, durchaus nicht, daß viel von dem, was in den gegenwärtigen Menschen zum Ausdruck kommt, gerade eine Folge unserer sozialen Verhältnisse ist und daß das anders sein wird in dem Augenblick, wo die sozialen Verhältnisse gesunden werden.
Nun, die Leute betrachten die Dinge niemals von einem wirklich sachgemäßen Gesichtspunkte aus. Ich will Ihnen ein drastisches Beispiel geben, das ich vielleicht auch hier schon einmal vorgebracht habe. Nicht wahr, es gab ja eine furchtbare Bürokratie gerade innerhalb des Beamtenwesens in Deutschland bis zu diesem Weltkrieg. Nun hat man durch die Kriegswirtschaft die Notwendigkeit erkannt, nicht allein die Beamten wirtschaften zu lassen, sondern zunehmend Kaufleute und Industrielle in die Ämter zu berufen, damit diese dort ihre praktische Weisheit im Hinblick auf eine Steigerung der Kriegswirtschaft loslassen konnten. Da hat sich dann die merkwürdige Tatsache eingestellt, die sehr interessant ist. Es wurden nämlich die Kaufleute und Industriellen viel bürokratischer, als die Bürokratie zuvor je war! Also, sie haben sich wunderbar in die Bürokratie hineingefügt. Wer dies beobachtet hat, der weiß auch, was es für eine Bedeutung haben würde, wenn nicht weiterhin ungesunde, das heißt bürokratische Verhältnisse
232 die Menschen umgeben würden, sondern solche Verhältnisse, von denen der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus spricht. Da würden sich, gerade so, wie sich die Industriellen und Kaufleute in waschechte Bürokraten innerhalb der bestehenden Bürokratie verwandelt haben, die Menschen eben den gesunden Verhältnissen anpassen, und man wird nicht mehr sagen können, daß man zuerst bessere Menschen haben müsse, damit man eine bessere soziale Ordnung begründen kann. Man muß sich doch darüber klarwerden, daß gerade durch eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse den Menschen die Möglichkeit gegeben sein wird, bessere Menschen zu werden. Verlangt man aber, daß die Menschen zuerst bessere Menschen sein müssen, dann brauchen wir ja die sozialen Verhältnisse gar nicht zu bessern. Wenn die Menschen durch die sozialen Verhältnisse nicht zu dem geworden wären, was sie gegenwärtig sind, dann müssen die sozialen Verhältnisse ja gut sein, dann müßten sie in Ordnung sein. Sie sehen daraus wiederum die Notwendigkeit des Umdenkens und Umlernens. Das ist es, was vor allen Dingen grundlegend notwendig ist. Und wenn sich die Leute nur ein klein wenig in die Wirklichkeit hineinstellen könnten und aus ihr heraus denken würden, dann wären wir schon einen Schritt weiter.
Sehen Sie, da schreibt ein ganz gutwilliger junger Mann - man möchte ihm ja so gerne helfen -, er schreibt: Ja, er kann nicht anders als sich sagen, daß vielleicht die Dreigliederung des sozialen Organismus eine Lösung wäre, wenn eben die Menschen anders wären, als sie jetzt sind. - Und nun frage ich Sie: Glauben Sie nicht, daß dieser Mann im Untergrund seiner Seele die Anschauung in sich trägt, daß die anderen nicht die besseren Menschen sind, aber er, der das einsieht, er ist doch, jedenfalls der Anlage nach, dieser bessere Mensch? - Geht man zum nächsten, der einem dasselbe sagt, dann empfindet sich wiederum der als den besseren Menschen und ein dritter wohl ebenso. Da müßte sich doch jeder sagen: Wenn jeder so dächte wie er - und eigentlich muß man doch zunächst Rücksicht nehmen darauf, wie die anderen Menschen sind —, wenn also jeder dächte so wie er, dann wären doch
233 die besseren Menschen schon da! - Sie sehen, es kommt nicht darauf an, abstrakt-logisch zu denken, sondern so, daß man mit dem Denken in der Wirklichkeit steht, so daß man nicht etwas sagt, was selber als Gedanke fortwährend Purzelbäume schlägt. Das aber ist gerade das, was in der Gegenwart so furchtbar wirkt und uns auffällt, daß die Menschen fortwährend über die eigenen Gedanken, die eigentlich Ungedanken sind, stolpern. Deshalb muß immer wieder betont werden, daß nicht nur eine Änderung unseres Wirtschaftslebens notwendig ist, sondern auch eine Änderung der geistigen Struktur unseres sozialen Lebens. Wir sind durch das, was bisher war, in eine Krise vor allen Dingen des Geisteslebens hineingetrieben worden.
Wenn wir heute, ich möchte sagen, den Welthorizont überblikken, was fällt einem denn da am meisten auf? Ja, in den letzten vier bis fünf Jahren muß einem am meisten auffallen, daß über alle Weltverhältnisse nirgendwo im Grunde genommen die Wahrheit gesagt worden ist, sondern alle Weltverhältnisse sind entstellt worden, sind in schiefem Lichte dargestellt worden, von den Berichten über die Schlachten bis hin zu den Zielen der Völker. Von den Kriegsmotiven bis hin zum Frieden ist alles schief dargestellt worden. Überall herrschen Phrasen, die nicht mit den Tatsachen in der Welt übereinstimmen. Das aber lebt in allem, was sich aus den bisherigen Kulturverhältnissen und den sozialen Verhältnissen entwickelt hat. Das lebt bis in die einzelnen Verrichtungen und Einrichtungen des menschlichen Lebens hinein. Daher müssen wir sagen, daß alle diejenigen, die die soziale Frage einseitig auffassen, es mit der Menschheit nicht ehrlich meinen. Ehrlich meint man es nur mit der Menschheit, wenn man sich sagt: Das Wirtschaftsleben hat die Menschen in die Krise hineingeführt, also muß es auf einen anderen Boden gestellt werden. Das Rechtsleben hat gezeigt, daß in den einzelnen Rechtsterritorien Klassenvorrechte und Klassenbenachteiligungen herrschen, also muß es auf den Boden der allgemeinen Menschenrechte gestellt werden. Es hat sich deutlich gezeigt, daß man Recht nennt dasjenige, was nur gestützt werden kann durch Gewalt, und dies bis in unsere Tage
234 hinein. Und es hat sich gezeigt, daß im Geistesleben die Gedanken der Menschen schief sind. Auf den drei elementaren Lebensgebieten, also dem des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens und des Geisteslebens, sehen wir die Menschheit in einer Krise, und diejenigen, die es mit dem Fortschritt ehrlich meinen, die müssen sich darüber klar sein, daß auf diesen drei Gebieten jeweils ganz selbständig vorangeschritten werden muß, weil die Krisen gerade aus der Vermengung dieser drei Gebiete resultieren. Daher kann ich nur sagen: Wenn Sie auf irgendeinem speziellen Gebiet, wie jetzt im Zusammenhang mit den Betriebsräten, entscheidende Maßnahmen treffen im Sinne einer umfassenden sozialen Neugestaltung, also im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus, dann handeln Sie in der Richtung des Fortschrittes der Menschheit zu einer wirklichen sozialen Ordnung. Bedenken Sie diesen Zusammenhang zwischen einer Einzelmaßnahme und den Maßnahmen aufgrund eines gesamthaften Überblickes, dann tun Sie heute Ihre Pflicht und Schuldigkeit gegenüber der Menschheit und gegenüber sich selbst. Einzelne Maßnahmen haben heute keine Bedeutung, sondern allein das, was im großen sozialen Zusammenhang gedacht ist. Das Kleinste muß mit dem Größten zusammen gedacht werden. Seien Sie sich dessen bewußt: Gelingt es Ihnen, die Betriebsräteschaft wirklich entstehen zu lassen, dann haben Sie etwas getan, was eine geschichtliche Bedeutung hat für die ganze folgende Menschheit, weil dies im Zusammenhang steht mit den größten Problemen, die heute der Menschheit gestellt werden. Deshalb fragen Sie nicht nach kleinlichen Schritten, sondern stellen Sie sich auf einen solchen Boden, der wirklich die Grundlage bildet, um vorwärtszukommen zur Tat, denn auf die Tat kommt es an. Und fügen wir an das, was wir aus der Dreigliederung des sozialen Organismus heraus einsehen, Tat um Tat, dann werden wir das schaffen können, was uns Hoffnung gibt, aus der furchtbaren Lage, in die uns das bisherige Geistesleben, das bisherige sogenannte Rechtsleben und das bisherige Wirtschaftsleben geführt haben, herauszukommen.




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