24. Juni 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS V
FÜNFTER DISKUSSIONSABEND
Der Übergang vom Einheitsstaat zum dreigliedrigen sozialen Organismus als Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung und als Notwendigkeit zur Gesundung der gegenwärtigen Verhältnisse. Das Vertragsprinzip, beruhend auf Leistung und Gegenleistung, als Grundelement des Wirtschaftslebens. Das Arbeitsrecht als Bestandteil der Menschenrechte. Gesetz und Verordnung als Grundelemente des Rechtslebens. Der Ratschlag als Grundelement des Geisteslebens. Kritische Anmerkungen zum Marxismus, die Frage der Fähigkeiten und Bedürfnisse sowie das Rechtsbewußtsein betreffend. Sozialisierung statt Fiskalisierung. Voraussetzungen für eine gerechte Preisbildung. Die Umwandlung des Lohnverhältnisses in ein Vertrags Verhältnis. Das Geld als «eine Art wandelnde Buchführung». Die Begründung von Betriebsräten als erster Schritt zur Sozialisierung des Wirtschaftslebens.
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| 164 | Vorsitzender Herr Gönnewein: Im Namen des «Bundes für Dreigliederung» eröffne ich hiermit den heutigen Diskussionsabend und heiße Sie hierzu herzlich willkommen. Ich nehme an, daß uns der heutige Abend einen Schritt weiterführt. In verschiedenen Betrieben sind schon Betriebsräte gewählt worden, und am heutigen Abend wird diesen Betriebsräten die Gelegenheit gegeben, hier alles das zum Ausdruck zu bringen, was sie zu sagen haben, und ferner Fragen zu stellen, damit sie von Dr. Steiner eingehend behandelt werden können, damit etwaige Zweifel beseitigt werden. Die heutigen Ereignisse zwingen uns mehr denn je, uns eingehend mit dem zu befassen, was uns die kommende Zeit bringt. Deshalb nehme ich an, daß alle Anwesenden von der Diskussion ausgiebig Gebrauch machen werden. Ich erteile das Wort zur Eröffnung Herrn Dr. Steiner. |
Einleitende Worte
| 164 | Rudolf Steiner: Meine werten Anwesenden! Ich will, wie das auch sonst in diesen Versammlungen geschehen ist, zunächst nur eine kurze Einleitung vorausschicken und hoffe, daß alles, was an Wichtigem heute zu besprechen ist, in der Diskussion zur Sprache kommt. Wir haben uns ja jetzt wiederholt hier versammelt, um die Frage der Betriebsrätewahl zu besprechen, und wir haben versucht, uns in diesen Versammlungen klarzumachen, von welchem Gesichtspunkt aus die Betriebsrätefrage hier zu behandeln ist, wie sie zu behandeln ist vom Standpunkt des dreigliedrigen sozialen Organismus aus. Dieser dreigliedrige soziale Organismus soll ja das gesamte gesellschaftliche Leben gliedern in die drei Teile, nämlich in den wirtschaftlichen, den rechtlichen oder staatlichen und den geistigen Unterorganismus. Also dasjenige, was bisher chaotisch zusammengeschmolzen war zu einem Einheitsstaat, das soll in seine naturgemäßen |
| 165 | drei Glieder zerteilt werden. Man kann nun fragen: Warum soll denn dies eigentlich geschehen? - Es soll geschehen, weil die bisherige geschichtliche Entwicklung selbst nach dieser Dreigliederung drängt. So zeigt uns diese geschichtliche Entwicklung der Menschheit, daß sich gerade im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte, insbesondere aber im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, alles, was menschliche Beziehungen sind, zusammengeschoben hat in den Einheitsstaat und daß wir gerade dadurch, daß sich die wirtschaftlichen Verhältnisse mit den staatlichen und den geistigen Verhältnissen zusammengeschoben haben, in die Katastrophen hineingeraten sind. Bevor man nicht einsehen will, daß es nur möglich ist, in bezug auf eine Gesundung der Verhältnisse und damit auch in der Entwicklung der Menschheit, weiterzukommen dadurch, daß man diesen Einheitsstaat in die drei Teile gliedert, wird man überhaupt mit gar nichts, weder mit der Sozialisierung noch mit der Demokratie irgendwie weiterkommen können. Daher haben wir auch hier die Betriebsrätefrage vom Standpunkte des selbständigen Wirtschaftslebens aus ins Auge gefaßt. Sehen Sie, Sie können am leichtesten die Notwendigkeit der Gliederung des bisher verfehlten Einheitsstaates in die drei Glieder einsehen, wenn Sie erkennen, wie sich alles im Wirtschaftsleben unterscheidet vom eigentlich staatlichen und geistigen Leben. Im Wirtschaftsleben ist alles einerseits den Naturbedingungen unterworfen. Diese sind mal so, mal so und unterliegen Veränderungen. Auch spielt die Bevölkerungszahl eine Rolle. Dann hängt im Wirtschaftsleben alles davon ab, daß sich die Menschen in gewisse Berufszweige, Berufsstände gliedern. Ferner ist im Wirtschaftsleben ein individueller, ein persönlicher Faktor enthalten, das ist die Summe der menschlichen Bedürfnisse. Nicht wahr, es ist ja leicht einzusehen, daß die Summe der menschlichen Bedürfnisse die Menschen zu einer Art Maschine des gesellschaftlichen Lebens machen würde, wenn man irgendwie regeln wollte die Bedürfnisse des einzelnen. Daher finden Sie ja auch in der sozialistischen Anschauung und schon bei Marx deutlich ausgesprochen, daß im wirklichen sozialistischen Gemeinwesen eine Normierung, eine Regelung der Bedürfnisse |
| 166 | des einzelnen nicht stattfinden soll. Der eine hat die Bedürfnisse, ein anderer jene, und es kann nicht darum gehen, daß man von irgendeiner Zentralstelle aus den Menschen vorschreibt, welche Bedürfnisse sie haben sollen, sondern darum, daß man aus dem Leben heraus die Bedürfnisse ergründet und durch die Produktion dafür sorgt, daß die Bedürfnisse wirklich befriedigt werden können. Wenn man so das ganze Wirtschaftsleben überblickt, dann wird man schon darauf kommen, daß im Wirtschaftsleben alles beruhen muß auf dem Vertragsprinzip. Alles das, was das Wirtschaftsleben ausmacht, beruht ja, oder soll innerhalb eines sozialen Gemeinwesens beruhen, auf Leistung und Gegenleistung. Diese Tatsache liegt ja heute auch den Forderungen der Proletarier zugrunde, da man festgestellt hat, daß dieser Tatsache heute noch keineswegs Rechnung getragen wird, nämlich daß der Leistung eine Gegenleistung entsprechen muß. Heute herrscht immer noch das Prinzip vor, daß man aus der Menschenarbeit dasjenige herausholt, was man für sich braucht oder zu brauchen glaubt, ohne daß man dafür eine Gegenleistung zu liefern braucht. Daher kommt heute in den Forderungen der proletarischen Massen zum Ausdruck, daß es in Zukunft nicht mehr die Möglichkeit geben soll, daß man seine Bedürfnisse aus den Leistungen der arbeitenden Bevölkerung befriedigt, ohne daß diese eine Gegenleistung erhält. Man muß sich darüber im klaren sein, daß es im Wirtschaftsleben immer auf die konkreten Verhältnisse ankommt, also auf die Naturbedingungen, die Art der Berufe, die Arbeit, die Leistung. Man kann nur wirtschaften, wenn man Zusammenhänge herstellt zwischen den verschiedenen Arten von Leistungen. Es kann nicht immer alles in gleicher Weise verwertet werden, was heute geleistet wird. Es müssen auch Leistungen, die erst in der Zukunft erbracht werden, vorausgesehen werden. Ja, man müßte da noch vieles sagen, wenn man das Wirtschaftsleben in dieser Weise vollständig charakterisieren wollte. Weil also alles im Wirtschaftsleben auf Leistung und Gegenleistung beruhen muß und weil diese beiden von verschiedenen Dingen |
| 167 | abhängig sind, muß im Wirtschaftsleben alles beruhen auf dem Vertragsprinzip. Wir müssen in Zukunft Genossenschaften, Assoziationen im Wirtschaftsleben haben, welche ihre gegenseitigen Leistungen und Gegenleistungen gründen auf das Vertragsprinzip, auf die Verträge, die sie miteinander schließen. Dieses Vertragsprinzip muß das ganze Leben und insbesondere das Leben innerhalb der Konsumgenossenschaften, Produktionsgenossenschaften und Berufsgenossenschaften beherrschen. Ein Vertrag ist immer irgendwie befristet. Wenn keine Leistungen mehr erbracht werden, dann hat er keinen Sinn mehr, dann verliert er seinen Wert. Darauf beruht das ganze Wirtschaftsleben. Auf etwas fundamental anderem beruht das Rechtsleben. Es beruht darauf, daß in demokratischer Weise alle diejenigen Maßnahmen getroffen werden, durch die jeder Mensch mit Bezug auf die Menschenrechte jedem anderen gleich ist. Zu den Menschenrechten gehört auch das Arbeitsrecht. Dafür kann jeder mündig gewordene Mensch eintreten. Jeder Mensch, der mündig geworden ist, kann teilnehmen - entweder direkt auf dem Wege eines Referendums zum Beispiel oder indirekt durch Wahl beziehungsweise durch eine Volksvertretung - an der Festsetzung derjenigen Rechte, die unter gleichen Menschen zu herrschen haben. Daher herrscht auf dem Rechts- oder Staats- oder politischen Boden nicht der Vertrag, sondern das Gesetz. Gesetze werden in der Zukunft zum Beispiel auch die Arbeitsverhältnisse regeln. So werden durch Gesetze festgelegt sein Zeit, Maß und Art der Arbeit, während das, was dann innerhalb der gesetzlich festgelegten Arbeitszeit zu leisten ist, durch Verträge innerhalb des Wirtschaftskörpers geregelt wird. Von ganz anderer Art ist wiederum das Geistesleben. Das Geistesleben beruht darauf, daß in ihm die Menschheit ihre Fähigkeiten entwickeln kann für das Staats- und Wirtschaftsleben. Das ist aber nur möglich, wenn man im Geistesleben die Grundlage dafür schafft, daß man die sich entwickelnden menschlichen Fähigkeiten, die ja dem Menschen nicht mit der Geburt einfach gegeben sind, sondern erst entfaltet werden müssen, sachgemäß zur Entwicklung, |
| 168 | zur Entfaltung bringt. Es würde ein großer Irrtum sein, wenn man glaubt, daß die geistigen und auch die physischen Fähigkeiten - letztere sind ja im Grunde genommen gleichwertig den geistigen - auf dieselbe Weise erkannt und gepflegt werden könnten wie die staatlichen und wirtschaftlichen Dinge. Das, was sich zum Beispiel auf Erziehung und Unterricht bezieht, das kann weder beruhen auf Verträgen noch auf Gesetzen oder Verordnungen, sondern es muß beruhen auf Ratschlägen, die gegeben werden zur Entwicklung der Fähigkeiten. Ja, diese drei Lebensgebiete, das Geistesleben, das Rechtsleben und das Wirtschaftsleben sind doch sehr verschieden, so daß ihre Vermischung nicht nur eine völlige Unmöglichkeit ist, sondern für die menschliche Entwicklung ein großes Unheil bedeutet. Unsere gegenwärtige Verwirrung, die sozialen Übelstände sind eben durch diese Vermischung entstanden. Wenn wir uns nun einlassen auf ein solches Problem wie die Begründung von Betriebsräten, müssen wir eben zunächst erst einmal verstehen, aus welchem der drei Lebensgebiete heraus die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen sind. Sehen Sie, Sie finden mit Recht im Marxismus die Auffassung, daß in einem sozialen Gemeinwesen jeder nach seinen Fähigkeiten und nach seinen Bedürfnissen versorgt sein muß. Aber hier stellt sich nun die Frage: Welches ist der Weg dahin, um innerhalb der menschlichen Gesellschaft jeden wirklich nach seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu versorgen? - Der Weg, um jeden in bezug auf seine Fähigkeiten zu seinem Rechte kommen zu lassen, ist der über ein vollständig freies, vom Wirtschafts- und Staatsleben unabhängiges Geistesleben mit dem Erziehungs- und Schulsystem. Und die Möglichkeit, jeden in bezug auf seine Bedürfnisse zu seinem Recht kommen zu lassen, ist nur gegeben in einem selbständigen Wirtschaftsleben. Dazwischen liegt dann das, was im Marxismus vergessen worden ist, das Rechtsleben, das es zu tun hat mit dem, was weder im Wirtschaftsleben noch im Geistesleben zum Ausdruck kommt, sondern was einfach davon abhängt, daß man ein mündig gewordener Mensch ist und innerhalb eines in |
| 169 | sich geschlossenen Gebietes ein Verhältnis entwickelt zu jedem mündigen Bürger. Das, was ich im Wirtschaftsleben tue, das unterliegt den Gesetzmäßigkeiten der Warenproduktion, der Warenzirkulation und der Warenkonsumtion. Wie ich im Wirtschaftsleben arbeite, das unterliegt dem Recht. Diese Unterscheidung, die muß von nun an in fundamentaler Weise gemacht werden. Nur dadurch kommt man überhaupt über dasjenige hinaus, was man heute Kapitalismus nennt und was das heutige Lohnsystem ausmacht. Denn dadurch, daß das Kapital und das Lohnsystem Bestandteile des Wirtschaftslebens sind, wird tatsächlich alles das untergraben, was das Wirtschaftsleben zu einer Gesundung führen könnte. Aber man sollte nur nicht glauben, daß die Dinge wirklich so einfach liegen, wie sich das viele Leute heute noch vorstellen. Doch wenn wir beginnen werden, zunächst mit den Betriebsräten und dann mit den Wirtschaftsräten, eine wirklich positive Arbeit zu leisten, dann wird es sich zeigen, daß diese Arbeit eine große, eine umfassende sein wird. Zu den schwierigsten Aufgaben innerhalb der sogenannten Sozialisierung gehört, herauszufinden, wie innerhalb der sozialen Ordnung Leistung und Gegenleistung in der richtigen Weise reguliert werden können. Und den ersten Anfang mit dieser Regulierung, also mit der wahren Sozialisierung, werden die Betriebsräte zu machen haben. Das bedeutet, daß den Betriebsräten ein großes, ganz fundamentales Ziel gesteckt ist, denn sie werden zum ersten Male Ernst machen müssen mit dem, wovon die anderen nur in Phrasen reden: mit der Sozialisierung. Das, was sich die Leute heute zumeist unter Sozialisierung vorstellen, das ist zum großen Teil nicht nur keine Sozialisierung, sondern bestenfalls eine Art Fiskalisierung. In einigen Fällen liegen überhaupt keine klaren Gedanken und Vorstellungen vor. Viele Leute stellen sich heute die Sache eben, wie gesagt, viel zu einfach vor, was auch damit zusammenhängt, daß die Wirtschaftswissenschaft und überhaupt die Wissenschaft vom menschlichen Zusammenleben - verzeihen Sie den Ausdruck - noch in den Windeln liegt, ja noch nicht einmal das, denn sie ist eigentlich noch gar nicht geboren. Man sagt nun zwar mit vollem Recht: |
| 170 | In der Zukunft soll nicht produziert werden, um zu profitieren, sondern es soll produziert werden, um zu konsumieren. - Das ist ganz richtig, denn man will damit ausdrücken, daß es darauf ankommt, daß jeder das bekommt, was seinen Bedürfnissen entspricht. Aber damit wäre noch kein gesundes Gemeinwesen geschaffen. Dieses ist erst dann gegeben, wenn der Leistung eine Gegenleistung gegenübersteht, wenn also der Mensch geneigt ist, für das, was die anderen für ihn arbeiten, für ihn erzeugen und an ihn liefern, eine entsprechend gleichwertige Gegenleistung zu erbringen. Und gerade dieses Problem ist eben sehr schwierig zu behandeln, was Sie auch daraus ersehen können, daß die gegenwärtige Wissenschaft noch gar keine irgendwie konkrete Vorstellung und auch keine konkreten Vorschläge hierzu hat beziehungsweise machen kann. Sie finden heute bestenfalls den Vorschlag, an die Stelle des bisherigen Staates den Wirtschaftsstaat, eine Art großer wirtschaftlicher Genossenschaft, zu stellen. Aber sehen Sie, dabei übersieht man, daß es unmöglich ist, einen Wirtschaftskörper, wenn er über eine bestimmte Größe hinausgeht und zu verschiedene Wirtschaftszweige umfaßt, zentralistisch zu verwalten. Das aber würden die Leute erst einsehen, wenn sie tatsächlich den sogenannten Wirtschaftsstaat eingerichtet haben. Dann würden sie schon sehen, daß die Sache so nicht geht. Die Sache muß eben in ganz anderer Weise geregelt werden, nämlich so, daß, auch wenn man an dem Grundsatz festhält, daß produziert werden muß, um zu konsumieren, dennoch der Leistung eine entsprechende Gegenleistung gegenüberstehen muß. Man kann nun sagen: Also kümmern wir uns nun nicht um den vergleichsweisen Wert der einen Ware mit der anderen Ware. - Das, was heute manche Volkswirtschafter sagen, klingt so: Wir kümmern uns nur um die Bedürfnisse und produzieren dann zentralistisch das, was zur Befriedigung der Bedürfnisse notwendig ist, und verteilen das. - Ja, aber sehen Sie, da stellt sich dann heraus, daß man genötigt ist, den Arbeitszwang einzuführen. Dies ist aber eine furchtbare Maßnahme, insbesondere dann, wenn sie nicht notwendig ist. Und sie ist nicht notwendig! Der Arbeitszwang |
| 171 | wird nur für notwendig gehalten, weil man sich dem Aberglauben hingibt, daß es kein anderes Mittel gibt als den Arbeitszwang, um das Prinzip von Leistung und Gegenleistung zu verwirklichen. Außerdem bedenkt man nicht, was für raffinierte Mittel in der Zukunft, wenn zum Beispiel der Arbeitszwang gesetzmäßig eingeführt würde, gefunden werden, um sich der Arbeit zu entziehen. Also, es handelt sich durchaus nicht darum, daß bloß der Arbeitszwang nicht notwendig ist, sondern es handelt sich auch darum, daß er gar nicht durchgeführt werden könnte. Aber, wie gesagt, die Hauptsache bleibt, daß er nicht nötig ist, wenn man restlos das Prinzip durchführt, daß jeder Leistung auch eine entsprechende Gegenleistung gegenüberstehen muß. Dies kann man nun in der folgenden Weise konkretisieren. Nicht wahr, die Menschen müssen, wenn sie in der menschlichen Gesellschaft leben wollen, arbeiten, das heißt etwas leisten. Dadurch bringen sie etwas hervor, was für die anderen eine Bedeutung hat. Dasjenige, was einer hervorbringt, das muß einen gewissen Wert haben. Er muß für das, was er hervorbringt, dasjenige eintauschen können, was er an Erzeugnissen der anderen für die Befriedigung seiner Bedürfnisse, und zwar für eine gewisse Zeit, benötigt. So lange muß er seine Bedürfnisse befriedigen können durch das, was er eintauscht, bis er wiederum ein Produkt von gleicher Art hervorgebracht hat. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Fabriziere ich ein Paar Stiefel, so muß dieses Paar Stiefel so viel wert sein, daß ich gegen dieses Paar Stiefel dasjenige eintauschen kann, was ich brauche, bis ich ein neues Paar Stiefel hergestellt habe. Einen wirklichen Wertmaßstab hat man erst dann, wenn man einbezieht alles das, was bezahlt werden muß für die Menschen, die nicht arbeiten können, für die Kinder, die erzogen werden müssen, die Arbeitsunfähigen, die Invaliden und so weiter. Es ist möglich, den richtigen Preis der Ware herauszufinden. Hierzu aber ist folgendes notwendig: In dem Augenblick nämlich, wo zu viele Arbeiter an einem Artikel arbeiten, das heißt, wo ein Artikel in zu großen Mengen erzeugt wird, in dem Augenblick wird er wiederum zu billig. Da bekomme ich nicht so viel, daß |
| 172 | ich meine Bedürfnisse, bis ich wiederum ein gleiches Produkt erzeugt habe, befriedigen kann. In dem Augenblick, wo zu wenig Arbeiter arbeiten, also ein Artikel nicht in genügender Menge erzeugt wird, wird er zu teuer. Es würden ihn nur diejenigen kaufen können, die über mehr als ein normales Einkommen verfügen. Es ist also notwendig, damit eine gerechte Preisbildung möglich wird, daß dafür gesorgt wird, daß immer die richtige Zahl an Arbeitern - sowohl geistige wie auch physische Arbeiter - an einem Artikel arbeiten. Das heißt, würde es sich zum Beispiel jetzt, wo wir in einer Übergangszeit leben, ergeben, daß irgendein Artikel in zu vielen Betrieben erzeugt wird, also im Übermaß erzeugt wird, so müßte man einzelne Betriebe stillegen und mit den Arbeitern dieser Betriebe Verträge abschließen, damit sie in einer anderen Branche weiterarbeiten. Allein dadurch ist es möglich, daß gerechte Preise entstehen. Auf eine andere Art und Weise ist dies nicht möglich. Wird von einem Artikel zuwenig erzeugt, so müßten für die Produktion dieses Artikels neue Betriebe eingerichtet werden. Das heißt, es muß fortwährend dafür gesorgt werden im Wirtschaftsleben, daß die Produktion unter Berücksichtigung gewisser Verhältnismäßigkeiten geschieht. Dann kann das Lohnverhältnis, dann kann das Kapitalverhältnis aufhören, es braucht nur noch zu bestehen das Vertragsverhältnis zwischen geistigen und physischen Arbeitern über die gerechte [Festsetzung des Anteiles, der denjenigen zusteht, welche die Ware gemeinsam zustande bringen]. Diesem Ideal lebt man eigentlich entgegen, auf dieses Ideal hofft man, auf dieses Ideal muß man zusteuern, und alles das, was nicht auf dieses Ideal zusteuert, das sind unklare Vorstellungen. Was im Grunde genommen von der Dreigliederung des sozialen Organismus gewollt wird, das ist, daß den Menschen kein blauer Dunst vorgemacht wird, sondern daß ihnen gesagt wird, welches die Lebensbedingungen des sozialen Organismus sind, das heißt, wie man wirklich leben kann. Und es ist möglich, daß der jetzige kranke soziale Organismus gesund wird. Aber man muß dann auch wirklich die konkreten Lebensverhältnisse richtig ins Auge |
| 173 | fassen. Das ist es, worauf es ankommt. Soll aber das geschehen, soll so gewirtschaftet werden, daß die richtigen Preise entstehen, dann bildet dies die wahre Grundlage für die Sozialisierung. Die alten Lohnverhältnisse, also daß man sich einen höheren Lohn erkämpfen kann, was ja meist zur Folge hat, daß die Lebensmittel, die Wohnungen und so weiter teurer werden, müssen überwunden werden. Die Funktion, die Bedeutung, die das Geld heute hat, muß geändert werden. Das Geld wird in Zukunft eine Art wandelnde Buchführung sein, gleichsam ein Aufschreiben dessen, was man hervorgebracht hat und was man dafür eintauschen kann. Dies alles ist nicht etwas, was erst in Jahrzehnten angestrebt werden kann, sondern unmittelbar angestrebt werden kann, wenn nur genügend viele Menschen es verstehen. Alles andere ist im Grunde Wischiwaschi. Daher ist es das erste, um das es sich handelt, daß man weiß, daß es für die Betriebsräte darauf ankommt, daß sie nicht auf einem Gesetz beruhen können, sondern unmittelbar hervorgehen müssen aus dem wirtschaftlichen Leben. Und so müssen in einer Urversammlung der Betriebsräte die Erfahrungen des wirtschaftlichen Lebens im Mittelpunkt stehen. Dann werden sich die Funktionen und Aufgaben der Betriebsräte schon ergeben. Das ist dasjenige, was man verstehen muß, daß nämlich aus dem Wirtschaftsleben und nicht aus dem alten Staatsleben diese Betriebsräteschaft hervorgehen muß und daß diese Betriebsräteschaft das erste sein muß, was wirklich zeigt, was Sozialisierung ist. Sozialisieren kann man nur, wenn man Körperschaften im Wirtschaftsleben hat, welche sozialisieren. Und die Betriebsräte sollen diese erste Körperschaft sein, die wirklich aus dem Wirtschaftsleben heraus sozialisiert. Man kann nicht durch Verordnungen und Gesetze sozialisieren, sondern man kann nur durch Menschen sozialisieren, die aus dem Wirtschaftsleben heraus wirken. An die Stelle bloß fantastischer Forderungen will der Impuls der Dreigliederung des Organismus die Wahrheit stellen. Und darauf kommt es heute an. Und ich meine, daß heute die Menschen das, worauf es ankommt, lernen können. Die Menschen haben sich bisher verschiedene Dinge vorgestellt, |
| 174 | wodurch man das kranke Leben des sozialen Organismus bessern könnte. Und wie sind die Dinge verlaufen? Sehen Sie, ich habe das schon öfter erwähnt und will jetzt davon absehen, was für Vorstellungen sich die bisherigen Lebenspraktiker im Januar 1914 bis in den August hinein gemacht haben. Aber ich will davon reden, was sich die Praktiker alles vorgestellt haben, als das Unglück da war, das uns in die gegenwärtige Katastrophe hineingeführt hat: Bethmann Hohlkopf, ich wollte sagen Bethmann Hollweg, sagte, es wird ein heftiges aber kurzes Gewitter sein. - So sprach er von dem kommenden Krieg, und andere haben Ähnliches gesagt, zum Beispiel: In sechs bis sieben Wochen sollten die deutschen Heere in Paris sein und so weiter. Das haben die Praktiker damals immer gesagt, und so ist es in den letzten Jahren immer gegangen. Und jetzt wiederum, in der Oktober-November-Katastrophe, was ist da nicht alles geredet worden! Alles, was geredet worden ist, hat schließlich auch zum gestrigen Tag geführt, der uns Not und Elend in Aussicht gestellt hat. Es wäre jetzt an der Zeit, daß man nicht mehr hört auf das, was die Leute mal so, mal so voraussagen, sondern daß man endlich hört auf das, was aus der Wirklichkeit heraus gedacht wird. Heute wird zwar viel geredet, etwa von Seiten der Wirtschafts- und Staats Wissenschaftler, aber niemals wird davon gesprochen, daß der Grundsatz, daß der Leistung eine Gegenleistung entsprechen muß, auf strengen Prinzipien der Wirklichkeit beruht. Dieser Grundsatz läuft ja darauf hinaus, daß jeder dasjenige für seine Leistung bekommt, womit er seine Bedürfnisse befriedigen kann, bis er eine neue Leistung erbracht hat. Wir wollen also Betriebsräte auf die Beine stellen, denen wir sagen werden, welches die konkrete Aufgabe der Sozialisierung des Wirtschaftslebens ist. Gesetzliche Normen helfen hier nicht, auch allgemeine sozialistische Ideale nicht, sondern einzig und allein hilft das, was ehrlich und aufrichtig der Wirklichkeit entnommen wird. Und das soll in die Betriebsräteschaft hineingetragen werden. Die Einrichtung der Betriebsräteschaft soll wirklich der erste Schritt sein, um mit der Sozialisierung des Wirtschaftslebens |
| 175 | Ernst zu machen. Fangen wir einmal an einer Stelle an, so wird sich Weiteres schon ergeben. Dann werden sich auch Leute finden, die versuchen werden, gleiche Rechte für alle Menschen und die notwendigen Einrichtungen, in denen die Fähigkeiten der Menschen gefördert werden, zu schaffen. Heute herrscht immer noch die Unterdrückung, herrscht die Phrase. Ich habe ja schon oftmals auf die Phrase «freie Bahn dem Tüchtigen» hingewiesen. Hinter diesen Worten verbergen sich aber zumeist sehr egoistische Interessen. Nur durch ein wirklich freies Geistesleben können in Zukunft die menschlichen Fähigkeiten zur Entfaltung kommen. Und nur in einem Rechtsleben, in dem jeder Mensch dem anderen gleich ist, können sich auch die politischen Verhältnisse neu entwickeln. Und im Wirtschaftsleben müssen gerechte Preise herrschen. Dann wird nicht alles ausgerichtet sein auf einen Konkurrenzkampf zwischen Kapital und Lohn oder einen Konkurrenzkampf der einzelnen Unternehmungen untereinander. Dazu aber ist notwendig, daß man an die Stelle des Konkurrenzkampfes, der in der Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage seinen Höhepunkt erfährt, vernünftige Beschlüsse und Verträge setzt, die aus solchen Gremien, wie sie mit der jetzt zu begründenden Betriebsräteschaft ihren Anfang nehmen, hervorgehen müssen. Was wollen wir denn eigentlich mit der Betriebsräteschaft? Wir wollen mit der Betriebsräteschaft einen Anfang machen zu einer wirklichen, einer ehrlich gemeinten Sozialisierung des Wirtschaftslebens. Und es kann einen mit tiefer Befriedigung erfüllen, daß man immerhin, trotz mancher Widerstände, die sich ja reichlich geltend gemacht haben in gewissen Kreisen der hiesigen Arbeiterschaft, für den Gedanken der Betriebsräte Verständnis gefunden hat, so daß uns schon etwa zwölf Betriebsräte gemeldet werden konnten und über die Wahl weiterer verhandelt werden soll. Aber wenn wirklich etwas Fruchtbares herauskommen soll, dann müssen in allen Betrieben im Raum Württemberg Betriebsräte gewählt werden. Dann muß sich die Betriebsräteschaft der verschiedensten Branchen versammeln, denn nur durch Verhandlungen, durch den Austausch der Erfahrungen und die daraus hervorgehenden Maßnahmen |
| 176 | kann das werden, was der Anfang einer wirklichen Sozialisierung ist. Diese Sozialisierung können Sie morgen haben, aber Sie können nicht bloß darüber reden und von Theoretikern Gesetze machen lassen, sondern es müssen die Menschen auf die Beine gestellt werden, mit denen die wahre Sozialisierung vollzogen werden kann. Denn Sozialisierung ist nicht etwas, was man durch Gesetze erreichen wird, die Sozialisierung wird kommen, wenn innerhalb der württembergischen Industrie tausend Menschen da sind. Damit haben wir dort anzupacken versucht, wo die Wirklichkeit ist, und die Wirklichkeit für die Sozialisierung ist im Fleisch und Blut der Menschen und nicht in den Gesetzen, die auf dem Papier stehen und sich dann auf irgendeine zauberhafte Weise in die Wirklichkeit überführen lassen sollen. Das, was wir aus der Wirklichkeit der Menschen aus Fleisch und Blut herüberführen wollen, das nennt man Utopie. Da möchte man doch fragen: Wer sind denn die eigentlichen Utopisten? - Wir wollen keine Utopie! Oder ist das eine Utopie, wenn tausend Menschen gewählt werden, die auf dem wirtschaftlichen Gebiet etwas zustande bringen? Sind tausend Menschen aus Fleisch und Blut eine Utopie? Ja, gerade als man gesehen hat, daß es sich nicht um eine Utopie handelt, sondern um eine Anzahl wirklicher Menschen, die die Sozialisierung durchführen wollen, da hat man begonnen, davon zu reden, daß wir eine Utopie anstreben. Wir wollen keine Utopie, wir wollen die reinste, wahrste und ehrlichste Wirklichkeit! Auf die kommt es uns an. Das ist etwas, was man nur einzusehen braucht. Deshalb bitte ich Sie, ungeachtet dessen, was gerade von jenen Utopisten gesagt wird, die mit ihren Utopien immer fehlgegangen sind, also von jenen Utopisten, die gegen die Wirklichkeit, die vom «Bund für Dreigliederung» vertreten wird, zu Felde ziehen, sich unabhängig zu machen, sich einmal auf das eigene Urteil zu stellen. Denn ich denke, jeder vernünftige Mensch kann Utopie von Wirklichkeit unterscheiden. Und wenn einem die Menschen vorwerfen, man würde lediglich etwas prophezeien, so, denke ich, wird der, der das hört, was ich heute gesagt habe, nicht mehr von bloßer oder gar unrichtiger Prophezeiung sprechen. |
| 177 | Ich prophezeie nichts, ich sage nur: Wenn aus allen Branchen tausend Menschen gewählt werden, dann ist das keine Prophezeiung, denn das, was sie tun werden, das werden sie ohne Prophezeiung tun, weil sie eine lebendige Wirklichkeit sein werden. Prophezeit ist in den letzten Jahren wahrhaftig genug worden. Was hat man doch vor dem 9. November immer an neuen Siegen prophezeit: «Wir werden siegen, weil wir siegen müssen!» - Das sollten sich einmal diejenigen hinter die Ohren schreiben, die denen, die aus der Wirklichkeit heraus reden, das Wort «Prophetie» wie eine Art Verleumdung entgegenschleudern. Etwas zu prophezeien, das haben die anderen schon zur Genüge getan, also die bisher führenden Kreise. Jetzt hat man der Welt gegenüber aus einem anderen Ton heraus zu sprechen, aus einem Ton, der schon in den Herzen und Seelen der Menschen veranlagt ist. Und solche Menschen wählen Sie in ihren Betriebsrat. Dann werden Sie das Richtige für eine wahre Sozialisierung in die Welt stellen können. |
Diskussion
Voten verschiedener Diskussionsteilnehmer zu aktuellen wirtschaftlichen und politischen Problemen sowie zur Dreigliederung. Die Betriebsräte als neuer Machtfaktor im Wirtschaftsleben. Die Betriebsräteschaft als «eigentlicher Verwalter» der Betriebe. Über den Zusammenbruch des Kapitalismus. Der Umgang mit Kapital und Zins im dreigliedrigen sozialen Organismus. Probleme bei der Einführung der Betriebsräte und deren Aufgaben. Die Wahl der Betriebsräte in Württemberg als ein fruchtbarer Anfang. Die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Über Idealisten und Praktiker. Zurückweisung des Pessimismus eines Diskussionsredners. Die Überwindung der Parteiprogramme durch die Aktivität der Betriebsräte.
| 177 | Der Vorsitzende, Herr Gönnewein, dankt Herrn Dr. Steiner für seine gewichtigen Ausführungen und fordert zur Diskussion auf. Herr Lange: Er spricht zunächst von der Gefahr, daß der englisch-amerikanische Kapitalismus sich in Deutschland festsetzt, wodurch alle zu Sklaven würden. Wir müssen uns selbst helfen. Diese Selbsthilfe besteht darin, daß wir sagen: Wir nehmen die Wirtschaft selbst in die Hand. Die deutschen Kapitalisten wollen uns doch nicht nur ausbeuten. Wir müssen in einer gewissen Beziehung mit den deutschen Kapitalisten zusammengehen. Es gibt auch unter ihnen Menschen, die am Wiederaufbau ehrlich mitarbeiten wollen. Die Arbeiter und Angestellten aber müssen sagen: Wir nehmen die Betriebe in die Hand, wir haben kein Interesse mehr am Streik, sondern an der Arbeit, und zwar an solcher Arbeit, die wirklich aufbauend ist. Und dazu brauchen wir die Betriebsräte. Wir brauchen Rohprodukte und Grund und Boden. Das Aufbauen ist aber nur möglich, wenn die |
| 178 | arbeitenden Menschen zusammenkommen. Als Arbeiter müssen wir voll und ganz auf dem Boden stehen: Nur die Arbeit kann uns erlösen. Der Redner spricht weiter über die Geldverhältnisse Herr Roser: Wir haben im Lauf der letzten Wochen verschiedene Diskussionsabende gehabt und dabei über die Betriebsräte und Wirtschaftsräte gesprochen. Vielen von Ihnen wird dies bekannt sein, und es wird Ihnen mancherlei klargeworden sein, was mit der Dreigliederung des sozialen Organismus angestrebt wird. Trotzdem muß man immer wieder die Beobachtung machen, daß der Gedanke eben doch noch zu wenig begriffen wird. Das ist aber selbstverständlich begreiflich, weil eben die Dreigliederung eine ganz neue Idee darstellt, und wie bei allem Neuen, so begegnet man auch diesem Gedanken mit einem gewissen Pessimismus. Aber immerhin können wir konstatieren, daß die Aufnahme doch in jenen Kreisen, die für dieses Interesse haben, befriedigend erscheinen kann. Es muß zweifellos betont werden, daß gerade dieses Zusammenwerfen der drei Organe, Wirtschaftsleben, Politik, Geisteskultur, im alten Staatswesen so manches von diesem furchtbaren Elend über das deutsche Volk heraufbeschworen hat. Wenn wir das Buch von Herrn Dr. Steiner lesen, so können wir klar daraus ersehen, daß, wenn wir nicht in der Lage sind, diese drei Organe grundsätzlich voneinander zu trennen, das heißt, daß jedes nach seiner Art gepflegt wird, daß wir dann unbedingt in des Teufels Küche kommen. Wir sollten daher mit aller Energie nach dieser Dreigliederung streben. Wir als Arbeitende haben selbstverständlich das größte Interesse am Wirtschaftsleben, denn das ist der Faktor, ist jene Institution, in der wir vertreten sind. Deshalb müssen wir auch dem Wirtschaftsgebiet das größte Interesse entgegenbringen. Selbstverständlich müssen wir auch im Rechts- oder politischen und im Geistesparlament gewissermaßen einen Einfluß haben und bekommen, aber als Hand- und Kopfarbeiter haben wir uns in erster Linie mit dem Wirtschaftskörper, mit dem Wirtschaftsparlament zu beschäftigen. Es ist schon wiederholt die Frage aufgeworfen worden: Was für ein Gebiet, was für eine Arbeit steht uns da zu? Diese Arbeit ist schon oftmals erwähnt und besprochen worden. Es ist die Bildung der Betriebsräte. Die Sozialisierung, welche schon von Herrn Dr. Steiner und auch von anderen Rednern oft besprochen worden ist, diese Sozialisierung wird immer mehr verlangt von allen Seiten. Warum? Weil sie eben den einzigen Ausweg aus dem Chaos darstellt, der unser Wirtschaftsleben wieder auf |
| 179 | gesunde Bahnen führen kann. Sozialisierung heißt doch Vergesellschaftung aller Produktionsmittel, die Überführung in die Hand derjenigen Klassen, die darüber verfügen und bestimmen können. Deshalb wäre es doch von größter Wichtigkeit, daß wir der Frage der Betriebsräte noch mehr Interesse entgegenbringen, als wir es bis jetzt getan haben. Aber es ist begreiflich durch die politischen Verhältnisse, durch die politische Gewitterschwüle, die im Laufe der letzten Wochen über uns gelagert hat bis zum gestrigen Abschluß. Das alles hat uns nicht zur richtigen Einsicht in dieser Frage kommen lassen. Ich meine, für die Zukunft soll es anders werden. Wir müssen uns einfach mit dieser Frage beschäftigen, und zwar ganz intensiv beschäftigen, gerade aus den Verhältnissen heraus, wie sie sich gestern durch die Unterzeichnung des Friedensvertrages ergeben haben. Es ist selbstverständlich: Wenn wir nicht in der Lage sind, die Sozialisierung selbst in die Hand zu nehmen, dann kommen wir auch niemals zum Ziel, sondern dann treiben wir erst der allgemeinen Versklavung und Verelendung unseres Volkes entgegen. Deshalb müssen wir in erster Linie die Frage der Betriebsräte energisch in die Hand nehmen, und zwar ohne Rücksicht auf alles, was sich uns hier entgegenstellt. Wenn wir die Betriebsräte vom Gesetz erwarten, dann bekommen wir keine, sondern nur lebende Paragraphen, die eigentlich nichts anderes zu tun haben, als das auszuführen, was die bisherigen Ausbeuter bis jetzt mit uns getan haben. Sie sollen aber nichts anderes sein als das Werkzeug der arbeitenden Klasse, des ganzen Volkes. Wir müssen die Betriebsräte als eine solche Institution schaffen, daß sie nicht nach dem Willen des Kapitalismus tanzen müssen. Gerade die Kriegskatastrophe hat uns genug Anlaß zum Nachdenken gegeben. Wir, die wir im Arbeitsausschuß des «Bundes für Dreigliederung» tätig sind, wir haben klar erkannt, daß, was auch immer für ein Vorschlag sonst noch gemacht wird, es keine bessere Idee als die Dreigliederung gibt. Die Dreigliederung und damit die Verselbständigung der einzelnen Körperschaften wird die Grundlage bilden, worauf unser Volksganzes wieder aufbauen kann. Wir wollen nach etwas anderem streben als nach der Unterjochung des Proletariats. Wir wollen uns auch nicht dafür hergeben, daß der Staat weiterhin für politische Zwecke die gesamte Wirtschaft benutzt, um sie schließlich dem Militarismus zu opfern. Wir müssen das Wirtschaftsleben selbständig machen, damit etwas Nützliches für das gesamte Volksleben herauskommt. Ich richte deshalb an Sie den Appell: Wirken Sie dafür, daß der Gedanke der Dreigliederung in die Massen |
| 180 | getragen wird, trotz aller Anfechtungen von rechts und von links. Der Gedanke der Dreigliederung wird nur angefochten von denjenigen Elementen, die ihn nicht berücksichtigen wollen und ihn nicht aufkommen lassen wollen zum eigenen Vorteil. Deshalb bekämpfen sie ihn. Ich bin der Meinung, daß wir unser Volksleben nur dann besser gestalten können, wenn wir die Grundidee der Dreigliederung, die Verselbständigung des Wirtschaftslebens, des Rechtslebens und des Geisteslebens verwirklichen. Dann wollen wir sehen, ob wir nicht auf ein besseres Wohlergehen unseres Volkes rechnen können. Herr Georg Müller: Einige Punkte über die Betriebsräte hat Herr Dr. Steiner noch stark im unklaren gelassen. Erstens, Sie werden alle mit mir einverstanden sein, daß die Begründung von Betriebsräten nicht so leicht zu machen ist, wie sich mancher vorstellt. Durch das Gesetz ist bereits ein Riegel vorgeschoben worden. Wenn wir das Betriebsrätesystem nach den Ausführungen Dr. Steiners wollen, dann werden wir in der Zukunft hart zu kämpfen haben, denn wir müssen uns klar darüber sein: Was auch immer gemacht wird von der Arbeiterschaft, das wird stets vom Kapitalismus hintertrieben. Unser größter Gegner ist auch heute noch der Kapitalismus. Sobald Sie mit praktischen Vorschlägen kommen, werden Sie schon die Erfahrung machen, daß Ihnen alles hintertrieben wird. Daher stelle ich die Frage: Wie kommen wir am leichtesten über diese Schikanen hinweg? - Einige von Ihnen werden schließlich sagen, daß der einzige Weg der Streik ist. Jetzt aber geht es uns nicht um Streik. Wir müssen praktischere Wege finden, um unsere Ideen durchzuführen. Wenn die Arbeiterschaft sich wirklich zusammensetzt, berät und zusammenarbeiten will, werden wir andere Wege finden, auch über das Gesetz hinweg. Wir wollen nicht nur eine beratende Stimme, wir wollen eine bestimmende Stimme haben in den Betriebsräten. Nicht nur der Kapitalismus, sondern ein großer Teil des Bürgertums stellt sich dem entgegen. Es werden Jahrzehnte dazu benötigt, die Betriebsräte, wie sie hier gemeint sind, durchzudrücken. Der Arbeiter kann es allein nicht machen, und die anderen werden ihre Betriebe nicht hergeben, um zu sozialisieren. Die Frage ist nun: Wie weit werden die Kämpfe gehen, um das zu erreichen? Vor allen Dingen aber müssen die Arbeiter mehr zusammenhalten. Herr Hahl: Als Vertrauensmann des «Allgemeinen Verbandes der deutschen Bankangestellten» möchte ich einige Worte sprechen. Ich kann das |
| 181 | aus der Erfahrung heraus tun, die ich in meinem vielseitigen Leben zu machen die Gelegenheit hatte. Ich war Leiter eines Unternehmens in Ägypten und habe als solcher die besten Erfahrungen damit gemacht, daß ich die Kollegen zur Mitwirkung heranzog, also nicht nur anordnete, sondern auch Mitarbeiter aufklärte über die geschäftlichen Belange und sie um ihre Meinung fragte. Dadurch wurde das Geschäftsinteresse angeregt. Das heutige Gesetz über die Betriebsräte schiebt der wirklichen Mitbeteiligung der Angestellten einen Riegel vor. Vor allen Dingen schafft dieses Gesetz nicht die Empfindung der Arbeitnehmer aus dem Weg, daß sie eben doch nur in einem gewissen Sklavenverhältnis gegenüber dem ausschlaggebenden Kapitalismus sich befinden. Durch die Dreigliederung werden die Arbeitnehmer in die Geheimnisse des Betriebes eingeführt, sie werden aufgeklärt über alle Zweige desselben, so daß sie nicht nur das Recht, sondern auch die Fähigkeit besitzen können, ihre Stimme bei der Leitung mit in die Waagschale zu werfen. Das möchte ich auch dem Herrn Vorredner sagen: Wenn Sie die Fähigkeiten besitzen, werden Sie sich nicht so leicht vom kapitalistischen Leiter übers Ohr hauen lassen. - Bei der Verwirklichung der Betriebsräte im Sinne der Dreigliederung arbeitet man nicht gegeneinander, sondern miteinander auf der Basis vollständiger Gleichberechtigung. Hiergegen wettern die Unternehmer und halten fest am alten Herrschertum, ohne zu merken, daß sie dadurch Gefahr laufen, alles zu verlieren. Denn das, was sich heute aufbäumt in den Kreisen der Arbeitnehmer gegenüber der materiellen und geistigen Verwaltung durch das Kapital, das wird nicht eher zur Ruhe kommen, bis die Arbeitskraft der Menschen, die heute durch die Verhältnisse zur Ware erniedrigt ist, den Sklavencharakter verliert, und das kann nur durch die Dreigliederung und durch die von ihr geforderten Betriebsräte geschehen. Mag die Regierung sozialisieren, soviel sie will, sie kann nicht aus den Unruhen herauskommen, bis sie nicht den Hebel ansetzt und die Lösung des Problems durch die Dreigliederung versucht. Solange sie nur die Handlungen anderer Menschen betrachtet und nicht auch die Beweggründe studiert, so lange kann sie kein Bild bekommen davon, was die Bewegung des Proletariats bedeutet. Heute meint die Regierung, die Bewegung des Proletariats, das seien momentane Hirngespinste, die durch Plakate an den Anschlagsäulen mit der Aufforderung «Arbeiten! Arbeiten! Arbeiten!» abgetan werden könnten. Die Leiden, die heute zutage treten, sind aber ganz logische Folgerungen der Vermengung des Wirtschaftslebens, des Geisteslebens und des |
| 182 | Rechtslebens. Sie haben während des Krieges sehen können, wie der Pfarrer auf der Kanzel sogar sagen mußte, was ihm der Staat vorschreibt als guten Patriotismus. Das ist die Vermengung, daher das Unheil. Das ist die Ursache des Übels, da soll der Hebel angesetzt werden, damit die einzelnen Gebiete unabhängig gemacht werden, damit die Schulen und die Kirche nicht mehr das tun müssen, was der Staat vorschreibt. Vorgestern sprach der neue Ministerpräsident jene Worte über Leben und Tod unseres Volkes. Mit vollem Recht können diese Worte hier angewendet werden. Hier spielt sich ein Kampf gegen die Versklavung der Arbeiterschaft ab. Und wenn dieses Sklavenverhältnis nicht aufgehoben wird - und es wird nur aufgehoben durch die Dreigliederung und die von ihr geforderten Betriebsräte -, dann könnte es sein, daß wir tatsächlich zum Tode verurteilt sind als Volk. Dann könnte es sein, daß die heraufbeschworenen Leidenschaften dem Kapital alles nehmen, daß wir das Schlachtfeld werden zwischen Bolschewismus und Entente. Deshalb halte ich es für die dringende Pflicht eines jeden, einzutreten für die Dreigliederung und für die Betriebsräte. Deshalb fordere ich Sie nochmals auf zur Wahl von Betriebsräten im Sinne der Dreigliederung des sozialen Organismus. Herr Münzing: Ich möchte in erster Linie auf etwas zu sprechen kommen, was in dem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» steht. Es heißt da auf Seite 78: «Was an Kapitalvermehrung durch die Produktionsmittel - nach Abzug des rechtmäßigen Zinses - entsteht, das verdankt seine Entstehung der Wirkung des gesamten sozialen Organismus.» - «Nach Abzug des rechtmäßigen Zinses» - da möchte ich doch bitten, mir zu sagen, was ich darunter verstehen soll. Nach meiner Auffassung läuft die ganze Frage, die sich um Kapitalismus und Sozialismus dreht, schließlich hinaus auf die Worte: «Geld trägt Zinsen, Kapital trägt Zinsen.» Wenn wir näher auf den Gedanken eingehen, können wir immer wieder finden, daß sich das Geld in Wirklichkeit in der Art unterscheidet, daß es Zinsen trägt, ohne daß das Geld arbeitet. Das muß uns als Arbeiter direkt anwidern, wenn wir hören: Geld arbeitet. Wer arbeitet? Doch nicht das Geld! Das Geld wird benutzt, damit andere arbeiten, um den Zins herauszuholen. Es gibt heute Anschauungen, die sagen: Die soziale Frage läßt sich losen durch Abschaffung des Handelsprofits und dergleichen, und noch viele andere Rezepte gibt es zur Lösung der sozialen Frage. - Ich glaube, daß die Lösung der sozialen Frage allein dadurch vollbracht |
| 183 | werden könnte, daß die Parteien vorschreiben würden: Zins verboten! - Das berührt auch die Kriegsanleihe und das Geld auf der Sparkasse. Ich möchte bitten, diesen Gedanken, wenn er auch nicht zum Thema des heutigen Abends gehört, zu durchdenken. Wenn heute eine Regierung käme, die sagen würde, das Geld trägt keine Zinsen mehr, so würde die ganze Sachlage sofort verschoben werden. Die ganzen Warenteuerungen haben schließlich ihren Grund darin, daß das Kapital auf der Sparkasse Zinsen trägt, daß das Geld arbeiten muß. Ich vermisse auf allen Programmen gerade diese einfache Forderung der Abschaffung des Zinses. Und ich möchte Herrn Dr. Steiner diesbezüglich um Auskunft bitten. Ich bin ein Neuling, aber diese Frage ist mir immer wieder begegnet. In diese Frage gehört auch der Mietzins hinein. Der müßte dann derart bezahlt werden, daß gewisse Abnützungen eines Hauses bezahlt würden, denn ein Haus verliert ja an Wert durch die Benützung. Und zu den Betriebsräten: Wenn die Betriebsräte einen wirklich praktischen Wert haben sollen, müßten sie unter allen Umständen die Möglichkeit haben, nicht nur auf die Lohnbestimmungen, sondern auch auf die Preisbestimmungen einzuwirken. Rudolf Steiner: Ich möchte nur auf die beiden direkt gestellten Fragen eingehen. Herr Müller ist in gewissem Sinne besorgt darüber, daß sich die Betriebsräte nicht durchsetzen könnten und daß sie vor allen Dingen, wenn sie mit dem, was sie als ihre Befugnisse übernehmen, an die Unternehmer herantreten würden, dann eventuell einfach zurückgewiesen werden könnten. Sehen Sie, bei solchen Dingen müssen wir doch auch mit den wirklichen Verhältnissen etwas rechnen, und da müssen wir unbedingt berücksichtigen, daß so etwas, wie es diese hier gedachten Betriebsräte sein werden, im Grunde genommen der Unternehmerschaft noch nie gegenüberstand. Bedenken Sie nur einmal, wie im Laufe der kapitalistischen Entwicklung der neueren Zeit immer mehr und mehr das protektionistische Verhältnis zwischen dem Staat und dem kapitalistischen Unternehmertum entstand. Auf der einen Seite unterstützte das kapitalistische Unternehmertum den Staat, auf der anderen Seite wieder der Staat das Unternehmerturn. Das drückt sich insbesondere aus in den verschiedenen Kriegsursachen, |
| 184 | insbesondere im Westen. Aber eine Körperschaft, die wirklich hervorgegangen ist aus dem Wirtschaftsleben selbst, aus allen Branchen des Wirtschaftslebens, und die getragen ist von dem Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft, eine solche Körperschaft stand dem kapitalistischen Unternehmertum noch nie gegenüber. Und diese Tatsache bitte ich Sie nicht außer acht zu lassen. Ich bitte Sie, das zu vergleichen mit dem, was auch schon geschichtlich vorliegt, wie nämlich dann, wenn solche geschlossenen Kundgebungen stattfanden, doch durch diese Kundgebungen etwas bewirkt werden konnte. Darauf kommt es an, ganz gewiß, wie Herr Müller gesagt hat, daß diese Geschlossenheit, diese Einigkeit wirklich da ist. Und die Wahl der Betriebsräte, die kann ja im Grunde genommen nur dann stattfinden, wenn diese Einigkeit da ist. Sie soll ja aus dieser Einigkeit hervorgehen. Werden die Betriebsräte dasein, dann werden sie eben eine Offenbarung sein für die Einigung der gegenwärtigen Arbeiterschaft, und dann wollen wir einmal sehen, was herauskommt, wenn in der Form der Betriebsräte die geeinigte Arbeiterschaft dem Unternehmertum gegenübertritt. Es stehen ja nicht bloß die Betriebsräte des einzelnen Betriebes dem einzelnen Unternehmertum gegenüber, sondern die ganze Betriebsräteschaft, die sich aus Mitgliedern aus allen Branchen und Betrieben zusammensetzt, steht den Unternehmern eines ganzen Wirtschaftsgebietes gegenüber. Die einzelnen Betriebsräte gehen als Beauftragte der gesamten Betriebsräteschaft in ihre Betriebe zurück und stehen nun nicht dem Unternehmer als einzelne gegenüber, sondern als Vertreter der Betriebsräteschaft des entsprechenden Wirtschaftsgebietes. Dies bedeutet eine Macht, derer man sich nur bewußt werden muß. Auf eine solche Machtprobe können Sie es ruhig ankommen lassen, sie wird gewichtige Folgen haben. Das ist das eine. Das andere ist, daß es sich nicht darum handeln kann, daß, wie Herr Müller auch sagte, die Betriebsräteschaft nicht bloß eine beratende Stimme haben soll. Nein, sie soll sogar nicht bloß eine beschließende Stimme haben, sondern sie soll der eigentliche Verwalter des Betriebes sein. Sie soll einfach im Auftrag der gesamten |
| 185 | Arbeiterschaft die Betriebe selbst verwalten. Dadurch entstehen natürlich gewisse Schwierigkeiten, die noch auf ganz anderen Gebieten liegen, als Sie sich vorstellen. So darf zum Beispiel die Initiative innerhalb eines Betriebes nicht dadurch gelähmt werden, daß viele befehlen wollen und dergleichen. Das wird sich aber alles überbrücken lassen. Das ist das eine. Dann aber muß man noch etwas anderes beachten. Ich frage Sie: Worauf beruht denn im Grunde genommen das Kapital eines Wirtschaftsbetriebes? - Lassen Sie die Kapitalisten noch so viel Geld haben, dieses Geld hat ja nur einen Wert, wenn Leute arbeiten, sonst nicht! Also, es steht die Arbeiterschaft nicht denjenigen Leuten gegenüber, die eigentlich noch Unternehmer sind, sondern denen, die nur noch Geld haben. Und in diesem Zusammenhang müssen wir uns über eines klar sein: Wenn wir in der Wirklichkeit leben, dann leben wir nicht außerhalb aller Zeit, sondern wir leben in einer bestimmten Zeit. Und ich habe doch das Gefühl, daß viele Leute aus der Arbeiterschaft heute noch so reden, als wenn die Dinge so stünden, wie sie standen vor sieben, acht Jahren, bevor wir in diese Kriegskatastrophe hineingesegelt sind. Ich glaube nicht, daß viele Leute darüber nachgedacht haben, was es wirtschaftlich bedeutet, daß man, als der Krieg zu Ende gegangen war, in manchen Betrieben allerlei fabrizierte und dann wieder zerschlug. Solche Dinge wurden gemacht, weil man sich nicht mehr zu helfen wußte, auf naturgemäßem Wege die Produktion aufrechtzuerhalten. Die Dinge haben sich geändert, aber man hat heute noch die Gewohnheit, vom Kapitalistentum aus den alten Verhältnissen heraus zu reden. Sehen Sie, in vieler Hinsicht liegt die Sache so, daß alte Wahrheiten heute gar keine Wahrheiten mehr sind. Es ist natürlich eine durchgreifende Wahrheit die Wahrheit vom Mehrwert, nur ist er heute zum größten Teil nicht mehr vorhanden, sondern er ist bereits in den Wind geschlagen, und das, was heute so gefürchtet wird als Kapitalistentum, das steht eigentlich auf einem furchtbar hohlen Boden. Das weiß sich eigentlich nicht mehr zu helfen. Sie sehen das daraus, daß es jetzt schon zum großen Teil denkt: Um Gottes willen, wenn wir uns nur hinüberretten könnten zum |
| 186 | Entente-Kapitalismus, damit wir da unterkriechen können; wir werden allein nicht mehr fertig. - Es kommt die Zeit, in der nicht mehr in der alten Weise die Betriebsräteschaft dem Kapitalismus gegenübersteht, sondern in der sie dem zusammenstürzenden Unternehmertum gegenübersteht und zu übernehmen hat dasjenige, was zusammengestürzt ist. Und es wird eine Zeit kommen, wo Sie sagen werden: Das war doch gut, daß wir diese Betriebsräte haben, denn irgend jemand muß doch die Betriebe verwalten; die anderen können es nicht mehr, denn das Unternehmertum ist zum großen Teil zusammengebrochen, das kann nicht mehr. Dazu muß dann diese Betriebsräteschaft dasein. Sie werden vielleicht nicht überall vorhanden sein, aber das wird sich ergeben. Zum großen Teil werden sie verlassene Schlachtfelder finden. Es wird sich sogar nicht selten das ergeben, daß die Unternehmer froh sind, wenn die Betriebsräte im Auftrag eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes kommen werden. Jetzt tun sie noch so, weil sie glauben, daß sie sich vom Protektor Staat und den Gesetzen decken lassen können. Sie möchten das, was sie selbst nicht mehr können, durch den Protektor Staat abgedeckt haben. In diesem Fall würden sonderbare Verhältnisse entstehen. Da würden nicht nur die Betriebsräte Dekorationsstücke sein, sondern da würden auch die Kanäle wieder gefunden werden, wodurch das heruntergekommene Kapital wiederum saniert werden könnte, durch die wiederum mancherlei hineinfließt dorthin, wo die Dinge abgeflossen sind. Hierüber haben die Leute sonderbare Ansichten. In Tübingen sagte ein Professor: Wir werden in der Zukunft ein armes Volk werden. Da werden die Leute die Schulen nicht mehr bezahlen können, da wird dann der Staat eintreten müssen, der wird dann die Schulen bezahlen müssen. - Der Professor hatte Angst, daß die Leute die Schulen nicht mehr bezahlen können. Er hatte nur vergessen sich zu fragen: Wo nimmt der Staat das Geld her? Doch nur aus den Taschen der einzelnen Menschen! In dieser Hinsicht bedeuten Gesetze sehr häufig bloß das, daß die Dinge, die etwas wert sind, dahin wandern, wo man sie hingewandert haben will. Und Gesetze können unter Umständen nur der Umweg sein, das schon zerfallende |
| 187 | Kapital wiederum auf die Beine zu bringen. Das wird eine Betriebsräteschaft, die aus dem Wirtschaftsleben, aus der arbeitenden Bevölkerung hervorgeht, nicht sein. Die wird sich auf die eigenen Beine zu stellen wissen. Dann lassen Sie es ruhig auf die Machtprobe ankommen. Man braucht sich nicht zu sagen, daß die Betriebsräte werden lahm dastehen vor dem Unternehmer. Es könnte durch die Zeitverhältnisse bedingt auch der umgekehrte Fall eintreten. Wir leben nicht außerhalb der Zeit, sondern wir leben in einer bestimmten Zeit, und in dieser Zeit geht es darum, daß wir wissen, daß der Kapitalismus am Zusammenbrechen ist. Damit müssen wir rechnen. Damit müssen wir uns auch darüber klar sein, daß von anderer Seite her das Wirtschaftsleben wieder aufgebaut werden muß. Und dem Sozialismus kommt der Zusammenbruch, in den der Kapitalismus selbst hineingerannt ist, entgegen. Denn die Weltkriegskatastrophe war zu gleicher Zeit der Zusammenbruch des Kapitalismus und wird in der Folge noch immer mehr den Zusammenbruch beeinflussen. Das bitte ich zu bedenken. Wenn man Dinge zu bedenken hat, die sich auf die Zukunft beziehen, dann muß man mit solchen Faktoren rechnen. Wenn man so etwas zitiert, wie den Satz vom Zins, so bitte ich zu berücksichtigen, daß in jedem Satz meines Buches angestrebt ist, ehrlich das zu sagen, was wirklich ist, und daß in meinem Buch streng abgewiesen wird alles das, was Zins vom Zins sein soll. Also, ein wirkliches Wachstum des Kapitals, wie es heute der Fall ist, wo sich ein Kapital in fünfzehn Jahren verdoppeln kann, ist unmöglich, wenn jene Wirklichkeit eintritt, wie ich sie in meinem Buch schildere. Aber ich spreche allerdings von einem rechtmäßigen Zinsverhältnis. Hierbei bitte ich zu berücksichtigen, wie ich in meinem Buch vom Kapital spreche. Denn sehen Sie, es ist leicht, den Leuten etwas vorzumachen, indem man ihnen sagt: Wenn man allen Zins abschafft, dann kommt das Richtige heraus. - Es handelt sich bei allen diesen Dingen nur darum, ob man es kann. Und ich habe nur solche Dinge beschrieben, die wirklich durchgeführt werden können. |
| 188 | Bedenken Sie, wie die Sache steht. Das Geld bekommt, wenn die Dinge verwirklicht werden, die in meinem Buch stehen, einen gewissen Charakter. Ich habe das manchmal Freunden gegenüber etwas banal so ausgedrückt, indem ich gesagt habe: Das Geld wird in der Wirtschaftsordnung, die in meinem Buch gemeint ist, zum ersten Mal wirklich stinkend. Was heißt das? Das heißt das Folgende: Wenn ich Wirklichkeiten erwerbe - das Geld an sich ist keine Wirklichkeit, sondern nur dadurch, daß die Machtverhältnisse entsprechende sind, ist das Geld eine Wirklichkeit -, wenn ich also Wirklichkeiten erwerbe, so unterliegen diese dem Gesetz des Verbrauchtwerdens. Kapitalismus in realem Sinn haben wir ja nicht bloß innerhalb der Menschenwelt, sondern auch in der Tierwelt. Wenn der Hamster hamstert, wenn er seinen Wintervorrat anlegt, dann ist das sein Kapital für die nächste Zeit, nur hat es die Eigenschaft, daß man es nur in der nächsten Zeit brauchen kann, sonst würde es zugrunde gehen. Und wir haben es in unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung dazu gebracht, daß wenigstens für gewisse kurze Zeiträume das Geld den Charakter aller übrigen Wirklichkeiten verloren hat. Was tun wir denn, wenn wir die Zinsen ausrechnen? Wir multiplizieren das Geld mit Prozenten und Zeit und dividieren durch hundert. Dadurch bekommen wir den Zins heraus. Dadurch haben wir mit unwirklichen, mit Scheingebilden gerechnet! Wir haben mit dem gerechnet, was wir als Repräsentanten der Wirklichkeit hingestellt haben. Das, was durch Kapital produziert wurde, kann längst unbrauchbar geworden sein, kann sogar ganz und gar nicht mehr vorhanden sein, und dennoch kann man nach unseren Machtverhältnissen ausrechnen: Kapital mal Prozente und Zeit dividiert durch hundert. [… In der Zukunft handelt es sich darum, daß man sich dessen bewußt ist, wenn man ein Unternehmen, einen Betrieb gründet - und dies muß ja immer wieder geschehen, da sonst der ganze Entwicklungsprozeß der Menschheit zum Stillstand kommen würde -, daß immer die vergangene Arbeit Verwendung findet in der künftigen Arbeit.] Sehen Sie, wenn Sie einen neuen Betrieb aufbauen, dann müssen Sie neue Arbeiter anstellen, gleichgültig ob dies nun die Gesellschaft |
| 189 | oder ein einzelner tut. Früher war es der einzelne, künftig wird es sich aus der Struktur der Gesellschaft heraus ergeben. Sie müssen also Arbeiter anstellen. Diese müssen sich, wenn man einen Betrieb aufbaut, der noch nichts in die Gesellschaft hineingeben kann, aber ernähren, müssen sich kleiden. Es muß dann also, damit dieser Betrieb entstehen kann, schon früher gearbeitet worden sein. Also, es muß die Möglichkeit geschaffen sein, daß frühere Arbeit für spätere Leistungen verwendet wird. Das ist aber nicht anders möglich, als daß, wenn meine frühere Arbeit in eine spätere Leistung einfließt, ich einen gewissen Nutzen davon habe. Denn in Wahrheit arbeite ich zum Beispiel, sagen wir, heute ganz ordentlich, und auf welchem Wege ist gleichgültig, aber von dem, was ich heute arbeite, wird in zehn Jahren irgendein neuer Betrieb gebaut. Das kommt dazu. Wenn ich heute arbeite, muß ich auch etwas für meine Arbeit haben. Es wird nur die Arbeit aufgespart für das nächste. Und das ist es, was ich rechtmäßigen Zins nenne, und ich habe es so genannt, weil ich eben in meinem Buch ehrlich sein will, weil ich keinen billigen Erfolg dadurch haben will, daß ich Weiß Schwarz nenne. Im Wirtschaftsleben muß vergangene Arbeit für künftige Leistungen verwendet werden. So wie Arbeiten in der Gegenwart eine Gegenleistung haben, so müssen sie auch in der Zukunft, wenn sie aufgespart werden, eine Gegenleistung hervorrufen. Das Wirtschaftsleben macht es notwendig, daß vergangene Arbeit in der Zukunft verwendet wird. Nehmen Sie dazu, daß das Kapital sich nach und nach aufzehrt. Während sich jetzt das Kapital in fünfzehn Jahren verdoppelt hat, wird es in Zukunft nach fünfzehn Jahren ungefähr aufhören zu existieren. Der umgekehrte Prozeß findet statt! Wie die anderen Dinge stinkend werden, so auch das Geld. So trägt das Kapital keine Zinsen, aber es muß die Möglichkeit geschaffen werden, daß das, was früher gearbeitet wurde, in einer künftigen Leistung enthalten ist. Dann müssen Sie auch den Lohn dafür haben. Ich hätte es [in meinem Buch] Lohn nennen können, aber ich wollte ganz ehrlich sein und wollte zum Ausdruck bringen: Wirtschaften besteht darin, daß vergangene Arbeit in künftige Leistungen hineingesteckt wird, |
| 190 | und da nenne ich die dafür gerechte Vergütung den Zins. Deshalb habe ich aber auch ausdrücklich gesagt: Es gibt keinen Zins vom Zins. Den kann es nicht geben, ferner auch nicht ein beliebiges Arbeitenlassen des Kapitals. Das Geld wird stinkig. Es geht ebenso wie andere Dinge, wie Fleisch und dergleichen, verloren. Es ist nicht mehr da, es arbeitet nicht weiterhin. Wenn Sie die Dinge so nehmen, wie sie in meinem Buch stehen, so müssen Sie überall bedenken, daß ich von dem ausgehe, was möglich ist und was wirklich werden soll, und nicht von Forderungen, die so entstehen, daß man sich sagt: Wir schaffen dies und jenes ab. Ja, meine werten Anwesenden, es könnte schließlich auch jemand auf die verrückte Idee kommen und sagen: Wir schaffen den Fußboden ab. - Dann würden wir nicht mehr gehen können! Man kann nicht Dinge abschaffen, die im wirklichen Wirtschaftsleben oder in anderen Bereichen einfach notwendig sind. Man muß die Dinge nehmen, wie sie sind, dann allein ist man ehrlich. Ich verspreche den Leuten nicht das Blaue vom Himmel herunter, sondern ich will von den wirklichen Lebensbedingungen des sozialen Organismus sprechen. Und so wollte ich hier sprechen von dem, was wirklich durchgeführt werden kann, und das wird schon dasjenige sein, was herbeiführt auch das, was unbewußt den Forderungen der breiten arbeitenden Masse zugrunde liegt. Und es ist besser, wenn man diese Forderungen aus der Kenntnis der Wirklichkeit heraus zu erfüllen trachtet, als wenn man die Menschen mit bloßen Versprechungen einlullt. Herr Haupt aus Eßlingen: Er hat in seinem Betrieb schon vor längerer Zeit freiwillig Betriebsräte geschaffen. Er führt unter anderem aus: Was stellt sich der Arbeitgeber unter dem Betriebsrat vor? Er sieht die Einrichtung der Betriebsräte als Schreckgespenst an! Die Pflicht des Arbeiters ist es, daß auch er Vertrauen entgegenbringt und sagt: Wir wollen nicht alles niederreißen, das ist nicht unser Ziel. Wir wollen arbeiten, aber ohne Knute, frei aus dem eigenen Herzen heraus. - Wenn man so dem Arbeitgeber gegenübertritt, ist er auch willfährig. Ich weiß bestimmt, daß eine große Anzahl Eßlinger Firmen die Sache so machen |
| 191 | möchten. Sie können aber nicht, weil sie einen Kompromiß mit den Gewerkschaften geschlossen haben. Die Gewerkschaftsführer haben einen Tarifvertrag herausgebracht, sozusagen als letzten Trumpf, um so die Massen, die nichts von ihnen wissen wollen, zusammenzubringen. Das ist ein Fehlgriff, der sich bitter rächen wird. Er wird zum Grab der Gewerkschaften werden. Aus der Schweinerei können uns nur die Betriebsräte retten. Die Gewerkschaften haben das größte Interesse, dies nicht zu tun. Die Arbeitgeberverbände verstecken sich hinter ihnen und sind froh, daß es mit den Betriebsräten nicht so schnell geht, wie sie sich gedacht hatten. Es gibt drei Wege, die Betriebsräte einzuführen: Entweder macht es der betreffende Arbeitgeber freiwillig - das habe ich gemacht -, das ist wohl das Vernünftigste. Ich sagte mir: Es ist eben einmal alles kaputt, darüber sind wir uns klar. Also sehen wir zu, daß wir etwas Neues finden, um doch noch aus dem Elend herauszukommen. - Das zweite ist: Nicht so viel reden! Handeln und nicht reden! Das Reden hat keinen Zweck. Da wird geredet und geredet, was sich doch der Bund für Mühe gegeben hat, und gesagt: Leute, greift doch mal zu. Man merkt nichts, die Leute schlafen. - Die dritte Maßnahme ist die Macht. Ich sage aber ausdrücklich: Macht ohne Terror, ohne Streik, das ist wichtig. - Mit Macht meine ich die Fähigkeit und das Bewußtsein, die Massen hinter sich zu haben. Die drücken dann die Dinge schon durch. Wenn die Sache so organisiert würde, wie ich mir das vorstelle, so würde zunächst der Bund oder eine Korporation der Arbeitervertreter zusammenkommen, und man würde sich die Ansichten und Widersprüche anhören. Dies macht sich dann die Korporation zunutze und pocht dann beim Arbeitgeber an. Mehr wie abgewiesen kann man nicht werden. Wenn aber die Arbeitgeber das abweisen, haben sie eine giftige Wunde geschaffen; es bleibt ein Vulkan. Nun, das wäre die letzte Hand, die sich die beiden reichen können. Ansonsten gibt es keine andere Möglichkeit als rücksichtslosen Terror. Wir können uns zusammenfinden, wenn wir nur wollen. Darauf kommt es an. Die Aufgaben der Betriebsräteschaft sind nicht so einfach. Wenn man selbst Betriebsräte hat, weiß man, was für kuriose Dinge da an den Tag kommen können. Es gibt Menschen, die mit vollem Herzen dabei sind, aber es gibt auch solche, die mit politischen Absichten und dergleichen kommen. Wir haben schon verschiedenes erlebt. Zum Schluß möchte ich Ihnen noch sagen: Schreiten Sie heute zur Wahl und nicht erst morgen. Nehmen Sie Fühlung auf mit dem «Bund für Dreigliederung des sozialen |
| 192 | Organismus». Ich bin überzeugt, daß die Gruppe in Stuttgart die Sache dann in die Hand nimmt. Sie versucht es, doch noch mit den Arbeitgebern übereinzukommen. Und dann stellen Sie sich vor die Unternehmer hin und sagen: Wir erklären, daß die Betriebsräte gewählt sind. - Vertrauen wir einander! Wehe, wer streikt! Sie dürfen nicht streiken! Es muß gehen ohne Terror, ohne Macht, ohne Seelenbeklemmung und dergleichen. Herr Schlegel: Ich bin im Prinzip der Auffassung, daß die Betriebsräte und jene die Betriebsräte zusammenfassende Körperschaft, so wie sie Herr Dr. Steiner heute abend in dem Vortrag bezeichnet hat, die einzige praktische Möglichkeit sind, um die Sozialisierung des Wirtschaftslebens durchzuführen, die gewissermaßen die materielle Grundlage schaffen soll zum Aufstieg der Menschheit. Und heute abend wird wohl die einzige Möglichkeit sein, einen Schritt zur Sozialisierung hin zu tun, um unser Volk und Reich, um unser Land vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch zu retten. Ich bin andererseits der Ansicht, daß man nicht in wilder Weise, weil der «Bund» es tun will, die Betriebsräte ins Leben ruft. Die Voraussetzung wäre doch, daß die Unternehmer diesen Betriebsräten keinen Widerstand entgegensetzen. Wenn zum Beispiel nur in einem Teil der Betriebe die Betriebsräte eingeführt werden, wie denkt man sich dann die Zusammenfassung, also die Körperschaft der Betriebsräte? Die Regelung der Produktion ist doch die Hauptsache. Wie denkt sich Herr Dr. Steiner, daß diese Körperschaften die Machtbefugnisse bekommen, wenn sich nicht die gesamte politische und Staatsmacht in den Händen der Betriebsräte vereint? Ist es nicht unmöglich, für ein solch kleines Gebiet, wie es Württemberg ist, die Betriebsräte allein einzuführen? Denn die württembergische Industrie reicht noch nicht aus, um sämtliche Waren herzustellen. Württemberg benötigt den Austausch. Ich bitte Herrn Dr. Steiner, sich zu diesen Bedenken zu äußern. Herr Dr. Steiner hat gesagt, es sei eine Unmöglichkeit, durch gesetzliche Bestimmungen die Betriebsräte ins Leben zu rufen. Ich bin der Auffassung, daß es notwendig ist, daß nach zentralistischem Prinzip die Wahl der Betriebsräte zur Pflicht gemacht wird. Das Wesentliche würde nur sein, welche Form das Gesetz haben wird. Es könnte ja auch die Form haben, die notwendig ist. Wenn die gesamte Arbeiterschaft, geistige und Handarbeiterschaft, einig ist und politische Macht hat, dann wird es leicht sein, die politische Macht im Staat zu erringen und dann die nötigen Maßnahmen zur Sozialisierung zu ergreifen. Ich richte meinen Appell vor |
| 193 | allen Dingen an die Vertreter der sozialistischen Parteien, daß es ihre Pflicht und Schuldigkeit ist, vor allen Dingen darauf hinzuwirken, daß eine Einigkeit zustande kommt. Ich erinnere daran, daß wir große Massen der Angestellten und der Landbevölkerung für die Idee des Sozialismus gewinnen könnten, wenn man nur einig wäre. Wir brauchen gerade das geistige Proletariat und die Bauernschaft, wenn wir die Sozialisierung durchführen wollen. Es ist begreiflich, daß große Arbeitermassen zur USP und zu den Kommunisten gehen, denn dort, wo geschimpft wird, wendet man sich hin, wenn man die Befriedigung seiner Wünsche nicht erlangen kann. Herr Dr. Steiner hat schon darauf hingewiesen, daß in einem großen Teil der Arbeiterschaft noch die Ideen leben und daß die Verhältnisse heute so liegen wie vor Ausbruch des Krieges und daß man, wenn man die Sozialisierung in Angriff nimmt, sehr rasch eine materielle Besserung für die Masse der arbeitenden Bevölkerung erreichen würde. Das ist ein Irrtum! Wenn wir auch die Sozialisierung in Angriff nehmen durch die Betriebsräte und durch die Dreigliederung des sozialen Organismus, dann ist damit im Augenblick nur das erreicht, daß wir unser Wirtschaftsleben zunächst vor dem Untergang bewahren. Es wird noch einer jahrelangen Arbeit bedürfen und vor allen Dingen der Zertrümmerung des Entente-Kapitalismus, bevor sich die Früchte der Sozialisierung zeigen werden. Die Parteiführer müssen auch in dieser Beziehung ihre Anhänger auf die tatsächlichen Verhältnisse hinweisen. Ich möchte noch darauf hinweisen, daß doch eigentlich eine Dreigliederung des sozialen Organismus vorhanden ist [Zwischenruf: oho] und daß es sich darum dreht, sie umzuformen und in andere Bahnen zu lenken [Lachen]. Die drei Gebiete sind ja nur verquickt [Lachen], sie sind ja nur auseinanderzureißen. Ich sage das deshalb, weil in vielen Kreisen die Ansicht besteht, daß etwas Neues geschaffen werden soll. Es handelt sich nur um eine Umformung, und zwar nach den Grundsätzen, die der «Bund für Dreigliederung» vertritt. Ebenso notwendig wie die Schaffung der Betriebsräte wäre es, daß man in geistiger Beziehung die Arbeiterschaft und die Angestellten mehr bearbeitet, als es bisher geschehen ist. Gerade die ethischen Ziele des Sozialismus sind heute in den Hintergrund geschoben worden gegenüber den materiellen Zielen. Es müßte hierfür agitiert werden. Herr Dr. Steiner meint, die Betriebsräte werden die Einigkeit des Proletariats bringen. Ich meine, die Einigkeit des Proletariats wird die Sozialisierung und die Betriebsräte bringen. |
| 194 | Herr Haller: Ich möchte einiges korrigieren, was die Redner gesagt haben. Ein Herr hat gesprochen von Macht ohne Terror. Wenn heute die Arbeitermassen diesen Betriebsräten noch so skeptisch gegenüberstehen, so kommt das daher, daß die Arbeiterschaft wohl weiß, daß es in der Weltgeschichte nirgends geschrieben steht, daß der Kapitalismus jemals freiwillig auf seine Vorrechte verzichtet und das ganze System in die Hand der großen Massen gelegt hat. Ich meine, das Wichtigste wäre nicht, die Betriebsräte schnell zu wählen, sondern die Idee unter die Massen zu streuen, denn die Betriebsräte sind schnell gewählt, wenn die Ideen erst mal unter den Massen verbreitet sind. Es wurde gesagt, die Wahl der Betriebsräte sei eine Vorarbeit. Ich kann dem nicht widersprechen, aber ich möchte doch betonen, daß wir kein Interesse daran haben, den Zukunftsstaat in kapitalistischer Form weiterzuführen. Wir müssen etwas Neues aufbauen. Wenn die Betriebsräte über den Industriestaat Württemberg hin selbst zu Machtfaktoren würden, wäre es doch vielleicht unmöglich, sich auf Dauer über das ganze Reich hin zu behaupten, denn die Kapitalisten sind sich einig und werden sich auch wieder versöhnen mit den EntenteKapitalisten. Wenn die Arbeitermassen international sich so einig wären wie die internationalen Kapitalisten, dann wäre uns dieser fürchterliche Trümmerhaufen erspart geblieben. Wir müssen versuchen, die ganze Wirtschaft in die Hand zu bekommen. Herr Dr. Steiner hat gesagt, daß viele die Sozialisierung noch nicht begriffen hätten. Die Arbeiter verstünden nicht, was damit gemeint ist. Da ist noch viel Aufklärung zu schaffen. Und die geistigen Arbeiter waren sich auch bisher noch nicht bewußt, daß sie ebenso vom Unternehmer abhängen wie der proletarische Handarbeiter. Es ist gesagt worden, es müsse eine Brücke geschlagen werden zwischen Handarbeiter und Kopfarbeiter. Ich habe noch nicht viel von solch einem Brückenschlag gesehen. Wenn die Führer nicht gewillt sind, diese Brücke zu errichten, müssen die Kopfarbeiter und die Handarbeiter selber das Nötige tun. Wenn gesagt wird, wir würden dann eventuell das Schlachtfeld abgeben zwischen Bolschewismus und Entente-Kapitalismus, muß ich doch sagen, daß die Verhältnisse in Rußland und in Deutschland ganz andere sind. In Rußland haben die geistigen Arbeiter Sabotage getrieben. Ich bitte die Handarbeiter, in dieser schweren Stunde dieses Unheil zu verhüten. Die geistigen Arbeiter müssen uns zur Seite stehen, damit wir endlich zum Ziel kommen. Wenn heute ein Betriebsrat gewählt ist und der ganze Wirtschaftskörper in unserer Hand ist, wird ein Direktor nicht mehr |
| 195 | Rechte haben als ein Betriebsrat. Die Betriebsräte sollen die Urzelle des Wirtschaftslebens sein. Da müssen die Betriebsräte hergehen und sagen: Herr Direktor, Sie dürfen den Posten unter unserer Kontrolle und Führung weiter verwalten. Wir sind nicht dazu da, die Leute davonzujagen, sondern wir wollen nur gleiches Recht für alle. Herr Biel: Ich wollte eigentlich auf das Wort verzichten, aber da ich auch zu den Betriebsräten gehöre, möchte ich doch einige Worte sprechen. Ich möchte darauf zurückkommen, wie notwendig es eben ist, daß wir eine neue Wirtschaftsform zu schaffen suchen. Diese neue Wirtschaftsform kann meines Erachtens nur durch die Dreigliederung, wie sie Herr Dr. Steiner vorschlägt, gefunden werden. Sie wissen wohl alle, daß die uns auferlegten Bedingungen sehr schwer sind. Wir werden beginnen müssen mit einer Anzahlung, und schon diese Anzahlung bedingt einen Umbau des Wirtschaftslebens. Da kann es nicht mehr so sein, daß wir unter den alten Bedingungen produzieren, daß wir dastehen als Arbeiter mit dem sogenannten Minimalexistenzlohn und nebenan ein Kapitalist ist, der Millionen erwirbt. Wir dürfen dann immer aus unseren Knochen heraus die Schulden bezahlen, die diese alte Gesellschaft und die noch bestehenden Kapitalisten gemacht haben. Schon aus diesen Gründen heraus sollte sich jeder Mensch darüber klar sein, daß die alte Methode ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ich glaube doch, daß in der Menschheit noch so viel Vernunft Platz greifen wird, daß die Bedingungen der Entente als Unmöglichkeit zurückgewiesen werden. Ich glaube, es wird sehr bald geschehen. Treten wir heran an die Wahl von Betriebsräten und lassen das, was unsere Brüder im Osten gewonnen haben, nicht wieder heruntersinken, so daß sie uns später nicht Vorwürfe machen müssen wie: Man hat euch Wege gewiesen, aber ihr wolltet sie nicht gehen. - Sie haben uns die Elementarschule gezeigt, nun wollen wir sehen, ob wir zur Reifeprüfung fähig sind. Herr Spörr: Es ist uns allen klar, daß die Betriebsräte eine Notwendigkeit sind. Es ist uns auch ferner klar, daß in unserem ganzen Geistesleben, in allcdcm, was wir denken und fühlen, neue Bahnen eingeschlagen werden müssen. Ich begrüße es daher, daß Herr Dr. Steiner es in so packender Weise versteht, die Gedanken in die Massen hineinzuwerfen und hier auch seine Anhänger zu finden. In den Ausführungen des Herrn Dr. |
| 196 | Steiner ist für mich aber eine große Frage offengeblieben: Wie wird der Widerstand der Arbeitgeber dieser Bewegung gegenüber gebrochen? Die Arbeitgeber werden sich auf den Standpunkt stellen, nur das zu gewähren, was sie gesetzlich gewähren müssen. Die Gesetze, die heute gemacht werden, werden aber nicht von Praktikern, sondern von Parteibonzen gemacht. Es müssen Männer erstehen, die uns Gesetze schaffen, mit denen etwas anzufangen ist. Und wir müssen rasch handeln, sonst werden wir vom Entente-Kapitalismus erdrückt. Bis die Arbeiterschaft der Entente sich dazu durchgerungen hat, das zu verstehen, was uns die Not gelehrt hat, darüber vergeht noch viel Zeit. Ich glaube, daß es nur eine Richtlinie gibt, nämlich daß wir so schnell wie möglich dahin wirken, daß die geistigen Arbeiter beizeiten sich da einschalten, wo die organisierte Arbeiterschaft sich eingeschaltet hat. Das war der Fluch der Revolution, daß gerade die gebildeten Volksmassen politisch nicht auf der Höhe gewesen sind. Hier erwächst dem «Bund» die Aufgabe, vor allen Dingen aufklärend zu wirken. Wenn wir heute die bürgerlichen Kreise betrachten und sehen, daß die Leute, die der Arbeiterschaft das freie Wort verdanken, sich dazu hergeben, diese Arbeiterschaft niederzuknallen, so sind das Faktoren, die uns zu denken geben. Ich halte es nicht für richtig, wenn sich die Regierung nur durch Bewaffnung halten kann. Hier muß vor allen Dingen Aufklärung hinausgetragen werden. Herr Gönnewein: Die meisten Redner sprachen mit Recht sehr deutlich aus, daß nun der Worte genug gesprochen wären, man wolle Taten sehen. Das ist nur zu unterstreichen. Wenn wir heute nicht zur Tat schreiten können, so liegt das aber nicht daran, daß das Volk nicht reif ist, sondern daß es nicht einig ist. Reif, glaube ich, ist das Volk eigentlich. Zumindest dürfte man es annehmen, daß es in diesen vier Jahren zur Reife gebracht worden ist. Aber man versucht von allen Seiten, das Volk zu veruneinigen, weil man nicht will, daß von anderer Seite her etwas kommt, was nicht von den sogenannten Parteiführern selbst kommt. Wenn wir heute in verschiedenen Betrieben und insbesondere in Großbetrieben noch keine Betriebsräte haben, so ist das nicht deshalb, weil das Volk nicht reif dazu ist, sondern weil man von allen Seiten versucht, die Sache zu unterbinden. Wir sind eines guten Willens dazu. Aber weil es gerade Herr Dr. Steiner war, der mit dieser Idee der Dreigliederung kam, und nicht diejenigen, die sich berufen dazu glauben, deshalb ist es nicht das Richtige. Ich |
| 197 | erinnere daran, daß, als die ersten Vorträge von Herrn Dr. Steiner vor der Arbeiterschaft gehalten wurden, ihm die Arbeiterschaft zujubelte und erklärte, daß da etwas gekommen sei, wodurch die Arbeiterschaft aus dem Elend befreit werden könnte. Nachdem man die Sache untersuchte, kam man zu der Überzeugung der Parteiführer, nämlich: Wenn man der Sache zu sehr huldige, dann könnten die Felle für verschiedene Herren davonschwimmen. - So zog man die Sache in den Kot, so daß viele sich an die Parteibonzen heranschlichen, um für sie Stimmung zu machen. Nicht die Arbeit der Parteibonzen ist gefährlich, sondern deren Trabanten sind es, weil sie sich ein Dogma aufoktroyieren lassen. Das ist ein ungesundes Verhältnis. Solange das nicht begriffen wird, werden wir aus dem Wirrwarr nicht herauskommen. Mit Recht ist angeführt worden, daß man versuche, nur Agitationsreden zu halten. Sie können überall hingehen. Jeden Tag ist Gelegenheit geboten, alles mögliche zu hören. Heute wäre es angemessen gewesen und eine besondere Genugtuung gewesen, wenn diese Herrschaften zum Diskussionsabend gekommen wären und uns klar gesagt hätten, daß sie etwas Besseres haben als die Idee von Herrn Dr. Steiner. Wir versuchen bei jeder Gelegenheit, die Herrschaften einzuladen, um endlich einmal etwas Besseres zu bekommen. Das ist aber noch nicht geschehen. Es wurde ja schon darauf hingewiesen, daß der Kapitalismus nicht auf seine Vorrechte verzichten wird, selbstverständlich nicht. Das ist für uns ein unantastbarer Gegner, dessen sind wir uns bewußt. Wir wissen genau, daß er nur durch intensiven Kampf zur Strecke gebracht wird. Aber, von einem solchen Kapitalismus können wir ja gar nicht mehr reden. Nach einem solchen Elend kann in diesem Umfang gar nicht mehr von Kapitalismus gesprochen werden. Heute kommt es darauf an, daß wir, wenn wir nicht dem Elend verfallen wollen, dazu übergehen müssen, die gesamte Menschheit zusammenzufassen, um etwas aus dem Trümmerfeld herauszuholen. Da darf nicht die Rede davon sein, daß man sich nicht solidarisch erklären kann mit den Geistesarbeitern. Ein Redner sagte, die Brücke zwischen Hand- und Geistesarbeitern sei noch nicht errichtet. Gewiß, es gibt Handarbeiter, welche den guten Willen haben, die Brücke zu errichten. Ich möchte aber daran erinnern, daß es wiederum gerade diejenigen sind, die noch nichts von der Brücke gesehen haben, die verhindern, das zu tun, was nötig ist. Wenn man zum Beispiel mit einem Ingenieur oder einem höheren Angestellten spricht, rufen sie einem nach: Schaut her, dieser Arbeiterverräter! Er schmust mit dem Kapitaiismus! |
| 198 | Wie soll man da die Brücke herstellen, um eine Einigung herbeizuführen? Hierüber müßte zweifellos noch mehr nachgedacht werden. Wenn gesagt wird, daß wir den Kampf gegen den Kapitalismus aufnehmen müssen und die Diktatur des Proletariats errichten und dann die Dreigliederung einführen müssen, so sind wir uns dessen bewußt, daß die Sache, wenn wir nicht die Macht haben, an dem Geist des Unternehmers scheitern muß. Ich bin aber zu der Auffassung gekommen, daß es nicht so bleibt, sondern daß uns die kommende Zeit schon einiges geben wird. Wir müßten ja von allen guten Geistern verlassen sein, wenn wir nicht aus dem, was heute ist, sehen würden, daß etwas Neues kommen muß. Dann aber ist es notwendig, daß wir nicht in den Fehler verfallen wie am 9. November, wo wir ja um die ganze Geschichte betrogen worden sind, die Sache nicht bewußt genug anzugehen. Wir müssen uns heute mit dem Gedanken befassen, etwas Greifbares hinstellen zu wollen, damit, wenn wir die Macht haben, wir auch etwas daraus zu machen wissen. Wenn mir die Kommunisten sagen: Wir wollen alles auf die Art haben, wie wir es uns denken -, dann rufe ich ihnen zu: Die Botschaft höre ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. - Da muß man fragen: Wenn das Volk nicht reif sein soll zum Sozialismus, wie sollte dann der Kommunismus Platz haben? Leider sind wir noch nicht so weit gekommen, daher befassen wir uns mit dem, was uns Gelegenheit gibt, hinaufzukommen zum Licht. Und da muß ich sagen: Die Dreigliederung ist eine Etappe, um von ihr aus emporzusteigen zum Sozialismus. Daher ist es ungerecht, daß man uns dauernd anschimpft, weil wir uns mit den Kapitalisten, die heruntergestiegen sind zum Proletariat, um mit den Proletariern gemeinsam etwas zu tun, damit die Menschheit überleben kann, solidarisch erklären. Es ist heute nicht mehr alles so anzusehen, wie es 1913 war. Es sollte heute einer kommen und uns erklären, wie wir auf eine bessere Art aus dem Elend herauskommen! Solange das nicht geschieht, so lange ist es eine Ungehörigkeit, wenn man in den Zeitungen und andernorts diese Idee in den Dreck zieht. Heute wäre die Gelegenheit gegeben, daß sich die Herrschaften hinstellen und einen besseren Weg zeigen. Ich rufe Ihnen zu: Lassen Sie sich von diesen Herrschaften nicht beirren! Wenn Sie sich dem Gedanken der Dreigliederung angeschlossen haben, so lassen Sie sich nicht von denen sagen: Es ist nicht der richtige Weg -, sondern wählen Sie selbst! Lassen Sie sich nicht zu denen zählen, die sich ein Dogma aufoktroyieren lassen, sondern gehen Sie den geraden Weg als kämpf es- und klassenbewußter Arbeiter in den Parteien! Aber hinsichtlich |
| 199 | der Aufnahme einer Idee kann man sich auch hier im «Bund für Dreigliederung» anregen lassen. Hier hat sich der Proletarier und auch der klassenbewußte Kämpfer nichts zu vergeben. Deshalb müssen Sie jederzeit, wenn man an Sie von der Partei her herantritt, sagen, daß es eine Ungerechtigkeit ist, Sie einzuschränken, wenn Sie dahin gehen, wo Sie Ihr Gewissen hinschickt, wo Sie etwas lernen können. Am 2. Juli wird hier eine Fortsetzung der Diskussion sein. Ich möchte Sie bitten: Bringen Sie auch solche Leute mit, die noch keinen Glauben haben an die Dreigliederung. Wer heute abend seine Ohren gespitzt hat, wird schon gemerkt haben, um was es sich handelt. Wir brauchen keine Lehrgänge mehr zu machen, brauchen nicht zu erforschen, was der «Bund» will, aber wir wollen bestrebt sein, die Idee der Dreigliederung auch in andere Kreise zu tragen, und den Führern sagen, daß sie sich auf ihren Hosenboden setzen und das Buch von Herrn Dr. Steiner lesen sollen. Dann werden sie schon zu einer anderen Meinung kommen. Schreien Sie es den Herrschaften in die Ohren, damit sie endlich begreifen, denn sie sind schwer von Begriff. Rudolf Steiner: Nur noch weniges werde ich Ihnen zu sagen haben, allein dies wenige wird notwendig sein. Zunächst ist gesagt worden, daß ja im Prinzip die einzige praktische Möglichkeit zur Lösung der Sozialisierungsfrage schon in dem läge, was von der Dreigliederung in bezug auf die Betriebsräte gewollt wird oder ähnliches. Aber es ist getadelt worden, daß der «Bund für Dreigliederung» in wilder Weise die Betriebsräte wählen lassen will. Ja, ich verstehe eigentlich nicht ganz, was damit gemeint sein soll, daß just das eine wilde Wahl sein soll. Man kann unter Umständen sogar der Meinung sein, wenn man ganz unbefangen den Entwurf des Gesetzes für die Betriebsräte durchstudiert, der ja vor einiger Zeit durch die Presse gegangen ist, daß der eine wilde Sache ist. Also es kommt darauf an, daß man versucht, die Sache wirklich unbefangen zu sehen. Dann wird sich zeigen, daß in der Tat, wenn aus dem wirtschaftlichen Leben heraus das zustande kommt, was wir uns als Betriebsräte denken, ein gutes Stück von dem dasteht, was in der Zukunft als eine wirkliche Macht erobert werden muß. Wenn man immer sagt: |
| 200 | Wir kommen doch nicht weiter, wenn wir dies und jenes nicht haben, und daß uns die wirtschaftliche Macht nichts nützt, wenn wir nicht die politische Macht haben und dergleichen, so muß man demgegenüber doch sagen, daß es sich doch darum handelt, daß man einmal irgendwo anfängt, und daß man sich nicht immer dadurch abhalten läßt, daß man sagt, das nützt nichts und das nützt nichts. Sehen Sie, ich kann ja gut verstehen, wenn jemand sagt: Wenn auch so ein kleines Gebiet wie Württemberg Betriebsräte wählt, so werden es doch nicht alle tun; ganz Deutschland sollte wählen. - Ja, selbstverständlich wäre das das beste, wenn gleich die ganze Welt Betriebsräte wählen würde. Aber ich denke, weil wir das nicht gleich in der ganzen Welt tun können, fangen wir mal da an, wo wir es tun können. Wir müssen mit den Verhältnissen rechnen, die vorhanden sind, und da liegt uns zunächst als geschlossenes Wirtschaftsgebiet Württemberg vor. Fange man nur irgendwo an, dann wird schon, wenn die Sache gehen wird, auch eine Fortsetzung möglich sein. Ich denke, daß man sich durch all die Einwände nicht beirren lassen soll. Wenn nicht gleich in ganz Deutschland die Betriebsräte in Szene gesetzt werden können, so muß man eben für Württemberg an das Fruchtbare denken. Das, worauf es gerade ankommt, das ist, daß man diese Dreigliederung einsieht, daß man sieht, es muß auf jedem der drei einzelnen, selbständigen Gebiete des sozialen Organismus die Sache in die Hand genommen werden. Ich muß schon sagen, daß der verehrte Redner, der von den wilden Betriebsräten gesprochen hat - weil sie reinlich aus dem Wirtschaftsleben hervorgegangen sind -, die Dreigliederung doch noch nicht ganz gehörig verstanden hat, sonst hätte er nicht sagen können, daß diese Dreigliederung eigentlich schon da ist und die drei Glieder nur durcheinander gemischt sind. Selbstverständlich sind diese drei Glieder des sozialen Organismus da, aber daß sie früher durcheinander waren, das ist es eben, was nichts taugte. Deshalb wollen wir sie auseinanderreißen. Es kommt nicht darauf an, daß sie da sind, sondern wie sie gestaltet sind beziehungsweise gestaltet werden sollen. Und der |
| 201 | «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» hätte sich ganz gewiß nicht gebildet, wenn es nicht darauf ankäme, gerade diese drei Glieder in einer richtigen Weise nebeneinander in ihrer Selbständigkeit hinzustellen. Daß die drei Glieder sich im Leben in der richtigen Weise nebeneinanderstellen, das ist es, worauf es ankommt. Es ist noch einiges andere gesagt worden, namentlich von dem einen Herrn, der so ein bißchen mit einem kleinen lächelnden Blick den «Idealisten» wiederum gestreift hat. Aber das, was der Herr gesagt hat, gerade das war durchaus von einem gewissen abstrakten Idealismus getragen. Er hat zum Beispiel gesagt: Praktiker müssen erstehen. - Ja, wir müssen die Dinge, so wie sie sind, an die Menschen heranbringen, dann ist man ein Praktiker, nicht wenn man idealistisch ruft: Praktiker müssen erstehen. Wir wollen nicht warten, sondern wir wollen solche Maßnahmen treffen, daß die Praktiker sich geltend machen können. Das ist das, was wir tun können. Der Ruf «Praktiker sollen erstehen» ist ein abstrakt idealistischer Ruf. Man darf auch nicht sagen: Es wird ein Kampf erstehen. — Dadurch entstehen keine Praktiker, sondern sie entstehen durch die Befreiung des Geisteslebens und der anderen Gebiete. Denn wenn immer wieder gesagt wird, daß wir Entwicklung brauchen, und es wird gewissermaßen ein Pessimismus in das Ganze hineingebracht, so möchte ich Sie doch darauf aufmerksam machen - ich habe zwar auch an den entsprechenden Stellen in meinem Buch darauf hingewiesen -, daß gewisse Dinge nicht von heute auf morgen gemacht werden können. Aber schließlich, die Betriebsräte können in einer gewissen Weise von heute auf morgen auf die Beine gestellt werden, und dann wird es schon weitergehen. Da handelt es sich nicht darum, daß man immer nur hinweist auf Entwicklung, sondern darum, daß man Hand anlegt an das, was zunächst wirklich getan werden kann. Ich möchte eigentlich immer denjenigen, die von der Entwicklung sprechen, entgegenrufen, daß sie mir vorkommen wie ein Mensch, der in einem Zimmer sitzt, in dem die Luft schlecht geworden ist, und der, bevor er ohnmächtig wird, ja das Fenster öffnen könnte, damit die Luft |
| 202 | besser werde, aber er müßte eben den nächsten Handgriff tun. Er sollte nicht warten, bis es die Entwicklung mit sich bringt, daß die Luft besser wird. - Das ist das, was wir endlich begreifen sollten, daß da, wo menschliche Handlungen in Betracht kommen, Menschen auch wirklich Hand anlegen müssen. Wir können nicht warten, bis die Arbeiter der Entente uns zu Hilfe kommen können. Tun wir das, was die Arbeiter hier tun sollen, dann ist die Möglichkeit gegeben, daß wir vorwärts kommen und an das Nächstliegendste herangehen. Das wird uns mehr frommen, als wenn wir uns abstrakten Idealen widmen. Jetzt möchte ich insbesondere noch auf eines zurückkommen. Es wird ja immer gesagt, daß die Sozialisierung nur aus der Einigkeit des Proletariats hervorgehen kann. Man kann ebensogut sagen, und das wird das wirklich Praktische sein, daß das Proletariat doch einmal versuchen soll, sich einer großen Aufgabe zu widmen! Wodurch entsteht denn die Uneinigkeit? Sie entsteht dadurch, daß man sich nicht die richtigen Aufgaben stellt, daß man an den Dingen vorbeiredet, daß man nicht viel über das redet, worauf es ankommt, nicht über das, wo der Schuh drückt, sondern daß man Parteiprogramme macht, die man beliebig variieren kann. Da kann der eine das und der andere das sagen. Aber in wirklich sachlichen Dingen, da sind sich die Proletarier einig. Sie brauchen sich nur darauf zu besinnen, daß es ja auf die Sachfragen ankommt. Daher versuche man einmal, eine Körperschaft zu begründen, die aus dem Vertrauen der Arbeiterschaft hervorgeht, in der man über Sachfragen und das sachlich Notwendige verhandelt. Sie werden sehen, daß man sich da schon einig sein wird, denn da wird man über etwas reden, was wirklich ist, und nicht über etwas, was ein bloßes Parteiprogramm und dergleichen ist. Parteiprogramme sind meistens dazu da, um an der Sache vorbeizureden. Versuchen Sie, mit dieser Betriebsräteschaft den Anfang zu machen und damit über die sachlichen Dinge selbst zu reden, und die Einigkeit wird vielleicht gerade dadurch wie von selbst entstehen. |
| 203 | Herr Gönnewein: Sie haben die letzten Worte gehört, und ich möchte Ihnen noch sagen: Beherzigen Sie das, was zum Ausdruck gekommen ist! Tragen Sie es hin zu Ihren Kollegen, damit es fruchtbringend wirkt zum Heile des dreigliedrigen sozialen Organismus. - Hiermit ist die Versammlung geschlossen. |