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28. Mai 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS II

28. Mai 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS II

ZWEITER DISKUSSIONSABEND

Über die Notwendigkeit der Sozialisierung und der Gewinnung breiter Massen des Proletariats für die soziale Neugestaltung. Der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus. Die Betriebsräte-Frage als praktischer Ausgangspunkt für die Verwirklichung der Dreigliederung. Überlegungen die Wahl der Betriebsräte betreffend. Die Aufgaben der «Uroder Vollversammlung» der Betriebsräteschaft. Der «Zentralrat» der Betriebsräteschaft als Urzelle einer sachgemäßen Verwaltung des Wirtschaftslebens. Über die gegenwärtige Krise des Kapitalismus. Die voraussichtlichen Verhältnisse in Deutschland nach dem Friedensschluß insbesondere in bezug auf die Situation des mittel- und osteuropäischen Proletariats. Die Notwendigkeit einer wirklichen Sozialisierung als Gegenmaßnahme.

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Seite Text
88 Meine sehr verehrten Anwesenden! An unserer letzten Zusammenkunft haben wir ausführlich über die Dreigliederung des sozialen Organismus gesprochen, und ich glaube, daß Ihnen im wesentlichen bekannt ist, worin dieser dreigliedrige Organismus bestehen soll und daß in diesem dreigliedrigen Organismus die einzige Möglichkeit liegt, zu einer wirklichen Sozialisierung zu kommen. Denn, sehen Sie, gegenwärtig ist die Hauptsache ja wohl diese, daß von keiner Seite so recht, namentlich von keiner heute noch so maßgeblichen Seite, etwas gewußt wird über das Wesen der Sozialisierung. Das sieht man wohl am besten an den Gesetzen, die herausgekommen sind und die ja auch aus dem Geiste der Sozialisierung sein sollen. Ich meine da insbesondere das Gesetz über die Betriebsräte.
Sie wissen vielleicht, daß namentlich in Berlin das Wort ...) geprägt wurde: Die Sozialisierung marschiert! - Ich glaube nicht, daß man heute behaupten kann, daß die Sozialisierung marschiert. Sie trippelt nicht einmal! Man könnte sogar die Ansicht haben, die Sozialisierung verstecke sich. Nun, es wird in der Zukunft darum gehen, wirklich einzusehen, wie in den Impulsen des dreigliedrigen Organismus nicht irgend etwas Utopistisches, etwas Ideologisches liegt, sondern daß in ihnen durchaus die Keime liegen zu dem, was Taten werden können.
Das Wesentliche dieses dreigliedrigen Organismus ist ja, daß wirklich reinlich auseinandergelegt werden das wirtschaftliche Leben, das Rechtsleben und das geistige Leben. Nur muß, da wir uns ja in einer Übergangszeit befinden, irgendwie ein Anfang gefunden werden. Dieser kann heute, das werden Sie aus den Verhältnissen heraus gut erkennen, zunächst im Wirtschaftsleben gefunden
89 werden, und zwar aus folgendem Grunde: Der Proletarier steht im Wirtschaftsleben drinnen, der Proletarier kennt aus dem, was er an seinem Leib und seiner Seele erfahren hat, die Notwendigkeit der Sozialisierung. Man kann wirklich sagen, daß außer dem Proletarier kaum jemand einen so wirklich vollgültigen Begriff sich von dem machen kann, was Sozialisierung ist. Gewiß, einige aus der Intelligenz können das auch. Mit denen kann ja auch gerechnet werden. Aber darum kann es sich ja heute nicht handeln, daß einige Leute einsehen, dieses oder jenes sei richtig, sondern es kommt heute darauf an, daß eine möglichst große Anzahl von Menschen erkennt, was zu tun ist, und eine neue Gesellschaftsordnung herbeiführt, die im wirklichen Sinne eine soziale ist. Darum möchte ich heute in der Einleitung etwas sagen über das, was für unser Fortschreiten in der Sache von Bedeutung ist. Weiteres kann dann, anknüpfend an diejenigen Fragen, die, wie ich hoffe, sehr zahlreich aus Ihrer Mitte gestellt werden, in der Diskussion zum Vorschein kommen. Daher möchte ich in der Einleitung nur ganz kurz einige Anregungen geben. Dasjenige, was geschehen muß, das ist, daß wir vor allen Dingen Menschen bekommen, mit denen die Sozialisierung möglich ist. Diese Menschen müssen aber wirklich echte Vertreter der breiten Massen des Proletariats sein. Sie müssen in einer gewissen Weise ein Mandat dieser breiten Massen des Proletariats haben. Nun ist ja dasjenige, was der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus ist, bis zu dem Grade praktisch, daß überall angeknüpft werden kann. Man kann von jedem Punkte aus beginnen zu arbeiten. Nun ergibt sich heute als sehr wichtiger Ausgangspunkt die Frage der Betriebsräte. Und über diese Frage, über die Sie ja schon einiges von meinem verehrten Vorredner gehört haben, möchten wir uns heute erschöpfend unterhalten.
Bei der Behandlung der Betriebsräte-Frage geht es nun darum, daß diese Betriebsräte zunächst, ich möchte sagen, auf die Beine gestellt werden so, daß sie nur aus dem Wirtschaftsleben heraus entstehen. Wir müssen nämlich den dreigliedrigen Organismus in der Weise in Angriff nehmen, daß wir zunächst in einem der drei Glieder etwas wirklich Praktisches tun. Es muß dann natürlich
90 auch parallel hierzu in den anderen beiden Gliedern etwas Praktisches geschehen. Praktisch können wir nur etwas tun, wenn wir zunächst diejenigen Menschen, die geeignet sind, praktisch zu wirken, gewissermaßen auf die Beine gestellt haben. Dazu brauchen wir die Betriebsräte, die hervorgehen müssen aus den einzelnen Betrieben.
Nun ist es so, daß diese Betriebsräte aus den einzelnen Betrieben in der allerverschiedensten Weise hervorgehen können. Notwendig ist ja nur, daß die Betriebsräte, die aus den einzelnen Betrieben hervorgehen, das absolute Vertrauen der Arbeiterschaft und, bis zu einem gewissen Grade, soweit es möglich ist, auch das Vertrauen der geistigen Arbeiter des betreffenden Betriebes haben. Daher wird es sich darum handeln, daß die wirklichen Arbeiter eines Betriebes und aus den leitenden Stellen diejenigen, die nun wirklich mitgehen können, zunächst aus den Verhältnissen des einzelnen Betriebes heraus, diesen Betriebsrat auf die Beine stellen. Die Verhältnisse können in den verschiedensten Betrieben sehr verschieden sein. So kann es zum Beispiel so sein, daß man in dem einen Betrieb auf die eine Weise die Wahl oder Ernennung - oder wie man es nennen will - eines Betriebsrates durchführt, in einem anderen Betrieb auf eine andere Weise. Die Hauptsache bleibt, daß diejenigen, die aufgestellt werden, das Vertrauen der physischen und geistigen Arbeiterschaft der betreffenden Betriebe haben.
Dann haben wir zunächst aber erst den Grundstock, den wir zur praktischen Arbeit brauchen. Diese Betriebsräte werden dann als solche dasein und werden eine Betriebsräteschaft bilden. Dann muß sich diese Betriebsräteschaft klar darüber sein, daß sie diejenige Körperschaft sein muß, aus der zunächst die Gesundung unseres Wirtschaftslebens hervorgehen muß. Es geht heute nicht darum, daß wir halbe oder Viertelsmaßregeln treffen, sondern darum, daß tatsächlich von Grund auf gearbeitet wird. Das kann nur geschehen, wenn wir die Menschen haben, die geneigt sind, von Grund auf zu arbeiten. Lassen Sie sich nicht betören dadurch, daß gesagt wird, es gäbe in der Arbeiterschaft nicht genügend vorgebildete
91 Leute. Das wird sich als der größte Irrtum, vielleicht auch als der größte Unsinn erweisen. Denn es handelt sich zunächst nicht darum, daß wir Leute mit einer speziellen Fachbildung bekommen, sondern darum, daß wir aus der unmittelbaren Praxis des Wirtschaftslebens heraus Menschen bekommen, die das Vertrauen der Wirtschaftenden haben. Dann wird sich das Weitere schon ergeben, wenn tatsächlich vorhanden sein wird der Ernst und tatsächlich vorhanden sein wird der gute Wille, von Grund auf etwas Neues zu schaffen.
Wir haben also dann, wenn wir aus den einzelnen Betrieben heraus die Betriebsräte auf die Beine gestellt haben, die Betriebsräteschaft. Dann brauchen wir als nächstes eine Vollversammlung, gewissermaßen eine Plenarversammlung dieser Betriebsräteschaft. Und diese Betriebsräteschaft muß sich, ungeachtet dessen, was von gewissen Stellen her als Gesetz über die Betriebsräte fabriziert wird, aus den Erfahrungen des Wirtschaftslebens heraus selbst eine Konstitution geben. Sie muß sich als eine Urversammlung ansehen. In dieser Betriebsräteschaft muß verhandelt werden über die Befugnisse, über die Aufgaben, über die ganze Stellung der Betriebsräteschaft selber. Das kann nur geschehen dadurch, daß in dieser Vollversammlung zunächst über das gesprochen wird, was eigentlich hinsichtlich einer Gesundung unseres Wirtschaftslebens zu tun ist. Es geht also nicht darum, daß wir jetzt viel theoretisieren über dasjenige, was die Betriebsräte zu tun haben. Das muß sich aus der Vollversammlung der Betriebsräteschaft selber ergeben.
Halten wir zunächst fest: Man kann nicht einen einzelnen Betrieb sozialisieren. Das ist völliger Unsinn, da kann man nur betrieblich individualisieren. Sozialisieren kann man nur ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet. Daher brauchen wir auch nicht irgendwelche allgemeinen Vorschriften über die Funktion der Betriebsräte in einzelnen Betrieben, wie es auch jetzt wiederum in den Gesetzen zum Ausdruck kommt, sondern wir brauchen eine zwischenbetriebliche Konstitution der Betriebsräteschaft. Eine Betriebsiäteschaft über ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet muß ein Ganzes sein. Wenn dann diese Vollversammlung, diese Urversammlung,
92 sich eine Konstitution gegeben hat, dann wird das zurückwirken können auf die Betriebe.
In einem nächsten Schritt muß dann aus dieser Vollversammlung der Betriebsräteschaft heraus ein Gremium gewählt werden, das man nennen könnte: Betriebsräteschaft-Direktorium oder Xentralrat der Betriebsräteschaft. Gewählt werden müßte nach einem Wahlmodus, der wiederum ganz aus der Betriebsräteschaft selbst hervorgeht. Wenn dieser Zentralrat der Betriebsräteschaft da ist, dann ist ein wesentlicher Schritt getan. Denn was wir in der Zukunft innerhalb des Wirtschaftskörpers brauchen, ist so etwas wie eine Wirtschaftsvertretung oder meinetwillen, wenn wir das alte Wort gebrauchen wollen, so etwas wie ein Wirtschaftsministerium. Diese Dinge können sich auf keine andere Weise zunächst in der Übergangszeit ergeben, als daß wir die Vertretung suchen auf dem Weg über jene Urversammlung, jene Plenarversammlung der Betriebsräteschaft. Und wir müssen, um für künftige Zeiten im Hinblick auf eine sozialistische Gesellschaftsordnung eine Grundlage zu haben, aus dieser Betriebsräteschaft heraus eine Zentralstelle geschaffen haben, die jederzeit imstande ist, das zu bilden, was ein Wirtschaftsministerium genannt werden könnte. Also, wir müssen in dieser Richtung dasjenige vorbereiten, was eine wirklich sachgemäße Verwaltung des Wirtschaftslebens aus der sozialen Gesellschaft heraus sein kann. Arbeiten wir nicht in dieser Weise, dann wird uns der Zeitpunkt, der doch ganz gewiß eintreten wird, zu dem die Sozialisierung in Angriff genommen werden soll, unvorbereitet treffen, und er darf uns nicht unvorbereitet treffen! Das ist heute eine fundamentale Frage. Der Zeitpunkt darf uns nicht unvorbereitet treffen. Es muß derjenige, der die Macht hat — und Sie sehen, es handelt sich, allerdings in vernünftigem Sinne, um eine Machtfrage -, wissen, was er zu tun hat. Das ist ja gerade das Charakteristische, das Kennzeichnende des 9. November gewesen, daß die Leute, die an die Spitze gekommen sind, nicht gewußt haben, was zu tun ist. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Menschen da sind, die wissen, was sie zu tun haben.
93 Verschiedentlich schon habe ich in meinen Vorträgen betont, daß es heute allein mit Betriebsräten nicht getan ist. Man wird noch andere Räteschaften brauchen. Aber darum brauchen wir uns heute nicht zu kümmern, denn es geht ja darum, daß wir zunächst an einem Punkt praktisch zu arbeiten beginnen. Der Impuls zum dreigliedrigen Organismus ist nicht dazu da, um immer wiederum darüber zu theoretisieren, sondern überzugehen, unmittelbar überzugehen zu einer wirklich praktischen Arbeit. Der Zeitpunkt, wo man diese praktische Arbeit braucht, der braucht nicht mehr gar so ferne zu Hegen. Denn wenn sich heute gewisse Kreise vorstellen, daß mit irgendeinem Friedensschluß - irgendein Friedensschluß muß ja doch zustande kommen - ein Ende da wäre, so ist das ein völliger Unsinn. Mit einem Friedensschluß ist heute kein Ende da, sondern es ist ein Anfang gemacht für eine Zeit, durch die wir durchgehen werden und in der sich über die zivilisierte Welt einfach aus einer inneren Notwendigkeit heraus, aber gemacht durch die Menschen, die Sozialisierung vollziehen muß.
Zweierlei müssen wir ja berücksichtigen, und diese zwei Punkte möchte ich heute noch einleitungsweise vor Sie hinstellen. Sehen Sie, es wird heute vielfach in Versammlungen - und ich habe ja nun jetzt recht viele Versammlungen und Diskussionen mitgemacht - über Kapitalismus geredet, und zwar so, wie geredet worden ist vor dieser Weltkriegskatastrophe. Selbstverständlich gelten all die Schäden des Kapitalismus heute noch genauso wie vor dem Kriege, aber die Tatsache des Kapitalismus ist durch diese Weltkriegskatastrophe eine ganz andere geworden. Bedenken Sie nur die Verhältnisse in Deutschland selbst. Der Kapitalismus hat ja eine Veränderung durchgemacht durch die Kriegswirtschaft. Die Kriegswirtschaft hat in einer gewissen Weise den Kapitalismus bis zu seiner höchsten Höhe erhoben. Und sie konnte das dadurch, daß völlig an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen vorbeigewirtschaftet wurde, indem nur für den Krieg gewirtschaftet wurde. Dadurch aber, daß der Kapitaiismus in diese Krisis hineingetrieben worden ist, indem nur Unproduktives geschaffen wurde, dadurch
94 ist tatsächlich der ganze Kapitalismus in ein ganz anderes Verhältnis zur Arbeiterschaft getreten, als dies früher der Fall war. Heute steht der Kapitalismus nicht so da wie vor der Weltkriegskatastrophe. Und dasjenige, was eigentlich vorliegt, ist, daß man sich bewußt werden müßte, daß dieser Kapitalismus nicht mehr so dasteht. Denn dieser Kapitalismus hat, wenn das auch heute noch nicht so stark hervortritt, das Wirtschaftsleben über einen großen Teil der zivilisierten Welt einfach ruiniert, er hat das Wirtschaftsleben unterhöhlt. Er hat heute schon so viel getan zu seiner eigenen Vernichtung, daß diese Vernichtung kommen muß, nicht in «irgendeiner Zeit», wie man früher in sozialistischen Kreisen gesprochen hat, nicht in «einer fernen Zukunft», sondern in unmittelbarer Zukunft wird der Kapitalismus über die zivilisierte Welt hin zeigen, daß er imstande war, unter dem alten Regime fortzuarbeiten und sich in das Ihnen ja genügend bekannte Verhältnis zur Lohnarbeiterschaft zu setzen. Aber dieses Verhältnis, das kann gar nicht wieder hergestellt werden. Daher ist heute die Frage so brennend: Was tut das Proletariat in dem Augenblick, in dem ihm durch die Selbstvernichtung des Kapitalismus die Aufgabe zufällt, die Welt neu zu gestalten? Der Kapitalismus konnte unter den alten Verhältnissen fortwirtschaften. Er kann dies jetzt nicht mehr. Er kann es gar nicht. Es würde ein völliges Chaos, eine völlige Wirrnis eintreten, wenn der Kapitalismus so fortwirtschaften würde.
Nehmen wir einmal an, irgendein Friede käme zustande, auch dann, wenn diejenigen, die ihn jetzt ablehnen wollen, ihn ablehnen. Irgend etwas muß doch zustande kommen. Was immer aber zustande kommt, das könnte doch nur darin bestehen - das bitte ich durchaus festzuhalten -, daß mit Hilfe des noch nicht völlig geknickten Entente-Kapitalismus totgetreten würden Mittel- und Osteuropa, daß wir eine Versklavung bis zum Rhein, insbesondere für die arbeitenden Menschen, haben würden. Das könnte nur dann sein, wenn der Entente-Kapitalismus nicht geknickt würde. Denn was könnte dann eintreten? Das kann sich jeder praktische Mensch klar sagen. Es würde nämlich folgendes eintreten: Nehmen wir an, der Friede käme zustande, dieser Friede, der ja ein Friede
95 des eigentlich schon abgewirtschafteten Kapitalismus von Mittelund Osteuropa mit dem Entente-Kapitalismus ist, denn das Proletariat ist bis jetzt nirgends, trotz der sozialistischen Regierung, irgendwie aufgerufen worden, teilzunehmen an den Geschicken der Welt. Nehmen wir also an, dieser Friede kommt zustande, dann würde er nur einen Sinn haben, wenn sich das deutsche Proletariat dazu bereit fände, den Kapitalismus wieder aufzubauen dadurch, daß es sich mit einem furchtbar niedrigen Lohn begnügen würde. Würde es diesen furchtbar niedrigen Lohn, bei dem es allmählich verhungern würde, akzeptieren, dann könnte durch diesen niederen Lohn der deutsche Kapitalismus sich wieder erheben, und es könnte auf Kosten der Arbeiterschaft sozusagen bezahlt werden, was der Entente-Kapitalismus verlangt. Das ist der eine Fall.
Der andere Fall ist der, daß, was Sie wahrscheinlich nicht glauben werden, es eintritt, daß sich zum Beispiel das amerikanische und das englische Proletariat dazu entschließt, möglichst billig, mit möglichst niedrigen Löhnen zu arbeiten, damit an Deutschland Produktionsmittel geliefert werden können, die Deutschland zunächst ja nur dann zahlen kann, wenn wiederum das Proletariat fast umsonst arbeitet. Für den deutschen Proletarier ergibt sich in beiden Fällen, daß er in eine furchtbare Lage kommt. Befreiung aus dieser Lage bringen kann nur eine wirkliche Sozialisierung, welche das soziale Leben auf eine ganz andere Basis stellt. Wenn Sie auf die Weise, wie es oftmals geschildert wurde, den Kapitalismus herausbringen aus der sozialen Ordnung, dann kann dasjenige, was als Friede oder Ausgleich oder Verständigung zustande kommt, nicht irgend etwas sein, was abgeschlossen wird zwischen den Kapitalisten Mittel- und Osteuropas und den westlichen Kapitalisten, sondern es kann nur etwas sein, was hervorgeht aus der immer sozialistischer werdenden Geseilschaft. Und das allein kann gesunde Verhältnisse in den internationalen Beziehungen herbeiführen. Denn dann wird es so sein, daß gerade durch den Friedensschluß der heute nicht mehr auf seinen Beinen stehende mittel- und osteuropäische Kapitalismus tatsächlich von der Bildfläche
96 abtreten muß. Und das wird im Gefolge haben, daß auch in den Entente-Staaten der Kapitalismus in einer wirklichen Weise bekämpft werden kann. Denn wenn es an irgendeinem Orte kein Kapital gibt und dennoch produktives Leben herrscht, produktive Kraft herrscht, dann muß man in ganz anderer Weise zu einer solchen produktiven Wirtschaft sich verhalten, als wenn man die Hoffnung hat, daß der Kapitalismus wieder erstarkt und einem die Kriegsentschädigung zahlt oder dergleichen. Sie sehen, ich sage das letztere nur aus dem Grunde, damit Sie nicht glauben, daß irgend etwas in eine ferne Zukunft geschoben wird. Es geht um die allernächste Zukunft, es geht darum, daß die Zeit, die beginnt mit der notwendigen Verständigung der Völker oder mit dem Friedensschluß, entweder der Anfang einer furchtbaren Lage des mittel- und osteuropäischen Proletariats sein wird oder der Anfang sein wird einer wirklichen Sozialisierung, die hervorgehen muß aus Ihrem Mut, aus Ihrer Kraft, aus Ihrer Einsicht in die Notwendigkeit. Das ist es, was ich vorausschicken wollte.
Ich glaube, daß wir uns heute über die Betriebsräteschaft unterhalten sollen, aber so, daß das zu einem wirklichen Tun führt, damit wir nicht bloß reden, sondern sehen, wie der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus darin besteht, daß er Gedanken enthält, die auf die Beine gestellt werden können, die zur Tat werden können.



Diskussion

Über die Gewinnung der technischen und geistigen Leiter für den Sozialisierungsgedanken. Mangelnde politische Schulung und Obrigkeitsgläubigkeit als Hindernisse für die Sozialisierung. Kritische Bemerkungen zum Betriebsräte-Gesetzentwurf. Die Aufgaben der Betriebsräte in der allernächsten Zukunft. Verantwortung und Vertrauen als Voraussetzung für die Wahl von Betriebsräten. Der Betriebsrat als einheitliche Körperschaft, bestehend aus «Handarbeitern» und «geistigen Arbeitern». Über die Frage der Macht des zukünftigen Wirtschaftsministeriums und das Verhältnis der Betriebsräte zur Unternehmerschaft.

96 Diskussionsredner Biel wendet sich gegen das von der Regierung vorgeschlagene Gesetz über die Betriebsräte und gegen einen Artikel im Tagblatt über die Koalitionsregierung.

Diskussionsredner Lange fragt: Ist, wenn die Betriebsräte gewählt oder ernannt werden sollen, daran gedacht, daß Angestellte und Direktoren, technische oder kaufmännische Direktoren, mitzuwählen sind? Es ist doch wichtig, daß die Gesetze oder Bestimmungen, die gemacht werden, auch wirklich von Leuten gemacht werden, die den gesamten Zusammenhang überblicken.
97 Rudolf Steiner: Die Frage ist außerordentlich wichtig. Es handelt sich ja eben darum, daß wir etwas zustande bringen, was arbeiten kann. Nicht wahr, arbeiten in der gegenwärtigen Wirtschaftsform ohne die geistigen Leiter kann man selbstverständlich nicht. Die Wirtschaft würde in eine Sackgasse hineingetrieben werden. Die Produktion würde nach verhältnismäßig kurzer Zeit stillestehen, wenn man nicht die technische Leitung dafür gewänne. Sie wissen ja, daß in Rußland durch die verschiedenen Verhältnisse - über die es ja interessant wäre, sich auch einmal zu unterhalten - es nicht möglich gewesen ist, die technischen Leiter entsprechend für den wirklichen Sozialisierungsgedanken zu gewinnen, so daß man also dort vor der Tatsache stand, daß auf der einen Seite ein vielleicht sogar genügend großes Handarbeiterproletariat da war, welches den Sozialisierungsgedanken hätte aufnehmen können, und auf der anderen Seite es nicht möglich war, die Masse der sogenannten geistigen Arbeiter für den Sozialisierungsgedanken zu gewinnen. Die Folge davon war dasjenige, was für Rußland am meisten bedauert werden muß: die Sabotage dieser geistigen Arbeiterschaft. Diese Sabotage der geistigen Arbeiterschaft muß unbedingt vermieden werden, das heißt: Es ist notwendig, daß alle Hebel in Bewegung gesetzt werden müssen, um dasjenige zu überwinden, was als Hindernis innerhalb der geistigen Arbeiterschaft da ist. Verkennen wir eben nicht, welche schweren Hindernisse da sind.
Sehen Sie, ich habe ja auch über dies hier schon gesprochen. Nicht wahr, wir stehen ja heute einmal vor der Tatsache, daß das Proletariat durch eine lange Schulung in einem gewissen Grade politisch geschult ist. Das Proletariat ist, wenn das vielleicht auch nicht für jeden einzelnen gilt, politisch geschult. Politische Schulung besteht ja nicht darin, daß man bis in die Einzelheiten das eine oder andere weiß, sondern darin, daß man eine gewisse Grundverfassung der Seele hat, die politisch ist. Das hat das Proletariat, das haben aber diejenigen nicht, die den Kreisen der sogenannten geistigen Arbeiterschaft angehören. Diese geistige Arbeiterschaft, die hat sich daran gewöhnt, in sich zu pflegen, was
98 man nennen könnte Obrigkeitsgesinnung. Ob diese Obrigkeit nun eine Staatsobrigkeit oder eine Fabrikobrigkeit ist, ist nicht entscheidend. Wichtig ist zu wissen, daß in diesen Kreisen eine tiefe Obrigkeitsgesinnung herrscht. Gewiß, der einzelne mag innerlich revoltieren, meistens tut er es aber mit der Faust in der Hosentasche. Aber zu entbehren für die wirkliche Sozialisierung ist die geistige Arbeiterschaft nicht. Deshalb sage ich: Es ist nötig, die Angestellten und auch die Betriebsleiter zu gewinnen und vor allem unter ihnen diejenigen zu gewinnen, welche einen Sinn und ein Herz haben für wirkliche Sozialisierung.
Wir dürfen es nicht dahin kommen lassen, dann, wenn der Zeitpunkt da ist, eine Art Wirtschaftsministerium so zu begründen, daß dieses Ministerium genötigt ist, sich fünf oder sechs oder zwölf Sessel hinzustellen als obere Spitze, und der ganze Apparat in der alten Gesinnung weiterarbeitet. Aber noch zu etwas anderem dürfen wir es auch nicht kommen lassen. Herr Biel hat es ganz gut angedeutet, um was es sich handeln würde, wenn so etwas Wirklichkeit würde wie das, was über die Betriebsräteschaft in diesem unglücklichen Gesetz liegt, das jetzt herauskommen soll. Ich habe Ihnen ja gesagt, daß es eine wesentliche Tatsache ist, daß wir gerade jetzt in einem Zeitpunkte stehen, wo sich eigentlich der Kapitalismus ruiniert hat und sich nicht wiederum aus sich selber aufbauen kann. Wenn ein Aufbau geschehen soll, muß er von den arbeitenden Menschen her geschehen. Die Kapitalisten können nicht weitermachen. Das ist dasjenige, was aber beweist, daß man den Zeitpunkt ergreifen muß. Solche Gesetze wie das, was da Wirklichkeit werden soll, die sind dazu geeignet, daß mit Hilfe der irregeführten Arbeiterschaft der Kapitalismus, der sich selbst nicht helfen kann, wiederum aufgepäppelt wird und zur alten Herrschaft gelangt. Die Arbeiterschaft soll solche Betriebsräte bilden, die durch ihre ganze Art, wie sie eingerichtet sind, dem Kapitalismus wieder aufhelfen. Dem können wir nur entgegenarbeiten, wenn aus der wirklich arbeitenden Menschheit heraus eine Betriebsräteschaft von unten herauf geschaffen wird und sich selbst eine Konstitution gibt, das heißt sich nicht kümmert um das, was
99 im Grunde eine Fortsetzung des alten Kapitalismus sein will, weil es sich die Welt nicht anders als kapitalistisch eingerichtet denken kann.
Wir müssen uns ganz klar darüber sein, daß wir als erste Aufgabe haben, die Betriebsräte überhaupt auf die Beine zu stellen, und daß wir, soweit es geht, in dieser Betriebsräteschaft auch die geistigen Arbeiter brauchen. Diejenigen, die keinen Sinn und kein Herz haben für die Sozialisierung, die können wir dort nicht brauchen. Es würde sich auch kaum darum handeln, möglichst viele Direktoren oder Spitzen darin zu haben, sondern vor allen Dingen diejenigen, die geistig wirklich arbeiten müssen. Dann ist es möglich, aus einer solchen Betriebsräteschaft heraus, so etwas wie die Sozialisierung zu bewältigen. Bekennen Sie sich aber zu einem solchen Gesetz, wie es jetzt projektiert wird, dann haben Sie nichts anderes als die alten Arbeitsausschüsse umgetauft. Es ist nur eine Umtaufung, und selbstverständlich - weil man die beiden nicht nebeneinander haben kann - sollen die alten Arbeiterausschüsse abgeschafft werden. Die alten Arbeiterausschüsse konnten den Kapitalismus nicht beseitigen, die nach dem Gesetz zu begründenden neuen Betriebsräte werden es auch nicht tun.
Also, wir müssen so weit wie möglich eine Betriebsräteschaft zustande bringen, und die muß aus sich selbst heraus die Betriebe betreiben können. Wir dürfen dabei nicht bloß an Agitation denken, sondern wir müssen an die praktische Arbeit denken, aus der heraus die Betriebe neu gestaltet werden können. Da reicht es nicht aus, daß man die Auffassung vertritt, daß die Produktion sozialisiert werden soll, sondern es kommt darauf an, daß man möglichst genau weiß, wie sie sozialisiert werden muß. Das wird dadurch geschehen, daß wir wirklich die geistige Arbeiterschaft in die Betriebsräteschaft hereinbekommen. Darauf muß unser Bestreben gerichtet sein. Daher muß die unpolitische Gesinnung der geistigen Arbeiter beseitigt werden. Und auch dasjenige, worauf heute gewartet wird, dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren. Heute wird ja unter Verhältnissen, die Sie vielleicht genügend kennen, von dem Nichtproletariat darauf gewartet, daß nicht etwa
100 nur irgendeine Sozialisierung zustande kommt, sondern daß das Proletariat überwunden werden kann. Vergessen Sie nicht, es gibt solche Aussprüche wie die eines deutschen Großindustriellen, der gesagt hat: Wir Großindustriellen, wir können warten, und wir werden warten, bis die Arbeiter an die Tore unserer Fabriken kommen und um Arbeit bitten! - Diese Gesinnung ist nicht selten. Man wartet darauf, ob sich die Arbeiter nicht doch unterkriegen lassen. Und das ist dasjenige, was durch die Wirklichkeit verhindert werden muß. Darauf kommt es an. Hieran gilt es auch zu denken, wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie die geistigen Arbeiter für unsere Sache zu gewinnen sind. Am Anfang dessen, was als Tat unter uns aufleben soll, muß erstens stehen, daß Betriebsräte aufgestellt werden, und zweitens, daß, soweit es heute geht, auch die geistigen Arbeiter mit dabei sein müssen.

Ein Diskussionsredner fragt: Was haben denn die Betriebsräte eigentlich zu tun? Und was muß in der allernächsten Zeit getan werden?

Rudolf Steiner: Ich möchte durchaus betonen, daß das, was ich gesagt habe, nicht für die nächste, sondern für die allernächste Zukunft ist. Ich habe schon betont: Es kann heute nicht an der Zeit sein, daß wir viel herumdenken darüber, wie wir gebildete Betriebsräte bekommen, sondern es geht zu allererst darum, daß wir die Betriebsräte auf die Beine stellen und zu einer Betriebsräte-Vollversammlung kommen. Was vor allem notwendig ist: daß wir Leute aus dem Wirtschaftsleben selbst haben, die dann das Weitere tun. Es kann heute nicht darum gehen, daß man in bezug auf einzelne Situationen genau abgezirkelt sagt, die Betriebsräte haben dieses oder jenes zu tun, sondern ich stelle mir die Sache ganz praktisch vor. Gewiß, unter diesen Betriebsräten werden einzelne sein, die schon wissen, wie man in dem oder jenem Fall in bezug auf die Sozialisierung vorgehen kann, andere werden es nicht wissen. Es ist aber gar nicht so schwer, wenn wirklich guter Wille herrscht, die wirklichen Aufgaben für die allernächste Zeit zu erkennen.
101 Es gibt natürlich in bezug auf die Vorgehensweise verschiedene Wege. Nehmen wir einmal an, die Sozialisierung kann sich nicht auf Stuttgart beschränken, also nehmen wir einmal nur Württemberg an. Der eine Weg wäre, daß man im ganzen Lande herumzieht und von Arbeiterkreis zu Arbeiterkreis geht und vor den einzelnen Gruppierungen über das spricht, was im Sinne der Dreigliederung das Allernotwendigste ist, wobei einem gewöhnlich erwidert wird: Das sind Ziele, aber nicht Wege! - Obwohl es gerade eben auf den richtigen Weg hindeuten will. Das also wäre der eine Weg, denn heute können wir nichts erreichen, ohne daß wir eine wirklich große Anzahl von Menschen haben, auf die man sich stützen kann. Diesen Weg zu gehen, haben wir aber nicht die Zeit, wenn man daran denkt, daß es nicht darum geht, für die nächste Zukunft zu arbeiten, sondern für die allernächste Zeit. So müssen wir also unbedingt an den anderen Weg denken. Wir müssen diejenigen Personen bekommen, und das will die Betriebsräteschaft sein, die sich dadurch, daß sie sich zu Betriebsräten haben wählen oder ernennen lassen, voll und ganz in die Arbeit der Sozialisierung hineinstellen. Dann stelle ich mir dasjenige, was mit einer solchen geschlossenen, aber das Vertrauen breitester Massen besitzender Körperschaft zu tun hat, wahrhaftig nicht so schwierig vor.
Wenn wir nun diese Betriebsräte haben, dann kommt gar nicht mehr so sehr die Frage in Betracht, ob die Leute schon ganz genau wissen, was sie zu tun haben. Nach acht Tagen werden sie es wissen. Man muß nur erst die Leute haben. Das Problem heute besteht ja nicht darin, daß es so furchtbar schwer ist, zu wissen, was zunächst zu tun ist, sondern darin, daß so wenig Leute den guten Willen und die Lust haben, das zu tun, was getan werden muß. Also, haben wir diejenigen Menschen, die in sich die innere Verantwortung fühlen, an der Sozialisierung zu arbeiten, weil sie durch das Vertrauen ihrer Mitarbeiter gewählt worden sind, dann werden wir dadurch die Basis geschaffen haben für die allernächste praktische Arbeit.
Die allernächste praktische Arbeit, lassen wir sie uns nicht dadurch
102 verdrießen, daß wir sagen: Wir müssen erst Aufklärung schaffen. Diejenigen sind heute wirklich auf dem Holzweg, die sagen: Die Sozialisierung nimmt lange, lange Zeit in Anspruch, da muß erst jeder einzelne aufgeklärt werden. Darum handelt es sich nicht, sondern darum, daß zunächst eine Gesamtheit von Menschen geschaffen wird, die das Vertrauen ihrer Mitarbeiter haben. Dann wird mit diesen weitergearbeitet werden können, dann wird man eben, weil diese das unmittelbare Verantwortungsgefühl haben, nicht ständig vor dem Problem stehen, daß man an die breite Masse nur schwer herankommen kann. Denn sehen Sie, man kann noch so viele Versammlungen abhalten, es werden immer einige gegenüber solchen Versammlungen Vorbehalte haben wie: Heute scheint die Sonne so schön, da machen wir einen Spaziergang, oder: Am Himmelfahrtstag geht es nicht, an einer Versammlung teilzunehmen - und so weiter. Die Arbeit, die auf uns zukommt, ist ungeheuerlich. Sie wird nicht gelingen, wenn wir in der Weise vorgehen, daß wir gewissermaßen jeden einzelnen aufklären. Wir müssen verantwortliche Personen haben, die dann ganz die Aufgaben ergreifen. Mit denen wird sich in aller-, allernächster Zukunft die Arbeit durchführen lassen.

Diskussionsredner Mittwich macht den Vorschlag, daß die Betriebsratswahl getrennt nach Angestellten und Arbeitern vorgenommen wird und daß von jeder Seite Delegierte gewählt werden.

Rudolf Steiner: Ich will nur ein paar Worte sagen, da ich ja mit allem Wesentlichen einverstanden sein kann, was der verehrte Vorredner gesagt hat. Aber auf eine wichtige Frage, die er gestellt hat, möchte ich zurückkommen, und zwar handelt es sich um die Art und Weise, wie der Betriebsrat, der ja aus einzelnen Betriebsräten bestehen wird, zustande kommt. Auch ich glaube, daß die Zahl, die er angegeben hat, für die einzelnen Betriebe eine hinreichend große ist. Darüber läßt sich ja natürlich aus den unterschiedlichen praktischen Verhältnissen heraus die eine oder andere Ansicht gewinnen. Was ich aber für wichtig halte, das ist, wie
103 dieser Betriebsrat überhaupt auf die Beine gestellt wird. Glauben Sie nicht, daß ich, indem ich gesagt habe «durch Wahl oder Ernennung», daß ich an eine Ernennung von oben oder dergleichen gedacht habe. Sondern ich dachte natürlich daran, daß zunächst heute ja die verschiedensten Verhältnisse in den einzelnen Betrieben bestehen, und es ist ganz gewiß sehr richtig, daß es heute zahlreiche Betriebe gibt, in denen die Arbeiterschaft genau weiß: das ist für uns der rechte Betriebsrat -, wo man also nicht erst lange zu debattieren braucht, sondern wo man rein durch das Vertrauen weiß: das ist der rechte. Und ich möchte auf die außerordentliche Wichtigkeit hinweisen, daß dieses schon bestehende Vertrauen gerade bei der Wahl der Betriebsräte zum Ausdruck kommt, so daß in den Betriebsrat eben solche Leute hineinkommen, die das Vertrauen ihrer Mitarbeiter haben. Das würde einer Ernennung ähnlich sein.
Man muß natürlich praktisch- technisch die Wahl durchführen, aber es sollte verhindert werden, daß durch die Wahl irgendwelche Zufallszusammensetzungen zustande kommen. Es sollten nur solche Persönlichkeiten in den Betriebsrat gewählt werden, die das Vertrauen ihrer Mitarbeiter haben. Das ist notwendig, weil wir vor allen Dingen Leute brauchen, die sich für das, was sie zu tun haben, verantwortlich fühlen. Das ist das eine.
Das andere ist, daß ich nicht glaube, daß es richtig ist zu fragen: Wie soll die Zahl der Betriebsräte verteilt werden nach Angestellten und Arbeitern? Ich halte es gar nicht für möglich, daß man heute irgendein Regulativ aufstellt. Ich bin deshalb völlig einverstanden mit dem, was der Herr Vorredner gesagt hat, daß nämlich nicht etwa - das würde ja zu etwas Ungeheuerlichem führen - auf der einen Seite die Angestellten ihren Betriebsrat und auf der anderen Seite die Arbeiter ihren Betriebsrat wählen. Da würden wir von vorneherein eine nicht arbeitsfähige Betriebsräteschaft bekommen. Sie muß vielmehr als eine einheitliche Körperschaft von Angestellten und Arbeitern gemeinsam gewählt werden. Und wie viele dann auf der einen Seite aus dem Kreis der Angestellten und auf der anderen Seite aus der Arbeiterschaft hervorgehen,
104 das wollen wir dann der Wahl überlassen. Es ist selbstverständlich, daß derjenige, der zum Beispiel aus der geistigen Arbeiterschaft in den Betriebsrat hineinkommt, ein solcher Mensch sein muß, welcher das Vertrauen nicht etwa bloß der Angestellten hat, sondern welcher auch das Vertrauen der Arbeiterschaft haben muß. Die Arbeiterschaft muß ihn als geistigen Arbeiter ebenso akzeptieren. So muß also, wenn zum Beispiel in irgendeinem Betrieb, sagen wir, fünf Handarbeiter und ein geistiger Arbeiter gewählt werden, es ebenso möglich sein, daß andernorts drei geistige und drei Handarbeiter gewählt werden. Es muß das durchaus dem Vertrauen überlassen sein. Als eine einheitliche Gruppe müssen geistige und physische Arbeiter aus ihrem Vertrauen heraus diejenigen wählen, die Betriebsräte sein sollen. Es muß schon bei dieser Urwahl jeder soziale Unterschied zwischen geistigen und physischen Arbeitern wegfallen.
Ich kann mir nicht denken, daß die eine Forderung, daß wir gemeinsam physische und geistige Arbeiter wählen, zu etwas anderem führen sollte, als daß eben derjenige, der als geistiger Arbeiter gewählt wird, das Vertrauen auch der gesamten Arbeiterschaft hat, gleichgültig, ob sie eine physische oder geistige Arbeiterschaft ist. Würden wir die Wahl so gestalten, daß wir gezwungen werden, soundso viele Betriebsräte aus den Reihen der geistigen Arbeiter und soundso viele aus der physischen Arbeiterschaft zu wählen, dann würde das keine freie Wahl mehr sein, die auf Vertrauen gebaut ist. Denken wir, in den Betrieben hätten wir unter den geistigen Arbeitern nicht so viele, die Vertrauen verdienen, dann würden ja Leute in diese Urversammlung hineinkommen, die nicht zu brauchen sind! Die Wahl selbst muß sich nicht nur so vollziehen, daß geistige und physische Arbeiter ohne Unterschied in Betracht kommen, sondern daß sie gemeinsam die Macht haben zu wählen und gemeinsam denjenigen wählen, den sie wollen, und so viele von der einen oder der anderen Seite, wie sie wollen. Die geistigen Arbeiter müssen sich klar darüber sein, daß sie nur dadurch in den Betriebsrat hineinkommen können, daß sie das Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft haben. Das ist dasjenige,
105 was ich als sehr wesentliche Frage ansehe. Zu dieser Auffassung bin ich aufgrund reichhaltiger Erfahrungen gekommen. Heute müssen wir es wirklich so weit bringen, daß die Betriebsräte auf die Beine gestellt werden. In acht Tagen werden sie so weit sein, daß sie eine gesunde Grundlage für die Sozialisierung aus dem Vertrauen der gesamten Arbeiterschaft heraus abgeben, wenn auch nicht restlos, so doch in der Weise, wie ich es geschildert habe.

Plenum: Es wird mit nur einer Gegenstimme von der Versammlung eine Resolution angenommen, die die Forderung enthält, daß so schnell wie möglich allerorts Betriebsräte gegründet werden, bevor das Gesetz, das nur eine halbe Sache ist, in Kraft tritt.

Rudolf Steiner: Ich muß gestehen, daß ich mit der ja sehr häufig auftretenden Frage: Was für Machtmittel stehen zur Verfügung oder willst du geben? - einen praktischen Sinn eigentlich nicht so recht verbinden kann. Denn sehen Sie, es muß sich ja darum handeln, daß diese Betriebsräteschaft, wie ich schon sagte, wirklich dazu kommt, in irgendeinem Zentralrat oder dergleichen das zu bilden, was wirklich eine Art eines im emanzipierten Wirtschaftsleben drinnenstehenden Wirtschaftsministeriums sein kann. Nun frage ich: Wenn das ein wirkliches Wirtschaftsministerium sein kann, so doch nur dadurch, daß es gerade die Massen hinter sich hat. Ich möchte wissen, wer einem solchen Zentralrat beziehungsweise Wirtschaftsministerium widerstehen kann, wenn es die Massen hinter sich hat, wenn es wirklich aus dem Vertrauen der Masse hervorgegangen ist. Dadurch geben Sie ihm ja die Macht. Die Macht kann heute in nichts anderem bestehen, als daß alle das gleiche wollen und es durch einzelne ausführen lassen, daß also wirklich hinter einem solchen Ministerium etwas steht, was verunmöglicht, daß es zusammengeschossen wird und dergleichen, und zugleich ermöglicht, auf festem Boden zu stehen, basierend auf dem Vertrauen der breitesten Massen. Anders kommen wir nicht zur Macht. Diese Macht aber, die ist dann von selbst da, wenn die Körperschaft da ist. Die Frage, welche Machtmittel ich einer solchen
106 Körperschaft geben will, die kann ich nur als außerordentlich abstrakt ansehen. Ich weiß nicht, woran man bei einer solchen Frage denkt. Meint man, man solle Regimenter aufmarschieren lassen oder man solle Vorschläge machen, daß soundso viele Leute ausgehoben werden, damit, wenn diese Körperschaft zusammentritt, sie funktionieren kann gegen den Willen der anderen? Ich weiß nicht, was hinter einer solchen Frage steckt. Denn wenn dasjenige, was in die Betriebsräteschaft hineinkommt, aus dem Vertrauen der großen Masse hervorgeht, was geschieht dann? Dann wird der Zentralrat beziehungsweise das Wirtschaftsministerium eine wirkliche Sozialisierung herbeiführen können, und mit der werden die breiten Massen dann einverstanden sein, denn es ist ja Fleisch von ihrem Fleisch.
Also, ich meine, indem man wirklich etwas Tatsächliches auf einen gesunden Boden stellt, ergibt sich die Macht ganz von selbst. Sie ergab sich am 9. November aus dem Grunde nicht, weil das, was da heraufkommen wollte, nicht aus dem Vertrauen der Massen hervorgegangen ist und man auch nicht wußte, was man da oben tun soll. Da gilt auch alle andere Macht nichts. Es gibt keine anderen Machtmittel als die, die in der Sache selber liegen. Daher habe ich es immer als eine höchst sonderbare, ganz abstrakte philosophische Frage betrachtet, wenn man heute sagt: Du sagst uns nichts über den Weg, wie wir zur Macht gelangen. - Das ist eben der Weg zur Macht, aus dem Vertrauen heraus eine Vertretung zu finden und aus der Vertretung dann dasjenige zu gestalten, was Anklang findet bei denjenigen, die das Vertrauen dieser Vertretung gegeben haben. Das würde ein praktischer Weg sein. Selbsternennung und dergleichen kann nur dazu führen, daß die Herrlichkeit bald zu Ende ist.
In der Art und Weise, wie wir heute sprechen, besprechen wir ja die Machtfrage mit, und es wäre wirklich ein großer Irrtum, wenn man wiederum die Sache auf Nebengleise führt, indem man wieder die Frage auf wirft, welche Machtmittel denjenigen gegeben werden, die ja schon die Macht haben dadurch, daß sie auf der Grundlage des Vertrauens und nicht auf irgendwelchen anderen
107 Grundlagen in ihre Position hineinkommen. Das bitte ich zu berücksichtigen, denn ich sehe, wie durch Wochen hindurch immer wieder die Konfusion dadurch entsteht, daß man auf der einen Seite sagt: Ja, das ist ja alles recht. Solche Ziele, die mögen mal erreicht werden, wir brauchen aber zuerst die Macht. - Wir müssen die Macht dadurch erringen, daß wir uns mit diesen Zielsetzungen an den betreffenden Ort stellen, an dem wir, wenn wir an ihre Ausführung gehen, tatsächlich das Verständnis der breitesten Massen gewinnen. Das ist der Weg zur wirklichen Macht, zur wirklichen Sozialisierung. Ein anderer wird zu Enttäuschungen führen, zur Wiederholung desjenigen, was sich am 9. November und in der Folgezeit ergeben hat.

Diskussionsredner Funk fragt: Wie sollen wir uns verhalten, wenn die Betriebsräte von den Unternehmern ignoriert oder nicht anerkannt werden?

Rudolf Steiner: Gewiß, man kann diese Frage aufwerfen, wie man sich zu der Sache verhalten wird, wenn die Betriebsräte da sind und von den Unternehmern nicht anerkannt werden. Aber sehen Sie, so wie die Sache heute abend vor Sie hingetreten ist, ist ja eigentlich schon das Mögliche gegen eine solche Eventualität geschehen. Wir denken uns diese Betriebsräteschaft gar nicht so, daß es darauf ankommt, ob der Unternehmer sie nun anerkennt oder nicht. Deshalb soll ja nicht dieser schauderhafte Wechselbalg von Betriebsräteschaft geschaffen werden, die darin bestehen soll, daß die Betriebsräte in den einzelnen Betrieben wiederum den Leuten Sand in die Augen streuen, um die Arbeiter damit zu beruhigen, daß man sagt: Wir haben ja Betriebsräte. Wir wollen eine Betriebsräteschaft, die sich über das ganze Wirtschaftsgebiet erstreckt und aus der heraus nach und nach eine Zentralgewalt entsteht. Diese Zentralgewalt wird sich stützen auf eine Majorität oder, wie ich immer wieder gesagt habe, auf die breite Masse.
Nun frage ich Sie: Wenn diese Betriebsräteschaft dazu führt, daß aus ihr heraus die künftige Wirtschaftsregierung auf die Beine
108 gestellt wird, was soll dann der Widerspruch der verschiedenen Unternehmer noch für eine Bedeutung haben? Diese verschiedenen Unternehmer werden ja von dieser Betriebsräteschaft als Unternehmer einfach aus ihren Angeln gehoben! Die Betriebsräteschaft soll ja etwas tun. Sie wird, wenn sie zum Ziel kommt, der Unternehmerschaft von heute gar nicht mehr gegenüberstehen. Das ist mir in der letzten Zeit überhaupt in den verschiedensten Diskussionen häufig entgegengekommen, daß man auf der einen Seite sozialisieren will und auf der anderen Seite sagt: Wenn wir nun sozialisiert haben, was werden die Kapitalisten dazu sagen? Ja, wenn wir uns auf diese Frage einlassen, dann kommen wir nie zu einer wirklichen Sozialisierung. Wenn wir aber die Sozialisierung ernsthaft in Angriff nehmen, dann kommt es auf die Stellung der Kapitalisten nicht an. Das heißt ja gerade «sozialisieren», daß es in der Zukunft nicht auf sie ankommt, auf die Kapitalisten. Sie werden dadurch aus der Welt geschaffen, daß wir uns nicht weiterhin das Geflunker von einzelnen Betriebsräten, die von der kapitalistischen Obrigkeit anerkannt werden, anhören. Mit denen wollen wir ja gar nicht weiterarbeiten. Deshalb muß ja dieses Gesetz bekämpft werden. Wir müssen tatsächlich Ernst machen mit dem, was Sozialisierung ist. Machen wir Ernst, dann fällt diese Frage ganz von selbst weg. Würde die Frage: Was sagen die Kapitalisten dazu? - weiter bestehen, dann hätten wir eben nicht sozialisiert. Aber wir wollen doch gerade die Sozialisierung auf die Beine stellen! Deshalb dürfen wir uns nicht mutlos machen lassen durch solche Fragen, sondern wir müssen uns Klarheit verschaffen, müssen in uns einen Willen erzeugen, der durchgreifen kann, weil er auf gesunden Impulsen beruht. Dann wollen wir nur fragen: Wie machen wir es, um diesen Willen, ohne Rücksicht auf dieses oder jenes zu nehmen, durchzudrücken? - und nicht: Was könnte kommen? - Was wollen wir tun? -, das ist es, worauf es ankommt.




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ablage/offen/rudolf_steiner/dreigliederung/004_ga_331_betriebsraete_und_sozialisierung/003_zweiter_diskussionsabend.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:21

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