Stuttgart, 22. Mai 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS I
ERSTER DISKUSSIONSABEND
Kritische Anmerkungen zu dem Gesetzesentwurf über die Sozialisierung der Betriebe, insbesondere zum Problem der Demokratisierung. Der Abbau des Kapitalismus als erste Forderung im Rahmen der Sozialisierungsmaßnahmen. Die Notwendigkeit einer sachgemäßen Aufklärung. Über das Verhältnis von Geld und Ware. Der Austausch von Ware gegen Ware als Grundlage eines gesunden Wirtschaftsprozesses. Über das Verhältnis Arbeit und Ware. Arbeit als Gegenstand des Rechtslebens. Die Notwendigkeit der Abschaffung der bestehenden Lohnverhältnisse. Arbeitsleiter und Arbeiter als freie Gesellschafter. Die heutige Verfälschung des Wirtschaftsprozesses durch den unberechtigten Warencharakter des Geldes und der Arbeitskraft sowie durch Kauf und Verkauf von Grund und Boden und der Produktionsmittel. Die Aufgaben einer «Liquidierungsregierung». Über Mehrwert und Kapital
Einleitende Worte von Rudolf Steiner
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| 53 | Meine sehr verehrten Anwesenden! Sie haben soeben gehört, in welcher Weise der heutige Abend verlaufen soll. Wir werden in der ganzen Bewegung, die dem sozialen Neuaufbau dienen soll, am besten vorwärtskommen, wenn wir auf diesem Weg der Fragestellung und freien Aussprache versuchen, uns über das zu verständigen, was geschehen soll. Da ich mich ja erst durch Ihre späteren Diskussionsbeiträge über das, was heute abend verhandelt werden soll, zu unterrichten haben werde, erlaube ich mir, nur mit ein paar Worten auf einiges aufmerksam zu machen, da es vielleicht gut ist, wenn es unseren Disputationen vorausgeschickt wird. Vor allen Dingen möchte ich noch einmal besonders betonen, daß sich dieser «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» in gewisser Beziehung unterscheidet von anderen, von parteimäßigen Bewegungen, ohne daß diese parteimäßigen Bewegungen durch diesen «Bund für Dreigliederung» irgendwie gestört oder beeinträchtigt werden sollen. Wenn der «Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus» glaubt, heute tätig werden zu müssen, so geschieht es ja aus einem ganz bestimmten Grund heraus. Sie alle wissen gut, wie lange schon in einer mehr gefühlsmäßigen Weise der Ruf nach Sozialisierung durch die Welt geht. Sie alle wissen auch, daß dieser Ruf nach Sozialisierung heute eine besonders drängende Gestalt angenommmen hat. Sie wissen, daß wir aus Wirrnis und Chaos nicht herauskommen können, wenn wir nicht dem Rechnung tragen, was in der Forderung nach Soziaiisierung enthalten ist, wenn wir nicht ernsthaft durch die Tat das anstreben, was wirklich Sozialisierung genannt werden kann. Auf der anderen Seite sehen wir, daß sich ja gerade seit dem Beginn der Deutschen Revolution so vielfach zeigt, wie zwar der |
| 54 | Ruf nach Sozialisierung da ist, wie es aber zugleich an Vorstellungen darüber fehlt, was man nun eigentlich tun soll, wie das nun eigentlich in die Tat umgesetzt werden soll, was als Sozialisierung verlangt wird. Gerade jetzt bekommt man jeden Tag aufs neue Beweise dafür, wie wenig sich die Menschen klar darüber sind, was geschehen soll, um die Sozialisierung herbeizuführen. Und so sehen wir, daß immer deutlicher und deutlicher, immer berechtigter und berechtigter der Ruf nach Sozialisierung ertönt, daß aber von Seiten der Regierung für eine wahre Sozialisierung nichts Erhebliches, ja nicht einmal Unerhebliches geschieht. Ja, wir können sogar sagen - vielleicht werden Sie sich nachher im Verlauf der Disputation gerade über diese Frage näher aussprechen oder auch genauer unterrichten wollen -, daß man aus dem, was geschieht, deutlich ablesen kann, daß keine Vorstellung von einer wirklichen Sozialisierung da ist. Sie werden vielleicht jenen Gesetzesentwurf gelesen haben, der ja in die Wege leiten soll - so sagt man ja wohl in der bürokratischen Sprache - die Institution der sogenannten Betriebsräte. Natürlich denkt man zunächst an den Stellen, an denen man solche Dinge heute in die Wege leiten will, daran, Gesetze zu machen darüber, was Betriebsräte tun sollen, was ihre Rechte sein werden und so weiter. Aber nehmen Sie das Ganze, was da als Entwurf jetzt in die Welt gegangen ist, so werden Sie sich sagen müssen: Ja, das trägt auch nicht im geringsten den Stempel einer wahren Sozialisierung. Man nennt es sogar «Sozialisierung der Betriebe», als ob man die einzelnen Betriebe in Wirklichkeit sozialisieren könnte! Was in diesem Entwurf für die Konstituierung der Betriebsräte enthalten ist, das ist ja nichts anderes als, ich möchte sagen, das Hineinfließenlassen eines gewissen demokratischen Prinzips des uns sattsam bekannten Parlamentarismus in die einzelnen Betriebe. Man nennt die Sache ja heute schon vielfach «Demokratisierung der Betriebe». Das parlamentarische Prinzip soll gewisse Ausläufer, solche Meerbusen ausstrecken, die in die Betriebe hineingeleitet werden, in denen dann weiter parlamentarisiert werden soll. Ja, so wenig der bisherige Parlamentarismus, indem er in der |
| 55 | Abgeschlossenheit in allerlei «Häusern» praktiziert wurde, irgend etwas zur Sozialisierung hat beitragen können, ebensowenig wird dieses Ausstrecken der parlamentarischen Meerbusen den Betrieben etwas bringen können von dem, was Sozialisierung ist. Sie sehen es ja am besten daran, daß in diesem Entwurf überall in der ganz alten Weise geredet wird vom «Arbeitgeber» und «Arbeitnehmer». Wenn es auch nicht offen ausgesprochen wird, so ist es doch so, daß hinter all dem der alte Kapitalismus auch weiterhin lauert. Es ist alles in der alten kapitalistischen Form gedacht. Es soll im Grunde genommen alles beim alten bleiben, und die Arbeitnehmer sollen dadurch beruhigt werden, daß nun irgendwie Betriebsräte gewählt werden können, die allerlei theoretische Verhandlungen zu pflegen haben mit den Unternehmern. Aber mit Bezug auf die eigentliche soziale Gestaltung soll doch letztlich alles beim alten bleiben. Das kann derjenige aus einem solchen Entwurf deutlich herauslesen, der einen Sinn dafür hat, so etwas überhaupt zu lesen. Es ist auch nicht der allergeringste Anlauf genommen worden, um den Kapitalismus wirklich abzubauen. Und so sehen wir, daß schon die allererste Forderung der Sozialisierung, der Abbau des Kapitalismus, nicht in Angriff genommen wird durch das, was jetzt so vielfach Sozialisierung genannt wird. Was soll man eigentlich angesichts einer solchen Regierung noch an Gedanken entwickeln können? Man kann doch heute wahrhaftig nicht mehr zu einem anderen Gedanken kommen als zu dem, daß die einzige Rettung darin besteht, daß sich die große Masse der Arbeiter nun wirklich unterrichtet über das, was die Schäden der sozialen Ordnung bisher hervorgebracht hat, und daß sie sich unterrichtet über das, was nun wirklich eine Besserung bringen kann. Es ist schon die Aufklärung dasjenige, um was es sich vor allen Dingen handelt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, daß jetzt nicht mehr auf die gehört werden sollte, die immer wieder sagen: Ja, die Aufklärung dauert aber lang. - Sie braucht nicht lange zu dauern, wenn wir uns nur ein wenig Mühe geben wollen, die Dinge ohne Masken und Illusionen zu sehen, wenn wir uns bemühen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind und wie |
| 56 | sie geschehen müssen. Wir haben nicht mehr die Zeit, jahrelang auf eine Sozialisierung zu warten. Es muß unmittelbar etwas geschehen. Aber es kann nur etwas geschehen, wenn eine geschlossene Masse von Menschen dasjenige, was geschehen soll, trägt. Immer wieder fragen die Leute: Ja, wo ist denn die praktische Anweisung zu dem, was zum Beispiel in meinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» steht? - Das nächstliegende Praktische ist, daß möglichst viele Leute da sind, die das fordern, was in meinem Buch steht, so daß es ganz unmöglich wird, gegen diese Forderungen noch weiter zu regieren. Darin besteht die zukünftige Macht, daß sie sich dasjenige erzwingen wird, um was es sich handelt. Sonst wird eine Macht eben niemals wissen, wie sie eben diese Macht ausnützen soll, was sie tun soll. Es kommt wirklich darauf an, zu wissen, was man tun soll. Deshalb muß in den weitesten Kreisen eine sachgemäße Aufklärung stattfinden, und man muß sich eine Vorstellung machen können von dem, wie so etwas vor sich gehen kann wie der Abbau des Privatkapitals und die Abschaffung des Lohnsystems. Vor allen Dingen muß man sich von folgendem eine gründliche Vorstellung machen können. Sehen Sie, die eigentliche Wirtschaftsfrage, wo zeigt sie sich denn? Man muß sie am richtigen Ort sehen können. Man muß sich nicht durch graue Theorien die Tatsachen verdunkeln lassen. Man muß die Wirtschaftsfrage da sehen, wo sie ist, und von dort ausgehen. Wo ist sie? Wo ist sie als Tatsache? Nun, sie ist da, wo ich mein Portemonnaie aus der Tasche herausnehmen muß und in ihr das Geld haben soll, für das ich mir etwas zur Befriedigung meiner Lebensbedürfnisse in einem Laden besorgen soll. Und es muß durch den Wirtschaftsvorgang so viel in meinem Portemonnaie sein können, daß ich mir die lebensnotwendigen Dinge besorgen kann. Das ist die Grundtatsache allen Wirtschaftslebens. Alles übrige ist heute im Grunde genommen nur dazu da, um diese Tatsache zu verdunkeln. Warum fordert der dreigliedrige soziale Organismus eine Loslösung des Wirtschaftslebens vom Rechtsleben und vom Geistesleben? |
| 57 | Er fordert diese Loslösung aus dem Grunde, damit das Wirtschaftsleben in sich wirklich sozialisiert werden kann, so daß man es endlich in seiner wahren Gestalt vor sich hat, in der wahren Gestalt, die sich als Vorgang abspielt zwischen der Ware im Laden und dem Inhalt des Geldbeutels. Nur dann, wenn wir aus dem ganzen übrigen Gesellschaftsprozeß das herauslösen, was sich zwischen Portemonnaie und Laden abspielen muß, versetzen wir uns in die Lage, richtig sozialistisch zu denken. Was heißt das aber? Das heißt sehr viel. Wenn man aber nicht von der richtigen Tatsache ausgeht, dann kann man auch mit Bezug auf alle übrigen Dinge nicht zu richtigen Ansichten kommen. Ich werde mich aus Ihrer Disputation unterrichten über das, was über die Einzelheiten zu sagen ist. Aber zuvor möchte ich notwendige Richtlinien angeben, wobei ich von der eben geschilderten wirtschaftlichen Grundtatsache ausgehen werde. Sehen Sie, wenn sich in einem Laden irgend etwas befindet, was ich zur Befriedigung meiner Lebensbedürfnisse brauche, und ich komme mit meinem Portemonnaie und gebe aus diesem Portemonnaie das Geld für die Ware hin, dann muß man sich klar darüber sein, daß darin zunächst ein Vorgang enthalten ist, der schon etwas den wahren Tatbestand vertuscht. Ich bekomme Ware, ich gebe Geld hin. Ist das Geld eine Ware? Kann das Geld jemals eine Ware sein? Sie brauchen wirklich keine tiefsinnigen Studien zu machen, aber die tiefsinnigen Studien beweisen gerade das, was ich jetzt sagen werde. Sie brauchen nur einen wirklichen Lebenssinn dafür zu haben, was ein Stück Papier ist, und Sie werden sich sagen: Ein Stück Papier kann niemals in derselben Weise Ware sein wie zum Beispiel ein Laib Brot, den Sie im Laden kaufen. Ich meine, das ist etwas, was der schlichteste Verstand einsehen kann, und etwas anderes kann keine Wissenschaft behaupten. Das, was Sie als Geldzettel aus Ihrem Portemonnaie herausnehmen, kann keine Ware sein, sondern nur eine Anweisung auf den Erhalt einer Ware, nichts anderes. Deshalb muß es aber herkommen VOR der Ware. Es muß einmal eine Ware erzeugt, also etwas geleistet worden |
| 58 | sein. Leistungen sind in diesem Sinne auch Ware. Dieses Papierstück muß geschaffen worden sein durch einen solchen Vorgang, der Ware, der Leistung hervorbringt, und so bildet das Papierstück nur die Brücke zwischen der Ware, die Sie im Laden kaufen, und jener Ware, die einmal erzeugt sein muß, damit man auf diese Ware die Papieranweisung hat erhalten können. Das ist, schlicht gesagt, der Wirtschaftsprozeß. Jedes andere Element im Wirtschaftsprozeß ist ungesund. Es kann im Wirtschaftsprozeß nichts anderes getauscht werden, wenn er gesund sein soll, als Ware gegen Ware. Nun fragen wir aber: Wird heute im Wirtschaftsprozeß bloß Ware gegen Ware getauscht? Nein, und sobald man sich das ordentlich überlegt, kommt man auf das, um was es sich handelt. Heute wird im Wirtschaftsprozeß nicht bloß Ware gegen Ware getauscht, sondern heute wird im Wirtschaftsprozeß noch Ware, wenn auch vielleicht repräsentiert durch das Geld, also Ware oder Geld getauscht gegen Arbeit. Die Arbeitskraft wird heute im Wirtschaftsprozeß ebenso bezahlt wie Ware. Dadurch aber ist die Arbeitskraft in den Wirtschaftsprozeß hineingestellt. Sehen Sie, es gibt eine ganz schlichte Überlegung, die Ihnen zeigen kann, daß die Arbeitskraft gar nicht in den Wirtschaftsprozeß hineingehört, weil sie in ihrer Art eigentlich niemals mit irgendeiner Ware verglichen werden kann. Man muß nur mit Bezug auf solche Dinge heute die ganz vertrackten Vorstellungen der Menschen zurechtrücken. Man muß darauf kommen, wie die Menschen gelernt haben, über diese Dinge verkehrt zu denken. Sehen Sie einmal, es ist doch Arbeitsleistung verbunden mit einer gewissen Anstrengung des menschlichen Organismus. Nun, der Mensch kann sogar, auch wenn er es nicht nötig hat, zum Beispiel Holz zu hacken, das Bedürfnis haben, dennoch zu arbeiten. Dann treibt er zum Beispiel Sport. Und die Arbeitsmenge, die einer auf den Sport verwendet, die könnte unter Umständen gerade ebensoviel den Körper abnutzen - wenn er sich beim Sport besonders anstrengt - wie die Arbeit dessen, der Holz hackt, den Körper abnutzt. Die Arbeit hat nichts zu tun mit dem wirtschaftlichen |
| 59 | Prozeß, sondern die Arbeit hat nur dadurch mit dem Wirtschaftsprozeß etwas zu tun, daß sie auf etwas wirtschaftlich Wertvolles angewendet wird. Sport ist etwas wirtschaftlich Wertloses, ist bloß für den Egoismus des Menschen da. Holzhacken ist wertvoll. Dadurch, daß die Arbeit wirtschaftlich wertvoll ist, wird sie Bestandteil des Wirtschaftsprozesses. Aber das, was bei der Arbeit das Wesentliche ist, das ist, daß ich in bezug auf die Verwendung meiner Arbeit ein freier Mensch sein muß, daß ich nicht durch einen wirtschaftlichen Zwang dazu veranlaßt werden kann, meine Arbeit in einer beliebigen Weise in den Dienst des Kapitalismus zu stellen. Wenn es sich um die Verwendung der Arbeitskraft handelt, da greifen Freiheit und Unfreiheit und Zwang ein. Wie die Arbeit als solche ein Gegenstand des Rechts sein muß und nicht ein Gegenstand des Wirtschaftslebens, ist daher dasjenige, was man sich in ganz einfacher Weise klarmachen muß. Im Wirtschaftsleben hat nur das eine Bedeutung, was durch Arbeit erzeugt, hervorgebracht wird; das muß bezahlt werden. Nicht aber muß dasein ein Unternehmer, der einem Arbeiter seine Arbeitskraft bezahlt. Wie sich der Arbeitsleiter und der Arbeiter zueinander verhalten, das muß auf einem ganz anderen Boden, auf dem Boden des Rechts, ausgemacht werden. In bezug auf das Wirtschaftsleben können, wenn wirkliches Recht vorhanden ist, der Arbeiter und der Arbeitsleiter nur Gesellschafter sein, die den Ertrag der Leistung in gerechter Weise unter sich verteilen. In Zukunft darf es keine Bezahlung der Arbeitskraft mehr geben, das heißt: Das Lohnverhältnis muß weg, das Lohnverhältnis darf ferner nicht existieren. Es muß ein Zustand herbeigeführt werden, und das ist dann ein sozialer Zustand, in dem der Arbeitsleiter und der Arbeiter die Waren gemeinschaftlich erzeugen und das, was sie als freie Gesellschafter miteinander erzeugen, in einer gerechten Weise nach dem Warenvertrag, nicht nach dem Arbeitsvertrag, miteinander teilen. Erst wenn eine solche Umgestaltung der Produktionsverhältnisse herbeigeführt wird, kann man von Sozialisierung sprechen. Dann hört man aber auch damit auf, in einem Sozialisierungsprogramm |
| 60 | alle die alten Begriffe, die noch auf dem Kapitalismus basieren, zu verwenden. Man muß ganz gründlich umdenken. Man muß wirklich die alten Vorstellungen über den Haufen werfen, nicht etwa bloß weil sie Vorstellungen sind, sondern weil sie im Leben drinnenstecken. Nun muß aber noch etwas beachtet werden. Wenn die Arbeitskraft innerhalb des Wirtschaftsprozesses in ein Zwangsverhältnis gestellt werden soll, dann muß etwas dasein. Was ist denn das? Sehen Sie, da muß ich wieder zurückkommen auf die Urtatsache des Wirtschaftsprozesses, auf das Portemonnaie und den Laden. Wenn der Zettel, den ich im Portemonnaie habe, wirklich nichts anderes ist als die Anweisung auf eine Ware, dann kann im Grunde genommen gar kein Arbeitszwang herrschen, denn dann muß in irgendeiner Weise dieser Schein immer zurückführen auf etwas, was als Leistung in die Welt gesetzt worden ist. Und es handelt sich nur darum, daß dann diese Leistung in der entsprechenden Weise zirkuliert, zirkuliert so, daß der Verbrauch die Produktion jederzeit regelt. Aber so ist die Sache ja heute nicht. Das, was ich da im Portemonnaie trage, das ist nämlich durch den Wirtschaftsprozeß der neueren Zeit etwas ganz anderes geworden als eine Anweisung auf die Ware. Das ist nämlich selber Ware geworden, ist etwas geworden, was in der sozialen Ordnung einen selbständigen Wert hat. Das ist es aber nur dadurch geworden, daß eine Warenart - die im Grunde genommen ganz ausgeschaltet werden könnte, wenn sie nur der führende Handelsstaat England auch mit ausschalten würde, dann könnte sie ganz aus dem Wirtschaftsprozeß ausgeschaltet werden, in einem inneren Wirtschaftsprozeß kann sie immer ausgeschaltet werden, man würde dann nur noch gegenüber dem Ausland eine andere Rücksicht zu nehmen brauchen -, daß dieser Schein, den ich im Portemonnaie trage, eine andere Bedeutung hat, als eine bloße Anweisung auf Ware zu sein. Dies rührt nun daher, daß durch die Staatsverhältnisse eine Ware geschaffen worden ist, die eigentlich keine Ware ist, nämlich das Gold oder Silber. Beide sind ja in Wirklichkeit keine Ware, werden aber repräsentiert durch den Schein. Dadurch |
| 61 | wird der Geldprozeß losgelöst vom Wirtschaftsprozeß, wird herausgezogen aus dem Wirtschaftsprozeß, dadurch wird das Geld selber zur Ware gemacht, und dadurch kann das Geld, das in Wahrheit keine Ware sein darf, im Wirtschaftsleben für sich ganz selbständig werden. Das ist aber die Grundlage des Kapitalismus. [Wenn man mit dem Geld selbständig wirtschaften kann, was entsteht da? Da Geld niemals anders geschaffen werden kann als dadurch, daß Waren erzeugt werden, Ware aber im arbeitsteiligen Wirtschaftsleben nie anders erzeugt werden kann als durch Arbeit, so entsteht Macht über die Arbeitskraft durch das Kapital. Kapital ist nichts anderes als Macht über menschliche Arbeitskraft.] 1) Man bekommt die Möglichkeit, sich menschliche Arbeitskraft zu verschaffen, indem man das Geld als selbständige Ware loslöst von dem Wirtschaftsprozeß, während das Geld eigentlich bloß ein wertloser Schein sein sollte im Sinne einer Anweisung auf das, was man als Ware durch das Geld eintauscht. Durch diese Loslösung des Geldes aber ist die Arbeitskraft zum Knecht der Macht «Kapital» geworden. Dadurch waltet heute etwas in dem Wirtschaftsprozeß, was ihn zum Beispiel in bezug auf die Preisbildung fortwährend verfälscht. Denn während ich nur die Ware bezahlen sollte, muß ich mitbezahlen die Arbeitskraft. Aber weil über die Arbeitskraft die Macht des Kapitals herrscht, wird die Arbeitskraft so billig wie möglich bezahlt, weil natürlich eine Macht, die herrscht, die Tendenz hat, so billig wie möglich einzukaufen. Ist die Arbeitskraft im Wirtschaftsprozeß selbst enthalten, so wird sie durch den Kapitalismus verbilligt. Worauf es nun ankommt, das ist, daß die Arbeitskraft aus dem Wirtschaftsprozeß heraus muß. Im Wirtschaftsprozeß darf nur Ware sein. Dadurch aber, daß der Wirtschaftsprozeß so verfälscht wird, kann in ihm auch noch anderes sein. Sehen Sie, die Sozialisten haben durch viele Jahrzehnte hindurch immer wieder den Ruf nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel ergehen |
| 62 | lassen. Heute aber ist es erforderlich, daß man weiß, wie diese Vergesellschaftung der Produktionsmittel bewirkt werden muß. Es genügt nicht, daß man in abstrakter Form bloß den Ruf nach Vergesellschaftung ergehen läßt, sondern man muß wissen, wie diese vollzogen werden kann. Heute sind wir so weit, daß wir solche Dinge schon verwirklichen können, wenn wir nur wollen, wenn wir nur wirklich den Mut dazu haben. Sehen Sie, bevor wir uns ganz genau unterrichten über die eigentümliche Stellung der Produktionsmittel im heutigen Wirtschaftsleben - im wesentlichen sind sie ja das Kapital -, ist es gut, wenn wir zuerst noch auf etwas anderes sehen. Es können ja heute nicht bloß Waren gekauft werden, das heißt dasjenige, was im arbeitsteiligen sozialen Organismus durch menschliche Arbeitskraft erzeugt wird, sondern man kann heute noch etwas ganz anderes kaufen, was kein Mensch erzeugt, sondern was da ist von Natur aus, das ist der Grund und Boden. Aber dieses Kaufen von Grund und Boden beziehungsweise das Hypotheken-Nehmen auf Grund und Boden ist ja nur ein Verfälschungsprozeß der wirtschaftlichen Ordnung. Das ist ja etwas ganz anderes, als sich die Leute darunter eigentlich vorstellen. Man kann nämlich in Wirklichkeit den Grund und Boden nicht kaufen, denn Grund und Boden sind auch erst ein Wert, wenn darauf gearbeitet wird. Was man kauft, das heißt, was man durch den sogenannten Kauf erwirbt, das ist das ausschließliche Recht, den Grund und Boden zu benützen. Darauf kommt es nur an, auf dieses ausschließliche Recht, den Grund und Boden zu benützen. Sie kaufen also nicht eine Ware, indem Sie Grund und Boden kaufen, sondern ein Recht. Und das sind die Krebsschäden der heutigen sozialen Ordnung, daß man innerhalb des Wirtschaftsprozesses nicht bloß Waren kaufen kann, sondern auch Arbeit und Rechte kaufen kann. Indem man Arbeit kaufen kann, erwirbt man die Möglichkeit, diese Arbeit in den Wirtschaftsprozeß hineinzuziehen, das heißt zu vergewaltigen. Und indem man das Nutzungsrecht an Grund und Boden kaufen kann, erwirbt man Macht. |
| 63 | Man muß sich klar darüber sein, daß man aus dieser Kalamität überhaupt nicht herauskommt, wenn man der Sache nicht radikal zu Leibe rückt. Ganz genau denselben Wert, den im Wirtschafts - prozeß der Grund und Boden hat, oder besser gesagt dieselbe Bedeutung, haben aber fertiggestellte Produktionsmittel, nicht Produktionsmittel, die erst gemacht werden, sondern die fertiggestellten Produktionsmittel, die dann dazu dienen, daß mit ihnen weiter produziert wird. Diese fertiggestellten Produktionsmittel, die kann man in Wirklichkeit eigentlich auch nicht kaufen. Kauft man sie aber, dann erwirbt man in Wahrheit das Recht, sie ausschließlich zu benutzen. Also, man kauft wiederum ein Recht. Und nun sehen Sie am allerbesten an diesen Produktionsmitteln, daß, wenn sie fertig sind, sie einfach nicht verkäuflich sein dürfen, daß aufhören müssen die Produktionsmittel auf dem Wirtschaftsmarkt einen Wert zu haben. Wenn sie fertiggestellt sind, dann sind sie gerade so wie Grund und Boden. Jetzt stellt sich die Frage, die ja eine wirklich soziale Forderung beinhaltet: Wie schaffen wir es, daß die Produktionsmittel nicht mehr länger einen Wirtschafts wert haben, wenn sie fertig sind? Wir schaffen es nur dadurch - ich habe es vorhin ja schon gesagt -, daß man alles das, was nicht in den Wirtschaftsprozeß hineingehört, in selbständige Glieder des sozialen Organismus übergehen läßt. Was ist denn notwendig für die Produktion? Ist in Wirklichkeit Kapital notwendig? Nein! Es ist eben ein Unsinn, daß Kapital notwendig ist. Damit die Produktionsmittel bedient werden können, ist notwendig, daß geistige Arbeit da ist. Das versteht natürlich jeder Arbeiter, daß geistige Leitung, geistige Arbeit da sein muß. Und er versteht auch, daß er bald aufhören müßte zu arbeiten, wenn nicht eine geistige Leitung, geistige Arbeit, vorhanden wäre. Aber heute geht es nicht um geistige Leitung, sondern um den Privatbesitz an den Produktionsmitteln und um die Rentabilität, um die Anlagefähigkeit wiederum des im Produktionsmittel steckenden Kapitals. Deshalb ist es notwendig, daß man die Produktionsmittel herauslöst aus dem Wirtschaftsprozeß, so daß sie durch die soziale Ordnung selbst immer an den gelangen können, |
| 64 | der die entsprechenden Fähigkeiten hat und zu dem die Arbeiter Vertrauen haben. Deshalb will die Dreigliederung des sozialen Organismus den selbständigen Geistesorganismus. Es ist einfach Unsinn, wenn gesagt wird, [daß dadurch neue Besitz Verhältnisse geschaffen werden …] In diesem Geistesleben, das ja mit den anderen Zweigen des Lebens in enger Verbindung steht, wird dann dafür gesorgt, daß die Produktionsmittel ihren Weg durch die Welt anders machen als durch Kauf. Und in dem, was ich den Rechtsstaat nenne - er hat ja wahrhaftig nichts mehr mit dem alten Staat zu tun -, wird dafür gesorgt werden, daß die Arbeitskraft ihr Recht bekommen kann. Im Wirtschaftsleben selbst bleiben dann nur noch die Warenerzeugung, die Warenverteilung und die Warenkonsumtion. Dann, wenn wir einen solchen Wirtschaftsprozeß vor uns haben, werden wir uns aufraffen können, zu verlangen, daß es eine Liquidierungsregierung geben muß. Diese sagt sich dann: Nun gut, ich muß eine Zeitlang bestehen, weil das Alte sich fortsetzen muß. Aber ich muß zurückbehalten höchstens nur so etwas wie ein Polizeiministerium, ein Ministerium des Inneren, ferner ein Justizministerium, das die Rechtsverhältnisse durch die entsprechende demokratische Vertretung herbeiführen wird. Es ist wiederum eine Verleumdung, wenn gesagt wird, daß dann auf dem Rechtsboden nur die Rechtsgelehrten herrschen werden. Nein, es wird das Volk herrschen, es wird eine wirkliche Demokratie geben, die sich ausdehnen wird. Nach links und nach rechts muß die Regierung eine Liquidierungsregierung sein, die nach der einen Seite hin das Geistesleben in seine eigene Verwaltung überführt und nach der anderen Seite hin das Wirtschaftsleben in seine eigene Verwaltung überführt. Die Liquidierungsregierung wird die Initiative zu ergreifen haben so, daß sie den freien Boden für das Wirtschaftsleben schafft, so daß im Wirtschaftsleben aus den Kräften, die die jeweiligen Werte der Waren, das heißt die für die gesunde Lebenserhaltung notwendigen Preise, regulieren, eine wirkliche Sozialisierung eintreten kann. Sehen Sie, ich weiß selbstverständlich, daß, wenn ich so etwas |
| 65 | auseinandersetze, immer wieder von den verschiedensten Gesichtspunkten her die Leute sagen: Ja, er drückt sich so unbestimmt aus. - Ich möchte bloß wissen, wie sich jemand bestimmt ausdrükken soll über etwas, was ein unendliches Gebiet ist. Man kann ja nur aufmerksam machen auf das, was den Dingen eigentlich zugrunde liegt. Aber ich habe immer die Hoffnung, daß gerade diejenigen, die aus ihren Lebensnöten heraus sich eine gewisse innere Empfindung für die Wahrheit dieser Sache erworben haben, sehen möchten, daß dem, was hier vorgetragen wird, eine wirklich gründliche Einsicht in den gesamten Produktions- und Konsumtionsprozeß zugrunde liegt. Und nur aus einer solchen Einsicht heraus kann man zur Tat fortschreiten. Das allein ist daher das wirklich Praktische, während das keine Praktiker sind, die die Gesetze immer so machen oder Einrichtungen so gestalten, daß das eine Loch zu und ein anderes dadurch wieder aufgemacht wird. Man kann ja einen Wirtschaftsbetrieb recht schön einrichten, wenn man ihn kapitalistisch läßt, das heißt die ganze Wirtschaft kapitalistisch läßt. Dann wird es vielleicht in den einzelnen Wirtschaftsbetrieben möglich sein, daß sogar das für den Arbeiter zustande kommt, was man so schön einen vollen Arbeitsertrag nennt, daß dann aber kein Mehrwert mehr erzeugt wird. Da wird zwar Walther Rathenau kommen und sagen: Der Mehrwert ist zu nichts anderem da als für die Rücklage, also für die fortlaufende Verbesserung der Produktionsmittel und die Vergrößerung des Betriebes. Es geht alles, was an Mehrwert erzeugt wird, wiederum in den Betrieb hinein. - Ich möchte dann bloß wissen, wovon diejenigen leben, die nicht mitarbeiten, sondern irgendwelche Tantiemen oder dergleichen beziehen, wenn alles wiederum in den Betrieb hineingeht. Nun ja, solche Leute kann man ja reden lassen. Aber viel wichtiger ist noch etwas ganz anderes. Nehmen wir an, es würde der ganze Mehrwert einfach unter den Arbeitenden aufgeteilt. Glauben Sie, daß dann, wenn die alte kapitalistische Ordnung bliebe und wenn in einem Betrieb der Mehrwert unter den Arbeitenden aufgeteilt würde, daß dann ohne |
| 66 | Mehrwert gearbeitet werden braucht? Man kann, wenn man die Wirtschaft nicht sozialisiert, trotzdem einen Mehrwert herausschlagen. Dann wird er nur nicht dem Lohn der Arbeiter abgezogen, sondern dann muß ihn der Konsument bezahlen. Es kommt nicht darauf an, daß kein Mehrwert erzeugt wird, sondern darauf, daß ihn der Produzent nicht zahlt …, der Konsument ihn zahlen muß. Wer ist das aber? Auch wieder der Arbeiter. Nehmen Sie sich also zu Ihrem Lohn auch den Mehrwert dazu, so müssen Sie wiederum dasjenige, was Sie sich errungen haben, als Konsument bezahlen. Ein Loch stopfen Sie zu, das andere machen Sie wieder auf. Aus diesem unnatürlichen Kreislauf des Wirtschaftslebens kann man niemals herauskommen, wenn man nicht das fünfte Rad am Wagen, das nur dazu da ist, damit sich die Leute, die nicht gearbeitet haben, etwas herausschlagen können, beseitigt. Dieses fünfte Rad trägt ja den Namen Kapital. Und man kommt aus diesem Kreislauf nicht heraus, wenn man nicht ein unmittelbares Verhältnis herstellt zwischen den Produktionsmitteln und dem geistigen Arbeiter auf der einen Seite und dem körperlichen Arbeiter auf der anderen Seite. Wenn man das nicht will, wenn man nicht herauswirft dieses fünfte Rad am Wagen, das nur denjenigen dient, die nicht arbeiten, so kommt man zu keiner Sozialisierung. Wie Sie finden werden, ist die Hauptsache dessen, was in meinem Buch geschildert ist, daß dort wirklich angestrebt wird, das aus dem Wirtschaftsleben zu tilgen, was Kapital ist, und das, was ein Zwangsverhältnis der Arbeit ist. Das kann man nicht anders, als daß man einen Rechtsboden schafft, auf dem, vom Wirtschaftsleben unabhängig, die Arbeit geregelt wird, und daß man einen Geistesboden schafft, auf dem die menschlichen individuellen Fähigkeiten unabhängig vom Wirtschaftsleben geregelt werden. Dann werden sie in der richtigen Weise in das Wirtschaftsleben hineinfließen. Wer das einsieht, dem wird nicht sehr imponieren, wenn dann Leute kommen und sagen: Ja, Du willst ja die Einheit des sozialen Lebens zerstören, indem Du es in drei Teile zerteilen willst. - |
| 67 | Nein, ich will gerade diese Einheit herstellen, und diejenigen Menschen, die von der Zerteilung dieser Einheit sprechen, wie der törichte Artikelschreiber gestern in der Süddeutschen Zeitung, die glauben, ich will einen Gaul zerschneiden. Ich will nicht den Gaul zerschneiden, sie glauben aber, daß ich den Gaul zerschneide, wenn ich ihn nicht auf einen einzelnen Fuß stelle. Den Leuten kommt es darauf an, daß der Gaul nur dann eine Einheit ist, wenn er auf einem Bein steht. Aber der Gaul muß auf vier Beinen stehen. Ich will den sozialen Organismus nicht zerschneiden, sondern auf seine drei gesunden Beine stellen. Dadurch will ich ihn gerade zu etwas Ganzem gestalten. Das ist es, worauf es ankommt. Nun habe ich Ihnen wieder einiges darüber gesagt, wie die Dinge aufzufassen sind, aber von einer anderen Seite her, als ich es sonst schon in Vorträgen gesagt habe. Ich wollte nur den heutigen Abend einleiten, und ich hoffe, daß jetzt aus Ihrer Mitte viel gesagt wird, was uns heute abend vorwärtsbringen kann. Wir müssen vorwärtskommen gerade in bezug auf einen wirklichen Abbau des Kapitalismus und einen wirklichen Abbau der Zwangsarbeit. |
Diskussion
Der Unterschied zwischen herrschen und regieren. Die Verwirklichung der Demokratie im dreigliedrigen sozialen Organismus. Über die Frage der Gewinnung einer Majorität für die Durchführung der Dreigliederung. Die Stellung der Kapitalisten. Über das Besteuerungssystem im dreigliedrigen sozialen Organismus. Von der Notwendigkeit eines richtigen Ausgleiches zwischen Produktion und Konsumtion anstelle einseitiger Produktionssteigerung. Rationalisierung des Produktionsprozesses. Über die Frage der sachgemäßen Größenordnung von Betrieben unter Berücksichtigung des Gleichgewichtes zwischen Konsumtion und Produktion. Die Durchführung der Dreigliederung als Willensfrage.
| 67 | Herr Biel stellt zwei Fragen: 1. Ist zur Durchführung einer derartigen neuen Form des Wirtschaftslebens die Demokratie eine Notwendigkeit, oder ist es unter Umständen richtig, wenn eben durch die Demokratie ein derartiger Zustand nicht herbeizuführen ist, Gewalt anzuwenden? Kann die Gewalt in diesem Falle auch ein Recht sein? — 2. Ist diese Dreigliederung oder Sozialisierung ohne Berücksichtigung der internationalen Verhältnisse, also ohne daß alle kulturell entwickelten Völker, die da in Frage kommen, gleichzeitig mit denselben Ideen und Forderungen auf den Plan treten, möglich? Rudolf Steiner: In bezug auf die Frage, ob zur Durchführung einer wirklichen Sozialisierung die Demokratie eine Notwendigkeit |
| 68 | ist, möchte ich das Folgende sagen: Man kann in einem gewissen Sinne wirklich sagen, daß sich bisher eine Mehrzahl von Menschen noch nicht für neue Gedanken erwärmen konnte, sondern, wie mein verehrter Vorredner schon gesagt hat, immer nur kleine Gruppen. Allein, man wird sich gerade in diesem Punkt darüber klar sein müssen, daß wir heute eben nicht vor kleinen, sondern vor großen Abrechnungen der Weltgeschichte stehen. Es muß vieles anders werden, und es wird nur anders werden, wenn wir uns gerade in bezug auf die allerwichtigsten Dinge dazu bequemen, etwas anderes anzustreben, als was bisher vorhanden war. Wer heute nicht bloß auf die Gepflogenheiten früherer Zeiten zurückblickt, sondern heute sehen kann, was die Menschen wollen, der wird mit den verschiedensten realen Faktoren rechnen. Sehen Sie, der Herr Vorredner hat zum Beispiel gesagt, daß eine kleine Kaste die Menschen in den Weltkrieg hineingetrieben hat. Nun, es wird durch mich in den nächsten Tagen eine kleine Broschüre über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges erscheinen, in der gezeigt werden wird, wie klein die Zahl derer war, die zum Beispiel von deutscher Seite her die Sache betrieben haben. Diese kleine Gruppe hat in ihrer Art ganz aus den Verhältnissen aus grauer Urzeit heraus gewirkt. Da sind einfach die alten Verhältnisse in die Gegenwart hineingetragen worden. Damit der Gesinnung nach, nicht mit den technischen Mitteln, in Berlin so regiert werden konnte, wie regiert worden ist, hätte es zum Beispiel gar keiner Buchdruckkunst bedurft, durch die die Bildung und Urteilsfähigkeit in die breitesten Massen hineingetragen worden ist. Aber ist dann nicht wirklich durch diese Weltkriegskatastrophe das in den Abgrund gesunken, was einfach immer nur so weiter fortgewirtschaftet hat? Wir stehen heute auf einem anderen Boden, und heute sind eben die Menschen nicht so, daß sie sich von kleinen Gruppen dasjenige diktieren lassen wollen, was sie zu tun haben, und daß sie bloß eine kleine Gruppe gegen eine andere kleine Gruppe austauschen wollen. Heute will schon ein jeder mittun. Heute ist die Zeit, in der man lernen muß den Unterschied zwischen herrschen |
| 69 | und regieren. Es scheint ja allerdings so, als ob dieser Unterschied noch nicht gründlich genug erkannt worden ist. Herrschen muß heute das Volk, eine Regierung darf nur regieren. Das ist es, worauf es ankommt. Und damit ist auch gegeben, daß in einem gesunden Sinne heute die Demokratie notwendig ist. Deshalb habe ich auch keine Hoffnung, daß man mit den schönsten Ideen etwas erreichen kann, wenn man sie durch kleine Gruppen verwirklichen will und wenn man nicht getragen wird von der Erkenntnis und Einsicht der wirklichen Majorität der Bevölkerung. Die wichtigste Aufgabe heute ist, die große Mehrheit der Bevölkerung für das zu gewinnen, was man als Möglichkeit zur Veränderung erkannt hat. So stehen wir heute vor der Notwendigkeit, für das, was zuletzt wirklich an wahrer Sozialisierung erreicht werden wird, in demokratischer Weise die Mehrheit der Bevölkerung zu haben. Es könnte natürlich Übergangszeiten geben, in denen eine kleine Gruppe irgend etwas verwirklichen würde, was von der Mehrheit nicht erkannt wird. Aber das würde doch nur von kurzer Dauer sein. Gerade in diesem Punkt muß man sich klar darüber werden, daß sogar heute bereits die Zeit da ist, in der durch die Demokratisierung die Menschen als Gleiche zu betrachten sind, und deshalb müssen wir den Boden schaffen, auf dem alle Menschen in ihrem Urteil gleich sein können, den wir loslösen von dem, worin die Menschen nicht gleich sein können in ihrem Urteil. Denken Sie doch einmal, wenn irgendein Kind in der Schule besonders dazu begabt ist, rechnen zu lernen, und Sie wollen es zum Musiker machen, so entziehen Sie ja dadurch, daß Sie das Kind falsch ausbilden, dem sozialen Leben eine ganz besondere Kraft. Die gesunde Entwicklung der Individualität muß gerade im sozialen Organismus gepflegt werden. Da können Sie nicht demokratisieren, da können Sie nur die Einsicht in die wirkliche Menschenkenntnis walten lassen. Auf dem Boden der Erziehung, des Unterrichtswesens muß etwas ganz Neues eintreten. Und im Wirtschaftsleben, wollen Sie da demokratisch entscheiden? Etwa wie man Stiefel fabrizieren muß oder Ventile? Da muß |
| 70 | man aus sachlicher Kenntnis heraus Korporationen bilden in bezug auf Produktion und Konsumtion; da müssen sachliche Interessen maßgebend sein. Nach links und nach rechts müssen die rein sachlichen Interessen abgesondert werden, dann bleibt in der Mitte der Boden der Demokratie übrig, auf dem nichts anderes in Betracht kommt als das, was jeder reife, ausgewachsene Mensch von jedem ausgewachsenen, reifen Menschen als gleichem zu fordern hat, und von wo dann das Recht in das Geistesleben und Wirtschaftsleben hineinstrahlt. Gerade weil heute der Ruf nach Demokratie so berechtigt ist, müssen wir erkennen, wie die Demokratie durchgeführt werden kann. Das war nicht notwendig in der kapitalistischen Gesellschaft. Da haben sich die Leute auch Demokraten genannt, aber da war es noch nicht notwendig, daß man so gründlich zu Werke ging mit dem Begriff Demokratie wie heute. Heute sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir uns fragen müssen: Weil die Demokratie kommen muß, wie können wir sie praktisch verwirklichen? - Die Antwort muß lauten: Nur dadurch, daß wir sie auf ihren eigenen Boden stellen, und was nicht demokratisch verwaltet werden kann, was nicht alle Menschen beurteilen können, das wird nach links und rechts sachlich abgesondert. Es ist so einfach zu verstehen, warum dieser dreigliedrige soziale Organismus notwendig ist, daß man sich eigentlich immer wundern muß, daß die Leute so viel dagegen haben. Wenn sie fragen: Wer ist offen und ehrlich zum Beispiel in der Demokratie, so ist es gerade der dreigliedrige soziale Organismus, weil er danach suchen will, wie man die Demokratie verwirklichen kann und nicht vermischen und verwirren will alles, damit keine Demokratie im Einheitsstaat sein kann. Diejenigen haben natürlich keine Demokratie gemacht, die immer den Ruf ertönen lassen: «Für Thron und Altar!» - Aber, meine sehr verehrten Anwesenden, die werden auch keine Demokratie machen, die an die Stelle des Thrones das Kontor setzen und an die Stelle des Altars die Kasse. Eine Demokratie werden nur diejenigen machen, die es ehrlich meinen mit der menschlichen Gesellschaft und nicht das Demokratische dorthin tragen wollen, wo Sachkenntnis das einzig Maßgebende sein |
| 71 | kann. Deshalb werden sich die Menschen schon dazu bequemen müssen, einzusehen, was übrigens die vernünftigen Sozialisten immer schon gesagt haben, daß es in der Zukunft sachliche Verwaltungen und keine Scheinverwaltungen durch Wahlen und dergleichen geben muß. Gewiß, es muß gewählt werden, aber über die Technik des Wählens hinaus wird man noch andere Dinge lernen müssen, als man heute schon kennt. Ich will nur darauf aufmerksam machen: Demokratie muß kommen, aber wir müssen einen solchen sozialen Organismus haben, der Demokratie gründlich möglich macht. Was nun die internationalen Beziehungen betrifft, so will ich nur sagen, daß, während dieser Weltkrieg wütete, gerade wegen der Internationalitat diese Dreigliederung von mir aufgestellt wurde, weil ich nur in der Dreigliederung ein Heilmittel sah, um aus den furchtbaren Verwüstungen und Verheerungen dieses Weltkrieges irgendwie herauszukommen. Denn wenn man schon durch Jahrzehnte hindurch ein aufmerksamer Beobachter war, dann erkannte man ganz deutlich, daß durch das Durcheinanderwerfen von allem möglichen diese moderne Katastrophe, die größte der Weltgeschichte, die übrigens noch lange nicht überwunden ist, kommen mußte. Verdeutlichen wir uns die Geschichte einmal an einer einzigen Erscheinung, der Bagdadbahn-Frage. Sie wissen ja wohl vielleicht, daß diese Bagdadbahn-Frage eine große Rolle gespielt hat innerhalb der Vorgänge, die dann eingemündet sind in diesen Weltkrieg. Wer die Verhandlungen im Zusammenhang mit der BagdadbahnFrage studiert, der weiß, wie da ineinander verwoben sind wirtschaftliche Interessen des Kapital-Imperialismus oder der KapitalImperialismen und nationale, chauvinistische, staatliche, rechtliche Vorurteile. So glaubte irgendein deutsches Finanzkonsortium die Sache schon zu haben, weil es gewisse Leute in England, auch Finanzkonsortien, das heißt von kapitalwirtschaftlichen Interessen durchdrungene Leute, an sich gezogen hatte, da tauchte das Staatsmäßige auf und verwirrte alles so, daß die Engländer wieder abfielen. Dann fielen die Franzosen ab aus gleichen Interessen. Dann |
| 72 | wiederum war es gegen die deutschen staatlichen Interessen, und so ging das durch die ganzen Verhandlungen durch. Wer das wirkliche Leben kennt, der weiß eben, wie sich im modernen Leben immer wieder ineinander verknotet haben die drei Lebensgebiete, das Geistesleben, zu dem auch das nationale Leben gehört, das Wirtschaftsleben und das Staats- oder Rechtsleben. Sehen Sie, als ich während dieses Weltkrieges einmal nach Wien kam - die Leute haben ja von den verschiedensten Gesichtspunkten aus diesen Weltkrieg und ihr Schicksal in ihm beurteilt -, da haben mir einige gesagt: Dieser ganze Krieg ist ja ein Schweinekrieg. - Nicht verurteilend, sondern kennzeichnend wollten sie zum Ausdruck bringen, daß eine der wichtigsten Ursachen die war, daß Ungarn sich geweigert hat, die serbischen Schweine einführen zu lassen. Also eine rein wirtschaftliche Angelegenheit, die sich verquickte mit nationalen, das heißt geistigen Fragen. So bildeten sich verschiedene Hexenkessel, in denen das gebraut wurde, was dann zum Weltkrieg geworden ist: allerlei rechtliche Verhältnisse, vorrechtliche Verhältnisse, klassenrechtliche Verhältnisse und dergleichen mehr. Deshalb mußte gerade derjenige, der auf das Internationale sieht, darauf hinweisen, daß das einzige Heil, das es in der Zukunft gibt, darin besteht, die drei Lebensgebiete zu sondern, so daß ein dreigegliederter sozialer Organismus sich bildet. Dann werden die einzelnen Gebiete sich untereinander stützen, dann wird das eine auf das andere hinweisen. Die Menschen sind ja manchmal von einer Verstocktheit, über die man staunen könnte. Sehen Sie, ich habe einmal mit einem Menschen gesprochen, der ein Rechtsgelehrter ist, der sogar Ministerialdirektor ist, und ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, daß dann, wenn der soziale Organismus dreigegliedert ist, die Konflikte nicht mehr an den Grenzen entstehen können, weil das eine nicht in das andere eingreift, habe gesagt, daß nicht so schnell Staatskonflikte entstehen durch wirtschaftliche Konflikte, wenn nicht alles durcheinandergemengt ist. Da werden die guten wirtschaftlichen Beziehungen zum Beispiel helfen bei den Staatskonflikten und dergleichen. - Ja, sagte er, wenn man das aber durchführt, |
| 73 | dann verstößt man ja gegen etwas, was immer in der Geschichte war, nämlich daß die wichtigsten Kriege in der Geschichte ja eigentlich Rohstoffkriege sind. Wenn Sie das einführen wollen, schaffen Sie ja die Rohstoff-Konflikte aus der Welt, und es ist doch unsere Erfahrung, daß diese Rohstoff-Konflikte immer da waren. - Ich mußte ihm antworten: Ja, wenn Sie mir eine Bestätigung hätten liefern wollen, daß ich recht habe, dann würde mir das einleuchten. Daß Sie mir es als Widerlegung sagen, das kann ich nicht begreifen. - So sind die Leute heute. Wenn gerade und natürlich gedacht wird, kommen sie nicht darauf, das hinzunehmen, denn die Vorstellungen der Menschen sind schon verrenkt worden. Also, mit Bezug auf das Internationale als solches ist ja gerade die Dreigliederung zuerst gedacht worden. Sie ist die Grundlage für eine wirkliche Sozialisierung auch des internationalen Lebens. Aber sie hat noch eine besondere Eigenschaft. Es schadet nämlich gar nichts, wenn der eine soziale Organismus sich dreigliedert und die anderen noch nicht wollen. Denn, wenn die anderen noch nicht wollen, so können ja diejenigen die Segnungen des dreigeteilten Organismus genießen, die ihn eingeführt haben. Nach außen, wenn es sie hindern sollte, können sie ja als Einheit auftreten. Wenn drei Parlamente da sind, so können sich die ja in Verhandlungen mit dem Ausland zusammentun, weil die anderen es noch nicht anders zulassen. Aber sie werden immer noch den anderen voraus sein, weil sie die Dreigliederung in ihrem Gebiete verwirklichen. Das ist gerade dasjenige, was wichtig ist, daß man gar nicht meint, die ganze Welt revolutionieren zu wollen, sondern daß man anfangen kann in einem bestimmten Gebiet. Dann wird das - und das glaube ich ganz bestimmt - sehr ansteckend wirken, wenn wirklich heilsame Zustände in einem Gebiete auftreten. Das wird gehörig ansteckend wirken. Gerade das wird dann beitragen zur Internationalisierung. Man muß nur praktisch denken. Das einzige, was jetzt passieren könnte, das wäre, daß uns die Entente daran hindert, diese Segnungen einzuführen, damit wir kein Beispiel geben können. Aber wir müssen gerade in dem, was wir |
| 74 | imstande sind, neu zu schaffen, Mut und Tatkraft zeigen. Vielleicht werden wir gerade durch so etwas gegen die stark kapitalistischimperialistischen Mächte ankämpfen können. Diskussionsredner Mittwich fragt: 1. Wie wird in Zukunft in der sozialistischen Wirtschaftsweise die Besteuerung des Menschen möglich sein? - 2. Wie werden wir sozialisieren? Rudolf Steiner: Mit dem Hinweis auf die Demokratisierung und ihre Bedeutung in der Übergangszeit glaube ich nicht, daß die verehrten beiden Vorredner etwas von meinen Ausführungen sich wirklich Unterscheidendes vorgebracht haben. Es könnten natürlich in dem einen oder anderen Kreise .Mißverständnisse eintreten, aber wirklich etwas von dem, was ich gesagt habe, Verschiedenes, ist eigentlich nicht vorgebracht worden. Sehen Sie, das müssen Sie als eine Grundlage gerade des ganzen Impulses der Dreigliederung ansehen, nämlich daß er überall auf die Wirklichkeit hinzielt, daß er gar nicht theoretisiert. Es ist eigentlich bei dem, was in meinem Buche über die soziale Frage steht - wenn ich mich jetzt ein bißchen paradox ausdrücken darf -, nicht einmal so sehr das wichtig, was da unmittelbar drinnen steht, sondern das, was geschieht, wenn man darangeht, das zu verwirklichen, was da drinnensteht. Da werden die Leute merken, daß allerlei Dinge herauskommen, von denen sie sich vorher gar keine Vorstellung gemacht haben, gerade die Dinge, die heute unbewußt gefordert werden von den wirklich arbeitenden und produktiven Menschen. Und in einem speziellen Falle ist das mit der Demokratie der Fall. Natürlich, für die Übergangszeit wird ja eine sehr bedeutende Frage diese sein: Wenn wir nun wirklich eine ausreichende Mehrheit bekommen, und die halte ich für das einzig Gesunde, denn mit kleinen Gruppen läßt sich eben nichts auf die Dauer halten, wenn wir eine ausreichende Mehrheit bekommen für etwas wirklich praktisch Ausführbares, dann entsteht natürlich die Frage aus den betreffenden tatsächlichen Verhältnissen heraus, sie kann nur daraus kommen: Auf welche Weise komplimentiert |
| 75 | man dann mehr oder weniger deutlich - Sie wissen ja, was ich damit meinen kann -, wie komplimentiert man diejenigen, von denen man wünscht, daß sie nun nicht mehr da sind als Regierende, heraus? Das ist natürlich eine bedeutsame Übergangsfrage, und ich glaube, daß, wenn eine wirklich relative Mehrheit - ich will sogar sagen, eine ausreichende Mehrheit, es kommt nur darauf an, daß es eine Anzahl von Menschen ist, die den Ausschlag gibt und die Sache tragen kann, die aus Überzeugung dabei ist, aus Einsicht und nicht durch Nachlaufen, nicht auf Autorität hin - da ist, dann wird man auch die Form finden, in der das Neue erreicht werden kann. Aber sehen Sie, die Frage, die ja sehr schon Herr Mittwich hier erörtert hat, erscheint mir doch nicht so ganz praktisch behandelt zu sein, insbesondere wenn ich mir vorstelle, daß sich ja die Dinge eben im Raum und nicht in unserem Kopfe, nicht in unseren Gedanken abspielen sollen. Herr Mittwich hat mit Recht gesagt: Bei den Schicksalsfragen Deutschlands, bei den großen, ernsten Fragen der Gegenwart dürfen nur diejenigen mitsprechen, welche produktive Arbeiter sind, welche in irgendeiner Weise wirklich produktiv tätig sind. - Ich bin vollständig einverstanden. Aber sehen Sie, die menschliche Gesellschaft würde schlecht dastehen, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht produktiv, wenn sie untätig wäre. Die Mehrzahl ist schon produktiv tätig. Und wenn man all die produktiv Tätigen nur hätte, wenn die nur wirklich eine Mehrzahl' bildeten, dann wären wir ja fein heraus. Dann wären diejenigen stark in der Minderheit, die produktiv untätig sind: die Parasiten der Gesellschaft. Nun ist die Sache mit dem dreigeteilten Organismus so, daß ganz gewiß nur die produktiv Tätigen, also diejenigen, die wirklich etwas hervorbringen und etwas bedeuten für die Gesellschaft, sich das aneignen werden, was in seinen Impulsen liegt. Wenn die es sich aneignen, können wir uns auf diese Leute verlassen, und die Minorität, die es sich nicht aneignet, kommt nicht in Betracht. Durch das Annehmen eines wirklich Vernünftigen bekommen wir eben in der Praxis eine Majorität, auf die man sich verlassen kann. |
| 76 | Also ich meine, die Sache selbst wird bewirken, daß, wenn sie angenommen wird, die Mehrheit der produktiv Tätigen sich Geltung verschaffen wird. Wie man aber irgend etwas durchbringen will, ohne daß man sich auf die Mehrheit der produktiv Tätigen stützen kann, das sehe ich in der Praxis noch nicht. Damit, daß man die Forderung aufstellt, es sollen an dem Schicksal Deutschlands nur die produktiv Tätigen teilnehmen, damit ist es noch nicht getan. Praktisch wird die Sache erst dann, wenn man bedenkt, wodurch denn die produktiv Tätigen allein eine Mehrheit bilden können. Die Parasiten werden schon ausgemerzt, wenn wir uns an den dreigliedrigen sozialen Organismus halten können. Denn der wird eine wirkliche Sozialisierung herbeiführen, und diejenigen, die unproduktive Gesellschaftsparasiten sind - dessen können Sie ganz sicher sein —, die werden keinen Geschmack finden können an dieser Sozialisierung. Die werden in die Untätigkeit - nun, da sind sie ja schon drinnen -, aber auch in die Untätigkeit in bezug auf ihre Stimme und so weiter zurückfallen müssen. Nicht wahr, wirtschaftlich läßt sich allerdings durch den Kapitalismus Zwang ausüben, das habe ich ja genügend ausgeführt. Aber dieser Zwang fällt eben dann fort, wenn wir ihn unschädlich machen dadurch, daß wir für den Abbau des Kapitalismus sorgen. Deshalb kann ich eigentlich immer nicht begreifen, wie fortwährend durcheinandergemischt wird dasjenige, was so paßt für die Gegenwart und was so paßt für die Zeit, die da kommen soll, die aber wirklich schon vor der Türe stehen muß, denn wir haben nicht lange Zeit. Für die Gegenwart kann man ja davon sprechen, daß einem die Kapitalisten die Gurgel zuschnüren können, aber das wollen wir gerade verhindern, daß sie das machen können. So können wir uns nicht Zustände ausdenken, die wir ja gerade beseitigen wollen. Deshalb ist es nicht richtig, daß eingewendet wird, die Kapitalisten werden die Macht haben. Sie werden sie eben nicht haben, wenn wir so vorwärtsschreiten, wie es der dreigliedrige soziale Organismus andeutet. Dadurch wird sie ihnen eben genommen. Und schließlich, wer heute genauer hinsieht, für den stellt sich die Frage so: Ja, ist denn eigentlich heute noch |
| 77 | das Kapital als solches, in der Hauptsache als wirtschaftliche Macht, über weite Gebiete wirklich ein so außerordentlich Mächtiges? Sehen Sie, da will ich Ihnen doch an einem Vergleich etwas verdeutlichen. Ich war einmal in einer Familie, die hatte einen recht großen Hund. Und plötzlich, nachdem sich die Frau der Familie lange Zeit sehr bedächtig diesen Hund angeschaut hatte, kam sie auf einen merkwürdigen Gedanken. Sie sagte, wenn sich dieser Hund jetzt plötzlich seiner Kraft bewußt würde und er würde sie anwenden, dann könnte er uns alle zerfleischen. Aber der ist so zahm, und wir sind eigentlich nur durch das, daß er sich an die Zahmheit gewöhnt hat, gerettet. - Sehen Sie, von der Kraft des alten Kapitalismus ist heute schon sehr viel unterhöhlt. Man denkt nur nicht daran, wieviel schon unterhöhlt ist, wieviel heute nur noch dadurch zum Schein aufrechterhalten wird, daß die alten Verhältnisse fortgepflanzt werden. Ja, sehen Sie, hätten nach der deutschen Revolution - nicht wahr, Vergleiche hinken ja immer, der Vergleich soll nichts anderes sein als ein Ausdruck für die Kraftverhältnisse - diejenigen, die dann heraufgekommen sind, das in sich hervorgebracht, daß sie sich bewußt geworden wären der Kraft, die in dem Bulldoggen liegt, hätten sie sich nicht hypnotisieren lassen von einem Fortwursteln in alten Bahnen, dann wären wir heute schon weiter. Nun, spezielle Fragen sind ja gerade bei den praktischen Menschen nicht immer so ganz leicht zu beantworten. Ich will Ihnen sagen, aus welchem Grunde. Die speziellen Fragen sind nämlich je nach den Verhältnissen mal so und mal so zu beantworten. Die Dinge können ganz verschieden gehandhabt werden, und es ist nicht immer notwendig, daß sie immer auf dieselbe Art gemacht werden. Der Programm-Mensch, der Theoretiker, der ist gewöhnlich so gescheit, daß er bis aufs I-Tüpfelchen hin ein sozialistisches Programm ausdenkt. Solche Leute hat es immer gegeben. Aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, daß man zeigt, wie der Boden gestaltet sein muß, damit die Menschen selber sozialisieren können, damit sie sich zusammenfinden im Sozialisieren. |
| 78 | Ich muß immer wieder betonen: Ich fühle mich nicht gescheiter als andere mit Bezug auf die Einzelheiten, aber ich versuche, Anregungen zu geben, wie aus jedem Menschen das herauskommen kann, was zur Sozialisierung beitragen kann. Deshalb möchte ich, daß sich die Menschen auf drei Böden stellen. Die Menschen werden ja nicht in Stände gegliedert, sondern sie alle werden in jedem Gebiete drinnenstehen. Und die Menschen sind es, die die Einheit bilden werden. Deshalb möchte ich so in die Ideengemeinschaft der Kräfte hineinkommen, daß die Sozialisierung durch die Menschen wirklich bewirkt werden kann. Dann werden wir unter den neuen Verhältnissen auch ein gerechtes System der Besteuerung herausfinden. Wir dürfen nicht vergessen: Wir können nicht aus der heutigen Vermögensstatistik ein gerechtes Prinzip für die Besteuerung herausfinden, da wir doch daran arbeiten, sie auf einen ganz anderen Boden zu stellen. Nicht wahr, alle diese Dinge wie Einkommenssteuer, Verbrauchssteuer und so weiter, die werden ja auf einen ganz anderen Boden in der Zukunft gestellt. Lesen Sie in meiner Schrift über die soziale Frage nach. Da werden Sie sehen, daß ja in der Zukunft manches ganz anders sein wird. So zum Beispiel steht der Familienvater in ganz anderer Art im sozialen Organismus als der Ledige, und zwar deshalb, weil, wenn der Rechtsstaat sich wirklich so ausbildet, wie ich es annehme, dann jedes Kind das Recht auf Erziehung besitzt. Dann ist die Situation nicht die, daß der Familienvater seinen kärglichen Lohn auf eine große Familie verteilen muß, während der Ledige alles für sich verbrauchen kann. Die Verhältnisse werden ganz andere. [Zwischenruf: Und die anderen Bedarfsartikel?] Das Recht auf Bedarfsartikel ist ja ein selbstverständliches. Das ist ja dadurch, daß der Wirtschaftsprozeß ein realer ist, gesichert. Jeder, der etwas produziert, wird einfach durch den Wirtschaftsprozeß die Möglichkeit haben, die viel sicherer ist als ein abstraktes Recht, die Bedarfsartikel zu beschaffen. Das, was durch die Emanzipierung des Wirtschaftslebens hervorgerufen werden soll, ist, daß man so viel hat, daß es reicht. Der Bedarf wird besser befriedigt dadurch, daß man ein Recht auf Bedarfsartikel und damit genug im Portemonnaie |
| 79 | hat. Das ist dasjenige, was das Recht auf Bedarfsartikel betrifft. Es ist das eigentlich kein brauchbarer Ausdruck, weil es in der Realität nicht von Bedeutung ist, wenn man wirklich an eine Realisierung des dreigliedrigen sozialen Organismus denkt. Dann nämlich wird ja hergestellt das, was den Menschen von einem gewissen Lebensalter an auch wirklich gleichstellt mit einem anderen Menschen. Nicht wahr, das Einkommen als solches, das braucht unter Umständen gerade in einem wirklich sozialisierten Gemeinwesen gar nicht maßgebend zu sein für dasjenige, was man verbrauchen kann. Denn es ist durchaus möglich, daß der Mensch dadurch, daß er irgendwie eine, nun, nennen wir es Qualitätsarbeit, zu leisten hat, daß er scheinbar gerade im sozialistischen Gemeinwesen mehr einnimmt als ein anderer; er hat deshalb nicht mehr für seinen Verbrauch als ein anderer, er muß es wiederum ausgeben in der entsprechenden Weise. Darauf kommt es nicht an, diesen Begriff von Einnahmen und Verbrauch in der Zukunft besonders ins Auge zu fassen, sondern es kommt darauf an, daß - weil ein Mensch wirtschaftlich gerecht in bezug auf den anderen Menschen gestellt sein wird -, daß es in der Zukunft möglich sein wird, überhaupt den Staat auch als Steuereinnehmer aus dem Wirtschaftsprozeß auszuschalten. Sehen Sie, ein Begriff wird in der Zukunft ganz verschwinden müssen, der Begriff der juristischen Persönlichkeit, auch der wirtschaftlich-juristischen Persönlichkeit. Es wird tatsächlich das, was an Steuern zu bezahlen ist, von einzelnen Menschen zu zahlen sein, weil im Staate, im demokratischen Staate, auf dem Boden, auf dem das Recht leben soll, der einzelne Mensch dem einzelnen Menschen gegenübersteht. Die Menschen können nur dann gleich sein, wenn ein Mensch dem anderen als Einzelner gegenübersteht. Auf dem Boden des Wirtschaftslebens und auf dem Boden des Geisteslebens muß es Korporationen geben. Auf dem Boden des Staates kann es nur Recht geben, das ist für alle Menschen dasselbe, das kann auch jeder erwachsene Mensch durchschauen. Davon ist aber das Äquivalent, daß jede Privatperson, daß jeder einzelne |
| 80 | nur der Steuerträger ist. Das kann proportional so eingerichtet werden, daß nie Ungerechtigkeit vorkommt, aber diese Proportionalität wird nicht notwendig sein, wenn wirklich ein Ausgleich unter den Menschen da ist. Die Steuerfrage wird dann etwas ganz anderes sein. Deshalb gelten die Dinge, um die es sich handelt und die heute gefragt werden können, mehr für das Übergangsstadium. Da muß man oftmals ja Dinge machen, die nicht bleiben. Da handelt es sich natürlich darum, daß man allmählich die Wege schafft zu der Besteuerung des einzelnen Menschen, nicht zur Besteuerung von Komplexen […] Natürlich muß auch eine Verbrauchssteuer geschaffen werden, womit ich nicht die indirekten Steuern meine, die ungerecht sind. Also, eine Verbrauchssteuer muß geschaffen werden, das heißt, daß derjenige, der viel Geld verbraucht, natürlich mehr herangezogen werden muß als derjenige, der nicht viel verbraucht, denn wenn sich einer das Geld in den Strohsack legt, so hat das für das soziale Leben keine Bedeutung. Bedeutung erlangt es erst dann, wenn es ausgegeben wird. Das sind natürlich so spezielle Fragen, die heute, weil sie ganz einzelne praktische Fragen sind, im Grunde genommen immer nur mangelhaft beantwortet werden können, weil auch die Einrichtungen im Übergangsstadium noch nicht gut sein können. Wenn wir eine Denkweise finden, die es ermöglicht, das gerecht zu verteilen, was dem Staate zukommt, so werden wir auch einen Weg finden, daß wir den, der heute noch ein großes Einkommen hat, mehr besteuern als den, der weniger hat. Und das, was Herr Mittwich in bezug auf die Zukunft gesagt hat, das kann nur verwirklicht werden, wenn alles das da sein wird, was durch die Dreigliederung geschaffen werden kann. Eine sehr reale Frage ist die, wie die Durchführung der Sozialisierung zu denken ist. Manche sagen, sie könne nur durch eine Steigerung der Produktion angestrebt werden. Ja, da kommen aber wirklich noch ganz andere Dinge in Betracht. Diesbezüglich ist noch keine große Klarheit in der gegenwärtigen Menschheit anzutreffen. Sehen Sie, ich sagte einmal in einem Vortrag - ich glaube vor Daimler-Arbeitern -, daß das Eigentümliche in der neueren |
| 81 | Menschheitsentwicklung das sei, daß durch die Maschinen die Anzahl der Arbeitenden auf der ganzen Erde nicht übereinstimmt mit der Anzahl der Menschen, die im Konversationslexikon als Bevölkerungszahl der Erde angegeben ist. Da werden ungefähr 1500 Millionen Menschen angegeben, aber in Wahrheit, wenn wir die arbeitende Bevölkerung zählen, sind es 2000 Millionen, also 500 Millionen mehr. Das ist eine eigentümliche Tatsache. Ich behaupte natürlich nicht, daß Gespenster herumlaufen, die ja auch nicht arbeiten würden, wenn sie herumliefen, sondern das ist so, weil wir Maschinen haben und vergleichen können, was wirtschaftlich produziert wird unter Anwendung der Maschinen etwa im Gegensatz zum Orient, wo noch nicht so viele Maschinen vorhanden sind, wo der Mensch mehr Hand anlegt. Dadurch ist man in die Möglichkeit versetzt, zu berechnen, daß das, was seit der Herrschaft der Maschine auf der ganzen Erde mehr geleistet wird, eben 500 Millionen Menschen entspricht. Denken Sie sich einmal, wieviel da an Arbeit, an Produktionskraft erspart werden könnte, wenn das wirklich in vernünftiger Weise verwertet würde. Aber darauf ist mir merkwürdigerweise erwidert worden: Ja, ich hätte ja ganz richtig gesagt, daß durch die Maschine 500 Millionen imaginärer Menschen da seien, also 500 Millionen Menschen mehr als in Wirklichkeit, daß also die Arbeit geleistet würde von 2000 Millionen Menschen, aber dafür seien auch die Bedürfnisse der Menschen gestiegen während des Maschinenzeitalters und das gleiche sich wiederum aus gegenüber früher. - Das ist ein Einwand, den man sehr häufig gemacht bekommt, daß einfach, wenn die Produktionskraft gesteigert wird, sich auch die Bedürfnisse steigern. Ein Loch wird zugemacht, ein anderes geht auf. Aber in Wirklichkeit ist es doch anders. Da ist es doch so, daß alles zu Hilfe genommen werden muß, was zur Rationalisierung, zur richtigen Ausgestaltung des Produktionsprozesses führen kann. Wer nur denkt, der Produktionsprozeß müsse gesteigert werden, der kommt nicht zum Richtigen - und dies ist: ein richtiger Ausgleich zwischen Konsumtion und Produktion,, nicht die möglichst große Steigerung der Produktion. Die führt auch nicht zu dem, was |
| 82 | erstrebt werden muß, also zu einer solchen Preisbildung, die wirklich menschenwürdige Lebensbedingungen für alle Menschen schafft. Das, was notwendig ist, das ist namentlich, daß gerade in der Produktion nicht solche Fehler gemacht werden, die, sagen wir, in Deutschland gemacht worden sind. Einer davon - es sind ja viele gemacht worden - ist der, daß in den Jahren lange Zeit vor Ausbruch des Weltkrieges für die deutsche Industrie doppelt so viele Kohlen gebraucht worden sind, als erforderlich gewesen wäre. Da sind einfach soundso viele Kräfte nutzlos verbraucht worden, die eigentlich ganz anderem hätten dienen können. Gerade darauf kommt es an, daß wir im Wirtschaftsprozeß Menschen haben, die der gegenwärtigen Situation gewachsen sind. Die haben wir aber nicht. Die Menschen können zwar im großen Stil sehr fortgeschritten technisch denken, hingegen wirklich wirtschaftlich leitende Persönlichkeiten haben wir nicht, an denen fehlt es uns. Der wirtschaftliche Prozeß ist gar nicht in der Weise wirklich organisiert, wie er sein müßte, denn die Leute haben gar keine Ahnung davon, wie sehr es darauf ankommt, daß nicht unnötig Produktivkräfte in die Luft verpulvert werden. Ich habe öfter schon in diesen Vorträgen ein groteskes Beispiel gebraucht. Es kommt ja heute nicht selten vor, daß ein junger Dachs, nachdem er die Universität absolviert hat, seine Doktorarbeit schreiben muß. Ich schildere jetzt ein konkretes Beispiel. Ein junger Mensch bekam von seinem Professor die Aufgabe, seine Doktorarbeit zu schreiben über die Beistriche bei Homer - die es übrigens nicht gibt. Das ist natürlich eine Arbeit, die zum sozialen Prozeß nicht das Geringste beiträgt. Die Leute, die vom Wissenschaftsdenken hypnotisiert sind, die nehmen es einem übel, wenn man so etwas sagt. Aber diese Sache muß in das wirtschaftliche Licht gerückt werden. Wirtschaftlich kommt das in Betracht, daß dieser junge Mann eineinhalb Jahre für die Arbeit braucht. In dieser Zeit muß er doch essen, trinken, sich kleiden. Daß er das kann, macht notwendig, daß soundso viele Menschen für sein Essen und Trinken Arbeit leisten müssen, er aber verpulvert seine |
| 83 | Produktivkraft, er leistet für die Gesellschaft nichts. Er wird durch dasjenige, was die Leute «freie selbständige Wissenschaft» nennen, zum Parasiten des Gesellschaftslebens. Das ist nur ein Beispiel. Solche Dinge aber, wo man sehr fleißig sein kann, aber letztlich unproduktiv, solche Dinge gibt es viele in unserem Produktionsprozeß, in unserem ganzen gesellschaftlichen Leben. Da entsteht die Frage: Wie bekommen wir denn das heraus? Wir bekommen es nicht heraus, ohne daß wir das geistige Leben auf seinen eigenen Grund und Boden stellen. Steht es denn heute auf seinem Grund und Boden? Wo man es angreift, da spürt man den ungesunden Boden. Wo kommen denn die zahlreichen Menschen her, die da losgelassen werden auf die arbeitende Bevölkerung und die da leiten oder regieren sollen diejenigen, die da arbeiten? Ich habe in meinen Vorträgen schon öfter das Beispiel angeführt eines gewissen Regierungsrates Kolb. Dieser Regierungsrat Kolb, er machte es nicht wie viele andere, die sich nach einer gewissen Zeit pensionieren lassen, sondern er ging nach Amerika und arbeitete dort unter Arbeitern, zuerst in einer Fahrradfabrik, dann in einer Brauerei. Dann hat er ein Buch geschrieben: «Als Arbeiter in Amerika». In diesem Buch lesen Sie den folgenden schönen Satz: Früher, wenn ich auf der Straße einen Menschen sah, der nicht arbeitete, dachte ich: Warum arbeitet denn der Lump nicht? Heute sehe ich die Sache ganz anders an. Heute weiß ich, daß sich die unbehaglichen Dinge des Lebens in der Studierstube noch ganz behaglich ausnehmen. - Nun, sehen Sie, dieser Mensch hat es bis zum Regierungsrat gebracht. Er hat also ganz gewiß da drinnen studiert in unseren heutigen Geisteswerkstätten, aber er hat keine Ahnung gehabt vom Leben, keine Ahnung von der Arbeit. Von solchen Leuten wird heute das Leben geleitet! Man ahnt gar nicht, wie sehr von solchen Dingen unsere Lebensverhältnisse abhängig sind! Müssen aber diese Verhältnisse nicht ungesund sein? Ja3 ich bitte Sie doch nur zu berücksichtigen, daß der Mensch wirklich von seinen Gedanken abhängig ist. Was da im Kopfe drinnen ist, das ist nicht gleichgültig, das steckt an, das steckt, besonders wenn es in den Entwicklungsjahren an den Menschen |
| 84 | herankommt, den ganzen Menschen an. Und jetzt will ich Ihnen etwas sagen: Sorgen die heutigen Lehranstalten dafür, daß Menschen ausgebildet werden, die dann etwas verstehen vom Leben, auf dessen Boden sich die Arbeit abspielt? Nein, das sind ganz andere Verhältnisse. Und in den Köpfen derjenigen, die heute von unseren Lehranstalten entlassen werden, was leben in ihnen für Gedanken? Es leben in ihnen die Gedanken, die die Leute zum Beispiel durch die griechische Sprache aufnehmen. Aber eine Sprache ist das deutliche Spiegelbild des äußeren Lebens. Grammatik, Wortbildung, selbst der Tonfall und alles andere ist dem Leben entnommen. Die griechische Sprache, wenn ich mich mit ihr durchdringe, die macht mich so, daß ich mich in das griechische Leben hineinfinde. Damals war es so, daß nur der ein freier Mensch sein durfte, der Politik oder Kunst oder Wissenschaft trieb oder vielleicht noch den Ackerbau verwaltete. Alle anderen waren Unfreie. Auf dieses nun ist alles, indem man das Griechische aufnimmt, hingerichtet. Die Menschen, die da heute aus den Lehranstalten herauskommen, die kommen heraus mit Gedanken, die nur anwendbar sind auf eine solche Gesellschaftsordnung, in der nur wenige Menschen freie, die meisten aber unfreie sind. Das merken die Leute nicht, was da unbewußt vorgeht, was da in sie einfließt. Deshalb muß das Geistesleben befreit werden, damit wir nicht Kapitalisten und ihre Knechte als geistige Leiter haben, sondern damit die geistige Leitung zum Wirtschaftsleben paßt. Ist es denn eigentlich nicht absurd - es handelt sich ja jetzt um die «große Abrechnung» -, ist es denn nicht absurd, daß unsere geistigen Leiter es nicht so machen wie die Griechen? Die Griechen haben in ihren Lehranstalten für ihr Leben gelernt. Man mag das heute kritisieren wie man will, aber es war eben das Leben damals. Heute darf das das Leben nicht sein! Wir lernen aber nicht dasjenige, was für unser Leben erforderlich ist, sondern wir lassen unsere Jugend das lernen, was für das alte Griechenland war. Ja, sehen Sie, an diesen Grundlagen für eine gesunde Sozialisierung denken eben die Menschen heute noch nicht. Das ist aber notwendig, vor allen Dingen, wenn von einer richtigen Gestaltung |
| 85 | der Produktion, die ja heute recht kompliziert ist, gesprochen wird. So muß man heute lernen einzusehen, zum Beispiel wie groß ein Produktionsbetrieb sein darf. Denn sehen Sie, auf einen zu kleinen Produktionsbetrieb trifft durchaus das zu, was Herr Mittwich gesagt hat. Er kann natürlich nicht bestehen, weil er einer alten Wirtschaftsordnung angehört. Aber wir dürfen die Produktionsbetriebe aus rein wirtschaftlichen Gründen nicht zu groß werden lassen, und zwar deshalb: Zu kleine Betriebe - das muß ich als wirtschaftliches Gesetz heute aussprechen -, zu kleine Betriebe werden in der Zukunft dazu führen, daß diejenigen, die in ihnen arbeiten, verhungern. Zu große Betriebe werden ein Verhungern derjenigen bewirken, die das kaufen sollen, was in diesen Betrieben produziert wird. Der Produktionsbetrieb muß eine ganz bestimmte Größe haben, und diese Größe wird nur festgestellt werden können, wenn in Zukunft durch die Menschen, die etwas verstehen, eine richtige Balance zwischen Konsumtion und Produktion geschaffen wird. Die Konsumtionsinteressen sind immer so, daß sie sich ausdehnen wollen. Konsumtionsgenossenschaften, das werden Sie immer sehen, haben ein Interesse, groß zu werden. Produktionsgenossenschaften wollen immer kleiner werden. Der richtige Ausgleich wird geschaffen durch dasjenige, was Produktion und Konsumtion zusammen bewirken. Dann werden solche Betriebe entstehen, die eine entsprechende Größe haben werden, so daß wirklich der geistig tätige Mensch zum Heil der mit ihm körperlich Arbeitenden wirken kann, und daraus wird ein natürlicher Wohlstand hervorgehen, der den breiten Massen ein menschenwürdiges Dasein sichern können wird. Also, Sie sehen, so einfach ist die Frage nicht. Es ist notwendig, daß man einsieht, daß es ungesund ist, wenn jemand sagt, daß, wenn die gesamte Produktion durch die Maschine geleistet wird - wie der Herr mir dazumal sagte -, daß dann auch die Bedürfnisse steigen. Es ist eine Frage, ob das ein gesunder Zustand ist, wenn die Bedürfnisse steigen dürfen, oder ob nicht die Möglichkeit ins Auge gefaßt werden muß, dem Menschen Arbeit abzunehmen, damit er etwas Ruhe finden kann. Das kann auch beitragen zur |
| 86 | richtigen Regulierung der Preise. Die Menschen sehen oft das Aller einfachste nicht. Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben: Ich kam einmal mit jemandem in einen freundschaftlichen Streit über das Bekritzeln von Ansichtspostkarten. Ich sagte: Ich schreibe nicht gerne Ansichtskarten, denn meistens sind sie doch nur einer Laune entsprungen und eigentlich etwas Unnötiges. Und ich glaube, daß ich all den Briefträgern, die da treppab und treppauf laufen müssen, dieses Treppab- und Treppauflaufen ersparen kann. Ich möchte ihnen diese Arbeit ersparen. Der andere sagte: Das ist nicht richtig, denn erstens habe ich eine Freude, wenn ich einem anderen eine Freude machen kann mit der Karte. - Nun, das ließ sich noch anhören. Dann sagte er aber: Dann werden zweitens die bisherigen Briefträger bald nicht mehr ausreichen, und man muß weitere einstellen. So kommt dann wieder jemand in Brot dadurch, daß ich viele Ansichtskarten schreibe. - Daraufhin sagte ich: Aber bedenken Sie doch, was Sie jetzt eigentlich sagen. Glauben Sie denn, daß Sie die Menge des Brotes dadurch auch nur um ein Gramm vermehren können, daß Leute angestellt werden, um Ansichtskarten herumzutragen? Die Menge von Verbrauchsgütern, die für die gleiche Anzahl Menschen notwendig ist, wird doch nicht erhöht dadurch, daß die Karten herumgetragen werden! Man muß doch unterscheiden zwischen der Produktionskraft, die eben in Arbeit verwandelt werden muß, und ganz unproduktiven Kräften. Und diese schauderhafte Phrase, die oftmals benutzt wird, daß man Arbeit schaffen müsse, damit die Menschen eingestellt werden können, die hat gar keinen Sinn, wenn man etwas ganz Unproduktives schafft. Also, es kommt darauf an, daß gerade durch eine vernünftige Sozialisierung die Produktion nicht einfach blind gesteigert wird, sondern darauf, daß ein richtiges Gleichgewicht zwischen Konsumtion und Produktion hergestellt wird. Sehen Sie, es ist eben so sehr notwendig, daß wir heute den guten Willen entwickeln, uns über diese Dinge zu unterrichten. Denn wenn wir fortfahren, in diesen schauderhaften Begriffen zu denken, mit denen man aus der kapitalistischen Ordnung heraus denkt, dann kommen wir |
| 87 | eben nicht weiter. Man muß sich immer wieder fragen: Ist irgend etwas noch kapitalistisch gedacht, oder ist es ein wirklichkeitsgemäßer Keimgedanke für die Zukunft? Deshalb muß man sich schon sagen: Man muß heute einen Gedanken schon zweimal umkehren, um sicher zu gehen, daß es ein Gedanke für den Neuaufbau ist und nicht ein Gedanke, der gelernt ist aus dem heraus, was für den Abbau reif ist. Das ist dasjenige, was ich zu den Fragen sagen wollte. Es wird folgende Frage gestellt: Unter den heutigen Umständen bekommen wir kaum eine Majorität für die Dreigliederung, weil nicht einmal die Proletarier unter sich einig sind. Was tut man, um diese Einigung herbeizuführen? Rudolf Steiner: Ja, das ist eine von den Fragen, die immer darauf hinauslaufen, daß man zwar einsieht, was richtig ist, sich aber vorstellt, daß man es aus irgendwelchen Gründen nicht erreichen könne. Diese Frage sollte man so eigentlich nicht aufwerfen, damit kommt man wirklich nicht weiter. Die Frage muß eine Willensfrage werden. Ich kann mich darüber nicht aussprechen. Man muß eben etwas tun. Man muß das, was man als richtig eingesehen hat, von Mensch zu Mensch tragen. Man muß sich nicht fragen: Erlangen wir eine Majorität oder nicht? -, sondern man muß alles tun, um diese Majorität zu erlangen. Dann tun wir unsere Pflicht gegenüber uns selbst und gegenüber der ganzen Menschheit. Eine Willensfrage muß aufgeworfen werden und nicht bloß eine theoretische Frage wie die: Wie bekommen wir die Majorität? - Ich sage: Wir müssen sie haben! Und deshalb müssen wir arbeiten, um sie zu bekommen. Eine Willensfrage muß es sein. Anders geht es nicht. |