Zuletzt angesehen: 001_versammlung

Stuttgart, 8. Mai 1919 : VERSAMMLUNG, der Arbeiterausschüsse der großen Betriebe Stuttgarts

Stuttgart, 8. Mai 1919 : VERSAMMLUNG, der Arbeiterausschüsse der großen Betriebe Stuttgarts

Die Stellung des Arbeitsrechts innerhalb des dreigliedrigen sozialen Organismus. Bemerkungen zur sozialen Bewegung im 19. Jahrhundert und Thünens warnende Worte. Über die Notwendigkeit des Sozialismus und die Unwiderlegbarkeit der wichtigsten Thesen von Karl Marx. Bruno Hildebrands Bedenken gegenüber dem Sozialismus. Grundlegende Gesichtspunkte für die Konstituierung von Betriebsräten innerhalb einzelner Betriebe und die Begründung einer Betriebsräteschaft innerhalb eines in sich geschlossenen Wirtschaftsgebietes. Über die Notwendigkeit von Wirtschaftsgesetzen, die aus dem Wirtschaftsleben selbst hervorgehen müssen, verdeutlicht unter anderem an der problematischen Anschauung der Physiokraten.

Seite Text
25 Einleitende Worte von Rudolf Steiner Meine sehr verehrten Anwesenden! Unter dem Eindruck dessen, was Ihnen der Herr Vorsitzende gesagt hat, stelle ich mir vor, daß sich heute unser Abend vorzugsweise so abspielen könnte, daß die verehrten Anwesenden konkrete Fragen stellen. Auf diese Weise werden wir am besten unseren Zweck, der Ihnen eben vorgetragen worden ist, erreichen. So wird es vielleicht am besten sein, wenn ich nur weniges vorausschicke, um Ihnen eine kleine Unterlage für die nachfolgende Diskussion, die, wie ich glaube, heute die Hauptsache sein sollte, zu geben.
Sie werden ja, wie der Herr Vorsitzende vorausgesetzt hat, Kenntnis genommen haben von dem, was ich aus einer lebenslangen Erfahrung heraus an Vorschlägen für einen wirklich praktischen Weg zur Sozialisierung, die erst unter den laut sprechenden Tatsachen der Gegenwart zum Abschluß gekommen sind, machen mußte. Nur kurz möchte ich, gewissermaßen wiederholend, einiges charakterisieren.
Es geht darum, daß in der Zukunft radikal das angestrebt werden muß - und es kann viel schneller angestrebt werden, als viele glauben -, was ich in einem «Aufruf» und in meinem Buch die Dreigliederung des sozialen Organismus genannt habe. Diese Dreigliederung würde dazu führen, daß in der Zukunft ein eigenständiger geistiger Organismus da sein würde, der sich selbst verwaltet und der die Aufgabe hätte, die Naturgrundlage des Menschen, also seine individuellen Fähigkeiten, so zu pflegen, wie man sonst im Wirtschaftsleben die Naturgrundlagen pflegen muß. Das zweite würde die Organisation sein, die an die Stelle des gegenwärtigen Staates zu treten hat, die eigentliche Rechtsorganisation. In ihr würde zunächst vor allen Dingen alles das zu regeln sein, was die gegenwärtigen Besitz- und Eigentunisverhältnisse, auf die es
26 ja bei der wirklichen Sozialisierung vor allen Dingen ankommt, in einen wünschenswerten nächsten Zustand überführt. Auf der einen Seite hätte man also zunächst das - es kommen natürlich unermeßlich viele Dinge im Laufe der Zeit in Betracht -, was an die Stelle des Staates zu treten hatte. Man würde also die gegenwärtigen Gewalt-, Besitz- und Eigentumsverhältnisse überzuführen haben in solche Verhältnisse, die auf das Recht, in dem alle Menschen gleich sind, gebaut sind. Und auf der anderen Seite würde in diesem, den Staat ersetzenden mittleren Glied des sozialen Organismus alles das geregelt werden, was das gesamte Gebiet des Arbeitsrechtes umfaßt.
Das Arbeitsrecht sehe ich immer dann gefährdet, wenn es innerhalb des Kreislaufes des Wirtschaftslebens selbst geregelt werden soll. Jene Schäden, die vor allen Dingen im heutigen Wirtschaftskörper auftreten, werden gewöhnlich falsch beurteilt. Ich habe mir viel Mühe gemacht, mir nicht aus dem, was über die Dinge geschrieben worden ist - denn daraus ist in Wahrheit sehr wenig zu entnehmen -, sondern gerade aus dem Leben heraus ein entsprechendes Bild zu machen. Ich möchte diese Dinge heute nur kurz referieren, damit wir zu konkreten Fragen kommen können. Ich habe es in meinem Buch ja ausführlich begründet: Solange der Glaube herrscht, daß man das, was Arbeitszeit, was Maß und Art der Arbeit sein muß, innerhalb des Wirtschaftskörpers selbst regeln will, so lange kann der Arbeiter nicht zu seinem Recht kommen. Der Arbeiter muß bereits sein Arbeitsrecht voll geregelt haben, wenn er dem Arbeitsleiter nur irgendwie gegenübertritt. Nur dann ist er in der Lage, einen wirklichen Vertrag zu setzen an die Stelle der heutigen Scheinverträge, des Lohnvertrages, oder wie man es nennen will, der kein freier Vertrag ist, weil der Arbeiter nicht das Arbeitsrecht hinter sich hat, das ihn erst in die Lage versetzt, einen wirklich freien Vertrag zu schließen. In dieser Wirtschaftsordnung kann der Arbeiter nicht zu seinem Recht kommen, sondern nur durch die Abgliederung der gesamten Rechtsverhältnisse vom Wirtschaftsleben und ihrer Überführung in das, was an die Stelle des Staates zu treten hat.
27 Als drittes käme der selbständige Wirtschaftsorganismus in Betracht. In ihm wird man es dann nicht mehr mit irgendeiner Abhängigkeit des Arbeitsrechts von einer wie auch immer gearteten Konjunktur, Preisbildung und so weiter zu tun haben, sondern alle wirtschaftlichen Konsequenzen, namentlich alle wirtschaftlichen Preisbildungen werden sich nicht als Ursache ergeben, sondern als Wirkung dessen, was im Arbeiterrecht schon oder besser gesagt im Arbeitsrecht selbst schon begründet ist. Das Arbeitsrecht wird für das Wirtschaftsleben etwas sein wie die Naturbedingungen selber. Dadurch allein schaffen Sie eine gesunde Grundlage für die Sozialisierung des Wirtschaftskreislaufes.
Sehen Sie, diese Anschauung ist ja wahrhaftig keine ideologische, keine utopistische, sondern eine solche, die sich mir aus meinem Darinnenstehen - und das ist ja fast so alt oder ganz so alt wie mein Leben - in der proletarischen Bewegung ergeben hat. Selbstverständlich sieht man sich dann nachträglich in der Welt um, wie sich eigentlich alles das, was soziale Bewegung ist, entwickelt hat. Die soziale Bewegung ist ja wahrhaftig nicht von heute. Sie ist etwas, auch in der Gestalt, wie sie heute lebt, ziemlich Altes. Man meint ja zunächst, wenn man die Dinge bezüglich der heutigen sozialen Bewegung durchschauen will, nur zurückgehen zu müssen bis zum Kommunistischen Manifest. Aber wer die Dinge heute, wo wir an einer so gewaltigen Wende stehen, wo wir nicht vor einer kleinen Abrechnung, sondern vor einer großen Abrechnung stehen, richtig anfassen, also anfassen, nicht nur verstehen will, der muß eigentlich das Wirtschaftsleben und die Vorstellungen, die sich die Menschen über dasselbe gebildet haben, schon in frühere Zeiten zurückverfolgen.
Denn sehen Sie, es ist wahrhaftig nicht gleichgültig, daß zum Beispiel im Jahre 1826 ein Mensch wie Thünen in einer Zeit, in der die meisten Menschen in Europa noch gar nicht an irgend etwas wie eine soziale Frage gedacht haben, schon in einer gewissen Weise das vorausgesagt hat, was als eine Folge unserer Weltkatastrophe dann eingetreten ist. Thünen war ja ein Mensch, der selbst gewirtschaftet hat, aber nicht nach den üblichen Gewohnheiten,
28 sondern mit vollem Verstand und mit einem Verhältnis zum Wirtschaftsleben, das auf Wirklichkeit beruht. Dieser Thünen sagte schon 1826: Wenn sich die Menschen nicht entschließen, das zu tun, was in sozialer Beziehung notwendig ist, dann geht Europa einer furchtbaren Verheerung und Barbarei entgegen. - Das wußte man also schon, aber es waren nur wenige, die so sprachen. Dies wurde 1826 gesprochen.
Nun haben sich im Laufe des 19. Jahrhunderts immer wieder ehrliche, aufrichtige Menschen abgemüht mit dem, was man die soziale Frage nennt, und da möchte ich doch noch einmal betonen — das ist nicht für mich maßgebend gewesen, aber doch etwas, was ein Licht zurückwirft -, daß derjenige, der objektiv auf das eingeht, was auf Seiten einiger als die Forderung des Sozialismus hervorgetreten ist - gestern ist ja genauer darüber gesprochen worden -, sich nur sagen konnte: Der Sozialismus muß einmal kommen. Sozialismus ist eine Notwendigkeit. Er muß kommen, er wird kommen. Der mußte sich dann auch sagen, daß das, was die Menschen, die es mit dem Sozialismus ehrlich meinen, vorbringen, Bedeutung hat. Und, nicht wahr, wenn man mitgemacht hat all den Kohl der nationalökonomischen Gelehrten, die den Marx widerlegen zu müssen glaubten, so kann man sagen: Die wichtigsten Behauptungen von Karl Marx sind nicht zu widerlegen, sind ganz unmöglich zu widerlegen. Aber wendet man sich dann zur anderen Seite hin, natürlich nicht zu den Söldlingen und Dienern der Kapitalisten, sondern zu denjenigen, die soziales Verständnis hatten, so findet man unter denen auch immer wieder solche, die aus der Wirklichkeit des praktischen Lebens heraus Einwendungen gegen den Sozialismus machten, die einen schon nachdenklich stimmen konnten. Es ist nicht uninteressant, daß in demselben Jahr, in dem das Kommunistische Manifest in die Welt hinausgegangen ist, ein Buch erschienen ist von Bruno Hildebrand, einem Menschen, der ehrlich ist und der gewichtige Dinge zur Widerlegung des Sozialismus vorgebracht hat. Und gerade wenn man ehrlich auf dem Boden des Sozialismus steht, dann kommen einem gewisse merkwürdige Gedanken, wenn man solche Dinge liest.
29 Ich will nicht Wert legen darauf, was dieser oder jener andere aus den bürgerlichen Kreisen gesprochen hat, das ist ja zumeist Kohl, aber wenn man so etwas wie die Darstellung von Bruno Hildebrand vor sich hat, kommt man doch dazu, sich zu sagen: Auf der einen Seite kann man gegen den Sozialismus nichts einwenden, der muß kommen. Jedoch die Bedenken, die solche Leute wie Hildebrand haben, die sind außerordentlich schwer zu widerlegen. Denn Hildebrand macht seine Einwendungen nicht aus einer Abneigung gegen den Sozialismus, sondern er hat, angesichts des Sozialismus, so wie er ihn kannte im Jahre 1848 - und heute würde für Hildebrand dasselbe gelten, wenigstens bis 1914 -, lediglich seine Bedenken geäußert. Er hat sich vorgestellt, daß, wenn der Sozialismus im alten Stile eingeführt wird, nicht die Bürgerlichen irgendwie unter die Räder kommen, sondern diejenigen, die den Sozialismus wollen, letztlich nichts erreichen werden. In gewissem Sinne sahen solche Menschen wie Hildebrand schon voraus, was da kommen kann, wenn gerade solche Leute aus den Kreisen der sozialistischen Partei nach oben kommen, aus denen heraus dasjenige, was gerade die große Masse des Proletariats will, nicht entstehen kann.
Sehen Sie, dazu gibt es natürlich die verschiedensten Abstufungen von Ansichten. Und wenn man da nun ganz ehrlich zu Werke geht, so muß man sich sagen: Ja, das ist überhaupt ein Mangel unserer jetzigen menschlichen Gedanken, daß wir nicht dazu in der Lage sind, etwas zu finden, was nicht bloß ausgedacht ist, denn sozialistische Programme sind trotz allem, was auch gesagt wird, vielfach bloß ausgedacht. Wir brauchen heute etwas, was nicht ausgedacht ist.
Nun wirft das, was ich Ihnen eben jetzt gesagt habe, eine Art Licht zurück auf das, was sich mir aus dem praktischen Leben ergeben hat. Wenn ich mir die Entwicklung der sozialistischen Gedanken im 19. Jahrhundert verdeutliche und auch Hildebrand sowie die revisionistischen Gedanken im 19. Jahrhundert berücksichtige, dann komme ich zu folgendem: Wenn man den Sozialismus so durchführen will, daß man unter der Hypnose des Einheitsstaates
30 weiterwirtschaftet, daß man also nur den Einheitsstaat mehr nach der wirtschaftlichen Schattierung hin verlängert, werden gerade für die breiten Massen alle die Schäden eintreten, die Hildebrand vorausgesehen hat. Das heißt, wir brauchen einen Sozialismus, der sich so verwirklicht, daß diese Dinge nicht eintreten. Es darf also in dem sozialen Organismus, in dem Wirtschaftsorganismus das nicht enthalten sein, was zu solchen Bedenken führt. Und da sagte ich mir: Da gilt gerade diese Dreiteilung, denn ich nehme auf der einen Seite das Geistesleben und auf der anderen das Rechtsleben heraus, wodurch ein Wirtschaftsorganismus geschaffen wird, der nicht mehr die Bedenken erregen kann, weil eine großzügige Sozialisierung in dem dreigeteilten Organismus durchgeführt werden kann. Das werden Sie in allen speziellen Fragen sehen, insbesondere, wenn wir dann auf die konkretesten Fragen eingehen.
Nehmen wir als eine heute aktuell werdende Frage, von der ich hoffe, daß wir nachher darauf naher eingehen werden, die Frage der Betriebsräte. Sehen Sie, meine Vorschläge sind aus der Wirklichkeit heraus gedacht und daher nicht ein fertiges Programm, sondern etwas, was in Angriff genommen werden soll und was nach und nach, nicht langsam, sondern eben vielleicht auch schnell nach und nach, das werden die Zeitverhältnisse notwendig machen, entstehen soll. Es entsteht durch das, was ich als dreigliedrigen Impuls für eine wirkliche Sozialisierung hinzustellen versuchte, die Möglichkeit, wirklich vorwärtszukommen.
Die Frage der Betriebsräte - ich hoffe, daß sie nachher eingehend besprochen wird - ist heute ja real vorhanden, und von jedem Punkte der Wirklichkeit kann man heute praktisch ausgehen, um das zu verwirklichen, was in meinem Buch ausgeführt ist. Diese Betriebsräte denkt sich zum Beispiel derjenige, der im alten Stil sozialistisch denkt, vor allen Dingen so - mir ist das gesagt worden -, daß sie mehr oder weniger gesetzlich eingeführt werden, das heißt, er denkt sich die Betriebsräte als Staatsinstitution. Nun bin ich einmal mehr der Ansicht, daß, wenn sie so eingeführt werden, sie ganz sicher das fünfte Rad am Wagen sein
31 werden. Es ist nur möglich, daß man die Betriebsräte aus dem Wirtschaftsleben selbst heraus schafft.
Ich sprach das neulich so aus: Lasse man die Betriebsräte entstehen, und patze man nicht in ihre Entstehung hinein durch Gesetze über dieselben! Sie sollen zuerst da sein, sie sollen zuerst in den einzelnen Betrieben entstehen, aber sie müssen sich besonders für die Übergangszeit unbedingt eine solche Stellung schaffen, daß sie gegenüber den bisherigen Chefs und Betriebsleitern ganz unabhängig sind. Sie müssen selbstverständlich eine unabhängige Stellung haben.
Dann wird der nächste Schritt sein, daß schon bei der Konstituierung der Betriebe heute hauptsächlich darauf Rücksicht genommen wird, daß sie über die in Betracht kommenden Wirtschaftsterritorien hin eine eigene Körperschaft bilden. Denn wer heute noch die Sozialisierung so auffaßt, daß man nur die einzelnen Betriebe sozialisieren will, der würde sehr bald sehen, auf welch kuriosem Standpunkt wir durch die Sozialisierung lediglich einzelner Betriebe in fünf Jahren stehen würden. Würden wir bloß die einzelnen Betriebe sozialisieren, so kämen wir zum wüstesten Individualismus der einzelnen Betriebe, und die Unzufriedensten müßten die Arbeiter sein. Es würde eine solche Ungleichheit unter den Arbeitern in bezug auf das Einkommen eintreten, daß es unerträglich wäre. Sozialisieren kann man nämlich nur, wenn man den ganzen Wirtschaftskörper, von einer gewissen Größe an, als solchen sozialisiert.
Also, es handelt sich erstens darum, daß vor allen Dingen sich über ein gewisses Gebiet Betriebsräte für gewisse gleichartige Betriebe konstituieren. Von den Betriebsräten geht ein sehr wichtiger Akt der Gesamtsozialisierung aus, so daß nicht nur ein Band geschaffen wird zwischen den Betriebsräten gleichartiger Betriebe, sondern über alle Betriebe hinüber. Dann kann eine wirkliche Sozialisierung des Wirtschaftslebens allmählich eintreten. Nur dann sind die Dinge zum Segen. Wenn also damit begonnen wird, Verständnis zu entwickeln schon bei dieser außerordentlich wichtigen Einsetzung der Betriebsräte, so wird man sehen, daß man auf
32 einen grünen Zweig kommt mit dem, was die Dreiteilung meint. Erreicht werden wird nur etwas, wenn man nicht dulden wird, daß in die Funktionen der Betriebsräte dasjenige, was an die Stelle des Staates tritt, in einer anderen Weise eingreift als bloß mit Bezug darauf, daß der Staat dafür einzutreten hat, daß die Betriebsräte funktionieren können, so wie er natürlich dafür zu sorgen hat, daß ich einen Weg gehen kann, ohne überfallen zu werden. Aber anders als sonst der Staat sich stellt zu den persönlichen Rechten der Menschen, soll er sich auch nicht stellen etwa mit irgendwelchen Begrenzungen der Funktionen und so weiter zu den Betriebsräten. Die Funktionen müssen hervorgehen aus der Selbstkonstitution der Betriebsräteschaft im Wirtschaftskörper. Das allein führt auf einen grünen Zweig. Mit diesem Beispiel wollte ich Ihnen zeigen, wie eigentlich die Dreigliederung gemeint ist. Sie ist praktisch gemeint, das heißt, daß alles, was wir morgen und übermorgen zu tun haben, nur zu etwas führen kann, wenn es unter dem Gesichtspunkt der Dreiteilung gehandhabt wird. Dann werden die Dinge in der richtigen Weise zusammenwirken.
Sehen Sie, mein Vorschlag geht davon aus, daß der Sozialismus, nachdem er nun einmal da ist, wiederum nicht von der Tagesordnung abgesetzt werden kann. Wer die Verhältnisse sowohl im Wirtschaftsleben wie im politischen Leben, also im Rechtsleben, und im geistigen Leben kennt, der kann sich nämlich nicht mehr vorstellen, weil das eine unreale Vorstellung ist, daß man den Sozialismus heute einführt, und dann ist er morgen da. Nein, am Sozialismus wird, nachdem er einmal da ist, fortdauernd gearbeitet werden müssen. Der Sozialismus wird immer neu gehandhabt werden müssen. Er ist etwas ganz Lebendiges. Wir müssen gerade solche Organisationen haben, die immer wieder und wiederum im Sinne des Sozialismus arbeiten. Die Menschen kommen mit ihren Gedanken dem noch nicht nach, was auf diesem Gebiet tatsächlich Wirklichkeit ist.
Vor langer Zeit schon ist aus einer volkswirtschaftlichen Schule ein merkwürdiger Satz hervorgegangen. Man betrachtet ihn heute als überwunden, aber in den Köpfen der Menschen spukt er immer
33 noch herum. Es waren die Physiokraten, die sagten, daß man dem Wirtschaftsleben keine Gesetze vorzuschreiben brauche, denn entweder entwickelt es sich von selber so, wie diese Gesetze sind, dann braucht man sie nicht, oder man schreibt ihm andere Gesetze vor, die der Entwicklung nicht entsprechen. Dann aber würde man dem Wirtschaftsleben schaden. Es scheint das, wenn man es so sagt, absolut richtig zu sein und ist dennoch total falsch, nämlich aus dem Grund, weil das Wirtschaftsleben nicht etwas ist, was stationär bleibt, also so bleibt, wie es einmal war. Es ist ein Organismus, und wie ein natürlicher Organismus auch immer älter wird und sich verändert und man seine Veränderung als Lebensbedingung anerkennen muß, so muß es beim Wirtschaftsleben auch sein. Das heißt, es müssen Gesetze dasein, aber sie müssen aus dem Wirtschaftsleben selber hervorgehen. So müssen die Impulse aber immerfort dasein, die den Schädigungen des Wirtschaftslebens, die es sich zufügen muß, entgegenwirken. Wer glaubt, daß er einmal den Sozialismus einführen kann, und dann ist er da, der gleicht einem Menschen, der sagt: Ich habe gestern gegessen, da war ich ganz satt. Nun brauche ich nichts mehr zu essen. - Sie müssen, weil der Organismus ständig gewisse Veränderungen durchmacht und weil er etwas Lebendiges ist, fortwährend essen. Und so ist es auch mit dem, was sozialistische Maßnahmen sind. Sie müssen fortwährend sozialisieren, weil der soziale Organismus etwas Lebendiges ist. Und das ist es auch, was zu der Notwendigkeit führt, daß wir aus dem Leben heraus gerade von Anfang an so etwas schaffen wie zum Beispiel Betriebsräte und vieles andere.
Sehen Sie, der größte Fehler, der gemacht worden ist bisher, der ist der, daß die Leute geglaubt haben, das soziale Leben sei so etwas wie eine Nachbildung eines Organismus aus Pappmache. Sie haben sich also vorgestellt, es sei ein Mechanismus; der lebt nicht. Aber er lebt, nur haben die Leute dem sozialen Organismus solche Gesetze gegeben, die für etwas gelten sollten, was tot ist. Der Organismus aber ging weiter, und nun wundern sich die Menschen, wenn Revolutionen kommen. Das, was man fortwährend verbessern muß, schoppt sich zusammen, wenn es nicht verbessert
34 wird, und bricht in Revolutionen aus. Die Revolutionen haben die gemacht, die kurzsichtig genug waren, die Lebendigkeit des sozialen Lebens nicht zu erkennen. Ich meine nicht diejenigen, die dazu gedrängt werden, das eine oder andere zu tun, sondern diejenigen, welche die Führenden sind und die Handhabung der Führung nicht verstehen. Deshalb ist es heute so wichtig, daß, wenn über kurz oder lang wirklich neuerdings der Ruf ergeht, nun selbst Hand anzulegen an das, was geschehen soll, daß man nicht wiederum mit leeren Köpfen an die Sache herantritt, sondern daß man mit konstruktiven Vorschlägen kommt. Damit ist es nicht getan, daß man sagt: Die Macht müsse man erwerben. Das ist freilich richtig, aber dann, was können wir, wenn wir die Macht haben, mit dieser Macht anfangen? Das wollte ich vorausschicken. Jetzt hoffe ich, daß die Diskussion durch Ihre Fragen eine sehr rege werden kann.



Diskussion

1) **Die Aufgaben einer «Liquidierungsregierung» in der Übergangszeit und ihr Verhältnis zu den Betriebsräten. Der Unterschied zwischen herrschen und regieren. Anmerkungen zu der von den Sozialisten Adler und Pernerstorfer vertretenen Anschauung von der Selbstvernichtung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Zum Problem des Zusammenbruchs und des Neuaufbaues. Das Mitbestimmungsrecht der Betriebsräte auf dem Gebiet der Preisbildung. Die Notwendigkeit der Begründung von Genossenschaften durch die Betriebsräte. Von der Zusammengehörigkeit «geistiger Arbeiter» und der übrigen Arbeiterschaft. Über die Gesinnung der Unternehmer, die den «Aufruf» unterzeichnet haben, und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit allen Unterzeichnern des «Aufrufes» **

34 Diskussionsredner Beierat führt unter anderem aus: Bei der Sozialisierung müssen auch die Unternehmer gefragt werden, denn die Arbeiterschaft kann nicht allein alle Fragen lösen. Um eine Handhabe zu haben, damit die bisherigen Besitzer die Betriebsräte schaffen helfen, ist es notwendig, daß eine gesetzliche Grundlage geschaffen wird, die für das ganze Reich gleich ist.


Rudolf Steiner: Ich möchte dazu gleich einiges sagen, weil wir vielleicht am besten vorwärtskommen, indem wir auf die einzelnen Fragen eingehen.
Sehen Sie, im Grunde genommen widerspricht der Sache nach dasjenige, was der verehrte Vorredner eben gesagt hat, dem, was ich vorgebracht habe, eigentlich nicht, nur versuchte ich die Sache
35 nicht theoretisch, sondern so praktisch anzufassen, daß wirklich zu einem Ziel zu kommen ist. Man sollte, wenn man etwas Praktisches erreichen will, sich nicht die Sache gar zu sehr dadurch verderben, daß man nicht irgendwo konkret den Anfang machen will. Irgendwo muß immer bei etwas Praktischem der Anfang schon gemacht werden, und es ist doch immerhin, bevor wir hierher gekommen sind, da unten in einem kleinen Zimmer eine Sitzung gewesen, wo lauter Betriebsräte, die schon vorhanden sind, versammelt waren. Also immerhin, ein Anfang ist gemacht. Es würde sich nur darum handeln - man kann natürlich über diesen Anfang denken, wie man will, man kann ja einen anderen machen -, daß von einem solchen Anfang etwas Praktisches ausgeht. Dabei will ich daran erinnern, daß ich auch gestern davon gesprochen habe, daß zur praktischen Durchführung der Dreigliederung selbstverständlich zunächst notwendig ist, daß eine Art Liquidierungsregierung entsteht. Ich denke durchaus nicht, daß man heute beschließen kann, bis morgen die Dreigliederung einzuführen!
Da wir nun einmal in den Denkgewohnheiten der Menschen leben, die sich bisher nur im Einheitsstaat eine Regierung vorstellen konnten, müssen wir unter allen Umständen, nicht deshalb, weil wir irgendeine Regierung lieben, sondern weil die Menschen bisher zusammen im Staat gelebt haben, für die verschiedensten Dinge eine Regierung haben, von der ich, im Gegensatz zu dem, was der Vorredner ausgeführt hat, aber sagen muß: Ob es die eine oder die andere Regierung ist, ist mir nicht gleich. Also es kommt mir sehr darauf an, daß es sich um eine Regierung handelt, die im Sinne einer wirklichen Sozialisierung Vorschläge macht. Also das empfinde ich nicht als einen richtigen Ausspruch: «Es kommt mir nicht darauf an, ob es die eine oder andere Regierung ist.» Denn gerade wenn eine Regierung da ist, welche wird einsehen müssen, daß sie sich zukünftig nur auf den Rechtsboden zu stellen hat und zu liquidieren hat einerseits das Geistesleben, andererseits das Wirtschaftsleben, dann wird in Gestalt einer solchen Liquidierungsregierung die richtige Instanz dasein, um jene Übergangszeit zu schaffen, und zwar mit vernünftigen Maßregeln. Diese
36 bilden dann die Grundlagen, auf denen die Betriebsräte aufgebaut werden können, welche in der Tat, statt manch anderer Dinge, die heute von verschiedenen Regierungen getan werden, ihre Macht dazu verwenden könnten, die widerspenstigen Unternehmer - verzeihen Sie den Ausdruck - irgendwie zu veranlassen, auf vernünftige Sozialisierungsgedanken einzugehen. Das würde in der Übergangszeit die Aufgabe einer vernünftigen Regierung sein.
Diese Grundlagen, die heute noch von der Liquidierungsregierung geschaffen werden müssen, die könnten schon dasein. Aber dabei müßte gerade diese Liquidierungsregierung durchaus durchdrungen sein von der Erkenntnis, daß durch Regierungsgesetze niemals die Entstehung eines gesunden Wirtschaftslebens gestört werden darf, damit dieses Wirtschaftsleben sich wirklich aus sich heraus aufbauen kann. Daher ist es notwendig, daß die Liquidierungsregierung dafür sorgt, daß Betriebsräte entstehen können. Sie darf sich aber nicht hineinmischen in deren ganze Konstituierung. Diese muß aus der Betriebsräteschaft selber heraus geschehen.
Die Regierung hat keine andere Aufgabe, als dafür zu sorgen, daß die Betriebsräte sich über ihre wirtschaftlichen Territorien hinaus, das heißt aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten heraus, konstituieren können. Das wird die beste Grundlage sein, wenn die Regierung dafür sorgt, daß die Betriebsräte ordentlich arbeiten können. Die Betriebsräte können sich dadurch konstituieren, daß die Regierung eine Grundlage schafft und nicht über sie herrschen will.
Heute kennt man den eigentlichen Unterschied zwischen herrschen und regieren nicht, und man kann eigentlich sehr verwundert sein darüber, daß durch die Novemberereignisse die Menschen bezüglich dieser Unterscheidung so wenig gelernt haben. Es gibt - diese Unterscheidung ist nicht von mir, sondern von Karl Marx - einen ganz beträchtlichen Unterschied zwischen regieren und herrschen. Und wenn eine Regierung lernt zu regieren und nicht mehr glaubt, sie sei nur eine Regierung, wenn sie herrschen kann, dann wird selbst das möglich sein, was die breitesten Massen sich unter Sozialisierung vorstellen können. Denn herrschen muß in der Zukunft
37 nicht eine Regierung, sondern die ganze breite Masse des Volkes. Die Regierung muß regieren und lernen, wie man regiert, wenn tatsächlich die ganze breite Masse des Volkes herrscht. Die Leute haben sich noch nicht abgewöhnt, mit dem Ausdruck Herrscher eine einzelne Persönlichkeit oder Körperschaft zu verbinden. Das ist etwas, was gründlich aus den Denkgewohnheiten der Leute heraus muß. Bei der Inangriffnahme einer im Sozialisierungssinne gedachten Körperschaft - und sie muß so gedacht sein wie die Betriebsräte -, da muß vor allen Dingen der Unterschied zwischen regieren und herrschen in die Köpfe hinein. Aus der breiten Masse heraus muß sich alles das bilden, was zu den Befugnissen der Betriebsräte gehört, und das Regieren wird nur darin bestehen, daß eine reale Grundlage, nicht eine Gesetzesunterlage geschaffen wird, damit sich die Betriebsräteschaft frei, rein aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten, aus Erkenntnis und Einsicht bilden kann.
Sehen Sie, das ist das Eigentümliche meiner Vorschläge zur Dreigliederung, daß ich nicht Programme aufstelle, sondern daß ich versuche, aus der Wirklichkeit heraus solche Anregungen zu geben, damit etwas Vernünftiges entstehen kann. Ich sage Ihnen offen: Dadurch unterscheiden sich meine Impulse der Dreigliederung von allen übrigen. Gestern ist hier gesagt worden, sie enthielten nichts Neues. Sie enthalten grundsätzlich Neues. Die Leute, die früher von Sozialisierung und überhaupt von irgendwelchen Erneuerungen gesprochen haben, die waren gescheit und wußten bis ins einzelne hinein, was getan werden soll. Ich bilde mir nicht ein, gescheiter zu sein als die anderen, aber ich glaube fest, daß solche Zustände herbeigeführt werden können, durch welche diejenigen, die etwas wissen von den Dingen, zu ihrem Recht kommen können. Ich will nicht den Weg zu dem zeigen, was die Betriebsräte tun sollen, sondern dazu, wie sie sich bilden können. Dann werden sie selbst erkennen, was sie zu tun haben. Ich will die Menschen in der richtigen Weise an ihren Platz stellen. Ich bilde mir nicht ein, etwas Neues zu wissen, aber ich will, daß das Neue entsteht.
38 Verschiedene Diskussionsteilnehmer ergreifen das Wort.

Rudolf Steiner: Mit Bezug auf die beiden verehrten Vorredner ist es mir eine gewisse Befriedigung, festzustellen, daß ich ja selbst nur noch wenig zu sagen brauche, weil in erfreulicher Art die Diskussion zwischen diesen beiden Rednern so verlaufen ist, daß der eine den anderen vollständig ergänzt hat und das schon ausgeführt wurde, was eigentlich zu sagen ist. Ich möchte nur das Folgende dazufügen.
Wenn vorgebracht wird, es sei ein Unterschied vorhanden zwischen dem Richten aller Gedanken auf den Weg: Wie erringen wir die Macht der Herrschaft? - und der anderen Gedankenart: Was tun wir, wenn wir die Macht errungen haben? -, da muß ich sagen, da fällt mir immer wieder dasjenige ein, was schon in den Diskussionen der achtziger Jahre eine so starke Rolle gespielt hat. Ich habe in jenen Jahren Gelegenheit gehabt, manche Fragen, die damals schon auf sozialistischem Boden behandelt worden sind, zum Beispiel mit Adler in Wien, dem kürzlich Verstorbenen, und auch mit Pernerstorf er, der ebenfalls im letzten Jahr gestorben ist, zu besprechen. Und selbstverständlich, diese sozialistisch Denkenden von damals, sie standen den großen sozialistischen Impulsen, die von Marx und Engels ausgegangen sind, noch näher. Es war damals noch nicht die Zeit des sogenannten Revisionismus, von der ich glaube, daß sie hinsichtlich der Entwicklung des Sozialismus viel verdorben hat. Ich möchte da nicht mißverstanden werden, aber ich habe meinerseits immer gefunden, daß diese sanfte Überleitung des wirklichen Sozialismus in ein etwas unklares, bürgerliches Denken, das man Revisionismus nannte, daß das eigentlich furchtbar geschadet hat, aus dem einfachen Grunde, weil manche Leute so schrecklich zufrieden sind, wenn sie sagen können: Wir wollen das nächstliegende Praktische, wir wollen etwas erreichen für morgen. - Diese Leute bedenken nicht, daß das, was für morgen erreicht wird, unter Umständen allen Boden für das Übermorgen abgraben kann. Da mußte ich oftmals gegenüber Adler und Pernerstorfer einwenden, ich erkenne alles das an, was
39 sie als Kritik an der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung anführen, aber man müsse doch auch etwas haben, was man dann tun würde, wenn das eintritt, was ja schließlich diese sozialistischen Führer selbst voraussetzten. - Diese sozialistischen Führer sagten immer voraus: Diese gegenwärtige Gesellschaftsordnung baut sich selbst ab, sie vernichtet sich selbst. - Das war eine absolut richtige Anschauung. Und deshalb haben auch diese sozialistischen Führer immer abgewinkt, wenn irgend etwas getan werden sollte, um in gewaltsamer Weise die Ablösung der gegenwärtigen Ordnung durch eine andere herbeizuführen. Sie waren im eminentesten Sinne Entwicklungssozialisten und sagten: Der Abbau wird schon besorgt, dann kommt das Proletariat an die Reihe. - Ich war immer der Ansicht, daß man dann aber wissen müsse, gerade wenn man das voraussetzt, was man dann tun werde.
Sind wir denn nicht eigentlich heute in einer anderen Lage? Wir haben doch die Novemberereignisse hinter uns, und Sie können ganz sicher sein, daß sich jene Menschen, die damals Führer waren, schon so etwas vorgestellt haben wie die Novemberereignisse, aber nun war das nicht da, was man positiv tun sollte. Das zeigt doch, daß es eine gewisse Wichtigkeit hat, nicht bloß wie ein hypnotisiertes Hühnchen immer der Frage nachzulaufen: Wie erlangen wir die Macht? -, sondern sich zu fragen: Was tun wir mit der Macht? - Ich muß das immer wieder fragen: Wie handeln wir?
Der verehrte Vorredner hat gesagt, daß der wirtschaftliche Zusammenbruch kommt. Ich bin eigentlich nicht dieser Ansicht. Ich bin der Ansicht, daß er längst da ist, daß das, was jetzt von den leitenden Kreisen getan wird, nur ein fortwährendes Verhüllen und Verschleiern des langst vorhandenen wirtschaftlichen Zusammenbruchs ist. Der wirtschaftliche Zusammenbruch ist seit jener Zeit da, wo man offiziell erklärt hat, daß es das beste für das Deutsche Reich ist, nicht mehr für die Bedürfnisse der Menschen zu produzieren, sondern für dasjenige, was in die Luft verpulvert wird. Damit hat sich eigentlich der wirtschaftliche Zusammenbruch vollzogen. Und mir war es immer unerklärlich, wie wenig die Leute eigentlich eingesehen haben, daß mit einer ja den subjektiven
40 Bedürfnissen der alten Herrschaften gut entsprechenden Maßnahme wie dem Hilfsdienstgesetz dem wirtschaftlichen Leben ein furchtbarer Hieb versetzt werden muß, der eigentlich durch nichts zu kurieren sein wird. Man hat nur immer wieder an andere Dinge gedacht, aber keinen Sinn gehabt für die wirtschaftlichen Konsequenzen einer solchen Maßnahme.
Also, ich glaube, der wirtschaftliche Zusammenbruch ist da, und wir stehen vor Ereignissen, die nur so lange auf sich warten lassen, als es durch dieses oder jenes noch gelingen kann, gewisse Dinge zu verschleiern, zu verhüllen. Dann werden wir aber wissen müssen, wie der Neuaufbau einzurichten ist. Ich habe deshalb gar nichts gegen das, was der Herr Vorredner, Herr Schreiber, gesagt hat, aber ich sage Ihnen: Es wird von selbst kommen, daß sich die Herrschaft von den bisher leitenden Kreisen hinüberwenden muß zu den Kreisen, die dieser Vorredner im Sinn hatte. Aber um so mehr müssen diese Kreise das Verantwortungsgefühl empfinden, damit sie dann, wenn sie zur Macht kommen, das Richtige zu tun imstande sind. Also, das ist es, was ich immer wieder und wieder betonen möchte und was mir von ganz besonderer Wichtigkeit ist.
Es ist gesagt worden, nicht als Vorwurf, sondern in Übereinstimmung mit mir, ich wolle zuerst die Institution der Betriebsräte haben und dann würde sich schon ergeben, welches ihre Funktionen sein werden. Dann dürften wir uns aber weiterhin auch keinen Illusionen hingeben, denn was der Neuaufbau fordern wird, das wird nicht sehr einfach sein, das wird nicht ohne wirklich sachliche Kenntnisse des Wirtschaftskörpers vor sich gehen können. - Der verehrte Vorredner hat gerade in dankenswerter Weise verschiedenes angeführt. Wir dürfen nicht in Dilettantismus verfallen, sondern wir müssen sachgemäß gerüstet sein, wenn wir zum Beispiel eine solche Feststellung treffen, daß die Funktion der Betriebsräteschaft nicht damit abgeschlossen ist, daß man einzelne Betriebe sozialisiert. Gerade dasjenige, was der Vorredner gesagt hat über das Mitbestimmungsrecht, über den Profit, der aber eine ganz andere Form annehmen muß, und was er gesagt hat über das
41 Mitbestimmungsrecht in bezug auf den Preis, das zeigt uns, daß, sobald diese konkreten Dinge auf uns zukommen, wir sehr, sehr viel auf sachlichem Felde zu tun haben. Denn gerade mit diesen Dingen, das ist das Eigentümliche des kapitalistischen, des privatkapitalistischen Interessentums, hat es sich nicht befaßt, sondern es hat die Menschheit einfach einer wüsten Konkurrenz der Interessen, des Einkommens und so weiter überlassen.
In dieser Richtung darf nicht fortgefahren werden, sonst kommen wir nach kurzer Zeit wieder in die alten Zustände hinein. Ob die Betreffenden, die dann die Produktionsmittel verwalten, Kapitalisten heißen oder anders, darauf kommt es nicht an. Es ist schon auch die Möglichkeit vorhanden, daß aus den Kreisen - ich will nicht sagen: unbedingt des Proletariats, aber derjenigen, die das Proletariat führen - Leute an die Spitze kommen, die dann unter Umständen den Gepflogenheiten alter Kapitalisten in nichts nachstehen; nun, das ist das, was nur vermieden werden kann, wenn wir fest gesattelt sind.
Sie werden es mir nicht übelnehmen, wenn ich etwas scheinbar Theoretisches anführen werde; es ist aber etwas Praktisches. Wenn es sich um das Recht der Mitbestimmung bei der Preisbildung handelt, kommen zwei Dinge besonders in Betracht. Der Preis, der regelt sich in einem Zufalls-Wirtschaftssystem, das nicht sozialisiert ist, von zwei Seiten her, denn es ist eine Art Naturgesetz, daß sich der Preis nicht nach einer Kraft richtet, sondern nach zwei Kräften. Nehmen Sie zum Beispiel an, in einem wirtschaftlichen Zusammenhang wird eine bestimmte Menge Butter erzeugt. Nehmen wir an, es wird mehr Butter erzeugt, als für die menschlichen Bedürfnisse notwendig ist. Dann wird unter Umständen - es kann das durchaus eintreten - von dem Rest der Butter, den die Menschen nicht brauchen, sagen wir zum Beispiel Wagenschmiere fabriziert. Das bewirkt, daß die Butter ungeheuer viel billiger wird, als sie zum Beispiel ist, wenn weniger Butter erzeugt wird, als die Gesamtheit der Menschen braucht. Solche Dinge stecken in der Preisbildung im eminentesten Sinne drinnen. Das ist eine Richtung, aus der die Preisbildung bestimmt wird. Die
42 andere Richtung, nämlich daß sich die Preisbildung orientiert an den Herstellungskosten, ist im Wirtschaftsleben ganz getrennt von der eben angeführten Richtung; da kommt in Betracht, was die Herstellung kostet. Da bildet sich ein ganz anderes Preissystem, und dieses Preissystem kreuzt sicli mit dem Zufalls-Wirtschaftssystem, also mit dem anderen. Und dadurch bekommen wir ein gegenseitiges Konkurrieren nicht nur der Preise, sondern auch der Preissysteme, und darin stecken wir heute.
Nun denken Sie sich doch einmal: Wenn sich die Regulierung der Einnahmen des Arbeiters nur nach dem einen Preissystem ergibt, dann können Sie unter Umständen erleben, daß der Arbeiter immer höhere und höhere Löhne bekommt, aber niemals eine bessere Lebenslage, weil die Preise der Wohnungen und aller anderen Dinge in demselben Maße wiederum steigen. Sie können ein Loch schließen, ein anderes öffnet sich von selber. Da können wir nur irgendwie Ordnung schaffen, wenn wir sachgemäß gerüstet sind.
Es muß in der Zukunft eine Sache berücksichtigt werden, nämlich wie von den verschiedensten Seiten her die Ursachen zusammenfließen. Das wird erforderlich sein, wenn die Sozialisierung nicht als eine bloße Herzensforderung, sondern in sachlicher Weise als Impuls wirklich leben soll. Und wenn die Betriebsräte in bezug auf die Preisbildung mitbestimmend sein sollen, so werden sie in diesen Dingen gerüstet sein müssen. Da wird es sich darum handeln, daß gearbeitet wird, und nicht darum, daß man sagt: Ach, die Reden, die idealistisch gedachten Reden, die bewirken nichts. - Nein, dieses sind keine idealistisch gedachten Reden, sondern es sind praktische Anweisungen im Hinblick auf das, was zu geschehen hat. Die Menschen können nicht einfach eine Aufgabe übernehmen, ohne sich zuerst zu verständigen, wie man etwas macht. Die Dinge, auch im Wirtschaftsleben, müssen wirklich gelernt sein. Und heute ist noch nicht viel Wissen vorhanden. Wir müssen uns sehr darum bemühen, müssen den guten Willen haben, zu Einrichtungen zu kommen, und dann in den verschiedensten Kreisen versuchen umzulernen. Ich halte es für furchtbar notwendig,
43 daß von den Betriebsräten so schnell wie möglich Genossenschaften eingerichtet werden, in denen mit gutem Willen zusammengearbeitet wird, so daß wir zu einem wirklichen, wirtschaftlich sachgemäßen Aufbau kommen.
Wir werden gerade besonders viel geistig arbeiten müssen, wenn wir weiterkommen wollen. Das bitte ich zu berücksichtigen. Deshalb war es sehr befriedigend, daß von den Vorrednern auf diese Sache aufmerksam gemacht worden ist. Es wird darum gehen, daß wir uns wirklich auf den Boden stellen, daß nicht einer allein gescheit sein und etwas wissen will, also darum, daß darauf aufmerksam gemacht wird, daß wir die Menschen dahin bringen müssen, daß sie sich das, was die einzelnen Menschen an Lebenserfahrungen während der Arbeit gesammelt haben, einander mitteilen können. Dann wird sich, gerade durch dieses Zusammenwirken der auf den richtigen Posten stehenden Menschen, die Sozialisierung vollziehen.


Es folgen weitere Diskussionsbeiträge, und es wird der Antrag gestellt, . daß Herr Dr. Steiner zur weiteren Besprechung der wichtigen Fragen weitere Vorträge halten möchte. Dr. Steiner erklärt sich dazu bereit.


Schlußworte von Rudolf Steiner: Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, es ist ja der Antrag angenommen worden, daß diese Diskussion fortgesetzt werden möge. So wird ja Gelegenheit geboten sein, über mancherlei Fragen, die im Laufe der Diskussion noch aufgetaucht sind, vielleicht später in günstigerer Weise zu sprechen als heute, wo die Zeit schon zu weit vorgeschritten ist, als daß ich noch Erhebliches sagen, beziehungsweise Ihnen zumuten könnte. Ich will deshalb nur ganz kurz noch auf einige Punkte, die im Laufe des letzten Teiles der Diskussion aufgetaucht sind, eingehen.
Da war zuerst die Frage, wie ich mir die weitere Entwicklung vorstelle, wenn Betriebsräte bestehen, aber nichts bedeuten, wenn also die Betriebsräte bis zur politischen Umwälzung bloß eine Art Dekoration sein sollten. - Nun, ich glaube allerdings, daß
44 man in solchen Dingen mit einem allzu argen Pessimismus der Sache schadet. Ich glaube, daß im praktischen Leben in solch ernster Lage, wie die ist, in der wir uns befinden, es in ganz eminentem Sinne darauf ankommt, daß der eine dem anderen hilft. Es schließt das durchaus nicht aus, daß die Betriebsräte, wenn sie dasjenige an die Oberfläche der sozialen Bewegung tragen, was sie an Erfahrungen, was sie an Erkenntnissen aus den Betrieben heraus haben - und darin wird eine Fülle von sozialer Einsicht stecken —, im wesentlichen auch dazu beitragen, die Zeit herbeizuführen, die uns die notwendigen Umwälzungen bringen kann. Man sollte sich nicht damit begnügen zu sagen: Wir müssen warten, bis die Umwälzung eingetreten ist -, sondern es handelt sich darum, daß wir in der Tat erkennen, daß, wenn die Betriebsräte auf ihrem Posten stehen, wir in ihnen ein sehr wichtiges Mittel zum Vorwärtskommen haben werden.
Ich glaube, Sie sollten über das, was die Betriebsräte sein können, nicht zu gering denken. Sie werden keine Dekoration sein, wenn sie ihren Mann stehen. Es wird sich vieles ergeben gerade als Aufgabe der Betriebsräte, in das im Grunde genommen selbst die böswilligsten Unternehmer nicht hineinreden werden können. Sie werden nicht irgendwie die Sache aus der Welt schaffen können. So glaube ich, daß wir an irgendeinem Punkt - und das ist ein wichtiger Punkt — praktisch anfangen sollten. Wir sollten uns nicht zu sehr bedächtig zurückhalten oder gar befürchten, daß die Betriebsräte nur Dekoration sein könnten, sondern wir sollten zur Tat schreiten. Das ist auch das, was der «Aufruf» und der Impuls der Dreigliederung enthält. Es sollte nicht bloß weiter geredet werden, sondern die Worte sollten Keime zu Taten sein, und das ist das Wesentliche der ganzen Vortragsserie, die ich gehalten habe, und das wird das Wesentliche sein, wenn ich wirklich die Ehre haben werde, noch eingehender über diese Dinge mit Ihnen zu sprechen. Und noch etwas: Es ist gerade in dem letzten Teil der Diskussion viel über die geistigen Arbeiter gesprochen worden. Nun, ich darf mir schon einige Erfahrung auf diesem Gebiet zuschreiben. Sie beruht auf dem, was ich in vielen Jahren
45 durchlebt habe. Die geistigen Arbeiter sind durch die Verhältnisse, die ich gerade in meinen Vorträgen schildere, in eine eigentlich gräßliche Lage gekommen. Es ist fast unmöglich, selbst nach diesen furchtbaren Erfahrungen der Weltkriegskatastrophe, mit der großen Masse derer, die sich geistige Arbeiter nennen, über politische Fragen zu reden. Ich schmeichle Ihnen nicht, wenn ich sage - ich habe das ja schon gesagt in dem Vortrag -, daß mit Bezug auf politische Schulung, auf politische Bildung das Handarbeiterproletariat den geistigen Arbeitern ungeheuer voraus ist, ja, daß die politische Bildung der geistigen Arbeiter fast gar nicht vorhanden ist. Das muß man durchaus berücksichtigen. In diesem Zusammenhang muß man noch etwas anderes sehen.
Ich bin der Auffassung, daß es grundsätzlich nicht günstig wirken wird, wenn neben den eigentlichen Arbeiterräten sich noch ein Rat geistiger Arbeiter gesondert herausbildet. Vielleicht wird dies, wenn es zu den Vorträgen, die von mir verlangt wurden, kommen sollte, eine wichtige Sache in der Erörterung sein müssen. Ich glaube, daß mit der Absonderung der geistigen Arbeiter als besondere «geistige Arbeiter» von den anderen Arbeitern nichts herauskommen kann. Die Arbeiter, die in einem bestimmten Bereich eines Betriebes arbeiten, gehören, auch wenn sie geistige Arbeiter sind, eben zu den Arbeitern dieses Betriebszweiges. Es muß eine Zusammengehörigkeit zwischen allen Arbeitern in den einzelnen Betriebszweigen dasein. Wir kommen nicht vorwärts, wenn sich die geistigen Arbeiter der verschiedenen Betriebszweige absondern und Extrawürste braten, denn die Kategorie, die Bezeichnung «geistige Arbeiter» hat keine Berechtigung. Man müßte Verständnis dafür wecken, daß sich die geistigen Arbeiter der einzelnen Betriebszweige den anderen Arbeitern anschließen. Nur dann wird etwas Vernünftiges herauskommen.
Nicht einverstanden bin ich mit dem, was gesagt worden ist mit den Worten, daß sich die geistigen Arbeiter mit der handarbeitenden Bevölkerung auf gemeinsamen Boden stellen, wenn sie gemeinsam mit ihr das Programm der Dreigliederung anerkennen. - Das ist ja ein allgemein sozialpolitisches Programm, und da stehen
46 sie noch nicht auf dem realen Boden! Man kann viele Programme gemeinsam anerkennen, aber auf einem realen Boden steht man erst, wenn dieser Boden ein Lebensboden ist, wenn man nicht wiederum herausbildet aus dem, was zusammengehört, gleichsam eine aristokratische Schicht. Ich sehe in dieser Absonderung der geistigen Arbeiter eine aristokratische Schichtbildung, das müßte verstanden werden. Und wenn das durchgeführt würde, was ich eigentlich meine, dann würde der geistige Arbeiter vor allen Dingen in der politischen Schulung außerordentlich viel gewinnen, wie ich überhaupt für die nächste Zeit einen großen Wert darauf legen würde, daß der eine von dem anderen lernt.
Ich möchte daher auch nicht so pessimistisch sein wie der Herr Vorredner, der sagte: Ja, es komme vor allen Dingen darauf an, daß eine gewisse Fachbildung, Fachschulung bei den Betriebsräten die unbedingte Grundlage ist. - Es ist tatsächlich ja heute so, daß derjenige, der die Verhältnisse kennt, weiß, daß aus der gebräuchlichen Fachschulung, die heute ja ganz ein bürgerliches Produkt ist, sich nicht viel gewinnen läßt. Ich verspreche mir mehr von der praktischen Zusammenarbeit, von dem, was entsteht, wenn jeder das mitbringt, was er aus seinen Lebenserfahrungen heraus mitbringen kann. Da werden wir einander schulen, da wird etwas ganz Neues entstehen. Ich könnte mir vorstellen, daß gerade dann, wenn in richtiger Weise die Betriebsräte zusammenarbeiten und auch ohne das philiströse Vorurteil aufrechtzuerhalten, daß man zuerst auf eine Schulbank gehört, und wenn man den ernsten Willen hat, voneinander zu lernen, und aus beider Fehler zu lernen vermag, das Beste erreicht wird. Wir werden vor allen Dingen notwendig haben, in dieser Weise auch von Mensch zu Mensch zu sozialisieren. Sozialisieren heißt ja zusammenarbeiten, einander helfen, Brüderlichkeit entfalten, und das müssen wir gerade auf geistigem Gebiet. Ich habe oftmals zu meinen Zuhörern in den letzten Jahren gesagt, daß die Welt glaubt, daß derjenige, der lernen soll, nur von dem lernen kann, der soundso viele Diplome hat. Wer wirklich lernen will - er mag schon sehr viel gelernt haben -, er lernt unter Umständen furchtbar viel von einem zwei-
47 oder dreijährigen oder nicht einmal so alten Kind. Das ist das Lernen am Leben, und das werden wir besonders pflegen müssen. Wir müssen gerade über die Philistrosität des alten Fachschulsystems hinauskommen, dann werden die Betriebsräte für den Neuaufbau etwas ungeheuer Bedeutendes leisten können. Die Sache sollte nicht pessimistisch angesehen werden, sondern mit Vertrauen. Aus dem Vertrauen wird Tüchtigkeit erwachsen. Dann werden die Betriebsräte keine Dekoration sein, wenn sie nicht selber Dekoration sein wollen.
Vollständig einverstanden aber bin ich damit, daß die Betriebsräte ein Stoßbock nach zwei Seiten hin sein werden. Ich glaube nicht, daß die Zeit, der wir entgegengehen, wenn wir ernsthaft arbeiten wollen, eine solche sein wird, daß wir uns von den Wogen des Lebens tragen lassen, unter Umständen uns auch zuweilen auf ein sanftes Ruhebett legen können. Wir werden sehr viel arbeiten müssen und dürfen nicht davor zurückschrecken, nach den verschiedenen Richtungen hin Sturmböcke zu sein. Es wird nicht leicht sein, aus dem Zusammenbruch etwas Neues zu schaffen. Wir brauchen uns nur daran zu erinnern, daß die alte Wirtschaftsordnung uns besonders in Deutschland geradezu in das Unsinnige hineingeführt hat. Wir befinden uns nicht nur im Zusammenbruch, sondern auch im Unsinn. Bedenken Sie nur einmal, was es bedeutet, wenn für alles das, was sich angehäuft hat durch die Verheerungen des Krieges, in den nächsten Jahren bloß die Zinsen gezahlt werden sollen! Es ist ja viel mehr, als Dernburg ausgerechnet hat. Es werden jährlich mindestens 30 Milliarden Mark sein; wo sollen die herkommen? 30 Milliarden Mark, die selbstverständlich nicht vorhanden sein werden! Wenn wir irgendwie daran denken, etwas von dem Vergangenen fortzusetzen, dann gehen wir nicht nur unmöglichen Zuständen, sondern geradezu dem Unsinn entgegen. Es wird schwer, sehr schwer werden, aber ich denke, daß derjenige, der ein wenig den Geist der Zeit begreift, sich sagen muß: Wir müssen eben arbeiten, müssen ernsthaft arbeiten. Nur so können wir aus dieser Situation herauskommen.
Nun möchte ich nur noch darauf hinweisen, daß ich auf die
48 Erwiderung des Herrn Remmele nicht eingehen möchte, und zwar aus dem Grunde, weil es mir noch nicht ganz deutlich ist, worin die Hauptsache seiner Einwendungen besteht. Das, was gesagt wurde, läßt mir doch die ganze Sache merkwürdig erscheinen, denn sehen Sie, Irrlehre kann man schließlich alles nennen. Ich wurde gleich stutzig, als gesagt wurde, es sei das eine Irrlehre wie die Lehre von Dühring, der vor Jahrzehnten das Gleiche gelehrt habe. Ich kenne den Dühring und vermute, daß ihn der Herr Redner wenig kennt, denn ich kann Ihnen ruhig empfehlen: Lesen Sie ihn, dann werden Sie sehen, daß er nicht das Gleiche gewollt hat, sondern etwas, was sich von dem, was ich für notwendig halte, völlig unterscheidet. Ich halte das, was Dühring gelehrt hat, für einen Ausbruch eines auf die menschliche Gesellschaft etwas wütenden Menschen, der von der Wirklichkeit nicht viel kennt. Es ist zuweilen geistreich, aber nicht etwas, was in der Wirklichkeit angewendet werden kann. So flüchtig sind dann solche Einwendungen. Ich glaube, es ist vielleicht nicht günstig, mit vielen Worten auf diese Dinge einzugehen, denn es wird sich schon mit der Zeit an der Art und Weise zeigen, wie die Worte, die zunächst ja gesprochen werden können aus der Wirklichkeit heraus, sich auch wiederum in Taten umwandeln und in die Wirklichkeit einleben können. Ich bin beruhigt, wenn die Wirklichkeit prüft, was ich sage. Ich glaube, sie wird das, was ich zu sagen habe, aufzunehmen wissen.
Über das, was gegen die Unterschriften des Aufrufes gesagt wurde, hat ja Herr Molt zu Ihnen gesprochen, und ich glaube, daß Sie in dieser Beziehung durch Ihre Zustimmung, die Sie Herrn Molt dargebracht haben, wirklich Ihr gründliches Verständnis gezeigt haben für etwas, was durchaus notwendig ist. Sie können ganz sicher sein, aus einer solchen Gesinnung heraus, wie sie gezeigt worden ist von denjenigen, die diesen «Aufruf» unterschrieben haben, werden nicht viele Unternehmer handeln. Aber diejenigen, die so handeln, die sind sich voll bewußt, daß einerseits dieser «Aufruf», diese Impulse ganz bestimmt nicht um der Fabrikanten willen aufgestellt wurden, sondern, wenn die Fabrikanten
49 damit etwas zu tun haben sollen, dann müssen sie sich aus freiesten menschlichen Gründen heraus zu ihnen bekennen. Die Fabrikanten können höchstens sich zum «Aufruf» bekennen, aber der «Aufruf» hat auf sie keine Rücksicht zu nehmen und wird es nicht tun. Das auf der einen Seite. Auf der anderen Seite muß gesehen werden, daß es notwendig sein wird, gerade mit solchen Menschen zu arbeiten, die aus ernstestem Willen heraus sich zu der Sache der Sozialisierung, des sozialen Fortschritts im objektiven Sinne überhaupt bekennen, denn sonst haben Sie nur die Wahl - da ja schließlich diejenigen noch gebraucht werden, die irgendwelche Sachkenntnis haben -, es entweder so zu machen, daß sie die Spitzen besetzen und alles sonst beim alten lassen ~ dazu haben wir ja auch Beispiele -, oder aber Sie setzen sich der Gefahr aus, daß von jener Seite aus alles sabotiert wird.
Es handelt sich also darum, daß wir nicht nur eine richtige Gesinnung empfindungsgemäß einzuschätzen wissen, sondern wir müssen auch imstande sein, einzusehen, was notwendig ist, einzusehen, daß wir nicht hinarbeiten auf die Sabotage derjenigen, die heute aus der alten Anschauung heraus nicht das Neue entwickeln wollen. Wir müssen einsehen, daß wir genötigt sind, mit denjenigen zusammenzuarbeiten, die nicht aus egoistischem Interesse heraus, sondern um der Sache willen sich dem «Aufruf» angeschlossen haben. Das ist bei den Unterzeichnern geschehen, sonst stünden sie nicht darauf. Denn ich habe noch nicht festgestellt, daß jemand, um seine egoistischen Interessen zu befriedigen, sich just hinter mich gestellt hat. Das ist eine Erfahrung, die ich mein ganzes Leben hindurch gemacht habe. Sie werden keine allzu schlechten Erfahrungen machen. Verzeihen Sie diese persönliche Bemerkung, aber wir werden noch manche sachliche Frage, eben wie es der Ernst der Zeit fordert, ausführlich besprechen werden können. In dem kurzen Schlußwort konnte ich nur einiges andeuten, aber ich hoffe, die Besprechungen werden fortgesetzt werden können.




Zur Übersicht

1)
Der Wortlaut der Voten einzelner Diskussionsteilnehmer wurde vom Stenografen nicht immer - und dann bisweilen auch nur bruchstückhaft -festgehalten. Manchmal handelt es sich bei den überlieferten Texten auch um sinngemäße Zusammenfassungen der Wortmeldungen.
ablage/offen/rudolf_steiner/dreigliederung/004_ga_331_betriebsraete_und_sozialisierung/001_versammlung.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:21

Impressum Datenschutzerklärung