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5. Juni 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS III

5. Juni 1919 : DISKUSSIONSABENDE MIT DEN ARBEITERAUSSCHÜSSEN DER GROSSEN BETRIEBE STUTTGARTS III

DRITTER DISKUSSIONSABEND

Über den Zusammenhang zwischen der Einrichtung von Betriebsräten und den Sozialisierungsaufgaben der Nachkriegszeit und den Beitrag des Impulses der Dreigliederung zur Lösung der Zeitprobleme. Anmerkungen zu den Einwänden gegen die Flugblätter des «Bundes für Dreigliederung», insbesondere die Selbsthilfe der Arbeiter betreffend. Über verschiedene Auffassungen hinsichtlich der Einsetzung von Betriebsräten und die Notwendigkeit der Abschaffung des Begriffes «Arbeitgeber» sowie der alten Lohnverhältnisse. Kritische Bemerkungen über die von sogenannten Sachverständigen, Wissenschaftlern und Unternehmern vertretenen Sozialisierungsvorstellungen sowie deren Kritik an den vom «Bund für Dreigliederung» vertretenen Gesichtspunkten.

Einleitende Worte von Rudolf Steiner

Seite Text
109 Meine sehr verehrten Anwesenden! Damit wir uns nachher in der Diskussion fruchtbar über die Einrichtung der Betriebsräte unterhalten können, will ich nur einige hierfür notwendige Worte vorausschicken. Ich glaube, daß es in erster Linie notwendig ist, daß man gerade an der Einrichtung der Betriebsräte gleich von vorneherein die Sozialisieningsaufgabe der gegenwärtigen Zeit in der richtigen Art erfaßt. Das heißt, daß man, indem man an die Einrichtung dieser Betriebsräte geht, eine wirkliche Sozialisierungsarbeit leistet oder, besser gesagt, einen wirklichen Anfang macht mit der Sozialisierung. Sie wissen ja, daß der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus dasjenige leisten will, was zu einer solchen umfassenden wirklichen Sozialisierung führen kann. Nun muß man sagen: Gerade an dieser Einrichtung der Betriebsräte zeigt sich eigentlich sogleich, wie wenig Verständnis heute noch vorhanden ist für die wirkliche soziale Bewegung. Nicht wahr, es sollten sich gewisse Leute, welche hauptsächlich die Interessen der Arbeitgeber vertreten, doch einmal darüber Gedanken machen, wie es dazu gekommen ist, daß heute in einer so laut sprechenden Weise gerade aus der Arbeiterschaft heraus dieser Ruf nach Sozialisierung erhoben wird. Wenn nun ein Spezielles auftritt wie die Frage nach den Betriebsräten, dann merkt man sogleich bei dieser Seite, ich meine bei denjenigen, die die Interessen der Arbeitgeberschaft vertreten, wie wenig Verständnis eigentlich für solch eine Einrichtung vorhanden ist. Man kann schon sagen: An dem Widerstand, der von dieser Seite kommt, kann man so recht merken, wie schwierig es sein wird, mit einer wahren und nicht mit einer falschen Sozialisierung durchzugreifen. Ihnen liegen die Flugblätter vor, welche ja auf Anregung des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus zur Einsetzung von Betriebsräten gerade abgefaßt worden sind.
110 Nun, was hört man von der anderen Seite, von den Vertretern der Interessen der Arbeitgeber angesichts dessen, was in diesen Flugblättern zum Ausdruck kommt? Sehen Sie, da wird als erstes gesagt: Ja, wenn das so ist, wie das in diesem Flugblatt ausgeführt wird, dann greifen ja die Arbeiter zur Selbsthilfe! - Die Leute, die so sprechen, die bedenken eben gar nicht, daß eigentlich im Grunde doch die Arbeiterschaft immer nur dann zur Selbsthilfe gegriffen hat, wenn diese Selbsthilfe dringend notwendig war!
Ich habe in meinen Vorträgen verschiedentlich ausgeführt, wie das Nicht-Proletariat, wie die leitenden Kreise in der neueren Zeit jede Gelegenheit versäumt haben, um irgendwie verständnisvoll auf die soziale Bewegung einzugehen. Und ich habe auch geschildert, wie selbst die kleinen Brosamen, die der Arbeiterschaft gegeben wurden in Form von Versicherungen, Altersversorgung oder der Regelung der Arbeitszeit oder des Verbotes von Kinderarbeit und dergleichen, ich habe geschildert, wie selbst dieses alles nur dadurch möglich wurde, daß die Arbeiterschaft zur Selbsthilfe gegriffen hat. Heute liegen aber die Dinge noch etwas anders. Das, was ich eben aufgezählt habe, das ist in bezug auf die heute anstehende große Aufgabe der Sozialisierung eher eine Kleinigkeit. Die Arbeiterschaft hat früher in bezug auf Kleinigkeiten zur Selbsthilfe gegriffen. Jetzt aber stehen größere Aufgaben als Forderungen da, das heißt, jetzt muß einmal im Zusammenhang mit einer großen Aufgabe zur Selbsthilfe geschritten werden. Dabei muß man sich aber immer vor Augen halten, daß aus dem Unternehmerverständnis heraus immer die Parole «die Arbeiter greifen zur Selbsthilfe» wie ein rotes Tuch wirkt. Denn sehen Sie, die Unternehmer streben jetzt wieder an, daß in die Betriebe wiederum Vertrauen und Arbeitslust einziehe, obwohl sie hätten einsehen können, wie wenig gerade die Vertreter der Interessen der Arbeitgeber geeignet sind, dieses Vertrauen und diese Arbeitslust zu begründen. Gerade dadurch, wie diese führenden Kreise vorgegangen sind, ist das Vertrauen, ist die Arbeitslust aus den Betrieben verschwunden. Und jetzt wollen sie, wenn das, was zur Produktion
111 und zum sozialen Leben notwendig ist, von denen in die Hand genommen werden soll, die am eigenen Leibe die Arbeit der Unternehmerschaft gespürt haben, jetzt wollen sie sagen: Das steht Euch nicht zu, das steht uns zu.
Sie werden durch das Flugblatt und vielleicht auch aus den letzten Versammlungen, wenn Sie dabei waren, wissen, daß es zunächst darauf ankommt, daß erst einmal Betriebsräte da sind, Betriebsräte, die wirklich hervorgegangen sind aus der Gesamtheit aller derjenigen, die am wirtschaftlichen Leben arbeitend und organisierend beteiligt sind, und daß es darauf ankommt, daß nun auch wirklich die Leute, die gewählt wurden, auch zu Worte kommen, sich äußern können über das, was nun geschehen soll. Da dürfen dann nicht einfach die alten Wirtschaftsformen fortgesetzt werden, sondern es muß aus dem Urgrund heraus etwas Neues geschaffen werden. Und man kommt nur weiter, indem heute in den einzelnen Betrieben Betriebsräte gewählt werden und dann, hervorgehend aus einem größeren zusammenhängenden Wirtschaftsgebiet, sagen wir Württemberg, eine Betriebsrat-Urversammlung zusammentritt und daß sich diese dann aus den Erfahrungen, aus den Kenntnissen der Betriebsräte heraus selbst eine Verfassung gibt, also festlegt, was die Betriebsräte zu tun haben, was ihre Rechte und Pflichten sind. In dieser Weise muß heute aus dem wirtschaftlichen Leben selbst, aus dem selbständigen wirtschaftlichen Leben heraus das entstehen, was für dieses wirtschaftliche Leben notwendig ist. Es muß also durch die Betriebsräte erst etwas entstehen. Man kann nicht aus den alten Einrichtungen heraus heute dasjenige schaffen, was eigentlich durch die wirklich neue Betriebsräteschaft erreicht werden soll.
Sehen Sie, das müßte eigentlich heute das Bestreben breitester Kreise der arbeitenden Menschheit sein: Durch das Vertrauen, das derjenige, der gewählt werden soll, im Betrieb hat, durch dieses Vertrauen soll er getragen sein. Und dann soll er sich vereinigen mit den Betriebsräten eines größeren zusammenhängenden Wirtschaftsgebietes, also sagen wir Württembergs in diesem Fall, um gemeinsam mit ihnen die Aufgaben der Betriebsräte festzustellen,
112 festzulegen. Das müßte heute aus der Sache heraus die Ansicht der breitesten Kreise der arbeitenden Menschheit sein.
Dem steht nun das gegenüber, was von anderer Seite - zu meiner Verwunderung allerdings auch von sehr vielen Kreisen der Arbeiterschaft - gefordert wird. Es ist dies, daß zunächst wiederum ganz in der alten Weise, so wie es immer geschehen ist, vom alten Staat ein Gesetz gegeben werden soll, das von vorneherein bestimmt, welche Pflichten und Rechte die Betriebsräte haben sollen. Geht man so vor, so kommt man, wie ich glaube, nicht nur keinen Schritt vorwärts, sondern man macht angesichts der Zeitverhältnisse sogar ganz wesentliche Schritte nach rückwärts. Was von dieser Seite her kommen kann, das haben wir ja deutlich gesehen. Was beinhalten denn die Forderungen, die von dieser Seite kommen? Da wird zum Beispiel gesagt: Der Staat, der Unternehmer und die Arbeiter müssen auf ihre Rechnung kommen. - Daß der Staat, der ja heute doch immer noch im Grunde genommen so gedacht ist, daß er der Beschützer des Kapitalismus ist, zu seinem Recht kommt, das kann ja ganz aufrichtig gemeint sein. Daß schließlich auch der Unternehmer zu seinem Recht kommen soll, will ich auch nicht bezweifeln. Aber das, was die Leute darunter verstehen, daß der Arbeiter zu seinem Recht kommen kann, wenn sie solche Gesetze fabrizieren, das, glaube ich, bedarf doch einer genaueren Betrachtung, denn diese Leute verwechseln gewöhnlich das Interesse des Arbeiters mit dem, wie sie in ihrem Interesse den Arbeiter am allerbesten brauchen können.
Da legen sich also diese Leute merkwürdige Worte zurecht, Worte, die im Grunde genommen immer dazu angetan sind, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, einen Sand, der dann meistens eine ganz merkwürdige Bestimmung hat. Dieser Sand soll sich, wenn er etwa zurückfällt auf diejenigen, die ihn streuen, ein bißchen in Goldkörner verwandeln. Da sagen die Leute: Die Betriebsräte müssen aber dem Ganzen, dem Staatsganzen dienen. Sie sind auch nicht dazu da, dem einzelnen Arbeiter Vorteile zu verschaffen, sondern sie sollen dem Blühen des ganzen Betriebes dienen. - Nun frage ich Sie, was das eigentlich heißt, wenn man so
113 etwas sagt: «dem Blühen des ganzen Betriebes sollen die Betriebsräte dienen». Das heißt nichts anderes, als daß in abstrakter Weise dasjenige verschleiert wird, um was es sich eigentlich handelt. Wozu sind denn überhaupt Betriebe in der Welt da? Doch dazu, daß sie etwas liefern für die Menschen, und die Menschen sind doch alle einzelne! Betriebe sind überhaupt nur dazu da, daß dasjenige, was in ihnen erzeugt wird, Konsumgut der einzelnen Menschen wird. Und zu sprechen von einem Blühen der Betriebe in einem anderen Sinne, als daß der einzelne Mensch zu seinem Gedeihen kommt durch das, was in den Betrieben erzeugt wird, das heißt nicht aus einer Wirklichkeit reden, sondern die Wirklichkeit mit blauem Dunst zudecken.
Es klingt immer so furchtbar schön, wenn man sagt, es soll dem Ganzen gedient werden. Im wirtschaftlichen Bereich hat das keinen Sinn, denn: Was ist da das Ganze? Es sind die einzelnen alle zusammen! Man sollte also nicht sagen «dem Blühen der Betriebe», sondern «dem Blühen all derer, die an den Betrieben und überhaupt an der Wirtschaft beteiligt sind». Dann wäre die Sache richtig dargestellt, und die Tatsachen würden nicht durch blauen Dunst zugedeckt. Sehen Sie, man sagt öfters: Der Impuls zum dreigliedrigen sozialen Organismus sei eine Ideologie. In Wahrheit aber mochte dieser Impuls allen blauen Dunst, von dem genugsam nicht nur geredet worden ist, sondern der im Dienste der Unterdrückung gebraucht worden ist, beseitigen und an dessen Stelle die wahre Wirklichkeit, den Menschen mit seinen Bedürfnissen, setzen. Nun sehen Sie, was verlangen die Leute? Die Leute verlangen, daß die Befugnisse der Betriebsräte nach reichlicher Prüfung der Verhältnisse - so sagt man ja immer, wenn man eine Sache nicht will - durch Sachverständige geregelt werden, und als Sachverständige werden genannt Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Sozialpolitiker. Nun, der Begriff des Arbeitgebers - Sie können es meinen früheren Vorträgen und auch meinem Buch über die soziale Frage entnehmen -, der Begriff des Arbeitgebers, der muß eigentlich als solcher bei einer wirklichen Sozialisierung verschwinden. Denn einen Arbeitgeber
114 kann es nur geben, wenn er ein Arbeitbesitzer ist, und Arbeitbesitzer darf es eben nicht geben. Es kann nur Arbeitsleiter geben, das heißt solche Menschen, die in der Arbeitsorganisation tätig sind, und zwar so, daß auch der physische Arbeiter seine Arbeitskraft am besten eingesetzt weiß und dergleichen. Natürlich kann in einem Betrieb die Arbeit nicht so ablaufen, daß jeder das tut, was er will. Es muß eine Leitung dasein, es muß der ganze Betrieb durchgeistigt sein, aber das sind keine Arbeitgeber, das sind Arbeitsleiter, das heißt Arbeiter von anderer Art. Darauf ist der größte Wert zu legen, daß man endlich einmal den wirklichen Begriff der Arbeit faßt, denn ein Arbeitgeber, der nicht selbst mitarbeitet, gehört in Wirklichkeit gar nicht zum Betrieb, sondern ist ein Parasit der Arbeit.
Über diese Dinge haben die Menschen heute ganz merkwürdige Anschauungen. Ich war vorgestern in Tübingen, wo ich vor einer Versammlung gesprochen habe. Es waren auch Professoren da, und sehen Sie, einer dieser Professoren, der scheint sich besonders aufgeregt zu haben darüber, daß ich gesagt habe, daß dem Arbeiter heute nun endlich einmal klar geworden ist, daß das alte Lohnverhältnis aufhören muß, weil unter diesem alten Lohnverhältnis der Arbeiter seine Arbeitskraft als Ware verkaufen muß. Nun, daraufhin hat einer der Professoren das Folgende eingewendet: Soll denn das wirklich nicht menschenwürdig sein, daß man seine Arbeit verkauft? Was ist es denn schließlich für ein Unterschied, ob der Arbeiter in der Fabrik seine Arbeit verkauft oder Caruso an einem Abend singt und 30 000 bis 40 000 Mark am Abend bekommt? Hat der nicht auch seine Arbeit verkauft? - Sehen Sie, solche Vorstellungen haben die Leute heute noch, und gegen die muß man heute noch angehen!
Was aber wird heute gefordert? Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Sozialpolitiker sollen erst erwägen, was nun die Betriebsräte tun sollen. Nun, die Sozialpolitiker, das sind eben solche Herren, die die Gleichartigkeit der Arbeit des Fabrikarbeiters und Carusos vertreten. Diese Herren sollen also die gewichtigste Stimme haben. Es handelt sich aber heute doch darum, daß wir endlich dazu
115 kommen, uns zu sagen: Diese Leute haben lange genug ihre Stimme abgegeben, und gerade durch die Art, wie sie ihre Stimme abgegeben haben, haben sie gezeigt, daß sie nichts mitzureden haben. Auf die Sozialpolitiker kann in weitestem Umfang verzichtet werden. Ich bin überzeugt, daß wir etwas viel Gescheiteres zustande bekommen, wenn wir aus den Betrieben heraus, aus der physischen und geistigen Arbeiterschaft heraus Vertrauensleute für den Betriebsrat wählen, als wenn sich die Sozialpolitiker zusammensetzen, die doch gründlich bewiesen haben, daß sie zwar alles verderben, aber nichts aufbauen können. Und weil man das erkannt hat, deshalb hat sich der Impuls für die Dreigliederung vor allen Dingen Klarheit darüber verschafft, daß heute nur aus einer Betriebsräte-Urversammlung etwas kommen kann. Und wenn heute gefragt würde, wer da mitzureden hat, dann würde ich sagen: Vor allen Dingen nicht diejenigen, die noch am alten Begriff des Arbeitgebers festhalten, und nicht diejenigen, welche theoretisierende Sozialpolitiker sind, die sollen besser draußen bleiben. Es gibt Leute, die sagen dann: Dazu gehören eingehende Studien, wie sie von Sozialisierungsausschüssen gemacht werden. Sehen Sie, einen wirklichen Sozialisierungsausschuß, den möchte man eben gerade haben in der Betriebsräteschaft, die aus dem wirklichen Vertrauen der Menschen hervorgeht. Dagegen aber sagen diese Leute, daß durch gewalttätige Eingriffe der Betriebsräte, die ohne vorherige gesetzliche Regelung sich ihre Befugnisse selbst geben und einen Zentralrat im Sinne des Flugblattes bilden, die schwersten Schädigungen zu erwarten sind. Man sollte sich schon klar darüber sein, daß vielleicht schwere Schädigungen des alten Kapitalismus zu erwarten sind, aber das werden solche Schädigungen sein, welche sich als Nützlichkeiten erweisen werden im Dienste der wirklich tatkräftigen Menschheit.
Dann ist da noch eine Phrase, die heute immer wieder und wiederum gebraucht wird und die auch in den Kreisen der Arbeitgeberschaft verwendet wird, nämlich daß die Einrichtung von Betriebsräten ihren Zweck nur durch weitgehende Aufklärung und Schulung der Arbeiterschaft und der Unternehmer erfüllen kann. -
116 Ja, von dieser Art von Schulung hat man auch schon einiges wahrnehmen können. Bei dieser Art von Schulung handelt es sich ja darum, daß die Leute zunächst grundlegend dahingehend präpariert werden, daß sie den herrschenden Klassen den besten Dienst erweisen können, und nicht etwa, daß sie etwas Menschenwürdiges erkennen. Man möchte ihnen durch eine Schulung alles das gründlich austreiben, was sie durch das Leben gelernt haben und was sie angesichts der jetzigen Zeitverhältnisse aus ihrer Seele heraussetzen mochten. Mit dieser Schulung verbindet man die Absicht, das Vertrauen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer herzustellen, zu festigen. Ich habe ja schon gesagt: Nachdem man alles getan hat, um dieses Vertrauen gründlich auszumerzen, hat man eingesehen, daß man dieses Vertrauen glaubt wieder herstellen zu können, indem man die Leute in dieses Vertrauen hineinschult. Das heißt in diesem Falle nämlich nichts anderes, als die Leute darauf hin zu dressieren, daß sie sich im Dienst des Kapitalismus wohlfühlen.
Noch etwas anderes muß berücksichtigt werden, nämlich daß auch der Staat von der Arbeiterschaft profitieren will. Kürzlich ist in der Stadt, in der sich die Zentrale der höchsten Intelligenz Württembergs befindet, von einem Professor des Staatsrechtes gesagt worden: Ja, wir gehen traurigen Zeiten entgegen. Die Leute werden sehr arm sein! - Damit mag ja der Herr einigermaßen recht haben. Aber dann sagte er: Wir werden große, große Ausgaben haben. Womit sollen diese großen Ausgaben gedeckt werden? Die Leute werden kein Geld haben, damit diese Ausgaben gedeckt werden können. Da wird der Staat eintreten müssen, um diese Ausgaben zu decken! - Nun, meine sehr verehrten Anwesenden, da muß ich sagen: Es ist dies ein gründlicher Beweis dafür, daß endlich einmal auch das Geistesleben auf andere Füße gestellt werden muß, wenn ein hervorragender Vertreter des Geisteslebens heute die Behauptung aufstellt, daß der Staat für die armen Leute eintreten muß, damit er die großen Ausgaben, die wir haben werden, zahlen kann. Ich möchte nur wissen, wie das der Staat anstellt, ohne daß er den Leuten erst das Geld aus dem Portemonnaie
117 nimmt? So redet man vom Staate wie von einer wirklichen Persönlichkeit. Wenn man den Leuten heute von Gespenstern reden würde, die ihnen ihre Schulden zahlen, so würden sie einen selbstverständlich auslachen als einen dummen Kerl. Aber dieser Staat, so von ihm gesprochen, ist ja nichts anderes als ein Gespenst. Denn schließlich kommt man in der wirklichen Volkswirtschaft damit nicht weiter, daß man eine Geldnote nach der anderen druckt, denn diese Noten haben ja nur einen Wert, wenn sie durch Arbeit eingelöst werden!
Sehen Sie, die Leute sagen heute auch so gerne: Ehe nicht unter Mitwirkung von Sachverständigen abgegrenzt ist, welche Befugnisse ohne Vernichtung unseres schwerkranken Wirtschaftskörpers die Betriebsräte haben können, und ehe nicht durch die von der Regierung zu schaffenden Gesetze das Recht derselben festgelegt ist, können wild gewählte - ich betone: wild gewählte - Betriebsräte nur Unheil anrichten. - Ja, diese wild gewählten Betriebsräte sollen also diejenigen Betriebsräte sein, die nur durch das Vertrauen der werktätigen Bevölkerung auf die Beine gestellt werden. Denen sollen entgegengestellt werden diejenigen, die in die Fabriken hineingesetzt werden, indem man ihnen sagt: Das dürft ihr tun, das dürft ihr nicht tun, das müßt ihr unterlassen. - Ja, das führt natürlich zu nichts anderem als zur Konservierung der alten Verhältnisse. Das führt nicht vorwärts, sondern einige Schritte zurück, denn es war schon ein Unheil, als das Wirtschaftsleben noch floriert hat, daß man über Arbeiterausschüsse in dieser Weise gedacht hat. Jetzt, wo das Wirtschaftsleben am Boden liegt, ist es ein noch größeres Unheil, wenn nicht aus der werktätigen Bevölkerung selbst heraus die Betriebsräteschaft entsteht und wenn man, wenn so etwas auftritt, sagt, das sei wild gewählte Menschheit.
Nun ja, nachdem man gesehen hat, was von der anderen Seite gepflanzt werden soll, muß man schon einmal zu den Wildwachsenden greifen. Das wird dann das Gesündere sein, gesünder als dasjenige, was in den Ziergärten derer gepflanzt werden soll, die so gerne in den alten Verhältnissen drinnen stecken bleiben wollen.
118 Einen anderen schönen Satz, der auch in diesen Tagen gegen unsere Bestrebungen zur Wahl von Betriebsräten aufgetaucht ist, möchte ich doch noch anführen. Es wird nämlich verschiedenes befürchtet von dieser wild gewählten Betriebsräteschaft. Unter anderem wird gesagt: Die einseitige Ausschlachtung der Betriebe durch die Arbeiter widerspricht dem Gedanken der Sozialisierung. - Aber, ich weiß gar nicht, was das überhaupt heißen soll. Ich zermartere mir das Gehirn, um bei diesem Satz etwas zu denken. Die einseitige Ausschlachtung der Betriebe durch die Arbeiter, was soll das heißen? Sehen Sie, wenn die Arbeiter ihre gehörige Dosis von Mitverantwortlichkeit an dem Betrieb haben, dann werden sie nämlich wissen, daß, wenn sie die Betriebe nicht von sich aus hegen und pflegen, die Betriebe in kurzer Zeit in einem Zustand sind, daß sie sie nicht mehr ausschlachten können. Daß man just voraussetzen soll bei den gescheiten Vertretern der Unternehmerschaft, daß die Arbeiter so töricht sein sollen, daranzugehen, alles aus dem Betrieb herauszuschlagen, damit sie sich nachher selber auf die Straße werfen, das sollte man sich eigentlich nicht vorstellen. Denn die Arbeiter haben hinlänglich gelernt, was es heißt, durch andere auf die Straße gesetzt zu werden. Daß sie das selber nachmachen sollten, glaube ich nicht, denn diese Praxis haben sie bei den anderen zur Genüge kennengelernt.
Und dann die Äußerung, daß man dem Gedanken der Sozialisierung widerspräche. Ja, Sozialisierung soll sein: Aufrufen zur Mitarbeit an der Gesellschaftsordnung im geistigen, rechtlichen und wirtschaftlichen Leben all jener, die als Werktätige an diesem Leben beteiligt sind, die als Werktätige wirklich in der Arbeit stehen. Diese soll dadurch erreicht werden, indem aus der werktätigen Bevölkerung heraus die Betriebsräteschaft - wie die Herren sagen - «wild» gewählt wird. Nun ja, das soll nun der Sozialisierung widersprechen. So quäle ich mich also auch mit der zweiten Hälfte jenes Satzes im Kopf herum und kann einfach nicht dahinterkommen, was damit gemeint ist, denn dadurch, daß Betriebsräte aus denjenigen, die die Betriebe betreiben, gewählt werden und für das Gedeihen der ganzen Volkswirtschaft sorgen, soll also der
119 Sozialisierung widersprochen werden. Vielleicht könnte ja damit gemeint sein, daß dadurch diejenigen, die als Werktätige in den Betrieben beschäftigt sind, an der Fruktifizierung teilhaben, während diejenigen schlecht wegkommen, die bisher in der verschiedensten Weise immer nur am Gewinn beteiligt waren. Das heißt, es werden schlecht wegkommen die aus dem bloßen Kapitalismus heraus ihr Leben fristenden Menschen. Ich müßte also den Satz so auslegen, daß die einseitige Wahl von solchen Betriebsräten, wie wir sie haben wollen, der Ausmerzung der eigentlichen Kapitalisten widerspricht. Dann müßte ich meinen, daß in dem Kopfe eines solchen Menschen der Gedanke entstehen kann, daß nämlich die Ausmerzung des Privatkapitalismus der Sozialisierung widerspricht. Ich kann mir sogar vorstellen, daß in den Köpfen gewisser Leute die Sozialisierung so verstanden wird, daß sie, indem sie den Interessen der PrivatkapitaKsten widerspricht, keine rechte Sozialisierung ist. Dann aber müssen wir uns schon gestehen, daß wir uns eben selbst Begriffe über die Sozialisierung machen müssen, daß wir uns wahrhaftig von den Leuten nicht aufdrängen lassen können die Begriffe von wahrer Sozialisierung oder von dem, was dieser Sozialisierung widerspricht. Wenn man noch so sehr nach Gesetzen schreit, man wird doch keinen wahren Begriff von den Betriebsräten gewinnen. Deshalb müssen wir uns schon entschließen, als einen wahren Begriff von Betriebsräten diese Betriebsräte zu schaffen, und uns nicht abhalten lassen davon, daß wir den Ziergärten des Systems der heutigen wirtschaftlichen Ordnung die wildgewachsenen Betriebsräte entgegensetzen. Wir müssen dazu den Mut fassen und uns sagen: Aus der Institution derjenigen Betriebsräte, die wir jetzt durch Urwahl festsetzen - das Nähere kann nachher in der Diskussion besprochen werden -, soll eine Betriebsräteschaft hervorgehen, die nun geeignet sein wird, wirklich eine Grundlage für die SoziaÜsierung zu schaffen. Dann kann es sein, daß die Sozialisierung wirklich marschieren wird, während bis jetzt vom Marschieren der Sozialisierung nur diejenigen Menschen sprechen, von denen man genau weiß, daß sie unter wirklicher Sozialisierung ein kapitalistisches Gespenst
120 in neuer Form, das sich vollsaugen soll mit allerlei Parasiten, verstehen.
Wenn wir das durchdringen, dann werden wir in uns den Mut entzünden können, diesen wildgewachsenen Wald von Betriebsräten endlich in die Welt zu schicken, damit nicht alles wieder verdorben werde durch die Zierpflanzen derjenigen, die nichts vom Sozialisieren verstehen.



Diskussion

Appell an den Willen und an den Mut zur Sozialisierung. Über den Unterschied zwischen herrschen und regieren. Die künftigen Aufgaben der Regierung. Sozialisierung des Herrschens. Die Urversammlung der Betriebsräte als eine Art gesetzgebende Versammlung. Der Sozialisierungsversuch von Abbe. Über die Notwendigkeit der Sozialisierung über ein in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin. Die Bildung einer wirtschaftlichen Urzelle. Vorschläge zu einer sachgerechten Preisbildung im Sinne einer wirklichen Bedürfnisbefriedigung. Produzieren um zu konsumieren als Ideal. Die Unverkäuflichkeit der Produktionsmittel als Voraussetzung für eine künftige Lösung des Problems der gerechten Güterverteilung. Kritische Bemerkungen zu den aus kapitalistischem Denken heraus gebildeten Vorstellungen Walter Rathenaus in seinem Aufsatz «Das Ende». Die von der werktätigen Bevölkerung anzustrebende wirtschaftliche Ordnung und das zukünftige Verhältnis zum Kapitalismus der Entente. Über die Bildung eines Grundstockes sozial denkender Menschen durch die Verwirklichung der Keimgedanken der Dreigliederung. Die Betriebsräteschaft als erster Schritt auf dem Wege zur Sozialisierung.

120 Frau Bühl: Sie hat in Calw das Flugblatt des Bundes über die Schaffung der Betriebsräte verteilt und hat erfahren, daß dort die Arbeiterschaft wenig Interesse zeigt für die Schaffung von Betriebsräten. Sie bittet deshalb Herrn Dr. Rudolf Steiner, einmal dort einen Vortrag zu halten, um die Menschen etwas aufzurütteln.

Herr Armbruster ist nicht zufrieden mit dem Verlauf der Ereignisse und findet wie der «Sozialdemokrat» die Ausführungen Dr. Steiners «pflaumenweich». Außerdem findet er, daß die Sozialisierung nichts Neues ist. Er erhofft sich Hilfe von einer neuen Regierung.

Rudolf Steiner: Ja, daß im «Sozialdemokrat» gestanden hat, daß meine Ausführungen «pflaumenweich» seien, daraus habe ich mir dazumal nichts gemacht. Ich habe mir gesagt: Es hat schon so viele Ausführungen gegeben über alle möglichen sozialistischen und sozialen Programme, die wie saure Zwetschgen geschmeckt haben, da scheint es mir eigentlich gar nicht so unstatthaft zu sein, endlich einmal die Pflaumen zur Reife zu bringen; dann sind sie ja bekanntlich weich.
Das eine aber, was der Herr Vorredner gesagt hat, liegt mir doch sehr am Herzen, weil ich glaube, daß es vielleicht nicht so sehr zu unserem Verstand als zu unserem Willen sprechen soll. Es wird ja vielleicht richtig sein, wenn man sagt: Wenn dazumal, als die Revolution 1918 aufgetreten ist, in der Weise, wie das
121 heute versucht wird, von der Dreigliederung und von der Sozialisierung gesprochen worden wäre und diese auch angestrebt worden wären, dann wären wir heute weiter. - Sehen Sie, daß ich damals nicht selber aufgetreten bin, das hatte seine Gründe, weil ich ja nun schließlich meinte, daß die anderen, die immer in der Partei gestanden haben, die immer drinnen waren, das besser können, und ich habe ja auch gewartet, ob sie es besser können. Nun hat der verehrte Vorredner selber gesagt, daß wir eigentlich ja noch nichts Besonderes erreicht haben. Da wird es vielleicht aus den Tatsachen heraus gerechtfertigt erscheinen, daß man sich dann, nachdem diejenigen, auf die man sich verlassen hat, nichts erreicht haben, daß man sich dann auf die Sache einläßt. Wichtig ist - wenn der Vorredner wirklich meint, «daß wir heute weiter wären, wenn das dazumal in Angriff genommen worden wäre» - daß man sich sagt: Nun, dann wollen wir es wenigstens heute in Angriff nehmen, damit wir, wenn wir wiederum so viele Monate nach dem Heute stehen wie jetzt nach der Revolution, uns dann in der Wirklichkeit befinden, wie wir sie uns heute wünschen. Also ich möchte das in eine Aufforderung zu dem Willen und zu dem Mut zur Sozialisierung kleiden. Und da glaube ich nun allerdings, daß man ein wenig auf die Erfahrung sich stützen soll.
Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich sage, daß man den Ausspruch «Wenn wir erst eine neue Regierung haben, wird die es schon machen» eigentlich schon auch immer wieder unter dem alten Regime gehört hat. Ja, es gibt sogar ein niedliches Beispiel, wo ungefähr alle paar Monate gesagt worden ist: «Wenn wir eine neue Regierung haben, dann wird es schon besser werden.» Das war in Österreich in den Jahrzehnten vor dem Krieg. Da hat man alle paar Monate einmal eine neue Regierung gebildet und hat sich auf sie verlassen. Nun sollte man aber aus den Tatsachen gelernt haben, daß man sich in einer solchen Welse nicht auf irgendeine Regierung verlassen soll Deshalb soll ja gerade in der Betriebsräteschaft dasjenige geschaffen werden, was aus der breiten Masse der werktätigen Menschheit heraus nun auch schöpferisch sein kann mit Bezug auf das Sozialisieren. Es scheint
122 mir eben eines - wie ich auch hier schon einmal gesagt habe - noch nicht begriffen worden zu sein, was aber begriffen werden sollte, und das ist, daß es einen Unterschied gibt zwischen Herrschen und Regieren. Herrschen wird in der Zukunft das ganze werktätige Volk müssen. In alten Zeiten hat man das Herrschen und das Regieren verwechselt, indem man geglaubt hat, die Regierung müsse auch herrschen. In der Zukunft werden die Regierungen lernen müssen zu regieren. Regieren heißt, das zum Ausdruck zu bringen, was das werktätige Volk eigentlich als sein Wollen in sich trägt. Dieser Unterschied muß erst gelernt werden.
Die neue Regierung hat viel zuviel gelernt von den alten Regierungen, die Herrschaftsregierungen waren. Sie hat sich viel zu viel von dem angeeignet, was man früher immer gesagt hat, nämlich, daß die Regierung es schon richtig machen wird. Ich denke, es wird mit Bezug auf das Sozialisierungsproblem ein wesentlicher Fortschritt gerade darin bestehen müssen, daß das, was die Regierung tut, vom Volk sachgemäß kontrolliert werden kann. Es wird der Regierung ihre Richtung geben müssen, so daß man sich nicht einzig und allein auf Stimmzettel verläßt, sondern auf das wirkliche Leben, das im Grunde jeden Tag aufs neue der Regierung die Richtung ihres Vorgehens weist. Aber man wird das nicht erreichen, wenn man immer sagt: Wenn wir erst eine neue Regierung haben, dann wird es schon besser gehen, die wird schon sozialisieren. - Vielmehr ist es jetzt an der Zeit, daß jeder Mensch an der Sozialisierung mitarbeiten muß. Das ist gerade der Sinn unserer Zeit, daß jeder Mensch fühlt, daß er mitarbeiten muß. Und man muß verstehen lernen, daß, wenn man sozialisieren will, man als erstes das Herrschen sozialisieren muß. Das Herrschen muß sozialisiert werden. Es darf nicht in den alten Formen fortgeführt werden. Deshalb möchte ich nicht weiter davon sprechen hören, daß «die Regierung es schon machen wird», sondern ich wäre mehr befriedigt, wenn von den breitesten Kreisen des Volkes gesagt würde: Wir werden es machen, selbst wenn nicht nur die Regierung, sondern alle Teufel dagegen wären.
123 Ein Diskussionsteilnehmer berichtet, daß man im Bekleidungs- und Instandsetzungsamt in Feuerbach vor der Wahl der Betriebsräte steht. Der leitende Offizier hat sich dahingehend ausgesprochen, daß er der Wahl von Betriebsräten nicht abgeneigt sei, müsse aber im voraus betonen, daß diese Betriebsräte nur eine beratende, aber keine bestimmende Stimme haben dürfen.


Rudolf Steiner: Was der verehrte Vorredner ausgeführt hat, das soll ja durch die besondere Art, wie die Betriebsräteschaft hier gemeint ist, verhindert werden. Natürlich, wenn die Betriebsräte im Sinne des Gesetzes, das ja aus dem alten Geiste heraus gemacht werden soll, eingesetzt werden sollen, werden sie ja selbstverständlich Strohpuppen sein. Und damit nicht Strohpuppen entstehen, sondern wirkliche Betriebsräte, sollen ja, nun, sagen wir, zunächst diese Wildlinge gewählt werden gegen die Pflanzen der anderen. Und so wird es uns zunächst nicht besonders interessieren, wenn gesagt wird: Nun, ich will der Wahl von Betriebsräten zustimmen, aber die dürfen nur eine beratende Stimme haben.
Wir möchten zunächst, daß einmal Betriebsräte da sind. Und ich sagte, daß wir dann anstreben, daß sich die Betriebsräte fühlen sollen als eine gesetzgebende Urversammlung, aus der dann eine Art Zentralwirtschaftsrat hervorgeht, und daß dieser dann die Funktionen derjenigen übernimmt, von denen jetzt noch ausgeht dasjenige, was Strohpuppen erzeugen will. Wir möchten eben gerade durch diese besondere Art zu einer Betriebsräteschaft kommen und damit verhindern, daß dieses Gesetz Wirklichkeit wird. Dazu ist es notwendig, daß hinter diesem Auf-die-Beine-Stellen der Betriebsräte die Arbeiterschaft wirklich steht. Wenn die Arbeiterschaft wirklich dahintersteht, so ist nicht zu befürchten, daß dann irgendein Gesetz, das die Betriebsräte zu Strohpuppen macht, entstehen kann. Darauf kommt nämlich alles an.
Ich muß sagen, ich war eben vorgestern recht verwundert, als ich von einer sehr interessanten Persönlichkeit, die im Sinne einer Sozialisierung aller Verhältnisse gesprochen hat, doch immer wieder hören mußte: ja, man muß aber bedenken, daß ja nun endlich
124 seit dem November 1918 alles erreicht ist. Württemberg sei ein freier Volksstaat geworden, in dem alles erreicht werden kann. Dieser württembergische Volksstaat wird sich sogar ein wunderbares Schulgesetz geben, und er wird es eben auch dahin bringen, daß durch ein Gesetz die Betriebsräte in der richtigen Weise in Szene gesetzt werden, und man sollte nicht in das Gesetz hineinpfuschen. - Es wird sich also darum handeln, daß man endlich einsieht, daß das bloße Rufen nach Macht nichts bewirkt, sondern daß diese Macht erst geschaffen werden muß. Aber, wie wird sie geschaffen? Sie wird dadurch geschaffen, daß nicht immer solche Dinge, wie ich sie geschildert habe, geglaubt werden, sondern daß sich immer mehr Menschen zu einer wirklich freien Tat zusammenfinden. Die Macht wird ja gerade darin bestehen, daß sich die Menschen immer bewußter werden dieser ihrer Macht. Wenn sie immer nur davon reden: Diese Macht soll von da oder dort kommen -, dann wird diese Macht niemals erlangt werden. Diese Macht wird erlangt werden, wenn die Menschen sich bewußt werden, daß sie aus ihrem eigenen Verständnis heraus etwas tun müssen. Wenn genügend Menschen dasein werden, die verstehen werden, wie man aus der werktätigen Bevölkerung heraus nun wirklich zur Sozialisierung kommt, dann ist mir um die Macht gar nicht bange.

In einer längeren Diskussion, in der auch Gewerkschaftsfragen gestreift werden, betonen die Redner einstimmig, daß, soweit es noch nicht geschehen ist, so schnell wie irgend möglich Betriebsräte gewählt werden trotz des WiderStrebens der Unternehmer und der Leitungen von Staatsbetrieben.

Ein Redner weist auf die Arbeit von Professor Abbe, Jena, hin, der, allerdings unter der günstigen Voraussetzung eines Monopolbetriebes, gute Vorarbeiten zur Sozialisierung geleistet habe. Ferner weist er hin auf die Ideen von Friedrich Naumann und Walther Rathenau.

Diskussionsredner Grosshans, Heilbronn: Ich konnte leider dem Vortrag von Herrn Dr. Steiner nicht beiwohnen, habe ihn aber einmal in Heilbronn
125 sprechen hören. Veranlassung, Ihnen einige Worte zu sagen, gibt mir meine 39-monatige Gefangenschaft in Rußland, um Ihnen die Erfahrungen über die verschiedenen Probleme, die die Revolution in Rußland mit sich gebracht hat, klarzulegen. Als schon die zweite Revolution der Bolschewiki in Rußland einsetzte, war es der Fall, daß diese Bolschewiken den größten Fehler gemacht haben, indem sie die ganze technische Leitung und sämtliche Beamten davongejagt haben. Sie wollten ihre Geschicke selbst in die Hand nehmen. Dies halte ich zwar für richtig, aber, da die Verhältnisse in Rußland so liegen, daß 60 % der Bevölkerung Analphabeten sind, wie können sie imstande sein, die Betriebe selbst zu führen? Die Erfahrung zeigt also, daß es grundlegend falsch war, alle Beamten, technischen Leiter usw. davonzujagen und selbst die Geschicke in die Hand nehmen zu wollen- Meines Erachtens sind es eben diese Gedanken, die Herr Dr. Steiner Ihnen wohl auch diesen Abend vorgetragen hat und wonach auf die Verselbständigung des ganzen schaffenden Volkes hingearbeitet werden soll, um so die langersehnte Macht des arbeitenden, des schaffenden Volkes zu erlangen.
Was ich noch weiter ausführen möchte, das sind die großen Fehler, die seit dem 9. November bei uns gemacht wurden. Ich verwerfe es, daß der Krieg mit Rußland auch heute noch weitergeführt wird, auch auf Geheiß der Entente. Aber vergessen Sie nicht: Hätten wir einen Anschluß an Rußland gesucht, so würde heute die Entente uns nicht so gegenübertreten können, wie sie es tut. In Rußland, in Sibirien habe ich selbst gesehen, wie an der Erdoberfläche kolossale Mengen von Kohlen liegen, die nicht einmal zutage gefördert werden brauchen, denn sie liegen an der Erdoberfläche. An der Murmänschen Küste sind kolossale Kupferbergwerke, ferner findet man dort Quecksilber und alle Rohstoffe, wie wir sie heute so notwendig in Deutschland brauchen könnten. Außerdem habe ich gesehen, wie in Samara im Wolgatal kolossale Getreidebestände von 1912, 1913 und 1914 heute noch liegen, das heißt im Juli 1917 noch gelegen sind, die nicht einmal ausgedroschen waren. Sie waren zu Haufen aufgestapelt, die so eroß waren wie ein dreistöckiges Haus. Hatte unsere Regierung nach der Revolution - ich will nicht zurückgreifen auf das alte System, das hinweggefegt ist, denn ihm brauchen wir ja keine Worte mehr zu widmen -, hatten wir also nach der Revolution einen Anschluß an Rußland gesucht, hätten wir auf eine Verständigung mit Rußland hingearbeitet, so hätten wir heute andere Zeiten und wären nicht auf die Gnade
126 und Barmherzigkeit unserer Feinde angewiesen, denen wir machtlos gegenüberstehen.
Und ich möchte da noch folgendes ausführen: Wenn ich betrachte, was seit dem 9. November in Deutschland geschehen ist, so komme ich zu dem Ergebnis, daß es höchste Zeit ist, daß wir uns einigen. Wir, das ganze arbeitende Volk, die Handarbeiter, die Kopfarbeiter, die Angestellten, müssen uns gegenseitig vertrauen, müssen uns aufeinander verlassen können und uns nicht immer wieder in die Partei- und Gewerkschaftsschranken hineinziehen lassen. Ich bin überzeugt, daß eine große Anzahl unserer Führer schon längst von der neuen Zeit überholt sind. Das beweisen uns ja diese Vorschläge zur Sozialisierung. Wenn wir da die einzelnen Paragraphen durchlesen, sind wir mit unseren Betriebsräten doch letztlich nichts anderes als ein Demonstrationsstück. Wir sind wohl Betriebsräte, aber wir haben kein Recht, wir sind nur da, damit wir auch im Betrieb sitzen.
Es ist eigentlich, wenn man dieses Programm unserer Regierung betrachtet, weit über 50 Jahre alt, und ich glaube, dieses Programm kann heute für uns nicht mehr maßgebend sein. Deshalb bitte ich Sie, die Sie heute hier sind, tragen Sie diese Ideale, die uns Dr. Steiner vorgetragen hat, hinaus in die breite Masse des arbeitenden Volkes. Sehen Sie zu, daß wir zur Verständigung kommen und daß wir so schnell wie möglich die Betriebsräte einführen, denn die Zeit drängt. Es ist höchste Zeit, daß unser Wirtschaftsleben endlich wieder gehoben wird zugunsten des ganzen schaffenden Volkes.


Rudolf Steiner: Es war ja heute hauptsächlich unsere Aufgabe, auf die Wichtigkeit und die Notwendigkeit der Betriebsräteschaft einzugehen, damit wir mit dieser Betriebsräteschaft endlich die positive, die tatsächliche Grundlage haben, aus der heraus dann weiter gearbeitet werden kann. Ich kann durchaus nachfühlen, wenn hier gesagt worden ist, daß es wünschenswert gewesen wäre, daß wir heute ein wesentliches Stück weitergekommen wären. Gewiß, wir alle haben uns dies gewünscht, jedoch haben wir eben bisher diese Arbeit gebraucht, um wenigstens so weit zu kommen, daß wir heute immerhin schon das Resultat erreicht haben, daß wir deutlicher darauf hinblicken können, daß diese Betriebsräteschaft jetzt
127 wirklich entsteht. Ich glaube, es ist ein großer Fortschritt, den wir dadurch zu verzeichnen haben, daß uns doch sehr viele der verehrten Anwesenden sagen konnten, wie weit die Sache vorangeschritten ist, und daß wir uns mit der Sache sogar im Hinblick auf die Wahlen beschäftigt haben beziehungsweise uns in der nächsten Zeit noch mehr damit beschäftigen werden. Ich glaube, daß wir daraus sehen können, wie notwendig es ist, zunächst einmal diesen Betriebsräten den Boden zu bereiten und zugleich zu sehen, daß man ja, wenn man nur den guten Willen hat, damit wirklich weiterkommt.
Es wird ja mit dem, was ich eine Art gesetzgebende Versammlung genannt habe, die sich aus der Betriebsräteschaft heraus ergibt, harte Arbeit verbunden sein, und mir scheint es von ganz besonderer Wichtigkeit, daß wir uns nicht der Illusion hingeben, wir könnten dieser Urversammlung der Betriebsräteschaft irgend etwas vorwegnehmen. Gerade das, was der eine Herr aus Heilbronn erwähnt hat im Zusammenhang mit dem Wesen der Güterverteilung und dergleichen, das wird ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit gerade der Versammlungen sein, welche die Betriebsräte werden abzuhalten haben. Es soll dort über all diese Dinge wirklich aus den Grundbedingungen unseres Wirtschaftslebens heraus gesprochen werden, damit die entsprechenden Grundlagen geschaffen werden können. Ich erkenne an, daß mancherlei gute Anfänge gemacht worden sind wie derjenige von Professor Abbe. Es sind ja auch viele andere gemacht worden, namentlich sind in England mannigfaltige Versuche gemacht worden. Es ist mit Recht erwähnt worden, daß eigentlich Abbe nur deshalb so weit kommen konnte, weil sein Betrieb eben von ganz besonderer Art war. Andererseits hat sich gerade da, wo die Sache weiter verfolgt worden ist, immer wiederum gezeigt, daß diese Dinge doch nicht bis zu einem gewissen Ende führen können. Und man muß dann die Frage aufwerfen: Warum ist das so? Nun, der Grund ist eben der, daß von wohlwollenden Leuten, wie es Abbe war, diese Dinge immer wieder ganz individualistisch in Angriff genommen worden sind und nicht eigentlich sozial. Das ist das, was Ich Sie bitte, nicht zu unterschätzen
128 und zu verkennen, daß wir die Sache nun wirklich sozial in die Hand nehmen wollen, daß wir tatsächlich dasjenige, was dann in einzelnen Betrieben angegangen wird, herausschaffen wollen aus dem Sozialen der ganzen Wirtschaft über ein geschlossenes Wirtschaftsgebiet hin. Für hier würde also Württemberg in Betracht kommen. Erst dann, wenn man in diese Richtung hin vorgearbeitet hat, was ja bei gutem Willen wahrscheinlich verhältnismäßig schnell gehen kann, dann wird man sehen, wie im einzelnen Betrieb eigentlich gar nicht sozialisiert werden kann, sondern daß die Sozialisierung des einzelnen Betriebes sich nur aus der Sozialisierung eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes ergeben kann. Wir werden nämlich dadurch erst die Möglichkeit gewinnen, das wirklich durchzuführen, was vom Sozialismus immer verlangt worden ist, nämlich daß produziert wird, nicht um zu profitieren, sondern um zu konsumieren.
Sehen Sie, bei der heutigen Struktur der Gesellschaft läßt sich eigentlich gar nicht anders produzieren als im Hinblick auf den Profit. Das Prinzip, zu produzieren, um zu konsumieren, das muß erst geschaffen werden! Und von diesem Prinzip wird wiederum abhängen, ob in einer entsprechenden Weise Wege für eine Güterverteilung gefunden werden können. Es wird viel davon abhängen, daß man über einen großen Bereich hin, ich möchte sagen, eine wirtschaftliche Urzelle findet.
Diese wirtschaftliche Urzelle - ich möchte wenigstens mit ein paar Worten kurz von ihr sprechen -, worin besteht sie denn? Geht man nicht vom Produzieren, sondern vom Konsumieren, von der Befriedigung der Bedürfnisse aus, so handelt es sich darum, daß wir erst zu einem praktikablen Ergebnis dessen kommen müssen, was im Sinne der Bedürfnisbefriedigung zu einer sachgemäßen Preisbildung führt. Das geschieht nämlich heute in anarchisch-chaotischer Weise durch Angebot und Nachfrage, und da steckt viel drinnen von der Unmöglichkeit, heute überhaupt zu etwas zu kommen. Mit der Formel von Angebot und Nachfrage wird man nicht zu dem Ziel kommen, zu produzieren, um zu konsumieren. Nicht wahr, um zu dem Ziel zu gelangen, ist es
129 notwendig, daß das, was ich produziere, im Vergleich zu anderen Gütern so viel wert sein muß, daß ich dafür eintauschen kann, ganz gleich, wie sich der Tausch gestaltet, alle diejenigen Güter, die meine Bedürfnisse befriedigen bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich ein gleiches Produkt wie jetzt hervorgebracht habe. Dabei muß dann alles das mit eingerechnet werden, was man als Beitrag zu leisten hat für diejenigen, die zur Zeit nicht unmittelbar selbst produzieren können, also für Kinder, die erzogen werden müssen, für Arbeitsunfähige und so weiter. Wovon man also ausgehen muß, das ist, sich klar zu werden über diese wirtschaftliche Urzelle. Erst dadurch wird es möglich, auf wirtschaftlichem Boden eine gerechte Preisbildung zu erreichen, so daß man dann in der Zukunft nicht wiederum, wenn man auf der einen Seite mehr verdient, auf der anderen Seite mehr ausgeben muß, weil die Dinge selbstverständlich unter dem Einfluß des Mehrverdienstes teurer werden.
Heute noch beklagt man sich immer wieder darüber, daß zwischen Warenpreis und Löhnen ein unnatürliches Verhältnis besteht. Die Sozialisierung wird das große Problem zu lösen haben, diesen Unterschied zwischen Warenpreis und Löhnen überhaupt aus der Welt zu schaffen, weil der Lohn als solcher aus der Welt geschafft werden muß, weil die Möglichkeit gegeben werden muß, daß es in Zukunft grundsätzlich keinen Lohnarbeiter mehr gibt, sondern den freien Genossen, den freien Mitarbeiter des geistigen Arbeiters, des geistigen Leiters, weil das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der heutigen Form überhaupt zur Unmöglichkeit werden muß. Erst dann, wenn es möglich ist, alles das auszumerzen, was heute da ist und was die Preisbildung verunreinigt, erst dann ist es möglich, eine wirkliche Sozialisierung zu erreichen.
Heute kauft man ja nicht bloß Güter, sondern heute kauft man erstens Güter, zweitens Rechte und drittens Arbeit. Rechte kauft man, wenn man Grund und Boden erwirbt. Dadurch, daß der Boden heute eintauschbar ist gegen Produktionsgüter, entsteht eine unmögliche Situation, die darauf zurückzuführen ist, daß auf dem allgemeinen Markt Grund und Boden den gleichen Preisbildungsmechanismen unterliegen wie andere Güter. Ferner kosten heute
130 die Produktionsmittel auch etwas, nachdem sie fertiggestellt sind. Sie wissen, daß in meinem Buch veranlagt ist, daß die Produktionsmittel, wenn sie fertiggestellt sind, nicht mehr verkäuflich sind, sondern auf anderem Wege der Gesellschaft zugeführt werden sollen. Es muß in der Zukunft ein Produktionsmittel nur so lange etwas an Arbeitskraft verschlingen, bis es fertig ist.
Wenn Sie heute die Nationalökonomen fragen: Was ist Kapital? -, so bekommen Sie ganz verschiedene Antworten. Die besten Nationalökonomen sind noch schließlich die, die sagen: Kapital ist produziertes Produktionsmittel, also fertig produziertes Produktionsmittel, das man besitzen kann und das dann verkäuflich ist. Ja, gerade wenn man Kapital ansieht als entsprechend dem produzierten Produktionsmittel, dann erweist sich das Kapital als fünftes Rad am Wagen. Sie wissen, daß ich in meinem Buch als die Grundlage für alle künftige Güterverteilung aufgeführt habe, daß tatsächlich das Produktionsmittel nur so lange Arbeit verschlingen darf, bis es fertiggestellt ist. Eine Lokomotive darf, wenn sie fertig ist, nur durch andere Maßnahmen als durch Kauf irgendwo in den gesellschaftlichen Verkehr gebracht werden. Wir brauchen also zunächst Klarheit darüber, daß in bezug auf die Produktionsmittel und in bezug auf Grund und Boden ganz andere Maßnahmen, ergriffen werden müssen als bisher. Nur dadurch - und es gibt kein anderes Mittel -, nur dadurch, daß wir die Produktionsmittel nur so lange menschliche Arbeit verschlingen lassen, bis sie fertig sind, kommen wir dazu, der Arbeit wirklich ihr Recht zu verschaffen. Denn was ist das Geld? Geld ist nichts. Der, der noch so viel besitzt, würde nichts haben, wenn er durch die bestehenden Machtverhältnisse nicht in der Lage wäre, soundso viele Menschen zu veranlassen, daß sie Arbeit leisten für sein Geld. Das werden sie nicht mehr können, wenn wir die Preise der Produktionsmittel in dieser Weise gestalten, daß diese Preise überhaupt aufhören, wenn die Produktionsmittel fertig sind. Ein weiteres Problem ist das der Güterverteilung;
Der Herr, der das Problem der Güterverteilung angeschnitten hat, der muß bedenken, daß unsere ganze Güterverteilung seit
131 drei bis vier Jahrhunderten eine solche geworden ist, die ganz im Sinne des Kapitalismus ist und daher ebenfalls sozialisiert werden muß. Dies kann erst geschehen, wenn wir eine Ur-Versammlung von Menschen haben, die wirklich gewillt sind, gegen alle Widerstände den Mut zu entwickeln, auch neue und zugleich notwendige Formen der Preisbildung zu entwickeln. Es wird eine harte Arbeit sein, und sie wird um so schneller geleistet werden können, wenn wir nicht den dritten vor dem ersten Schritt machen, sondern uns dazu entschließen, den ersten Schritt wirklich zu machen. Heute hängt alles davon ab - und es ist keine Kleinigkeit -, daß wir zunächst wirklich diese Betriebsräteschaft bilden. Diese Betriebsräteschaft soll nicht Programme und dergleichen aufstellen, sondern als Tatsache zunächst Tatsachen in die Welt setzen.
Ich wollte nur andeuten, wie schwierig das Problem der Güterverteilung ist. Wir werden es erst überwinden, wenn wir die Grundlagen haben, und die Grundlagen sind die Menschen, die das Vertrauen ihrer Mitmenschen haben, um sich zusammenzufinden, wie man sich noch niemals in der Welt zusammengefunden hat, um nun nicht kleine atomistische Versuche zu unternehmen, die man auch sozialisieren nennt, sondern um wirklich aus dem Ganzen heraus zu sozialisieren.
Es sind vorhin verschiedene Namen genannt worden, unter anderem auch der Name Rathenau. Der Name Rathenau erinnert mich an etwas für die Gegenwart gar nicht so Unwichtiges. Gestern ist das neueste Heft der «Zukunft» mit einem Aufsatz von Walther Rathenau «Das Ende» erschienen. In diesem Aufsatz «Das Ende» hat man so recht den Beweis dafür, wie der Kapitalist mit seinem Urteil gegenüber den heutigen Zeitereignissen wirklich am Ende ist. Walther Rathenau ist wahrer, aufrichtiger und in einem gewissen Sinne ehrlicher als die anderen, aber er kommt eben auch nicht weiter, als diejenigen gelangen, die nicht aus dem sozialen Denken heraus, sondern doch aus dem kapitalistischen Denken heraus sich ihre Vorstellungen bilden. Ich möchte sagen: Was Walther Rathenau in diesem Aufsatz «Das Ende» sagt, es ist nur allzu begründet. Er sagt: Nun ja, wir haben lange Zeit von allen
132 möglichen Seiten her nur das gehört, was erlogen war. Unsere erste Forderung müßte darin bestehen, daß nun endlich einmal den Leuten nicht das gesagt wird, was nicht wahr ist, sondern das, was wahr ist. Und er stellt mit Recht die Frage: Was ist, wenn der jetzige Friedensvertrag nicht unterschrieben wird? Nun, dann wird halt ein anderer gemacht, dann wieder ein anderer. Was aber, wenn er doch unterschrieben wird? Rathenau sagt dazu: Rantzau kann dann nichts weiter tun, als die Nationalversammlung für aufgelöst zu erklären; er kann erklären, daß es keinen Sinn mehr habe, daß in Deutschland ein Präsident da ist, daß ein Reichskanzler da ist und so weiter. Er kann also nichts anderes tun, als alle Souveränitätsrechte des ehemaligen Deutschen Reiches in die Hände der Entente zu legen und sie zu bitten, für die 60 Millionen Menschen in Deutschland zu sorgen. - Ja, das ist die Wahrheit von diesem Gesichtspunkte aus. Das ist die Wahrheit, daß diejenigen Menschen, die bisher die Geschicke lenkten, jetzt in bezug auf Mitteleuropa am Ende stehen und sich eingestehen müssen: Wir haben es dahin gebracht, daß wir eigentlich nichts anderes tun können, als der Entente anzutragen: Übernehmt unsere gesamte Regierung und sorgt für uns! - Er macht sich mit Recht sogar ein wenig her über die, die da sagen: «Lieber sterben als den Vertrag unterschreiben!» -, indem er darauf hinweist, daß man sich nicht vorstellen könne, daß 60 Millionen Deutsche auf einmal sterben werden.
Was gibt es dazu zu sagen? Nur das eine: Das, was sich abgespielt hat zwischen Mitteleuropa und dem Westen, ist ein Spiel zwischen Kapitalismus und Kapitalismus. Und solange es ein Spiel sein wird zwischen Kapitalismus und Kapitalismus, wird es zu nichts führen als zu seinem Ende. Ein Anfang kann erst wieder gemacht werden, wenn von unten herauf gearbeitet wird, das heißt, wenn aus der werktätigen Bevölkerung heraus gearbeitet wird an einem wirklich ernsthaften sozialen Aufbau. ...) Und weil man aus innenpolitischen und vor allen Dingen außenpolitischen Gründen
133 einen Anfang braucht, deshalb hat sich dieser Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus ergeben, der allein imstande ist, einer wirklichkeitsgemäßen Warenproduktion zu ihrem Recht zu verhelfen. Zugleich geht es darum, neue Wege der Güterverteilung zu finden, wodurch verhindert wird, daß mittels der Güterverteilung das entsteht, was bisher kapitalbildend war und was auch unsere internationalen Konflikte hervorgerufen hat. Deshalb ist heute das Wichtigste, einzusehen, daß die Sozialisierung damit begonnen werden muß, daß wir einen Grundstock sozial denkender Menschen haben. Diese werden es möglich machen, daß man den Weg zu einer solchen Güterverteilung findet, wie ich es eben angedeutet habe, und daß man zu einer neuen Art der Behandlung der mit dem Grund und Boden sowie der Produktionsmittel verbundenen Probleme kommt. Es ist nicht genug, daß man bloß Forderungen aufstellt. Vergesellschaftung der Produktionsmittel - gut. Aber es handelt sich vor allem darum, daß man Mittel und Wege findet, diese Forderungen zu erfüllen. Da gibt es keinen anderen Weg als den, sich an die Arbeit zu machen. Heute würde es ja ganz interessant sein, sich in allerlei Art darüber zu unterhalten, wie wir die Güter verteilen. Das erste aber, was notwendig ist, ist, daß wir endlich mit den Menschen sprechen können, die überhaupt gewillt sind, eine andersartige Güterverteilung vorzunehmen. Worte, die Programme sind, brauchen wir nicht, sondern Worte, die Menschen auf die Beine stellen. Programme werden uns niemals nützen. Wir brauchen heute die Menschen, welche sich wirklich ihrer Macht bewußt werden und dasjenige in die Wirklichkeit umsetzen, wozu die Worte eben Keimgedanken sein sollen.
Das ist dasjenige, was ich Sie bitte nicht so zu nehmen, daß Sie wiederum sagen: Ja, es wäre gut, wenn wir weitergekommen wären und jetzt schon wüßten, was alles getan werden soll. Leute wie Naumann wissen immer, was alles getan werden soll; aber ich würde mir gar nicht so viel daraus machen, wenn ich wüßte, was alles getan werden soll im Sinne Naumanns. Dann würde ich nämlich wissen, daß es zwar schöne Gedanken sind, an denen
134 man sich erfreuen kann, aber sozialisiert wird damit nicht. Der Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus unterscheidet sich von anderen Impulsen dadurch, daß er nicht ein neues Programm in die Welt hineinstellt, sondern daß er lediglich aufzeigen will, wie die Menschen in der Welt zusammenkommen müssen, wie sie sich finden müssen, damit Wirklichkeiten und nicht Utopien oder Programme entstehen. In diesem Sinne ist es mir eine Befriedigung, daß so viele unserer Freunde heute schon verkündet haben, wie weit die Dinge bereits gediehen sind. Ich möchte bitten, nicht zu erlahmen, die Schritte, die gemacht worden sind, fortzusetzen und sie noch schneller und schneller zu machen. Denn wenn wir die Räteschaft haben, wird sich mit ihrer Hilfe alles weitere durchsetzen lassen. Das dürften diejenigen schon verstanden haben, die heute das, was gesagt worden ist, in realer Weise ins Auge fassen. Sie dürften verstanden haben, daß es darauf ankommt, daß wir zunächst zur Sozialisierung die Menschen haben müssen, die wirklich sozialisieren wollen. Das ist das erste tatsächliche Sozialisierungsprogramm. Und die Verwirklichung des ersten Schrittes zur Sozialisierung wird geschehen sein, wenn in den Betrieben des hiesigen Wirtschaftsgebietes die Betriebsräte gewählt sein werden. Und dann wird man sagen können: Jetzt wollen wir den nächsten Schritt tun. Denn dazu müssen sie erst dasein, damit wir die nächsten Schritte tun können. Zur Sozialisierung brauchen wir die Menschen, die die Sozialisierung wollen. Und die Betriebsräteschaft wird wohl überhaupt in der Zukunft als der erste Schritt zur wahren Sozialisierung angesehen werden.

Nach Mitteilung des Vorsitzenden hat sich soeben aus den Meldungen ergeben, daß vier Betriebsräte gewählt sind und die Wahl von sechs weiteren Betriebsräten in Angriff genommen wurde.




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