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SECHSTER VORTRAG, Dornach, 2. Oktober 1920, vormittags

SECHSTER VORTRAG, Dornach, 2. Oktober 1920, vormittags

Das instinktive Herausstreben aus dem Leibe. Vernünftiges Begreifen der Geisteswissenschaft als Heilmittel gegen pathologische Zustände. Umwandlung des Gedächtnisses in Erkenntnis der wiederholten Erdenleben durch Inspiration. Entwicklung der Seelenkräfte am BewußtseinspoL Das Erleben des bildhaften Denkens. Es führt tiefer hinein in das eigene Wesen. Dahin strebt die Entwicklung auf der andern Seite, bewußt oder unbewußt. Pathologische Zustände als Symptome: Astraphobie, Klaustrophobie, Agoraphobie. Imagination. Kraft der Liebe. Intuition. Der Arzt. Kapital, Arbeit, Ware.

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75 Wir schlössen gestern damit, daß wir hinstellten dasjenige, was sich an der einen Grenze des menschlichen Naturerkennens für ein wirkliches, wahrhaftes Erkennen ergibt, wir schlössen damit, daß die Inspiration charakterisiert wurde. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, wie der Mensch durch die Inspiration hineinwächst in eine geistige Welt, in der er sich dann selber darinnen weiß, in der er sich zugleich außerhalb seines Leibes weiß, und ich habe Ihnen gezeigt, wie dieses Hineinwachsen aus einem gewissermaßen tonlosen musikalischen Elemente herauf bis zum Hineinwachsen in ein individualisiertes wesenhaftes Element geschieht. Es ist wohl auch aus den gestern gemachten Bemerkungen über den Hyperkritizismus und den Hyperskeptizismus hervorgegangen, daß pathologische Zustände beim Menschen entstehen können, wenn dieses Herausgehen des Menschen aus seinem Leibe gewissermaßen geschieht ohne die Mitnahme des Ich, wenn der Mensch nicht sein volles Bewußtsein, sein Ich-Bewußtsein in diejenigen Zustände mit hineinverwebt, die er während der Inspiration eben durchlebt. Wenn der Mensch dieses sein Ich in diese Inspiration hineinbringt, dann ist dieses ein gesunder, ja ein notwendiger Fortschritt im menschlichen Erkennen. Wenn der Mensch aber in einer Kulturepoche, wie die gegenwärtige es ist, wo einfach die menschliche Wesenheit nach diesem Freiwerden vom Organismus strebt, wenn er instinktiv, unbewußt, krankhaft die Sache über sich kommen läßt, dann kommen eben jene krankhaften Zustände heraus, von denen gestern gesprochen worden ist. Wir haben gewissermaßen in unserer menschlichen Natur die zwei Pole. Entweder können wir auf der einen Seite hinsehen zu dem, was uns einen freien geistigen Ausblick in höchste Wirklichkeiten bietet, oder wir können, indem wir es vermeiden, indem wir nicht den Mut dazu aufbringen, vollbewußt in diese Region hineinzudringen, sondern uns treiben lassen von den unbewußten Kräften der Menschennatur, wir können in eine Erkrankung des menschlichen Organismus hinein verfallen. Und schlimm wäre es, zu glauben, daß man geschützt
76 wäre vor dieser Erkrankung, wenn man vermiede das Hineinstreben in die wirkliche geistige Welt. Der Krankheit verfällt man sowieso, wenn die Instinkte den astralischen Leib, wie wir dann sagen, heraustreiben aus der menschlichen Organisation. Und dasjenige, was erlebt wird dadurch, daß wir -wenn wir auch nicht selbst forscherisch hineinkommen in diese geistige Welt, die charakterisiert worden ist - bloß durch das vernünftige Begreifen die Ideen der Geisteswissenschaft aufnehmen, das schützt uns voll, insbesondere in der gegenwärtigen Zeit, vor dem ungesunden Verfallen in jene pathologischen Zustände, wenn sie auch nur seelisch auftreten, die gestern charakterisiert werden mußten nach der einen Seite.
Was aber tragen wir eigentlich hinein in die höhere Welt, wenn wir das volle Bewußtsein hineintragen? Sie brauchen ja nur ein wenig die Entwickelung des Menschen von seiner Geburt an zu verfolgen bis zum Zahnwechsel hin und über den Zahnwechsel hinaus, so werden Sie finden, daß neben der Entwickelung von Sprache, Denken und so weiter ein besonders bedeutsames Element in dieser menschlichen Entwickelung die allmähliche Entstehung und Umbildung des Gedächtnisses ist. Und wenn Sie dann hinschauen auf das menschliche Leben in seinem Verlaufe, so werden Sie die ganze Wichtigkeit des Gedächtnisses für ein volles Menschendasein begreifen. Wenn durch irgendwelche krankhaften Zustände das Gedächtnis unterbrochen ist, so daß wir uns an gewisse Erlebnisse, die wir gehabt haben, nicht erinnern, daß gewissermaßen eine Diskontinuität des Gedächtnisses eintritt, dann verfallen wir einer schweren Seelenkrankheit, denn wir fühlen gewissermaßen den Ich-Faden, der sonst durch unser Leben geht, abreißen. Dieses Gedächtnis - Sie können das auch in meiner «Theosophie» nachlesen - hängt eng an dem Ich. Daher dürfen wir auch nicht verlieren dasjenige, was sich im Gedächtnis äußert, wenn wir diesen Weg, den ich gestern charakterisiert habe, zurücklegen. Wir müssen gewissermaßen die Kraft in unserer Seele, die uns mit dem Gedächtnis ausstattet, mit hinausnehmen in die Welt der Inspiration. Aber, wie sich in der Natur alles verändert, wie die Pflanze ihr grünes Blatt, indem sie emporwächst, in die roten Blumenblätter verwandelt, wie in der Natur alles auf Metamorphose beruht, so ist es
77 auch in dem, was das Menschenleben durchläuft. Wenn wir unter dem Einfluß des vollen Ich-Bewußtseins die Kraft des Gedächtnisses wirklich heraustragen in die Welt der Inspiration, so verwandelt es sich, so metamorphosiert es sich. Daher macht man auf der einen Seite die Erfahrung, daß man in demjenigen Momente seines Lebens, wo man als Geistesforscher in Inspiration ist, daß man in diesem Momente seines Lebens das gewöhnliche Gedächtnis nicht zu seiner Verfügung hat. Dieses gewöhnliche Gedächtnis hat man nur zu seiner Verfügung im gesunden Leben im Leibe; in dem Leben außerhalb des Leibes hat man dieses Gedächtnis nicht zur Verfügung.
Daraus geht eine eigentümliche Tatsache hervor, die Ihnen vielleicht, indem ich sie Ihnen zum ersten Mal vor das Seelenauge führe, paradox erscheinen wird, die aber doch durchaus auf einer Realität beruht. Derjenige, der wirklich zum Geistesforscher geworden ist, der daher durch Inspiration konkret in wahre geistige Wirklichkeit, wie sie in meinen Büchern geschildert wird, eindringt, der muß sie jedesmal, wenn er sie im Bewußtsein haben will, neu erleben. Wenn daher jemand aus seiner Inspiration heraus spricht über die geistige Welt, nicht aus bloßen Notizen oder aus dem bloßen Gedächtnis, sondern wenn er unmittelbar dasjenige ausspricht, was sich ihm offenbart in der geistigen Welt, dann muß er jedesmal die Arbeit der geistigen Wahrnehmung neu vollziehen. Die Kraft des Gedächtnisses hat sich da verwandelt. Man hat nur die Kraft behalten, dasselbe immer wieder hervorzubringen. Daher hat es der Geistesforscher selbst nicht so leicht als der bloße Gedächtnismensch. Er kann nicht einfach irgendeine Mitteilung aus dem Gedächtnis wieder mitteilen, sondern er muß jedesmal neu produzieren, was sich ihm innerhalb der Inspiration darbietet. Und es ist ja damit im Grunde genommen nicht anders, als wie es ist gegenüber der gewöhnlichen physisch-sinnlichen Wahrnehmung. Sie können, wenn Sie wirklich wahrnehmen wollen in der physisch-sinnlichen Welt, nicht von den wahrgenommenen Dingen weggehen und an einer andern Stelle dieselbe Wahrnehmung haben. Sie müssen wiederum zu den Dingen zurückkehren. So muß der Geistesforscher im Geistigen wiederum zu demselben geistigen Bewußtseinsinhalte zurückkehren. Und wie man bei der physischen Wahrnehmung lernen muß,
78 im Räume sich zu bewegen, damit man abwechselnd das eine oder das andere wahrnehmen kann, so muß der Geistesforscher, der zur Inspiration kommt, dahin gelangen, frei sich zu bewegen im Elemente der Zeit. Er muß gewissermaßen, wenn ich mich des paradoxen Ausdruckes bedienen darf, im Elemente der Zeit schwimmen können. Er muß mit der Zeit selber mitgehen lernen. Und wenn er dann dieses lernt, dann findet er, daß die Kraft des Gedächtnisses sich in ein anderes verwandelt hat, daß eine Metamorphose eingetreten ist mit der Kraft des Gedächtnisses. Das, was das Gedächtnis in der gewöhnlichen physischsinnlichen Welt geleistet hat, das muß er jetzt durch geistige Wahrnehmung ersetzen. Dasjenige aber, in das sich das Gedächtnis verwandelt hat, das gibt ihm die Wahrnehmung eines umfassenderen Ich. Jetzt wird zu einer Erkenntnistatsache diejenige der wiederholten Erdenleben. Jetzt wird das Ich in seiner Erweiterung erkannt. Jetzt, wo man das Gedächtnis, das zusammenhält die Ich-Gewalt zwischen Geburt und Tod, jetzt, wo man dieses Gedächtnis verwandelt hat, jetzt sprengt der Inhalt des Ich die Hülle, die nur ein Leben umfaßt, jetzt tritt die Erkenntnis von den wiederholten Erdenleben, zwischen denen ein rein geistiges Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt absolviert wird, jetzt tritt sie als etwas auf, was tatsächlich erkannt wird.
Nach der andern Seite, nach der Bewußtseinsseite, ergibt sich nun ein anderes, wenn man versucht, dasjenige zu vermeiden, was eine alte Anschauung des Geistigen, die ich Ihnen ja auch schon charakterisiert habe als diejenige der Vedantaphilosophien etwa, noch nicht kannte. Wir im Abendlande fühlen auf der einen Seite die Höhe der geistigen Anschauung, wenn wir uns in die alte orientalische Weisheit vertiefen. Wir fühlen, wie da die Seele hinaufgetragen wurde in der Vedantaphilosophie in geistige Regionen, in denen sie sich bewegen konnte, wie sich der Abendländer mit dem gewöhnlichen Bewußtsein nur bewegen kann innerhalb des mathematischen, des geometrischen, des analytisch-mechanischen Denkens. Aber wenn wir hinuntergehen in die breiten Regionen, die im Oriente dem gewöhnlichen Bewußtsein zugänglich waren, dann finden wir etwas, was wir Abendländer vermöge unserer vorgerückteren menschlichen Entwickelungsstufe nicht mehr vertragen können, wir finden einen weitgehenden Symbolismus,
79 ein Allegorisieren gegenüber der äußeren Natur. Dieses Symbolisieren, dieses Allegorisieren, dieses Denken der äußeren Natur in Bildern, das ist dasjenige, wovon wir das deutliche Bewußtsein haben, es führt uns von der wahren Wirklichkeit, von dem wahren Hineinschauen in die Natur weg. Es ist übergegangen in gewisse Religionsbekenntnisse. Gewisse Religionsbekenntnisse wissen mit dieser in die Dekadenz gekommenen Symbolisierungskunst, mit dieser Mythisierungskunst nichts Rechtes mehr anzufangen. Für uns im Abendlande ist dasjenige, was der Morgenländer so in einer illusionären Welt unmittelbar angewendet hat auf die äußere Natur, womit er glaubte, in der äußeren Natur etwas erkennen zu können, für uns ist es so geworden, daß es nur einen Wert haben darf, indem wir es als innerliche Übung zum weiteren Geistesforschen gebrauchen. Wir müssen uns aneignen diejenige Seelenkraft, die der Morgenländer verwendet hat zum Symbolisieren, zum Anthropomorphisieren. Wir müssen diese Kraft innerlich ausüben und uns dabei voll bewußt bleiben, wir verfallen in Aberglauben, wir verfallen in Naturschwärmerei, wenn wir mit dieser Kraft etwas anderes tun als unsere Seele selber bilden. Ich werde über das Genauere, das Sie übrigens auch in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» finden, bei einer andern Gelegenheit noch vor Ihnen hier zu sprechen haben.
Aber indem man diese Kraft, die der Morgenländer nach außen wendet, innerlich als Kraft des Übens anwendet, indem man das bildliche Vorstellen zunächst in einer solchen Weise in sich ausbildet, gelangt man wirklich dazu, nach der andern Seite hin, nach der Bewußtseinsseite, Erkenntnisse zu entwickeln. Man gelangt allmählich dazu, das abstrakte, das bloß ideenhafte Denken umzuwandeln in bildhaftes Denken. Und dann tritt etwas ein, was ich nur nennen kann ein erlebendes Denken. Man erlebt das bildhafte Denken. Warum erlebt man es? Ja, man erlebt ja nichts anderes als dasjenige, was im Leibe selber wirkt in den ersten Kinderjahren, wie ich es Ihnen beschrieben habe. Man erlebt nicht den im Räume ruhig geformten und seine Form nicht ändernden menschlichen Organismus, sondern erlebt dasjenige, was im Menschen innerlich lebt und webt. Man erlebt es in Bildern. Man ringt sich allmählich hindurch zu einer Anschauung
80 des wirklichen Seelenlebens. Da entwickelt sich auf der andern Seite zur Erkenntnis dasjenige, was im Bewußtsein drinnen ist, das imaginative Vorstellen, das Leben in Imaginationen. Und ohne das Vorrücken in dieses Leben der Imaginationen kommt die moderne Psychologie nicht weiter. Einzig und allein dadurch, daß zu Imaginationen vorgerückt werden wird, wird eine Psychologie, die über eine bloße Wortklauberei hinwegkommt, wiederum entstehen können, eine Psychologie, die wirklich hineinschaut in den Menschen.
Und ebenso wie jetzt die Zeit da ist, daß der Mensch sich herauslebt durch die allgemeinen Kulturverhältnisse aus seinem physischen Leibe, daß er entgegenstrebt der Inspiration, wie wir das an dem Beispiel Nietzsche gesehen haben, ebenso ist jetzt die Zeit da, daß der Mensch, wenn er sich selber erkennen will, zur Imagination sich hingeleitet fühlen muß. Der Mensch muß tiefer in sich hinein, als er es brauchte gegenüber den bisherigen Kulturverläufen. Der Mensch muß, wenn die Entwickelung nicht in die Barbarei hineinkommen soll, zu einer wahren Selbstschau kommen. Und das kann er nur durch das Entgegennehmen der Erkenntnis durch Imagination. Daß der Mensch in dieser Weise in sein Inneres hineinstrebt, daß er tiefer da untertauchen will in dem Inneren, als das im bisherigen Kulturverlauf der Fall ist, das zeigt sich uns wiederum an demjenigen, was als entstehende pathologische Krankheitsbilder in der besonderen modernen Form erst in jüngster Zeit beschrieben wird von denjenigen, die solches vom Gesichtspunkte der Psychiatrie oder der Medizin überhaupt studieren können. Das zeigt uns vor allen Dingen das Erscheinen der Agoraphobie, das Erscheinen der Astraphobie, der Klaustrophobie, Krankheitsformen, die in unserer Zeit besonders häufig auftreten. Und wenn sie in der Regel auch erst in ihrem psychiatrisch zu nehmenden Zustande beobachtet werden, dem feineren Beobachter aber ergibt sich noch etwas ganz anderes. Er sieht Agoraphobie, Astraphobie und so weiter im reinen Seelischen schon herauftauchen in der enschheitsentwickelung, wie er die Inspiration herauftauchen sah in krankhafter Weise bei Friedrich Nietzsche, er sieht herauftauchen vor allen Dingen in den äußerlich oftmals noch als normal angesehenen Seelenzuständen dasjenige, was in Agoraphobie, in der Platzfurcht, in der
81 Raumesfurcht auftritt. Er sieht herauftauchen dasjenige, was herauftaucht in der Astraphobie, wenn die Leute etwas innerlich verspüren und nicht recht wissen, wie sie damit zurechtkommen, wenn dieses Innerlich-Verspüren so weit geht, daß zum Beispiel ihre Verdauungsorgane ergriffen werden und ihre Verdauung dadurch gestört wird. Er lernt erkennen dasjenige, was man nennen könnte Einsamkeitsfurcht, Klaustrophobie, wenn die Menschen nicht allein sein können, wenn sie in krankhafter Weise immer und überall nur sein können, wenn sie dabei Gesellschaft um sich haben und dergleichen. Diese Dinge kommen herauf. Diese Dinge zeigen, wie die Menschheit gegenwärtig nach der Imagination hin strebt, und wie ein Übel, das sonst ein Kulturübel werden müßte, nur durch die Imagination bekämpft werden kann. Platzfurcht - sie ist ja ein Übel, das sich bei manchen Menschen in einer erschreckenden Weise zeigt. Diese Menschen wachsen heran. Von einem gewissen Zeitpunkte ihres Lebens zeigen sich bei ihnen merkwürdige Zustände. Wenn sie aus einer Haustüre heraustreten auf einen Platz, der vielleicht menschenarm ist, so befällt sie eine für sie unergründliche Angst. Sie fürchten sich vor etwas, sie getrauen sich nicht einen Schritt weiter zu machen auf dem leeren Platze, und wenn sie einen Schritt weiter machen, dann kann es ihnen passieren, daß sie in die Knie sinken oder vielleicht sogar umfallen, daß sie von einer Ohnmacht befallen werden. In dem Augenblicke, wo nur ein Kind kommt, ergreift der Betreffende den Arm des Kindes, oder er hält nur seine Hand an den Körper des Kindes hin, und in diesem Augenblick fühlt er sich wiederum innerlich durchkraftet, die Agoraphobie geht zurück. Ein Fall, der in der medizinischen Literatur beschrieben ist, ist besonders interessant. Ein junger Mann, der sich sogar stark genug fühlte, Offizier zu werden, wird gerade bei einem Manöver, als er hinausgeschickt wird, irgendwo eine Gegend aufzuzeichnen, von Platzfurcht befallen. Seine Finger zittern, er kann nicht zeichnen; da, wo er eine Leere um sich hat oder wenigstens etwas, was er als Leere empfindet, da wird er von einer Angst befallen, die er sogleich als etwas Krankhaftes empfindet. Es ist in der Nähe einer Mühle. Er muß sich immer, damit er überhaupt seine Pflicht erfüllen kann, ein kleines Kind neben sich hinstellen, und nur daß es dasteht,
82 das macht es, daß er nun wieder zeichnen kann. Wir fragen uns: Woher solche Erscheinungen? Woher zum Beispiel die andern Erscheinungen, daß es Menschen gibt, die, wenn sie des Nachts irgendwie vergessen haben, was vielleicht schon einer längeren Gewohnheit bei ihnen entspricht, die Türe zu öffnen zu ihrem Schlafzimmer, aus dem Schlafe schweißtriefend erwachen und nicht anders können, als aufspringen, die Türe aufzumachen; denn sie können nicht in einem Räume, der abgeschlossen ist, sein. Es gibt solche Menschen, die dazu kommen, daß sie alle Fenster und alle Türen offen haben müssen, daß sie sogar, wenn das Haus in einem Hof ist, das Hoftor offen lassen müssen, damit sie das Bewußtsein haben, daß sie Freiheit haben, jederzeit in den Raum hinauszukommen. Diese Klaustrophobie, das ist etwas, was man auch schon heraufkommen sieht, wenn es auch nicht in dieser radikalen Form häufig auftritt, etwas, was man heraufkommen sieht, wenn man die Seelenzustände der Menschen genauer zu beobachten vermag.
Und dann gibt es Menschen, sie fühlen bis zu physischen Zuständen etwas Unerklärliches in ihrem Leibe. Was ist es? Es ist ein herannahendes Gewitter, oder es sind andere atmosphärische Zustände. Es gibt heute sonst sehr gescheite Menschen - sie müssen die Vorhänge herunterlassen, wenn es blitzt oder donnert, sie müssen dann in einem dunklen Raum sein, denn dadurch allein können sie sich schützen gegen dasjenige, was sie erleben von den atmosphärischen Kräften her. Das ist die Astraphobie. Woher kommen diese Zustände, die wir im Seelenleben von heute schon sehr deutlich bemerken, insbesondere bei denjenigen Menschen, die sich lange hingeben einem gewissen Dogmatismus, gläubig hingeben; bei denen bemerkt man, wenn es auch noch nicht ins Physische übergeht, seelisch ganz genau diese Zustände. Sie sind ja im Anfange. Sie treten da störend auf gegenüber einer ruhigen, gelassenen Erfassung des Lebens, sie treten auch so auf, daß sie allerlei krankhafte Zustände hervorrufen, die, weil sich das physische Bild der Klaustrophobie oder der Agoraphobie oder der Astraphobie nicht gleich zeigt, allem möglichen zugeschrieben werden, während sie in Wahrheit zuzuschreiben sind der besonderen Konfiguration des Seelenlebens, das hereinbricht in den Menschen.
83 Woher kommen denn solche Zustände? Sie kommen davon her, daß wir nicht nur müssen unser Seelenleben leibfrei empfinden lernen, sondern wir müssen es wiederum zurücktragen, dieses leibfrei empfundene Seelenleben, in den physischen Organismus, wir müssen es mit Bewußtsein untertauchen lassen. Geradeso wie sich zwischen der Geburt und dem Zahnwechsel aus dem Leibe herausschält dasjenige, was ich Ihnen im Laufe dieser Vorträge schon charakterisiert habe, so taucht dasjenige, was außen erlebt wird, was wir astralisches Erlebnis nennen können, wiederum unter in den menschlichen physischen Organismus zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife. Und dasjenige, was sich im Geschlechtsreifwerden abspielt, das ist nichts anderes als dieses Untertauchen zwischen dem etwa siebenten und etwa vierzehnten Lebensjahre. Es muß dasjenige, was der Mensch unabhängig als Seelisch-Geistiges hat, wiederum untertauchen in den Organismus. Und dasjenige, was dann als physische Liebe auftritt, was als Geschlechtstrieb auftritt, das ist nichts anderes als das Ergebnis dieses Untertauchens, das ich Ihnen beschrieben habe. Dieses Untertauchen, das muß man genau kennenlernen. Durch solche Anleitungen, wie die sind, von denen ich noch bei anderer Gelegenheit vor Ihnen hier sprechen werde, muß dieses im vollbewußten, gesunden Zustande derjenige bewirken können, der nach der Bewußtseinsseite hin eine wahre Erkenntnis erringen will, das heißt, er muß untertauchen lernen in den Leib. Dann wird man dasjenige, was sich da darbietet, zunächst als imaginative Vorstellung des Innerlichen erleben. Und das genügt nicht, daß man ein äußeres, plastisch-räumliches Formvorstellen hat, es genügt zu diesem Üben erst, wenn man ein bewegtes Formvorstellen hat, wenn man allmählich überhaupt alles Räumliche überwinden kann in dieser Imagination und man untertauchen kann in die Vorstellung eines Intensiven, eines Aus-sich-heraus-Wirkenden. Kurz, man muß untertauchen, so daß man dann im Untertauchen noch genau sich unterscheiden kann von seinem Leibe. Denn nur dasjenige kann man erkennen, was einem Objekt wird. Was mit einem Subjektiven verbunden bleibt, kann man nicht erkennen. Kann man frei halten von einem unbewußten Untertauchen in den Leib dasjenige, was man außerhalb des Leibes erlebt, dann kommt
84 man hinunter in diesen Leib, und man erlebt in dem Leib dasjenige, was das Wesen dieses Leibes bis zum Bewußtsein herauf ist, in Imagination, in Bildern. Derjenige aber, der diese Bilder gewissermaßen hineinschlüpfen läßt in den Leib, der sie nicht frei behält, dem nicht der Leib Objekt wird, sondern dem der Leib Subjekt bleibt, der nimmt das Raumesgefühl mit hinein in den Leib. Dadurch verwächst in einer Stärke, in der es nicht sein darf, das Astralische mit dem Leibe. Dadurch verwächst das Erleben der Außenwelt mit dem Inneren des Menschen, und der Mensch kann dann, weil er so dasjenige, was objektiv hätte werden sollen, zu einem Subjektiven macht, das Räumliche nicht mehr in normaler Weise erleben. Die Furcht vor dem leeren Raum, die Furcht vor den einsamen Orten, die Furcht vor dem im Räume ausgebreiteten Astralischen, vor dem Gewitterhaften, vielleicht sogar vor dem Mond- und Sternenhaften, tritt in einem auf. Er lebt zu stark in sich. Es ist daher notwendig, daß alle die Übungen, die zu dem imaginativen Leben führen, bewahren vor einem solchen zu starken Untertauchen in den Leib, daß man jetzt in den Leib hinuntertaucht in der Weise, daß man nicht das Ich hineintaucht. Wie man das Ich hinaus mitnehmen muß in die Welt der Inspiration, so darf man es nicht mit hineinnehmen in die Welt der Imagination. Da hören auf, trotzdem man sich gerade durch das Symbolisierende, durch das bildhafte Vorstellen vorbereitet hat, da hören jetzt auch auf alle Phantasiebilder. Aber es treten auf die objektiven Bilder. Nur dasjenige, was eigentlich in der menschlichen Gestalt lebt, das hört auf, sich als ein Objekt vor den Menschen hinzustellen. Man verliert die äußere menschliche Gestalt und es tritt auf die Mannigfaltigkeit, die sich gewissermaßen herauslebt aus dem Ätherischen des Menschen. Der Mensch sieht jetzt nicht seine einheitliche menschliche Gestalt, sondern die Mannigfaltigkeit all jener Tierformen, deren synthetisches Durcheinander- und Zusammenformen die menschliche Gestalt ist. Er lernt erkennen auf eine innerliche Weise dasjenige, was im Pflanzenreich, was im Mineralreich lebt. Er lernt jetzt erkennen dasjenige, was er durch Atomismus und Molekularismus niemals erkennen kann, was im Tier-, Pflanzen- und Mineralreich wirklich drinnenlebt. Durch innere Selbstschau lernt er das erkennen. Und was macht es, daß wir unser Ich
85 nicht hineintragen in diesen physischen Leib, wenn wir zur Imagination streben? Das allein macht es, daß wir in uns ausbilden in einer höheren Weise, als das im gewöhnlichen Leben ist, wo es durch die Leibkräfte des Sinnlichen geführt wird, die Kraft der Liebe; daß wir uns aneignen die selbstlose Kraft der Liebe, das Egoismusfreisein auch gegenüber dem Reiche der Natur, nicht bloß gegenüber dem Reiche der Menschheit; daß wir es über uns bringen, getragen sein zu lassen alles das jenige, was uns zur Imagination hinführt, durch die Kraft der Liebe; daß die Kraft der Liebe niemals draußen ist aus einem Erkenntnisobjekte, das wir auf diese Weise suchen.
Wiederum haben wir die zwei auseinanderstrebenden Richtungen: die gesunde Art, die Kraft der Liebe in die Imagination hinein zu erstrecken, oder aber in krankhafter Weise die Furcht uns aufzuladen vor demjenigen, was draußen ist, weil wir das, was draußen ist, in unserem Ich erleben und es dann, ohne unser Ich zurückzuhalten, in den Leib hineintragen, wodurch entsteht Agoraphobie, Klaustrophobie, Astraphobie. Aber ein höchstes Erkennen steht uns wiederum in Aussicht, wenn wir dasjenige in gesunder Weise entwickeln, was in krankhafter Weise der menschlichen Zivilisation droht und sie hineinführen würde in die Barbarei.
Und nun erlangt man auf diese Weise eine wirkliche Erkenntnis des Menschen. Man gelangt hinaus über all dasjenige, was die Anatomie, Physiologie, Biologie wissen kann, und man gelangt hinein in eine wirkliche Erkenntnis des Menschen, indem man seine Organisation nun wirklich durchschaut. O diese menschliche Selbsterkenntnis, sie nimmt sich anders aus, als viele nebulosierende Mystiker glauben, die meinen, wenn sie da untertauchen, dann offenbare sich ihnen irgendein abstraktes Göttliches. O nein, ein reiches Konkretes offenbart sich, das aber Aufschluß gibt über die menschliche Organisation, über Lunge, Leber und so weiter, und das erst die Grundlage sein kann für eine wirkliche Anatomie, für eine wirkliche Physiologie, das erst die Grundlage sein kann für eine wirkliche Erkenntnis des Menschen und auch für eine wirkliche Medizin. Man hat zwei Kräfte in der Menschennatur entwickelt, die eine, die Kraft der Inspiration nach der materiellen Seite hin, indem man im Materiellen allmählich die geistige
86 Welt entdeckt, was sich erweitert zu jenem Tableau, das Ihnen hier Herr Arenson geschildert hat; die andere Kraft, indem man entdeckt nach innen hinein diejenigen Welten, die zugrunde gelegt werden mußten, als ich schon im Frühjahr hier vor fast vierzig Ärzten, Fachleuten der Medizin, vorgetragen habe, wie man den Menschen wirklich erkennen muß, wenn man eine wahre medizinische Wissenschaft begründen will.
Aber diese zwei Kräfte, die der Inspiration und die der Imagination, sie können sich vereinigen. Das eine kann sich in das andere einleben. Aber es muß in Vollbewußtheit und in einem Ergreifen des Kosmos in Liebe geschehen. Dann entsteht ein Drittes, ein Zusammenfluß von Imagination und Inspiration in der wahren, in der geistigen Intuition. Da erheben wir uns dann zu demjenigen, was einheitlich erkennen läßt die äußere materielle Welt als eine geistige, die innere geistig-seelische Welt mit ihren materiellen Grundlagen, was erkennen lehrt die Erweiterung des menschlichen Lebens über das Erdenleben hinaus, wie es Ihnen auch hier in andern Vorträgen dargestellt worden ist. Man lernt so auf der einen Seite erkennen das Pflanzenreich, Tierreich, Mineralreich nach ihren inneren Essenzen, nach ihren geistigen Gehalten durch die Inspiration, und man begründet dadurch, daß man durch die Imagination die menschlichen Organe kennenlernt, eine wirkliche Organologie, und indem man dann in der Intuition zusammenfaßt dasjenige, was man über Pflanze, Tier und Mineral kennengelernt hat, mit demjenigen, was sich durch die Imagination ergibt über die menschlichen Organe, dadurch erhält man erst eine wahre Therapie, eine Heilmittellehre, die das Äußere in einem wirklichen Sinne anzuwenden vermag auf das Innere. Der wirkliche Arzt, er muß erkennen kosmologisch die Heilmittel, er muß erkennen anthropologisch oder eigentlich anthroposophisch die innere menschliche Organologie. Er muß erkennend die äußere Welt durch Inspiration begreifen, die innere Welt durch Imagination begreifen, und er muß sich erheben zur Therapie durch eine wirkliche Intuition.
Sie sehen, welche Perspektive sich vor uns aufschließt, wenn wir Geisteswissenschaft in ihrer wirklichen Gestalt zu erfassen vermögen. Allerdings hat dann diese Geisteswissenschaft noch manche von ihren
87 äußeren Hüllen abzustreifen, manches von demjenigen, was ihr heute noch anhaftet bei vielen, die glauben, sie auch pflegen zu können an allerlei Phantastereien und an allerlei Dilettantismen. Geisteswissenschaft muß eine solche Methode des Forschens ausbilden, die sich rechtfertigen läßt vor dem strengen Mathematiker oder analytischen Mechaniker. Geisteswissenschaft muß auf der andern Seite völlig frei werden von allem Aberglauben. Geisteswissenschaft muß wirklich in lichter Klarheit Liebe noch entwickeln können, die sonst nur den Menschen befällt, wenn er sie aus den Instinkten heraus entwickeln kann. Dann aber ist Geisteswissenschaft ein Keim, der sich entwickeln wird und seine Kräfte aussenden wird in alle Wissenschaften und damit auch in das menschliche Leben.
Lassen Sie mich deshalb zum Ausklingen bringen dasjenige, was ich Ihnen in diesen Vorträgen zu sagen hatte, mit noch einer ganz kurzen Betrachtung. Vorher möchte ich sagen, daß ja selbstverständlich zwischen den Zeilen desjenigen, was ich ausgeführt habe, noch vieles zu lesen ist. Einiges von dem werde ich zum Lesen bringen, indem ich heute abend und morgen noch zwei Vorträge halten werde als eine Ergänzung desjenigen, was selbstverständlich in den kurzen Zeiten, die diesem Kurse zur Verfügung standen, nur angedeutet werden konnte. Dasjenige aber, was sich der Mensch erwirbt, indem er sich auf der einen Seite zur Inspiration, auf der andern Seite zur Imagination bringt, indem er dann Inspiration und Imagination in der Intuition vereinigt, das gibt ihm erst jene innerliche Freiheit und jene innerliche Kraft, die einen nun Begriffe fassen läßt, die man hineinstellen kann ins soziale Menschenleben. Und nur derjenige, der mit schlafender Seele die Gegenwart durchlebt, der kann vorübergehen an alldem, was in furchtbarer Weise herausbrodelt, schreckendrohend vor der Zukunft.
Was liegt geistig dem zugrunde? Geistig liegt dem zugrunde das, was man durch ein aufmerksames Studium der neuesten Entwickelung des Menschen bei ganz hervorragenden Persönlichkeiten wohl wahrnehmen kann. Wie hat man gestrebt im 19. Jahrhundert und in das 20. Jahrhundert herein, deutliche Begriffe zu bekommen, richtige innerliche, klare Impulse zu bekommen für drei Begriffe, die im sozialen
88 Leben von allerhöchster Bedeutung sind, für den Begriff des Kapitals, für den Begriff der Arbeit, für den Begriff der Ware. Man sehe sich nur einmal um in der einschlägigen Literatur des 19. Jahrhunderts und des Beginnes des 20. Jahrhunderts, wie die Menschen gestrebt haben zu erkennen, was eigentlich Kapital im sozialen Prozeß bedeutet; wie dasjenige, was dann die Menschen in Begriffen erstrebten, in furchtbare Kämpfe der äußeren Welt übergegangen ist. Man sehe hinein, wie innig zusammenhängt mit dem in der neueren Zeit heraufkommenden besonderen Fühlen der Menschen dasjenige, was die Menschen eben fühlen und denken können über die Funktion, über die Bedeutung der Arbeit im sozialen Organismus, und man sehe dann die, ich möchte sagen, bodenlose Definition des Warebegriffes einmal an. Die Menschen strebten danach, drei praktische Begriffe zur Klarheit zu bringen. Heute sehen wir das Leben in der zivilisierten Welt sich so abspielen, daß in ihm überall lebt die Unklarheit gerade über die Dreiheit: Kapital, Arbeit, Ware. Und man kann nicht aufsteigen zur Beantwortung der Frage, was das Kapital für eine Funktion habe im sozialen Organismus. Man wird es erst, wenn man aus einer wahren Geisteswissenschaft heraus durch die vereinigte Imagination und Inspiration in der Intuition erkennen wird, daß überhaupt erst ein richtiger Impuls für die Kapitalwirksamkeit herausgeleitet werden kann aus dem Geistesleben als aus einem selbständig bestehenden Gliede des sozialen Organismus. Dieses Glied des sozialen Organismus richtig zu erfassen, dahin führt allein eine wirkliche Imagination. Und man wird etwas anderes erkennen. Man wird erkennen, daß man auch die Arbeit in ihrer Wirksamkeit für den sozialen Organismus nur erkennen wird, wenn man dasjenige, was ja als Arbeit sich vom Menschen absondert, was wegweist vom Menschen, nicht erst im Produkte erfaßt, so daß man das Warenprodukt in marxistischer Weise schildert als geronnene Arbeit oder gar geronnene Zeit, sondern dadurch, daß man erkennt, wie das sich vom Menschen Absondernde nur zu begreifen ist, wenn man überhaupt in ein Vorstellen, in ein freies Erleben desjenigen hineinkommt, was sich vom Menschen absondern kann. Der Arbeitsbegriff wird erst eine Klarheit gewinnen durch diejenigen, die wissen, was dem Menschen sich offenbart durch Inspiration.
89 Und dasjenige, was lebt in der Ware, ist der komplizierteste Begriff, der zunächst gefaßt werden kann. Denn kein einzelner Mensch reicht hin, um die Ware in ihrer Wirklichkeit im Leben zu erfassen. Will man Ware überhaupt definieren, dann weiß man nicht, was Erkenntnis ist. Ware kann man nicht definieren, denn definieren oder in Begriffe fassen kann man in diesem Zusammenhang nur dasjenige, was einen Menschen allein angeht, was ein Mensch allein mit seiner Seele umfassen kann. Ware aber lebt immer in dem Wechsel verkehr zwischen mehreren Menschen und mehreren Menschentypen. Ware lebt im Wechselverkehr zwischen Produzenten, Konsumenten und demjenigen, der zwischen beiden vermittelt. Mit den armseligen Begriffen von Tausch und Kauf, die man ausgebildet hat unter einer Wissenschaft, die die Grenzen des Naturerkennens nicht richtig sieht, mit diesen armseligen Begriffen wird man niemals die Ware erfassen. Die Ware, das Arbeitsprodukt, es lebt zwischen mehreren Menschen, und wenn der einzelne Mensch sich unterfängt, die Ware zu erkennen als solche, dann ist das falsch. Die Ware muß in ihrer sozialen Funktion von der zusammenorganisierten Mehrheit von Menschen, von der Assoziation erfaßt werden. Sie muß von der Assoziation ergriffen werden, sie muß in der Assoziation leben. Erst wenn sich Assoziationen bilden, welche in sich verarbeiten dasjenige, was von den Produzenten, den Handelnden, den Konsumierenden ausgeht, erst dann wird, jetzt nicht vom einzelnen Menschen aus, sondern durch die Assoziation, durch die Arbeiterassoziationen, derjenige soziale Begriff entstehen, der als der Begriff der Ware in der Menschengruppe leben muß für ein gesundes Wirtschaftsleben.
Wird man sich dazu bequemen, aufzusteigen zu dem, was der Geistesforscher bringen kann aus der Welt der höheren Erkenntnis, dann wird man Begriffe bekommen über dasjenige, was im sozialen Leben entstehen muß, wenn wir weiterkommen wollen, wenn wir den Niedergang wiederum in einen Aufstieg verwandeln wollen. Daher ist es nicht bloß ein theoretisches Interesse, nicht bloß ein wissenschaftliches Bedürfnis, was da lebt in alldem, was hier in diesem Räume getrieben werden soll, sondern es ist im weitesten Umfange das Bedürfnis, daß dasjenige, was hier erarbeitet, was hier erforscht wird, Menschen
90 reif mache, daß sie hinweggehen aus diesem Räume nach allen Seiten der Welt mit solchen Ideen, mit solchen sozialen Impulsen, die nun wirklich unserer niedergehenden Zeit aufhelfen können, die aufwärtsbringen können unsere so deutlich nach abwärts gehende Welt.




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