FÜNFTER VORTRAG, 1. Oktober 1920
Vom Beweisen. Der Geistesforscher hat das Beweisende in den Weg eingebaut. Experimentieren, auf sozialem Felde unverantwortlich. Inspiration und Imagination als das richtige Sich-Stellen an die beiden Grenzen des gewöhnlichen Erkennens. Gleichgewichts-, Bewegungs- und Lebensempfindung und die Inspiration. Musikalischtonloses Weben. Wortlose Wortoffenbarung. Geistig- Wesenhaftes konturiert sich anstelle der metaphysierten Welt der Atome. Inspiration arbeitet sich herauf aus den Tiefen der Menschheitsentwicklung. Der pathologische Skeptizismus als Symptom. Nietzsche.
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| 61 | Es wird heute nötig sein, verschiedene Dinge auseinanderzusetzen, die eigentlich nur dann begriffen werden können, wenn man sich über gewisse Vorurteile hinwegsetzt, über Vorurteile, die gerade durch eine lange Erziehung bis in die Gegenwart herein der Menschheit intensiv eingepflanzt worden sind. Es wird sich darum handeln, manches, was heute gesagt werden muß, was dann morgen weitere Belege finden wird, gewissermaßen durch eine Art sich Emporreißen zur Anschauung der geistigen Dinge zu begreifen. Sie müssen bedenken, daß, wenn gegenüber den geisteswissenschaftlichen Aussagen die Forderung auftritt, in derselben Art zu beweisen, wie bewiesen wird in der empirischen Naturwissenschaft oder in der heutigen Jurisprudenz, wohl auch in der heutigen, aber im Grunde für das öffentliche Leben unbrauchbaren Sozialwissenschaft, daß man mit einem solchen Beweisen eigentlich nicht sehr weit kommen kann. Denn dieses Beweisen, das muß der wirkliche Geistesforscher bereits in sich tragen. Er muß sich heranerzogen haben gerade an den strengen Methoden der heutigen Naturwissenschaft, auch der mathematisierenden Naturwissenschaft. Er muß kennen, wie man da beweist, und er muß wiederum diese Art des Beweisens in den ganzen Gang seines Seelenlebens aufgenommen und darinnen für eine höhere Stufe des Erkennens ausgebildet haben. Daher ist es zumeist so, daß, wenn gegenüber dem Geistesforscher die Forderung des gewöhnlichen Beweisens auftritt, er im Grunde genommen in der Regel dasjenige, was da gefragt wird, sehr gut kennt, daß er die Einwände, die man ihm machen kann, längst vorweggenommen hat. Er ist sogar nur im wahren Sinne des Wortes Geistesforscher, so wie die Geistesforschung gestern hier charakterisiert worden ist, wenn er wirklich eine strenge Disziplin im gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erkennen durchgemacht hat, und wenn er wenigstens ihrem Geiste nach die Resultate der gegenwärtigen Naturforschung recht gut kennt. Das muß ich vorausschicken und noch etwas anderes. Bleibt man nämlich stehen innerhalb derjenigen Beweisform, welche namentlich heute |
| 62 | in die wissenschaftlichen Gewohnheiten eingezogen ist durch die Experimentierkunst, dann kommt man niemals zu einer solchen Erkenntnis, die sozial anwendbar ist. Im Experiment geht man ja — auch wenn man sich der Illusion hingibt, daß es anders wäre - auch so vor, daß man eine gewisse Richtung verfolgt und sich gewissermaßen durch die Erscheinungen bestätigen läßt dasjenige, was in den Ideen lebt, die man vielleicht eben zu Naturgesetzen, vielleicht auch rechnerisch formuliert. Aber wenn man genötigt ist, sein Erkennen, den Inhalt seines Erkennens einzuführen in das soziale Urteil, wenn mit andern Worten Geltung und Bestand haben sollen die Ideen, die zu Gesetzmäßigkeiten formulierten Ideen, die man sich angeeignet hat etwa durch die heutige Anthropologie oder Biologie oder durch den Darwinismus, wenn er auch noch so fortgeschritten ist, wenn man diese Ideen dann einführen will in ein soziales Wissen, in eine soziale Erkenntnis, die praktisch werden kann, dann läßt sich mit dieser an der Experimentierkunst gewonnenen Erkenntnis nichts anfangen, einfach aus dem Grunde, weil man nicht so im Laboratorium abwarten kann, was aus unseren Ideen wird, wenn wir sie ins soziale Leben überführen. Es könnte ja leicht vorkommen, daß durch eine solche soziale Experimentierkunst Tausende und aber Tausende von Menschen sterben oder verhungern, oder in anderer Weise ins soziale Elend kommen. Und ein großer Teil unseres sozialen Elends ist eben gerade dadurch hervorgerufen, daß unsere Ideen allmählich dadurch, daß sie hervorgegangen sind aus der reinen Experimentalanschauung, zu kurz geworden sind, zu eng geworden sind, um in Realität zu leben, wie sie in Realität leben müssen, wenn wir irgend etwas, was soziale Bedeutung haben soll, wirklich überführen wollen vom Denken, vom Wissen in die Praxis. Nun habe ich Sie hingewiesen darauf, wie sich der Geistesforscher, um ein solches Wissen, das zu gleicher Zeit zurück die Natur beleuchtet, aber vorwärts weist nach dem sozialen Leben, wie der Geistesforscher sich stellen muß zu den beiden Grenzen, die uns im Erkennen auftauchen, zu der einen Grenze, die dann nach dem Materiellen hin zu finden ist, zu der andern Grenze, die nach dem Bewußtsein hin zu finden ist. Und ich habe Ihnen gezeigt, daß nach dem Materiellen hin, statt daß man in Trägheit das Erkennen fortrollen läßt, um allerlei |
| 63 | mechanistische, atomistische, molekularistische Weltbilder ins Metaphysische hinein auszudenken, daß man statt dessen an dieser Grenze stehenbleiben muß und entwickeln muß etwas, was im gewöhnlichen Menschenleben noch nicht vorhanden ist als Erkenntnisfähigkeit, daß man da entwickeln muß die Inspiration. Auf der andern Seite habe ich Ihnen gezeigt, daß man, wenn man das Bewußtsein erfassen will, nicht darf mit dem, was sich einem entzündet hat an Begriffen und Ideen in der äußeren Natur, so wie es etwa die englisch-amerikanischen Assoziations-Psychologen machen, in dieses Bewußtsein eindringen wollen. Man muß sich klar darüber sein, daß dieses Bewußtsein so geartet ist, daß wir einfach mit diesen Ideen, die an der Außenwelt entzündet sind, nicht in das Bewußtsein hinunterdringen können. Da müssen wir aus diesen Ideen erst heraus, müssen erst in die imaginative Erkenntniswelt hinein. Wir müssen also, indem wir uns selbst erkennen wollen, die Begriffe und Ideen erfüllen mit Inhalt, so daß sie zu Bildern werden. Und ehe nicht die jetzt die ganze Zivilisation ergreifende Anschauungsweise über den Menschen, wie sie namentlich einen westlichen Ursprung hat, ehe nicht diese übergeht in ein imaginatives Erkennen, eher können wir nicht vorwärtskommen in dem richtigen Sich-Stellen an diese zweite Grenze des gewöhnlichen menschlichen Erkennens. \Aber man kann zu gleicher Zeit sagen, daß diese gegenwärtige Menschheit durchaus in dem Punkte ihrer Entwickelung angekommen ist, aus andern, historisch gewordenen Formen heraus, der ein solches Fortschreiten verlangt auf der einen Seite zur Inspiration, auf der andern Seite zur Imagination. Und derjenige, der zu studieren vermag dasjenige, was eigentlich in der Gegenwart mit der Menschheit vorgeht, was sich erst in den Anfangssymptomen zeigt, der weiß, wie, ich möchte sagen, aus der Tiefe der Menschenentwickelung herauf Kräfte steigen, die durchaus darauf hintendieren, daß eingeführt werde in diese Menschheitsentwickelung Inspiration und Imagination in der richtigen Weise. Inspiration, man kann sie nicht erreichen anders, als daß man ringt mit einem gewissen Vorstellen in der Weise, wie ich es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben |
| 64 | habe und wie ich es des ferneren noch wenigstens andeutungsweise im nächsten Vortrage beschreiben werde. Aber dann, wenn man durch eine gewisse innere Selbstkultur, durch ein systematisches Sich-Schulen in einem bestimmten Vorstellen, durch ein Sich-Schulen im Leben der Vorstellungs- und Ideen- und Begriffswelt, wenn man darinnen weit genug gekommen ist, dann lernt man innerlich erkennen, was es heißt, in Inspiration leben. Denn zunächst ist das so, daß, wenn man dasjenige, was sonst in unserem Leben in den ersten sieben Lebensjahren bis zum Zahnwechsel hin mathematisiert, wenn man das nicht unbewußt, wie es eben im gewöhnlichen Leben und auch in der gewöhnlichen Wissenschaft geschieht, ausübt, sondern wenn man es ausübt in voller Bewußtheit, wenn man sich hineinstellt, ich möchte sagen, in eine lebendige Mathematik, in eine lebendige Mechanik, wenn man mit andern Worten dasjenige, was sonst in uns wirkt, Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn, aufnimmt in das volle Bewußtsein, wenn man gewissermaßen aus sich herausreißt dasjenige, was sonst als Gleichgewichtsempfindung, als Bewegungsempfindung, als Lebensempfindung in uns lebt, wenn man das so herausreißt, daß man mit den mathematischen Vorstellungen, aber mit den erweiterten mathematischen Vorstellungen darinnen lebt, dann ist es so, als ob man einschliefe, aber nicht hinüberschliefe in die Unbewußtheit oder in das nebulose Traumleben, sondern als ob man hinüberschliefe in eine neue Bewußtheit, die ich Ihnen heute - wir werden morgen hier über das alles reden - zunächst nur beschreiben möchte. Man wächst hinüber in die Bewußtheit, in der man zunächst etwas empfindet wie ein tonloses Weben, ja, ich kann es nicht anders nennen, wie ein tonloses Weben in einer Weltmusik. Man wird förmlich, so wie man durch sein Ich in den Kindheitsjahren sein Leib wird, so wird man zu diesem Weben in einer tonlosen Weltmusik. Dieses Weben in einer tonlosen Weltmusik gibt die andere, ganz streng zu beweisende Daseinsempfindung, daß man jetzt mit seinem Seelisch-Geistigen außerhalb seines Leibes ist. Man fängt an zu wissen, daß man auch sonst im Schlafe außerhalb seines Leibes mit seinem Seelisch-Geistigen ist. Aber durch das Erlebnis des Schlafes vibriert nicht hindurch dasjenige, was bei solchem bewußten Herausgehen aus dem Leibe durch die eigene Selbständigkeit |
| 65 | dann hindurchvibriert, und man erlebt zunächst etwas wie eine innere Unruhe, diese innere Unruhe, die einen musikalischen Charakter an sich trägt, wenn man voll bewußt in sie untertaucht. Die, ich möchte sagen, hellt sich allmählich auf, indem aus dem Musikalischen, das man da erlebt, etwas wird wie ein wortloses Wortoffenbaren aus dem geistigen Weltenall heraus. Gewiß, die Dinge nehmen sich heute grotesk und paradox aus für denjenigen, der sie zum ersten Male hört. Aber vieles erschien in dem Lauf der Weltenentwickelung, indem es zum ersten Male auftrat, eben paradox und grotesk. Es ist schon so, daß man nicht weiterkommt in der Menschheitsentwickelung, wenn man an diesen Erscheinungen bewußtlos oder halbbewußt vorübergehen möchte. Zunächst ist es nur ein Erleben, ich möchte sagen, ein musikalisch-tonloses Erleben. Dann aber ist es etwas, was sich herauserhebt aus diesem tonlosen Erleben, so daß wir imstande sind, mit dem, was wir da erleben, ebenso innerlich sinnvollen Inhalt zu bekommen, wie wir äußerlich sinnvollen Inhalt vermittelt bekommen, wenn wir einem Menschen zuhören, der durch sinnliche Worte zu uns spricht. Die geistige Welt beginnt einfach zu sprechen, und man muß nur von diesen Dingen sich eine Erfahrung aneignen. Und eine nächste Stufe, zu der man sich da hindurchlebt, ist dann diese, daß man nicht nur webt und lebt in einem tonlosen Musikalischen und nicht bloß vernimmt das Sprechen des übersinnlichen Geistigen, sondern daß man lernt konturieren dasjenige, was sich ankündigt aus dem übersinnlichen Geistigen, in Wesenhaftes, daß sich einem gewissermaßen herausgliedern aus der allgemeinen Geistsprache, die man zunächst lernt, einzelne übersinnliche Wesenheiten, wie wir, indem wir auf einer niedrigeren Stufe einem Menschen zuhören, allmählich dasjenige, was sich von seiner Seele und seinem Geistigen offenbart, zum Wesenhaften - wenn ich mich jetzt des Trivialausdruckes bedienen darf - kristallisieren oder organisieren. Wir leben uns also hinein in die Beobachtung und in die Erkenntnis einer wirklichen geistigen Welt. Diese geistige Welt tritt jetzt anstelle der leeren, ausgesogenen, metaphysierten Welt der Atome, der Moleküle, sie tritt uns als dasjenige entgegen, was in Wahrheit hinter den Erscheinungen der physischsinnlichen Welt steht. Wir stehen jetzt nicht mehr so an der Grenze |
| 66 | nach dem Materiellen hin, wie wir stehen, wenn wir nur in Trägheit fortrollen lassen wollen unser Begriffsspinnen, wie es sich erhellt, entzündet hat an dem Verkehr mit der physisch-sinnlichen Außenwelt, sondern wir stehen jetzt an dieser Grenze so, daß uns an dieser Grenze der geistige Inhalt der Welt aufgeht. Das ist nach der einen Seite hin. Und, meine sehr verehrten Anwesenden, die Menschheit drängt heute dazu, aus sich, aus der Leiblichkeit so herauszugehen, und man kann sagen, an einzelnen Menschenexemplaren tritt uns ganz deutlich diese Tendenz der gegenwärtigen Menschheit in ihrem jetzigen Entwickelungsstadium hervor, dasjenige aus der Leiblichkeit herauszuziehen, was der Geistesforscher mit voller Bewußtheit herauszieht, indem er es eben so herauszieht, wie er irgendwie sich verhält, wenn er in der äußeren Naturbeobachtung die im Inneren eroberten Begriffe eben ordnend, systematisierend anwendet. Es wird ja, wie vielleicht einige von Ihnen wissen, seit einer gewissen Zeit eine merkwürdige Krankheit beschrieben. Diese Krankheit, man nennt sie unter Psychiatern, unter Psychologen, die pathologische Grübel-, Zweifelsucht, man nennt sie vielleicht besser den pathologischen Skeptizismus. Diese Krankheit tritt einem in den merkwürdigsten Formen und schon in zahlreichen Exemplaren deutlich entgegen, und es ist schon notwendig, daß das Studium dieser Krankheit gepflegt wird aus unseren wirklichen Kulturbedingungen der neuesten Zeit heraus. Es tritt diese Krankheit - Sie können darüber in der psychiatrischen Literatur vieles erfahren - dadurch zutage, daß die Menschen von einem gewissen Lebensalter an, das in der Regel mit der Geschlechtsreife oder mit der Vorbereitung zur Geschlechtsreife zusammenhängt, daß die Menschen da anfangen, der Außenwelt gegenüber, die sie erleben, keine rechte Stellung mehr einnehmen zu können, daß sie befallen werden gegenüber ihren Erfahrungen in der Außenwelt von einer unbegrenzten Zahl von Fragen. Es gibt Persönlichkeiten, welche, wenn sie von diesen Krankheiten zunächst befallen sind, einfach, trotzdem sie sonst vollständig vernünftig sind, trotzdem sie ihren Obliegenheiten in hohem Maße nachgehen können, trotzdem sie völlig überschauen ihren Zustand, wenn sie nur ein wenig abgezogen werden von dem, was sie an die äußere Welt fesselt, daß sie dann die kuriosesten Fragen stellen |
| 67 | müssen. Diese Fragen treten einfach herein in das Leben. Diese Fragen können nicht abgewiesen werden. Sie treten insbesondere stark bei denjenigen auf, die mit einer gesunden, sogar mit einer vorwaltend gesunden Organisation - aber mit einer solchen Organisation, die ein offenes Herz, einen offenen Sinn und ein gewisses Verständnis gerade hat für die Art und Weise, wie die moderne Wissenschaft denkt - die moderne Wissenschaft erleben, so daß sie dann gar nicht wissen, wie ihnen unterbewußt aus dieser modernen Wissenschaft diese Fragen aufsteigen. Insbesondere treten solche Erscheinungen bei Damen auf, welche weniger robuste Naturen haben als die Männer, welche dann auch nicht aus den streng disziplinierten Literaturwerken, sondern mehr aus Laienoder Dilettantenwerken die moderne Wissenschaft aufnehmen, wenn sie sich hineinversetzen in dasjenige, was die Ergebnisse des modernen Denkens sind. Und dann namentlich, wenn eine solche Bekanntschaft mit dem modernen Denken in intensiverem Maße hineinfällt in die Vorbereitung zur Geschlechtsreife oder in das Abfluten des Geschlechtsreifwerdens, dann treten solche Zustände in hohem Maße bei solchen Persönlichkeiten auf. Siebestehen darinnen, daß die betreffende Persönlichkeit fragen muß: Ja, woher kommt die Sonne? Und wenn man ihr noch so gescheite Antworten gibt, so taucht immer aus einer Frage eine andere auf. Woher kommt das menschliche Herz? Warum schlägt das menschliche Herz? Habe ich nicht in der Beichte zwei oder drei Sünden vergessen? Was ist geschehen, als ich das Abendmahl genommen habe? Sind da nicht vielleicht einige Bröselchen der Hostie heruntergefallen? Habe ich nicht da oder dort einen Brief einstecken wollen und ihn danebengeworfen? Und ich könnte Ihnen eine ganze lange Litanei von solchen Fragen aufzählen und Sie würden sehen daraus, daß alles das sehr geeignet ist, in fortwährender Unbehaglichkeit den Menschen zu erhalten. Wenn der Geistesforscher diese Sache zu überschauen hat, so möchte ich sagen, kennt er sich darinnen aus. Es ist einfach ein Heraustreten desjenigen, worinnen sich der Geistesforscher bewußt befindet, wenn er zum musikalisch-tonlosen Worterleben, zum Wesenserleben durch Inspiration kommt. Aber solche mit Zweifelsucht, mit Grübelsucht behaftete Menschen, die kommen hinein in diese Region auf unbewußte Art. Sie haben keine Kulturerfahrung, die danach ginge, den |
| 68 | Zustand, in den sie hineinkommen, wirklich zu begreifen. Der Geistesforscher weiß, daß der Mensch die ganze Nacht, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in lauter solchen Fragen drinnenlebt, daß da in ihm auftauchen aus dem Schlafesleben heraus eine Unsumme von Fragen, und er kennt diesen Zustand, weil er ihn eben auch in der angedeuteten Weise bewußt erleben kann. Derjenige, der nur vom gewöhnlichen Bewußtseinsstandpunkte aus diese Dinge berührt und zu erkennen strebt, der wird sich vielleicht allerlei rationalistische Erklärungsversuche bilden, aber er kommt doch nicht auf das Wahre, weil er nicht durch Inspiration die Sache ergreifen kann. Er sieht zum Beispiel, wie es Menschen gibt, die gehen abends ins Schauspiel, sie gehen aus dem Schauspiel heraus, sie können gar nicht anders, als daß sie sich überfallen lassen von einer unbegrenzten Zahl von Fragen: In welchen Beziehungen zur äußeren Welt steht diese Schauspielerin? Was hat in einem früheren Jahre jener Schauspieler getan? Welches Verhältnis besteht zwischen den einzelnen Schauspielern? Wie ist zustande gekommen diese oder jene Kulisse? Welcher Maler hat diese oder jene Kulisse gemalt? und so weiter und so weiter, und tagelang stehen solche Menschen unter der Einwirkung eines solchen inneren Frageteufels. Es sind das pathologische Zustände, die man erst zu begreifen anfängt, wenn man weiß, diese Menschen kommen in jene Region hinein, die der Geistesforscher in Inspiration erlebt, indem er sich eben anders verhält, als diese Menschen in dem pathologischen Zustand sich verhalten. Diese Menschen gehen in dieselbe Region hinein wie der Geistesforscher, aber sie nehmen ihr Ich nicht mit, sie verlieren gewissermaßen beim Hineintreten in diese Welt ihr Ich. Und dieses Ich ist das Ordnende. Dieses Ich ist dasjenige, was in diese Welt eine ebensolche Ordnung hineinzubringen vermag, wie wir in die Welt der sinnlich-physischen Umgebung Ordnung hineinzubringen vermögen. Der Geistesforscher weiß, daß der Mensch ja vom Einschlafen bis zum Aufwachen in dieser selben Region lebt, daß jeden Menschen, der aus einem Schauspiel kommt, in der Nacht, wenn er schläft, alle diese Fragen wirklich befallen, aber durch eine gewisse Gesetzmäßigkeit im normalen Dasein breitet sich eben der Schlaf über diesen Frageteufel aus, und der Mensch ist fertig mit diesem Frageteufel, wenn er wiederum aufwacht. |
| 69 | Es handelt sich darum, daß wir hineintragen in einer wirklichen Geistesforschung in diese Region das volle Unterscheidungsvermögen, die volle Besonnenheit und die volle Kraft des menschlichen Ich. Dann leben wir darinnen nicht in einem Überskeptizismus, dann leben wir darinnen ebenso besonnen, ebenso sicher, wie wir in der physisch-sinnlichen Welt sicher leben. Und im Grunde genommen sind alle diejenigen Übungen, die von mir angegeben werden in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zu einem großen Teile auch darauf hinauslaufend, daß der Mensch in vollbewußter, sein Ich bewahrender Art, in strenger Disziplinierung diese Region betritt. Bei den Anleitungen zur Geistesforschung handelt es sich zum großen Teile darum, daß der Geistesforscher auf diesem Wege nicht verliere den inneren Halt, die innere Zucht des Ich. Und das glänzendste Beispiel eines Menschen, der nicht voll vorbereitet in diese Region in der neueren Zeit hineingegangen ist, das glänzendste Beispiel ist dasjenige, das in anderem Zusammenhang von Dr. Husemann hier schon charakterisiert worden ist. Das glänzende Beispiel ist Friedrich Nietzsche. Friedrich Nietzsche ist ja eine eigentümliche Persönlichkeit. Er ist in einer gewissen Weise gar kein Gelehrter. Er ist kein gewöhnlicher Wissenschafter. Aber er hat mit einer ungeheuer genialischen Begabung, aus der Geschlechtsreife der Jugend herauswachsend, in die wissenschaftlichen Forschungen hineinwachsend, er hat mit einer ungeheuer genialischen Begabung dasjenige aufgenommen, was eine gegenwärtige Wissenschaftlichkeit bieten kann. Daß er mit all diesem Aufnehmen nicht im gewöhnlichen Sinne ein Gelehrter wurde, das zeigt einfach die Tatsache, wie ihm ein Mustergelehrter der heutigen Zeit, so recht ein Mustergelehrter der heutigen Zeit, gleich nach seiner ersten Jugendpublikation entgegengetreten ist, nämlich Wilamowitz. Nietzsche hatte sein Werk erscheinen lassen «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», in dem anklingt diese Bereitschaft, hineinzukommen in die Initiation, hineinzukommen in das Musikalische, Inspiratorische, der Titel schon trägt diese Sehnsucht, hineinzuwachsen in dasjenige, was ich charakterisiert habe, aber es war nicht da. Es gab auch in der Zeit Nietzsches keine bewußte Geisteswissenschaft, aber indem er sein Werk betitelte: «Die |
| 70 | Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik», deutete er darauf hin, daß er aus diesem Geiste der Musik heraus eine Erscheinung wie zum Beispiel die Wagnersche Tragödie begreifen wollte. Und er wuchs immer mehr und mehr hinein. Also ich sagte, es trat gleich Wilamowitz auf, der gegen dieses Werk «Die Geburt der Tragödie» dann seine Broschüre schrieb, in der er vom wissenschaftlichen Standpunkte aus dasjenige, was der ungelehrte, aber nach Erkenntnis trachtende Nietzsche geschrieben hat, ganz und gar abtat. Vollständig berechtigt vom Gesichtspunkte der modernen Wissenschaft. Und im Grunde genommen versteht man doch nicht, wie ein so ausgezeichneter Mann wie Erwin Rohde geglaubt hat, es könne ein Kompromiß zwischen dieser modernen Wilamowitzschen Philologie und demjenigen, was als ein noch dunkles Streben, als eine Sehnsucht nach Initiation, nach Inspiration in Nietzsche lebte, geschlossen werden. Das, was Nietzsche so aufgenommen hatte in sich selber, was er in sich selber so ausgebildet hatte, das wuchs dann hinein in die andern Bestände des gegenwärtigen Wissenschaftslebens. Es wuchs hinein in den Positivismus, namentlich wie er von dem Franzosen Comtey von dem Deutschen Dühring ausgegangen ist. Ich habe selbst noch, als ich Nietzsches Bibliothek ordnete in den neunziger Jahren, all die, ich möchte sagen, gewissenhaft gemachten Striche Nietzsches am Rande der Dühringschen Werke gesehen, aus denen heraus er den Positivismus studiert hatte, in sich aufgenommen hatte, ich habe selbst noch alle diese Werke in der Hand gehabt. Ich lebte gewissermaßen in der Art und Weise, wie Nietzsche den Positivismus aufnahm, und konnte mir eine Vorstellung machen, wie er nun wiederum in die Region des außerleiblichen Lebens hineinkam und wie er da den Positivismus wiederum ohne gehörige Durchdringung dieser Region mit dem Ich durchlebte, so daß jetzt solche Werke von ihm entstanden wie «Menschliches, Allzumenschliches» und dergleichen, die eine fortwährende Vibrierung zwischen dem Nicht-sich-Bewegenkönnen in einer Inspirationswelt und dem doch Sich-Haltenwollen in der Inspirationswelt darstellen. Ich möchte sagen, an dem aphoristischen Gang des Nietzsche-Stiles in diesen Werken merkt man, wie Nietzsche bestrebt ist, das Ich hineinzubringen, wie es aber immer wiederum abreißt, wie er es daher nicht |
| 71 | zur systematischen, zur künstlerischen Darstellung bringt, sondern nur zum Aphorismus. Gerade an dem Immer-Abreißen des geistigen Lebens im Aphorismus enthüllt sich das Innerlich-Seelische dieses merkwürdigen Geistes. Und dann steigt er auf zu demjenigen, was ja die größten Rätsel aufgegeben hat dem neueren Forschen, der neueren äußeren Wissenschaft, er steigt auf zu dem, was im Darwinismus lebt, was in der Evolutionstheorie lebt, was zeigen will, wie aus dem einfachsten, primitivsten Organismus die kompliziertesten sich allmählich gebildet haben. Er lebt sich ein in diese Welt, in diese Welt, in die ich versucht habe, in bescheidener Weise - in meinen Auseinandersetzungen mit Haeckel können Sie das genau verfolgen - in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» inneren Halt und innere Beweglichkeit hineinzubringen. Nietzsche lebt sich ein. Aus seiner Seele ringt sich heraus, ich möchte sagen, der Überevolutionsgedanke. Indem er verfolgt die Evolution bis zum Menschen, sprengt sich diese Evolutionsidee und sie führt zu seinem Obermenschentum. Indem er verfolgt dieses Sich-Bewegen der evolutionierenden Wesenheiten, verliert er, weil er durch Inspiration den Inhalt nicht bekommen kann, diesen Inhalt und muß in der inhaltslosen Idee von der ewigen Wiederkehr leben. Es ist nur die innere gediegene Natur Nietzsches gewesen, die ihn nicht hineintrieb in dasjenige, was der Pathologe die Zweifelsucht nennt. Es ist dasjenige, was in Nietzsche eben lag, eine auf dem Grunde seiner Krankheit sich abspielende große Gesundheit, die er selber spürte, die sich geltend machte, was ihn nicht hineinkommen ließ in den völligen Skeptizismus, sondern was ihn aussinnen ließ dasjenige, was dann der Inhalt gerade seiner begeisterndsten Werke ist. Kein Wunder, daß dieser Gang in die geistige Welt hinein, dieses Streben, aus dem Musikalischen zum inneren Worte, zur inneren Wesenheit zu kommen, indem es gipfelte in dem Unmusikalischen der Wiederkehr des Gleichen, indem es gipfelte in dem inhaltslos, nur lyrisch zu empfindenden Übermenschen, kein Wunder, daß das enden mußte in demjenigen Zustande, den dann zum Beispiel der behandelnde Arzt einmal als einen atypischen Fall der Paralyse bezeichnete. Ja, derjenige, der nicht kannte das innere Leben Nietzsches, der es nicht zu beurteilen vermochte vom Standpunkte des Geistesforschers, |
| 72 | der wie ein bloßer Psychiater ohne inneren Anteil vor dieser Ideen- und Vorstellungswelt und Bilderwelt Nietzsches stand, der sprach hier dem konkreten Fall gegenüber etwas aus, was eben nur das Abstrakte ist gegenüber dem Konkreten. Der ganzen Natur gegenüber sprach 1872 Du Bois-Reymond «Ignorabimus». Denjenigen Fällen gegenüber, die ungewöhnlich sind, spricht der Psychiater: Paralyse, atypische Paralyse. Denjenigen Fällen, die so auftreten, daß sie ganz herausgerissen sind aus unserer gegenwärtigen Menschheitsentwickelung, steht der Psychiater gegenüber und er spricht «Ignorabimus» im konkreten Falle, oder «Ignoramus». Es ist nur die Übersetzung desjenigen, was dann in die Worte gekleidet wird: atypischer Fall von Paralyse. Das zerriß endlich diesen Leib Nietzsches. Das brachte dasjenige hervor, was das Phänomen Nietzsche innerhalb unserer gegenwärtigen Geisteskultur ist. Das ist die andere Form, wie bei hochkultivierten Menschen die psychiatrisch zu betrachtende Zweifelsucht, die Grübelsucht, der Hyperskeptizismus auftreten. Und das Phänomen Nietzsche - ich darf da eine persönliche Bemerkung einfügen - stand mir in dem Augenblicke, mich erschauernd, vor Augen, als ich einige Jahre nach Nietzsches Erkrankung in Naumburg in Nietzsches kleine Stube eintrat, wo er auf dem Sofa lag, wo er nach dem Essen hinstierte, niemanden aus seiner Umgebung kannte, wo er wie ein völlig Blöder, aber noch mit einem Lichte im Auge, das von der ehemaligen Genialität durchstrahlt war, einem entgegenblickte. Wenn man nun diesen Nietzsche anschaute mit all dem, was man erleben konnte an Nietzsches Weltanschauung, an Nietzsches innerer Vorstellung und Bilderwelt, wenn man dann, nicht wie der bloße äußere Psychiater, mit diesem Bilde in der eigenen Seele vor diesen Nietzsche, vor diese Ruine, vor dieses Wrack in bezug auf das physische Leben hintrat, dann, dann wußte man: Dieses Menschenwesen wollte hineinschauen in die Welt, die da wird durch Inspiration. Es drang nichts aus dieser Welt ihm entgegen. Und dasjenige, was hinein wollte in diese Welt, was nach der Inspiration verlangte, es löschte sich zuletzt aus, es erfüllte als ein inhaltsloses Seelisch-Geistiges noch jahrelang den Organismus. |
| 73 | Man konnte die ganze Tragik unserer modernen Kultur, ihr Streben nach der geistigen Welt, ihr Sich-Hinneigen zu dem, was aus der Inspiration kommen kann, an einem solchen Anblick lernen. Das war für mich - ich scheue mich eben nicht, dieses Persönliche hier anzuführen - einer derjenigen Augenblicke, die man auch goethisch deuten kann. Goethe sagt: Die Natur hat kein Geheimnis in sich, das sie nicht an irgendeiner Stelle offenbar machen würde. - Nein, die ganze Welt hat kein Geheimnis in sich, das sie nicht an irgendeiner Stelle offenbar machen würde. Die gegenwärtige Entwickelung der Menschheit trägt das Geheimnis in sich, daß aus dieser Menschheit heraus sich einfach ein Streben geltend macht, eine Tendenz, ein Impuls geltend macht, der rumort in unseren sozialen Umwälzungen, die durch unsere Zivilisation gehen, der hineinschauen will in die geistige Welt der Inspiration. Und Nietzsche war als Menschenwesen der eine Punkt, wo die Natur ihr offenbares Geheimnis enthüllt, wo sich einem verraten konnte, was über die ganze Menschheit hin heute ein Streben ist, was wir wollen müssen, wenn nicht all die Menschen, die der Bildung entgegenstreben, die in die moderne Wissenschaft hineinstreben - und das wird nach und nach die ganze zivilisierte Menschheit tun, denn das Wissen muß populär werden -, wenn die Menschen nicht ihr Ich verlieren sollen und Zivilisation in Barbarei übergehen soll. Das ist die eine große Kultursorge, die eine große Zivilisationssorge, die demjenigen sich auflastet, der den gegenwärtigen Gang der Menschheitsgeschichte verfolgt und das Ziel hat, zu einem sozialen Denken zu kommen. Nach der andern Seite machen sich ähnliche Erscheinungen geltend, nach der Bewußtseinsseite. Und auch nach dieser Bewußtseinsseite hin werden wir wenigstens kurz diese Erscheinungen zu studieren haben, werden sehen, wie auch da aus dem ganzen Chaos des gegenwärtigen Menschenlebens heraustreten die andern Erscheinungen, die pathologisch uns ebenso entgegentreten, die seit Westphal, Falret und andern beschrieben werden, die nicht durch Zufall erst in den neueren Dezennien beschrieben werden. Es treten uns auf der andern Seite, gegen die Bewußtseinsgrenze hin, ebenso die Erscheinungen der Klaustrophobie, der Astraphobie, der Agoraphobie entgegen, wie uns die Zweifelsucht entgegentritt nach der Materieseite hin. Und |
| 74 | ebenso - das werden wir noch zu besprechen haben -, wie die pathologische Zweifelsucht durch das Kultivieren der Inspiration kulturhistorisch geheilt werden muß, wie das eine der großen sozialethischen Aufgaben der Gegenwart ist, so ist das drohende Hereinbrechen derjenigen Erscheinungen, die ich morgen noch werde zu besprechen haben, der Klaustrophobie, der Astraphobie, der Agoraphobie, das andere, das störend auftritt, und das wir durch die Imagination werden bezwingen können, die wir der modernen Zivilisation zum sozialen Heile der Menschheit werden einzufügen haben. |