Anhang
Zur Editionsgeschichte der Spruchdichtungen
| Seite | Text |
| 361 | Rudolf Steiner selber hat von seinen Dichtungen einzig die «Vier Mysteriendramen» (1910-1913) und die 52 Wochensprüche des «Seelenkalenders» (1912) veröffentlicht; ferner alsb Manuskriptdruck nur für Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft die Gedichte «Planetentanz - Zwölf Stimmungen - Das Lied von der Initiation» (1916), sowie seine Übertragung des n norwegischen Traumliedes «Olaf Ästeson» (1916). Die darüber hinaus hinterlassene Fülle von Gedichten und Sprüchen konnte jedoch bisher noch nie gesamthaft veröffentlicht werden, da sie bis in die jüngste Zeit hinein nicht wirklich vollständig überschau- und verfügbar gewesen war. Der Grund hierfür liegt in dem Umstand, daß sie in den allerverschiedensten Zusammenhängen entstanden ist: 1) Sehr viele Sprüche sind in Vorträgen gegeben worden, in Öffentlichen Vorträgen, in Vorträgen für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft und für esoterische Arbeitskreise. Oft hat Rudolf Steiner den Grund- oder Zielgedanken eines Vortrages künstlerisch gestaltet und dadurch seinen Zuhörern noch einen anderen Zugang zu dem Quellort des Gedankens eröffnet. 2) Sprüche mit mantrischem Charakter gehören zum Fundament des Lebens in der Anthroposophischen Bewegung, und wurden als solche den verschiedensten Arbeitszusammenhängen gegeben. 3) Eine eigene Gattung bilden jene Sprüche, die in Ansprachen eingebettet sind, die Rudolf Steiner bei Bestattungen von anthroposophischen Freunden gehalten hat. |
| 362 | 4) Viele einzelne Menschen erbaten und erhielten Meditationen für ihre innere Entwicklung als persönliche Schüler Rudolf Steiners. Die erhaltenen Handschriften haben sie ein Leben lang gehütet. 5) Eine editorisch besonders schwierige Klasse sind die vielen persönlichen Widmungen, etwa in Bücher, in Stamm- und Gästebücher, auch auf Portrait-Photographien von Rudolf Steiner, wie dies noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gang und gäbe war. Die meisten Widmungen sind wohl spontan auf Bitten hin entstanden, aber gelegentlich hat Rudolf Steiner auch einen besonders schönen Spruch auf ein Blatt geschrieben und von sich aus jemandem geschenkt, etwa zu Weihnachten oder zu einem Gedenktag. Diese Originale gingen in alle Welt und sind erst im Laufe der Jahrzehnte an Marie Steiner und in das Rudolf Steiner-Archiv zurückgekommen. 6) Ferner gibt es eine ganze Reihe von Sprüchen, die sich Rudolf Steiner in seine über 600 Notizbücher geschrieben hat, ohne sie mitzuteilen. Diese Notizbücher enthalten aber auch viele der bekannt gewordenen Sprüche, meist als zu Ende durchgearbeitete Entwürfe. 7) Gedichtet im engeren Sinne hat Rudolf Steiner vor allem für die Eurythmie und hat so die geistgetragene Lyrik, etwa eines Novalis, zu einem neuen Höhepunkt geführt. Hierher gehört aber auch schon der «Seelenkalender», der zeitlich etwas vor der Entstehung der Eurythmie liegt. - Dichtungen dieser Art gibt es nur einige wenige, und dies meint Marie Steiner, wenn sie in ihrem Vorwort (s. unten) sagt: «Das Wenige, was wir von ihm besitzen, …». Die Arbeit, die nötig war, um diese weit verstreuten Dichtungen - sowohl geographisch als auch im Werk selber, etwa in sechstausend Vortrags-Nachschriften - zusammenzutragen, war beträchtlich und wurde zu einem guten Teil bereits von |
| 363 | Marie Steiner selber geleistet. Heute, siebzig Jahre nach Rudolf Steiners Tod, kann es nun als sicher gelten, daß diese Fülle weitestgehend bekannt und erfaßt ist, mit der Einschränkung, daß im Laufe der Jahrzehnte manches verlorengegangen ist, insbesondere durch die Zerstörungen im Weltkrieg, oder daß Vereinzeltes doch auch noch auftauchen wird. - Den Prozeß des Zusammentragens kann man an den verschiedenen Editionen verfolgen. Die frühe Phase spiegelt sich in den Vorworten Marie Steiners für die von ihr 1925 und 1935 herausgegebenen Spruchsammlungen. Die erste kleine Sammlung «Wahrspruchworte» gab sie noch im Todesjahr Rudolf Steiners zu Weihnachten 1925 heraus. Dazu schrieb sie dieses Vorwort: «Rudolf Steiner hat nur bei ganz besonderen Anlässen gedichtet. Die Forderungen der Umwelt an ihn und sein Wille, ihr zu dienen, haben ihm nicht Zeit dazu gelassen. Das Wenige, was wir von ihm besitzen, zeigt uns, wie er auch auf diesem Gebiete Großes geleistet hätte, wenn er sich ihm hätte widmen dürfen. Zukunfttragendes freilich, deshalb in der Gegenwart wenig Verstandenes. Ein seltsamer Umstand wird uns dies begreiflich erscheinen lassen. Wo gäbe es heute einen Dichter, dem in einem Band lyrischer Gedichte nicht ein einziges Mal das Wörtlein Ich entschlüpfte? Diese staunenswerte Tatsache lag vor uns, als wir die Sammlung beendet hatten. Eines der Gedichte aber spricht das aus, was ihm das Ich gewesen ist: die Zusammenfassung des Weltenbewußtseins, sein Urgrund und als sein letztes Ziel die Durchchristung. Geistgemäß und schicksaldeutend liegt es verborgen in den Lauten selbst, welche die Initialen darstellen des Gottessohnes: Jesus Christus — ICH. Den Namen seines Gottes hat Rudolf Steiner nie unnütz geführt. Sein eigenes menschliches Ich war ihm nur Werkzeug. Es war ihm deshalb ganz natürlich, sich nicht innerhalb der Grenzen |
| 364 | des persönlichen Ich zu bewegen. Er hat von sich selbst nur gesprochen, wenn zwingende Gründe dafür vorlagen.
Die Welt im Ich erbauen,
|
| 365 | Planetenfolge vorhanden ist. Wir haben zwölf Strophen zu je sieben Zeilen, ein genaues Abbild des in unserem Universum Vorhandenen. Dies ist gleichsam das äußere Gerippe; es ist aber in allen Einzelheiten festgehalten, was sich da offenbaren will, was ausgeflossen ist in die Bewegung unseres Sonnensystems: Es ist festgehalten im Auf- und Abstieg der einzelnen Strophe, im Auf- und Abstieg der ganzen Dichtung; in der allgemeinen Stimmung der Strophe, die dem betreffenden Himmelskörper entspricht, hervorgerufen durch die Art und Weise, wie die Worte in der betreffenden Strophe gerade liegen, - aber auch in dem Hineinspielen einer jeden einzelnen Zeile, die dem Wandelplaneten entspricht. So daß man fühlen kann: hier fährt die energische Bewegung des Mars hinein, hier die majestätische des Jupiter, dort haben wir das Gereift-Abflutende des Saturn, endlich das Gefestigt-Rückstrahlende des Mondes, as in der ersten Sonnenzeile unmittelbare Erstrahlung ist, um dann überzugehen in das Sanft-Erwarmende der Venus und in das Webend-Wirkende des Merkur. Und dieses siebenfache innere Seelenerfühlen, von der Sonne herab durch Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn bis zum Monde wird hineingewoben in den Stimmungsgehalt der Strophe des betreffenden Tierkreiszeichens, durch das die Sonne durchgeht. Es ist wirklich das Eins-sein mit den Gesetzen des Universums, das Gegenteil der subjektiven Willkür. Etwas ähnliches haben wir in dem Aufbau des <Planetentanz>. Es wird versucht, in wiederum zwölf Strophen einen andern Weltenzusammenhang zu geben. Wir haben hier die Sonne, die Planeten und den Mond. In den vierzeiligen Strophen ist die erste Zeile immer das Sonnenhafte, die letzte das Mondenhafte. In vier Teilen von je drei Strophen steigt die Kurve des kosmischen Geschehens aufwärts zu ihrem Zenith, um dann wiederum abzufluten. Damit in Einklang ist das Tun und Sein der Menschenseele, die in den Zusammenhängen der |
| 366 | geistigen Welt steht. Ruf, Sehnsucht, Erfüllung in viermaliger Wiederkehr. Die Form ist herausgeholt aus dem Geheimnis des Universums. So lehrte uns Rudolf Steiner im Kosmos fühlen und lehrte uns eingehen auf die gesetzmäßigen Zusammenhänge einer geistigen Welt, die sich durch den Menschen offenbaren will. Er sagte zu den Eurythmie-Ausübenden: <Das, was Sie da sich abspielen sehen, gibt einem die Möglichkeit, eine Beweglichkeit und in Bewegung befindliche Begriffe sich zu erschaffen von dem, was man so nennen kann: 'Das Wort wallt durch die Welt und die Weltenbildung hält das Wort fest/> Das lehrte uns Rudolf Steiner und gab uns damit die Erkenntnis dessen, was Dichtung in Wahrheit ist. Für die Eurythmie schuf er noch: Weltenseelengeister, Ecce Homo, Frühling, Herbst. Überall erleben wir das Hineingestelltsein des Menschen in die geistigen Zusammenhänge, erleben in den Lautverbindungen, ihrem Erglitzern, Erstrahlen und Ineinanderspielen die schöpferischen Kräfte des Kosmos selbst. Den inneren Rhythmus der Laute, der in der Dichtung der Zukunft einst die Stelle des der Verstandeskultur entsprossenen Reimes einnehmen wird, hat Rudolf Steiner vorbildlich enthüllt in seinen Mysteriendramen; die Lautgestaltung als hohes Kunstprinzip unsern Seelen erschlossen. Das Gesetz der Bewegung in den Lautelementen, das sie der Sphäre des rein Musikalischen oder Bildhaft-Plastischen entreißt und dadurch der dichterischen Sprache, die mit den Elementen aller Künste arbeitet, ihr eigenes, selbständiges Reich erschließt, hat er uns aus der Sphäre der Geistdynamik heruntergeholt. Versuchen wir auf uns das wirken zu lassen, was einem Gedicht wie <Weltenseelengeister> lautlich zugrunde liegt: das dreifache i der ersten Zeile, das sich in deren Ausklang zum a öffnet, die Wiederholung des a in der zweiten Zeile, und in der dritten seine Aufhellung im ausklingenden e, das wieder durch ein dreifaches i |
| 367 | eingeleitet wird - um in der zweiten Strophe in der Endassonanz wiederholt zu werden und dann einem dreimalig assonierenden i zu weichen, das in den zwei letzten Zeilen der dritten Strophe über das e zum a zurückkehrt. Nur derjenige, der künstlerisch lautgestaltend zu fühlen vermag, wird ermessen, welch eindringliche Kraft, welche Bewegung und schöpferische Offenbarung in dieser Behandlung des #, e und i liegen, in diesem aus drei kurzen Dreizeilern bestehenden Gedicht, dem das amphibrachische Versmaß die Zielsicherheit und den hebenden Schwung verleiht. Wahrlich, verdichteter Geist. Als ein Beispiel dieses so tief lebendigen künstlerischen Vermögens, geistiges Wirken und Weben durch die Lautverbindung für uns wesenhaft zu machen, sind dieser Sammlung auch einige lyrische Stellen aus den Mysterienspielen zugefügt. Aber erst in der Wiedergabe durch das im freien Atem gestaltete künstlerische Wort kann man voll empfinden, welch klingende Gefühlslösung, welch schwingendes Licht und welche plastische Kraft in dieser Sprache liegen. Die Mehrzahl der in dieser Sammlung enthaltenen Gedichte entstanden freilich spontan bei Jahresfesten oder sind die spruchartige Zusammenfassung eines in der Öffentlichkeit gehaltenen Vortrags, ohne Anspruch auf künstlerische Gestaltung. Unendlich viel hat Rudolf Steiner dafür getan, daß in der Menschheit wieder wach würde das Verständnis für das Hineingestelltsein der Jahresfeste in das kosmische Geschehen. Eine Fülle tiefgründiger, lichtdurchstrahlter Zusammenhänge goß er aus über das Weihnachtsfest. Und so sind denn eine Anzahl der schönsten Sprüche, die wir von ihm haben, Weihnachtssprüche. Es gehört zu den einschlagenden innern Ereignissen unseres Lebens die Stunde, da er zu Weihnachten seinen ersten gedichteten Wahrspruch gab: <Die Sonne schaue um mitternächtige Stunde …> und die Kraft gefunden werden mußte, diese Fülle des Erlebens, diese Wucht des wie in Quadern |
| 368 | gemeißelten Wortes in den tönenden Laut umzuformen: ein Wendepunkt für das Seelen-Innere. - Draußen aber hatte das Leben im Dienste der Geisteswissenschaft seinen steten und doch reichlich bewegten fortschreitenden Gang genommen. Bevor dies geschehen konnte, hatte Rudolf Steiner in einer Einleitung zu den Vorträgen über das Christentum als mystische Tatsache> über die orphischen Mysterien gesprochen - so einfühlend, weckend, daß die Schatten der Vergangenheit sich innerhalb des früheren Dunkels aufhellten und Lichtspuren wurden. In diesen Weihnachtsworten, die gleichsam in Granit gehauen waren, wie zur Pyramide sich formten, in deren dunklen Tiefen von oben her Osiris' Glanz und Isis' Schimmer fiel, konnte man etwas erleben wie den Hammerschlag verborgener Willenskräfte, wie die wogende Bildekraft des kosmischen Äthermeeres. Durch sie sprachen Vergangenheit und Zukunft, Werden und Vergehen, der Tod im Stoff, das Lebenswort. Aus den Klammern der niederziehenden Mächte strebte die Seele empor zum neuen Licht, zu Christus. Das materielle Weltenall konnte sich in Geist verwandeln vor dem innern Blick, der Mensch vermochte das überirdische Christuswesen wieder empfindend wahrzunehmen. Daß mit vollem Bewußtsein wieder aufgenommen würde, was in den alten Mysterien einst in unsere träumenden Seelen gesenkt worden ist, das war das Ziel der Arbeit Rudolf Steiners an uns. Jedes Jahr von neuem - Weihnachten, das Fest der Wintersonnenwende anzuschauen als eine Aufforderung, tiefer in das hineinzublicken, was die Menschheit zu ihrer Entwickelung braucht, das lehrte uns Rudolf Steiner. Und das ist in jenen anderen Weihnachtssprüchen enthalten, die aus Gedenkheften haben abgeschrieben werden können, die ja nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren, aber die wir glücklich sind weitergeben zu können; denn sie bilden eine Brücke zum geistigen |
| 369 | Erleben für den, der sie auf sich wirken lassen will. Ihren reinsten Ausklang haben sie gefunden in den wunderbar durchsichtigen Rhythmen, die Rudolf Steiner zu Weihnachten 1923 einer tausendköpfigen Zuhörerschaft gab: <In der Zeiten Wende trat das Welten-Geistes-Licht in den irdischen Wesensstrom …>. Es war sein letzter Weihnachtswahrspruch. Sein heißer Wunsch für uns ist es: <daß gut werde, was wir aus Herzen gründen, was wir aus Häuptern zielvoll führen wollen.> Wenn ich mich entschlossen habe, den zur menschlichen Verstandeskraft klar sprechenden Wahrsprüchen auch solche hinzuzufügen, die vielleicht nicht gleich begriffen werden können, so ist es, weil ich der Überzeugung bin, daß unsere Zeit die Kräfte braucht, die auf diesem Wege der imaginativen Anschauung zunächst vielleicht am ehesten in sie einfließen können. Was als Keimkraft in der konzentrierten Bildhaftigkeit eines solchen Wahrspruches liegt, kann den Zusammenhang von menschlichem Tun und Sein mit dem Tun und Sein der Welt wesenhaft erfühlen lassen. Dies ist aber, was unsere Zeit so dringend braucht, um die in ihr wühlenden Niedergangs-Kräfte zu überwinden. Und diesem Ziele diente das Leben, Wirken und Sterben Rudolf Steiners. '' '' Dornach, Dezember 1925 '' '' Marie Steiner» Zehn Jahre später, 1935, unternahm sie es, die inzwischen zusammengetragenen Spruchdichtungen in einer zweiten Ausgabe zu veröffentlichen. Den Verschiedenartigkeiten der Texte entsprechend brachte sie vier getrennte Titel heraus: «Wahrspruchworte - Richtspruchworte» als Neuausgabe der «Wahrspruchworte», ferner «Welterkenntnis — Selbsterkenntnis» mit kurzen Sinnsprüchen und Widmungen, die «Gebete für Mütter und Kinder» und «Rudolf Steiner und unsere Toten» mit Ansprachen und Sprüchen bei Bestattungen. |
| 370 | Für die stark erweiterte Sammlung «Wahrspruchworte - Richtspruchworte» schrieb sie dieses Vorwort: «Zehn Jahre sind seit dem Hinscheiden Rudolf Steiners verflossen. Als er von uns gegangen war, war es uns ein Herzensbedürfnis, all die Sprüche und Widmungen, die damals zugänglich waren, zu sammeln, um sie neben den für die Eurythmie geschaffenen Gedichten in einem Erinnerungsbande, wie einer Schatzkammer des Geistes, zu vereinigen. Schon lange wird auf eine zweite Auflage der längst vergriffenen <Wahrspruchworte> gewartet. Es sind inzwischen aus Reisemappen, Vortragsnachschriften, hinterlassenen Notizbüchern eine stattliche Anzahl solcher Sprüche neu gesammelt worden. Andere wurden abgeschrieben aus geschenkten Werken, Gästebüchern, von Photographien und so weiter. Wenn sie auch manchmal nur rhythmische oder gar einfache ZufallsProsa sind, so laßt ihr Weisheitsgehalt es doch berechtigt erscheinen, sie der neuen Auflage einzufügen. Auch kleine Änderungen in den Fassungen gleichgearteter Sprüche regen das Denken an und durften deshalb mehrmals berücksichtigt werden. Auf eine chronologische Reihenfolge ist in diesem Bande verzichtet worden. So wie sie hier in scheinbar bunter Reihenfolge gebracht werden, sollen diese Sprüche das geistige Leben spiegeln in seiner reichen Mannigfaltigkeit. Das Vorwort der ersten Auflage enthält einen Hinweis auf das überraschend Unpersönliche in Rudolf Steiners Art, sich zu geben, dem Fehlen des Wörtchens <ich> im persönlichen Sinne in den Dichtungen dieses Verkünders eines unpersönlichen Ich. Auch in der neuen Sammlung finden wir es nur selten und nur in Stellvertretung des Menschheits-Ich als solchem. Mit einer einzigen Ausnahme, die um so erschütternder wirkt: sie wurde in einem der letztgebrauchten Notizbücher gefunden und war niemandem bekannt: ein aus dem Tiefsten der Seele aufsteigendes |
| 371 | heißes Gebet für die Menschheit; ein Ausdruck des nunmehr durch Brachlegung der physischen Kräfte an der gewohnten umfangreichsten Tätigkeit verhinderten Geistes: <Ich mochte jeden Menschen aus des Kosmos Geist entzünden …> Diesem heißen Sehnen nach einer Erweckung der Menschheit durch die Kraft der Feuertaufe folgen hier Worte, die noch im letzten Lebensjahre gesprochen wurden, zwar bei der Kremation einer Verstorbenen, aber sie wirken zugleich wie ein uns hinterlassener letzter Gruß des Scheidenden aus ferner Geisteshöhe, wie ein persönliches Trost- und Mahnwort an uns von Rudolf Steiner selber: '' '' Ich war mit euch vereint, '' '' Bleibet in mir vereint … Als das den Flammen zum Raub gefallene erste Goetheanum im Jahre 1920 eröffnet wurde, durfte ich im Auftrage Rudolf Steiners mit einigen wenigen, von ihm gemachten Abänderungen die Worte des Hilarius aus <Der Hüter der Schwelle> sprechen. Zur Erinnerung an jene Feier seien diese Worte an den Anfang der neuen Auflage gebracht. Ihnen seien angeschlossen die von Rudolf Steiner selbst zur WeihnachtsTagung 1923/24 gesprochenen Worte der geistigen Grundsteinlegung des zweiten Goetheanum. '' '' Dornach, September 1935 '' '' Marie Steiner» Der kleinen Sammlung von Sinnsprüchen und Widmungen unter dem Titel «Welterkenntnis - Selbsterkenntnis» stellte sie folgendes Vorwort voran: «Von Rudolf Steiner geprägte Gedanken sind wie Fenster im geistigen Himmelsraum. Sie sind wie Buchstaben einer Sternenschrift. Was tut es, wenn in diesen Satzprägungen der wesentliche Gedanke, der uns die Geistwelt erhellt, des öftern |
| 372 | wiederkehrt! Auch die Sterne wiederholen stets von neuem ihre Bahnen, um in ewig wechselnde Kräftebeziehungen zu treten, und so ist ihre Sprache immer neu lebendig und ihre Wirkungsweise mannigfaltig. So mögen auch hier nebeneinander gestellt sein Leit- und Zielsätze, deren Wahrheitslicht aus jener Sternen- und Sonnenweisheit heruntergeholt ist, die immer neue Erkenntniskräfte in uns wecken kann. Sie sind - wie anspruchslos sie auch scheinen mögen, kondensierter Weisheitsinhalt eines an Erkenntnissen überreichen Lebens. Sie geben auch eine Antwort auf die oft gestellte Frage, was mit Goetheanismus eigentlich gemeint sei, in jenen Sprüchen, die sich eng an Aussprüche Goethes anschließen, aber seine Gedanken ins Konkret-Geistige hinaus erweitern. Solche Sätze waren meistens eine Zusammenfassung gesprochener öffentlicher Vorträge, die an schon errungene Kulturgüter der Menschheit anknüpften, um ihr die neuen Ziele und Wege zu weisen, die allein uns vor dem Versinken in das Chaos zu retten vermocht hätten. Vor 33 Jahren hat Rudolf Steiner diese seine Lebensaufgabe als kulturelle Tat in das Leben der Öffentlichkeit eineingestellt. Sie hat ihm maßlose Anfeindung und Verleumdung eingebracht, die auch jetzt nicht ruhen. Der 33jährigen Wiederkehr jenes Tages sei dieses schlichte Büchlein gewidmet. Schlichtheit und Größe waren Rudolf Steiners Wesenszüge. - Weil er mehr wußte und selbstloser war als sonst die Menschen sind, wurde er verehrend geliebt, aber auch glühend gehaßt von Dunkelmännern und Irregeführten. Die Antwort auf dieses Rätsel gibt uns Goethe, dessen Faust dem Wagnerschen intellektuellen Hochmut mit den Worten begegnet: '' '' Ja, was man so Erkennen heißt! '' '' Wer darf das Kind beim Namen nennen? '' '' Die Wenigen, die was davon erkannt, '' '' Die töricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten, |
| 373 | '' '' Dem Pöbel ihr Gefühl, Ihr Schauen offenbarten, '' '' Hat man von je gekreuzigt und verbrannt. Diese Torheit ist der Entschluß zum Opfer, übergroße Liebe zur Menschheit und Hingabe an die Gottheit und ihre Ziele. '' '' Dornach, Oktober 1935 '' '' Marie Steiner» Ein Jahrzehnt später, gegen Ende ihres Lebens, entschloß sie sich, auch esoterische Inhalte - mit Übungen und mantrischen Sprüchen - zu veröffentlichen. So erschienen 1947 und 1948 zwei kleine Bändchen «Aus den Inhalten der Esoterischen Schule», Heft 1 und 2; ein drittes Heft, an dessen Gestaltung sie noch kurz vor ihrem Tode arbeitete, erschien im Jahre 1951. Nach dem Tode Marie Steiners brachte 1951 die von ihr eingesetzte Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung «Wahrspruchworte - Richtspruchworte» zunächst in einer Neuauflage im wesentlichen unverändert heraus. Um die Komposition dieser Ausgabe nicht zu stören, wurden die neu aufgefundenen Dichtungen 1953 in einem zweiten Band herausgegeben unter dem Titel «Wahrspruchworte - Richtspruchworte, zweite Folge». Ferner erschien ebenfalls 1953 eine erweiterte Neuauflage von «Welterkenntnis - Selbsterkenntnis». Als dann an die Erstellung der «Rudolf Steiner Gesamtausgabe» gegangen werden konnte, wurden zwei Bände für die Spruchdichtungen vorgesehen: Bibliographie-Nr. 40 für «Wahrspruchworte» und Nr. 41 für «Übertragungen aus dem Alten und Neuen Testament - Mantrische Sprüche». Der erste Band erschien 1961, herausgegeben von Edwin Froböse und Paul Jenny. Er vereinigte die bisher erschienen Spruchsammlungen in einem Band, vermehrt um inzwischen aufgefundene, bisher unbekannte Sprüche. - Dieser Band erfuhr von 1969 bis 1991 sechs weitere Auflagen mit den jeweils möglichen Erweiterungen. |
| 374 | Bei der ursprünglichen Planung der Gesamtausgabe war das schwierige Kapitel der esoterischen Inhalte zunächst zurückgestellt worden. Erst in den achtziger Jahren wurde dies in Angriff genommen und es entstand neu der Plan für die Reihe «Veröffentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der esoterischen Lehrtätigkeit», GA 264-270. Daher wurden die für Bibliographie-Nr. 41 vorgesehenen Texte und Sprüche in diese Reihe, den Band GA 268, integriert, der in Kürze als weiterer Sammelband unter dem Titel «Mantrische Sprüche - Seelenübungen II» erscheinen wird. Dabei war es unumgänglich, einige Sprüche, die man früher in den «Wahrspruchworten» fand, um der inneren Stimmigkeit willen in den neuen Band zu verlegen. Mit der vorliegenden Neuausgabe und dem Erscheinen des Bandes «Mantrische Sprüche» wird die Veröffentlichung der Spruchdichtungen Rudolf Steiners als solche abgeschlossen sein. Zusammengefaßt findet man sie innerhalb der Gesamtausgabe in folgenden Bänden: 1) GA 40, «Wahrspruchworte» enthält: '' '' a) alle von Rudolf Steiner selber veröffentlichten Dichtungen; '' '' b) alle in öffentlichen Vorträgen gegebenen Sprüche; '' '' c) alle in allgemeinen Mitglieder-Vorträgen gegebenen Sprüche; '' '' d) in Notizbüchern gefundene Sprüche allgemeinen Charakters; '' '' e) Einzelpersonen gegebene Widmungssprüche, in Büchern, auf Photographien, etc. 2) GA 267, «Seelenübungen mit Wort- und Sinnbild-Meditationen» enthält alle esoterischen Übungen für Morgens und Abends, die Einzelpersonen gegeben wurden. Die meisten davon enthalten mantrische Sprüche. |
| 375 | 3) GA 268, «Mantrische Sprüche - Seelenübungen II» enthält: '' '' a) alle mantrischen Sprüche und Meditations-Sätze ohne Zeit-Bindung für Einzelpersonen; '' '' b) mantrische Sprüche und Meditations-Sätze aus Notizbüchern; '' '' c) mantrische Sprüche für anthroposophische Arbeits-Zusammenhänge. 4) GA 261, «Unsere Toten» enthält Ansprachen, Gedenkworte und Meditationssprüche für Bestattungs- und Gedenkfeiern für Verstorbene. Ferner enthalten einige Bände der Reihe «Veröffentlichungen zur Geschichte und aus den Inhalten der esoterischen Lehrtätigkeit» (GA 264-270) Sprüche, die aus dem gegebenen Zusammenhang nicht sinnvoll herausgelöst werden können und daher nicht in einen der Sammelbände aufgenommen wurden. |
ZU DIESER AUSGABE
| 377 | Wie aus der Beschreibung «Zur Editionsgeschiehte der Spruchdichtungen» hervorgeht, war es, um die Gesamtveröffentlichung der Spruchdichtungen zum Abschluß bringen zu können, unumgänglich, die Neuauflage des Sammelbandes «Wahrspruchworte» neu zu gestalten. Denn für die Herausgabe des schon seit langem vorgesehenen Bandes «Mantrische Sprüche» mußten dieser Band und die fällig gewordene Neuauflage der «Wahrspruchworte» in Übereinstimmung gebracht werden. Dafür wurden alle im Rudolf Steiner-Archiv vorliegenden Unterlagen erneut gründlich durchgegangen. Die meisten Sprüche befinden sich im Archiv als Originale von Rudolf Steiners Hand, oder als Photokopien von solchen, oder in Nachschriften von Vorträgen, oder als Wandtafel-Aufzeichnungen, die bei den Vorträgen gemacht wurden. In den letzten zwanzig Jahren sind noch immer eine ganze Reihe von Originalen neu ins Archiv gekommen, teils von bisher unbekannten Sprüchen, teils von Sprüchen, die bisher nur als Abschriften vorlagen. Von den Sprüchen, die auch jetzt nur in Abschriften erhalten sind, werden nur solche veröffentlicht, die aufgrund ihrer Überlieferung als voll authentisch gelten können. Für den vorliegenden Band wurden alle Sprüche wieder mit den verschiedenen Unterlagen verglichen. Dazu gehören auch die Notizbücher, in denen sich oft Entwürfe finden zu Sprüchen, die bei Vorträgen oder anderweitig gegeben wurden. Diese Entwürfe zeigen, wie Rudolf Steiner an seinen Spruchdichtungen gearbeitet hat. Siehe die faksimilierten Beispiele nach S. 109. Die verschiedenen Lesarten sind nachgewiesen, sofern es sich nicht nur um ganz unwesentliche Differenzen handelt. |
Zur Gestaltung des Bandes
| 378 | Wie man aus dem Inhaltsverzeichnis entnehmen kann, ist versucht worden, die Sprüche so zu gruppieren, daß seinem Charakter nach Ahnliches beisammen steht. Innerhalb der Gruppen wurden die Sprüche nach der Chronologie ihrer Entstehungszeit angeordnet; nur die Gruppe der Jahresfeste und diejenige mit Mysterienwahrheiten aus alten Kulturen folgen einer anderen Chronologie. Bei der Mehrzahl der Sprüche ist die Entstehungszeit wohlbekannt. Bei einer Anzahl anderer Sprüche weiß man mit unterschiedlicher Genauigkeit die ungefähre Entstehungszeit, die dann als «ca.» angegeben ist. Sprüche, bei denen dies nicht möglich ist, sind als «undatierbar» bezeichnet und wurden gelegentlich trotzdem nach ihrer vermuteten Entstehungszeit in die Chronologie eingeordnet. |
Textgestaltung
| 378 | Die Wortlaute Rudolf Steiners sind in normaler Schrift wiedergegeben, auch alle seine Zusätze wie Überschrift, Widmungstext, Datum, Unterschrift. Auch in normaler Schrift erscheinen Marie Steiners Hinzufügungen auf den verwendeten Vorlagen (nicht aber ihre Überschriften für den Druck). Sofern die Herkunft nicht offensichtlich ist, ist sie in den Hinweisen oder im Register nachgewiesen. Im Original unterstrichene Worte sind in den Sprüchen gesperrt, sonst kursiv wiedergegeben. Alle Zusätze der verschiedenen Herausgeber seit Marie Steiner sind kursiv gedruckt, also vor allem Überschriften, und jetzt auch neu Entstehungszeit des Spruches und eventuell Name des Empfängers. Solche Überschriften und auch Zwischentitel beruhen immer auf Worten, die Rudolf Steiner im Zusammenhang mit dem Spruch gesprochen, manchmal auch im Notizbuch geschrieben hat. |
Zur Orthographie
| 379 | Die Anpassung des gedruckten Textes an die heute übliche Schreibweise bringt kaum Veränderungen gegenüber dem Original; sie beschränkt sich hauptsächlich auf Fremdworte wie «Centrum» und auf wenige deutsche Worte wie «es giebt» (von «geben»). |
Zur Interpunktion
| 379 | Bei Sprüchen hat Rudolf Steiner fast keine Satzzeichen verwendet, und die Zeichen, die er verwendet, sind oft keine Satzzeichen im konventionellen Sinne, sodaß eine gewisse Unsicherheit für ihre Wiedergabe im Druck besteht. Bis jetzt unveröffentliche Sprüche sind ohne von den Herausgebern hinzugefügte Satzzeichen wiedergegeben. Bei Sprüchen, die schon eine lange Druck-Tradition haben, ist diese berücksichtigt. |
Hinweise und Lesarten
| 379 | Wie bei den anderen Bänden der Gesamtausgabe sind jetzt auch für die «Wahrspruchworte» Hinweise erstellt worden, die Nützliches zum Hintergrund vieler Sprüche zu geben sich bemühen. Darin integriert ist auch die Angabe von Textvarianten. |
Alphabetisches Register der Spruchanfänge und Überschriften
| 379 | Dies dient nicht nur zum Auffinden der Sprüche, es zeigt auch die verwendeten Vorlagen und deren Art an: ob es sich um eine Vortragsnachschrift, um ein Notizbuch oder Notizblatt in der Handschrift Rudolf Steiners, oder um eine Abschrift handelt. Außerdem sind Entstehungszeit und -Ort, sowie Name eines eventuellen Empfängers angegeben, soweit sie bekannt sind. |
Personenregister
| 380 | Seit 1925 war es üblich, die Namen noch lebender Personen im Zusammenhang mit den Sprüchen nicht in Erscheinung treten zu lassen. Der vorliegende Band soll auch ein Beitrag zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung sein, und daher wurden die Namen der Empfänger - soweit sie bekannt sind - unverschlüsselt angegeben. |
ZUR TEXTGESTALTUNG DES «SEELENKALENDERS»
Zur Geschichte der benutzten Textvorlagen
| 381 | Im Frühjahr 1911, nach dem Philosophen-Kongreß in Bologna, entstand in Portorose an der Adria zwischen Imma von Eckardtstein, die sich mit der malerischen Darstellung der Tierkreis-Zeichen beschäftigte, und Rudolf Steiner der Plan, einen Kalender für das Jahr 1912 zu schaffen. Er gab ihr Anregungen für die Gestaltung der Bilder und schrieb selber das Kalendarium mit den Namens- und Gedenktagen. Näheres dazu findet man in dem Heft 37/38 der «Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe». - Diese Arbeit zog sich durch das ganze Jahr hin. Wahrscheinlich im Winter und in München schrieb Rudolf Steiner einen Zusatz zu dem «Kalender», wodurch dieser noch eine ganz neue Dimension bekam: den «Seelenkalender», der mit dieser Überschrift als Anhang auf den letzten 20 von insgesamt 178 Seiten des «Kalenders» gedruckt wurde. Der Druck erfolgte im Frühjahr 1912 bei Carl Kuhn in München, der alle Drucksachen für den Münchner Zweig besorgte und auch für den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag arbeitete, so sind z. B. die Mysteriendramen dort gedruckt worden. Imma von Eckardtstein hielt sich damals in München auf, um den Druck zu betreuen. Als Beilage zu ihrem einzigen bekannten damit zusammenhängenden Brief an Rudolf Steiner übersandte sie ihm am 15. März 1912 Manuskript und Druckbogen für die Monate April bis Juni, dies entspricht den ersten 48 Seiten des «Kalenders». Rudolf Steiner war damals in Berlin und reiste Anfang April nach Helsinki, wo er die ersten fertig gedruckten Exemplare erhielt. Aus diesen Daten muß man schließen, daß er keine Abzüge für den «Seelenkalender» bekam, die er noch hätte korrigieren können. Man kann |
| 382 | also nicht davon ausgehen, daß die Abweichungen des Druckes vom Manuskript von Rudolf Steiner herrühren. - Dies Manuskript für den «Seelenkalender» ging damals in die Druckerei und war dann verschollen, sodaß es für spätere Ausgaben nicht zur Verfügung stand. Es wurde im Nachlaß von Elisabeth Vreede, die mit Imma von Eckardtstein befreundet war, wieder aufgefunden, und 1959 kam eine Photokopie davon in das Rudolf Steiner Archiv. Sie ist in dem erwähnten Heft der «Beiträge …» als Faksimile wiedergegeben. Im Jahre 1918 erschienen zwei Neudrucke des «Seelenkalenders», beide durch die Initiative von Emil Molt, dem Generaldirektor der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik in Stuttgart, und beide wurden in der Druckerei der Zeitschrift «Lese», Jung & Sohn in Stuttgart, hergestellt. Der eine erschien, vermutlich im Frühjahr, als die Nr. 30 in der Reihe der «farbigen Heftchen der Waldorf-Astoria». In dieser Reihe ließ Emil Molt deutsche Literatur in kleinen Heftchen drucken, die den für die Soldaten im Feld bestimmten Zigarettenschachteln beigelegt wurden. Für diese Ausgabe schrieb Rudolf Steiner das Vorwort von 1918. Sie war als regelrechter Kalender von Woche zu Woche vom 1. April 1918 bis zum 29. März 1919 gestaltet, mit Angabe der Wochentage. Anfang September 1918 erschien der «Seelenkalender» noch einmal, und diesmal als ein Teil der Schrift «Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenrätsel», ebenfalls mit dem neuen Vorwort. Diese Schrift war, sehr wahrscheinlich von Rudolf Steiner selber, für die von Hermann Hesse betreute «Bücherei für deutsche Kriegsgefangene» zusammengestellt worden und wurde als «Liebesgabe» in die Lager geschickt, gestiftet von der stets hilfsbereiten Helene Röchling aus Mannheim. Emil Molt war ein Schulfreund von Hermann Hesse und hatte diese Schrift veranlaßt. Für sie hatte Rudolf Steiner den Vortrag vom 17. August 1908 zu dem Aufsatz |
| 383 | «Philosophie und Anthroposophie» umgearbeitet. - Es ist unbekannt, wer die Redaktion für die beiden Stuttgarter Ausgaben, die sich sehr ähnlich sind, besorgt hat. Der Text ist in den Formalien stark verändert worden. So sind viele zusätzliche Satzzeichen eingefügt worden, und vor allem wurde eine neue Art der Wochenbezeichnungen eingeführt: waren in der Ausgabe von 1912 die Sprüche einfach durchnumeriert worden, so wurde dies in beiden Ausgaben von 1918 ersetzt durch eine Bezeichnung nach Monaten. So wurde z. B. die «Achte Woche» nun als die «4. Mai- Woche» überschrieben; aber mit einigen Differenzen: z. B. wurde die 18. Woche in dem Waldorf - Heftchen als die «5. Juli-Woche» und in der anderen Ausgabe als die «1. August-Woche» bezeichnet. Es ist so gut wie ausgeschlossen, daß Rudolf Steiner sich um diese Details gekümmert hätte; die Druckereien hingegen betrachteten damals so etwas als zu ihren Aufgaben gehörig. Es gibt keine diesbezüglichen Briefe; auch ist es wenig wahrscheinlich, daß die Redaktion vom Philosophisch-Anthroposophischen Verlag in Berlin ausging - obwohl dieser im Impressum erscheint - da 1925 fast alle Änderungen in der Neuausgabe dieses Verlags wieder rückgängig gemacht wurden. Ebenfalls im Jahr 1918 zeichnete Rudolf Steiner die ersten Formen für die eurythmische Darstellung der Sprüche des «Seelenkalender». An einem Detail kann man sehen, daß er vor allem das Waldorf-Heftchen als Textvorlage bei dieser Arbeit, die bis in das Jahr 1924 weitergeführt wurde, benützte: er übernahm die neuen Wochen-Bezeichnungen (meistens nach dem Waldorf-Heftchen, aber einige Male auch nach der anderen Ausgabe von 1918) und schrieb sie jeweils auf die Blätter der entstehenden Eurythmie-Formen. Eigentlich wäre die alte Art von 1912 praktischer gewesen, aber die Wochen-Nummern waren in beiden Ausgaben von 1918 weggelassen worden und waren daher nicht zur Hand. - Bei vielen Formen hat Rudolf |
| 384 | Steiner die einzelnen Zeilen des Wochenspruches neben die jeweilige Form geschrieben. Natürlich stand dabei nicht der intendierte Wortlaut im Vordergrund, sondern es ging um die Zuordnung der Form zum Text, aber es handelt sich dennoch um ein Autograph, das zeigt, daß er die beim Drucken - wahrscheinlich ohne sein Zutun - entstandenen Abweichungen annehmbar fand. Man findet die Blätter in der Faksimile-Ausgabe «Eurythmieformen zu den Wochensprüchen des Anthroposophischen Seelenkalenders», GA K23, Dornach 1989. Anfang April 1925, wenige Tage nach Rudolf Steiners Tod, erschien schließlich die Ausgabe letzter Hand mit dem Titel «Anthroposophischer Seelenkalender». Am 12. März 1925 schrieb Johanna Mücke, die Geschäftsführerin des Philosophisch-Anthroposophischen Verlages, an Marie Steiner, die sich auf Tournee befand: «Herr Doktor hat einen so schönen Umschlag für den Seelenkalender gezeichnet, den ersten Abzug hat er noch zu einer kleinen Veränderung da, lauter schöne fünfzackige Sterne; die Farbe wird hellblau und Gold. Wie dankbar bin ich und werden so viele unserer Mitglieder Ihnen sein, daß nun durch Ihre Initiative der Seelenkalender wieder da sein wird und in so schöner Gestalt.» Rudolf Steiner hatte nicht nur den Umschlag entworfen, sondern auch das Format, ein Spruch pro Seite (die früheren Ausgaben hatten zwei bis vier Sprüche pro Seite), und die Schrift bestimmt. Aber er hat sich sicher nicht um die Textform in den technischen Details gekümmert. Wer dies getan hat, weiß man nicht; in Betracht kommt eigentlich nur Johanna Mücke, eventuell auch Marie Steiner, die aber kaum Zeit dafür gehabt haben dürfte. Zugrunde gelegt wurde die Ausgabe von 1912, als Vorwort wurde das von 1918 gedruckt. - Dies ist die vertraute Form des Seelenkalenders im blauen Querformat, die seit 70 Jahren gedruckt wird. Über die Neuauflagen der zwanziger und dreißiger Jahre ist nichts Genaues bekannt, sie liegen im Archiv nicht vor. Nur |
| 385 | von einer Ausgabe «ca. 1930» gibt es die Photokopien von 20 Seiten. Im «Nachrichtenblatt» Nr. 13 vom 29. März 1936 bespricht Marie Steiner eine Neuausgabe, 12. bis 14. Tausend (die Auflage der Waldorf-Heftchen von fünfzigtausend nicht mitgerechnet). Die erste Neuauflage, die im Archiv vorliegt, ist von 1938. Sie zeigt einige redaktionelle Veränderungen gegenüber 1925; die erste Auflage nach dem 2. Weltkrieg geschah 1948, in drei leicht variierenden Fassungen in Dornach, Stuttgart und Wien, aber als fast genaue Nachdrucke der Ausgabe von 1938. Die erste Neuauflage nach Marie Steiners Tod erfolgte 1953, herausgegeben von Edwin Froböse. 1961 erschien die Spruchsammlung «Wahrspruchworte» innerhalb der Gesamtausgabe. Daher wurde von den Herausgebern Edwin Froböse und Paul Jenny auch der «Seelenkalender» aufgenommen, aber in einer in den Formalien von dem blauen Büchlein abweichenden Form, nämlich gemäß der Ausgabe vom Herbst 1918. Auch die vorliegende Ausgabe der «Wahrspruchworte» enthält den «Seelenkalender». Sie stützt sich auf die Manuskripte und die Ausgabe letzter Hand von 1925. Dabei gibt es die folgenden |
Textvarianten:
| 385 |
Tabelle
|
|||||||||||||||||||||||||||
| 386 |
Fortsetzung
Aus dieser Aufstellung kann man sehen, daß es keine letzte Sicherheit für diese Details gibt. |
Zur Interpunktion
| 386 | Das Manuskript hat nur sehr wenige Satzzeichen. Die Zeichensetzung der ersten Ausgaben vor 1925 stammt mit Sicherheit von den Druckereien. Besonders in den Ausgaben von 1918 |
| 387 | sind sehr viele neue Zeichen gesetzt worden, die dann 1925 zum größten Teil wieder weggelassen wurden. Überhaupt sind die Satzzeichen bis heute immer wieder revidiert worden, so daß man sich nicht auf einen Konsens stützen kann. Für die vorliegende Ausgabe ist, mit der Absicht möglichst wenige eichen zu haben, folgende Systematik versucht worden: a) alle Zeichen im Manuskript sind aufgenommen worden, b) nur die Zeichen, die alle Drucke bis 1925 übereinstimmend für nötig befunden haben und die nicht Sinn-störend sind, sind beibehalten worden, c) korrespondierende Sprüche (n+n= 53), die sehr oft den gleichen syntaktischen Bau haben, bekommen auch analoge Zeichensetzung. Es geht also nicht um eine konventionell «richtige» Interpunktion. Wegen der vielen Anfragen an das Archiv ist es vielleicht nützlich, für diejenigen, die sich dafür interessieren, noch folgende Detail-Punkte zu besprechen: |
Über die Zuordnung der Sprüche zu den Wochen des Jahres
| 387 | Wie schon auf S. 22 erwähnt, ist die Angabe Rudolf Steiners grundlegend, man möge jeweils zu Ostern mit dem ersten Spruch beginnen. Im weiteren seien jeweils drei Sprüche in der gleichen Stimmung gehalten, so daß die Datumverschiebung nicht viel zu bedeuten habe. Der ursprüngliche Plan war, daß der «Kalender» jedes Jahr erscheinen sollte - was dann aber nie mehr geschah -, und daß die Daten des «Seelenkalenders» jeweils angepaßt würden. Dem entsprechend hat man bei den verschiedenen Drucken bis in die zwanziger Jahre mit dem jeweiligen Oster-Datum begonnen, aber mit unbefriedigendem Resultat. Schon in der |
| 388 | Ausgabe von 1912/13 geht das Ende des Jahres nicht auf. Die Ostersonntage von 1912 und 1913 waren am 7. April und am 23. März, was ein Jahr von nur 50 Wochen ergibt; trotzdem hat Rudolf Steiner den 52. Spruch mit «30. März» überschrieben, obwohl er das Kalendarium mit dem 22. März abschloß. 1918 war der Ostersonntag am 31. März, exakt eine Woche früher als 1912, und 1919 am 20. April. Dies gibt ein Jahr von 55 Wochen. Das Waldorf-Heftchen gibt als Datum für den ersten Spruch «1.-6. April» und geht dann Woche um Woche weiter, so daß der letzte Spruch das Datum «23. - 29. März» bekommt; es fehlen also noch drei Wochen bis zum nächsten Ostern. - In der anderen Ausgabe von 1918 hat man die Daten dadurch auf die Ausgabe von 1912 synchronisiert, daß man die beiden Sprüche 3 und 4 auf die drei Wochen 14. April bis 4. Mai legte. So bekamen die Sprüche 5 bis 49 exakt die Daten von 1912/13, wie sie auch in der vorliegenden Ausgabe angegeben sind. Dies hätte am Ende des Jahres helfen können, den Anschluß an das nächste Osterfest zu mildern, stattdessen hat man versucht, die Synchronisation aufrecht zu erhalten dadurch, daß man die letzten drei Sprüche auf die letzten zwei März-Wochen verteilte. - Man hat so für 1918 zwei Einteilungen mit der selben Art der Bezeichnungen, aber mit um eine Woche verschobenen Datierungen. So hat z. B. der Spruch 6 in beiden Ausgaben die Überschrift «2. Mai-Woche», trägt aber in dem Waldorf-Heftchen ein um 7 Tage früheres Datum. Wenn man noch eines Beweises bedürfte, daß diese Formalien nicht von Rudolf Steiner festgelegt wurden, so hätte man ihn hier. In der Ausgabe von 1925 wurde mit der ersten Woche nach Ostern (am 12. April) begonnen und von Woche zu Woche weitergegangen, ohne Rücksicht darauf, daß 1926 der Ostersonntag schon am 4. April war. Die Verspätung von doch nur 5 Tagen gegenüber 1912 brachte es mit sich, daß die Sprüche, die im Manuskript als für Johanni, Michaeli und Weihnachten gegeben |
| 389 | bezeichnet sind, nicht auf die entsprechenden Daten fielen. Wohl deshalb wurden diese Bezeichnungen weggelassen. Nun ist es gar nicht sinnvoll, im Druck die Sprüche «richtig» verteilen zu wollen. Eine solche Verteilung müßte die Sprüche 8 bis 11 der Zeit von Pfingsten bis Johanni, und die Sprüche 48 bis 52 der Zeit von Anfang März bis Ostern zuordnen. In der Praxis ist das kein Problem, im Druck wäre es pedantisch und vor allem störend, da ja ein einzelnes Exemplar über viele Jahre dient. Wohl deshalb hat Marie Steiner in den Ausgaben von 1938 (wahrscheinlich schon früher) und 1948 die Anpassung an das jeweilige Jahr der Ausgabe aufgegeben. Beide Ausgaben benützten eine Datierung von Woche zu Woche mit dem Ostersonntag beginnend derart, daß Karfreitag das Datum 3. April hat, eine Datierung, die zwei Tage früher als die von 1912 beginnt. Und die Bezeichnungen Johanni, Michaeli und Weihnachten wurden wieder aufgenommen. - Im Jahr 1931 war Ostern am 5. April. Das Fragment der Ausgabe «ca. 1930» im Archiv entspricht dem. Es könnte also sein, daß man die Datierung von 1931 gut fand und für die späteren Ausgaben dabei blieb. In der vorliegenden Ausgabe sind, teils als Hilfe zur Orientierung, teils aus historischem Interesse, die Daten von 1912/13 angegeben, die auch insofern günstig sind, als das Osterdatum von 1912 ziemlich genau in der Mitte der möglichen Daten vom 22. März bis zum 25. April liegt. Ferner sind die WochenBezeichnungen so angegeben, wie sie auf den Eurythmie-Formen stehen, außer bei den Wochen, die im Manuskript eine eigene Bezeichnung haben: Oster-Stimmung, Johannes-Stimmung, u.s.w. |
Zu den Bezeichnungen der Jahreszeiten
| 389 | Im Manuskript hat Rudolf Steiner die Bezeichnungen Frühling und Sommer vor die 1. und die 14. Woche eingefügt; der Druck |
| 390 | von 1912 hat zusätzlich Herbst und Winter vor der 27. und der 37. Woche. Ebenso die beiden Ausgaben von 1918, außer: die zweite Ausgabe hat Winter vor der 36. Woche. In der Ausgabe von 1925 beginnen die vier Jahreszeiten mit der 1., 11., 25. und 37. Woche. |
Über die Zuordnung von Buchstaben zu den Wochensprüchen
| 390 | In der Handschrift hat Rudolf Steiner die Buchstaben des Alphabets an die Sprüche 1 - 26, und noch einmal an die Sprüche 27 - 52 geschrieben, ohne Zweifel um die Zugehörigkeit des Gegenspruches im Herbst/Winter-Halbjahr zu dem entsprechenden Spruch im Frühling/Sommer-Halbjahr zu betonen. Auch Karl König vertritt in seinem Büchlein «Über Rudolf Steiners Seelenkalender», Stuttgart 1970, diese Ansicht. Sie wird durch folgenden Vorgang bestärkt: die Zuordnung in der Handschrift für die Sprüche 12 bis 25 ist um eine Woche verschoben, weil die Sprüche 12 (Johannes-Stimmung) und 51 (Frühling-Erwartung) keinen Buchstaben bekommen haben. Mit dieser Verschiebung ist der «Seelenkalender» 1912 gedruckt worden. Wahrscheinlich ist der Fehler schon sehr bald bemerkt worden und wurde durch Johanna Mücke bei der nächsten Gelegenheit, in der Ausgabe von 1925, korrigiert. (In den Ausgaben von 1918 waren die Buchstaben überhaupt weggelassen.) Sie hätte dies sicher nicht von sich aus getan, ohne daß das Problem im Gespräch mit Rudolf und Marie Steiner berührt worden wäre. In dieser korrigierten Form wurde der «Seelenkalender» bis 1958 gedruckt. Als die Handschrift 1959 wieder zum Vorschein kam, haben die damaligen Herausgeber für dieses Detail auf die Handschrift abgestellt. In der Handschrift und der Ausgabe von 1912 wurden die Buchstaben der zweiten Serie durch einen übergelegten Strich |
| 391 | gekennzeichnet, wie das in der Mathematik für korrelierte Größen üblich ist. 1925 wurde diese Überstreichung weggelassen. In allen bisherigen Auflagen der «Wahrspruchworte» GA 40 wurden die Wochenbezeichnungen und Daten der Ausgabe vom Herbst 1918 gegeben, dadurch entfielen auch die Buchstaben. - Die vorliegende Ausgabe gibt die Bezeichnung durch Buchstaben gemäß der Ausgabe von 1925, aber mit den Überstreichungen des Manuskripts. '' '' jz |