GELEITWORT
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| 9 | Mit der vorliegenden Neuausgabe der «Wahrspruchworte» und der Erstveröffentlichung des Bandes «Mantrische Sprüche - Seelenübungen II» ist die Veröffentlichung der Spruchdichtungen Rudolf Steiners als solche abgeschlossen. Blickt man näher auf diese reiche Fülle, so enthüllt sie sich mehr und mehr zu einer vielfältigen und vielfarbigen Ausgestaltung des großen Grundthemas «Selbsterkenntnis - Welterkenntnis », beginnend mit dem «Credo - Der Einzelne und das All» aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts bis hin zu einer der allerletzten Spruchdichtungen aus dem Jahre 1925: «Ich möchte jeden Menschen aus des Kosmos Geist entzünden …». Und dieses Grundthema ist wiederum kein anderes als auch dasjenige der anthroposophischen Geisteswissenschaft selbst. Lautet doch der erste der «Anthroposophischen Leitsätze» aus dem Jahre 1924: «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte.» Und bedenkt man dann, daß Rudolf Steiner erst in seinem 5. Lebensjahrzehnt als Kunstschaffender tätig wurde, so entsteht die Frage: Was mag einen durch und durch naturwissenschaftlich geschulten Geistesforscher noch im letzten Drittel seines Lebens zu solch intensivem künstlerischen Schaffen gedrängt haben? Er hat ja nicht nur Spruchdichtungen und Mysteriendramen geschrieben, die neue Bewegungskunst Eurythmie als sichtbare Sprache und sichtbaren Gesang inauguriert, sondern auch als bildender Künstler gewirkt. Eine gewisse, wenn auch nur annähernd zutreffende Antwort auf diese Frage kann vielleicht in dem von ihm gern angeführten Goethe-Wort gesehen werden: «Wem die Natur ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen beginnt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst.»1) Allerdings befähigt die Sehnsucht nach Kunst allein normalerweise |
| 10 | noch keineswegs zu echtem Künstlertum. Es scheint jedoch bei immer tieferem Eindringen in das lebendige Wesen der Ideenwelt als dem «Urquell und Prinzip alles Seins»2) einen «objektiven Übergang» von dem einen Gebiet in das andere zu geben, «einen Punkt», in dem sich die beiden so berühren, daß Vollendung in dem einen Vollendung in dem anderen fordert. - So nämlich charakterisierte Rudolf Steiner in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts den Weg Goethes von der Kunst zur Wissenschaft.3) Daß er selbst den umgekehrten Weg gegangen ist, ergibt sich aus Jahrzehnte spater gemachten Äußerungen. Eine lautet: «Es handelt sich durchaus darum, daß gerade dem wahren Geisteswissenschafter durch unmittelbare Anschauung klar wird, worinnen das Wesen des Ideellen besteht, so daß er den Übergang finden kann von dem Ideellen … zu dem eigentlich Künstlerischen. »4) Und um hier nicht mißverstanden zu werden, fügte er noch an, daß natürlich aus der Geisteswissenschaft, so wie sie in Worten mitgeteilt wird, direkt keine Kunst hervorgehen könne; das könnte nur zu einem Allegorisieren und Symbolisieren führen. Aber aus denjenigen geistigen Impulsen, die hinter der Geisteswissenschaft stehen, die diese Geisteswissenschaft selber als einen Ast aus sich hervortreiben, aus denen gehe dann hervor, als ein anderer Ast aus demselben Ursprung, auch ein künstlerisches Schaffen. Die tiefste Motivation für all seine Bestrebungen hat er nirgendwo so klar und bestimmt ausgesprochen wie bei der ersten Veranstaltung im noch nicht ganz vollendeten ersten Goetheanum- Bau, bei dem ersten anthroposophischen Hochschulkurs im Herbst 1920. Da sprach er davon, wie in alten Menschheitszeiten nicht so wie heute Schulen, Kunstanstalten und Kirchen abgesondert voneinander waren, sondern daß in den kulturtragenden Mysterienstätten ein Wissen gepflegt wurde, das zugleich künstlerischen, erkennenden und religiösen Charakters war. Dieses einheitliche Wirken zersplitterte jedoch im weiteren Zeitverlauf und führte zu dem heute herrschenden Agnostizismus in Wissenschaft und Religion und zu einer vom Kosmos |
| 11 | losgelösten Kunst. Heute fordere nun die Zeit, durch geistige Vertiefung wieder zu einer Versöhnung und gegenseitigen Befruchtung von Wissenschaft, Kunst und Religion zu kommen, und dieser Aufgabe soll der Goetheanum-Bau gewidmet sein. Mit eindrücklichen Worten stellte er in seiner Eröffnungsansprache dieses ideale Ziel von der Wiedervereinigung von Wissenschaft, Kunst und Religion vor seine tausend Zuhörer hin: «Drei neue Kräfte möchten wir aus geistigen Quellen heraus schöpferisch zur Offenbarung bringen: eine schauende Kunst wiederum, ein Erkennen des Übersinnlichen zur Wiedergeburt der Seele und des Geistes in jener Religion, deren Stimmung sich herausgestalten muß aus dieser Kunst und Wissenschaft », um aus der Kraft eines solchen «künstlerischen, erkennenden und religiös-innigen und sozialen Wollens heraus » zum Aufbau einer neuen Zivilisation beizutragen.5) Als ein wahrhaft «ursprüngliches» Geschöpf so gearteter Geistesforschung wollte er die künstlerische Formensprache des Goetheanum verstanden wissen, und das, was darin gesprochen wird, sollte lebendige Kraft genug haben, um weit in alle Lebensbereiche hinauszudringen. Ein Haus der Sprache, ein Haus des lebendigen Wortes sollte dieses Goetheanum sein. Denn das Wort - so Marie Steiner - war für Rudolf Steiner «Ausgangspunkt und Mittelpunkt und Ziel alles Werdens und aller Entsiegelung».6) Sie selbst war daran von Anfang an entscheidend beteiligt. Mit ihrem großen, immer gleichbleibenden Enthusiasmus bot sie Rudolf Steiner die Möglichkeit, die «Fruchtbarkeit der Geistanschauung auf dem Gebiete der Wortkunst» erproben zu können.7) Aus dieser langen intensiven Zusammenarbeit entwickelte sie eine der Wort-Erkenntnis Rudolf Steiners entsprechende Rezitiationskunst, und auch die für die Eurythmie notwendige Sprechweise, von der er einmal sagte: «Es ist ja wirklich von uns eine gewisse Methode ausgebildet worden, die ganz im Sinne unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung liegt» und er fügte hinzu: gerade das «künstlerisch geformte Wort zur Geltung zu bringen, das streben wir an».8) |
| 12 | Am Ende seiner Lebenszeit auf diese Anfänge zurückschauend erinnert er daran, wie auf seine Anregung hin Marie von Sivers «ganz im Anfange der anthroposophischen Bewegung» mit der Dichtung «Eleusis» von Hegel «unsere Rezitationskunst inauguriert hat».9) Es war dies in Berlin am 7. Mai 1906 bei der ersten von vielen gemeinsam durchgeführten Veranstaltungen. Rudolf Steiner sprach über das Wesen der griechischen Mysterien; Marie von Sivers rezitierte die an Hölderlin gerichtete Dichtung «Eleusis».10) Und in seinem Weihnachtsvortrag desselben Jahres, am 17. Dezember 1906, hatte sie die erste seiner eigenen Mysteriendichtungen zu rezitieren: «Die Sonne schaue um mitternächtige Stunde …». Im Laufe der Jahre folgten viele solche gemeinsamen Veranstaltungen, auch öffentliche, so beim ersten anthroposophischen Hochschulkurs. Rudolf Steiner hielt drei Vorträge über die Kunst der Rezitation und Deklamation, die Beispiele trug Marie Steiner vor. Und er schloß diese drei Vorträge mit der Bemerkung, daß gerade auch durch das Muster der Deklamations-, der Rezitationskunst gezeigt werden sollte, wie hier konkret der Versuch gemacht wird, die Brücke zu finden zwischen Kunst und Wissenschaft. Beispielhaft und auf so zu Herzen sprechende schlichte Weise kommt dies ja in seinen eigenen Dichtungen zum Ausdruck. Und da Marie Steiner so einzigartig mit den Spruchschöpfungen Rudolf Steiners verbunden ist, wird ihr im Gedenken ihres 50. Todestages diese Neuausgabe der «Wahrspruchworte » gewidmet. Waren es doch gerade die so ganz auf das innere Laut- und Rhythmus-Erleben aufgebauten Wahrspruchworte, die ihr Ausgangspunkt und Richtlinie blieben, um in ihrem eigenen künstlerischen Sprechen und auch dem ihrer Schüler, diese inneren Bildungskräfte der Sprache, die darin verborgene Eurythmie, künstlerisch gestalten zu können. Darüber hinaus hat sie aber auch von Anfang an mit großer Liebe und Sorgfalt die Sprüche gesammelt und bald nach Rudolf Steiners Tod begonnen, sie allgemein zugänglich zu machen. H. W. |
1)
Goethe, «Sprüche in Prosa - Maximen und Reflexionen über Kunst», Aus «Kunst und Alterthum», Sophien-Ausgabe, 48. Band, S. 179.
2)
«Credo - Der Einzelne und das All», in vorliegendem Band.
3)
Einleitung zu «Goethes naturwissenschaftliche Schriften» in Kürschners «Deutsche Nationallitteratur», Band II, 1887.
4)
Dornach, 9. Oktober 1920. Dieser Vortrag ist einer von drei Vorträgen, die im Rahmen des ersten Hochschulkurses am Goetheanum in Dornach über den Bau gehalten worden sind. Herausgegeben von Marie Steiner in «Der Baugedanke von Dornach», Dornach 1942; in der Gesamtausgabe noch nicht erschienen.
5)
Eröffnungs- und Abschiedsrede beim ersten Hochschulkurs am Goetheanum in Dornach, 26. September und 16. Oktober
1920. Herausgegeben von Marie Steiner in «Die Kunst der Rezitation und Deklamation», Dornach 1928; in der Gesamtausgabe noch nicht erschienen.
6)
Marie Steiner in «Niedergang und Aufbau», in «Die Kunst der Rezitation und Deklamation», GA 281.
7)
«Mein Lebensgang», 31. Kapitel, GA 28.
8)
17. November 1918, in «Entwicklungsgeschichtliche Unterlagen zur Bildung eines sozialen Urteils», GA 185a.
9)
In einer handschriftlichen Eurythmie- Programmankündigung vom 1. Februar 1925. Siehe «Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft …», GA 260a, S. 677.
10)
In «Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft», GA 96.