Zuletzt angesehen: 012_zwoelfter_vortrag

ZWÖLFTER VORTRAG, Dornach, 7. Juli 1924

ZWÖLFTER VORTRAG, Dornach, 7. Juli 1924

Vertiefung der Waldorfschulpädagogik für sogenannte abnorme Kinder. Heilen und Erziehen. Die geistig formenden Kräfte der Muttermilch; die Pflanze in ihrer Beziehung zum Menschen; Krankheit und Tierreich. Erfühlen dieser Verhältnisse durch Selbsterziehung; deren Bedingungen; geistige Entwicklungen und Lebensrealität; das substantiell Anthroposophische als Realität und als Grundlage der Anthroposophischen Gesellschaft und des Goetheanum.

Seite Text
178 Nun, wir werden damit beginnen, daß Sie noch Ihre verschiedenen Wünsche aussprechen, und dann werde ich den Kursus abzuschließen haben. Also ich bitte, mir jetzt noch zu sagen, was noch flammt in Ihren Herzen, um noch weiterzukommen.

Albrecht Strohschein: Ich möchte sagen, daß wir keine weiteren Fragen mehr haben.

Nun hat es sich ja gehandelt in diesen Besprechungen um die Vertiefung unserer Waldorfschul-Pädagogik bis zu denjenigen Erziehungsmethoden, welche an das sogenannte abnorme Kind heranführen. Und Sie haben ja aus den Auseinandersetzungen gesehen, daß das abnorme Kind eigentlich in eine andere Beurteilungsweise sofort eintreten muß, wenn es entsprechend behandelt werden soll, als das sogenannte normale Kind, daß es aber auch anders beurteilt werden muß vom Erziehenden und Unterrichtenden, als es in Laienkreisen heute beurteilt wird, wo man zumeist dabei stehenbleibt, auf die Abnormität hinzuweisen und nicht weiter zurückgeht auf dasjenige, was eigentlich zugrunde liegt. Man ist durchaus heute noch nicht so weit wie Goethe in einer gewissen elementarischen Art gewesen ist in seiner Betrachtung des Pflanzenwachstums, des Pflanzenwesens. Goethe sah mit einer besonderen Freude hin auf dasjenige, was bei Pflanzen an Mißbildungen entsteht. Und es gehören zu den interessantesten Artikeln, die man bei Goethe finden kann, diejenigen, die von diesen Mißbildungen handeln, wo irgendein Organ an der Pflanze, das man gewohnt ist, sonst in einer bestimmten, sogenannten normalen Form zu finden, entweder mit der Größe über die Norm hinauswächst, oder wie es sich abnorm gliedert, wie es zuweilen sogar Organe heraustreibt, die normalerweise an einer andern Stelle stehen und so weiter. Gerade darin, daß sich die Pflanze in solchen Mißbildungen äußern kann, sieht Goethe die besten Anhaltspunkte, um auf die eigentliche Idee der Urpflanze zu kommen. Denn er weiß, daß sich dasjenige, was hinter der Pflanze als Idee steckt, gerade in solchen Mißbildungen besonders zeigt; so daß, wenn
179 wir in einer Reihe von Beobachtungen an Pflanzen sehen würden, wie die Wurzel in Mißbildung verfallen kann, wie das Blatt, der Stengel, die Blüte, wie auch die Früchte mißgebildet sein können - natürlich muß man das an einer Reihe von Pflanzen sehen -, so würden wir aus dem Zusammenschauen der Mißbildungen die Urpflanze gerade herausschauen können.
Und so ist es im Grunde genommen bei allem Lebenden, auch bei dem im Geiste Lebenden. Wir kommen immer mehr darauf, daß dasjenige, was auch hinter dem Menschengeschlecht lebt und sich in Abnormitäten äußert, daß das die eigentliche Geistigkeit im Menschengeschlecht nach ußen offenbart. Und wenn wir die Dinge so ansehen, dann kommen wir auch darauf, wie in älteren Zeiten gedacht und angeschaut worden ist, als man in dem Erziehen etwas sah, was dem Heilen ungeheuer nahesteht. Man sah in dem Heilen ein Annähern von ahrimanisch und luziferisch Gebildetem an dasjenige, was die Mittellinie zwischen dem Luziferischen und Ahrimanischen in dem Sinne des Fortganges des guten Geistigen hält. Gleichgewicht zwischen dem Ahrimanischen und Luziferischen sah man in dem Heilen. Und als man in einem viel höheren Sinne sah, daß der Mensch erst während seines Lebens gebracht werden muß in das Gleichgewicht durch die Erziehung, sah man auch in einem gewissen Sinne durchaus in dem Kinde noch etwas Abnormes, was in einer gewissen Beziehung eigentlich krank ist und was geheilt werden muß, so daß die Urworte für Heilen und Erziehen genau dieselbe Bedeutung haben. Die Erziehung heilt den sogenannten normalen Menschen, und das Heilen ist nur ein Spezialisieren für den sogenannten abnormen Menschen.
Nun ist es ja ganz natürlich, daß, wenn man eine solche Grundlage als richtig ansieht, man dann auch weiter nach dieser Richtung gehen muß und Weiteres fragen muß. Eigentlich haben wir es bei jeder Krankheit, die aus dem Innern auftaucht, mit etwas Geistigem zu tun, aber schließlich auch bei jeder Krankheit, die auf einen äußeren Insult hin im Inneren auftaucht. Denn selbst bei einem Beinbruch ist dasjenige, was auftritt, eine Reaktion des Inneren auf das Äußere und die Chirurgie täte ganz gut, sich von einer solchen Anschauung befruchten zu lassen. Wenn man aber auf diese Dinge sieht, dann kommt man noch
180 in einem viel höheren Grade zu der Frage: Wie hat man eigentlich das Kind zu behandeln in der ganzen Verhaltungsweise des Physischen und des Geistig-Seelischen? Beide sind gerade beim Kinde ganz innig miteinander verbunden, und man darf nicht glauben, wenn man dem Kinde irgendein stoffliches Arzneimittel beibringt, daß das beim Kinde - wie man heute annimmt - nur physisch wirkt. Ein Stoff wirkt beim Kinde sogar wesentlich geistiger, als er beim späteren Erwachsenen wirkt. Und die Wirkung der Muttermilch besteht darin, daß in der Muttermilch durchaus dasjenige lebt, was in älteren Betrachtungsweisen genannt worden ist die gute umie im Gegensatz zur schlechten Mumie, die in andern Abscheidungsprodukten lebt. Die ganze Mutter lebt in der Muttermilch. Da haben wir durchaus etwas als Kraft lebend, was eigentlich seine Region nur geändert hat innerhalb der menschlichen Organisation. Bis zur Geburt des Kindes ist das im wesentlichen tätig in derjenigen Region, die hauptsächlich gehört zum StoffwechselGliedmaßensystem, nach der Geburt ist es hauptsächlich tätig in der Region des rhythmischen Systems. Es wandern also diese Kräfte in der Organisation um eine Etage höher. Indem sie um eine Etage höher wandern, verlieren sie ihren Ich-Inhalt, der im wesentlichen tätig war während der Embryonalzeit, behalten aber noch ihren astralischen Inhalt. Wenn dieselben Kräfte, die in der Muttermilch wirken, noch eine Etage höher steigen, bis zum Kopf, verlieren sie auch ihren astralischen Inhalt und würden nur in sich wirken haben physische und ätherische Organisation. Darauf beruht aber die schädliche Einwirkung auf die Mutter, wenn diese Kräfte in die höhere Etage steigen. Da sehen wir alle die abnormen Erscheinungen, die bei der Mutter auftreten.
So haben wir bei der Muttermilch noch astral formende Kräfte, die durchaus geistig wirken, und wir müssen nur bedenken, welche Verantwortung sich auf uns legt, wenn wir nun das Kind übergehen lassen zur eigenen Ernährung, wo heute gar nicht mehr ein Bewußtsein vorhanden ist davon, wie in der äußeren Welt eigentlich überall das Geistige wirkt: wie aufsteigend von der Wurzel bis zur Blüte und Frucht die Pflanze immer geistiger und geistiger wird und wirkt. Wenn wir an der Pflanzenwurzel beginnen, so haben wir an ihr dasjenige, was zunächst am Ungeistigsten als Wurzel wirkt. Die Wurzel steht in einer
181 verhältnismäßig stark physischen und ätherischen Relation zu der ganzen Umgebung, aber es beginnt in der Blüte der Pflanze ein Leben, das wie in Sehnsucht sich hinstreckt zu dem Astralischen. Es vergeistigt sich die Pflanze, indem sie nach oben wächst. Und so werden wir uns weiter fragen müssen: Wie verhält sich denn diese Wurzel der Pflanze im Weltzusammenhange? - Ihr Weltzusammenhang ist ihr Eingewachsensein in den Erdboden. Ja, meine lieben Freunde, diese Wurzel ist in den Erdboden so eingewachsen, wie wir mit unserem Kopf in die freie Luft und in das Licht eingewachsen sind, so daß wir sagen können: hier unten haben wir bei der Pflanze das Wahrnehmen, das Kopfmäßige, hier oben haben wir bei der Pflanze das Verdauliche, das Ernährende (siehe Tafel 15).

Tafel 15

Hier oben haben wir bei der Pflanze dasjenige, was die von dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem ersehnte Geistigkeit enthält und deshalb auch verwandt ist mit dem menschlichen Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Und wenn wir uns auf der einen Seite die Muttermilch anschauen und auf der andern Seite uns anschauen dasjenige, was da als von der Pflanze ersehntes Astralisches über der Pflanze darüberschwebt, dann ergibt sich für eine okkulte Anschauung eine ungeheuer nahe Verwandtschaft - nicht eine völlige Gleichheit - zwischen derjenigen Astralität, welche mit der Muttermilch aus der Mutter kommt und derjenigen Astralität, die aus dem Kosmos an die Pflanzenblüte heranschwebt.
Alle diese Dinge werden ja nicht gesagt, damit man irgend etwas Theoretisches weiß, sondern damit man die richtigen Gefühle bekommt gegenüber demjenigen, was in der Umgebung des Menschen ist und in die Sphäre seines Tuns, seines Handelns eingeht. Und so werden wir uns zu bemühen haben, daß wir das Kind nach und nach so gewöhnen an die äußere Ernährung, daß wir es anregen durch das Fruchtende, durch das Blühende unterstützen sein Stoffwechselsystem, und dasjenige, was es vom Kopf zu besorgen hat, durch sanfte Beimischung des Wurzelhaften. Diese Dinge sollen eigentlich nur, ich möchte sagen, im Anlauf theoretisch erworben werden. In der Praxis sollen sie sich in die Handhabung, aber auf geistige Art in die Handhabung hineinergießen. Sehen Sie, nun kommt dazu, daß es heute außerordentlich schwierig ist, aus dem, was man lernt, auf allen Gebieten lernt, in den Menschen

182 überhaupt hineinzuschauen. Es wird der Blick immerfort abgelenkt gerade von dem, was das Wesenhafte ist. Man wird heute nicht geschult, auf das Wesenhafte hinzusehen. Es ist schon so, daß in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz der Blick für das Wesenhafte abgestorben ist. So war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch eine Vorstellung vorhanden, die heute nur noch in der Sprache fortlebt, in dem Sprachgenius. Die könnte man etwa in der folgenden Weise charakterisieren: Es gibt, wenn man so überschaut das Menschengeschlecht, die alierverschiedensten Krankheiten. Diese verschiedenen Krankheiten könnte man nun, wenn man ins Abstrakte geht, aufschreiben. Man könnte dann, wenn man sie in der Ebene aufschreibt, eine Art Landkarte herstellen: in der einen Ecke die verwandten Krankheiten, in der andern Ecke die todbringenden, konnte das hübsch anordnen; dann hätte man eine solche Landkarte der Krankheiten, würde namentlich darauf sehen können, wo ein Kind, das in irgendeiner Weise organisiert ist, hingehört. Und man könnte sich denken, wie dasjenige, was als Krankheitsneigung auftritt, in schematischer Weise auf Wachspapierblättern gezeichnet würde, und man den Namen eines Kindes dorthin schreibt, wo er hingehört. Nun denken Sie sich, man hätte so eine Vorstellung, man täte das.
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte noch die Vorstellung, daß man dort, wo man die Krankheiten hinschreiben müßte, immer Tiernamen hinschreiben könnte. Sie hatte noch die Meinung, das Tierreich schreibt in die Natur hinein alle möglichen Krankheiten. Jedes Tier, richtig angesehen, bedeutet eine Krankheit. Für das Tier ist die Krankheit sozusagen gesund. Kommt dieses Tier in den Menschen hinein, statt seine eigene Organisation, artet der Mensch rlach der Organisation des Tieres hin, so ist er krank. Solche Vorstellungen haben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht bloß die abergläubigen Menschen gehabt, sondern das war sogar die Vorstellung Hegels, und es war eine durchaus tragfähige Vorstellung. Bedenken Sie doch nur, wie hell Sie werden können über die Wesenheit irgendeines Menschen, wenn Sie sagen können, er artet nach dem Löwen, nach dem Adler, nach dem Rinde hin, oder auch er artet nach einem Hinausreißen des Menschen in das zu stark Geistige hin. Oder wenn Sie weitergehen, sich klar werden
183 darüber, daß Sie, wenn, sagen wir, der Ätherleib zu weichlich wird, eine straffe Affinität des Ätherleibes zur physischen Substanz haben, und Sie dann die Organisation, die sonst nur im niederen Tierreich sein kann, angedeutet im Menschen finden. Das sind grundlegende Vorstellungen, die Sie sich aneignen müssen. Und was Sie wiederum als Erzieher zur Selbsterziehung leisten müssen, liegt etwa in dem Folgenden. Sie können ja von ganz bestimmten Meditationen ausgehen. Eine ganz besonders starke Erziehermeditation ist eben diejenige, die ich Ihnen hier angegeben habe. Aber Sie werden dasjenige, was Sie so mit einer gewissen Orientierung in sich als Meditation üben, in seiner Fruchtbarkeit dadurch sehen, daß Sie wie in absentia corporis in Ihrem Fühlen, in Abwesenheit des Körpers, wie in einem astralen Wellenbade weitergetrieben werden, hineingetrieben werden in eine Welt, die sich eben leise wellend vor Sie hinstellt und Ihnen die Möglichkeit gibt, Dinge um sich herum zu sehen, die Ihnen dann Antwort geben auf Ihre Fragen. Sie müssen nur, um überhaupt zu solchen Möglichkeiten vorzudringen, tatsächlich nicht bloß theoretisch an demjenigen festhalten, was zum Beispiel als Vorbedingungen für eine meditative Entwickelung in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gerade gegeben ist.
Nicht wahr, da ist nun einmal dasjenige als ein Hindernis angegeben für eine solche Entwickelung, was menschliche Egoität in dem Sinne ist, daß der Mensch zu sehr sein Urteil auf das eigene Ich konzentriert. Denn bedenken Sie nur, was die Konzentration auf das eigene Ich eigentlich bedeutet. Wir haben unseren physischen Leib, der stammt von Saturnzeiten her, ist kunstvoll ausgebildet in vier majestätisch wirkenden Etappen. Wir haben den ätherischen Leib, der ist dreimal kunstvoll umgebildet, wir haben den astralischen Leib, der ist zweimal umgebildet. Die alle fallen nicht in den Bereich des Erdenbewußtseins, nur das Ich fällt in den Bereich des Erdenbewußtseins. Aber eigentlich ist das nur ein Schein des Ich, denn das wahre Ich kann man nur sehen durch den Rückblick in eine frühere Inkarnation. Das gegenwärtige ist erst das werdende und wird erst eine Realität in der folgenden Inkarnation. Das Ich ist erst das Baby. Und wer die Dinge durchschaut, hat, wenn jemand so richtig schwimmt in seinem Egoismus, die Imagination
184 einer wollüstigen Kinderfrau, die Wollust empfindet in ihrem Herzen gegenüber dem kleinen Kinde; aber da ist die Wollust etwas Berechtigtes, denn da ist das Kind ein anderes. Aber nun hat man dem Egoismus gegenüber dieses Bild vor sich, daß der Mensch das Baby, dieses Kind recht zärtlich herzt. Und heute gehen die Menschen so herum - wenn man sie astraliter malen würde, müßte man sie so malen, daß sie in einem Arm ihr Kind herumtragen. - Die Ägypter konnten noch den bekannten Skarabäus formen, wo das eigene Ich wenigstens von der Kopforganisation getragen wurde. Der heutige Mensch trägt sein eigenes Ich auf dem Arm und herzt es zärtlich. Dieses Bild zu vergleichen mit dem, was man als tägliche Handlung tut, ist wiederum eine außerordentlich nützliche Meditation für den Erzieher. Und dann wird man in das hineingeführt, was ich bezeichnet habe als das: in einem Geisteswellenbade schwimmen. - Fragen beantwortet bekommen aus diesen Anschauungen heraus, dazu gehört natürlich die innere Ruhe, die man sich für solche Augenblicke zu bewahren zu suchen hat. Und man erkennt sogleich, ob jemand veranlagt ist, nach dieser Richtung hin irgendeine Entwickelung zu erfahren. Das erkennt man daran, ob er über Abhaltungen klagt oder nicht. Wer eine Entwickelung durchmacht, klagt nie darüber, daß er abgehalten werden könnte. Denn man wird in Wirklichkeit nicht von dem oder jenem abgehalten. Es wäre denkbar, daß jemand die wirksamste Meditation macht vor einer entscheidenden Handlung, die unmittelbar darauf folgt, oder wiederum nach einer entscheidenden Handlung, mit vollständigem Vergessen dessen, was er in der Handlung erlebt hat. Denn darauf kommt es an, daß man es in seiner Macht hat, sich herauszureißen aus der einen Welt und sich hineinzufinden in die andere Welt. Und das ist überhaupt der Anfang alles Aufrufens innerer Kräfte.
Sehen Sie, beobachten Sie einmal, welcher Unterschied es ist, wenn Sie an das Kind mehr oder weniger gleichgültig herantreten, oder wenn Sie an das Kind herantreten mit wirklicher Liebe, Es ist sofort, wenn man mit wirklicher Liebe an das Kind herangetreten ist, wenn der Glaube aufhört, daß man mit technischen Kunstgriffen mehr machen könne als mit wirklicher Liebe, sofort die Wirksamkeit der Erziehung, besonders bei abnormen Kindern, da.
185 Und so ist es schon einmal, daß eigentlich aus jeder Grundlegung für ein spezielles Tun innerhalb der anthroposophischen Bewegung gesehen werden müßte das Herausblühen einer bestimmten Gesinnung. Die Dinge, die angegeben werden, sollten eigentlich nur wie die Wurzeln angesehen werden, aus denen die Gesinnungspflanze aufsprießt. Und da ist es wirklich notwendig, daß vor allen Dingen empfunden werde das Substantiell-Anthroposophische als eine Realität. Und Sie werden nichts erreichen, das kann im voraus gesagt werden, wenn Sie dasjenige, was Sie hier aufgenommen haben, nur wie etwas hinnehmen, was Sie eben erfahren haben und was nicht gesinnungsbildend gewesen ist. Das war schon einmal die, ich möchte sagen, damals selbstverständliche, aber immer noch selbstverständlicher werdende Voraussetzung, die dem zugrunde liegt, was nun als Anthroposophische Gesellschaft seit der Weihnachtstagung existieren soll. Da muß als ganz real angesehen werden, was vom Goetheanum in seinen Einrichtungen ausgeht, und so kann es in der Zukunft gar nicht anders sein, als daß durch die verschiedenen Sektionen dasjenige geht, was in der Zukunft anthroposophisch wirken soll. Denn es muß eben nach alldem, was Sie verspüren aus solchen Auseinandersetzungen, ein Organismus werden diese Anthroposophische Gesellschaft, in dem wie Lebensblut die Verantwortlichkeiten wirken. Und die Dinge wirken schon zusammen in der richtigen Weise, wenn sie richtig empfunden werden. Wie für gewisse Organisationsfunktionen im menschlichen Organismus Herz und Nieren zusammenwirken müssen, damit ein Einheitliches entstehe, so müssen zusammenwirken für dasjenige, was Sie gerade anstreben, müssen zusammenwirken die Sektionen, die in sich gerade diejenige Substanz pflegen, für die sie im besonderen verantwortlich sind. Aber derjenige, der dann etwas unternimmt in der Welt, der muß zusammenwirken lassen in seinem Tun dasjenige, was dann von den Sektionen ausgeht, und man muß real nehmen das anthroposophische Wirken.
Denken Sie also, Sie haben die Intention, für minderwertige Kinder zu wirken. Da haben Sie zuerst zu beachten, was in der anthroposophischen Bewegung lebt als pädagogische Strömung. Die pädagogische Strömung muß Ihnen etwas sein, was so, wie sie da ist, einfließen muß in Ihre eigene Tätigkeit. Es muß Ihnen klar sein, daß Sie in dem, was
186 die eigentliche pädagogische Strömung in sich enthält, dasjenige vor sich haben, was den typischen Menschen heilt, so daß er sich in die Welt hineinstellen kann. Sie müssen dann sich klar sein darüber, daß die medizinische Sektion Ihnen dasjenige allein geben kann, was nun die Pädagogik vertiefen kann nach der Abnormität des Menschen hin. Und wenn Sie da in der richtigen Weise sich hineinvertiefen, so werden Sie selbst bald finden, daß das nicht in der Weise gegeben werden kann, daß man hört: das ist für das gut, das ist für das gut -, sondern nur dadurch, daß ein fortwährender lebendiger Zusammenhang entsteht. Dieses Auseinanderreißen des lebendigen Zusammenhanges ist etwas, was nicht da sein sollte. Da darf nicht beginnen ein gewisser Egoismus im Spezialwirken, sondern nur die Sehnsucht, sich hineinzustellen in das Ganze. Indem die Heileurythmie herantritt an die Heilpädagogik, tritt wiederum die ganze Eurythmie heran an die Heilpädagogik. Daraus sollten Sie wiederum sehen, daß auch nach dieser Richtung hin ein lebendiger Zusammenhang gesucht werden muß, was sich auch darin äußern sollte, daß bis zu einem gewissen Grade derjenige, der Heileurythmie treibt, die Grundlagen der Eurythmie haben sollte. Die Heileurythmie sollte aus einer, wenn auch nicht bis zur künstlerischen Vollendung gebrachten, doch allgemeinen Kenntnis der Laut- und Toneurythmie herauswachsen. Dann aber vor allen Dingen muß ja das den Menschen durchdringen, daß er sich an den Menschen anschließen muß, und so kann nicht anders als da, wo Heileurythmie ausgeübt wird, die Anlehnung an den Arzt gesucht werden. Und es ist eine Bedingung gestellt worden, als die Heileurythmie gegeben worden ist, daß sie nicht ausgeübt werde ohne den Zusammenhang mit dem Arzt. Das alles weist schon darauf hin, wie verschlungen, lebendig verschlungen die Dinge werden müssen, die in der Anthroposophie sich ausleben.
Aber dazu kommt noch das: es wird in der Zukunft die Entscheidung an die Anthroposophische Gesellschaft herantreten, die in ganz intensiver Weise dahin geht: Sind die Verantwortlichkeiten aufrechtzuerhalten, oder sind sie nicht aufrechtzuerhalten? - Sie brauchen es nicht zu glauben, könnten es aber aus allem, was geschieht, sehen: dazumal, als die Weihnachtstagung ins Werk gesetzt werden sollte, sind diese Verantwortlichkeiten scharf ins Auge gefaßt worden mit einer
187 manche vielleicht grausam berührenden Ausschließlichkeit in bezug auf die Qualität der menschlichen Persönlichkeiten, die eben da sind. Indem aus solchen Unterlagen heraus der Vorstand am Goetheanum gebildet worden ist, ist es nicht anders möglich, als daß dieser Vorstand angesehen werde innerhalb dessen, was in der Anthroposophischen Gesellschaft geschieht, als die volle autoritative Stelle. Für die einzelnen Dinge, die in Betracht kommen, muß einfach dieser Vorstand als die volle autoritative Stelle angesehen werden. Wird das in Zukunft verstanden werden oder nicht, innerhalb der anthroposophischen Bewegung?
Und das ist dasjenige, was insbesondere bei einer solchen Gründung, wie die Ihrige, ich möchte sagen, als eine Art von Grundsteinlegung gesagt werden muß. Wenn nicht dasjenige, was Kritik ist an irgendeiner Stelle im menschlichen Zusammenhang aufhört — denn Kritik bezieht sich ja niemals auf den Inhalt des Gelehrten, sondern auf den Inhalt dessen, was gewirkt wird -, wenn diese Kritik nicht aufhört, wenn nicht tatsächlich namentlich in bezug auf die Dinge, wo Okkultes hineinwirkt, ein Prinzip des Autoritativen - nicht im Lehren, sondern im Wirken - tatsächlich da sein wird, dann wird unmöglich das aus der anthroposophischen Bewegung heraus werden können, was aus ihr unbedingt werden muß, wenn sie bleiben soll. Das verhohlene SichAufstemmen gegen diejenigen, welche die Verantwortlichkeiten haben, das ist dasjenige, was in der Zukunft nicht bleiben kann; und da wird dann schon die Mitgliedschaft zur Schule das nötige Korrektiv schaffen müssen, indem, wenn nicht das nötige Verständnis auftritt, die Mitgliedschaft zur Schule aufhören muß. Man könnte sagen: vor der Weihnachtstagung war es so, daß, weil ja ein Vorstand mit der Absicht, esoterisch zu wirken, nicht da war, daß das Denken und Fühlen mir überlassen worden ist. Und in ausgiebigstem Maße hat in Anspruch genommen jeder aus der Gesellschaft heraus, wie es ihm genehm war, das Wollen. Das ist das Urphänomen bis zur Weihnachtstagung gewesen. Wenn es sich handelte darum, sich an das Denken oder auch an das Fühlen zu wenden in anthroposophischen Sachen, dann kam man zu mir ungefähr so, wie man zum Schuster kommt, wenn man sich von ihm Stiefel machen läßt. Das ist um so intensiver gewesen, als man es
188 ja nicht gemerkt hat, sondern das Gegenteil davon glaubte. Aber kuriert werden kann das Ganze nur, wenn tatsächlich das Bewußtsein eintritt, daß auch ein gesellschaftliches Wollen ausgehend von dem Vorstand am Goetheanum vorhanden ist. Und man wird sich schon verständnisvoll, wahrhaftig nicht unter Zwang, in dieses finden können.
Aber die Denkweise ist eine ganz merkwürdige. Sie haftet so sehr an Worten. Grotesk trat mir das gestern entgegen, wie allüberall an Worten gehaftet wird, aus Worten dann aufgebauscht und an Worten erhitzt die Sehnsüchte zu Handlungen entstehen. So soll ich in Breslau gesagt haben von dem Vorstand der Freien Anthroposophischen Gesellschaft, die andern seien nun heraus und es sei der Rumpfvorstand zurückgeblieben. Daraus wurde sofort geurteilt: das ist ein Rumpfvorstand, jetzt muß er einen Kopf bekommen. - Nun, sehen Sie, die Tatsache, die hier zugrunde liegt, ist doch diese, man klammert sich an ein Wort: Weil hier einmal der Kopf Rumpf genannt worden ist aus dem Sprachgebrauch heraus, klammert man sich an dieses Wort, während man die Tatsache gar nicht sieht, daß sich zunächst der Vorstand am Goetheanum ja vollständig im Einklang mit diesem sogenannten Rumpfvorstand befindet. Sonst hätte er dazu mau oder sonst etwas gesagt. Da er aber nicht mau gesagt hat, ist die Tatsache da, daß er vorläufig einverstanden ist. Und so handelt es sich darum, daß nach den Tatsachen geurteilt wird.
Das ist von einer ganz eminenten Wichtigkeit, wenn man mit der anthroposophischen Bewegung zurecht kommen soll. Deshalb ist es notwendig, daß Sie Ihre Begründung in Lauenstein, die ja die größten Hoffnungen machen kann, so auffassen, daß sie in vollem Einklänge mit der ganzen anthroposophischen Bewegung wirktrdaß Sie auf der einen Seite von dem Bewußtsein durchdrungen sind, daß die anthroposophische Bewegung dasjenige, zu dem sie auf eine solche Weise ihr «ja» sagt, auch hegen und pflegen wird, aber nur so hegen und pflegen kann, wie es ihren Einrichtungen heute nach der Weihnachtstagung gemäß ist. Aber auf der andern Seite muß auch das vorliegen, daß ein solches Glied dann auch wiederum dasjenige, was es tut, zur Erhöhung der Kraft der anthroposophischen Bewegung tut.
Das möchte ich Ihnen, meine lieben Freunde, allen ans Herz legen,
189 und betrachten Sie ein solches aus dem Herzen kommende Wort als das, was ich Ihnen mitgeben möchte als den Impuls, der schon weiter wirken wird.
Denken Sie in einer geistigen Bewegung daran, diese geistige Bewegung für das praktische Leben fruchtbar zu machen, dann muß man diese geistige Bewegung als eine lebendige ansehen. Das zur Kraft, zur Steuer und zum guten Wirken Ihres Willens, meine lieben Freunde!




Zur Übersicht

ablage/offen/rudolf_steiner/medizin/007_ga_317_heilpaedagogischer_kurs/012_zwoelfter_vortrag.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:17

Impressum Datenschutzerklärung