ACHTER VORTRAG, Dornach, 3. Juli 1924
Vorstellung von kranken Kindern. Hydrozephalus: Anamnese, Beibehalten der Embryonalorganisation; mütterliche und väterliche Erbeinflüsse. Das Überwuchern der kindlichen Lebenszustände in spätere Daseinsperioden. - Fall eines kleptomanen Jungen. - Vorstellung eines sulfurigen Kindes: Anamnese; Verhältnis Mutter und Kind, Bedeutung einer Masernerkrankung mit dreieinhalb Jahren; notwendige Beobachtung des Traumlebens.
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| 118 | Meine lieben Freunde! Ich werde zunächst nur die Zeichnungen von diesem Jungen zeigen. Er macht sehr schöne Sachen; er hat Sinn, die Details der Dinge so stark aufzufassen; gerade hier sehen Sie, wie er sich alles genau anschaut. Da ist ein Blatt, woran Sie sehen, wie er einteilt; er hat wohl gerade eine Neigung, diejenigen Dinge zu machen, die er in der Schule lernt. Er macht das in der Schule drüben, wo das so eingeteilt ist, daß jeder seine eigenen Sachen macht. - Bei uns wird ökonomisch vorgegangen. Es werden alle zwei Seiten benutzt. Zu dem Jungen gewandt: Du wirst gestatten, daß ich dich auf die Tafel zeichne. So, das habe ich von dir gebraucht. Von dem Jungen wird später gesprochen. Es wird ein neues Kind hereingebracht. Wir werden das so machen, daß wir das Kind hierher bringen. - Nun sehen Sie sich die ungeheure Vergrößerung eines kindlichen Kopfes als Hydrozephalus einmal an. Wir werden das nachher besprechen. Er hat jetzt einen Umfang von 64 Zentimeter, als wir ihn bekommen haben, hatte er 44 Zentimeter. Am 25. Februar hatte er 54 Va Zentimeter, bis zum 7. April war er auf 56 Zentimeter gewachsen, vom 7. auf den 11. April ist er wieder gewachsen, am 19. April hatte er 58 Zentimeter, am 28. Mai hatte er 61 Zentimeter, am 1. Juli hatte er 64 Zentimeter. Das Kind hat im übrigen den Körper nicht unnormal entwickelt, es ist durchaus so, wie ein anderes Kind. Es greift die Dinge an, hat sehr guten Appetit und ist eigentlich - mit Ausnahme einer Krisis - absolut munter. Sie sehen die ungeheure Größe, wenn Sie sich die öhrchen anschauen, die er natürlich in der entsprechenden Größe hat, so daß Sie sehen, wo die Vergrößerung des Kopfes einsetzt. Sie setzt hier an und geht hier weiter. Das Gesicht nimmt daran nicht teil, es ist etwas aufgetrieben, es nimmt nicht teil. Das Kind ist durchaus so, daß Sie, wenn Sie es jetzt ansehen, wohl vielleicht empfinden können, |
| 119 | daß es mit den Augen wahrnimmt; es ist aber eben nur ein ganz allgemeiner Lichteindruck, kein präziser Lichteindruck. Nun liegt das Tragische vor, daß ich, bevor ich hinaufgekommen bin, ein Telegramm bekommen habe, daß sein Vater an Herzkrampf gestorben ist. Wenn Sie sich das ganze Kind anschauen und vergleichen es mit einer Embryonalbildung, dann werden Sie gar nichts anderes haben als ein Riesenembryo, so daß Sie unmittelbar daran sehen: das Kind ist im Embryonalstadium geblieben und hat die Wachstumsgesetze des Embryonalstadiums beibehalten und setzt sie im Postembryonalzustand fort. Daß wir bis jetzt noch keine Verkleinerung haben erreichen können, das ist darauf zurückzuführen, daß die Dinge außerordentlich stark von innen her sind. Ich hoffe noch durchaus, daß wir in der Lage sein werden, wenn ein bestimmter Punkt überschritten ist, die Harmonisierung des Kopfes bis zu einem bestimmten Grad durchzuführen. - Er ist sonst ein fideler Junge. Es ist so mit den Menschenrätseln: die Dinge, die in solchen Abnormitäten auftreten, sind tief hineinleuchtend ins Leben, nicht nur des Menschen, sondern der ganzen Welt. Es wird nun aus der Krankengeschichte vorgelesen. Das Kind ist mit sechs Monaten bei uns angekommen, das Kind ist geboren im August des vorigen Jahres und hat dazumal von mir seinen Namen bekommen, gerade zur Zeit, als ich in England abwesend war. Das Kind wurde normal geboren. Die Mutter war während der Schwangerschaft immer gesund - die Dinge bitte ich Sie so zu betrachten, daß sie nachher ihre Interpretation finden müssen -, fühlte sich besonders wohl, auf diese Bemerkung bitte ich Sie, besonders Wert zu legen, sie schrieb in dieser Zeit sehr viel Schreibmaschine. Das Kind zeigte bei der Geburt nichts Absonderliches. Also halten Sie fest, daß das Kind bei der Geburt, unmittelbar nachdem es aus dem Embryonalzustand entlassen war, nichts Sonderliches zeigte, weil der Embryonalzustand dauernd normal war. Es fing an abnormal zu werden, nachdem es durch die Lunge atmete. Die Nabelschnur war um den Hals gewickelt, im Fruchtwasser war Kindspech. Das Kind wog fünfeinviertel |
| 120 | Pfund, vierzehn Tage nach der Geburt hatte es einmal Krämpfe, bitte, das zu beachten. Also es begann sich deutlich die Unmöglichkeit zu zeigen, daß die Ich-Organisation und der astralische Leib in den physischen und Ätherleib hineinfahren. Es schlug mit den Armen um sich und wurde blau. Das Blausein bedeutet immer das Nicht-Untertauchenkönnen in den physischen Leib. Es ist dann, wenn es sehr stark ausgebildet ist, in besonderer Eigenart vorhanden. Es braucht nichts anderes zu sein, als daß der astralische Leib bei der Geburt stark konfiguriert ist. Er kann bei der Geburt stark konfiguriert sein, wie es bei Goethe der Fall war, der ganz blau geboren worden ist, der erst später dazu gebracht worden ist, daß er den astralischen Leib und die Ich-Organisation aufnahm. Der Krampf trat später auf. Dann fand im ersten halben Jahr eine ganz normale Entwickelung statt. Natürlich, es war nicht ganz normal, es wurde das spätere Mißverhältnis zwischen Kopf und Gliedmaßen nicht bemerkt. Es wurde mit Muttermilch ernährt. Der Kopf war bei der Geburt auffallend klein, was bezeugt, daß die Dinge nicht so sehr gesucht werden dürfen in einer Schwäche der Nerven-Sinnesorganisation. Vom September ab begann langsam eine Zunahme des Kopfumfanges. Natürlich begann sie schon früher, die Mutter hielt es nicht für abnorm; damals, als es beträchtlich sein mußte, hielt die Mutter es noch nicht für abnorm, bis das Kind einmal in einer Woche 380 Gramm Körpergewicht zunahm. Mitte Dezember war der Kopfumfang 49 Zentimeter. Das Kind war still und weinte nicht viel; es war apathisch. Die Fontanellen waren sehr gespannt. Der Appetit war gut. An der Kopfhaut bildeten sich Eiterbläschen. Appetit und Stuhlgang waren gut. Jetzt wurde das Kind zu uns gebracht. Nun handelte es sich darum, über einen solchen Fall aus dem Vorliegenden, wo natürlich das Allerwichtigste die unmittelbare Anschauung, auch die Anschauung des Geistigen ist, eben eine Anschauung des Geistigen zu gewinnen. Nun ergibt sich bei diesem Kinde, daß es einen astralischen Leib an sich trägt - die Mutter war dazumal auch da -, der ganz deutlich mit einer ungeheuren Klarheit die Züge des astralischen Leibes der Mutter trägt. So auffällig, wie das da ist, ist das etwas sehr Seltenes. Man kann nicht sagen, daß die Ich-Organisation auch diese Züge trägt, das ist nicht der Fall. Das Ich ist einfach noch verkümmert, |
| 121 | es weist Sie hin auf eine Ich-Organisation, die sonst Kinder haben im sechsten, siebenten Monat der Schwangerschaft; da ist er stehengeblieben. Die letzten Monate der Schwangerschaft scheint die Ich-Organisation nicht mitgemacht zu haben wegen des außerordentlich stark entwickelten astralischen Leibes. Nun behielt das Kind nach der Geburt alle die Kräfte in sich durch diesen astralischen Leib, die es während der Embryonalzeit gehabt hat. Nun müssen Sie nur denken, daß namentlich in den ersten Monaten der postembryonalen Entwickelung die Orientierung der Embryonalzeit im wesentlichen fortdauert, daß man in der Tat in den ersten Monaten beim Kinde auch außerhalb des Mutterleibes noch eine starke Ähnlichkeit dieser Entwickelung mit der Entwickelung im Embryonalzustand hat. Das kommt davon her, daß ja die radikale Umänderung, die das Leibeswesen des Kindes erfährt, im Atmungssystem zunächst liegt. Das Kind kommt mit der äußeren Luft in Verbindung, aber diese Verbindung mit der äußeren Luft, die muß sich erst langsam einleben und ergreift erst nach einiger Zeit den ganzen Organismus. Wir wissen, sie beeinflußt ihn ja schon von Anfang an, ergreift aber doch erst nach und nach den ganzen Organismus. Es ist dadurch in der ersten Zeit wegen des Fortwirkens der Embryonalkräfte immer noch nicht zu bemerken, was dann später für Verheerungen im menschlichen Organismus eintreten, wenn der Infantilismus so weit geht, wie wir es hier mit einem radikalen Fall von Infantilismus zu tun haben, wo er eben so weit geht, daß die Embryonalorganisation beibehalten ist. Nun wissen Sie ja, sie ist dadurch charakterisiert, daß wir es zu tun haben mit einer mächtigen Kopf Organisation und mit einem kleinen Körper. Diese mächtige Kopforganisation, die ist durchaus das Ergebnis des Zusammenwirkens kosmischer Kräfte. Dasjenige, was zunächst im Embryonalzustand mit der Kopforganisation vor sich geht, ist in seinem ganzen Umfang fast ein Werk kosmischer Kräfte. Der mütterliche Uterus gibt die Stätte ab, wo gegen die irdischen Kräfte geschützt ist dasjenige, was geschieht. Sie müssen sich den mütterlichen Uterus als ein Organ vorstellen, welches den Raum abschließt, der die Wirkung der irdischen Einflüsse nicht einläßt, so daß der Raum ausgespart wird für kosmische Wirkungen. Wir haben einen Raum, der unmittelbar |
| 122 | mit dem Kosmos in Verbindung steht, in dem sich kosmische Wirkungen abspielen. Nun, da geht die Entwickelung der Kopforganisation vor sich. Wenn die menschlichen Kräfte des Mutterleibes, insofern die menschlichen Kräfte des Mutterleibes das Kind in Empfang nehmen, auf es wirken, dann beginnt die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation in diese Kräfte sich orientieren zu lassen, so daß Sie sehen: bei dem Kinde sind einfach für den postembryonalen Zustand die kosmischen Kräfte geblieben. Sie behalten die Überhand über dasjenige, was an Stärke hätte mitgegeben werden sollen, an Kräften, die sonst das Kind bekommt für die irdische Entwickelung, für die Entwickelung des Gliedmaßen-Stoffwechselsystems. Nun, die Folge davon ist ganz klar. Würde das Kind länger im Mutterleibe sein - das ist eine absurde Hypothese -, würde es länger da sein als zehn Monate, so würde der Kopf fortwährend wachsen und die Gliedmaßen würden nicht zur Entwickelung kommen können. Da ist nur Gelegenheit gegeben, Außerirdisches, Kosmisches wachsen zu lassen. Nun mußte man sich fragen: Woher ist das alles gekommen? - Und da muß ich schon sagen, es ist ganz merkwürdig, eigentlich erschütternd, daß in dem Momente, wo jetzt gesprochen werden soll über diese ganze Erscheinung, das Telegramm eintrifft, daß der Vater an Herzkrampf verschieden ist. Man kam auf folgendes, was dann durch Anamnese sichergestellt worden ist, man kam darauf, daß zum Beispiel die Mutter gefragt werden mußte: Ja, haben Sie nichts besonderes Seelisches während der Schwangerschaft gehabt? - Und ich drückte das so aus, daß ich sagte: Ist Ihnen nicht leid gewesen, daß das Kind nicht in Ihnen geblieben ist, sondern zur Welt gekommen ist? - Die Mutter bejahte das. Die Mutter hatte ihre ganze Verbindung auf jene Gemeinschaft gegründet, es war in ihrem Gefühlsleben, es läßt sich so ausdrücken, daß es ihr leid war, daß sie es nicht hat bei sich im Mutterleib behalten können, daß ihr das Kind durch die Geburt entrissen worden ist. Dieses Gefühl, das deutet auf der einen Seite auf einen ganz außerordentlich starken Zusammenhang im karmischen Sinne, und aber auf der andern Seite darauf, daß geradezu damit die Bedingungen gegeben waren, daß im Kinde blieben jene Kräfte, die während der Embryonalzeit wirksam sind. Sie sehen, hier beginnt das abnorme Seelenleben bei |
| 123 | der Mutter, und - natürlich mit einem tiefen karmischen Zusammenhang - überträgt es sich auf das Kind. Nun, die Lebensverhältnisse sind sehr kompliziert, meine lieben Freunde, so daß es schwer ist, immer alles zu überschauen, aber in einem solchen Falle schauen manchmal die Tatsachen die Dinge zusammen. Sehen Sie, noch nicht ein Jahr ist vergangen, seit das Kind geboren worden ist und der Vater stirbt an Herzkrampf. Solche Zustände sind ja immer zusammenhängend, sie sind ja so, daß sie sich nicht von heute auf morgen ereignen. Es lag bei dem Vater eine Herzerkrankung seit längerer Zeit vor. Sie brauchen nur daran zu denken, wie stark Herzerkrankungen mit der Beeinflussung der menschlichen Gliedmaßen zusammenhängen, und nur daran zu denken, wie die Organisation der Beine sofort schwach wird unter dem Einflüsse gewisser Herzerkrankungen, wie dasjenige, was bei den Gliedmaßen das Wichtigste ist, die Gelenkgewebe und Gelenksäfte, unter dem Einfluß einer Herzerkrankung leiden. Nun dürfen wir nicht vergessen, daß in den Vererbungsverhältnissen das begründet ist, daß gerade die Gliedmaßenorganisation vom Vater am stärksten, während die Kopforganisation von der Mutter am stärksten beeinflußt wird. Nun denken Sie sich die Konzeption so, daß unter Umständen ein Unvermögen, die Kräfte der väterlichen Organisation in die Gliedmaßen hineinzubringen, schon ins Kind übergeht, daher die Kopfesorganisation von der Mutter ins Ungeheure getrieben wird. Jetzt haben Sie die Rückerklärung, warum die Mutter das Kind im Mutterleibe liebt, weil das Kind wenig väterliche Erbkräfte mitbekommen hat, weil die Mutter die Hauptsache dazu geben konnte. Nun sehen Sie, damit haben wir einen Fall vor uns hingestellt. Sie müssen nur wissen, daß gerade ein solcher Fall das Urphänomen für eine ganze Reihe von Kindern mit Abnormitäten liefert. Dasjenige, was Sie an diesem Kinde gesehen haben, das ist nur der radikalste Fall von Infantilismus, der bis in den Embryonalzustand zurückgeht. Dasselbe haben Sie in allen möglichen Formen während der kindlichen Entwickelung. Wie hier der Embryonalzustand überwuchert alles dasjenige, was später hinzukommt, so kann nach dem Zahnwechsel die erste Lebensepoche beim Kinde überwuchern. Wie das Nicht-Hineingewachsensein |
| 124 | in den Postembryonalzustand vorkommt, kann es auch vorkommen, daß das Kind nicht in die dritte Lebensepoche hineinwächst; die Kinder werden äußerlich geschlechtsreif, wachsen aber nicht mit ihrer ganzen menschlichen Konstitution in diese Lebensepoche zwischen Geschlechtsreife und Anfang der Zwanzigerjahre hinein, behalten die Orientierung der Kräfte, die zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre wirken. Wir haben es zu tun mit einer ganzen Reihe von Infantilismen. Das ist nun der radikalste Fall, und es ist vom medizinisch-pädagogischen Standpunkt aus günstig, daß Sie sehen konnten an diesem radikalen Fall, was Sie in entsprechenden Abschwächungen haben können bei zahlreichen minderwertigen Kindern. Damit wir heute zurechtkommen und das Therapeutische und Pathologische morgen anführen, möchte ich heute die einzelnen Fälle vornehmen und sie morgen pädagogisch zu Ende besprechen. Dr. Steiner bespricht jetzt das anfangs der Stunde kurz gezeigte Kind: Sie haben vorher den Jungen gesehen, der eigentlich bei den Menschen die Vorstellung hervorruft: Warum zeigen wir ihn eigentlich? - Denn das ist so; und Sie werden kaum, wenn Sie ihn oberflächlich kennenlernen, ihn anders kennenlernen, als einen freundlich entgegenkommenden, gutmütigen Jungen, der so malen lernt, wie die andern Kinder eben malen lernen, der die gutmütigsten, schönsten Antworten gibt, mit dem Sie sich stundenlang unterhalten können. Ist es nicht so? Die ihn behandeln, werden es wissen. Sie können nichts Abnormes am Kinde bemerken und würden vielleicht sagen: diese Anthroposophen sind doch merkwürdige Leute, die geben ihre Kinder, die als Muster hingestellt werden können für andere Kinder, in ein klinisch-therapeutisches Institut zur Behandlung. Der Junge ist nun in unglaublicher Weise kleptoman. Fast wie ausgeschaltet vom übrigen Seelenleben ist die einseitige Art der Kleptomanie. Dabei hat dieser Junge gerade die Eigentümlichkeit, daß das Bewußtsein, das, ich möchte sagen, strahlen soll auf alle Lebenserscheinungen, die im Menschen zutage treten, geradezu ausgeschaltet ist für seine kleptomanischen Handlungen. Man hat deutlich das Gefühl: der |
| 125 | weiß nicht viel über dasjenige, was er da tut, trotzdem er es - und das bitte ich Sie zu berücksichtigen - in der allerraffiniertesten Weise ausführt. Er mußte überführt werden, als er in Bern die Schule besuchte, und an einem andern Ort die Schule besuchte, da mußte man sehr viel tun, um ihn überführen zu können. Er stellt die Dinge ungemein schlau an, und er ist nicht egoistisch dabei. Er ist imstande, die Dinge, die er sich auf die raffinierteste Weise erstiehlt, einfach an Freunde zu verschenken oder mit ihnen zu verprassen, nur um ihnen eine Freude zu machen; dazu ist er imstande. Dabei entwickelt sich selbstverständlich eine besondere Form des nicht ganz bewußten Lügens; denn da er nicht genau weiß - das Bewußtsein überstrahlt die einzelnen Erscheinungen nicht -, was da vorgeht, erzählt er die unglaublichsten Märchen, wie er zu einer Sache gekommen ist, die er einfach gestohlen hat. Da zeigt er auch in einer recht schlauen Weise, wie er die Dinge gefunden hat, wie sie da waren an diesen Orten, eine ganz lange Geschichte erzählt er, wie er zu einer Sache gekommen ist. Die Dinge geschehen wirklich koboldartig. Wenn ich richtig verstanden habe, wie mir Frau Dr. Wegman erzählt hat, so konnte man eine Zeitlang meinen, daß er ein ganz ordentlicher Junge geworden wäre, bis man eines Tages merkte - man wußte nicht, daß er etwas an sich genommen hatte -, daß aus dieser Tasche etwas verschwunden war, aus einer andern Tasche etwas verschwunden war, so daß auf eine merkwürdige Weise die Leute die Erfahrung machten: sie haben eines Tages ihre Sachen nicht mehr. Diese zwei Tatsachen hatte man nebeneinander stehen. Man hatte auf der einen Seite die merkwürdige Geschichte der Dematerialisation von Dingen im Klinisch-Therapeutischen Institut, dann wußte man von früher: der Junge ist von allen Schulen herausgeworfen worden; das wußte man von früher. Die Dinge waren bloß verschwunden. Das waren zwei Tatsachen, die nebeneinander standen. Es ist schon eine unangenehme Geschichte, wenn man plötzlich in die Nötigung versetzt wäre, zu denken, es könnte bei Erwachsenen auch da sein; ein solches Institut hat in sich gegenwärtig zweiundfünfzig Leute und, nicht wahr, es können diese und andere Leute da sein, man weiß gar nichts. Man weiß nur, daß da hier ein Spiritist die Gelegenheit hat, zu erklären in reichlichstem Maß, daß sich Dinge dematerialisieren. |
| 126 | Man kann eine ganze Theorie aufbauen über die Dematerialisation der Gegenstände. Wir haben den Jungen jetzt hier, an dem Sie bitte beachten sollen, wie stark zusammengedrückt hier (an den Schläfen) die Kopf Organisation ist und hier (nach rückwärts) auseinandergeht. Und der geistige Befund ist der, daß außerordentlich stark entwickelt sind die Organpartien des astralischen Leibes, insbesondere hier links auf dieser Seite, sonst werden Sie äußerlich nicht viel an ihm bemerken. Jetzt werden Sie so gut sein und das andere Kind noch vorführen. Die Behandlungsweise werden wir morgen besprechen. Es wird das nächste Kind, ein Mädchen, hereingeführt. Sehen Sie einmal, wie nett Lore ist, wie prachtvoll sie ist. Sehen Sie, wie schöne blonde Haare Lore hat. Das ist doch die, bei der es so interessant war, daß die Kinder einmal allein zusammen waren für eine kurze Zeit. Sandroe und Lore hatten sich tief befreundet, und Sandroe (der hier vorgestern vorgestellt wurde) hat die Notwendigkeit verspürt, eine Schere zu holen. Sie hat ihn dazu veranlaßt, die Schere zu holen - Sandroe ist ein guter, gehorsamer Gentleman -, er hat die Schere gebracht, und sie hat sich die Haare glatt abgeschnitten mit dieser Schere. Sie ist kein Philister. Beachten Sie, das möchte ich besonders empfehlen, ihre schonen blauen Augen, beachten Sie ihre blonden Haare, die eine sehr schöne Glanznuance haben, und Sie werden da unmittelbar den Eindruck bekommen, daß das Kind sehr sulfurig ist, in seinem Benehmen auch außerordentlich sulfurig. Sie ist ein liebes Kind, aber sie hat in sich ein Sulfuriges, sie ist in sich beweglich und auch stramm. Das Mädchen beißt in den Arm. Sie beißt bloß ins Gewand. Das Kind hat bei der Geburt nicht ganz vier Pfund gewogen, war aber ausgetragen, hat ihre regelmäßige Embryonalzeit durchgemacht. Es wurde sieben Monate lang mit Muttermilch ernährt. Mit einem Jahr hat es gehen gelernt. Das ist ein verhältnismäßig frühes, aber nicht unnormales |
| 127 | Gehenlernen. Auch das Sprechen lernte sie zur richtigen Zeit. Die Entwickelung hat einen normalen Anblick gewährt, mit anderthalb Jahren hat sie das Bett nicht mehr naß gemacht, jedoch macht sie sich jetzt noch bei Tage naß, dagegen nie in der Nacht. Sie sehen, diese Abnormität liegt vor, daß das Kind eine schwache Organisation nach dieser Richtung hin schon hat, daß aber diese schwache Organisation sich dann geltend macht, wenn der astralische Leib eingeschaltet ist, und nicht ausgeschaltet ist. Vor anderthalb Jahren, als sie dreieinhalb Jahre alt war - bitte das zu beachten, dieser Zeitpunkt ist genau die Hälfte der Siebenjahrepoche und von großer Bedeutung, geradeso wie der entsprechende Zeitpunkt in der zweiten Epoche zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre -, hatte das Kind Kopfschmerzen mit hohem Fieber und gleich darauf Masern; es war disponiert für Erkrankungen. Seither ist das Kind besonders aufgeregt, auch die Mutter war zur selben Zeit krank an Grippe und ist seither aufgeregt. Sie sehen den Parallelismus zwischen Mutter und Kind. Der Appetit des Kindes ist immer schlecht, trotzdem es so stramm in sich ist und eigentlich gerade die Gliedmaßenorganisation stark hat. Wie Sie wissen, wird die Gliedmaßenorganisation in ihrer Substanz nicht aufgebaut aus den Nahrungsmitteln, sondern vom Kosmos her auf dem Umwege durch die Atmung und Sinnesbetätigung. Dieser schlechte Appetit, der beeinträchtigt die Ernährung, muß sich ausleben in der Betätigung des Kopfes. Sie ist lebhaft, phantasievoll, sie ist nicht nur zappelig, auch mit den Gedanken ist sie es; ad oculos bezeugt sie es, daß die Phantasie nicht vom Kopf her kommt, sondern von den Gliedmaßen her kommt. Die Kopforganisation ist sehr schwach. Die Gliedmaßenorganisation ist besonders stark. Das Phantasievolle kommt von den Gliedmaßen. Sie träumt manchmal unruhig. Was hier nicht steht, aber was noch beachtet werden muß, das ist das, daß man nun sich deutlich vor Augen halten muß, wie das Kind träumt, ob es vor dem Aufwachen oder nach dem Einschlafen träumt. Wie es hier ist, so hat man die Träume nach dem Einschlafen beachtet. Aber das Kind wird auch sehr Interessantes darbieten, wenn man es dahin bringt, .seine Träume nach und nach zu erzählen. Da sind es die Aufwacheträume, die bei diesem Kind außerordentlich |
| 128 | interessant sein werden bei dem Aufrufen in die Erinnerung, und die muß man sich erzählen lassen. Das sind die Fälle, die ich Ihnen vorführen wollte. Wir werden morgen um halb neun einen Vortrag haben, und wir werden dann die Behandlungsweise besprechen. |