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SIEBENTER VORTRAG, Dornach, 2. Juli 1924

SIEBENTER VORTRAG, Dornach, 2. Juli 1924

Psychische Tatsachenreihe des im vorhergehenden Vortrag geschilderten Falles. - Weitere Vorstellung von kranken Kindern: Sechsdreivierteljähriger Knabe. Ätherleib stark an Modelleib angepaßt, disharmonisch, Verhältnis Hirn-Darm. Therapie: Heileurythmie und Sprechübungen. - Kind mit Krampfanfällen besonders in linker Körperhälfte, später linksseitige Parese; unvollkommen ausgebildetes Modell; Bedeutung der Darmfunktion; ausführliche Besprechung der Therapie, pädagogisches Verhalten.

Seite Text
104 Damit nicht eins ins andere kommt, möchte ich den Fall von gestern noch weiter besprechen. Es handelt sich darum, daß der Knabe noch eine eigentümlich psychische Tatsachenreihe aufzeigt. Als er kam, begann er das schon, er brachte das mit, daß er an dem Zeigefinger der rechten Hand einen kleinen Geist hatte. Den nannte er immer konsequent «Bebe Assey». Mit diesem Geist unterhielt er sich so, wie man sich mit Wesen unterhält. Er sprach mit ihm - nicht wahr? -, unterhielt sich also mit ihm und betrachtete ihn durchaus als ein reales Wesen. Außerdem hatte er die Eigentümlichkeit, daß er sich verwandelte, ähnlich, wie das einmal der Fall war bei den Werwolfgeschichten. Er verwandelte sich plötzlich. Er stellte sich zum Beispiel eine Zeitlang vor, er sei ein Löwe, dann verhielt er sich ganz brüllend wie ein Löwe. Hatte er auch andere Verwandlungen? Das liebste Tier war ein Löwe. Sie sehen schon daraus, daß er mit seinem Astralleib, mit dem er untertauchen sollte in den physischen Leib, nicht in Ordnung kam. Da blieben Reste übrig. Denn dieser Bebe Assey ist natürlich ein Rest von seinem Astralleib, wobei natürlich solche Dinge so sein können, daß, wenn irgendein Lappen astralischer Leib heraushängt, daß der beseelt wird von einem objektiven Elementarwesen. Das Objekt und Subjekt gehen dabei ganz ineinander über, fließen zusammen. Dasjenige, was für den Erzieher wichtig ist, ist das, daß durch den verhärteten Organismus der Astralleib nicht völlig hineinkommt. Wenn Sie Ihren Astralleib herausziehen würden aus dem physischen Leib, wenn er nicht vollständig im physischen Leib pulsiert, so wäre das schon so, daß er in allen möglichen Verwandlungsarten, in tierformähnlichen Gestalten sich zeigen würde. Denn die Tierform ist dasjenige, was der Astralleib dann zeigt, wenn er zwar in der Nähe, oder halb oder dreiviertel verbunden ist mit dem physischen oder Ätherleib, aber doch unabhängig von ihnen ist in einer gewissen Weise. Alle diese Erscheinungen sind bei diesem Knaben ganz besonders charakteristisch und sie zeigen, daß man bei diesem Knaben es recht schwer hat, die entsprechende Harmonie
105 zwischen Astralleib und Ätherleib und physischem Leib herzustellen.
Nun wollen wir ein anderes Kind betrachten, wollen wir die Krankengeschichte durchgehen. Die Mutter gibt an, daß das Kind vier Wochen zu spät geboren sei. Die Mutter hat in den ersten vier Monaten der Schwangerschaft Theater gespielt und zeitweise dabei viel gesprungen. In der späteren Zeit erlitt sie einen Stoß. Mit einem Vierteljahr hat das Kind eine Ernährungsstörung gehabt. Mit zwei Jahren hat es erst stehen können. Es war in den ersten vier Jahren apathisch, aber gierig auf Essen. Der erste Laut, den es sprach, war das R, was eine seltene Erscheinung ist. Es weinte immer mit R. Bis zum vierten Jahre hat es nur einzelne Worte gelallt. Dann bekam es Sprechübungen, Sätze vorwärts und rückwärts zu sprechen. Das ist auf meinen Rat geschehen. Mit dem Sprechenlernen begann eine motorische Unruhe. Es schläft wenig und schläft schlecht ein und ist abends sehr erregt und müde. Es kann nicht einschlafen. Im Essen ist es gierig.
Nun würden Sie so einem Jungen, wenn Sie ihn so ansehen, nicht ansehen, wie alt er ist. Der Junge ist jetzt sechsdreiviertel Jahre alt, also nahezu sieben Jahre alt. Sie sehen daraus, daß er in der Entwickelung der ganzen physischen Organisation zurückgeblieben ist. Nur wenig ist das zu bemerken, daß der Kopf etwas zu groß ist. Der Junge ist im ganzen zurückgeblieben. Daraus ersehen Sie, daß gerade da in dem Lebensalter, das wir die erste Lebensepoche nennen, von der Geburt bis zum Zahnwechsel, wo die physische Organisation wirken sollte, die physische Organisation eigentlich nicht wirkt. Da müssen Sie sich dabei erinnern an das, was ich über die physische Organisation in der ersten Lebensepoche gesagt habe. Das ist der eigentlich vererbte Organismus. Derjenige Organismus, den er in dieser Epoche, die er verlebt hat, gehabt hat, diesen Organismus hat er ererbt. Erst jetzt kommt seine Ich-Organisation heraus, und die hat auch nicht die Anlage, irgendwie erheblich von seiner ersten rasch abzuweichen. Denn jetzt ist sein Ätherleib tätig und dieser Ätherleib hat sich bei dem Jungen außerordentlich stark an den Modelleib der ersten sieben Jahre angepaßt. Im Zahnwechsel ist er zurückgeblieben. Er hat noch keinen
106 Zahnwechsel. So daß wir das auch an ihm zu beobachten haben, daß er auch da zurückgeblieben ist.
Nun müssen wir zuerst den objektiven Befund ins Auge fassen. Wir haben einen verhältnismäßig sehr schwachen Astralleib und eine schwache Ich-Organisation, die nicht aufkommen gegenüber dem vererbten Organismus. Aber auch der vererbte Organismus ist klein geblieben. Nun bleibt es dubios, ob das stimmt, denn das braucht ja nicht zu stimmen, was hier angegeben ist, daß das Kind vier Wochen zu spät geboren ist. Wenn es so ist, dann ist das die Folge davon, daß es zu klein geblieben ist. Es blieb länger Embryo, weil es zu klein geblieben war, weil es am Ende der zehn Mondenmonate nicht vollständig ausgebildet gewesen ist. Nun haben wir uns jetzt zu fragen, woher kommt das alles? Und da haben wir ja die Erklärung, daß in den ersten vier Monaten der Schwangerschaft von der MutterTheater gespielt worden ist. Eine Tätigkeit, die ganz gewiß in dem Zusammenhange, indem sie sich vollzogen hat, mit einem gewissen Enthusiasmus und mit Hingabe erfolgt ist. Es handelt sich um eine freie Truppe, die sich mit Enthusiasmus der Sache widmet, da liegt eine außerordentlich starke Anspannung des Astralleibes der Mutter vor, die einfach diesen Astralleib so gestaltet, daß er nach der Seite, in der er mit dem Wachstum nicht viel anfangen kann, sich betätigt, nach der Seite des intellektuellen Befähigtseins. Und so geht das Intellektualisieren schon an bei dem Ausgestalten des astralischen Leibes in der Embryonalzeit. Wir haben es also zu tun mit einer Minderwertigkeit, die bedingt ist schon durch die Embryonalzeit.
Nun wird es sich darum handeln, wie man ein solches Kind, das im ganzen zurückgeblieben ist, zu behandeln hat. Sie sehen ja auch: der Astralleib bleibt ganz machtlos, der Junge ist in den ersten vier Jahren apathisch, er entwickelt nichts anderes als die rein tierischen Instinkte des physischen Organismus, er ist eßgierig und lernt spät sprechen. Ja, sehen Sie, nun spricht er zuerst das R.

Zu dem Jungen:

Sag einmal: Robert rennt.

Der Junge spricht es mit tiefer brummender Stimme.

Sehen Sie, er ist ganz auf das R hin orientiert. Vergessen Sie nicht, wie
107 sich in einer solchen Erscheinung ein ganzes Leben ausspricht. Schauen Sie sich die Mutter während der Embryonalzeit an, wie sie auf dem Theater beweglich ist, gehen Sie ein in den Charakter des R, wie das R im Eurythmiekurs charakterisiert ist als das Drehende, so werden Sie in seiner Sprache das Theaterspiel der Mutter fortwirkend finden. Alles andere tritt zurück, weil dieses so präponderiert. Man sieht wirklich da ganz außerordentlich tief in Zusammenhänge hinein, die man beherrschen muß, wenn man sich über die Dinge ganz klar werden will.
Nun, in den ersten Jahren sollte ja von einem starken Astralleib und Ich aus der Stoffwechsel-Gliedmaßenmensch geregelt werden. Aber der Astralleib ist eben schwach, er regelt das nicht, und daher haben Sie zweierlei bei ihm, welches Sie beachten müssen. Sehen Sie - ich weiß nicht, ob alle von Ihnen bei diesen Vorträgen waren, wo ich die eigentliche Bedeutung des menschlichen Gehirnes auseinandergesetzt habe -, durch alles, was der Mensch in seiner Organisation trägt, zerfällt die menschliche Gesamtorganisation in Aufbau und Abbau. Der Abbau ist immer verknüpft mit Ausscheidungsprodukten. Ausscheidungsprodukte sind da als übrigbleibende Spuren des Abbaues. Nun nehmen Sie den Kopf, da wird abgebaut, denn nur auf dem Abbau beruht ja die intellektuell-gemüthafte Tätigkeit der Seele, insofern sie sich des Kopfes als ihres Stützorganes bedient. Durch den schwachen Astralleib wird so abgebaut, daß der Abbau auch unregelmäßig ist. Es werden die Abbauprodukte nicht regelmäßig weggeführt, sie bleiben liegen, namentlich aber verhärten sie nicht in demselben Maße, in dem sie verhärten sollten. Ohne daß wir es mit einem eigentlichen Hydrozephalus zu tun haben, haben wir es zu tun mit einem Kopf, der ein zu weiches Gehirn in sich schließt. Jetzt nehmen Sie das Spiegelbild des Gehirns, den Darminhalt. Der kann auch nicht in Ordnung sein, wird auch nicht in Ordnung sein. Die Darmtätigkeit kann nie in Ordnung gewesen sein. Eine unregelmäßige Gehirntätigkeit und eine unregelmäßige Darmtätigkeit werden insbesondere beim Kinde durchaus miteinander parallel gehen. Wenn Sie von vornherein sagen würden: also regele ich seine Darmtätigkeit - damit regeln Sie noch nicht seine Gehirntätigkeit! Da muß heilkundig eingegriffen werden, wenn man sie durch eine Regelung in Einklang bringen will.
108 Er hat auch eine gewisse Unreinigkeit in seinem psychischen Verhalten zur Außenwelt. Versuchen Sie nur einmal, von ihm irgend etwas zu verlangen, was er versteht: er grinst Sie ein bißchen an, er nimmt nicht rein auf. Nun, wir wollen dann das weitere anknüpfend an den Fall besprechen. Ich will jetzt nur sagen, daß diese Sprechübungen schon mit vier Jahren mit ihm begonnen wurden, und daß Sie wissen müssen, daß immer dann, wenn man Sprechübungen macht, so daß man sie nach vorn und rückwärts macht, man damit regulierend auf den Zusammenhang von Ätherleib und Astralleib wirkt. Dasjenige, was damals gemacht worden ist, zielte auf ein harmonisches Zusammenwirken des Astralleibes und Ätherleibes ab.
Nun handelt es sich darum, ihn dazu zu bringen, seine physische Organisation überhaupt deutlich zu empfinden. Denn im Empfinden schleift sich sozusagen die Wachstumskraft der physischen Organisation ein. Also man muß mit ihm Übungen machen in Heileurythmie, welche ihn dazu bringen, seine eigene physische Organisation zu spüren.

Tafel 10

Das E ist dazu besonders geeignet, denn da berührt sich der Mensch in seiner Organisation selber, ebenso das U und das ö. ö nimmt man zur Regulierung. U und E sind dazu da, damit sich das Kind in sich selber verspürt. Denn alles dasjenige, was zum Erfassen des eigenen Organismus führt, das kann in diesem Falle weiterbringen. Was haben wir sonst gemacht? Heileurythmie und Sprechübungen. Er malt auch mit der Gruppe. Natürlich muß er malen, er kommt schon in das schulpflichtige Alter. Wenn er auch langsam vorwärtskommt, so wird er doch vorwärtskommen.

Es wird das nächste Kind hereingeführt.

Diesen Jungen lernte ich auf einer Reise kennen. Nun, er ist ja ein verhältnismäßig schwieriges Kind. Er ist elf Jahre alt. Sie werden gleich hören, um was es sich handelt. Er ist ein einziges Kind. Die Geburt war angeblich normal, doch soll die Mutter während der Schwangerschaft unvernünftig gelebt und auch Alkohol getrunken haben. Die Entwickelung der ersten drei Jahre soll ohne besondere Eigentümlichkeiten vor sich gegangen sein. Wir werden das schon später besprechen. So ganz, wie es dargestellt ist, kann die Sache nicht gewesen sein, denn

109 mit drei Jahren erkrankte das Kind plötzlich mit hohem Fieber und hatte einen Krampfanfall in der Nacht; der dauerte kurz. Diese Anfälle waren seitdem sehr häufig, ebenfalls in der Regel nachts und traten dann später durchschnittlich jedes Vierteljahr einmal auf - so ganz die charakteristischen Erscheinungen des Krampfes, die wir besprochen haben -, und zwar traten die Krampfanfälle vom vierten Lebensjahre ab auf. Bis dahin ist der Organismus nicht so weit, daß er zurückstößt die Astralorganisation, daß gewisse Wandungen der Organe die astrale Organisation zurückstoßen. Bei diesen Krampfanfällen tritt vollständige Bewußtlosigkeit ein. Das haben wir auch gefunden, daß es ganz im allgemeinen so ist. Er hat dann heftige Zuckungen, und zwar der linken Körperhälfte, dann dreht er dabei die Augen nach links; nachher ist er sehr erschöpft und hat oftmals Erbrechen.
Sie sehen daraus, daß bei ihm mit dem dritten Jahre das eintritt, daß die Wandungen der Organe nicht durchlassen die astralische Organisation, daß dadurch die Krämpfe zustande kommen. Mit den Krämpfen ist - aus den Gründen, die ich auseinandergesetzt habe - die Bewußtlosigkeit verknüpft. Nun ist aber bei ihm das der Fall, daß nach einiger Zeit doch bis zu einem gewissen Grade die Astralorganisation durchbricht durch die Wände, so daß er also vorher eine unterbewußte, halbbewußte Anstrengung macht. Diese Anstrengung dauert ebenso lange, wie der Krampf dauert. Dann hat er sie überwunden, dann ist dafür eine gewisse Leere im Organismus im Verhältnis zu früher, und diese Unregelmäßigkeit drückt sich aus in seinen heftigen Zuckungen.
Nun wissen Sie, daß die linke Körperhälfte etwas schwächer ist als die rechte. Daher wird in einem solchen Falle der Astralleib, der befreit sein will, nachdem der Krampf zu Ende ist, nach dem schwächeren Teil der Organisation ausweichen wollen (siehe Tafel 10, Mitte),

Tafel 10

was sich ausdrückt dadurch, daß er das Auge nach links stellt. Nun soll er - vor einem Jahr, im Januar? - nach Angaben von Ärzten in Jena Gehirngrippe gehabt haben; damals hatte er einen schweren Anfall, nach vorausgegangenen Magenbeschwerden und Fieber. Also hier haben wir dann, durch eine Magenverstimmung eingeleitet, herbeigeführt einen schweren Anfall. Vierzehn Tage nachher, nachdem das Kind bereits

110 wieder wohl war, trat eine linksseitige Lähmung ein an Armen und Beinen, eine sehr charakteristische Erscheinung, die aber so einfach als möglich sich erklärt. Denn Sie sehen ja, daß das Kind stets, nachdem es die Anstrengungen durchgemacht hat, den Astralleib durchdrücken will, und nachher, nachdem es dies durchgemacht hat, die hinter der Durchdrückungsstelle liegende Leere spürt; dann bekommt es Zuckungen und läßt seinen Astralleib nach links ausweichen.
Nun ist aber eines zu berücksichtigen. Innerhalb des menschlichen Organismus ist alles dasjenige, was von außen in die Organisation hineinkommt - also nicht von der Organisation selbst zubereitet ist, nachdem es die Organisation durchbricht -, eigentlich Gift. Wenn Sie also eine Organisation haben (siehe Tafel 10)

Tafel 10

und Sie haben eine Verschiebung der astralen Organisation von rechts nach links gehend und das setzt sich fort, wie es ja, wenn es heftig ist, natürlich sich fortsetzen kann in die ätherische Organisation, wo es dann die physische Organisation mitnimmt, dann entsteht eine leichte Giftinfiltration nach der linken Körperhälfte hin. Eine solche Giftinfiltration ist nach außen hin in dem Symptom der Lähmung hervortretend. Das Kind wurde dann mit Massage behandelt, und die Lähmung ist nach einem Vierteljahr besser geworden. Leichte Schwäche ist geblieben. Diese leichte Schwäche kann man schon bei ihm sehen.

Zu dem Knaben gewendet:
\Nimm das so! - Sehen Sie, er ist ungeschickt mit der Linken.
Seit Januar 1923 hat sich der Charakter der Anfälle wesentlich geändert. Sie dauern nur noch ganz kurze Zeit und treten meistens neun Stunden nach dem Einschlafen auf. Das Kind schreit dann plötzlich, wacht auf, stellt sich auf. Dabei ist zu beobachten, daß starke Blähungen im Darm vorhanden sind, eine charakteristische Erscheinung. Zur Zeit tritt fast jede Woche ein Anfall auf, aber nicht mehr mit Bewußtseinsstörungen. Es kommt nicht mehr zu Zuckungen. Die Krampfanfälle gehen vorüber, er springt auf. Nun sehen Sie, 1924 wurde ein Balkenstich gemacht, aber ohne jeden Erfolg. Zuletzt wurde eine Behandlung mit Calcium lacticum gemacht. Er schläft spät ein, redet oft im Schlaf, besonders wenn er spät gegessen hat. Er hat guten Appetit,

111 aber Abneigung gegen Obst, Säuren, Gemüse, dagegen Vorliebe für Fleisch. Die Verdauung ist jetzt ziemlich gut, früher hatte er eher Verstopfung; rasche Ermüdung. Er hat sehr lebhafte Phantasie; ist sehr zutraulich zu jedem Menschen, hat keine Zuneigung zu bestimmten Personen, auch nicht zu den Eltern. Er ist jähzornig, hat Liebe zu den Tieren und zu den Pflanzen. Das muß das Charakteristische sein, daß er sehr viel schwätzt. Das gehört in die Krankengeschichte hinein. Es ist ihm ein wirkliches Bedürfnis, er muß es tun, wie irgend etwas anderes. Er hat sich so bemerkbar gemacht, daß Sie im wesentlichen alles bei ihm gesehen haben.
Sehen Sie, bei diesem Kinde ist eben auch das vorhanden - nur haben wir es in einem Stadium vor uns, wo der zweite Körper schon längst ausgebildet ist, der Körper, der nicht Modellkörper ist, ist längst ausgebildet, er ist ja elfjährig - und wir haben es auch wieder damit zu tun, daß schon der Modellorganismus dadurch in Dekadenz gekommen ist, daß die Mutter während der Schwangerschaft unvernünftig gelebt hat, viel Alkohol getrunken hat. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, nach der ganzen Art, wie sich der Junge zeigt, daß schon der erste Modellkörper außerordentlich unregelmäßig war. Zwar ist durchaus anzunehmen - was hier nicht steht -, daß die Geburt vielleicht sogar um zwei Wochen zu früh eingetreten ist, weil die Mutter ihren Organismus nicht so gehalten hat, daß er eine wirkliche Stätte sein konnte, wo der Embryo sich nach allen Seiten voll entwickeln konnte. Insbesondere wenn Alkohol getrunken wird während der Schwangerschaft, ist das ganz besonders der Fall. Nun wird hier angegeben, die Entwickelung sei in den ersten drei Jahren ohne Besonderheiten gewesen. Aber ich vermute vielmehr, daß man nicht eine Veranlagung hatte, feinere Besonderheiten zu beobachten. Jedenfalls muß das Kind verhältnismäßig früh das Bedürfnis gehabt haben, zu sprechen, weil die Astral- und Ich-Organisation eigentlich zum Halse oder Mund herausgehangen haben. Immer muß es Schwierigkeiten gehabt haben, unterzutauchen. Eine gewisse nervöse Aufgeregtheit, die sich nach außen äußert, die zurückweist bis zu einem gewissen Grade das Imitationsprinzip, die mehr die inneren organischen Impulse in der Entwickelung herausstellt, die muß dagewesen sein in den ersten drei Jahren.
112 Dann haben wir ja, insbesondere, wenn das Lebensalter von dreieinhalb Jahren herankommt - die Hälfte von sieben Jahren, die erste Lebensepoche -, besonders hervortretend die Rückwirkungen, die entstehen, wenn während der ersten sieben Jahre das Ich und der Astralleib von der Kopforganisation aus nicht richtig arbeiten können. Dann werden diese Organe, die jetzt langsam und allmählich entstehen - denn mit sieben Jahren sind sie fertig -, verkümmert herauskommen. Nun, warum sind sie in diesem Fall verkümmert herausgekommen? Weil das Kind die Embryonalzeit nicht vollkommen absolviert hat. Die Organe wären viel vollkommener, modellierter geworden, wenn das Kind die Embryonalzeit völlig absolviert hätte. Nun hat man kein vollkommen ausgebildetes Modell. Daher gerade in dieser wichtigen Zeit, mit dreieinhalb Jahren, wenn die Organe mehr dazu kommen, sich in die Form zu prägen, sogar da das Modell versagt; da entwickelt sich die Anlage, daß der Astralleib - der jetzt durch die ganze Organisation soweit kommen will, daß er durch die Wandungen der Organe tritt -, daß, wenn er nicht hindurch kann, infolgedessen alle die Erscheinungen entstehen, die besprochen worden sind. Daß in einem solchen Falle eintreten muß eine Verstimmung der Magen- und Darmorganisation, muß Ihnen auch wieder begreiflich erscheinen. Denn, wenn dieser Astralleib nicht ordentlich die Strömungen vom Kopf gegen die Gliedmaßen bewirkt, so bleibt die Darm- und überhaupt die Verdauungsorganisation schwach: Die Ich-Organisation steckt nicht ordentlich darinnen.
Nun nehmen Sie diese schwache Verdauungsorganisation, namentlich die in den Kräften schwache Verdauung: es steckt die Ich-Organisation nicht ordentlich darinnen. Diese schwache Verdauungsorganisation kann nicht vertragen dasjenige, was gerade in der Verdauungsorganisation wirken muß.
Wir haben ja die Sache so, daß, wenn wir die Pflanze anschauen, die Wurzel ihre entsprechende Wirkung in der Kopforganisation hat, das Kraut in der rhythmischen (siehe Tafel 10, rechts).

Tafel 10

Dasjenige, was als Frucht oder Blüte sich entwickelt, hat seine Wirkung in der Darmorganisation, in der Verdauungsorganisation. Es ist also keine Verwandtschaft da zwischen der schwach entwickelten Verdauungsorganisation

113 und demjenigen, was nach oben sich ausbildet. Dagegen werden Sie begreifen, daß, weil dieser Astralleib im ganzen Bauch darinnen, ohne daß er sich eigentlich einlebt in die Verdauungsorganisation, frei liegt, dieser Astralleib, der als solcher bei jedem Menschen die große Verwandtschaft zum Fleisch hat, hier die Vorliebe für Fleisch erzeugt. Dann ist noch eine Abneigung gegen die Säure vorhanden, aber auch wieder begreiflich. Denn Sauren wirken auf den Astralleib besonders stark. Und wenn dieser dann in den Organismus ordentlich untergetaucht ist, dann lädt er seine Säurewirkung ab auf den physischen Organismus. Wenn er aber nicht ordentlich untergetaucht ist, bleibt er wund, empfindlich für Säurewirkungen. In solchen Dingen kann man ganz besonders sehen, wie der Organismus eigentlich wirkt, denn bei einer solchen Unregelmäßigkeit kann man natürlich gar nicht erstaunt sein, wenn Magenverstimmung eintritt. Aber Magenverstimmung ist nur ein Symptom dafür, daß diese Unregelmäßigkeit, die ich besprochen habe, für den Stoffwechsel da ist. Aber in dieser Unregelmäßigkeit besteht die ganze Krankheit, durch die Unregelmäßigkeit kommen die Symptome heraus, und natürlich kann immer eingeleitet werden ein neuer Anfall durch solche Magenverstimmungen.
Nun haben wir dann seit Januar 1923 die wesentliche Änderung im Charakter der Anfälle, sie dauern kurz, treten neun Stunden nach dem Einschlafen auf, das Kind schreit, das Kind schreit auf, wacht auf. Es ist zu beobachten, daß starke Blähungen im Darm vorhanden sind und zur Zeit ein Anfall jede Woche auftritt. Das ist etwas, was zunächst bedrohlich ausschaut, was aber auf der andern Seite wiederum etwas Tröstliches hat. Denn es zeigt eine Art von Genesung, von naturgemäßem Besserwerden. Es ist eine Krisis, die sich innerlich entlädt, damit eingetreten, die allerdings langsam verläuft, aber etwas anderes war auch nicht zu erwarten. Warum treten denn neun Stunden nach dem Einschlafen diese Dinge auf? Weil da der Astralleib wieder anfängt, seinen Rückweg in den physischen Leib zu vollziehen. Das wird ihm noch schwer, er kann nicht hinein, und fortwährend muß er untertauchen und muß zurückgestoßen werden. Da können Sie sich vorstellen, daß all diese Erscheinungen eintreten: Aufstehen, Schreien. Während, wenn er dann seinen Astralleib darinnen hat in der ganzen
114 physischen Organisation, so hält das den Tag über leichter an. Daß starke Blähungen auftreten, rührt davon her, daß der Astralleib noch nicht vollständig in die Darmorganisation eingegliedert ist. Von dieser relativen Selbständigkeit des Astralleibes rührt her alles dasjenige, was als besonders charakteristisch im Seelenleben auftritt: sein fortwährendes Schwätzen, auch die leichte Erregbarkeit, auch die lebhafte Phantasie. Nun fragt es sich, was da in einem solchen Falle zu tun ist.
Nun, sehen Sie, in einem solchen Falle handelt es sich vor allen Dingen darum, daß man dem sehr stark selbständig wirkenden Astralleib alle Möglichkeiten entzieht, Kräfte zu entwickeln, die ihm hinderlich sind in der Anpassung an den Ätherleib und physischen Leib, Nun, sofort, wenn das Kind in dieser Weise auftritt, wie es heute aufgetreten ist, sieht man, was als erste Maßregel zu gelten hat: Man muß ihm sein Spielzeug wegnehmen. Daß er dieses Spielzeug hat, das ist seelisches Gift für ihn. Er darf vor allen Dingen seine Phantasie nur anregen an von der Natur noch nicht fertig Gestaltetem. Er muß angeregt werden, möglichst viel zu malen, aber vor allem Formen zu prägen, zu schnitzeln. Er soll also einfach ein Stück Holz bekommen, soll angeregt werden, dieses Stück in der Form eines Menschen zu gestalten. Das wird das Pädagogische sein, was mit ihm zunächst zu machen ist. Man muß vermeiden, ihn heranzubringen an die Dinge, die schon fertig sind. Man muß versuchen, daß er selbst vieles macht, so daß seine Gliedmaßen in Bewegung kommen. Wir haben noch nicht diese Anordnungen getroffen; das ist das, was bei ihm noch notwendig ist.
Nun ist bei diesem Jungen diese Eigentümlichkeit vorhanden, daß man nicht sagen kann: es ist ein ganz bestimmtes Organ, das den Astralleib nicht durchläßt - sondern es ist eigentlich die Gesamtheit aller Organe gleichmäßig so ausgebildet. Daher auch die leichte Deformierbarkeit. Aber dadurch tritt gerade das ein, daß, wenn der Astralleib gerade untertaucht, er nach der linken, schwächeren Seite ausweicht. Dadurch ist immer die Gefahr vorhanden, daß nach der linken Seite Lähmungserscheinungen auftreten. In diesem Alter schaden sie noch nicht, wenn sie schwach sind. Sie können zu einer Verstärkung führen.
Nun würde zu raten sein, daß man gerade das, wogegen er starke
115 Abneigung haben muß wegen dieser Konstitution, daß man alles das, was Fruchtsäure hat, in einer möglichst geringen Dosis den andern Speisen zusetzt, zu denen er Neigung hat, so daß er es mit diesen bei der Verdauung mitreißt. So daß man also einfach, bevor man ihm Fleisch gibt, in das Gefäß, worin er sein Fleisch genießt, irgend etwas gibt, was Fruchtsäure hat. Er muß sich gewöhnen, ganz geringe Mengen von Kompott mit dem Fleisch zusammen zu genießen.
Dann handelt es sich ja darum, daß man wirklich nach einer vernünftigen Methode, wie das in der Waldorfschule ist - gleichgültig wie schnell er vorwärtskommt -, den Unterricht beginnt; beziehungsweise er muß den Unterricht fortsetzen. Eurythmieübungen werden bei ihm darin bestehen, daß man bei ihm nicht sich auf einzelne Buchstaben beschränkt, sondern alles dasjenige macht, was die Gliedmaßen besonders in Bewegung bringt, so daß man das Bestreben der Gliedmaßen fördert, den Astralleib herauszugestalten. Wie der Junge jetzt ist, hilft er selber mit vorwärtszukommen.
Dagegen ist ein solches Kind, wie das vorangegangene, deshalb außerordentlich schwer zu behandeln, weil man eine Art von kleinem Dämon vor sich hat. Denken Sie sich nur: in demselben Maße, wie das Kind klein bleibt seinem physischen Leibe nach, in demselben Maße vergrößert sich, ohne daß er sich der physischen Organisation anpaßt, sein Astralleib. Nun wird das Kind tatsächlich im Astralleib ein Schauspieler, ohne daß es dies weiß. Wenn man das Kind einseitig ausbilden könnte, wenn man zum Beispiel für den Schauspielunterricht nicht einen einzelnen Menschen verwenden würde, sondern ein ganzes Kollegium, und dem Kollegium Detailaufgaben geben könnte, so könnte man dieses Kind, in dem es ein kleiner Stöpsel bleibt, dazu ausbilden, daß es den Schauspielern den R-Laut und verwandte Laute beibringt. Es ist trotz seiner scheinbaren Ruhe außerordentlich bewegt. Daher hat man eine Art dämonisches Wesen vor sich, ein richtiges übersinnliches Wesen ist da in diesem kleinen Robert. Das ist so: was da vor Ihnen gesessen hat, in dem ist so ein kleiner Einschlag darinnen, der zwerghaft ausgebildete Knirps. Dagegen ist mächtig der Schauspieler da, der alle möglichen Purzelbäume schlägt, Rad schlägt und so weiter, wenn der Junge auch ganz lässig herumgeht. Sie haben es also mit
116 einem Kinde zu tun, dem man außerordentlich schwer beikommt. Alles, was man versucht mit dem physischen Körper - mit Ausnahme der Heileurythmie und der Sprechübungen, die auf den physischen Körper gehen und das Intellektuelle bewirken -, würde nur dem quecksilbrigen Astralleib entgegenkommen. Aber Sie können durch den physischen Leib an den Menschen nicht heran. Im Gegenteil. Es könnte Ihnen so gehen wie dem Zauberlehrling, wenn er den Besen spaltet, daß zwei Besen da sind. Wenn Sie herankommen können, konnte es Ihnen leicht so gehen, daß Sie etwas machen, wodurch Sie die Beweglichkeit noch mehr verstärken. Es handelt sich darum, daß man es mit einem außerordentlich beweglichen Astralleib zu tun hat.
Wie muß man da die Erziehung einrichten? Die Erziehung muß man so einrichten, daß man das Entgegengesetzte macht von dem, was sehr häufig gemacht wird. Sehr häufig legt man einen großen Wert bei dem, was man einem Kinde beibringt, auf die dramatische Steigerung. Bei diesem Kinde handelt es sich darum, daß man auf die Steigerungen im Unterricht die Abschwächung folgen lassen muß. Aber dieses Prinzip muß man auf allen Unterricht ausdehnen. Und so muß man die Geduld haben, die Aufmerksamkeit dieses Kindes richtig zu erregen - von dem, was in seinem Astralleib vor sich geht, weiß es nichts -, es könnte diesem Organismus alles entgegenkommen, was einer richtigen Phantasie entspricht. Erfinden Sie also die kostbarsten beweglichsten Geschichten, werden Sie ein phantasiereicher Dichter in der Umgebung dieses Kindes. Und wenn Sie sich dann dadurch, indem Sie eine Geschichte hinaufgesteigert haben bis zu großer Beweglichkeit, wenn Sie ganz sich hineingefunden haben in diese unterbewußte astrale Organisation, dann versuchen Sie, die Sache zurückzutreiben. Dann versuchen Sie zuerst, sich etwas lächerlich zu machen über irgend etwas, was geschehen ist, so daß der Spaß verdorben wird. Sie hängen dem Helden, der die ganze Geschichte vollbracht hat, der das Kind begeistert, etwas an. Sagen Sie: Nun ja, wenn der so etwas tut, dann muß er immer schneuzen - irgend etwas, wodurch Sie sich lustig machen über das, was die höchste Steigerung bedeutet, und dann gehen Sie weiter heran, bis das Ganze in eine Luftblase sich aufgelöst hat; das aber nicht so, daß Sie beim Kinde die Freude verderben, das muß auch freudig verlaufen,
117 dieses sich als Luftblase erweisen. Und während dieser ganzen Tätigkeit, während Sie zurückreagieren, hat fortwährend der Astralleib die Tendenz, sich dem physischen Leibe anzupassen. Wenn Sie also Geduld haben, sich mit einem solchen Kinde in dieser Weise zu beschäftigen, indem Sie selbst dabei zum Dichter werden, und dann sich wieder ironisieren in der Dichtung, so daß nichts übrigbleibt, dann können Sie es erreichen, daß er bis zu seinem neunten, zehnten Jahre anfängt, ein naturgemäßes Wachstum zu entwickeln. Damit wäre außerordentlich viel gewonnen. Dadurch würde dieser übermäßig phantastische Gesamtorganismus, der schon wahrend der Embryonalzeit geschaffen worden ist, der würde zurückverwandelt werden. Es würden die Dinge, die schon da sind, mit dem, was Sie tun, verschwinden. Das Unwirksamste bei solchen Erscheinungen besteht darinnen, daß man direkt auf die Erscheinungen losgeht. Dem das R abzugewöhnen, das wäre ebenso unmöglich, wie es einem Schauspieler in Weimar ganz unmöglich gewesen wäre, obwohl er kein Kind war. Er sprach niemals Freunderl, sondern betonte jede Silbe, er hatte dieses Prinzip ganz besonders ausgebildet, alles zu betonen. Er sprach: Freunderl, Kopfchen, Kindlein, Man kann auf solche Erscheinungen nicht direkt eingehen. Dem Kinde das R abzugewöhnen, wäre eine falsche Bestrebung. Man macht es dadurch nur leer, faul, lässig. Dagegen wird die Neigung zum R von selber verschwinden, wenn Sie diese Dinge machen, die ich besprochen habe.




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