SECHSTER VORTRAG, Dornach, 1. Juli 1924
Vorstellung eines neunjährigen Knaben. Genaue Anamnese: Entwicklungsdaten; Gestaltbetrachtung; Verhältnis vom oberen zum unteren Menschen bildungsmäßig und prozessual. Kopfbildung: Vorder- und Hinterhaupt; Ursache und Folgen der schlechten Beherrschung der unteren Prozesse, Atmung. Besprechung einer vorbeugenden und unmittelbare Therapie. Beispiel der Heilung einer Hydrozephalie. Besprechung der wesentlichen Ursachen der Krankheit des Vorgestellten. Therapie: Art wie Versteifung gelöst wird und Disharmonie behoben werden kann - heileurythmisch, heilpädagogisch, medikamentös. Humor, Beweglichkeit und Enthusiasmus als heilpädagogische Grundhaltung des Erziehers.
| Seite | Text |
| 90 | Meine lieben Freunde, den heutigen Tag möchte ich so betrachten, daß wir ihn als Beispiel auffassen, das nach den verschiedenen Seiten dann ausgreifen kann. Ich mochte zunächst, damit wir eine Grundlage haben für das Besprechen, die Krankengeschichte des Sandroe behandeln. Der Junge ist hier seit dem 11. September 1923; er ist neunjährig hier angekommen. Während der Schwangerschaft fühlte sich die Mutter sehr gut und machte im fünften Monat eine Reise durch Spanien. Die Geburt war sehr schwer, er mußte gewendet und mit der Zange geholt werden. Der Junge befand sich im ersten Jahr sehr gut, so daß man gar nicht an eine Abnormität dachte. Mit sechs Monaten hat er einmal sehr lange in der Sonne gelegen, und bekam danach durch dieses Lange-in-der-Sonne-Sein eine Art Ohnmacht und nachher Fieber. Er ist nur drei Monate mit Muttermilch ernährt worden. Dann vom neunten Monate bis zum dritten Jahre aß er sehr schlecht. Er wollte damals gar nichts essen. Im zweiten Sommer fiel den Eltern auf, daß die Augen sich veränderten und weniger klar wurden. Und er konnte auch im zweiten Jahre noch nicht sprechen und noch nicht gehen und begann meistens nachts um vier Uhr ohne Ursache zu schreien. Er hat die Gewohnheit entwickelt - die Gewohnheit, die wir immer zu beachten haben -, am Daumen zu lutschen. Er bekam deshalb Kartons am Ellbogen und nachts bekam er Aluminiumglocken an der Hand zu tragen. Die trug er drei Jahre. Dann blieb die Entwickelung immer zurück. Mit fünf Jahren konnte er noch immer nicht zusammenhängend sprechen. Nun beginnt die Periode des Zahnwechsels. Sie beginnt mit dem siebenten Jahre, die mittleren Zähne sind gewechselt, die oberen noch nicht alle gewechselt. - Hat er noch Zähne gewechselt? Einen Zahn hat er noch bekommen. Der eine Vorderzahn ist auch noch nicht da? - Jetzt ist er da. Der andere war schon dazumal stark entwickelt. Die Mutter gibt an, daß auch sein Vater sich spät entwickelt und auch sehr spät den Zahnwechsel gehabt hat. Nun war er dazumal, als er ankam, schwächlich; 24 Kilo Gewicht. Er hat zarte Knochen. Hände und |
| 91 | Füße im Verhältnis zum Körper sind sehr groß. Die Hände sind sehr ungeschickt. Aller äußere Befund ist negativ. Dann haben wir fortschreitend ein Unruhiger- und Schwierigerwerden zu beobachten. Er ißt etwas unmanierlich. Die körperlichen Funktionen sind in Ordnung. Seit Januar 1924 ist er wesentlich ruhiger, menschlicher geworden. Die Dinge der Außenwelt begannen ihn zu interessieren und setzten ihn in Erstaunen. Dasjenige ist eingetreten, was gesucht werden muß herbeizuführen: Aufmerksamkeit auf die Außenwelt, und zwar nicht bloß intellektuelle, sondern vor allen Dingen gemüthafte Aufmerksamkeit auf die Dinge der Außenwelt zu entwickeln. Dinge der Außenwelt setzen ihn in Erstaunen. Es handelt sich darum, daß intellektuelle Aufmerksamkeit nicht therapeutisch wirken kann, sondern daß man das Gefühl, den Willen engagieren muß bei der Aufmerksamkeit gegenüber der Außenwelt. Er wird zu den Menschen zutraulich, und, während er anfangs ziemlich teilnahmslos an den Menschen vorbeigegangen ist, erkennt er sie jetzt wieder. Zum Handeln ist er schwer zu bringen. Was er tut, tut er nicht gern, doch hat er bis zum Januar die nützliche Beschäftigung des Strickens etwas gelernt. Es handelt sich darum, daß man eine solche Beschäftigung an das Kind heranbringt, die es auf der einen Seite zum Mechanischen, zum Bewegtwerden bringt, und auf der andern Seite dazu, doch aufmerksam zu sein; denn man kann beim Stricken Maschen verlieren. Sein liebstes Spiel ist ein Wagen oder Schlitten. Er kann stundenlang nichts anderes sprechen als von seinem Wagen; das ist eine Sache, die anklingt an dasjenige, was ich gestern besprochen habe. Er lernt schnell deutsch sprechen und verstehen. Nun, das ist dasjenige, was der unmittelbare Befund war. Nun, wenn Sie den Jungen einmal betrachten - komm einmal her, Sandroe! -, dann werden Sie allerlei bemerken. Vor allen Dingen mache ich Sie aufmerksam darauf, daß er eine stark ausgebildete untere Gesichtshälfte hat: Sehen Sie sich diesen Nasenschnitt an und die Mundpartie. Er trägt den Mund ein bißchen offen, wodurch die Zahnbildung bewirkt ist und was nicht unberücksichtigt bleiben darf aus dem Grund, weil diese Dinge Zusammenhang haben durchaus mit der ganzen geistig-seelischen Konstitution. Und man darf hier nicht das Umgekehrte sagen, wegen der Zahnbildung ist der Mund offen; sondern |
| 92 | das führt auf gemeinschaftliche Ursachen zurück, daß nämlich von seiten des oberen Menschen der untere Mensch nicht vollkommen beherrscht werden kann. Indem Sie sich das ansehen, werden Sie viel bemerken. Stellen wir uns vor, daß hier der Sitz der Kraft des oberen Menschen ist, des Sinnes-Nervenmenschen. Der wirkt auf den ganzen übrigen Menschen ein. Denn dieser Teil ist ja in der ersten Lebenszeit derjenige, der am meisten entwickelt ist und die meisten Kräfte mitbringt, aus der Embryonalzeit mitbringt und in der Embryonalzeit die meist entwickelten Kräfte hat. Alles übrige ist sozusagen wiederum abhängig. Während das Untere direkt aus der Konstitution des mütterlichen Leibes sich bildet, ist alles übrige abhängig mittelbar von dem, was sich hier bildet. Dasjenige, was sich hier als Kiefersystem, als Gliedmaßensystem bildet - und zu ihm gehört auch das Kiefersystem; das ist Gliedmaßensystem -, das ist völlig einbezogen in das Kopfsystem. Hier ist das Kopfsystem nicht stark genug, um das Gliedmaßensystem völlig einzubeziehen, daher wirken auf das Gliedmaßensystem die äußeren Kräfte zu stark ein. Wenn Sie einen wohlgebildeten Menschen haben mit einem harmonischen Ansatz der unteren Kopfpartie, dann müssen Sie sich vorstellen, daß in möglichst großem Maße das Nervensystem der Beherrscher des Stoffwechsel-Gliedmaßensystems ist. Dann wirken keine äußeren Kräfte in übermäßiger Weise ein. Ist der Kopf nicht fähig, das ganze übrige System zu beherrschen, dann wirken zu stark die äußeren Kräfte ein auf das übrige System. Insbesondere können Sie das sehen daran, daß die Arme nicht das Maß haben und die Beine auch nicht, das sie haben würden, wenn sie einbezogen würden, aber sie sind zu groß entwickelt, weil zu viel äußere Kräfte hineinwirken. Er faßt das mit Humor auf. Ich glaube, Fräulein Dr. Bockholt fragte ihn, warum er den Mund offen habe. Er sagte, damit die Fliegen hereinkommen. Er ist fest dieser Ansicht. Das alles ist zunächst das Obere der Organisation. Sie können nun beobachten, daß der Kopf nach beiden Seiten hier (vorne) etwas schmal ist und gerade nach rückwärts zusammengedrückt ist. Da haben Sie wiederum die Schmalköpfigkeit hier. Die drückt aus, daß das intellektuelle System wenig vom Willen durchdrungen ist. Diese Partie (rückwärtige Partie) drückt aus, daß sie stark willensdurchdrungen |
| 93 | ist; diese Partie des Kopfes (Vorderkopf) ist diejenige, die für äußere Einflüsse nur zugänglich ist auf dem Wege der Sinneswahrnehmung, während der Hinterkopf allen möglichen äußeren Einflüssen zugänglich ist, so daß schon hier beginnt dieses, was dann stark hervortritt bei den Armen und Beinen. Es vergrößert sich das Gehirn, es breitet sich das Gehirn im Hinterkopfe aus. In gewisser Beziehung ist die Betrachtung eines solchen Kindes sehr interessant. Sandroe ist schon interessanter als manches normale Kind, obwohl manches normale Kind angenehmer ist. Hier (vorne) liegt vorzugsweise diejenige Partie des Gehirns, der ganzen Hauptesorganisation des Menschen, die ihre Substanzen, ihre Stoffe aus dem übrigen Organismus heraufgeliefert bekommt. Hier lagert sich dasjenige ab, was der Substanz nach, nicht den Kräften nach, ganz und gar aus der äußeren Nahrung stammt. Dagegen beginnt hier (hinten) dasjenige, was der Substanz nach nicht aus der Nahrung stammt, sondern was aufgenommen werden muß durch die Atmung, durch die Sinne und so weiter, was kosmischen Ursprungs ist. Der Hinterkopf ist schon der Substanz nach kosmischen Ursprungs. Dadurch, daß hier (vorne) der Kopf zusammengedrückt ist, was auf einen rein mechanischen Insult zurückweist bei der Geburt beziehungsweise im Embryonalzustand - wahrscheinlich ist es, daß hier ein rein mechanischer Insult vorliegt, wobei Sie auf nichts anderes sehen können als auf das Karma, denn es liegt in den Vererbungskräften nicht begründet -, dadurch, daß hier der Kopf zusammengedrückt'ist, dadurch ist er geneigt, zu wenig Substanz aus den Nahrungsstoffen heraufzubefördern. Überhaupt hat er keine Neigung, gleich die Nahrung in sich zu verarbeiten, weil das Fordernde (vorne) für diese Nahrung hier zu wenig vorhanden ist, so daß Sie aus der äußeren Kopfform einfach sehen, daß er zu einer gewissen Zeit appetitlos sein muß. Hier beginnt die zu geringe Anhäufung desjenigen, was durch die Nahrung aufgenommen wird. Die geringe Beherrschung, die ausgeübt wird auf das ganze Gliedmaßensystem, die wirkt sich aus auf das ganze Atmungssystem. Es ist wenig beherrscht, es hat die Tendenz, sich aufzuplustern. Das hängt zusammen mit der ganzen Bildung des Unterkiefers. Er bekommt viel |
| 94 | Luft in sich hinein, zu viel Luft. Dadurch aber, daß er zu viel Luft in sich hineinbekommt, sammelt sich Substantielles zu stark hier an und in den Gliedern. So daß bei einem solchen Kinde vor allen Dingen das vorliegt, daß die Einatmung nicht das richtige Verhältnis zur Ausatmung hat. Er hat im Verhältnis zur Ausatmung eine zu starke Einatmung. Dadurch hat er nicht die Möglichkeit, in ausreichendem Maße in sich die Kohlensäure zu entwickeln. Er ist dadurch zu kohlensäurearm. Sie sehen da aber auch zugleich, daß bei einem kohlensäurearmen Menschen das Gliedmaßensystem zu stark entwickelt ist. Damit hängt alles zusammen, was im motorischen System begründet ist. Das motorische System muß nach und nach im Laufe des Lebens ein Diener werden desjenigen, was im intellektuellen System liegt. Herr Dr. Steiner sagt zum Kinde: Nun bleib einmal ein bißchen stehen, geh zu mir her, mach so. Herr Dr. Steiner macht ihm vor, wie es nach etwas greifen soll. Es macht es nicht. Das schadet nichts, wir müssen ihn nicht zwingen, daß er es macht. Sie sehen, daß es ihm schwer wird, es zu machen. Aus alldem ersehen Sie, daß er nicht die entsprechende Kraft hat, sein Stoffwechsel-Gliedmaßensystem richtig zu beherrschen. Würde er es beherrschen, so würde er in der richtigen Weise den Arm heben. Nun, damit hängt zusammen, daß er die verspätete Zahnbildung hat, denn der richtige Zahnwechsel muß damit zusammenhängen, daß gerade zusammenwirken das Sinnes-Nervensystem und das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem, welches hergeben muß dasjenige, was dem Zahnwechsel zugrunde zu liegen hat. Alle diese Erscheinungen stehen stark miteinander im Einklang. Was ist die Folge? Die Folge ist, daß der Junge zunächst, als er geboren wurde und das Stoffwechsel-Gliedmaßensystem noch nicht ausgebildet war, wie es eben bei einem Kinde der Fall ist, daß er es in der ersten Zeit gut beherrschen konnte. Man merkte gar nicht, daß etwas abnorm an ihm war. Erst im Laufe der Zeit, als es herausgewachsen war, erst dann konnte das hervortreten, was als Abnormität vorliegt. Daher liegt die Sache so, daß man erwarten konnte, daß er Verhältnismäßig |
| 95 | spät zu alldem kommen würde, was auf der Beherrschung des unteren Systems durch das obere beruht: das Sprechen- und Gehenlernen. In den ersten Jahren wäre natürlich die richtige Erziehung diese gewesen, daß man darauf stark Rücksicht genommen hätte, daß man zum Beispiel bei diesem Jungen schon in ganz früher Zeit, wie er noch nicht gehen konnte, angefangen hätte einfach dadurch, daß man seine Gliedmaßen selbst in eurythmischem Sinne bewegt hätte, daß man angefangen hätte mit einer Heileurythmie. Würde man damit begonnen haben, so hätte man dasjenige, was man ausführt in den Gliedmaßen, zur Spiegelung gebracht im Nerven-Sinnesorganismus, und es würde in der Zeit, in der noch alles biegsam war, sich sogar die Kopfform erweitert haben. Man erreicht durch Bewegungsformen, die man frühzeitig auf das Kind anwendet, immerhin sehr viel in der Formierung des Kopfes und man muß ungeheuer froh sein, wenn man in der Formierung des Kopfes so viel erreichen kann. Hier - es wird am Kinde gezeigt - ist es schwierig, wo der Kopf, die Schädelknochen eingeengt sind durch den äußeren Insult, hier ist es schwierig, daß sich der Kopf vergrößert. Ich hatte einen abnormen Knaben, während meiner Erziehungstätigkeit, im Lebensalter von elf einhalb Jahren bekommen. Diesem abnormen Knaben standen die Eltern und der Hausarzt, von dem ich im sechsten Kapitel meines «Lebensganges» geschrieben habe, ratlos gegenüber. Der Junge mußte ein Handwerk lernen. Das war etwas Furchtbares. Außer der Mutter, die ruhig war, waren alle außer sich, denn das war etwas Schändliches bei einer angesehenen Bürgerfamilie, daß man einen Jungen ins Handwerk bringen sollte. Dies alles zu besprechen war nicht meine Aufgabe. Der Junge war noch außer allem übrigen hydrozephal, und ich hatte die Bedingung gestellt, daß der Junge mir völlig überlassen würde. Nun handelte es sich darum, daß der Junge so weit gekommen war: er hatte kurz vorher das Examen für eine der ersten Klassen der Volksschule sich abnehmen lassen. Alles, was er da geleistet hat, war, daß er mit einem großen Radiergummi ein großes Loch in ein Heft hineinradiert hat. Außerdem hatte er die merkwürdige Angewohnheit, daß er bei Tisch nichts essen wollte und dasjenige, was an Kartoffelschalen in den Mülleimer hineingetan wurde, mit |
| 96 | großem Vergnügen aß. Nach eineinhalb Jahren war es dazu gekommen, daß er die erste Gymnasialklasse besuchen konnte. Die Sache beruhte darauf, daß die Bewegung der Gliedmaßen stark in die Hand genommen wurde und dadurch der Hydrozephalus verschwand. Der Kopf ist kleiner geworden, und das ist ein Anzeichen, daß man einen Erfolg haben kann. Der Kopf, der eingeengt ist hier in die durch einen äußeren Insult zusammengedrängten Schädelknochen, der wird Mühe haben, sich zu vergrößern, aber noch hätte man etwas erreichen können. Nun entsteht für uns die Frage: Was ist das allerbedeutsamste Kennzeichen des Knaben für die Erziehung? - Das allerbedeutsamste Kennzeichen ist das, daß er in einen nicht harmonisch in seinen Kräften ausgebildeten Körper sein geistig-seelisches Wesen hineinzutragen hat. Da liegen karmische Verwicklungen zugrunde. Sie mögen mir es glauben oder nicht, der Junge ist ein Genie. Was meine ich damit? - er versteht es nicht -, ich meine nach seinen karmischen Antezedenzien könnte er es sein. Aber es liegt insoferne eine Abnormität vor, als er unter den gegenwärtigen Verhältnissen, worunter er doch geboren werden mußte, das, was nach seinen Antezedenzien vorliegt, nicht hat ausbilden können. Die Wahl seiner Eltern liegt vor. Die ist in einer gewissen Beziehung eine schwierige. Und so schaut er sich die Welt an durch schwierige körperliche Verhältnisse, die er zunächst dadurch, daß die Kräfte des oberen und unteren Menschen nicht harmonisch ineinander eingreifen, so versteift und verhärtet hat. Man hat es zu tun mit einer Verhärtung des Organismus. Wenn er aufwacht, können der astralische Leib und die Ich-Organisation nicht ordentlich untertauchen. Sie stoßen auf so etwas wie eine Felsennatur des Organismus auf. Nun hängt die ganze Aufmerksamkeit, die wir der Welt entgegenbringen, davon ab, daß wir mit unserem Geistig-Seelischen in der richtigen Weise ins Körperlich-Physische eingreifen können. Es bleibt bei Menschen, die das nicht können, wenn es sich nur um Oberflächliches handelt, zunächst eine Ungeschicklichkeit. Ein Rest von Nicht-EingreifenKönnen, muß ich sagen, der zeigt sich jetzt bei den allermeisten Menschen. Ich finde, verzeihen Sie das harte Wort, daß die meisten Menschen höchst ungeschickt sind. Die Menschen werden nicht geschickt. |
| 97 | Sie haben es schwer, geschickt zu werden. Wenn ich Umschau halte über die achthundert Kinder, die wir in der Waldorf schule haben, so kann man nicht sagen, daß sich ein großer Prozentsatz durch große Geschicklichkeit auszeichnet. Sie werden überall bemerken, daß dieses Hineingegossensein des astralischen Leibes und der Ich-Organisation in die physische Organisation bei den meisten Menschen fehlt, weil wir in der Hochblüte des intellektualistischen Zeitalters leben. Unsere Geistesart greift nur ins Knochensystem, nicht mehr ins Muskelsystem ein. Der Mensch, der seine Knochen benützen will, wird deshalb nicht geschickt. Das Intellektuelle ist nur geeignet, ins Knochensystem und seine Beweglichkeit einzugreifen, aber das muß es mit Hilfe der Muskeln tun. Nun ist aber die Unterkriechfähigkeit des astralischen Leibes und der Ich-Organisation ins Muskelsystem denkbar gering. Das hängt davon ab, daß das Zeitalter als solches nicht den tief-religiösen, den ehrlich-religiösen Charakter hat. Die Konfessionen sind nicht wirklich Religion erzeugend. Die Ausbildung von Muskeln an den Knochen hängt davon ab, daß große Vorbilder in der Welt vorhanden sind. Selbst wenn der Mensch nur dem Gedanken nach auf Vorbilder hinschauen kann, entwickelt sich ein Ineinandergreifen des Muskel- und Knochensystems. Die Interesselosigkeit bei diesem Jungen war also von Anfang an ganz besonders vorhanden. Sie sehen aber: das bewahrheitet sich bei diesem Jungen vollständig, daß die Gedanken nicht alteriert werden. Denn die Gedanken, die ein Mensch produziert, die können als solche nicht falsch sein. Es handelt sich nur darum, ob der Mensch sie bei der richtigen Gelegenheit produziert, ob er zu viel oder zu wenig produziert. Sie sind Spiegelungen der äußeren Ätherkonstitution. Wenn er gefragt wird, warum er den Mund offen hält, antwortet er: Damit die Fliegen hineinfliegen können. - Das ist ungeheuer gescheit, das ist aber ein Gedanke, der falsch angewendet ist. Würde er ihn anwenden später, im Gedanken an eine Maschine, die erfunden werden soll, so könnte dieser Gedanke ein großartiger Erfindergedanke werden. Gedanken sind immer richtig, denn sie sind in der Gedankenkonstitution des Weltenäthers darinnen. Das Wesentliche ist, daß eine gewisse Möglichkeit vorliegt, das Geistig-Seelische durch die Körperhülle mit der Außenwelt in der richtigen |
| 98 | Weise zu verbinden. Da handelt es sich darum, daß man bei einem solchen Kinde in zweifacher Beziehung wirkt. Es ist so, daß es sich nun bei einem solchen Jungen darum handelt, daß man möglichst wenig Eindrücke vor ihn hinstellt und diese wenigen Eindrücke zur Assoziation zu bringen versucht. Daß man alles, was man unterrichtend an ihn heranbringt, in so wenig Elementen an ihn heranbringt, daß es übersichtlich ist. Nun werden die Dinge übersichtlich dadurch, daß man sie übersichtlich macht, daß man möglichst darauf sieht - das gilt nicht nur für ihn, das wird sich bewahrheiten auch bei den andern Kindern → daß dasjenige, was die Kinder tun sollen, begleitet wird von solchen Dingen, welche die Aufmerksamkeit erregen. Für solche Kinder, die nicht herauskönnen aus ihrem Körper, die das Seelische nicht hineinbringen, die das Körperliche nicht beherrschen, handelt es sich darum, daß wir ihnen Gelegenheit geben, möglichst viel Interesse zu entwickeln. Nehmen wir an, wir fangen an zu malen (siehe Tafel 9). Tafel 9
Da werden wir vor allen Dingen darauf bedacht sein, daß wir gar nicht ängstlich werden, wenn die Kinder - das geschieht auch in der Waldorfschule, verzeihen Sie den harten Ausdruck - Schweinereien machen. Wenn wir darauf sehen, daß alles immer ganz sauber ist, wenn wir darauf sehen, daß immer alles sauber bleibt, wenn die Kinder aus der Klasse herausgehen, das ist dann ein falsches Prinzip. Darauf muß weniger gesehen werden, dagegen muß darauf gesehen werden: die scharfe Aufmerksamkeit von Seiten des Unterrichtenden muß darauf verwendet werden, daß die Kinder jeden Handgriff, alles was sie tun, in einer gewissen Weise mit Aufmerksamkeit begleiten müssen. Da gehört dazu, daß man wirklich beim Unterrichten ganz dabei ist, und mehr als bei andern Kindern ist es notwendig, daß man bei diesen Kindern beim Unterrichten ganz dabei ist, vor allen Dingen versucht, durch dieses Dabeisein die Gedankenlosigkeit zu vermeiden. |
| 99 | sagen: Sieh einmal, da ist der Baum, jetzt mach den Baum, der draußen steht (siehe Tafel 9). Tafel 9
Man ist eben ganz dabei. Sieh, da kommt das Pferdchen gelaufen. - Dabei weist man auf die Farben hin. Jetzt kommt dem Pferdchen der Mussolini entgegen, der kleine Hund. Der kleine Hund bellt das Pferdchen an, und das Pferdchen, das macht jetzt so mit den Beinen. - Man versucht, mit möglichster Lebendigkeit das Ganze zu verfolgen. Diese Lebendigkeit, die Geistiges trägt, die überträgt sich wirklich auf die Kinder. Man muß, wenn man in dieser Weise auf die Kinder wirken will, Enthusiasmus und Temperament sich anschaffen. Wenn man im Behandeln des Kindes stumpf ist, wenn man immer sitzen will, wenn man nicht aufstehen will, wenn man nicht geneigt ist, möglichst viel selber in Beweglichkeit überzugehen, dann kann man nicht erziehen. Es handelt sich nicht darum, daß man da besonders abgezirkelte Kunstgriffe anwenden kann, sondern daß man von Fall zu Fall dasjenige tut, um was es sich handelt. Tafel 9 Sprache in die deutsche Sprache hinein. Ähnliche Dinge sagt er viel. Geh aweg, - Und Sie können sehen an der Art, wie sich die englische |
| 100 | Sprache in ihm festgelegt hat, wie versteift der Körper ist. Wenn man nun darauf sieht, daß er viel redet, daß man viel Konversation mit ihm macht, sehen Sie, dann ist Stärkeres zu überwinden als bei andern Kindern. Denn dasjenige, was er schon gelernt hat, setzt sich furchtbar stark fest. Dadurch, daß man aber Leben in ihn hineinbringt, immer neues Leben hineinbringt, dadurch wird das Versteifte innerlich beweglich; wenn man es bei ihm zustande kriegt, daß er sagt: Ich bin gewesen -, so hat er viel überwunden. Dann hat er in sich Beweglichkeit hervorgerufen. Das soll man nicht durch Eintrichtern machen, sondern durch unermüdliches Fortsetzen der Konversation. Vor allen Dingen muß ein solches Kind darauf aufmerksam werden, daß man sich für es interessiert, daß man teilnimmt an dem, was es tut. Man fragt ein solches Kind um dasjenige, was es wissen muß, aus dem, was es vorgenommen hat. Man zeigt Teilnahme an dem, was es erlebt hat. Das ist von Wichtigkeit. Nun brauchen Sie sich nur zu vergegenwärtigen, wie Heileurythmie auf einen solchen Jungen wirken kann. Nehmen wir: er macht Rund L. R ist die Drehung, da dreht sich etwas, da ist schon die Beweglichkeit drinnen. Die meisten von Ihnen, die ja beim Eurythmiekurs sitzen, wissen nun aber auch, was das L bedeutet. Denken Sie nur, was die Zunge für Gestaltungskräfte in sich entwickelt beim L. Daher ist L der Buchstabe, der anzeigt das Anschmiegen, das sich Hineinversetzen in etwas. Er braucht das Geschmeidigmachen des Organismus, um sich hineinzuversetzen in etwas. Nun, wenn Sie bedenken, daß bei einem solchen Jungen der Einatmungsprozeß, wie ich es auseinandergesetzt habe, den Ausatmungsprozeß überwiegt, dann werden Sie sich sagen müssen: Wir müssen sehen, daß der Ausatmungsprozeß möglichst mit Teilnahme angeregt wird, das geschieht im M. Das ist der Ausatmungslaut. Wenn man ihn hervorbringt eurythmisch, so kommt in ihm eben das ganze Gliedmaßensystem zu Hilfe. Im N liegt das Zurückleiten ins Intellektuelle. So daß man machen wird R L M N. Tafel 9 - Sie sehen aber auch da: überschaut man einen Tatbestand, dann ist die Sache so, daß man weiß, was man zu tun hat. Man muß wissen, welches die Natur des Lautes ist. Man muß in der Eurythmie darinnenstehen, man muß auf der andern Seite aber auch tatsächlich hineinschauen in die körperliche |
| 101 | Organisation. Beides sind Dinge, die man lernen kann, die in der gegenwärtigen Pädagogik vollständig fehlen. Dann wird man bei einem solchen Jungen selbstverständlich in einem noch höheren Maße einhalten müssen, daß er auf dem Wege des Malens das Schreiben lernen kann. Daher handelt es sich darum, daß man den Unterricht beginnt mit dem Malen in der Weise, wie ich es angedeutet habe. Aus alldem können Sie sehen, daß der astralische Leib und die Ich-Organisation nicht hineindringen in diesen physischen Leib und Ätherleib. Man muß dem zu Hilfe kommen. Man muß daher auch therapeutisch eingreifen. Was muß man unterstützen? Das Nervensystem, insoferne es die Grundlage ist für den astralischen Leib und die Ich-Organisation. Wie kann man das erreichen? Auf das Nervensystem müssen wir zunächst wirken. Wie tut man das? Wir haben da vorzugsweise drei Wege, auf Menschen therapeutisch zu wirken: per os, durch Injektion, durch Bäder oder Abwaschungen. Wenn Sie dem Menschen etwas innerlich eingeben, auf was wirkt es? Auf das Stoffwechselsystem im Grunde genommen. Sie rechnen darauf, daß einfach auf das Stoffwechselsystem gewirkt wird, wenn Sie eingeben. Wollen Sie auf das rhythmische System wirken, dann müssen Sie injizieren, wollen Sie auf das Nervensystem wirken, dann müssen Sie von außen herankommen, dann müssen Sie Bäder geben oder Abwaschungen. Nun wirkt auf die Beweglichkeit des astralischen Leibes, insoferne der astralische Leib untertauchen will, und auch auf die Form des astralischen Leibes stark das Arsen. Leute, die Arsenkuren machen, denen kann man ansehen, wie ihr astralischer Leib ihnen in den physischen Leib hineinrutscht. So daß bei einem solchen Kinde, wo es sich darum handelt, einen Einklang hervorzurufen zwischen astralischem Leib und Ätherleib und physischem Leib, Arsenbäder dasjenige sind, um was es sich handeln muß. Ein gewisses Quantum Levicowasser von bestimmtem Prozentgehalt und darinnen baden lassen, dadurch wird auf das Nervensystem gewirkt und der astralische Leib stark gemacht. Nun muß man hier, da es sich um ein zu schwaches Kräftewirken des Kopfsystems auf den übrigen Körper handelt, muß man auch dem zu Hilfe kommen. Man kann dem Strömen, das vom Kopfe nach der unteren |
| 102 | Organisation geht, das insbesondere in den ersten Lebensjahren stark ist, aber auch noch anhält zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, ja sogar am Ende der Periode stärker ist als im siebenten, neunten oder elften Jahre, kann man diesem Strömen bei einem solchen Kinde zu Hilfe kommen, damit Korrespondenz zwischen Stoff Wechselsystem und Nervensystem ist, dadurch, daß man das Sekret der Hypophyse nimmt. Man nimmt das Sekret der Hypophyse - wir erzeugen es -; es hat die Eigentümlichkeit, daß es diesem Kräfteströmen entgegenkommt und vom Kopfe aus harmonisierend auf das Gliedmaßensystem wirkt. So daß sich zusammensetzen wird die Behandlung aus der Hypophysis cerebri, Arsenbädern und Heileurythmie in der Weise, wie ich es angegeben habe. „Wenn diese Dinge zusammenwirken, wird man mit einem solchen Jungen weiterkommen. Aber sehen Sie, es ist wirklich gerade bei so etwas zu betonen, wie man Sinn haben muß für das Dabeisein bei den Dingen. Man muß gerade beim Erziehen und Unterrichten solcher Kinder durchaus dabei sein. Und aus der anthroposophischen Bewegung werden sich die Möglichkeiten entwickeln, daß man viel dabei ist bei diesen Dingen, wenn überhaupt die Gesinnung da ist, bei allem möglichst viel dabei zu sein. Dem steht doch manches entgegen. Man kriegt manchmal ein bißchen Schmerzen, wenn man in anthroposophische Ansiedlungen oder Zusammenrottungen kommt. Da ist manchmal eine solche bleierne Schwere. Man kriegt die Leute nicht zum Beweglichwerden. Bleierne Schwere ist da; wenn man eine Diskussion beginnt, macht keiner den Mund auf, weil auch die Zunge bleiern schwer ist. Die Leute machen ein «Gesicht bis ans Bauch». Sie sind so wenig geneigt, zum Heiterwerden, zum Lachen zu kommen! Vor allen Dingen, was gehört zum Erziehen von solchen Kindern dazu? Nicht die bleierne Schwere, sondern Humor, wirklicher Humor, Lebenshumor. Man wird trotz allen möglichen gescheiten Kunstgriffen solche Kinder nicht erziehen können, wenn man nicht den nötigen Lebenshumor hat. Also es wird schon Platz greifen müssen in der anthroposophischen Bewegung, daß man Sinn hat für Beweglichkeit. Ich will nicht auf zu viel hinweisen. Aber es ist schon wirklich wahr, am wenigsten wird man verstanden mit dem, was ich, wenn ich gefragt werde, |
| 103 | wenn es sich um die eine oder andere Kalamität handelt, was sollen wir tun, wenn ich da antworte: Enthusiasmus haben. Enthusiasmus haben, das ist dasjenige, auf was es ankommt. - Und auf Enthusiasmus kommt es gerade bei Kindern an, welche abnorm sind. Das ist dasjenige, was ich Ihnen noch heute habe sagen wollen. |