FÜNFTER VORTRAG, Dornach, 30. Juni 1924
Die zwei polarisch entgegengesetzten Anordnungen der menschlichen Wesensglieder. Spätere Paranoia und schwache Stoffwechselorganisation bei schwefelarmem Eiweiß, bei schwefelreichem Eiweiß zu starke Absorption und verschwindende Eindrücke. Grad der Schwefelhaltigkeit bzw. Eisenhaltigkeit; Folgezustände und Behandlung derselben. Mannigfaltigkeit der Begriffe und Formen und das Entwickeln des Sinnes dafür. Rhythmische Wiederholung als therapeutisches Element. Behandlung der zu Zwangsvorstellungen neigenden Kinder. Diät. Schwer und leicht im Bewegungssystem lebende Kinder und deren Behandlung.
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| 76 | Sie konnten schon sehen, wie gewisse Abnormitäten in der Seele, im Seelenleben, die als Erkrankungssymptome auftreten, bei Kindern in einer unbestimmten Weise zutage treten, um sich dann später in bestimmterer Art auszubilden. Und so konnte ich Sie aufmerksam machen darauf, wie dasjenige, was später hysterische Erscheinung wird, im kindlichen Alter in einer ganz eigenartigen, noch unbestimmten Weise auftritt. Um aber die eigentlichen Abnormitäten des kindlichen Alters richtig beurteilen zu können, muß man doch den ganzen Zusammenhang ins Auge fassen zwischen dem vorgeburtlichen Leben des Menschen, das sozusagen den Karmaimpuls hereinträgt ins physische Leben, und der allmählichen Entwickelung des Kindes durch die zwei ersten Lebensepochen, vielleicht sogar darüber hinaus durch die drei ersten Lebensepochen des Kindes. Da werden wir heute zur Vorbereitung zunächst noch etwas mehr Theoretisches besprechen, dann werden wir an praktischen Beispielen alles weiter Nötige besprechen können. Und es wird ja Frau Dr. Wegman uns zunächst schon morgen früh einen Jungen hier zur Verfügung stellen, den wir schon längere Zeit hier in Behandlung des KlinischTherapeutischen Institutes sehen, und an dem wir dann demonstrieren können einiges ganz besonders Charakteristisches. Um Ihnen das aber zu zeigen, was Sie noch vorher wissen müssen, möchte ich schematisch den menschlichen Organismus, die menschliche Totalorganisation vor Sie hinstellen (siehe Tafel 7). Tafel 7 Ich möchte, damit das alles deutlich wird, in der folgenden Zeichnung die Ich-Organisation immer rot zeichnen. Ich möchte dann die astralische Organisation mit diesem Violett zeichnen, möchte dann die Ätherorganisation in diesem Gelb zeichnen, und möchte die physische Organisation in diesem Weiß zeichnen. Wollen wir also heute dasjenige, was für uns in Betracht kommt, ganz genau einmal festhalten, wollen wir uns bemühen, die Sache genau ins Auge zu fassen. Es ist nämlich nicht so in der menschlichen Organisation, daß wir sagen können: Da ist die Ich-Organisation, |
| 77 | da ist die astralische Organisation, da ist die Ätherorganisation und so weiter -, sondern die Sache ist so: Stellen Sie sich einmal vor eine Wesenheit, welche so organisiert ist, daß die IchOrganisation zunächst außen liegt; daß dann weiter nach innen die Astralorganisation liegt, dann die Ätherorganisation kommt, und dann die physische Organisation. So daß wir also gewissermaßen hier ein Wesen haben, das seine Ich-Organisation nach außen präsentiert, weiter nach innen drängt die Astralorganisation, weiter nach innen die Ätherorganisation und am weitesten nach innen drängt die physische Organisation (siehe Tafel 7, Mitte). Tafel 7
Tafel 7 Sehen Sie, jetzt haben wir zwei polarisch sozusagen entgegengesetzte Wesenheiten. Wenn Sie ansehen diese zwei polarisch einander entgegengesetzten Wesenheiten, so können Sie sich sagen: Die zweite Wesenheit wird nach außen eine starke physische Organisation zeigen, in die noch die ätherische Organisation hineinspielt, dann wird mehr nach innen verschwinden die Astral- und Ich-Organisation. - Nun kann aber dadurch, daß das so ist, die Konfiguration etwas sich ändern. Die Konfiguration desjenigen, was ich hier an zweiter Stelle hergezeichnet habe, kann so sein: wir können die physische Organisation gewissermaßen nach oben voll ausgebildet haben und nach unten offen, verkümmert. Wir können dann die ätherische Organisation wiederum nach unten etwas stärker als die physische Organisation ausgebildet, aber doch noch verkümmert haben. Wir können die Astralorganisation schon mehr nach unten ausschweifend haben und die Ich-Organisation gewissermaßen wie eine Art von Faden nach unten gehend. Denn dasjenige, was schematisch hier in Kugelform angeordnet ist, kann nämlich durchaus so erscheinen (siehe Tafel 7, unten links). Tafel 7
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| 78 | Wesen wollen wir so anschließen, daß wir zunächst die Ich-Organisation, die hier außen ist, etwas konfiguriert sein lassen; also statt daß ich einen Kreis gezogen habe, habe ich den Kreis etwas konfiguriert sein lassen. So ist es ja immer in den Bildsamkeiten des Naturwesens, des Weltwesens überhaupt, daß dasjenige, was kugelig, was kreisig ist, sich in verschiedener Weise konfiguriert. Weiter nach innen habe ich jetzt an die Ich-Organisation anzuschließen die Astralorganisation, noch weiter nach innen die Ätherorganisation und endlich ganz nach innen geschlagen die physische Organisation (siehe Tafel 7, rechts). Tafel 7
Und Sie haben das eine, erste Wesen, in den Kopf des Menschen verwandelt. Sie haben das zweite Wesen in das Stoffwechsel-Gliedmaßenwesen des Menschen verwandelt. Und, in der Tat, in Wirklichkeit ist es so, daß wir in der Kopforganisation des Menschen dasjenige haben, wo das Ich sich im Innern verbirgt, der Astralleib auch noch verhältnismäßig sich im Innern verbirgt, und nach außen konfiguriert der physische Leib und der Ätherleib auftreten und die Form geben des Antlitzes. |
| 79 | entgegengesetzte Wesenheiten in uns tragen. Was folgt daraus? Daraus folgt etwas außerordentlich wichtiges. Denken Sie sich, wir nehmen etwas auf durch unseren Kopf, wie bei der Vermittlung durch die Sprache des andern, nehmen etwas auf mit dem Kopf, so geht das zunächst in das Ich hinein, in den Astralleib. Aber die Dinge stehen im Organismus in Wechselwirkung, und in dem Augenblicke, wo etwas hier angeschlagen wird, durch einen Eindruck in der einen Ich-Organisation, vibriert das auch in die andere Ich-Organisation, und in dem Augenblick, wo etwas in die eine astralische Organisation einschlägt, vibriert das auch durch in die andere astralische Organisation. Wenn das nicht wäre, meine lieben Freunde, hätten wir kein Gedächtnis, denn alle Eindrücke, die wir von der Außenwelt bekommen, haben ihre Spiegelbilder in der Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation; und habe ich einen Eindruck von außen, so verschwindet er von der Kopforganisation, die vom Physischen nach dem Ich hinein zentripetal angeordnet ist. Das Ich muß sich aufrecht erhalten, das kann nicht einen einzigen Eindruck stundenlang haben, sonst würde es identisch werden mit dem Eindruck. Aber unten bleiben die Eindrücke, und da müssen sie wieder herauf, wenn erinnert wird. Wenn Sie das aber bedenken, so bekommen Sie folgende Möglichkeit: Es kann das ganze untere System, das polarisch entgegengesetzt ist dem oberen System, im Menschen zu schwach veranlagt sein. Dann geschehen Eindrücke. Diese Eindrücke prägen sich nicht tief genug dem unteren System ein. Das Ich bekommt einen Eindruck. Ist alles normal, so prägt sich das dem unteren System ein, und es wird nur heraufgeholt in der Erinnerung. Ist das System unten, die Ich-Organisation, die ganz peripherisch herumliegt, zu schwach, prägen sich die Eindrücke nicht stark genug ein, so strahlt fortwährend das, was nicht untertaucht in die Ich-Organisation, nach oben zurück, strahlt in den Kopf hinein. Wir haben ein Kind, das so organisiert ist. Wir haben ihm einmal, sagen wir, zum erstenmal eine Uhr gezeigt. Die hat es interessiert. Aber seine Gliedmaßenorganisation ist zu schwach. Dann taucht der Eindruck nicht unter, sondern strahlt zurück. Jetzt beschäftige ich mich mit dem Kinde, fortwährend sagt es: Die Uhr ist schön. - Kaum bin |
| 80 | ich ein paar Worte weitergegangen, so sagt es wieder: Die Uhr ist schön. - Es kommt zurück. Auf solche Anlagen, die manchmal nur ganz leise angedeutet sind, die aber außerordentlich wichtig sind, müssen wir die Aufmerksamkeit in der Erziehung des Kindes richten. Denn bringen wir es nicht zustande, die schwache Gliedmaßen-Stoffwechselorganisation zu stärken, dann wird das auch immer stärker, dieses Zurückschlagen, und im späteren Leben tritt jene paranoische Erkrankung auf, die mit Zwangsvorstellungen verknüpft ist. Dann wird das zu festen, konsolidierten Zwangsvorstellungen. Es weiß, daß sie sich ganz unrichtig hineinstellen in sein Seelenleben, es kann sie aber nicht abweisen. Warum kann es sie nicht abweisen? Weil da oben das bewußte Seelenleben ist, aber das unbewußte unten ist unbeherrscht, es stößt zurück gewisse Vorstellungen, und es treten Zwangsvorstellungen auf. Sie sehen, wir haben es da zu tun mit einem zu schwach ausgebildeten Stoffwechsel-Gliedmaßensystem. Was heißt das? Ein zu schwach ausgebildetes Stoffwechsel-Gliedmaßensystem ist dasjenige, welches verhindert, daß die Eiweißsubstanz im menschlichen Organismus die richtige Menge des Schwefels enthält. Also ein Stoffwechselsystem, das schwefelarmes Eiweiß entwickelt. Das kann nämlich da sein. Da gilt eine andere Stöchiometrie als sonst. Dann tritt dieses ein, was ich jetzt beschrieben habe, daß diese sich im kindlichen Organismus ankündigenden Zwangsvorstellungen kommen. Aber es kann ja auch das Umgekehrte da sein. Das StoffwechselGliedmaßensystem kann so veranlagt sein, daß es eine zu starke Anziehung zum Schwefel hat: dann wird das Eiweiß zu schwefelreich. Dann haben wir im Eiweiß Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, und im Verhältnis dazu zuviel Schwefel. Wir bekommen dann in dieser Stoffwechselorganisation, die ja namentlich von der Zusammensetzung der Substanzen, die darinnen sind, in ihrer Offenbarung beeinflußt ist, den Drang, nicht alles zurückzustoßen, sondern im Gegenteil: Durch den überreichlichen Schwefel werden die Eindrücke zu stark absorbiert, sie nisten sich da zu stark ein. Das ist noch etwas anderes als das Stauen an der Oberfläche der Organe, das ich das frühere Mal beschrieben habe. Das Stauen bewirkt Krampfzustände. Aber hier |
| 81 | haben wir es zu tun nicht mit dem Stauen, sondern mit einem Einsaugen der Eindrücke. Und die Folge davon ist, daß die Eindrücke verschwinden. Wir verursachen, daß das Kind Eindrücke hat, aber wir können nichts machen: gewisse Eindrücke, nach ihrer besonderen Beschaffenheit, verschwinden hinein in die schwefelreiche Eiweißsubstanz. Und nur, wenn wir es dann dahin bringen, diese Eindrücke aus der schwefelhaltigen Eiweißsubstanz wieder herauszukriegen, dann bringen wir ein gewisses Gleichgewicht im geistig-seelisch-physischen Organismus hervor. Denn dieses Verschwinden der Eindrücke in die Schwefelhaltigkeit hinein bewirkt in der Tat einen höchst unbefriedigenden Seelenzustand, weil es innerlich aufregt. Fein, gelinde regt es auf, macht den ganzen Organismus innerlich fein erbeben. Sehen Sie, ich habe öfters gesagt: Psychoanalyse ist Dilettantismus im Quadrat, weil der Psychoanalytiker weder die Seele, noch den Geist, noch den Körper, noch den Ätherleib kennt, er weiß überhaupt nicht, was da vorgeht, er beschreibt nur. Und weil er nicht mehr kann, als beschreiben, sagt er: Die Dinge sind unten verschwunden, man muß sie wieder heraufholen. - Das Merkwürdige ist, daß der Materialismus die Eigenschaften des Materiellen nicht erforschen kann. Sonst würde man wissen, daß dasjenige, was vorliegt, in der Eiweißsubstanz des Willensorganismus, die zu schwefelreich ist, seinen Grund hat. Die Eigentümlichkeit der physischen Substanz findet man erst auf geisteswissenschaftlichem Wege. Und so wäre es schon gut, wenn derjenige, der abnorme Kinder zu erziehen hat, sich einen Blick dafür aneignet, ob ein Kind schwefelreich oder schwefelarm ist. Wir werden ja von den verschiedensten Formen der seelischen Abnormitäten sprechen können, aber wir sollten uns aneignen die Möglichkeit, wirklich nach bestimmten Symptomen in bestimmte Fährte hingetrieben zu werden. Wenn ich ein Kind zur Erziehung bekomme, bei dem ich sehe, daß Eindrücke zunächst Schwierigkeiten machen, so kann das natürlich zurückzuführen sein auf solche Zustände, wie ich sie in den letzten Tagen beschrieben habe. Es kann aber auch auf das heute Beschriebene zurückzuführen sein. Wie kann ich da vorgehen? Zunächst sehe ich mir das Kind an. Man hat es zunächst kennengelernt; |
| 82 | man muß es kennenlernen. Zunächst sehe ich es mir an und nehme eines der oberflächlichsten Symptome: die Färbung der Haare. Hat das Kind schwarze Haare, so werde ich nicht viel danach suchen, ob es schwefelreich sein könnte; denn wenn es schwarze Haare hat, kann es höchstens schwefelarm sein. Und ich werde dann, wenn abnorme Symptome da sind, sie in irgendeiner andern Sphäre suchen müssen als in einem Schwefelreichtum, höchstens in der Schwefelarmut bei schwarzhaarigen Kindern. Und wenn sich dann noch zeigen wiederkehrende Vorstellungen, so muß ich woanders suchen als im Schwefelreichtum. Habe ich aber ein blondes oder ein rothaariges Kind, so werde ich in der Richtung des Schwefelreichtums der Eiweißsubstanz suchen. Blonde Haare kommen von zu reichlichem Schwefel, schwarze Haare von Eisenhaltigkeit des menschlichen Organismus. So können wir bis in die physische Substantialitat hinein die sogenannten geistigseelischen Abnormitäten verfolgen. Nun, nehmen wir einen solchen feuerspeienden Berg, ein schwefelhaltiges Kind, das also gewissermaßen in die Willensregion hineinsaugt die Eindrücke, so daß sie sich darin versteifen und nicht heraus können. Diese Erscheinung können wir beim Kinde sehr bald bemerken. Das Kind wird Depressionszustanden unterworfen sein, melancholischen Zuständen. Es quälen diese verborgenen Eindrücke, die da im Inneren sind. Wir müssen sie an die Oberfläche heben, müssen nicht psychoanalytisch im heutigen Sinne vorgehen, sondern im richtigen Sinne psychoanalytisch. Das können wir dadurch, daß wir uns nun bekanntmachen mit demjenigen, wovon wir merken, daß es beim Kinde mehr oder weniger verschwindet. Und so sollten wir das Kind, das uns entgegentritt auf der einen Seite mit innerlicher Aufgeregtheit, auf der andern Seite mit einer gewissen äußeren Apathie, so ins Auge fassen, daß wir uns genau bewußt werden: an was erinnert sich dieses Kind leicht, was läßt es in sein Inneres verschwinden? Dasjenige, was ihm nicht wieder auftritt, sollten wir möglichst in rhythmischer Folge immer wieder und wiederum vor das Kind bringen. In dieser Beziehung, meine lieben Freunde, läßt sich sehr viel tun. Manchmal auf eine viel einfachere Weise, als man denkt; denn Heilen und Erziehen - und beide sind ja miteinander verwandt - beruht ja nicht so sehr darauf, |
| 83 | daß man allerlei Mixturen, seien es physische, seien es seelische, kompliziert hervorbringt, sondern daß man weiß, was eigentlich hilft. Deshalb haben wir es ja auch mit unseren Heilmitteln etwas schwer. Mit Recht verlangt natürlich der Arzt von unseren Heilmitteln, daß wir ihm sagen, was es ist, weil er es wissen möchte. Aber da die Heilmittel in der Regel darauf beruhen, daß man weiß, was hilft, da es einfache Substanzen sind, so kann in dem Augenblick, wo man es gesagt hat, jeder sie nachmachen. Rechnet man zu gleicher Zeit auf ökonomische Arbeit, so ist man in einer Zwickmühle. Es handelt sich also darum, das, was angewendet werden soll, wirklich zu kennen, darauf wirklich zu kommen. Ich habe es in der Waldorfschule öfters erlebt, daß Kinder da sind, die in einer gewissen Weise Apathie zeigen, aber auch wieder innere Aufgeregtheit zeigen. So hatten wir insbesondere in der Klasse, die Herr Killian hat, einen in dieser Richtung sehr sonderbaren Kauz. Er war aufgeregt und apathisch zugleich. Jetzt ist er schon besser geworden. Als er in der dritten Klasse war - jetzt ist er in der fünften -, aber als er noch in der dritten Klasse war, zeigte sich seine Apathie darin, daß man nicht leicht etwas an ihn heranbrachte. Er nahm nichts auf, lernte langsam und schwer. Aber kaum ging Herr Killian von der hinteren Bank weg und beugte sich vorn zu einem andern, flugs war der Feuerstein da und gab dem Herrn Killian eins hintendrauf. Und so war er zu gleicher Zeit innerlich willensmäßig ein Quecksilber, intellektuell ein apathisches Kind. Ja sehen Sie, solche Kinder, mehr oder weniger mit solchen Anlagen, gibt es viele. Nun handelt es sich darum, daß bei solchen Kindern in der Regel das da ist, daß sich die Absorptionsfähigkeit für äußere Eindrücke auf ganz bestimmte Arten von Eindrücken beschränkt, die bestimmten, typischen Charakter haben. Wenn man nun einen richtigen Einfall hat - und das kommt einem, wenn die richtige Gesinnung da ist -, dann findet man zum Beispiel für das Kind einen bestimmten Satz, und man bringt das Kind gerade auf diesen Satz. Das kann Wunder wirken. Es handelt sich nur darum, daß man die ganze Strebensrichtung des Kindes in einer gewissen Weise orientiert. Dahin muß es aber eigentlich doch der Erzieher bringen. Er kann es leicht dahin |
| 84 | bringen, wenn er nicht gar zu gescheit sein will, wenn er so leben will, daß ihm die Welt anschaulich wird, daß er nicht zuviel über die Welt nachdenkt, sondern sie anschaulich nimmt. Denken Sie doch nur einmal - und das ist etwas, was Sie in die Gesinnung aufnehmen müssen, wenn Sie abnorme Kinder erziehen wollen -, wie langweilig es ist, immer wieder mit ein paar Begriffen, die der Mensch hat, operieren zu müssen. Es ist furchtbar langweilig und öde, das Seelenleben vieler Menschen, weil sie mit ein paar Begriffen operieren müssen. Die Menschheit kommt zu stark in die Dekadenz hinein mit diesen paar Begriffen. Wie schwer ist es heute schon für den Dichter, Reime zu finden, weil alles schon abgereimt ist. Ebenso ist es in den andern Künsten: überall Anklänge, weil eigentlich alles schon durchgemacht ist. Denken Sie sich nur, wie Richard Strauß, der jetzt so berühmte und berüchtigte, alles mögliche schon ins Orchester hineinsetzt, um nicht nur die ewigen alten Dinge zu bringen! Dagegen, wie interessant ist es, ich will sagen, nur einmal alle möglichen Nasenformen zu studieren - jeder Mensch hat eine andere Nase - und sich einen Blick anzueignen für alle möglichen Nasenformen! Da hat man Mannigfaltigkeit darinnen. Da hat man auch die Möglichkeit, die Begriffe innerlich lebendig zu machen, da geht man immer über von einem zum andern. Nun, nicht wahr, ich habe nur die Nasenformen herausgegriffen; wenn man für Formen, für Anschaubares Sinn entwickelt, dann lebt man sich allmählich in eine Seelenstimmung hinein, bei der einem etwas einfällt, wenn die Veranlassung dazu da ist. Und Sie werden es eben erleben, meine lieben Freunde, daß, wenn Sie sich so in ein anschauliches, wenn ich so sagen soll, Anschauen der Welt hineinleben, nicht in ein denkendes, dann werden Sie es erleben, daß, wenn Sie so ein Kind haben, das innerlich schwefelig, regsam ist, äußerlich apathisch ist, Ihnen dann durch die Anschauung an seiner Konfiguration so etwas aufgeht an dem Kinde, das Ihnen die richtige Idee herbeiführt. Sie werden das Gefühl haben, diesem Kinde muß ich sagen jeden Morgen: Die Sonne bescheint den Berg - oder irgend etwas; es kann eine ganz gleichgültige Sache sein. Es handelt sich darum, daß so etwas rhythmisch an das Kind von außen dringt. Wenn es so rhythmisch von außen herandringt, wird alles in ihm befindliche Schweflige |
| 85 | entlastet, wird freier. Und wir erreichen also bei solchen Kindern, welche behütet werden sollen in zarter Kindheit, daß sie nicht später die beliebten Objekte der Psychoanalytiker werden, wir erreichen bei solchen Kindern sehr viel, wenn wir gerade auf ihr rhythmisches Wesen rechnen, und wenn ihnen immer wieder von außen herein durch uns so etwas beigebracht wird. Aber sehen Sie, es wirkt schon günstig, wenn man so etwas überhaupt zur allgemeinen Regel macht. Bei uns in der Waldorfschule werden die Stunden begonnen mit einem Spruch, der schon an sich in rhythmischer Folge jeden Tag das Vorstellungsleben in einer gewissen Weise durchsetzt. Dadurch wird schon manches gerade von dem zu starken Absorbieren im Organismus freigelegt. Nun sollten abnorme Kinder, wenn man sie richtig behandeln will, doch eigentlich jeden Morgen in gewissen Gruppen vereinigt werden. H a t man eine geringe Anzahl von abnormen Kindern, so kann man ja zunächst alle einmal zusammennehmen. Und da kann etwas ganz Wunderbares herauskommen, wenn man einen gebetartigen Spruch die Kinder sagen läßt, selbst wenn solche darunter sind, die nichts sagen können. Es ist doch eine wunderbar ausgleichende Wirkung in dem, was da chormäßig zustande kommt. Es wird also sich vorzugsweise darum handeln, daß man für solche Kinder, bei denen Eindrücke verschwinden, durch rhythmische Wiederholung hervorruft bestimmte Eindrücke, die man etwa alle drei bis vier Wochen wechseln kann, daß man immer wieder von außen solche Eindrücke bringt und dadurch das Innere freilegt, so daß auch das Eiweiß sich allmählich seinen höheren Schwefelgehalt abgewöhnt. Worauf beruht da die Sache? Die Sache beruht darauf, daß das Innere die Eindrücke nicht zurückgibt, also es geht etwas zu Schwaches von unten herauf, das ist negativ. Bringen wir dagegen ein Starkes von oben heran, so regen wir das Schwache hier zu einer stärkeren Tätigkeit an (siehe Tafel 8). Tafel 8
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| 86 | immer wiederum derselbe Satz, derselbe Eindruck an das Kind heran, wenn wir jetzt von außen wiederum einen Eindruck formen, von dem wir instinktiv glauben, daß er für dieses Kind passen kann, aber jetzt diesen Eindruck wie in ganz leisem Raunen ihm beibringen, lispelnd diesen Eindruck an das Kind heranbringen. Also die Behandlung kann die folgende sein: Sieh' einmal, das ist rot! - Das Kind: Die Uhr ist schön. - Der Lehrer: Du mußt auf das Rote aufmerksam sein! - Das Kind: Die Uhr ist schön. - Jetzt versuche man immer leiser und leiser einen bestimmten Eindruck, der sogar einfach den ersten paralysierend ist, ganz leise zu wiederholen: Die Uhr vergiß! - Die Uhr vergiß! - Die Uhr vergiß! - Also in dieser Weise raunen zum Kinde, und Sie werden sehen, nach und nach, durch dieses Raunen, durch dieses rhythmisch raunende Absprechen von der Zwangsvorstellung, wird die Zwangsvorstellung sich bequemen, auch immer leiser zu werden. Es ist das Merkwürdige, wenn sie ausgesprochen wird, wird sie schwächer gemacht, sie dämpft sich allmählich ab, und zuletzt kommt das Kind über die Sache hinaus, so daß wir auch das in der Hand haben und in der Tat durch unsere einfache seelische Behandlung außerordentlich viel bewirkt werden kann. Ja, solche Dinge müssen nur gewußt werden. Denn stellen Sie sich nur vor, in der gewöhnlichen Schule: Sie haben eine Klasse, darin sind Kinder, die zunächst schon solche Anlagen zu Zwangsvorstellungen haben, aber noch leise. Sie werden nicht in Klassen für Minderbegabte versetzt, sondern sie gehen mit in der Klasse. Aber es ist ein donnernder Lehrer da, der alles so andonnert, daß die Wände einstürzen. Dann werden aus solchen Kindern richtige Verrückte, die an Zwangsvorstellungen leiden. Es wäre nicht eingetreten, wenn der Lehrer gewußt hätte, daß er unter Umständen auch seine Stimme dämpfen muß, und daß er den Kindern leise hätte etwas zuraunen müssen. Es kommt viel darauf an, daß wir uns in der richtigen Art zu den Kindern verhalten. Dann kann natürlich gerade bei diesen Dingen sich die psychische Behandlung einfach mit dem gewöhnlichen Therapeutischen verbinden. Wir werden natürlich, wenn wir ein Kind haben, bei dem Eindrücke verschwinden, gut tun,uns zu sagen: Nun, wir wollen bei diesem Kinde vor allen Dingen einmal die starke Neigung zur Schwefelbildung im |
| 87 | Eiweiß bekämpfen.- Das können wir schon dadurch,daß wir das Kind in der richtigen Weise ernähren. Geben wir ihm zum Beispiel viel Fruchtnahrung oder viel von derjenigen Art von Nahrung, die aus der Fruchtsubstanz kommt, so werden wir sein schwefliges Wesen fördern. Geben wir ihm eine Diät, die mit Wurzeligem zusammenhängt, die zusammenhängt mit alledem, was nicht zuckerreich, sondern salzreich ist - natürlich dürfen wir ihm nicht die Suppe versalzen, sondern wir müssen das geben, wo das Salz verarbeitet ist -, dann werden wir ein solches Kind heilen können. Und sehen Sie, man kommt auf solche Dinge dadurch, daß man sich einen Blick aneignet für das, was geschieht. Herr Dr. Steiner erzählt eine Beobachtung aus seinem Leben: Die Bevölkerung einer bestimmten Gegend bevorzugte instinktiv eine bestimmte Diät, die einem in der dortigen Gegend herrschenden Leiden entgegenwirkte. Also durch eine entsprechende Diät gerade bei solchen Kindern, die später das Objekt für Psychoanalytiker werden, wäre es viel besser, statt sie dem Psychoanalytiker auszuliefern, sie mit etwas salzhaltiger Nahrung im kindlichen Alter zu behandeln. Nehmen Sie den umgekehrten Fall: Kinder, die nicht absorbieren die Eindrücke, bei denen sie zurückströmen, die schwefelarm sind, die wird man physisch am besten so behandeln müssen, daß man ihnen möglichst viel Obstnahrung beibringt, daß man sie gewöhnt, gerne Obst zu essen. Und kommt das schon stark ins Pathologische herüber, dann versucht man, ihnen auch namentlich Aromatisches beizubringen, Früchte mit Aroma. Denn im Aroma liegt ein starkes schwefeliges Element. Und wenn es gar zu pathologisch wird, muß man direkt therapeutisch mit Sulfur vorgehen. Aber Sie sehen, gerade aus der geistigen Betrachtung der Sache kommt man auch auf die Therapie, die man in einem solchen Fall anzuwenden hat. Und das ist wichtig, daß man sich niemals zufrieden gibt mit der bloßen Beschreibung einer Erscheinung - denn da hat man nur die Symptomatologie -, sondern daß man versucht, wie ich es dargestellt hatte, in das innere Gefüge des Organismus hineinzusteigen. Nun sehen Sie, das sind Unregelmäßigkeiten, die dadurch hervorgerufen werden, daß sozusagen das Untere zum Oberen im Menschen nicht richtig paßt, daß die Eindrücke, die das Obere, die Kopforganisation |
| 88 | bekommt, nicht die richtige Resonanz finden in der Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation. Nun kann es aber auch so sein, daß im ganzen die Ich-Organisation, die astralische und die ätherisch-physische Organisation nicht zusammenpassen, daß, sagen wir, die physische Organisation zu dicht ist. Ja, dann haben wir das vor uns, daß das Kind absolut nicht in die Lage kommt, seinen Astralleib in diese verdichtete physische Organisation unterzutauchen. Es bekommt also einen Eindruck in den Astralleib, der Astralleib kann die entsprechende Astralität des Stoffwechselsystems zwar anregen, aber diese Anregung geht nun nicht in den Ätherleib und namentlich nicht in den physischen Leib über. Wir können dieses beobachten, ob es so ist, wenn wir merken, daß das Kind es nicht recht zustande bringt, wenn wir sagen: Marschiere einmal, gehe einmal fünf, sechs Schritte! - Es versteht nicht recht, was es tun soll, das heißt, es versteht das Wort ganz gut, aber es bringt es nicht in die Beine hinein, es ist, als ob die Beine es nicht aufnehmen wollten. Daß der physische Körper zu verhärtet ist und auch Gedanken nicht aufnehmen will, das Kind schwachsinnig erscheint, das merken wir am ehesten, wenn wir Schwierigkeiten finden beim Kinde, wenn wir ihm etwas befehlen, was durch die Beine ausgeführt werden soll, und das Kind zögert, seine Beine überhaupt in Bewegung zu setzen. Solche Zustände werden dann, weil eben der Körper zu schwer wirkt, seelisch begleitet sein von depressiv-melancholischen Stimmungen. Dagegen, wenn die Beine gar nicht abwarten irgendeine Aufforderung, sondern immer laufen wollen, dann haben wir im Kinde die Anlage zum Maniakalischen. Es braucht sich zunächst nur ganz schwach zu zeigen, aber in den Beinen merkt man das alles zuallererst. Daher sollte es durchaus auch in den Bereich der Beobachtung fallen, was das Kind sonst mit seinen Beinen und mit seinen Fingern tut. Sehen Sie, ein Kind, welches am liebsten seine Hände und Beine - man kann es auch an den Händen beobachten - auf alles fallen läßt, überall aufliegen läßt, das hat die Anlage zum schwachsinnig werden. Ein Kind, das fortwährend seine Finger bewegt, das alles anfaßt, überall mit den Füßen herumschlägt, hat die Anlage, stark maniakalisch zu werden, tobend eventuell zu werden. Aber, was wir am stärksten an den Gliedmaßen bemerken, können wir an aller Tätigkeit bemerken; nur bei |
| 89 | gewissen, mit Geistigem verknüpften Tätigkeiten tritt es schwächer, aber besonders charakteristisch hervor. Denken Sie nur einmal, wie stark bei manchem Kinde das Folgende der Fall ist: Es lernt irgendeinen Handgriff, sagen wir, es eignet sich an die Möglichkeit, ein Gesichtsprofil zu zeichnen. Es kann gar nicht mehr aufhören, überall, wenn es einen Menschen sieht, möchte es sein Gesichtsprofil zeichnen. Es wird ganz mechanisch. Das ist ein sehr schlechtes Zeichen für ein Kind. Und es läßt sich gar nicht davon abbringen. Wenn es dabei ist, ein Profil zu zeichnen, kann ich zu ihm reden, was ich will, ihm selbst eine Leckerei bringen, es bleibt dabei, das Gesichtsprofil muß aufgezeichnet werden. Das hängt zusammen mit dem maniakalischen Charakter des Ausschweifens des Intellektualistischen. Dagegen der Drang, selbst wenn alle Bedingungen dazu da sind, nichts zu tun, nicht überzugehen zur Arbeit, das hängt wiederum zusammen mit dem Schwachsinn, der im Anzüge sein kann. Das alles weist uns doch eben darauf hin, wie nach beiden Richtungen hin, indem wir die Glieder in regelmäßiger Weise beherrschen lernen, wir dem Schwachsinn und dem Maniakalischen entgegenwirken können. Und da haben Sie den unmittelbaren Übergang gerade bei schwachsinnigen Kindern zur Heileurythmie. Wenn Sie ein schwachsinniges Kind vor sich haben, so haben Sie die Notwendigkeit, sein Stoffwechsel-Gliedmaßensystem überzuführen in die Beweglichkeit. Dadurch wird angeregt sein Geistiges. Tafel 8 Lassen Sie es R L S I machen, und Sie werden sehen, wie günstig Sie auf das Kind wirken. Haben Sie es mit einem maniakalischen Kinde zu tun, wissen Sie, wie es zusammenhängt mit dem Gliedmaßen-Stoff Wechselsystem, lassen Sie es MN BP AU machen, und Sie werden wiederum sehen, wie das auf seinen maniakalischen Charakter zurückwirkt. Wir müssen eben überall diesen innigen Zusammenhang, der beim Kinde noch da ist, zwischen dem Physisch-Ätherischen und dem Seelisch-Geistigen berücksichtigen. Dann kommen wir auch zu den entsprechenden Behandlungsmethoden. |