Dornach, 14. April 1921, DRITTER VORTRAG : Heileurythmie-Kurs gehalten in Dornach für Eurythmisten und Ärzte III
Das Sich-Auseinandersetzen mit der Außenwelt in der Sprache beim Konsonantieren; das Verselbsten durch Tätigkeit im Innern beim Vokalisieren. Drei Einteilungsprinzipien für das Ausbilden des eurythmischen Konsonantierens: Vokalische Tingierung beim Aussprechen des betreffenden Lautes; Bewegung polarisch zum eigentlichen Sprechvorgang (Blase-, Stoß-, Zitter-, Wellenlaut); Lippen-, Zahn-, Gaumenlaut und die gegenseitige Alterierung der Einteilungsprinzipien. Die sprachphysiologischen Vorgänge beim Sprechen der Vokale A, U, O, E und ihre polarische Wirkung in der heileurythmischen Anwendung. Willensbewegung und Intellektbewegung. Das durch den Intellekt verlorene Bildhafte der Sprache als innerliche Krankheitsursache. Krankwerden durch die Zivilisation und Heilung durch die Eurythmie.
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sagen vorbereiten, das wir dann morgen physiologisch und psychologisch
vertiefen wollen. Nun, dasjenige was ausgebildet ist als Form des Konsonantierens, bei dem ist wirklich durchaus Rücksicht genommen auf alles,
was in Betracht kommt, wenn der Mensch versucht, sprachlich in die
Außenwelt einzudringen. Wer die Sprache beobachten will, der wird ja
sehen, wie das Sich-Auseinandersetzen des Menschen mit der Außenwelt
darinnen bestehen muß, daß der Mensch in einem Falle gewissermaßen
sehr stark sich hinauslebt in die Außenwelt, daß er sich sehr stark entselbstet und in die Außenwelt hinauslebt. Beim Vokalisieren verselbstet er sich,
beim Vokalisieren geht er nach dem Inneren und entfaltet da seine Tätigkeit. Beim Konsonantieren wird er gewissermaßen eins mit der Außenwelt, aber in verschiedenen Graden. Und dieses in verschiedenen Graden
Einswerden mit der Außenwelt, das drückt sich auch in gewissen Betätigungen innerhalb der Sprache durchaus aus. Und es muß natürlich bei der
Ausbildung des eurythmischen Konsonantierens, gerade bei diesem sinnlich-übersinnlichen Schauen, von dem ich oftmals spreche in den Einleitungen zu eurythmischen Kunstvorstellungen, bei diesem sinnlich-übersinnlichen Schauen muß scharf berücksichtigt werden, ob der Mensch nun
vollständig sich hinausobjektiviert, um gewissermaßen das Geistige, das
draußen in den Dingen ist, in dem Laut zu erfassen, oder ob er mehr, trotz
des Sich-Objektivierens, noch im Inneren bleibt und nicht eigentlich ganz
hinausgeht, sondern im Inneren noch das Äußere nachbildet. Da ist ein
großer Unterschied, und ich bitte aus diesem Grunde, vielleicht ist Frau
Baumann so gut und macht uns zunächst, sagen wir, vor eine H-Bewegung. Und jetzt, bitte, wenden Sie den Blick ganz ab von dieser H-Bewegung und Frau Baumann wird nun eine F-Bewegung vormachen. Und
jetzt behalten Sie gut im Auge dasjenige, was Sie bei diesen verschiedenen
Bewegungen, bei diesen zwei voneinander verschiedenen Bewegungen da
beobachten können. Sie können da beobachten dasjenige, was Sie aus dem
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menschlichen Instinkt heraus in dem Aussprechen, in dem Auszusprechenversuchen des betreffenden Lautes darinnen haben. Nehmen Sie das
Aussprechen des H. Eigentlich sprechen Sie ja dieses H in Wirklichkeit
Ha; eigentlich sprechen Sie ja einen Vokal nach. Sie können ja auch einen
Konsonanten nicht erklingen lassen, ohne daß er durch einen Vokal tingiert wird. Sie sprechen ein A nach. Der reine Konsonant wird vervokalisiert. Und wenn Sie nun das F betrachten, dann werden Sie sehen, daß aus
dem menschlichen Sprachinstinkte heraus ein E vorgesetzt wird: eF. Es
wird das Entgegengesetzte gemacht, es wird ein E vorgesetzt.
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Daraus ersehen Sie, daß, indem der Mensch ein H spricht, er sich mehr
bemüht, das Geistige durch die Sprache in dem äußeren Objekt draußen
aufzusuchen; indem er ein F spricht, bemüht er sich mehr, das Geistige im
Inneren nachzufühlen. Daher ist die Entstehung des Konsonantischen eine
ganz verschiedene, je nachdem man versucht, die vokalische Tingierung
von vorne oder von hinten zu machen, wenn ich mich so ausdrücken darf
in bezug auf das Konsonantieren. Und das werden Sie sehen ausgedrückt
in der Form, die Sie gesehen haben.
Vielleicht macht Fräulein Wolfram das H noch einmal. Also H, da
haben Sie das starke Aufgehen in die Außenwelt, man will nicht in sich
bleiben, man will heraus, um im Äußeren zu leben. Das F: Sie sehen das
starke Bestreben, nicht allzuscharf in die Außenwelt zu gehen, sondern
im Inneren zu verbleiben.
Nun aber, wenn man das berücksichtigt, dann wird man natürlich von
da ausgehend über manches, was auch schon ins Eurythmische einfließen
muß, eine Vorstellung bekommen, die zunächst noch nicht nötig war,
soweit wir die eurythmische Kunst betreiben, die aber nötig werden wird,
je mehr die eurythmische Kunst ausgedehnt wird auf die verschiedenen
Sprachen. In dem Augenblick nämlich, wo man nicht eF sagt, sondern Fi,
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in dem Augenblicke ist das anders, in dem Augenblicke versucht man
auch, mit diesem Konsonanten das Äußere zu umfassen, und es weist das
auf eine wichtige historische Tatsache hin. In Griechenland, im alten Griechenland versuchten ja die Menschen das Äußere zu erfassen selbst in
solchen Dingen, wo der moderne Mensch schon innerlich geworden ist.
Sie sehen, wie man bis in die äußersten Ranken des menschlichen Erlebens
verfolgen kann dasjenige, was ich zum Beispiel in den «Rätseln der Philosophie» ausgedrückt habe, dieses Herausgehen des Menschen und das
Erfassen in der Außenwelt desjenigen, was der heutige Mensch im Ich
schon ganz innerlich erlebt. Der Grund, warum aus solchen Dingen heraus die Geisteswissenschaft nicht angenommen wird, ist lediglich der,
daß die Menschen im allgemeinen in unserer Zivilisation zu faul sind. Sie
müssen zu viele Dinge berücksichtigen, um auf die Wahrheit zu kommen,
sie wollen sich das einfacher machen. Aber das geht eben nicht. Sie möchten sich das alles einfach machen; das geht eben nicht.
Nun, das zunächst in bezug auf das eine, was hineingeflossen ist in die
Konsonantierung. Dann ist etwas zu berücksichtigen, wenn man die Konsonantierung ins eurythmische Gebiet hineingehend fassen will, dann ist
etwas zu berücksichtigen, was heute, glaube ich, im Unterricht schon
weniger berücksichtigt wird, auch in der Physiologie, bei der Lautphysiologie weniger berücksichtigt wird als das dritte, wozu wir dann gleich
kommen. Um das zu veranschaulichen, bitte ich Sie, wiederum zu vergleichen. Hier handelt es sich darum, daß man sich die Anschauung erwirbt.
Man kann natürlich nicht bis ins Ende desjenigen, was man mit der
Anschauung macht, in den Begriff hinein.
Vielleicht ist Frau Baumann so gut, uns ein H nochmals zu machen, und
jetzt, nachdem Sie das abtönen lassen, macht uns Frau Baumann ein D. Sie
werden da folgendes zu beachten haben: Indem Sie das H anschauen, hat es
eine Bewegung, welche sehr abweicht von dem, was zunächst im Sprechen
vor sich geht, denn in bezug auf die Eigenschaft, die ich jetzt meine, muß das
Eurythmische polarisch sich verhalten zu dem, was der eigentliche Sprechvorgang ist. Der Sprechvorgang, Sie wissen, ich habe es vorgestern dargestellt, ist ein Zurückreflektieren vom Kehlkopf aus. Der eurythmische Vorgang muß das äußerlich ausdrücken. Er drückt es aus in der Bewegung. Da
muß man für gewisse Fälle durchaus ins ganz Polarische übergehen. Nun,
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was ist das H für ein Laut? Das H ist im wesentlichen ein Blaselaut. Es ist
eigentlich ein Blasen, wodurch man das H zustande bringt. Will man das
eurythmisch ausdrücken - und das H ist in dieser Beziehung besonders
charakteristisch, bei den andern Konsonanten muß es wieder abgetönt werden, aber bei H und D zum Beispiel ist es besonders charakteristisch -, da
haben Sie da, wo man blasen muß [im Aussprechen], eine ausgesprochen
stoßige Wirkung in der Eurythmie. Wenn Sie D aussprechen, haben Sie
im Aussprechen eine stoßige Wirkung. Die müssen Sie [in der Eurythmie]
polarisieren dadurch, daß Sie sie überführen in diese eigentümliche Bewegung, die beim D da war. Also es wird gerade das Stoßige des Sprechens in
den Bewegungen des Lautes abgelähmt.
So also sehen Sie, daß, je nachdem man Blaselaute oder Stoßlaute hat,
gerade diese Eigenschaft besonders berücksichtigt werden muß. Nun sind
die Laute ja nicht bloß Blaselaute und Stoßlaute. Wodurch aber sind die
Laute Blaselaute und Stoßlaute? Sehen Sie, wenn man einen ausgesprochenen Blaselaut hat, dann drückt man in dem Blasen aus die Tatsache, daß
man so recht stark hinaus möchte aus sich; in dem Stoßen, daß es einem
schwer wird, das Hinausgehen aus sich, daß man darinnenbleiben möchte.
Aus diesem Grunde muß ja auch die eurythmische Umsetzung des Lautes
in der Weise erfolgen, wie Sie gesehen haben.
Nun aber hat man auch Laute, welche das Innere mit dem Äußeren
sorgfältig verbinden, Laute, die eigentlich physiologisch so sind, daß man
sagt, man bringt dasjenige, worinnen man sich eigentlich so betätigen
möchte, daß das Innere gleich ein Äußeres wird, daß man gleich mit seinem ganzen Menschen in die Bewegung hineingeht, das bringt man zum
Stillstand, das hält man auf. Und das ist in ausgesprochener Weise dann der
Fall, eigentlich nur deutlich in unserer Sprache bei einem einzigen Laut,
dem R, aber es ist deshalb auch das R der umfassendste Laut, weil man
nämlich wiederum mit jedem Gliede, möchte ich sagen, dem Sprachorganismus nachlaufen möchte, wenn man das R ausspricht. Man hat eigentlich beim R das Bestreben, daß man das Nachlaufen zur Ruhe bringt. Die
Lippen möchten nach, wenn sie das Lippen-R sprechen und bringen das
Nachlaufen zur Ruhe, die Zunge möchte nach, wenn sie ein Zungen-R
spricht, und endlich der Gaumen möchte nach, wenn das Gaumen-R ertönt. Diese drei R sind ja deutlich voneinander verschieden, aber sie sind
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doch wiederum eins, und in der Eurythmie drücken sie sich aus (Frau
Baumann: R). Also es ist ausgedrückt das In-Schwung-Bringen desjenigen, was man sonst in Stillstand bringt. Gerade dieses Nachlaufen der
Lautbewegung, das ist in diesem R zum Ausdruck gekommen. Und man
wird, wenn man will das andere ausdrücken, das Lippen-R besonders
dadurch ausdrücken, daß man die Bewegung weiter nach unten führt, das
Zungen-R, indem man sie mehr in der Horizontalen macht, und das Gaumen-R, indem man sie mehr nach oben macht. Dadurch kann man modifizieren den R-Laut in der eurythmischen Bewegung. Aber Sie sehen, seine Form kommt zustande, indem man das Zitternde des R in den Hintergrund treten läßt und mehr das Nachlaufen in ihm zum Ausdrucke bringt.
Ein ähnlicher Laut, aber so, daß man nicht ein Zittern hat in der Bewegung, sondern eine Art Welle, ist das L (Fräulein Wolfram: L). Also, Sie
sehen jetzt, es ist etwas von derselben Bewegung drinnen wie im R, aber es
ist ein sanfteres zur Ruhe Kommendes, ein sanfteres Erfassen des Nachlaufens, es ist eben eine Welle im Gegensatz zum Zittern, was da zum
Ausdrucke kommt.
Das wäre dasjenige, was sich bezöge innerlich, physiologisch, möchte
ich sagen, auf das vokalisierende Tingieren des konsonantischen Lautes
und auf das schon mehr ins Physische übergehende nun Tingieren mit
dem Gefühle. Nun, die alleräußerste Einteilung gewissermaßen der Laute
bekommt man dadurch zustande, daß man sich an die Organe hält, und da
können wir etwa, indem wir wiederum vergleichen die entsprechenden
Bewegungen, können wir für die Anschauung dasjenige entwickeln, was
da an alleräußersten Einteilungsprinzipien, äußerlichsten Einteilungsprinzipien herauskommt. Nämlich nehmen wir einmal ein B (Frau Baumann:
B). Das ist ein B, und jetzt schließen wir gleich an etwa ein T. Nun, Sie
sehen aus dem, aus der ganzen Lage, die da als das dritte berücksichtigt
werden muß, die sich auch ganz anschaulich in der sinnlich-übersinnlichen Anschauung ergibt, Sie sehen aus der ganzen Lage, daß wir es in dem
B mit einem Lippenlaut, in dem T mit einem Zahnlaut zu tun haben. (Fräulein Wolfram, machen Sie uns ein K) K: Da ist überhaupt von der Lage
herausgegangen, und die Hauptsache liegt in der Bewegung. Da haben wir
es mit einem Gaumenlaut zu tun, der in der Aussprache, in der Tonaussprache der ruhigste ist, der aber in die Bewegung übergehen muß, in seine
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polarische Gegenseite in der äußerlichen Eurythmisierung. Nun, es übergreifen sich die Konsonanten in bezug auf diese ihre Eigenschaften; die
eine Einteilung greift eben in die andere hinein, und wir können etwa folgendes uns als eine Art Hilfe merken:
Nehmen Sie die Lippenlaute, ich will nur die allerausgesprochensten
aufschreiben, etwa W, B, P, F, M. Inwiefern die vokalische Tingierung
mitspricht, können Sie ja dadurch ergründen, daß Sie einfach die Sache
aussprechen. Also das brauche ich nicht anzugeben. Nehmen wir jetzt die
Zahnlaute: D, T, S, Seh, L, wozu wir auch das englische Th und N [nehmen können]. Und nehmen wir jetzt die Gaumenlaute: G, K, Ch, dann
dieses französische, etwa Ng.
Und nun das R müßten wir eigentlich überall hinschreiben, denn es hat
überall seine Nuance [es wird an die Tafel geschrieben]/
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Wenn Sie nun den andern Gesichtspunkt der Einteilung nehmen, werde ich Ihnen weiße Striche darunter machen überall, wo wir es zu tun
haben mit einem ausgesprochenen Blaselaut: W, F, S, Seh und etwa noch
Ch. Das wären ausgesprochene Blaselaute. Ich werde Ihnen rote Striche
darunter machen, wo wir es mit ausgesprochenen Stoßlauten zu tun haben: B, P, M, D, T, N, und das R ist ja ein Zitterlaut, dann wären noch etwa
G und K. Der Zitterlaut ist dann das R; und mit einem ausgesprochenen
Wellenlaut, der also in einem gewissen Sinne wegen des weichen Übergehens in die Bewegung innerlich sein muß, mit einem ausgesprochenen
Wellenlaut haben wir es im Grunde genommen nur in dem L zu tun (gelb).
Diese drei Einteilungsprinzipien, die vokalisierende Tingierung, das
* An der Tafel wurden die Laute zwar in kleinen Buchstaben angeschrieben, wegen der
besseren Lesbarkeit wurden im laufenden Text aber Großbuchstaben eingesetzt.
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Blasen, Stoßen, Zittern, Wellen und alles dasjenige, was dann wiederum zusammenhängt mit dieser äußeren Einteilung [in Zahn-, Lippen- und Gaumenlaute], das kommt in den Formen, die da sind für das Eurythmisieren,
kommt in diesen Formen zum Ausdrucke. Nur müssen Sie natürlich sich
klar sein darüber, wie stark diese Einteilungsprinzipien wiederum einander
alterieren. Wenn wir es also zum Beispiel mit dem L zu tun haben, haben
wir es mit einem ausgesprochenen Zahnlaut zu tun, der also alle Eigenschaften des Zahnlautes haben muß, und dann haben wir es mit einem Gleitlaut
zu tun, mit einem Wellenlaut, der die Eigenschaften des Wellens haben muß.
Er ist aber außerdem sehr stark in das Innere gebunden. Wir haben es also
mit einem, wenigstens in unserer Sprache, mit einem Tingieren von innen
heraus zu tun. Wir sagen nicht: Le, sondern wir sagen: eL, und haben auch
da den Übergang von älteren Formen, wo man überhaupt, ich möchte
sagen, sehnsüchtig entwickelte ein äußeres Eingreifen und es daher sehr
stark zustande kam, wo man also geradezu ein Wort* brauchte, um so etwas
auszudrücken, um dieses Hinübergehen in das Äußere so recht zum
Ausdrucke zu bringen. Wir haben es also bei den einzelnen Buchstaben
durchaus zu tun mit einem Abbilden desjenigen, was innerlich vorgeht.
Nun sehen Sie, bevor wir jetzt die einzelnen Konsonanten durchnehmen, wollen wir uns noch das Folgende vor die Seele führen: Wir haben
gestern bei dem A anführen können - und wir haben ja auch schon seine
Metamorphose studiert -, wir haben anführen können, daß es zusammenhängt mit all denjenigen Kräften im Menschen, die ihn gierig machen, die
ihn nach dem Animalischen hin organisieren. Das A liegt ja tatsächlich
dem Animalischen im Menschen am nächsten, und man kann schon in
einer gewissen Weise sagen, das A tönt aus dem Tierischen des Menschen,
wenn es ausgesprochen wird, heraus. Und ganz gewiß ist das A, was ja
auch durch die geistige Forschung bestätigt wird, ein Laut, welcher am
allerfrühesten beim Menschen auftrat, sowohl in der phylogenetischen wie
in der ontogenetischen Entwickelung. In der letzteren - Sie wissen ja, es
gibt auch ein falsches Entwickeln -, in der ontogenetischen Entwickelung
ist es natürlich etwas kaschiert; aber dasjenige, was zuerst aufgetreten ist in
der menschheitlichen Entwickelung, das ist der noch ganz aus dem Tierischen herausklingende A-Laut. Und wenn wir bei Konsonanten nach dem
* ein Wort: lambda, der elfte Buchstabe des griechischen Alphabets.
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A hintendieren, so appellieren wir auch noch an dasjenige, was in dem
Menschen die tierischen Kräfte sind. Darauf ist ja der ganze Laut, wie Sie
gestern haben sehen können, nun eigentlich geformt. Verwenden wir ihn
nun therapeutisch, den Laut, so wie er gestern vor unsere Seele getreten ist,
so bekämpfen wir also dasjenige, was namentlich Kinder, aber auch Erwachsene zu kleineren oder größeren Tierchen macht. Und wir können
durch solche Übungen in der Enttierung des Menschen schon, ich möchte
sagen, ganz Anständiges leisten.
Und nun gehen wir über zum Beispiel jetzt zum U-Laut. Da haben wir ja
gestern gesagt, er ist derjenige Laut, den wir therapeutisch verwenden, wenn
der Mensch nicht stehen kann. Sie haben das gestern gesehen; es ist derjenige
Laut, welcher in einer gewissen Beziehung dadurch schon in seiner Formung ausdrückt diese seine physiologisch-pathologische Beziehung, welcher schon in seiner Formung als Sprachlaut ausdrückt,„ daß das U ja gesprochen wird beim höchsten Grad des Zusammenschlusses des Mundes,
der Zahnspalten, etwas vorgestreckten Lippen, so aber, daß die Mundspalte
verengert wird und diese Lippen vibrieren dann. Sie sehen daraus, daß es
eine beim Sprechen wesentlich äußere Bewegung ist, die man sucht im U.
Es ist am stärksten versucht, das Bewegliche im Aussprechen des U heraus zu charakterisieren. Daher tritt beim eurythmischen U physiologisch
das Gegenteil ein, das Hervorrufen der Standfestigkeit, was ja dann auch
beim U** in der Kunst-Eurythmie wenigstens angedeutet vorhanden ist.
Wenn Sie dann die andern Vokale ins Auge fassen, so werden Sie sehen,
daß wir eine fortschreitende Verinnerlichung des Vokales haben. Wenn Sie
also das O ins Auge fassen, ein Zusammenschieben, möchte ich sagen, der
Lippen nach vorne, ein Verkleinern der Mundöffnung, und wenigstens die
Bemühung der Verkleinerung der Mundöffnung; dieses wird ins Gegenteil
hinüber polarisiert durch das Umfassende, was in der O-Bewegung beim
Eurythmisieren liegt. Gerade bei solchen Dingen sieht man den natürlichen
Zusammenhang der Sache. In dem sprachlichen Handhaben des O liegen
schon durchaus gewisse Kräfte. Und in Sprachen, in denen das O besonders
stark vorhanden ist, in solchen Sprachen wird die meiste Anlage bei den
* Laut Stenogramm wörtlich: … welcher schon in seiner Formung ausdrückt das,
auch erst als Sprachlaut in seiner Formung ausdrückt das, daß …
** Laut Stenogramm: beim Kunst-U in der Eurythmie.
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Menschen vorhanden sein zum Dicklichwerden. Sie können das durchaus
als eine Richtlinie betrachten für das Studium der sprachphysiologischen
Vorgänge.“ Wenn man eine Sprache ausbilden würde, die im wesentlichen
nur aus Modifikationen des O bestehen würde, wo also die Menschen die
eigentümliche Lippen- und Mundformierung, die sie beim O vornehmen,
immerfort ausführen müßten, so würden das alles Dickbäuche werden.
Wenn man nun auf der einen Seite hat dieses, ich möchte sagen Tendieren
zum Dickbäuchigen beim O, so wird man leicht verstehen können, warum
das O umgekehrt wiederum die Bekämpfung des Dickbäuchigen darstellt,
wenn es eurythmisch ausgeführt wird und in der entsprechenden Weise
metamorphosiert wird, wie wir das gestern getan haben.
Anders ist die Sache zum Beispiel beim E. Eine Sprache, welche besonders E-reich ist, die wird eben Dünnlinge erzeugen, schwächliche Menschen erzeugen. Und damit hängt wiederum zusammen dasjenige, was ich
gestern über die Behandlung von Dünnlingen, also von schwächlichen
Menschen gesagt habe in bezug auf die Behandlung des E. Sie werden
sich erinnern, daß ich also gerade gesagt habe: bei Schwächlingen ist die
E-Bewegung mit ihrer Modifikation ganz besonders anzuwenden.
Nur bei allen diesen Dingen ist etwas zu berücksichtigen, nämlich das:
Wenn man die Formen äußerlich betrachtet, dann kommt man nicht auf
das Richtige, man muß sie in ihrem Werden innerlich erfassen. Man muß
also weniger ins Auge fassen dasjenige, was sich äußerlich ausdrückt, sondern die Tendenz dazu. Die Tendenz zum Dickwerden, die ist es, die
durch das O bekämpft wird, und die Tendenz, dünn zu bleiben, ist es, die
durch das E bekämpft wird. Und darauf muß man schon deshalb aufmerksam machen, weil, wenn man die Eurythmie zu Heilzwecken anwendet,
dann muß man mehr sehen auf die Kräfte, die vorhanden sind im oberen
Menschen und die nach einer Weitung gehen, und die Kräfte, die im
unteren Menschen vorhanden sind, die mehr nach dem Linienhaften hintendieren. So muß ich sagen, indem der Mensch das O ausspricht, weitet„
er eigentlich das Lebendige.
* Unklar im Stenogramm. Von Helene Finckh übertragen als «Forderungen», dann
gestrichen mit Fragezeichen. Andere Lesart wäre «Vortragsstudien».
** Stenogramm nicht eindeutig: «weitet» kann auch als «bildet» gelesen werden, ebenso «das Lebendige» als «das Folgende».
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Sehen Sie, der Kopf des Menschen, der ist ja, wenn ich es grob zeichne,
in einer gewissen Weise eine Kugel, und er ist auch geisteswissenschaftlich
die richtige Nachbildung der Erdkugel. Er ist ein Abbild aller derjenigen
Kräfte, die in der Erdkugel zentralisiert sind, und eigentlich aufgebaut wird
er in seinem Werden durch dasjenige, was in den Mondenkräften liegt.
Aber das baut ihn eben so auf, daß er eine Art Erdkugel wird. Das hängt
ja mit der Kosmologie, mit der Kosmogonie eigentlich zusammen. Wie
aus der Mondenphase die Erdphase hervorgegangen ist, so geht aus den
mondbildenden Kräften, die so sehr stark an dem Aufbauen des menschlichen Kopfes betätigt sind, dann der Kopf des Menschen hervor, der ja
eben von sich aus einfach eine Kugel zu werden trachtet, in seiner kugeligen Form nur modifiziert ist dadurch, daß Brust und der andere Leib daran
hängen, die die Kugelform modifizieren. Wenn er sich selbst überlassen
wäre, der Kopf, würde er eine richtige Kugel werden. Aber daß das nicht
ist, das rührt davon her, daß die andern beiden Glieder der menschlichen
Natur mit dem Kopf zu tun haben und seine Gestalt beeinflussen.
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Wenn man nun O ausspricht, da versucht man dasjenige, was sich in
der Kugelform des Kopfes zum Ausdrucke bringt, im ganzen Ätherkopfe
zum Ausdruck zu bringen. Und da hat man das Bestreben, sich einen
zweiten Kopf zu formen. Derjenige, der O ausspricht, der hat das Bestreben, richtig sich einen zweiten Kopf zu formen [äußere Kreislinie] (lila),
und man kann schon sagen, im O-Aussprechen, da bläht sich der Mensch
seinem Kopfe nach auf, er bläht sich auf, er bläst sich aus, und er erweckt
gerade dadurch die Kräfte, die ihn an dem andern Pol zum Dicklichwerden veranlassen. Die Dinge sind schon auch bildlich anzuschauen. Er
wird zum Dicklichwerden veranlaßt, indem er sich seinen Kopf selber aufbläst. Wenn man nun dieser Tendenz, wenn ich so sagen möchte: ätherisch
zum Dickkopf zu werden - also das ist jetzt nicht ein dicker Kopf, sondern ätherisch ein Dickkopf zu werden, das heißt, ein großer Kopf zu
werden -, wenn man dem entgegenarbeiten will, so muß man versuchen,
ihn zu runden, auf der andern Seite wieder hereinnehmen. Und das ist der
Protest des Dickkopfes. Es ist daher ein O polar ausgebildet. Die einzelnen Laute haben nämlich alle eine Empfindungsnuance, die wiederum im
Organismus tief begründet ist, denn sie liegt ja im Unbewußten, und daher
das Bedeutsame des innerlichen Wesens der Laute. Sehen Sie, der Frosch,
der sich gerne zum Ochsen aufblasen möchte, der ist wirklich für denjenigen, der die Sache sich so recht übersinnlich beschaut, der ist derjenige,
von dem fortwährend müßte ausgehen, wenn er sich verwirklichen könnte, ein kanonenhaftes O-Tönen. Das ist das Eigentümliche, daß man eben
muß auf solche Dinge, ich möchte sagen zum Verdeutlichen eingehen,
wenn man diese Dinge innerlich verstehen will.
Beim E, da ist es deutlich umgekehrt. Sehen Sie, beim E, da ist eigentlich
das vorhanden, daß der Mensch sich innerlich fassen will, sich innerlich
zusammenziehen will. Daher ja auch in der Eurythmie das Berühren seiner selbst, dieses Gewahrwerden seiner selbst: Sie nehmen sich einfach
wahr, wenn Sie den rechten Arm über den linken legen. Geradeso, wie
wenn Sie einen Gegenstand draußen empfinden, wenn Sie ihn angreifen,
so nehmen Sie sich selbst wahr. Noch deutlicher wäre das also ausgedrückt, wenn Sie einfach mit der linken Hand den rechten Arm umfassen
würden - in der Kunst müssen die Dinge alle angedeutet sein -, aber wenn
Sie hier das einfach fassen würden, so betasten Sie sich selber. Das SichCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 315 Seite: 51
selber-Betasten, das ist in dem eurythmischen E besonders zum Ausdruck
gekommen. Und dieses Sich-Betasten, dieses Sich-selber-Betasten, das
ist ja durch den ganzen menschlichen Organismus durchgeführt. Und Sie
können es studieren, dieses Sich-selber-Betasten, wenn Sie einfach das
Verhältnis studieren, indem am Rücken des Menschen sich äußern diejenigen Nervenverläufe, die in der gewöhnlichen Physiologie irrtümlich die
motorischen, und diejenigen, die die sensitiven genannt werden. Da, wo
dieses Motorische, das aber im Grunde genommen auch ein Sensitives ist,
da, wo dieses Motorische mit dem Sensitiven zusammenkommt, entsteht
eine solche Art des Umfassens. Es ist so, daß tatsächlich die Nervenstränge
fortwährend am menschlichen Rücken ein E bilden, und daß in diesem
E -Bilden wirklich auch das Zustandekommen des Sich-innerlich-Fühlens
des Menschen liegt, was dann nur im Gehirn differenziert zur Tatsache
wird. Dieses E-Bilden, das also eigentlich in der Ebene verläuft, wir haben
es gestern versucht nachzubilden. Und Sie werden sehen, daß das, was wir
gestern versucht haben nachzubilden, direkt in der äußeren Bewegung und
in der Bewegungslage andeutet, wie das innerliche E-Machen des Menschen sich eigentlich summiert zu der Vertikalen. Wie sich der Kopf aufplustert, wie der Kopf ein Blaseengel werden will, so summiert sich dieses
E-Werden, dieses Sich-im-Punkte-Zusammenfassen, das summiert sich
in der Vertikalen, in der Höhenlinie.
Es ist aber [ein] fortwährendes, aufeinanderfolgendes Sich-Zusammenfassen übereinanderstehender E's; und das drückt ja wirklich aus, was nun
deutlich hervorgeht, wenn man beobachtet Schwächlinge. Sie haben die
Tendenz, ihren Ätherleib fortwährend zu strecken. Sie wollen ihn strekken, sie ziehen ihn nicht in einem Punkt zusammen, was der eigentliche
Gegensatz wäre zu der Tätigkeit des Hauptes. Das ist nicht der Fall, sondern sie versuchen ihn zu strecken, eben dadurch ausführend die Wiederholung des Punktes. Und dieses Strecken, das sich zum Ausdrucke bringt
eben gerade bei schwächlich werdenden Menschen, also nicht das Strecken
im physischen, sondern das Strecken im Ätherleib, dieses Strecken ist es,
dem entgegengearbeitet wird mit der Ausformung desjenigen E, von dem
wir gestern gesprochen haben.
So, denke ich, können Sie schon sehen, wie zwischen dem, was eurythmisch vorliegt, und den menschlichen Bildungstendenzen ein innerer
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Zusammenhang ist, wie wirklich aus dem Menschen herausgeholt ist dasjenige, was in ihm als Bildungstendenzen vorhanden ist. Und es ist ja so,
daß diese Bildungstendenzen, die sich zunächst äußern im Wachstum, in
der Formung des Menschen, in der Ausgestaltung also, daß diese Tendenzen sich spezialisieren und lokalisieren wiederum in der Ausbildung des
Sprachorganismus, dieses speziellen Organismus. Da sind sie gewissermaßen zusammengehäuft, die Bildungstendenzen, die sonst über den ganzen
Menschen verbreitet sind. In der Ausbildung der Eurythmie gehen wir
jetzt wiederum zurück. Wir gehen von den lokalisierten Tendenzen zu
dem ganzen Menschen über und setzen so entgegen dem Spezialisierten
der menschlichen Organisation im Sprachorganismus eine andere Spezialisierung, die Spezialisierung im Willensorganismus. Denn der ganze
Mensch, insofern der ganze Mensch Stoffwechselorganismus ist und auch
Gliedmaßenorganismus ist -, man bewegt ja auch am Kopfe so manches,
also der Kopf ist auch in einem gewissen Sinne Gliedmaßenorganismus,
und es kann ja sogar das anschaulich werden bei den Menschen, die dann
etwas mehr können in dieser Beziehung; nicht wahr, Menschen, die die
Ohren bewegen können und so weiter, die zeigen ja ganz deutlich, daß das
Bewegungsprinzip, das Gliedmaßen-Bewegungsprinzip in die Hauptesorganisation hineingehen kann - der ganze Mensch ist in dieser Beziehung Ausdruck des Willensmäßigen. Das Willensmäßige, das drücken
wir wiederum aus, wenn wir zur Eurythmie übergehen. Nun möchte ich
zum Schlüsse etwas erwähnen, bevor wir morgen dann weitergehen in
der speziellen Ausarbeitung und Ausgestaltung der Laute, im weiteren zu
den Kombinationen der Laute, ich möchte noch etwas Geschichtliches
erwähnen.
Sehen Sie, Willensbewegung des Menschen und Intellektbewegung des
Menschen, das sind zwei Kräfteentwickelungen des Menschen, die mit
verschiedener Geschwindigkeit vor sich gehen. Der Intellekt des Menschen entwickelt sich in unserem Zeitraum schnell, der Wille langsam. So
daß wir jetzt schon als Angehörige der ganzen Menschheitsentwickelung
mit unserem Intellekt den Willen überholt haben. Das ist die allgemeine
Zivilisationserscheinung, daß wir mit unserer Intellektentwickelung die
Willensentwickelung überholt haben. Die Menschen sind heute sehr stark
intellektuell, was eben nicht beweist, daß sie mit ihrem Intellekt auch viel
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anzufangen wissen. Sie sind eben sehr stark intellektuell, aber sie wissen
nicht viel damit anzufangen; daher wissen sie intellektuell so wenig. Aber
dasjenige, was sie intellektuell wissen, das fassen sie so auf, als ob sie in ihm
mit einer gewissen Sicherheit wirken. Der Wille entwickelt sich langsam.
Und Eurythmisieren ist zunächst auch, abgesehen von allem übrigen, ein
Versuch, den Willen wiederum hereinzubringen in die ganze Menschheitsentwickelung. Und tritt dann die Eurythmie therapeutisch auf, so müssen
wir doch auf das Folgende eben hinweisen. Wir müssen sagen: Die Überentwickelung des Intellekts, sie drückt sich auch aus besonders in den
organischen Begleiterscheinungen der Sprachentwickelung. Unsere
Sprachentwickelung, die ist eigentlich heute schon in unserer modernen
Zivilisation etwas, was durch seine Übermenschlichkeit unmenschlich
wird, indem wir heute Sprachen lernen so, daß wir so wenig noch ein
Gefühl haben davon, ein lebendiges Gefühl haben davon, was in den
Worten drinnen liegt. Es sind ja die Worte eigentlich nur Zeichen. Was
haben die Menschen noch für ein Gefühl, was in dem Worte drinnen liegt?
Ich möchte wissen, wie viele Menschen gehen durch die Welt und werden
aufmerksam darauf, daß zum Beispiel speziell beim Erlernen der deutschen Sprache die Form der Rundung, des Rundens, was ich ja gerade
aufgezeichnet habe, ist in dem Worte «Kopf», was mit Kohl zusammenhängt, daher man auch Kohlkopf sagt, was eigentlich nur eine Retuschierung ist; man metamorphosiert im Zusammenhange dieses Runden. Das
ist da ausgedrückt. In romanischen Sprachen - testa, testieren -, da drückt
sich das aus mehr von innen heraus, das seelische Wirken durch den Kopf.
Dieser Unterschied dessen, was in der Sprache drinnenliegt, die Leute
haben kein Gefühl mehr davon, die Sprache ist abstrakt geworden. Wenn
Sie gehen, gehen Sie mit den Füßen. Warum sagen wir «Füße» ? Ja, sehen
Sie, das ist eine Metamorphose des Wortes «Furche», und ist entstanden
dadurch, daß man angeschaut hat, daß man also eine Furche andeutet,
indem man geht. Es ist durchaus verloren worden das Bildhafte, das in der
Sprache liegt; und wenn man will dieses Bildhafte wieder hineinbringen
in die Sprache, dann muß man eben zur Eurythmie greifen.
Nun ist jedes Wort eigentlich - ich spreche jetzt eine Tatsache, die sich
im feineren menschlichen Organismus zum Ausdrucke bringt, die spreche
ich mit groben Worten aus, aber wir haben ja nur grobe Worte -, jedes
Copyright Rudolf Steinet Nachlass-Vei waltung Buch: 315 Seite: 5 4
Wort, das ohne Bildlichkeit erlebt wird, ist eigentlich eine innerliche
Krankheitsursache. Und man kann sagen: Die Zivilisationsmenschheit von
heute leidet chronisch an demjenigen, was das abstrakte Sprechenlernen,
das nicht mehr bildliche Empfinden der Worte in ihr bewirkt. - Das geht
sehr weit, das geht vor allen Dingen so weit, daß diese organische Begleiterscheinung sich ausdrückt in einer sehr starken Neigung zum Unrhythmischwerden des rhythmischen Systems und zu einem Verweigern der
Kräfte des Stoffwechsels von Seiten des Menschen, der seine Sprache abstrakt gemacht hat. Und es ist so, daß man tatsächlich beikommen kann
dem, was ruiniert wird an dem Menschen heute durch die Sprache, durch
die Sprache, die ja im zarten Kindesalter erworben wird, die, wenn sie
unbildlich erworben wird, wirklich Zustände hervorruft, die später sich
auswachsen, auswachsen in allen möglichen Krankheitsformen, die eben
aber auch wieder bekämpft werden können durch dasjenige, was therapeutische Eurythmie ist. So daß man also ganz organisch die Heileurythmie einfügen kann in die Heilbehandlung überhaupt.
Es ist durchaus so, daß, wer versteht, daß Geistig-sich-Entwickeln
eigentlich immer etwas ist von Krankwerden - wir müssen schon einmal
das mitnehmen, das Krankwerden in der geistigen Entwickelung -, der
muß auch darauf bedacht sein, daß nun nicht bloß mit äußeren physischen
Studien gekämpft wird gegen dieses Krankwerden durch die Zivilisation,
sondern auch mit äußeren Mitteln. Wir legen in die Bewegungen des
Eurythmisierens eben Seele und Geist hinein und können dadurch bekämpfen dasjenige, was auf der andern Seite Seele und Geist von sich
aus tun, aber eben im zarten Kindesalter oftmals so tun, daß die Wirkung
ihres Tuns, wenn es sich auswächst im späteren Alter, eben als Krankheitsursache empfunden wird. Das ist das, was ich heute sagen wollte. |