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Die Inkarnatfarbe

Die Inkarnatfarbe

I DER EINSATZ FÜR EINE GEISTGEMÄSSE WISSENSCHAFT DER FARBEN

Texte von Rudolf Steiner und anderen zu den Themen:

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Man muß die Fleischfarbe verstehen, das Inkarnat, dann kann man auch die anderen Farben verstehen.1 Über das Inkarnat, die menschliche Fleischfarbe, äußerte Rudolf Steiner verhältnismäßig wenig. Aber dieses Wenige weist auf das tief Rätselhafte dieser Lebenserscheinung. Sicherlich ist es nicht zufällig, daß die erste ausführliche Darstellung geisteswissenschaftlicher Erforschung des Inkarnates in dieselbe Zeit fällt, in der Rudolf Steiner im Mittelmotiv der kleinen Kuppel an dem Antlitz des Menschheitsrepräsentanten malte. Es ist, wie wenn in dieser malerischen Darstellung dasjenige noch eine unsichtbar-sichtbare Erhöhung erfahren hätte, was er als das Grundgesetz sowohl der Natur- wie Geistesordnung in allen Lebensbereichen erforschte und das im ganzen Bau und im besonderen noch in der Holzgruppe und im Mittelmotiv der kleinen Kuppel seinen künstlerischen Ausdruck fand: das Gesetz der Polaritäten in den Welterscheinungen und ihres Ausgleiches. Denn die «wahre» Wirklichkeit kann nur gefunden werden, wenn man «in den Geist selber sich hineinzuvertiefen vermag und die dem Geist entsprechenden Polaritäten da findet».2 In bezug auf das Inkarnat heißt es darum: «Der Seher schaut das Inkarnat nicht in Ruhe, sondern in oszillierender Bewegung… Das Inkarnat, wie es uns im Äußeren entgegentritt, ist nur ein Mittelzustand.»3 Nach einem ersten Hinweis auf die Inkarnatfarbe im Zusammenhang mit Sinnes- und Lebensprozessen,4 wonach gerade im Inkarnat das Phänomen vorliegt, daß das Geistig-Seelische das Physische voll durchdringt und im Inkarnat alle Farben enthalten sind, kommt das InkarnatDie Inkarnatfarbe 165 Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:291a Seite: 165 rätsei recht eigentlich erst im Jahre 1918 zur Darstellung, charakteristischerweise dann, nachdem Rudolf Steiner selbst das Antlitz des Menschheitsrepräsentanten im Mittelmotiv der kleinen Kuppel gemalt hatte. Zuerst in Berliner Vorträgen, dann in den Münchner Kunstvorträgen.5 Nachdem im ersten von drei zusammenhängenden Vorträgen in Berlin über die Erdenaura in ihrer Farbpolarität Blau-Rot und der grünen Ausgleichsmitte gesprochen wurde und im zweiten Vortrag über den Zusammenhang von Blut und Nerv, wird im dritten Vortrag das Inkarnat ebenfalls vom Aspekt der oszillierenden Polarität in dreifacher Weise erklärt: Erstens als Wahrnehmung von außen hängt «diese eigentümliche Tingierung» ab von «zwei gegeneinanderwirkenden Kräften», von «in der Form» einander entgegenwirkenden Druckkräften, die im Menschen wirksam sind. «Und zwar wirkt in einer gewissen Weise der Äther- oder Bildekräfteleib drückend nach außen, der astralische Leib in entgegengesetzter Art drückend nach innen, und dies an allen Stellen. Will der astralische Leib sich zusammenziehen, von außen nach innen drücken, so will der Äther- oder Bildekräfteleib von innen nach außen drücken, sich ausdehnen. Und was dadurch entsteht, daß sich an des Menschen Oberfläche diese beiden Druckkräfte von außen und innen begegnen, das ist mitwirkend in dem, was sich im menschlichen Inkarnat offenbart. Was der ätherische Leib und der astralische Leib sich gegenseitig zu sagen haben, das drückt sich auf geheimnisvolle Weise im Inkarnat aus.» Zweitens als hellseherische Wahrnehmung, von innen nach außen, würde das Inkarnat ganz anders erscheinen; zum Beispiel dasjenige des «durchschnittlichen Mitteleuropäers» nicht fleischfarbig rosig, sondern grün-bläulich. Drittens nach dem Tode wirke das Inkarnat so nach, daß es, «wie auf einen Teppich aufgemalt», die gesamte Erinnerungswelt zeigt. Bildlich gesprochen müßte man sich diesen Inkarnatteppich wie ein umgewendetes Kleid oder einen umgewendeten Handschuh vorstellen. Und die «Grundtingierung ist gewissermaßen die Farbe des Teppichs, auf welchem dem Toten seine Erinnerungen erscheinen: für die weiße Menschheit grünlich, grünlich-bläulich; für die Japaner violett-rötlich; für die Schwarzen nach dem Tode gerade fleischfarbig». Und Rudolf Steiner betont, daß der Mensch durch sein Inkarnat mehr als durch irgend etwas anderes ein Mikrokosmos ist gegenüber dem Makrokosmos. 166 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben Copyrigh t Rudolf Steine r Nachlass-Verwaltun g Buch : 291 a Seite : 16 6 Diese Darstellungen vom Inkarnatgeheimnis in dem Berliner Vortrag vom 9. April 1918 erscheinen wie eine Vorwegnahme derjenigen, die kurz darauf in dem Vortrag vom 5. Mai 1918 in dem Münchner Kunsthaus «Das Reich» gegeben wurden. In diesem Vortrag, der infolge des großen Andrangs am 6.Mai wiederholt und am l.Juni auch in Wien gehalten wurde, wird das Inkarnaträtsel wiederum von drei Aspekten aus charakterisiert. Einmal wird die seherische Wahrnehmung des Inkarnates als «großes hellseherisches Problem», als das «schwierigste» hellseherische Problem bezeichnet. Zum anderen wird die gewöhnliche Wahrnehmung des Inkarnates im Zusammenhang mit der Wahrnehmung eines anderen Menschen-Ichs charakterisiert als der einzige Fall im Leben, wo sozusagen jedermann heilsehend ist, was nur nicht richtig erkannt würde: «Das ist ein Hellsehen, das im Leben immer und überall vorhanden ist.» (München, 6. Mai 1918) Zum dritten wird das Inkarnat, das für die äußere Anschauung wie etwas Ruhendes, Fertiges wirkt, im Hellsehen wie ein Mittelzustand wahrgenommen, indem es zwischen den zwei Gegensätzen von Erblassen und Erröten hin und her pendelt: «Das sind die beiden Grenzzustände, zwischen denen die Tingierung des Menschen pendelt und in deren Mitte das Inkarnat liegt. Das wird ein Hin- und Hervibrieren für den Seher. Durch das Erblassen versteht der Seher, wie der Mensch im Innern, im Gemüt und Intellekt ist, und durch das Erröten erkennt man, wie der Mensch als Willensimpuls-Wesen ist, wie er im Verhältnis zur Außenwelt ist… Das Daraufkommen auf das Innere des Menschen hat das Erlebnis des Inkarnates zu seinem Hauptproblem.» (München, 6. Mai 1918) Nach der Darstellung des malerischen Aspektes der Inkarnatfarbe in den drei Dornacher Vorträgen «Das Wesen der Farben» - dem Inkarnat als dem lebendigen Bild der Seele entspricht die Farbe des Pfirsichblüt (6. Mai 1921) - folgt im Vortrag Dornach, 24. September 1921, ein neuer Polaritätsaspekt in der Betrachtung des Inkarnats: Das Inkarnat als Zeichen des Sohnesgottes gegenüber dem Regenbogen als Zeichen der Vatergottschöpfung. Gleichzeitig gibt Rudolf Steiner in diesem Vortrag auch noch eine Ergänzung zu der allerersten Angabe über das Inkarnat im Vortrag vom 3. September 1916, wonach im Inkarnat alle Farben enthalten sind, indem er dies nun konkretisiert. Denn nun heißt es, wenn Die Inkarnatfarbe 167 Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite: 16 7 die Farben des Farbenspektrums, des Regenbogens, in einer gewissen Weise durcheinandertingiert würden, dann würden sie Leben annehmen und zum Inkarnat werden, das aus des Menschen Inneren dringt: «Aber der Mensch muß in seinem Inneren auch die Quelle des Farbigen, das, was den Regenbogen zum Inkarnat, was den Regenbogen zu einer lebendigen Einheit macht, in seinem Inneren erblicken… Da sprießt dann neues Leben auf.» Dadurch komme man zu einem innerlichen Verstehen des Mysteriums von Golgatha. Rudolf Steiners letzte Ausführungen über das Inkarnat fallen in das Jahr 1923, hervorgerufen durch die Fragen der Arbeiter am Goetheanumbau. Am 21. Februar 1923 beantwortet er Fragen, die nach den Farben gestellt wurden, und betont dabei sehr stark den therapeutischen Gesichtspunkt im Zusammenhang mit dem Inkarnat. Beim nächsten Vortrag am 3. März 1923 werden die Betrachtungen von ihm weiter fortgesetzt, indem er die Entstehung der Farben der Menschenrassen erklärt. Darauf wurde schon am Schluß des Vortrages vom 17. Februar 1923 hingeführt mit den Worten: «Nun, das ist ja das Eigentümliche, daß man überall vom Leben ausgehen muß, wenn man etwas verstehen will. Und so muß man ja auch für die Farben sogar vom Leben ausgehen. Sehen Sie, wenn Sie heute manchmal Bilder anschauen, so ist das so, daß sie bemalt sind; aber man hat das Gefühl, dahinter ist kein Fleisch, sondern Holz, das angestrichen ist. Die Fleischfarbe, das Inkarnat, bringen eben die heutigen Maler gar nicht zustande, weil sie auch im Leben gar nicht das Gefühl haben, daß die Fleischfarbe aus dem Menschen heraus erzeugt wird. Sie kommt nirgends an einem anderen Stoff vor. Aber man muß die Fleischfarbe, das Inkarnat verstehen, und dann kann man auch die anderen Farben verstehen.» Im Oktober des Jahres 1923 behandelt Rudolf Steiner dann den Zusammenhang des Inkarnates mit dem menschlichen Ich und den Wirkungen des Planeten Saturn. Im Vortrag vom 8. Oktober 1923 für die Arbeiter am Goetheanumbau, in dem das Wesen der Schmetterlinge behandelt wird, heißt es: Der Schmetterling, der die Erdenschwere überwunden hat und ganz dem Licht folgt, ist «zum Ich herangereift». «Ein Ich ist es, in dem wir sozusagen den Schmetterling herumflattern sehen. Wir Menschen haben unser Ich in uns. Der Schmetterling hat es außer sich. Das Ich ist eigentlich Licht. Das färbt ihn… Dieses selbe Licht, das den Schmetterling in Farben färbt, das rufe ich in mir auf, wenn ich zu mir Ich sage.» 168 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite: 168 Aber der Schmetterling könne nicht zu sich Ich sagen, wie auch nicht einmal das höhere Tier, weil das Ich von außen wirkt. «Wenn Sie einen Löwen ansehen in seiner semmelfarbenen Gelbheit, dann ist es die semmelfarbene Gelbheit, die vom Ich des Löwen von außen bewirkt wird. Der Löwe wird selber gedacht von der ganzen Natur, die Färbung kommt dadurch zustande. Weil wir von innen heraus denken, bekommen wir nicht von außen die Färbung, sondern wir bekommen die Hautfärbung von innen, die man sehr schwer in der Malerei nachmachen kann. Aber unser Ich färbt eigentlich mit Hilfe des Blutes unseren ganzen Körper zu dieser wunderbaren Menschenfarbe, die man in der Malerei nur nachmachen kann, wenn man alle Farben in der richtigen Weise miteinander mischen kann, richtig mischen kann.» (Dornach, 8. Oktober 1923) Aber «nur mit dem Saturn zusammen», heißt es zwei Wochen später im Mitglieder-Vortrag Dornach, 26. Oktober 1923, «kann die Sonne das Licht so in die Luft senden, daß der Falter in der Luft erglänzen kann in seinen mancherlei Farben… Saturn gibt die Farben der Schmetterlinge …» Daß auch die menschliche Inkarnatfarbe mit dem Saturn zusammenhängt, findet sich schon angedeutet im vierten Mysteriendrama «Der Seelen Erwachen» (1913), 6. Bild, in den Worten des Hüters: «Erkennet eure Weltenmitternacht! Ich halte euch im Bann gereiften Lichts, Das jetzt Saturn euch strahlt, bis eure Hüllen In stärkerem Wachen, durch des Lichtes Macht Euch selbst erleuchtend, ihre Farbe leben.» Verdeutlicht wird dies im Vortrag Dornach, 3. September 1916, in dem es heißt, daß es gerade durch die Saturnkraft bewirkt wird, daß das Geistig-Seelische des Menschen das Physische voll durchdringen kann, was sich im Inkarnat ausdrückt. Und es wird zitiert ein mittelalterlicher Spruch, an dessen Schluß es heißt: «Damit Saturnus, alt und greis, in vielen Farben sich erweis», und Rudolf Steiner fügt hinzu: «Seele erweist sich in uns durch die Saturnkraft, welche die älteste ist, <alt und greis>, denn unser Inkarnat hat das Seelisch-Geistige ausgedrückt im Physischen. In unserer Hautfärbung, in unserem Inkarnat sind in der Tat alle Farben.» Die Inkarnatfarbe 169 Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite: 169 Chronologische Übersicht der Äußerungen Rudolf Steiners Vorträge 1914 5.Juli Weil der Mensch mit seinem Bewußtsein aus dem Farben- und Lichtmeer des Astralen hinausragt, geschieht die Färbung bei den Rassen nicht durch Licht und Farbe, sondern durch die Wärme der klimatischen Verhältnisse. GA 286 1916 3. Sept. Im Inkarnat sind alle Farben, weil hier mit Hilfe der Saturnkraft das Geistig-Seelische das Physische voll durchdringt. GA 170 1918 9. April Die Inkarnatfarbe wird bewirkt durch die einander entgegenwirkenden Druckkräfte von Äther- und Astralleib. Hellseherisch und nach dem Tode wird sie komplementär wahrgenommen. GA 181 (in diesem Band Seite 171) 5., 6. Mai Die seherische Wahrnehmung des Inkarnates das schwierigste helll.Juni seherische Problem. Die gewöhnliche Inkarnatwahrnehmung am anderen Menschen ist der einzige Fall im Leben, wo jedermann hellsehend ist. Das Inkarnat ist ein Mittelzustand. GA 271 1921 6. Mai Das Seelische lebt sich im Physischen in der Inkarnatfarbe aus. Dem Inkarnat als lebendigem Bild der Seele entspricht am ehesten die Farbe der jungen Pfirsichblüte. GA 291 24. Sept. Zusammenhang von Regenbogen und Inkarnat. GA 207 (in diesem Band 174) 1923 17. Febr. Die Fleischfarbe, das Inkarnat, bringen die heutigen Maler gar nicht zustande. Sie wird aus dem Menschen heraus erzeugt, kommt an keinem andern Stoff vor. Man muß das Inkarnat verstehen, dann kann man auch die anderen Farben verstehen. GA 349 21. Febr. Inkarnat und Gesundheit und Krankheit. GA 349 3. März Farben der Menschenrassen. GA 349 18 Mai Inkarnatfarbe (Pfirsichblüt) als lebendiges Bild der Seele. GA 276 8. Okt. Inkarnatfarbe: Ausdruck des Ich. Zusammenhang von Ich, Licht und Schmetterlingsfarben, in der Malerei nur mit Hilfe des Blutes nachzuahmen, wenn man alle Farben in der richtigen Weise mischen kann. GA 351 170 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite: 170 TEXTE VON RUDOLF STEINER Über das Geheimnis des Inkarnats Aus Vortrag Berlin, 9. April 1918 (GA 181) … Da muß ich auf etwas hinweisen, was in unserer trockenen, nüchternen, papierenen Zeit schon wirklich gar nicht mit der nötigen Ehrfurcht behandelt wird, trotzdem es immer und überall vor uns steht. Es ist etwas, was innerhalb der physischen Welt eigentlich als das Allermysteriöseste wirkt, was für jeden da ist innerhalb der physischen Welt, was nur in seinem mysteriösen Charakter nicht empfunden wird: Es ist das menschliche Inkarnat, dasjenige, was in der menschlichen Fleischesfarbe nach außen sich am Menschen offenbart. Sie brauchen sich nur erinnern, welche Fülle des Individuellen darin sich ausspricht, daß uns der Mensch mit seinem Inkarnat entgegenkommt, wie im Grunde genommen diese Fleischesfarbe doch bei jedem Menschen eine andere ist, in so vielen Schattierungen uns entgegentritt, als es Menschen gibt. Wer sich mit der Enträtselung des Inkarnats beschäftigt, wie es auch schon versucht worden ist, der wird schon ein Gefühl für das bekommen, was in der Fleischesfarbe, in der Tingierung der menschlichen Haut zum Ausdruck kommt. Es ist etwas ungemein Geheimnisvolles, was in dem Inkarnat sich ausspricht. Für den, der geistesforscherisch an die Betrachtung herangeht, gewinnt die Frage: Wie steht es eigentlich mit dem Inkarnat? - eine sehr große Bedeutung. Denn diese eigentümliche Tingierung im Inkarnat hängt ab von zwei gegeneinander wirkenden Kräften, man könnte sagen: von in der Form einander entgegenwirkenden Druckkräften, die im Menschen wirksam sind. Und zwar wirkt in einer gewissen Weise der Äther- oder Bildekräfteleib drückend nach außen, der astralische Leib in entgegengesetzDie Inkarnatfarbe 171 Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite: 171 ter Art drückend nach innen, und dies an allen Stellen. Will der astralische Leib sich zusammenziehen, von außen nach innen drücken, so will der Äther- oder Bildekräfteleib von innen nach außen drücken, sich ausdehnen. Und was dadurch entsteht, daß sich an des Menschen Oberfläche diese beiden Druckkräfte von außen und innen begegnen, das ist mitwirkend in dem, was sich im menschlichen Inkarnat offenbart. Was der ätherische Leib und der astralische Leib sich gegenseitig zu sagen haben, das drückt sich auf geheimnisvolle Weise im Inkarnat aus. Wenn man auf den Menschen hinschaut, wie er hier auf dem physischen Plan ist, so sieht man sein Inkarnat auch. Aber dieses Inkarnat würde anders erscheinen, wenn man es anschauen könnte von innen nach außen. Von innen nach außen gesehen, wären Sie als durchschnittliche Mitteleuropäer mit Ihrem Inkarnat nicht fleischfarbig, rosig, sondern Sie wären grün-bläulich. Diese Farbe des Grün-Bläulichen zeigt sich auch in der Nachwirkung nach dem Tode. Wenn des Menschen Bildekräfte - oder ätherischer Leib sich ausdehnt im Sinne der drei vorhin charakterisierten Kräfte, und der Tote auf dieses Gebilde hinschaut, so sieht er sein Inkarnat gewissermaßen in der Nachwirkung von der andern Seite. Es schimmert nach dem Tode grünlich-bläulich ihm nach. Aber es enthält noch etwas wesentlich anderes, als was uns entgegentritt, wenn wir es im physischen Leben von außen anschauen. Streng genommen ist dieses Inkarnat in seiner Mysteriosität nicht nur individuell verschieden für die verschiedensten Menschen, sondern es ändert sich auch bei einem und demselben Menschen im Laufe des Lebens, wenn auch in kleinen Nuancen. Nicht, daß wir in gewissen krankhaften Zuständen manchmal blühend, manchmal käsig aussehen, denn das ist natürlich eine Abnormität, aber von diesen großen Veränderungen abgesehen, ändert sich das Inkarnat fortwährend. Wenn es aber von der andern Seite gesehen wird, wie es der Tote sieht, dann zeigt es noch etwas anderes. Dann zeigt es, wie auf einem Teppich aufgemalt, unsere gesamte Erinnerungswelt. Wenn wir also bildlich sprechen wollen, müssen wir uns diesen Inkarnatteppich wie ein 171 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite:172 Kleid vorstellen, wie ein ganz feines Kleid, und dieses jetzt gewendet, wie man ein Kleid wendet, nach der andern Seite dreht, oder wie man einen Handschuh umdreht. Dann würden wir auf der andern Seite sehen, was sonst nach innen gewendet ist, und dessen wir uns, weil es nach innen gewendet ist, nur dadurch bewußt werden können, daß es, wenn es ins Bewußtsein hineingekommen ist, als Erinnerung auftritt, nicht als Inhalt der Gedanken, aber die Gedanken aurisch verschieden charakterisiert, schwingende Gedanken. Was wir in unser Unterbewußtsein hinunterschicken, lernen wir nur in seinem Außenleben kennen. Wie es durch unser Inkarnat durchglitzert, das lernen wir nicht kennen, das lernt aber der Tote dadurch kennen, daß das Inkarnat nachwirkt. Wenn der Tote auf die Auflösung des Bildekräfteleibes zurückschaut, dann hat er ihn als Erinnerung hinter sich, und er weiß dann: Das ist er, das bin ich! Die geisteswissenschaftliche Forschung zeigt, daß das, was naturwissenschaftlich weniger in Betracht kommt: die große Differenzierung zwischen dem Menschen und dem Tier, die aufrechte Haltung, die Sprachfähigkeit, artikulierte Sprache, die Denkfähigkeit, daß das die Kräfte sind, welche den Menschen nach dem Tode ins Universum tragen, und daß das Inkarnat im Menschen der diesseitige physische Ausdruck ist für das, was als Erinnerungsrest nach dem Tode nachwirkt. So teilen wir uns selbst nach dem Tode dem Universum mit und tragen in dem, was wir hier in unserem physischen Leibe an uns haben und an uns zeigen, die äußeren Zeichen unserer kosmischen Wesenheit an uns. Deshalb das Gefühl, das wir namentlich mit so etwas Mysteriösem verbinden wie mit dem Inkarnat, dieses Gefühl, denn es ist das Gefühl von der universellen Bedeutung dessen, was uns im Menschen entgegentritt: Noch mehr als durch irgend etwas anderes ist der Mensch durch so etwas wie durch sein Inkarnat ein Mikrokosmos gegenüber dem Makrokosmos. Und die Grundtingierung hat eine große Bedeutung, denn sie ist gewissermaßen die Farbe des Teppichs, auf welchem dem Toten seine Erinnerung erscheint: für die weiße Menschheit grünlich, grünlich-bläulich, für die Japaner vioDie Inkarnatfarbe 173 Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite: 173 lett-rötlich, für die Schwarzen nach dem Tode gerade fleischfarbig. Das sind Dinge, die mit dem Leben zwischen Tod und neuer Geburt innig zusammenhängen, bedeutungsvoll zusammenhängen; bereiten sie doch die neue Inkarnation vor. In diesen Dingen liegt ungeheuer viel. Es liegt in ihnen das Bestimmende, das einen Menschen in einer neuen Inkarnation einer bestimmten Rasse und so weiter zuführt. Über den geistigen Zusammenhang von Regenbogen und Inkarnat Aus Vortrag Dornach, 24. September 1921 (GA 207) … Wir sehen draußen in der Natur, sagen wir, die Farben, die Farben im Sinne des Farbenspektrums, von dem äußersten Rot bis zu dem äußersten Violett, mit den Zwischennuancen. Wenn wir nun in einer gewissen Weise diese Farben durcheinander tingieren würden, dann würden sie Leben annehmen. Dann werden sie gerade zu dem, was als die menschliche sogenannte Fleischfarbe, das Inkarnat, aus dem Menschen herausdringt. Wo wir in die Natur hineinblicken, erblicken wir gewissermaßen den ausgebreiteten Regenbogen als das Zeichen des Vatergottes. Blicken wir aber auf den Menschen: Das Inkarnat, es spricht aus des Menschen Inneren heraus, indem sich alle Farben durchdringen, aber Leben annehmen, lebendig werden in ihrem Sich-Durchdringen. Fort ist dasjenige, was da Leben annimmt, wenn wir nur den Leichnam ansehen. Da wird wiederum zurückgeworfen in den Regenbogen, in die Schöpfung des Vatergottes, was der Mensch ist. Aber der Mensch muß in seinem Inneren auch die Quelle des Farbigen, das, was den Regenbogen zum Inkarnat, was den Regenbogen zu einer lebendigen Einheit macht - er muß dieses in seinem Inneren erblicken… 174 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben |


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