II Über den Charakter der eurythmischen Kunst 4
*Dornach, 31. Januar 1920 **
| Seite | Text |
| 141 |
Kunst vorausschicke. Es geschieht das gewiß nicht, um eine Art Erklärung abzugeben über die eurythmische Kunst als solche; das wäre
natürlich ein unkünstlerisches Beginnen, denn alles Künstlerische
muß nicht durch irgendeine theoretische Anschauung wirken, sondern durch den unmittelbaren Eindruck und durch dasjenige, was
sich unmittelbar in der Kunst offenbart. Allein, es kann unsere eurythmische Kunst sehr leicht verwechselt werden mit allerlei Nachbarkünsten. Es wäre wirklich eine Verwechslung, wenn man sie
gleichstellen würde Tanzkünsten, Gebärdenkünsten und dergleichen,
denn, was Sie hier als Eurythmie vorgeführt bekommen werden, ist
aus ganz bestimmten neuen Kunstquellen heraus geschöpft. Und wie
alles, was hier getrieben wird, wofür dieser Bau, das Goetheanum,
der Repräsentant sein soll, durchtränkt ist von dem, was man nennen
kann Goethesche Weltanschauung, so ist auch unsere eurythmische
Kunst durchtränkt von Goethescher Kunstgesinnung und Goethescher Kunstauffassung. Natürlich muß dabei Goethe nicht so genommen werden, wie die Goethe-Gelehrten ihn nehmen, als diejenige Persönlichkeit, die 1832 gestorben ist und deren Lebensinhalt man äußerlich studieren kann, sondern Goethe muß genommen werden als ein
fortwirkender Kulturfaktor der Menschheit, der auch jetzt noch mit
jedem Jahre ein anderer wird. Wenn von Goetheanismus gesprochen
wird, so wird nicht von dem Goetheanismus des Jahres 1832 gesprochen, sondern von dem des 20. Jahrhunderts, vom Jahre 1920.
Und da handelt es sich darum, daß Goethe an die Stelle der toten,
auch unsere heutige Anschauung noch beherrschenden Orientierung
über die Welt, eine lebendige setzen wollte. Diese lebendige Anschauung, namentlich von dem Wirken der Lebewesen selbst bis herauf
zum Menschen, wie sie sich bei Goethe findet, ist noch lange nicht
genug gewürdigt, lange nicht irgendwie verstanden. Sie wird ein Einschlag der ganzen geistigen Entwicklung der Menschheit werden müsCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 141
sen. Diejenigen, die heute glauben, schon etwas zu verstehen von
Goetheanismus in seiner Richtung, mißverstehen gerade das Alierintimste, das Allergewichtigste. Dasjenige, was hier als eurythmische
Kunst dargeboten wird, ist aus Goetheschem sinnlich-übersinnlichem
Anschauen herausgeholt, aus dem ganzen Menschen. So wie Goethe in
der ganzen Pflanze nach seiner lebendigen Weltauffassung ein komplizierter ausgestaltetes Blatt sieht, so ist in der Tat nicht nur der Form
nach, sondern allen Bewegungen nach, die er machen kann, der
Mensch nur eine kompliziertere Ausgestaltung eines einzelnen seiner
Organe, und insbesondere eine Ausgestaltung in komplizierterer Art
des hervorragendsten, eigentlich menschlichsten Organes: des Kehlkopfes und seiner Nachbarorgane, welche die Werkzeuge abgeben für
die Lautsprache.
Nun handelt es sich aber darum, daß man, um Eurythmie durch
sinnlich-übersinnliches Schauen hervorzubringen, sich erstens in die
Lage versetzt, was eine langwierige seelisch-geistige Arbeit ist, zu erkennen, welche Bewegungen, namentlich aber Bewegungsanlagen zugrunde liegen dem Kehlkopf, der Lunge, dem Gaumen, der Zunge
und so weiter, wenn sie hervorbringen die Lautsprache. Da liegt
zugrunde, das kann schon abgenommen werden daraus, daß die ganze
Luftmasse eines Raumes, in welchem ich spreche, in Bewegung ist,
eine gewisse Bewegung. Auf diese Bewegung wenden wir die
Aufmerksamkeit nicht, wenn wir dem Ton zuhören, wenn wir der
Lautsprache zuhören. Aber diese Bewegung kann eben abgesondert
erkannt werden. Und dann kann sie übertragen werden auf Bewegungen des ganzen Menschen. Und so werden Sie sehen, wie der
ganze Mensch vor Ihnen hier auf der Bühne gewissermaßen zum
Kehlkopfe wird und dadurch in der Eurythmie tatsächlich eine
stumme Sprache entsteht, die nicht irgendwie willkürlich auszudeuten
ist, sondern die ebenso gesetzmäßig aus den Organanlagen des
menschlichen Organismus hervorgeholt ist wie die Lautsprache. Aber
dadurch, daß so dasjenige, was sonst unsichtbar bleibt, beim Sprechen sichtbar gemacht wird teils durch den bewegten Menschen,
teils durch die Menschengruppen in ihren gegenseitigen Bewegungen und Stellungen, dadurch kann man das Künstlerische des SichCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 142
durch-die-Sprache-Offenbarens besonders herausheben. Denn in unserer Sprache ist, auch wenn dichterische Kunst sich durch sie ausdrückt, in der Tat nur so viel wirkliche Kunst, als in dieser Sprache
Musikalisches auf der einen Seite und Plastisch-Gestaltetes auf der
anderen Seite ist. Dasjenige, was der wortwörtliche Inhalt ist, worauf
man gewöhnlich, wenn man unkünstlerisch die Dichtungen betrachtet, den größten Wert legt, gehört eigentlich gar nicht zur wirklichen
Dichtkunst. Die Werke der wirklichen Kunst sind viel seltener, als
man denkt.
Schiller hatte, bevor er den wortwörtlichen Inhalt eines Gedichtes
in der Seele sich vergegenwärtigte, immer eine Art wortloses melodiöses Element zugrunde liegend, ein rhythmisches, taktmäßiges,
melodiöses Element, und daran reihte er erst das Wortwörtliche auf.
Goethe, der mehr ein plastischer Dichter war, hat etwas Gestaltendes in seiner Sprache. Und dieses Gestaltende kann man durchschauen, wenn man wirkliche Goethesche Dichtung empfinden kann.
So ist dasjenige, was eigentlich der Dichtung zugrunde liegt, selbst
schon ein verborgenes Eurythmisches. Es wird studiert und auf die
Bewegungen des ganzen Menschen übertragen. Dann ist nichts Willkürliches in diesen Bewegungen, dann ist in diesen Bewegungen
etwas, was so gesetzmäßig nacheinander verläuft, wie die melodiöse
Gesetzmäßigkeit oder die Gesetzmäßigkeit der Harmonie in der
Musik selber sich offenbaren. Dadurch erreicht man es aber, daß man
gerade in der Eurythmie etwas besonders Künstlerisches zustande
bringen kann, denn in unserer Lautsprache ist viel Konventionelles,
Nützlichkeitsmäßiges eingeschaltet. Wir haben unsere Sprache zur
menschlichen Verständigung. Was ihr anhaftet von dieser Seite her, ist
gerade das Unkünstlerische. So daß das Künstlerische immer mehr
zum Vorschein kommt, je mehr das Unbewußte der Sprache hervordringt. Man darf nicht vergessen, daß die Sprache eigentlich auch
im einzelnen Menschen aus dem Unbewußten, Traumhaften heraus
geboren wird. Das Kind ist noch nicht zum vollen Bewußtsein seiner
selbst erwacht, während es sprechen lernt. So wie die Bilder des
Traumes sich hineinstellen in das menschliche Bewußtsein als ein
Dunkles dieses Bewußtseins, so ist noch das Bewußtsein des Kindes
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 143
dunkel, wenn die Lautsprache von ihm gelernt wird. Das deutet auf
der einen Seite darauf hin, wie die Lautsprache etwas enthält, was aus
dem Unbewußten des Menschen heraufquillt. Auf dieses Unbewußte
muß man bei allem Sprachlichen Rücksicht nehmen.
Ich bitte Sie nur, vor allen Dingen 2um Beispiel das eine zu bedenken : Grammatik, also der innerlich logische Aufbau der Sprache,
der dann in Künstlerisches übergeht, wenn die Sprache künstlerisch
behandelt wird, ist nicht etwa bei den sogenannten zivilisierten
Sprachen der vollkommenere oder das Ausgebaute, sondern gerade
bei den unzivilisierten Sprachen ist gewöhnlich die kompliziertere
Grammatik vorhanden. Also nicht aus dem, was aus dem zivilisierten
Bewußtsein heraus stammt, kommt dasjenige, was die Sprache als
ihre Gesetzmäßigkeit durchzieht. Dieses unterbewußte Element ist es,
was herausgeholt wird aus dem Menschen. Dadurch wird die Eurythmie allerdings das Gegenteil des Träumerischen. Während der Traum
ein Herabstimmen des Bewußtseins bedeutet, vor allen Dingen ein
Herabstimmen des Willens, wird in Eurythmie der Wille, wie er in der
Sprache entsteht, der als ein Element sich hineingestaltet, herausgeholt; willensmäßig wird ein Sich-Offenbaren des Menschen durch
eine stumme Sprache herbeigeführt. Dadurch aber gelangen wir geradezu bewußt in das unbewußte Schöpferische des Menschen hinab,
und wir kommen dazu, den Menschen selber in seiner ganzen organischen Gestaltung und Bewegungsmöglichkeit als ein künstlerisches
Werkzeug zu benützen. Und wenn man bedenkt, daß der Mensch
das vollkommenste Wesen ist, sagen wir, das wir in der Sinneswelt
kennen, so muß auch, wenn man sich seiner bedient als eines künstlerischen Werkzeuges, etwas wie eine Vervollkommnung des künstlerischen Ausdruckes, der sonst möglich ist, überhaupt herauskommen. So sehr ist alles aus der Gesetzmäßigkeit der menschlichen
Natur bei dieser Eurythmie herausgeholt, daß durchaus nichts Willkürliches, also nicht Zufallsgebärden oder dergleichen darinnen sind.
Wenn zwei Menschen oder zwei Menschengruppen an zwei ganz verschiedenen Orten ein und dieselbe Sache eurythmisch darstellen
würden, so würde die Darstellung nicht mehr Unterschiede aufweisen, als wenn ein und dieselbe Sonate nach einer subjektiven Auf-
•i A A
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite:144
fassung gegeben würde. Es ist immer eine Geset2mäßigkeit, so wie
im Musikalischen selbst, im Eurythmischen da. Daher kann durch
diese stumme Sprache der Eurythmie, die aus derselben Naturgesetzmäßigkeit hervorgeholt worden ist wie die Lautsprache, gerade ein
tiefer Künstlerisches erreicht werden, indem das Gedankenmäßige, das
sonst in der Sprache wirkt, zur Ausschaltung gekommen ist.
Und so werden Sie sehen, wie auf der einen Seite Dichtungen
durch die stumme Sprache der Eurythmie dargestellt sind; parallel
gehend werden Sie dann in einigen Fällen Musikalisches sehen, das
nur eine andere Ausdrucksart gibt desjenigen, was eurythmische Darstellung ist. Auf der anderen Seite werden Sie Dichtungen durch die
Lautsprache rezitiert hören und dabei sehen, daß man gerade gezwungen ist, wenn man dieselbe Dichtung, die auf der Bühne durch
die Eurythmie plastizierend dargestellt wird, wenn man sie rezitierend
begleitend darstellt, abzugehen von dem heutigen Unkünstlerischen
des Rezitierens, das auf der besonderen Hervorhebung des Inhaltes
allein beruht. Worauf es vielmehr hier ankommt im Rezitieren, das ist
dasjenige, was in der Dichtung selbst schon eurythmisch ist. Was als
plastische Gestaltung, Rhythmus, Takt, Musikalisches der eigentlichen
Dichtung zugrunde Hegt, was als bewegtes Element in der Dichtung
lebt, taktmäßig, rhythmisch, dasjenige, was im Gestalteten hinter den
Worten geahnt werden kann, das muß in der Rezitation, die besonders diese Eurythmie begleiten soll, ausgearbeitet werden. Daher
wird wieder zurückgegangen werden hier auf diejenige Form der
Rezitationskunst, die geübt wurde, als man noch ein Gefühl hatte von
der eigentlichen Rezitationskunst. Heute ist das sehr selten vorhanden,
man nimmt mehr den Prosainhalt, das eigentlich Unkünstlerische
in der Dichtung wahr und rezitiert danach.
So wird natürlich noch mißverstanden werden die Eurythmie
selbst, weil sie etwas durchaus Neues in den Quellen darstellt, und
die sie begleitende Rezitation. Allein darauf kommt es nicht an.
Alles dasjenige, was sich als ein Ursprüngliches hineinstellen will
in die menschliche Zivilisationsentwickelung, wird zumeist mit scheelen Augen angesehen. Dennoch darf ich aber bitten, zu berücksichtigen, daß wir selbst die strengsten Kritiker sind und sehen, was wir
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:277 Seite: 145
heute noch nicht können. Wir betrachten das, was wir schon leisten
können, als nichts anderes als einen Anfang, der gar sehr der weiteren
Ausbildung, der Vervollkommnung bedarf. Sie werden zwar sehen,
daß Dichtungen, die selbst schon als Impressionen gedacht sind,
wie das «Quellenwunder», die also schon Eurythmisches in sich
haben, sich besonders, ich möchte sagen, wie selbstverständlich in
Eurythmie umsetzen lassen. Sie werden aber auch sehen, daß, wo
wirkliche innere Beweglichkeit und Plastik in einem Gedichte ist,
wie in so vielen Goetheschen Gedichten, da in der Tat die Eurythmie
manches leisten kann. Auch in den Humoresken, die wir Ihnen heute
vorführen werden, werden Sie sehen, wie man, ohne daß man
Pantomime und Mimik, die nur Zufallsgebärden sind, zu Hilfe nimmt,
durch eurythmisch-musikalische Raumformen diesen Dingen nachkommen kann.
Wir werden Ihnen nach der Pause, meine sehr verehrten Anwesenden, eine Gnomen- und Sylphenszene vorführen können. In derselben ist versucht, die geheimnisvollen Kräfte der Natur, die sich im
Zusammenleben des Menschen mit der Natur offenbaren können,
zur Offenbarung zu bringen, und zwar dasjenige im Naturwalten,
was nicht erreicht werden kann durch ein Eingehen auf die Natur
in bloß abstraktem Denken oder in sogenannten Naturgesetzen. Es
wird vielleicht noch lange nicht zugegeben werden, daß in der Natur
ein Wirken und Walten, ein Weben und Leben ist, das durch Abstraktion und durch Naturgesetze nicht zu erreichen ist, das nur
dann erreicht werden kann, wenn sich unsere Naturauffassung durch
wirklich künstlerische Formen belebt. Die Natur sagt uns so viel und
so intensives, daß, was sie uns sagt, wohl in umfangreicheren und
intensiveren Formen gesagt werden muß, als es durch abstrakte
Naturgesetze geschehen kann. So etwas ist versucht worden aus jenen
Naturgesetzen herauszuholen, was wir dann erleben, wenn wir das
Menschenwesen so recht in ein Verhältnis mit dem bringen, was
durch die Natur wallt und webt. So etwas ist also in diesem Gnomen- und Sylphenchor einmal versucht worden. Und auch da liegt
Goethesche Kunstgesinnung zugrunde, denn Goethe hat durchaus die
1 ASL
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 277 Seite: 146
Kunst mit dem Erkennen in ein sehr nahes Verhältnis gebracht, und
er sieht in der Kunst dasjenige, was zu gleicher Zeit ein höheres Er-,
kennen des Menschen- und Weltenrätsels vermittelt, als es das bloße
Naturerkennen kann. Deshalb sagt auch Goethe: Wem die Natur
ihr offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine
unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin: der
Kunst. - Und man wird schon einmal einsehen, wenn das auch
heute noch als irgend etwas Laienhaftes oder Dilettantisches angesehen wird gegenüber der sogenannten strengen Wissenschaft, daß
durch ganz andere Mittel, als diese strenge Wissenschaft bieten
kann, dasjenige erkannt werden muß, was in der Natur als Geheimnis waltet, was die Natur aus sich heraus offenbart, wenn man nur
sich auf sie einläßt.
Eintragungen in ein Notizbuch
Dornach, U.Februar 1920
Das Künstlerische ist entweder:
Aus der Beobachtung - mit Umgehung des Begriffes
oder aus dem Erlebnis - ohne daß es zur Vorstellung kommt. -
Eurythmie macht das innere Erlebnis am Menschen zur äußeren Bewegung.
Man hat impressionistische Kunst gesucht; aber die Natur
kann nicht so erfaßt werden, denn schon die Sinne gestatten
bloße Impressionen nicht. Man kann die Expressionen nicht
malerisch oder musikalisch festhalten, weil die Ausdrucksmittel nicht die Expressionen offenbaren.
Eurythmie:
Sie ist eine Kunst, die sich des Menschen als Instrument, seiner Bewegungsanlagen als Ausdrucksmittel bedient.
Die Sprache nimmt die Gedanken auf. Aber sie bringt sie in
den Willen hinein.
Künstlerisch aber nur, was aus dem Willen stammt. - |