I Zur Darstellung von «Faust»-Szenen 12
Bern, 5. November 1919, zum zweiten Teil der öffentlichen Eurythmie-Aufführung
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zweiten Teil von Goethes «Faust» aufzuführen. Bei diesen Darstellungen vom zweiten Teil von Goethes «Faust» - wir haben solche
eine ganze Reihe bereits versucht an anderen Orten - hat sich uns
gezeigt, wie Eurythmie gerade bei Vorstellungen solcher dramatischer Schöpfungen dienen kann, wie sie im zweiten Teil des «Faust»
sind. Ich glaube, die verehrten Zuhörer werden wissen, welche
großen Hindernisse da sind, wenn der zweite Teil des «Faust» auf
die Bühne gebracht werden soll. Man erinnere sich vielleicht verschiedener Versuche durch mannigfaltige Regiekünste, um diesen zweiten
Teil des «Faust» darzustellen. Es braucht nur gedacht zu werden an
die liebenswürdige Regiekunst und Einrichtung von Wilbrandt oder
die Mysterieneinrichtung von Devrient mit der Lassenschen Musik
und an die zahlreichen anderen Einrichtungen, und man wird immer
finden, daß diese Darstellungen irgend etwas nicht herausbringen von
dem, was in dem Goetheschen «Faust» darinnen liegt.
Man sollte nun dennoch das Gefühl haben: In dieser Dichtung
spricht sich gerade dasjenige aus, was als so Gewaltiges sich offenbart in der ganzen reichen Entwickelung des Goetheschen Lebens. -
Man hat es da zu tun mit allen Phasen des menschlichen Künstlertums, vom Jugendzeitalter bis in die höchste Altersreife hinauf.
Und derjenige, der nicht in Vorurteilen irgendwelcher Art befangen
ist, wird mit einer großen inneren Befriedigung gerade die EntCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 8 8
Öffentliche Vorstellung in Eurythmischer Kunst
Bern, im Theatersaal «Kursaal Schän%li»,
Mittwoch, den 5. November 1919, abends 8 Uhr
PROGRAMM
Einleitende Worte von Rudolf Steiner über eurythmische Kunst
In eurythmischer Eintel- oder Gruppenkunst kommen %ur Darstellung:
Die Hoffnung von Schiller
mit musikalischer Beigabe von M. Schuurman dargestellt durch eine Gruppe
Wochenspruch aus dem Seelenkalender vo n Rudol f Steine r … . T . Kisselef f
Meeresstille und Glückliche Fahr t vo n Goeth e
mit musikalischer Beigabe von Leopold van der Pals eine Gruppe
Selige Leichtigkeit von Christian Morgenstern T. Kisseleff
Dämmerung von Goethe eine Gruppe
Der Spaziergang von Martin Opitz, für Gesang, Ton- und Laut-Eurythmie,
komponiert von Max Schuurman eine Gruppe
Mein Glück von Friedrich Nietzsche Annemarie Groh
Auftakt «Wir wollen suchen» komponiert von Max Schuurman
T. Kisseleff und A. Donath
Nachklänge Beethovenscher Musik von Clemens Brentano A. Donath
Auftakt «Evoe» von Max Schuurman eine Gruppe
Aussöhnung von Goethe T. Kisseleff
Humoristischer Auftakt von Jan Stuten eine Gruppe
Aus den « Galgenliedern» von Christian Morgenstern
W. Siedlecka, M. Waller, E. Dziubaniuk und andere
PAUSE
Aus «Faust» II. Teil: «Um Mitternacht»
Faust Jan Stuten
die Sorge … . Tatiana Kisseleff
der Mangel Nora Stein
die Schuld . . . Annemarie Groh
die Not Ilse Aisenpreis
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Wickelung dieses reichen Goetheschen künstlerischen Lebens verfolgen.
Allerdings, Goethe hat schon zur Zeit seines Lebens darüber manches erfahren müssen, was ihn, man möchte sagen, geärgert hat.
Der erste Teil des «Faust», der gewiß leichter zu verstehen ist als
der zweite Teil, in den Goethe nach seinem eigenen Ausdrucke viel
hineingeheimnißt hat - viel hineingeheimnißt hat von dem, was er
durch ein reiches Leben erkannt und erfahren hat -, der erste Teil
des «Faust» fand auch schon zu Goethes Zeiten ein großes Publikum. Und Goethe selber dachte, als er in Italien seine gewaltige
Kunstschule durchgemacht hatte, er sei mit seiner «Iphigenie»,
«Tasso» und später, wie er gemeint hat, mit seiner «Natürlichen
Tochter» weit hinausgekommen über die Kunstform, die er im ersten
Teil des «Faust» durchführte. Dennoch, im zweiten Teil, der erst nach
Goethes Tod erschienen ist, hat er wohl eine ganz besondere Höhe
erreicht. Aber dasjenige, was eingetreten ist zu seinen Lebzeiten, was
Ihn geärgert hat, ist, daß die Leute immer wieder und wieder gesagt
haben: Ja, Goethe ist alt geworden. In seinem «Tasso», da sieht
man schon nicht mehr jene sprudelnde Jugendkraft, die sich in seinen
Jugendwerken äußert - und so weiter. Er ist ärgerlich darüber
geworden. Und ganz gewiß hätte er auch manches gesagt, wenn er
noch hätte erleben können, daß nicht nur der gewöhnliche Philister,
sondern, wie man auch sagt, höhere Töchter, höhere Philister sich
aufgeregt haben darüber, daß der zweite Teil des «Faust» nur einen
Rückgang in der Goetheschen Kunst darstellen würde. Zum Beispiel
der Schwaben- Vischer, der sogenannte V-Vischer, hat sich nicht nur
gedrängt gefühlt, eine große Anzahl von Abhandlungen zu schreiben
über den mißglückten zweiten Teil des «Faust», er hat sogar versucht,
etwas Besseres zu dichten, selbst einen zweiten Teil des «Faust» zu
dichten. Er ist auch darnach geworden! Er hat immer wieder betont,
dieser große V-Vischer, der zweite Teil des Goetheschen «Faust»
sei ein zusammengeschustertes, zusammengeleimtes Machwerk des
Alters 1
Wie gesagt, Goethe hat schon, und zwar nicht dem zweiten Teil
des «Faust», sondern manchem anderen noch Unvollkommenen geCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite:9 0
genüber, sich recht schwer, man kann sägen, künstlerisch gerächt.
Es findet sich ein schöner Vierzeiler in seinem Nachlaß. Gerade mit
Rücksicht auf solche Dinge schrieb er ihn nieder. Er heißt:
Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten …
er meint den «Faust» des ersten Teils, der war fertig -
Da loben sie den Faust,
Und was noch sunsten
In meinen Schriften braust
Zu ihren Gunsten.
Das alte Mick und Mack,
Das freut sich sehr;
Es meint das Lumpenpack:
Man wär's nicht mehr!
So hätte Goethe ganz zweifellos auch gesagt, wenn er hätte erleben
können, was so große Ästhetiker wie V-Vischer über den zweiten
Teil des «Faust» geäußert haben. Es ist eben sehr vieles in dem
zweiten Teil des «Faust», wo Goethe sich zu wirklich übersinnlichen,
geistigen Erfahrungen der Menschenseele erhebt. Und gerade diejenigen Szenen, in die Goethe so viel hineingeheimnißt hat von dem,
was nur er in seinem reichen Leben erfahren konnte, das stellte sich
uns so dar, daß es herausgeholt werden kann aus der Dichtung durch
die Zuhilfenahme der eurythmischen Kunst.
Und so möchten wir Ihnen auch heute abend eine kleine Probe,
die Szene «Um Mitternacht», geben, wo vor Faust die vier Kräfte
auftreten, die am menschlichen Leben nagen: Mangel, Not, Sorge,
Schuld, und wo Faust alles dasjenige durchlebt, was man diesen vieren, die sich hier Sorge, Not und so weiter nennen, gegenüber
empfinden, erleben und erfahren kann. Das, was Goethe durch die
Art der Darstellung in die Dichtung hineingelegt hat, kommt gerade durch diese bewegte Sprache, durch diese stumme Sprache,
Ausdruckssprache, durch die Bewegungsmöglichkeiten des ganzen
Menschen sich offenbarend, es kommt gerade dadurch heraus.
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So darf vielleicht eine solche Darstellung, wo Eurythmie zu Hilfe
genommen wird, als eine Art Experiment gelten. Dasjenige, was
Menschlich-Alltägliches ist, wird natürlich im gewöhnlichen Sinne
dargestellt; dasjenige aber, was in die übersinnliche Welt sich erhebt, soll mit Hilfe der Eurythmie dargestellt werden. So kann gerade so etwas als eine Art Experiment gelten. Wir glauben, gerade dadurch, daß wir Eurythmie 2u Hilfe nehmen bei nicht durch
irgendwelche Bühnenkunstregie Darzustellendem, etwas auf diesem
engeren Gebiete darstellen zu können, was sonst nicht herausgeholt
hätte werden können.|