Zuletzt angesehen: 013_zur_darstellung

I Zur Darstellung von «Faust»-Szenen 12

I Zur Darstellung von «Faust»-Szenen 12

Bern, 5. November 1919, zum zweiten Teil der öffentlichen Eurythmie-Aufführung

Seite Text
88

zweiten Teil von Goethes «Faust» aufzuführen. Bei diesen Darstellungen vom zweiten Teil von Goethes «Faust» - wir haben solche eine ganze Reihe bereits versucht an anderen Orten - hat sich uns gezeigt, wie Eurythmie gerade bei Vorstellungen solcher dramatischer Schöpfungen dienen kann, wie sie im zweiten Teil des «Faust» sind. Ich glaube, die verehrten Zuhörer werden wissen, welche großen Hindernisse da sind, wenn der zweite Teil des «Faust» auf die Bühne gebracht werden soll. Man erinnere sich vielleicht verschiedener Versuche durch mannigfaltige Regiekünste, um diesen zweiten Teil des «Faust» darzustellen. Es braucht nur gedacht zu werden an die liebenswürdige Regiekunst und Einrichtung von Wilbrandt oder die Mysterieneinrichtung von Devrient mit der Lassenschen Musik und an die zahlreichen anderen Einrichtungen, und man wird immer finden, daß diese Darstellungen irgend etwas nicht herausbringen von dem, was in dem Goetheschen «Faust» darinnen liegt. Man sollte nun dennoch das Gefühl haben: In dieser Dichtung spricht sich gerade dasjenige aus, was als so Gewaltiges sich offenbart in der ganzen reichen Entwickelung des Goetheschen Lebens. - Man hat es da zu tun mit allen Phasen des menschlichen Künstlertums, vom Jugendzeitalter bis in die höchste Altersreife hinauf. Und derjenige, der nicht in Vorurteilen irgendwelcher Art befangen ist, wird mit einer großen inneren Befriedigung gerade die EntCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 8 8 Öffentliche Vorstellung in Eurythmischer Kunst Bern, im Theatersaal «Kursaal Schän%li», Mittwoch, den 5. November 1919, abends 8 Uhr PROGRAMM Einleitende Worte von Rudolf Steiner über eurythmische Kunst In eurythmischer Eintel- oder Gruppenkunst kommen %ur Darstellung: Die Hoffnung von Schiller mit musikalischer Beigabe von M. Schuurman dargestellt durch eine Gruppe Wochenspruch aus dem Seelenkalender vo n Rudol f Steine r … . T . Kisselef f Meeresstille und Glückliche Fahr t vo n Goeth e mit musikalischer Beigabe von Leopold van der Pals eine Gruppe Selige Leichtigkeit von Christian Morgenstern T. Kisseleff Dämmerung von Goethe eine Gruppe Der Spaziergang von Martin Opitz, für Gesang, Ton- und Laut-Eurythmie, komponiert von Max Schuurman eine Gruppe Mein Glück von Friedrich Nietzsche Annemarie Groh Auftakt «Wir wollen suchen» komponiert von Max Schuurman T. Kisseleff und A. Donath Nachklänge Beethovenscher Musik von Clemens Brentano A. Donath Auftakt «Evoe» von Max Schuurman eine Gruppe Aussöhnung von Goethe T. Kisseleff Humoristischer Auftakt von Jan Stuten eine Gruppe Aus den « Galgenliedern» von Christian Morgenstern W. Siedlecka, M. Waller, E. Dziubaniuk und andere PAUSE Aus «Faust» II. Teil: «Um Mitternacht» Faust Jan Stuten die Sorge … . Tatiana Kisseleff der Mangel Nora Stein die Schuld . . . Annemarie Groh die Not Ilse Aisenpreis Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 77 Seite: 8 9 Wickelung dieses reichen Goetheschen künstlerischen Lebens verfolgen. Allerdings, Goethe hat schon zur Zeit seines Lebens darüber manches erfahren müssen, was ihn, man möchte sagen, geärgert hat. Der erste Teil des «Faust», der gewiß leichter zu verstehen ist als der zweite Teil, in den Goethe nach seinem eigenen Ausdrucke viel hineingeheimnißt hat - viel hineingeheimnißt hat von dem, was er durch ein reiches Leben erkannt und erfahren hat -, der erste Teil des «Faust» fand auch schon zu Goethes Zeiten ein großes Publikum. Und Goethe selber dachte, als er in Italien seine gewaltige Kunstschule durchgemacht hatte, er sei mit seiner «Iphigenie», «Tasso» und später, wie er gemeint hat, mit seiner «Natürlichen Tochter» weit hinausgekommen über die Kunstform, die er im ersten Teil des «Faust» durchführte. Dennoch, im zweiten Teil, der erst nach Goethes Tod erschienen ist, hat er wohl eine ganz besondere Höhe erreicht. Aber dasjenige, was eingetreten ist zu seinen Lebzeiten, was Ihn geärgert hat, ist, daß die Leute immer wieder und wieder gesagt haben: Ja, Goethe ist alt geworden. In seinem «Tasso», da sieht man schon nicht mehr jene sprudelnde Jugendkraft, die sich in seinen Jugendwerken äußert - und so weiter. Er ist ärgerlich darüber geworden. Und ganz gewiß hätte er auch manches gesagt, wenn er noch hätte erleben können, daß nicht nur der gewöhnliche Philister, sondern, wie man auch sagt, höhere Töchter, höhere Philister sich aufgeregt haben darüber, daß der zweite Teil des «Faust» nur einen Rückgang in der Goetheschen Kunst darstellen würde. Zum Beispiel der Schwaben- Vischer, der sogenannte V-Vischer, hat sich nicht nur gedrängt gefühlt, eine große Anzahl von Abhandlungen zu schreiben über den mißglückten zweiten Teil des «Faust», er hat sogar versucht, etwas Besseres zu dichten, selbst einen zweiten Teil des «Faust» zu dichten. Er ist auch darnach geworden! Er hat immer wieder betont, dieser große V-Vischer, der zweite Teil des Goetheschen «Faust» sei ein zusammengeschustertes, zusammengeleimtes Machwerk des Alters 1 Wie gesagt, Goethe hat schon, und zwar nicht dem zweiten Teil des «Faust», sondern manchem anderen noch Unvollkommenen geCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite:9 0 genüber, sich recht schwer, man kann sägen, künstlerisch gerächt. Es findet sich ein schöner Vierzeiler in seinem Nachlaß. Gerade mit Rücksicht auf solche Dinge schrieb er ihn nieder. Er heißt: Da loben sie den Faust, Und was noch sunsten … er meint den «Faust» des ersten Teils, der war fertig - Da loben sie den Faust, Und was noch sunsten In meinen Schriften braust Zu ihren Gunsten. Das alte Mick und Mack, Das freut sich sehr; Es meint das Lumpenpack: Man wär's nicht mehr! So hätte Goethe ganz zweifellos auch gesagt, wenn er hätte erleben können, was so große Ästhetiker wie V-Vischer über den zweiten Teil des «Faust» geäußert haben. Es ist eben sehr vieles in dem zweiten Teil des «Faust», wo Goethe sich zu wirklich übersinnlichen, geistigen Erfahrungen der Menschenseele erhebt. Und gerade diejenigen Szenen, in die Goethe so viel hineingeheimnißt hat von dem, was nur er in seinem reichen Leben erfahren konnte, das stellte sich uns so dar, daß es herausgeholt werden kann aus der Dichtung durch die Zuhilfenahme der eurythmischen Kunst. Und so möchten wir Ihnen auch heute abend eine kleine Probe, die Szene «Um Mitternacht», geben, wo vor Faust die vier Kräfte auftreten, die am menschlichen Leben nagen: Mangel, Not, Sorge, Schuld, und wo Faust alles dasjenige durchlebt, was man diesen vieren, die sich hier Sorge, Not und so weiter nennen, gegenüber empfinden, erleben und erfahren kann. Das, was Goethe durch die Art der Darstellung in die Dichtung hineingelegt hat, kommt gerade durch diese bewegte Sprache, durch diese stumme Sprache, Ausdruckssprache, durch die Bewegungsmöglichkeiten des ganzen Menschen sich offenbarend, es kommt gerade dadurch heraus. Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 27 7 Seite: 91 So darf vielleicht eine solche Darstellung, wo Eurythmie zu Hilfe genommen wird, als eine Art Experiment gelten. Dasjenige, was Menschlich-Alltägliches ist, wird natürlich im gewöhnlichen Sinne dargestellt; dasjenige aber, was in die übersinnliche Welt sich erhebt, soll mit Hilfe der Eurythmie dargestellt werden. So kann gerade so etwas als eine Art Experiment gelten. Wir glauben, gerade dadurch, daß wir Eurythmie 2u Hilfe nehmen bei nicht durch irgendwelche Bühnenkunstregie Darzustellendem, etwas auf diesem engeren Gebiete darstellen zu können, was sonst nicht herausgeholt hätte werden können.|


Zur Übersicht

ablage/offen/rudolf_steiner/kunst/007_ga_277_eurythmie/013_zur_darstellung.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:16

Impressum Datenschutzerklärung