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SECHSTE SEMINARBESPRECHUNG

SECHSTE SEMINARBESPRECHUNG

Dornach, 5. August 1922

Abnützung des Geldes und deren Realisierung. Unterschied zwischen der Kaufkraft und der volkswirtschaftlichen Verwertungskraft. In der Zeit abnehmende Verwertungskraft, am Ende Schenkgeld. Das althebräische Jubeljahr. Währung und Geltungswert des Geldes durch die Menge der brauchbaren Produktionsmittel. Die begrenzte Lebensdauer der Produktionsmittel korrespondiert mit der assoziativ zu begrenzenden Lebensdauer des Geldes. Banken für Schenkungsgelder und Banken für Arbeitseinkommen. Widerstreit volks- und weltwirtschaftlicher Tendenzen im Angelsachsentum. Weltwirtschaft und politische Intentionen. Menschliche und soziale Dreigliederung.

Seite Text
77 Frage nach der Abnützung des Geldes: Wird es sich allmählich abnützen? Auch als Kaufgeld?

Rudolf Steiner: Als Kaufgeld hat es bis zuletzt denselben Wert. Diese Frage ist eine mehr technische des Verkehrs, eine Frage des Wie. Die allmähliche Abnützung des Geldes ist nicht leicht vorzustellen. Sie würde einen außerordentlich bürokratischen Apparat erforderlich machen. \Ich betone, daß ich nicht programmatisch vorgehen möchte, sondern daß ich nur das sagen möchte, was ist. Denn meine Erkenntnis geht dahin, daß wir ein Paradies auf Erden nicht herstellen können auf ökonomischem Wege. Das würde nicht gehen, sondern es läßt sich nur der bestmögliche Zustand herstellen. Nun hat man sich zu fragen, worauf das Heruntersinken unter den bestmöglichen Zustand beruht. Darauf, daß die einzelnen Faktoren der Volkswirtschaft ihren richtigen Wert nicht geltend machen können an der einen oder anderen Stelle, daß es also heute möglich ist, daß der geistig Arbeitende durchaus nicht in der Weise bezahlt wird, wie es für die Gesamtvolkswirtschaft notwendig ist. Er wird entweder zu hoch oder zu niedrig bezahlt. Es kommt beides vor. Dadurch aber gibt er sofort Veranlassung, wenn er zu niedrig bezahlt wird, daß sich die Preise durch seine niedrige Bezahlung in ungesunder Weise ändern. Ebenso wenn er zu hoch bezahlt wird. Daran müssen Korrekturen angebracht werden, und es handelt sich nur darum - ohne daß man auf Foerstersche Dinge Rücksicht nimmt -, welche Faktoren im volkswirtschaftlichen Leben diese Umlagerung, diesen Verkehr möglich machen. Also einen Verkehr, bei dem die erträglichen gegenseitigen Preise herauskommen, nicht bloß für Waren, sondern eben auch für die geistige Organisierung, und auch für das notwendige freie Geistesleben.
Daraus folgt unmittelbar, daß das Geld alt werden muß. Es handelt sich lediglich darum, auf welche Weise man das technisch ausführen
78 kann. Und Sie würden ein allmähliches Abnützen des Geldes auf keine andere Weise ausführen können als dadurch, daß Sie den Scheinen Coupons anhängen, die abgerissen werden müssen zu bestimmten Zeiten, und zwar von einem mt. Dadurch würde ein sehr komplizierter bürokratischer Apparat herauskommen. Aber es handelt sich wirklich niemals darum, daß man die Abnützung durch solche äußeren Zeichen herbeiführt, sondern daß der reale Verlauf der Dinge von selbst diese Wertigkeit bewirkt. Das geschieht, wenn Sie einfach dem Geld, allen Arten von Geld, mehr oder weniger den Wechselcharakter geben, also ich meine insofern den Wechselcharakter, als ein Endtermin da ist. Dieser läßt sich natürlich nicht in abstracto berechnen, sondern, in Voraussetzung eines bestimmten Augenblicks, anfangs nur annähernd festsetzen. Dann muß man korrigieren, bis die Sache zu einem eventuell möglichen Termin kommt.
Es würde sich dann darum handeln, daß wiederum für die Weltwirtschaft dasjenige herausgefunden wird, was ja für eine im Grunde genommen als lokale Wirtschaft sehr weitgehende Ökonomie schon da war. Das ist nämlich die Handhabung des Jubeljahres im Alten Testament. Das ist etwas ganz Ähnliches wie das Altwerden des Geldes: das Nachlassen sämtlicher Schulden. Mit einem radikalen Nachlassen aller Schulden fallen auch alle volkswirtschaftlich schädlichen Vermögen beziehungsweise Kapitalien weg. Es ist immerhin - Sie erinnern sich wohl, wie lange die Zeit war bis zu einem Jubeljahr - alle siebzig Jahre. Nun dieses Jubeljahr, das ist ja gegenüber dem, was heute im Hinblick auf die Weltwirtschaft notwendig wäre, a priori bestimmt worden, indem man einfach das Patriarchenalter festgelegt hat. Es ist mir im Augenblick nicht erinnerlich, ob es in der Bibel ebenso steht, aber jedenfalls der Usus war ursprünglich so, das menschliche Lebensalter festzustellen, weil man ganz richtig gerechnet hat: wenn man den Zeitenverlauf eines ganzen Menschenlebens nimmt, so liegt darin alles angelegt, was an Schenkungskapital in der Jugend da ist, dann an Leihkapital und an Handelskapital, also Verkehrskapital. Es wurde angenommen, daß der Mensch das Recht hat, dasjenige in der Jugend zu verzehren, was er später als reifer Mensch verdient, und dann etwas weniger verdient, wenn es
79 gegen das Ende zugeht. Man hat das dazumal als eine Art von Leihen angesehen.
Nun, sehen Sie, das war a priori; das würde sich in der Weltwirtschaft nicht so ausnehmen. Es würden die Zeitperioden sich wesentlich verlängern. Aber es ist auch ohne weiteres klar, daß dann, wenn diese allmähliche Abnützung des Geldes eintritt, diese im gegenseitigen Verkehr selber eintritt, weil auf der Banknote das Anfangsjahr stehen würde. Im realen volkswirtschaftlichen Verkehr wird dann das Geld eine geringere, jetzt nicht Kaufkraft, aber eine geringere Verwertungskraft für alles Organisieren haben: je weiter es vorrückt, eine um so geringere Verwertungskraft. So daß es durch die Abnahme seiner Verwertungskraft allmählich in Schenkungsgeld übergehen kann, und daß es dann wiederum rückläuft in junge Geldzeichen, die einfach auf dem Überleitungsweg neu herausgegeben werden können. Das muß nur durch die Assoziationen bewirkt sein. Für Produkte, die möglichst naheliegen den Naturprodukten, hat also dann die Arbeit ihren höchsten Wert, trotzdem der Arbeiter nicht mehr bekommt, als irgend jemand anderer nach der Preisformel; aber es hat die Arbeit dann dort im volkswirtschaftlichen Verkehr den höchsten Wert. Nur geht ein Teil über an den, der arbeitet; der andere geht in den wirtschaftlichen Prozeß restlos hinein. Sie haben dem einzelnen die Möglichkeit entzogen, sich zu bereichern.

Frage: Wie kann das Geld verschieden verwendet werden, wenn es als junges und altes Geld dieselbe Kaufkraft hat?

Rudolf Steiner: Wenn Sie eine Unternehmung mit jungem Geld beginnen, so sind Sie nun in der Lage, dadurch, daß Sie junges Geld hineinstecken, diese Unternehmung auf eine lange Frist hin anzulegen; während Sie mit altem Geld nicht in der gleichen Weise auf lange Frist hin das Unternehmen anstellen könnten.

Frage nicht notiert.

Rudolf Steiner: Sie meinen: wenn ich mir einmal meine Produktionsmittel gekauft habe, dann habe ich statt des Geldes die Produktionsmittel, und das Geld, das ich jetzt weggebe, das hat dann ein anderer.
80 Das Geld, das nun einmal in die Produktion hineingegangen ist, muß natürlich darin bleiben. Aber, es kann sich dieses Geld unter Umständen verwandeln ~ es würde sich ja nicht verwandeln, insofern der Betreffende es konsumieren kann - aber was in der Produktion darin ist, ist eine Frage des Verkehrs. Das wird nicht sehr bürokratisch sein, weil durch die Assoziationen dafür gesorgt werden kann, daß innerhalb der Unternehmungen, die auf gleicher Basis beruhen, nichts anderes verwendet wird als bestimmtaltriges Geld.
Das Geld ist also in Produktionsmitteln aufgegangen. Dem kommt zu Hilfe die andere Maßregel, daß die Produktionsmittel ihren Wert verlieren, wenn sie Produktionsmittel geworden sind. Diese zwei Dinge schließen sich zusammen zu einem. Heute haben Sie es nämlich auch so, nur kaschiert. Das Geld, das für die Produktion verliehen ist, geht nicht wiederum zurück, bleibt in der Produktion stecken. Nur wird es dadurch festgehalten, daß die Produktionsmittel wiederum verkauft werden können. Dadurch wird es fortwährend wieder jung gemacht. Denken Sie sich aber, die Produktionsmittel können nicht verkauft werden, so bleibt das Geld in seinem Alter darin. Man muß real denken, dann wird die Frage niemals so entstehen: Wie macht man das, daß das Geld sein Alter da drinnen behält? Sondern man wird sagen: Das muß geschehen - also muß einfach die Maßregel geschehen! Das ist eine äußerlich technische Frage.
Natürlich könnten Sie das eine sagen: Es wäre eine gewisse Möglichkeit vorhanden, daß solche Dinge durch die Spekulation umgangen würden; aber die Spekulation hätte sicher viel weniger Boden in einer solchen Gemeinschaft als in derjenigen, die dem Geld einen unbestimmt langen Wert gibt. In Wirklichkeit nützt sich das Geld ja doch ab. Sonst könnte jener pommersche Landmann recht haben, der sich sagt: Wie groß sind die preußischen Staatsschulden? Ich will ein kleines Kapital auf Zins und Zinseszinsen anlegen, und das würde nach so und so viel Jahren die preußischen Staatsschulden decken können. Dies könnte niemals zustande kommen, weil alle diejenigen, die nach und nach verpflichtet würden, für diese Summe aufzukommen, die doch die entsprechende Deckung brauchte, zugrunde gehen würden. Auf irgendeine Weise würden die Garanten verschwinden,
81 und der preußische Staat kriegte nach Jahrhunderten nicht einen Heller davon.
Da sehen Sie, daß es sich doch abnützt, das reine Geld. Es handelt sich nur darum, daß man diese Dinge in die Vernunft heraufnimmt, die in Wirklichkeit stattfinden, und die dadurch die Schädigungen hervorrufen, daß sie nicht in der Vernunft sind. Deshalb kann ich sagen: Ich betrachte doch nur das Reale, nicht ein agitatorisch SeinSollendes. Weil die Dinge da sind! Es handelt sich darum, daß man zu fragen hat: Wie saniert man die Weltwirtschaft?

Frage: Wie ist das Verhältnis von Staat und Geld?

Rudolf Steiner: Durch das, was ich gestern beschrieben habe, würde eine Reichsbank, eine Staatsbank unmöglich sein. Es würde herauskommen ein Bankinstitut zwischen denjenigen, die Schenkungsgelder bekommen haben, und denjenigen, die durch Arbeit, namentlich Bodenarbeit wiederum neue Waren in ihrem Anfang schaffen. Es würde diese Verjüngung gerade vom Staat auf die Wirtschaft übergehen. Und das ist das, was die weitere Notwendigkeit darstellt. Dadurch, daß sie an die Wirtschaft übergeht, würde diese Maßregel, das Geld wieder jung zu machen, zusammenhängen mit anderen wirtschaftlichen Maßregeln, nicht mit Staatsmaßregeln. Und dadurch kämen auch ganz andere Wertverhältnisse heraus als jetzt unter dem fiskalischen Elemente. Wir würden etwas haben, was schon existiert. Die Dinge werden ja nur dadurch kaschiert, daß sie nicht am rechten Fleck vor sich gehen. Wir würden eine fiskalische Maßregel in eine wirtschaftliche übergeführt haben. Der Fiskus würde weniger die Möglichkeit haben, wirtschaftlich vorzugehen als eine wirtschaftliche Assoziation.

Frage: Worin würde eine andere Währungsgrundlage bestehen?

Rudolf Steiner: Sie würde dadurch geschaffen werden, daß alles das, was Papiergeld, Geldsurrogat ist, sich sehr ähnlich werden würde. Die großen Verschiedenheiten von heute sind ja nur durch willkürliche Maßregeln hervorgerufen. Also die Staatsbanknoten und alle anderen Arten von Geldsurrogaten würden einander viel ähnlicher
82 werden. Man würde ein einheitliches Geld haben, und für dieses wäre es ziemlich gleichgültig, aus was es bestehen würde; denn es bekommt dann am Ende seines Prozesses einen rein nominalistischen Charakter; und indem es wiederum zurückgeführt wird, bekommt es einen metallistischen Charakter, den es am Anfang haben müßte. Die Währung würde etwas sein, was im fortwährenden Fluß wäre, die aber ganz angepaßt wäre der Eigentümlichkeit des volkswirtschaftlichen Prozesses.

Frage: Haben Sie nicht früher auch einmal die brauchbaren Produktionsmittel als Währungsgrundlage gepriesen?

Rudolf Steiner: Fragen wir uns: Was gibt denn nun innerhalb eines solchen Zeitraumes, in dem dieser Umschwung für ein bestimmtes Geld stattfindet, dafür den Geltungswert? Ihn gibt dasjenige, was an brauchbaren Produktionsmitteln da ist. Nehmen Sie an, es ist sehr wenig an brauchbaren Produktionsmitteln da, so wird die Sache sehr schnell umgesetzt werden müssen. Es wird sich überall Geld stauen, es wird überall Kaufgeld zurückgehen durch wenige Produktionsmittel und so weiter. Wenn aber viel brauchbare Produktionsmittel da sind, so wird der Umlauf ein anderer sein, und es wird dadurch diesem Geld ein erhöhter Wert anhaften. Auf diese Weise bekommen wir die Währung heraus durch die brauchbaren Produktionsmittel.

Frage: Müßte etwas Stabiles als Stoff genommen werden wie Gold?

Rudolf Steiner: Soviel ich sehen kann, wäre im Grunde genommen der wirkliche Stoff des Geldes gleichgültig, so daß Sie die Jahreszahl, die dann wertbildend würde, auch auf Papier setzen könnten. Ich kann nicht sehen, daß es dann notwendig wäre, eine solche Währung wie Gold einzuführen. Es würde nur in dem Umfang möglich sein, in dem sich wiederum SpezialVolkswirtschaften bilden würden. Aber in dem Maße, als tatsächlich die Weltwirtschaft da ist - sie realisiert sich in dem Maße mehr, als die Wirtschaft sich emanzipiert -, ist es möglich, durch jeden beliebigen Stoff das Geld zu machen. Was wird denn das Geld dadurch, daß sich das realisiert, was ich sage? Dadurch wird das Geld nichts anderes, als die durch
83 das ganze Wirtschaftsgebiet durchlaufende Buchführung. Sie könnten nämlich, wenn Sie eine Riesenbuchhaltung einführen wollten, die nicht notwendig ist, dieses ganze Hin- und Hergehen des Geldes ganz gut an einer entsprechenden Stelle verbuchen. Dann würden immer die Posten an den entsprechenden Stellen stehen. Was in Wirklichkeit geschieht, ist nämlich nichts anderes, als daß Sie den Posten aus der betreffenden Stelle herausreißen und dem Betreffenden den Schein geben, so daß die Buchhaltung wandert. Das Geld ist in fluktuierendem Sinn eine Buchhaltung. Da kann ich nicht einsehen, daß es einen anderen als einen dekorativen Wert haben soll, ob man es aus dem oder jenem macht.

Einwand: Das Gold gäbe einen gewissen Maßstab.

Rudolf Steiner: Das kann nicht der Fall sein, und wenn es der Fall ist, so übt es sich aus in dieser Buchhaltung selber. Das ist das Wesentliche, daß der ganze Geldverkehr übergeht in eine Führung der Buchhaltung. Statt daß Sie einen Posten von der Aktiv-Seite auf die Passiv-Seite hinübersetzen, geben Sie das Geld hinüber.

Einwand: Es dürfte nicht Gold sein, weil die Entwertung dadurch umgangen werden könnte, daß zuletzt das Gold zurückbehalten würde.

Rudolf Steiner: Wenn ein Käufer für das Gold da ist. Der müßte da sein, das heißt, es müßte der Kauf vorteilhaft sein. Man würde dann extra noch die unnötige Kalkulation machen müssen. Ja, die würde einem nichts helfen. Wenn man zum Beispiel einen Schmuckgegenstand daraus machen würde, würde man damit betrügen können. Diese Dinge muß man nur zum Zweck der Volkswirtschaft selber bedenken. Sie werden, wenn Sie die Dinge zusammenhalten, werten können das, was heute wirklich nur auf Grundlage einer partiellen Beobachtung und einer unzureichenden Spekulation in der Behandlung der Volkswirtschaftslehre steht. Es sind immer unzureichende Methoden und mangelhafte Beobachtungen da.

Frage: Welches Kapital ist volkswirtschaftlich zuerst entstanden, das Handelskapital oder das Gewerbekapital?
84 Rudolf Steiner: Zuerst natürlich das Handelskapital, geschichtlich, und zwar ist auch im wesentlichen der Handel selbst die allererste Verkehrsarbeit, die geleistet werden muß. Wenn Sie heute noch in primitive Dorfverhältnisse zurückgehen, so haben Sie verhältnismäßig wenig Gewerbekapital. Die Handwerker im Dorf verdienen verhältnismäßig nicht mehr als der Bauer auch. Die Leute dagegen, die handeln, erübrigen etwas. Dadurch sind sie in der Lage, zu leihen. Und dann geht das wiederum weiter. Denn es entsteht kein Kapital, wenn es nicht verwertbar ist. Das Gewerbekapital entsteht im Grunde genommen erst an dritter Stelle. Das hängt so sehr mit den Gewohnheiten zusammen, daß sich rationelle Gründe gar nicht finden lassen.

Frage: Muß die Schweiz zum Volkswirtschaftlichen oder zum Weltwirtschaftlichen gehen? - Besteht nicht die Tendenz in vielen Ländern, zum Volkswirtschaftlichen zurückzugehen ?

Rudolf Steiner: Sie meinten, die Schweiz wäre zu früh in die Weltwirtschaft übergegangen, denn es hätte sich gezeigt, daß ihr das nicht gut bekommen wäre? Das kann man nicht sagen, weil die Schweiz nicht auf naturgemäßem Wege die Probe auf die weltwirtschaftliche Richtigkeit ihrer Wirtschaft hat machen können. Denn dasjenige, was Sie jetzt «Wohlwollen» der Nachbarstaaten nennen, ist auf unnatürliche Weise durch den Krieg herbeigeführt worden. Hätte sie sich weiter entwickeln können wie bis zum Jahre 1914, so wäre ihr das nicht zum Nachteil ausgeschlagen, sondern sie würde sich schon weiter entwickelt haben. Natürlich würden sich dieselben Schäden ergeben haben, die sich damals nach und nach zeigten, die dahin tendierten, daß man auf friedlichem Wege in das Assoziative hätte hineinsegeln müssen. So wie die Sache jetzt liegt, muß man sagen, kommt ja außerordentlich wenig auf die Schweiz an. Denn jetzt haben wir es in der Welt zwar mit der Tendenz zur Weltwirtschaft zu tun, aber mit ihrer fortwährenden Störung durch die politischen Intentionen der Volkswirtschaftsgebiete, die sich mit dem nationalen Bestreben gedeckt haben. Was heute die Weltwirtschaft stört, sind die politischen Intentionen. Die Politik hat begonnen, alles wiederum zurückschrauben zu wollen auf die Volkswirtschaft. Wir können da nicht
85 die Schweiz als Illustration benützen, weil sie politisch zu machtlos ist. Ab und zu gestattet man der Schweiz mitzureden, wenn man weiß, daß sie das sagen wird, was man gesagt haben will - die Schweiz sagt auch das, was man gesagt haben will.
Also die Schweiz kann da nicht als Exempel gelten, aber Amerika, das entschieden hinführt auf eine volkswirtschaftliche Gestaltung und auf eine Hemmung der weltwirtschaftlichen Gestaltung - es könnte auch sein, daß es unter Umständen sehr schwer werden würde, diese Tendenz Amerikas zur volkswirtschaftlichen Gestaltung zu überwinden. Dagegen würde auf einem solchen Gebiet, das so eingerichtet ist wie England heute, das im Grunde genommen nur eine Pseudo-Volkswirtschaft, in Wirklichkeit eine Weltwirtschaft hat, die Tendenz zur Weltwirtschaft sich entfalten können. Denn hier haben Sie England, drüben Indien, Südafrika, Australien und so weiter. Was volkswirtschaftlich verbunden ist, das liegt alles im Grunde genommen über die ganze Welt hin. Dadurch hat zwar England nicht zugleich die Wirtschaft der ganzen Welt, aber es hat die in der ganzen Welt notwendigen Wirtschaftsarten, Wirtschaftserfordernisse, die es synthetisch zusammenfassen muß, in etwas, was qualitativ den Geist der Weltwirtschaft annehmen muß. Das ist dasjenige, was in dem Fortgang der wirtschaftlichen Entwickelung ganz notwendig zur Weltwirtschaft führen muß. Und dem wird sich mit der Zeit auch die Politik Nordamerikas fügen müssen; denn die Wirtschaft wird einfach ihre ganz gewaltigen Anforderungen an die harten Köpfe der Menschen stellen, und sie werden sich der Weltwirtschaft fügen müssen. England könnte gar nicht vorwärtskommen, wenn es nun auch fortführe, in dem bloß volkswirtschaftlichen Sinn zu arbeiten. Sie müssen also den eigentlichen Antagonismus suchen zwischen England und Amerika. Die Schweiz ist gar nicht maßgebend.

Frage: Ich kann mir nicht vorstellen, wie der Stein in der Krone von England in seinem Wert nur durch die menschliche Arbeit, nicht durch seine Seltenheit erklärt werden könnte.

Rudolf Steiner: Die Sache beruht darauf, daß volkswirtschaftliche Werte nur dadurch entstehen, daß menschliche Arbeit oder menschlicher
86 Geist aufgewendet wird. Dadurch entstehen allein volkswirtschaftliche Werte im Zeichen der Arbeitsteilung. Wenn Sie nun diesen Stein in der Krone von England seinem Werte nach zu erklären haben, so müssen Sie sich sagen: Wenn es möglich ist, aus dem fortlaufenden volkswirtschaftlichen Prozeß Werte herauszuheben, die sich der einzelne aneignet, dann kann der Wert, der da erzeugt worden ist, in der Tat auch bei dem Betreffenden zurückgehalten werden. Wenn also irgendeiner unter unseren gegenwärtigen Verhältnissen eine Million zurückbehalten will, so kann er es. Er kann die Million anhäufen. Dann kann er diese Million meinetwillen sich in den Strumpf tun. Er kann nun dieses In-den-StrumpfTun ersetzen durch die andere Handlung, daß er künstlich irgendeinem Produkte, das selten ist, für sich denselben Wert beimißt wie seinem Gelde - und es in die Zirkulation übergehen läßt. Dann hat er dadurch, daß er rein konventionell und bloß durch seinen Machtspruch der Sache diesen Wert beigelegt hat, durch seine geistige Organisation diesem ihm gerade gefallenden Objekt diesen betreffenden Wert beigelegt. Es ist das, was geschehen ist, lediglich unter dem Einfluß, geistiger Taten kann man es vielleicht nicht nennen, aber geistiger Maßregeln geschehen. Der Seltenheitsbegriff löst sich volkswirtschaftlich in den volkswirtschaftlichen Geistbegriff hinein auf.

Einwände werden genannt, die gegen die Dreigliederung erhoben werden: Es sei unmöglich, die Trennung der drei Glieder durchzuführen. Aufgabe der Dreigliederung könnte es nicht so sehr sein, aufzubauen, als vielmehr negativ dort, wo schädliche Einwirkungen der drei Gebiete aufeinander bestehen, diese voneinander zu trennen und darin die Arbeit bewendet sein zu lassen. Besonders unter den Grenzen der drei Gebiete könnte man sich gar nichts vorstellen. Das Wirtschaftsleben würde dadurch beschränkt auf das, was man Technik nennt.

Rudolf Steiner: Das Denken der Menschen, die diesen Einwand machen, ist nicht genügend durchgebildet. Wie das überhaupt der Hauptschaden ist, daß unsere heutigen Lehranstalten das Denken viel zu wenig durchbilden. Die Menschen können sich nur Begriffe bilden, die sie hübsch nebeneinander lagern. Aber schon beim menschlichen dreigegliederten Organismus hat man dieselbe Sache. Wenn Sie den Augennerv nehmen, so gehört er in das Nerven-Sinnessystem; aber
87 der könnte natürlich nicht bestehen, wenn er nicht, namentlich im Schlaf, vom Ernährungssystem aus, vom Stoffwechselsystem aus ernährt würde, wenn also nicht in ihm Ernährungsprozesse vor sich gehen würden und wenn nicht auch fortwährend durch den Rückenmarkskanal die eingeatmete Luft in den Sehnerv ginge und da auch ein Zirkulationsprozeß stattfände. So daß also im menschlichen Organismus irgend etwas eben bloß hauptsächlich dem Sinnes-Nervensystem angehört oder dem Ernährungs- oder dem rhythmischen System.
So auch im sozialen Organismus. Es ist notwendig, daß im wirtschaftlichen Organismus die anderen zwei Systeme hineinspielen. Aber bei alldem bleibt es doch richtig, daß im wesentlichen das Sinnes-Nervensystem nach dem Kopf zu liegt, und daß die Kopfernährung und Kopfatmung von einer anderen Instanz bewirkt werden. Gerade dadurch wird im richtigen Sinn dieses Zusammenwirken bestehen, daß diese drei Instanzen geschaffen werden. Ich habe mich immer gesträubt, daß man von einer Dreiteilung spricht. Es handelt sich um die Frage: Wie haben sich die drei Glieder, die ohnedies vorhanden sind, in naturgemäßer Weise zueinander zu stellen, damit sie entsprechend aufeinander wirken können? Der geistige Organismus wird im wesentlichen auf die Freiheit gestellt sein. Aber in den geistigen Organismus wird natürlich auch das Wirtschaftsleben hineinwirken müssen, sonst hätten die Professoren nichts zu essen. Das wird aber gerade richtig hineinwirken, wenn es von einer anderen Instanz aus geschieht, so daß man es nötig hat, nach einer gewissen Richtung hin auszubauen einen Wirtschaftsorganismus, nach einer anderen Richtung auszubauen einen geistigen Organismus und dann den staatlich-juristischen «Organismus». Nur die machen hier Einwendungen, die sich diese Dreigliederung als Teilung vorstellen. Daß dieses reichlich geschehen ist, ist bekannt. Ich habe bei einem Interpreten gefunden, daß er Vorträge gehalten hat über die drei Parlamente im sozialen Organismus. Wer sich die Sache so vorstellt, der stellt sich eine Unmöglichkeit vor, denn ein Parlament kann es nur im Staate geben, nicht im freien Geistesleben. Da kann es nur die einzelne Individualität geben, die ein
88 Netz von selbstverständlicher Autorität schafft. Auf wirtschaftlichem Gebiet kann es nur Assoziationen geben. Im Parlament werden schon alle Funktionen zusammenrinnen, und es werden die richtigen Maßregeln geschehen zwischen den einzelnen Gliedern des sozialen Organismus.

Frage: Das Gewinnstreben wurde im zehnten Vortrag mit der Masse im physikalischen Sinne verglichen. Kann man die Analogie so erweitern, daß man die Arbeit eine Funktion zwischen dem Verkehr und dem Gewinnstreben sein läßt ?

Rudolf Steiner: Nach der physikalischen Energieformel ist e = ½mv2. In ähnlicher Weise würde die volkswirtschaftliche Energie zu formulieren sein: Die möglichen Gewinne, die zu multiplizieren wären mit einer Funktion der Schnelligkeit des Verkehrs: e = g • f (Verkehr). Gewinnstreben muß man multiplizieren mit der Schnelligkeit des Umlaufs, dann wird man die Zahl für die Arbeit bekommen. Für das einzelne Produkt gilt das. Wenn Sie an ihm einen bestimmten Gewinn haben und Sie multiplizieren ihn mit der Schnelligkeit des Umsatzes, so werden Sie die Menge der Arbeit haben. Diese Menge der Arbeit ist dann null, wenn Sie nötig haben, den Gewinn mit null zu multiplizieren, das heißt, wenn Sie unmittelbar verkaufen: 0 = g-0.

Frage: Entspricht der Wert des Steines in der Krone von England der Spannung zwischen ihm und dem Luxusbedürfnis?

Rudolf Steiner: Sie erklären, nur durch anderen Verlauf der Dinge, die Sache gerade so: Denn die Spannung, die durch den Konsum entsteht, ist immer die Spannung zwischen der Bearbeitung von Naturprodukten und dem Wert, den die Arbeit bekommt durch die geistige Organisation. Bei so etwas, wie bei dem Stein in der Krone von England, muß man ja zunächst wirklich nicht einseitig von seinem Werte sprechen. Ich bitte Sie: was ist der denn eigentlich wert? Er ist eigentlich nur etwas wert in einer ganz bestimmten, und zwar von einer bestimmten Geistigkeit durchsetzten Wirtschaftsordnung, durch die Meinung, das heißt durch den Geist. Man kann gar nicht davon sprechen, daß er «diesen Wert» an sich hat, sondern nur, daß er etwas
89 wert ist durch die Meinung, die sich an ihn heftet. Würde man, wenn man ihn nun kaufte für das, was der Verkäufer verlangt, den Verkäufer in die Lage versetzen, soviel bearbeiten zu lassen, als er durch das, was er bekommt, bearbeiten kann, so wäre durch so etwas, wie bei einer Lawine, eine ganze Arbeitsorganisation entstanden. So wenig Sie in der Physik etwas anderes als die gegenseitigen Beziehungen in Rechnung zu ziehen brauchen, wenn Sie von einem kleinen Schneeball sich eine Lawine formieren lassen - dann brauchen Sie die Formel nicht zu ändern -, ebensowenig braucht man die Formel in der volkswirtschaftlichen Betrachtung dadurch zu ändern, daß einmal solche besonderen Verhältnisse entstehen, unter denen, rein äußerlich angesehen, Tatsachen geschaffen werden wie diese, daß ein Seltenheitsprodukt äquivalent ist einer Riesenarbeitsleistung. Das ist nur durch den volkswirtschaftlichen Zusammenhang so.




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