FÜNFTE SEMINARBESPRECHUNG
Dornach, 4. August 1922
Geldwesen: Geldwert, Goldwährung, Valutaelend, Zahlungsbilanz, Leihen und Schenken. Personalkredit muß den Realkredit ersetzen. Aus dem großen Leihen muß ein Schenken entstehen. Diskrepanz zwischen Gold- und Papierwährung führte zum Sturz der deutschen und der österreichischen Valuta. Geldformen in der Bauernwirtschaft, Volkswirtschaft, Weltwirtschaft. Nominalisten und Metallisten haben beide recht, je nach den Verhältnissen. Produktionsmittel als Ware und Rückfall in die bloße Natur. Kapital als Agens in der Unternehmung. Lohn- und Preisspirale. Richtige Löhne nur in der assoziativen Wirtschaft möglich.
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| 64 | X stellt das Problem der Valuta und ihrer Schwankungen zur Diskussion. Er vermutet, daß bestimmte Persönlichkeiten dahinterstehen. Rudolf Steiner: Das gibt es, das gehört zu den Teilursachen. Es ist sehr schwer zu sagen, daß irgend etwas die Hauptursache ist, weil sich das zu den verschiedenen Zeiten sehr geändert hat. Aber es fließen in den Valutazuständen die allerverschiedensten Ursachen zusammen. Die Hauptursache bei den neueren Valutaverlusten ist die möglich gewordene Diskrepanz zwischen der Gold- und Papierwährung im eigenen Lande. Es ist im wesentlichen so, daß die Goldwährungen in den valutaschwachen Ländern nicht mehr eine ausschlaggebende Rolle spielen. Dagegen sind in den Ländern mit guter Währung eben die Deckungen noch da, was natürlich bedingt, daß solche Länder, die Goldwährungen haben, wesentlich anders in ihren Kreditverhältnissen dastehen als die anderen. Zuerst ist die Valutafrage eine Kreditfrage. Dann natürlich, wenn so etwas auftritt wie die Kreditschädigung eines Wirtschaftsgebietes, kann man auch wiederum eine solche Ursache benutzen, um weiterzugehen. Man kann börsenmäßig den Kredit wiederum heruntertreiben. Dazu kommen die doch ziemlich sinnlosen Unternehmungen im eigenen Land. Es ist ganz ohne Frage, daß gegenwärtig kein Grund vorhanden ist für den Sturz der deutschen Mark in dem Umfang, wie er wirklich geschehen ist, sondern daß da wesentlich mitwirkt die Spekulation des eigenen Landes, das Verkäufe ins Ausland macht und dadurch auch noch das Seinige hinzutut. Das alles bringt dann einmal die Valuta ins abschüssige Rollen. Dann geht es wie in Österreich. Was in Rußland noch mitgewirkt hat, ist schwer zu sagen. In Österreich und Deutschland ist die Sache ausgegangen von der Goldbestandsabnahme, von der Abnahme der Kreditverhältnisse, von der Spekulation im eigenen Lande. In Deutschland wird spekuliert auf die Ausfuhr, in Österreich wird gerade jetzt so spekuliert, daß man den auswärtigen Bestand zurückhält, |
| 65 | wodurch er noch teurer wird, so daß in Österreich die Krone durch Franken, Dollar und so weiter, die im eigenen Lande sind, heruntergedrückt wird. Dieses könnte gar nicht sein, wenn nicht schon die hochvalutigen Währungen in den Aufstieg gekommen wären. Dann kann es sogar im eigenen Lande fortgesetzt werden, und dadurch kann diese Sache ins Unermeßliche gehen. Aber es war der Anfang zum Übel, daß in so außerordentlich starkem Maße das deutsche Gold während des Krieges gesammelt und an den Staat abgeführt worden ist, der dafür gesorgt hat, daß das Gold außer Landes gekommen ist. Unter dem Volk ist gar kein Gold. Das ist das Wesentliche. Man kann heute den Goldbestand der Reichsbank nur vergleichen mit dem Gesamtgoldbestand des Volkes vor dem Kriege. Es sind natürlich andere Momente dazugekommen, aber die sind gar nicht zu fassen. Es braucht ja nur eine bestimmte Währung in einem Lande zurückbehalten zu werden, so wirkt das wiederum auf die Valuta. Je nachdem Valuta im Ausland ist, kann man eine Beschleunigung oder Verzögerung einleiten; danach sinkt und fällt die Valuta des valutaarmen Landes. Von dieser Seite her haben einzelne Persönlichkeiten ein leichtes Spiel, den anderen Staat zu schädigen. Wieviel von der eigenen Schuld des Landes herrührt, ist schwer festzustellen. Es wird eine ganz erkleckliche Summe sein, die da gespielt hat in der Spekulation einzelner Leute. Frage: Manche sagen, die Schuld an dem Valutaelend liege in der Veränderung der Zahlungsbilanz der schlechteren Länder gegenüber den anderen Ländern. Bei Deutschland kämen zu dieser Verschlechterung hauptsächlich die Ausgaben ans Ausland hinzu, ohne daß Gegenwerte hereinkommen. Da entstehe ein Saldo zugunsten der Entente. Das sei das maßgebende. Rudolf Steiner: Das hätte nie zu einer solchen Entwertung der Valuta führen können, wie sie sich in Deutschland und Österreich findet. Die Meinung, daß die Diskrepanz zwischen Goldwährung und Papiergeld nur die Außenseite sei, ist aus dem Grunde nicht richtig, weil einfach die Tatsache besteht, daß vor dem Kriege die Papierwährung durch Goldwährung gedeckt war. Das ist eine reale wirtschaftliche Tatsache. Und nun kommt dieses eben in Betracht, |
| 66 | daß, solange im wesentlichen Golddeckung da ist für die Papierwährung, im wesentlichen keine Inflation stattfindet. So hängt das zusammen. Wenn das Gold fort ist, so tritt die Inflation ein. Und da können Sie mit jener sinnlosen Inflation, die nur möglich war, weil man nicht eine Notwendigkeit fühlte, mit der Goldwährung noch zu rechnen, das Geld natürlich so billig als möglich machen. Also weil wir die Goldwährung haben durch die Macht Englands, liegt im wesentlichen doch im Hinaufschnellen des Goldes, wenn es nicht da ist, eine von den Ursachen, die zuerst spielen, und die dann den Kredit untergraben. Und dann, wenn die Sache ins Kreditgeld hineinkommt, dann fängt die Zahlungsbilanz an, ihre Rolle zu spielen. Die Sache muß erst ins Rollen kommen. Die Ursache zu der Valutaentwertung liegt schon vor dem Krieg. Sie werden sich erinnern, daß man während des Krieges immer gesagt hat, Deutschland würde an seiner Geldnot zugrunde gehen. Das konnte es während des Krieges nicht. Aber als der Krieg aus war und als wirtschaftlich die Grenzen etwas offen geworden sind, kam das in Betracht, was sich während des Krieges ausbildete. Das war das, was die Lawine ins Rollen gebracht hat. Dann wirkten alle möglichen Ursachen zusammen. Auf die Zahlungsbilanz sollte man sich erst dann berufen, wenn man die Zahlen der Bilanz zu benannten Zahlen gemacht hat. Solange sie bloße Bilanzzahlen sind, kann man sich nicht auf die Zahlungsbilanz berufen. Sie muß erst etwas bedeuten, nicht bloß eine Differenz. X: Gold wandert eben ins Ausland und wirkt geldentwertend, solange die Goldwährung besteht. Rudolf Steiner: So wie heute unsere wirtschaftlichen Verhältnisse sind - daß die Goldwährung das Zugrundeliegende ist -, ist es zweifellos, daß Länder, die eben kein Gold haben, im wesentlichen in der Bewertung ihrer Produkte ganz abhängig sind von den Ländern, die einen Goldbestand haben, und davon hängt dann der Wert des Geldes ab. Begreifen kann man ja die Sache aus den ungeheuren Umwälzungen in der Welt ganz gut; aber die Wirkungen sind so ungeheure, daß man noch «ganz geheime Ursachen» finden möchte. |
| 67 | Aber gerade dieses Entwerten der Valuta ist nicht so verborgen, als man immer sagen möchte; es liegt vielmehr zugrunde, daß wirklich kurioserweise die Menschen heute so sind, daß sie gar nicht Ereignisse bewerten können. Ich habe oft gesagt, nachdem der Krieg zu Ende war: Derjenige, der die Dinge entsprechend betrachtet, findet, daß wir seit 1914 ungefähr so viele Jahrhunderte durchlebt haben in bezug auf Veränderungen, die eingetreten sind, als wir zeitlich Jahre durchlebt haben. Und eigentlich kommt es einem wie ein Anachronismus vor, daß gewisse Dinge stehengeblieben sind. Man hat das Gefühl, daß nach fünf- bis sechshundert Jahren sich sonst die Sprache geändert hat; es ist wie ein Anachronismus, daß man noch im wesentlichen so redet wie 1914. Aber dies hat keinen sehr starken Eindruck auf die Leute gemacht. Wenn man in der Geschichte zurücksieht, so übersieht man eben gewöhnlich größere Zeiträume. Versuchen Sie nur einmal, die Schwankungen der Getreidepreise zum Beispiel im 15./16. Jahrhundert in England zu studieren, so werden Sie sehen, daß es sich da auch bei Veränderungen, die sich gar nicht so tumultuarisch vollzogen haben, im Getreidepreis Schwankungen gibt bis auf das Zwanzigfache des gewöhnlichen Preises. Daraus können Sie entnehmen, wie die Dinge eigentlich bewertet werden müssen, die sich seit dem Jahre 1914 im Leben zugetragen haben. Die Menschen glauben das nicht, weil sie keinen Sinn für das Qualitative des Lebens haben. So haben es die Menschen erst bemerkt, als das eintrat, was sich später zeigte - weil eben Geld ein unredlicher Kumpan ist -, als das Geld entlarvt worden ist. Die Menschen haben nämlich nur einen Schätzungsinstinkt für ihre Brieftasche. Erst wenn sich da die Dinge zeigen - die Menschen denken ja nur in Geld -, bemerken sie es eben an dem Valutasturz. Aber wenn man jetzt qualitativ das Leben betrachtet - ich bitte Sie, nehmen Sie Rußland, nehmen Sie einen ganzen Komplex des russischen Lebens, durchdrungen von der Gesinnung «Väterchen Zar» bis Lenin -, was müssen Sie denn da dazwischensetzen an sich metamorphosierenden Formen? Da ist im Grunde genommen selbst die russische Valutaentwertung |
| 68 | nur eine Art Barometer für das, was sich sonst im Leben zugetragen hat. Also, es ist die Sache nicht so unerklärlich. Es ist eben die Wirkung eine ganz furchtbare und wird noch furchtbarer werden. Aber verständlich ist die Sache einfach aus dem Gang der übrigen Ereignisse heraus. Frage: Haben wir effektiv heute schon Weltwirtschaft? Rudolf Steiner: Man kann den Gedanken so nicht formulieren. Sie müssen zuerst den Zustand vor dem Weltkrieg nehmen. Dieser war bis zu einem hohen Grade ein Einlenken der Ereignisse in ein weltwirtschaftliches Verfahren. Sie brauchen nur den internationalen Scheckverkehr zu nehmen, so werden Sie einen Maßstab haben für den hohen Grad, den schon die Weltwirtschaft erreicht hatte. Das Denken der Menschen rückte diesem Entstehen der Weltwirtschaft nicht nach. Man blieb noch bei den Formulierungen der Volkswirtschaft. Es wäre gar nicht möglich gewesen, wenn man mit dem Denken den Tatsachen nachgekommen wäre, daß alle die Quälereien der Menschheit durch alle möglichen Zollschranken schon vor dem Kriege aufgetaucht wären. Das lag schon in der Linie der Versailler Weltumwälzung. Man wollte nicht mit dem Denken nachrücken. Man wollte die Tatsachen korrigieren. Man machte irgendwo an der Grenze einen Zoll auf, wenn etwas nicht stimmte. Aber die Dinge sind doch wiederum so, daß wir eben einen hohen Grad von Weltwirtschaft bereits erreicht hatten, trotz aller Zollschranken. Wenn schon ein hoher Grad von Weltwirtschaft da ist, so ist der Preis, den Sie bezahlen, wenn Sie von Dornach nach Basel mit der Tram fahren, abhängig von den Verhältnissen in Amerika. Alles ist nach und nach schon bis zu hohem Grad eingelaufen gewesen in die Preise der Weltwirtschaft. Das war also schon da. Vieles war in seiner Realbewertung durch Geld einfach so, wie es sich schon bis zu einem hohen Grad aus der Weltwirtschaft herausentwickelt hatte. - Nun kamen plötzlich die Absperrungen durch den Krieg, die einen wirtschaftlichen Verkehr bedingten, der nicht stimmte mit dem, was sich schon herausgebildet hatte. Und nachdem die Menschen noch immer nicht angefangen haben, |
| 69 | mit dem Denken nachzurücken, wurde in Versailles versucht, die Dinge ganz im alten Stil zu korrigieren. Die ganze Zerstückelung Österreichs stimmt absolut nicht zu irgendeinem Preis, zum Beispiel einer österreichischen Dampfschiffahrt, zum Preis der Kohle, zu gar nichts. Das gab dann erst das Chaos, dieser krampfhafte Versuch, der da gemacht wird, mit den alten Gedanken die Tatsachen zu bezwingen, während die Weltwirtschaft bis zu einem hohen Grade schon da war. Man könnte mit einem beschränkten Denken sagen, daß wiederum eben Volkswirtschaften entstehen würden. Das ist aber nicht der Fall. Das, was sehr viel beiträgt zu den Valutaschwankungen, beweist, daß Weltwirtschaft da ist: denn in Österreich sind alle möglichen Werte aller Welt, und man kann also mit denen die Weltwirtschaft beeinflussen. Das sind Dinge, die doch beweisen, daß es heute nicht geht, die Weltwirtschaft einfach zu ignorieren. Frage: Wenn Amerika nach Rußland Anleihen gibt, um Rußland in die Höhe zu bringen - dadurch, daß Eisenbahnen gebaut werden und so weiter -, so wird die Folge sein, daß das Geld nach Rußland hineingesteckt ist und daß die Amerikaner einfach den Titel des Besitztumes haben, ohne es irgendwie zurückzubekommen. Rudolf Steiner: Wenn Amerika sich entschließen würde zu dieser Geldhingabe - in welcher Form das auch immer geschähe -, so würde das eine Schenkung sein. Aus dem großen Leihen, das stattgefunden hat, muß ein Schenken entstehen. Aber Amerika wird sich so lange nicht entschließen - das ist auch gegenwärtig schon ganz offen in Amerika vertreten -, Europa zu helfen, bis Europa Garantien bietet, daß es nicht in weitere kriegerische beziehungsweise wirtschaftliche Verwicklungen hineinkommt. Der einzige Grund, daß Amerika nicht hilft - denn Amerika würde dadurch gewinnen, weil seine eigene Wirtschaft gesünder würde -, besteht darin, daß Europa einen Anblick zeigt, der sagt: was ich da hineinstecke, das ist verloren. Die Leute fürchten sich in Amerika vor jeder Anleihe. Die wird nicht zustande kommen, wenn nicht in Europa allmählich dieses kommt, daß man, ich möchte sagen, wiederum mehr Personalkredit geben würde. Wie leicht es im Grunde genommen wäre, Europa zu helfen, können Sie daraus ersehen, daß, wenn es auch nur scheinbar |
| 70 | ist - denn Rathenau war kein tüchtiger Mann und Wirth auch nicht -, als geglaubt wurde, daß das tüchtige Leute seien, sich in dem Augenblicke Aussichten eröffnet haben. Aber wenn, namentlich auch in den Ententeländern und in den besiegten Ländern, neue Leute in die führenden Stellungen hineinkämen, die nichts zu tun haben mit dem, was vor dem Kriege war, wenn alle Leute verschwänden aus dem öffentlichen Leben, die noch die Namen von früher darstellen, in dem Augenblicke würde Europa geholfen sein: da würde Europa den Personalkredit haben. Es liegen die Sachen so, daß der Realkredit nicht mehr vorhanden ist, daß der Personalkredit den Realkredit wieder heben muß. Dann könnte es zu einem langsamen Hinaufgehen kommen. Wenn einmal Krone und Mark sich etwas heben würden, dann käme wieder eine ganz andere Stimmung, dann gäbe es wieder allerlei Ursachen, die dann erst hervortreten würden zu weiterem Hinaufgehen. Aber es ist das moralische Niveau so weit gesunken. Einwand: Eine Umfrage nach den Ursachen des Valutaelends ergab die widersprechendsten Antworten. Rudolf Steiner: Die Lösung dieser Frage liegt darin, nicht daß alle unrecht hatten, sondern alle recht hatten; nämlich alle trafen gewisse Teilursachen aus ihrem Erfahrungskreis. Das bezeugt Ihnen die Notwendigkeit des assoziativen Lebens. Es gibt im wirtschaftlichen Leben gar nicht die Möglichkeit, daß einer ein umfassendes Urteil abgibt. Also die Leute haben zumeist recht gehabt. Aber am meisten recht, indem er auf die tiefste Ursache, allerdings auf moralähnliche Sachen, hingewiesen hat, scheint mir Edison gehabt zu haben, der ganz wirtschaftlich denken kann, und der gesagt hat: Die Hauptsache liegt darin, nach welchen Prinzipien man die Leute, die man ins Geschäft hereinnimmt, aufnimmt. Der gewiegte Kaufmann stellt an die einzustellenden Leute Fragen, die gar nicht mit der Geschäftsführung zusammenhängen. In die Geschäftsführung werden sie sich schon hineinfinden, wenn sie nur sonst tüchtig sind: Deshalb stelle ich als Geschäftsmann an sie solche Fragen, die mir beweisen, ob sie, was sie zum Beispiel in der Schule gelernt haben, noch wissen oder verschwitzt haben. Sagt mir der Gefragte einen absoluten Unsinn, so ist |
| 71 | mir die Frage so beantwortet, daß ich ihn für einen nicht genug offenen Kopf halte. - Eine ganze Reihe solcher Fragen hat Edison gestellt, wenn er jemand anstellen wollte. Wenn man die Sache so praktisch anfaßt, ist es etwas anderes, ob ich einen Menschen einstelle, der nicht Weizen vom Roggen unterscheiden kann, und ihn am Bürotisch habe, oder einen, der beides unterscheiden kann. Und dieses ist es, was heute die Leute nicht glauben. Die Leute glauben, man könne ein ganz tüchtiger Buchhalter sein, ohne daß man weiß, was eine Sonnenblume ist. Das ist cum grano salis gesprochen. Aber was Edison da als Anregung gegeben hat, schien mir eine außerordentlich treffende zu sein. Sie ist wirtschaftlich, sie zeigt, wie weit da der Geist die Arbeit ergreift. Frage: Was verlangen die gegenwärtigen wirtschaftlichen Notwendigkeiten von denjenigen, die glauben, eine neue Volkswirtschaftslehre begründen zu müssen? Rudolf Steiner: Zum großen Teil versuche ich Ihnen Teilbeantwortungen dieser Frage jeden Tag zu geben. Denn dasjenige, worauf es ankommt, ist, daß man wirklich begreift diesen etwa seit fünfzig Jahren wirksamen Übergang der Volks-Teilwirtschaften in die Weltwirtschaft, und daß man nicht weiter arbeitet mit den alten volkswirtschaftlichen Kategorien, sondern daß man versteht, wie heute gewisse Dinge geschaffen werden müssen, die nicht da waren, und die nur geschaffen werden können aus dem Denken heraus. Nehmen Sie einmal frühere Volkswirtschaften, dann haben Sie das, daß sie einfach nebeneinander liegen. Der noch frühere Zustand war, wo die Volkswirtschaften ganz auseinander liegen. Dieser volkswirtschaftliche Zustand war da in der Zeit, als noch Gebiete einfach zu erobern waren. Es kommt nicht auf die Entfernungen an. Sie können sich das noch unkultivierte Frankreich denken und die hinüberziehenden Franken, die die leeren Gebiete gefunden haben. Das gibt ganz andere volkswirtschaftliche Zustände, als wenn man in ein verhältnismäßig geschlossenes Gebiet mit mehr Kultur kam. Die Westgoten haben ein anderes Schicksal gehabt als die Franken, weil sie in ein wirtschaftlich nicht noch zu hebendes Gebiet eingezogen waren. Und das größte Beispiel ist eben für diese auseinanderliegenden |
| 72 | Volkswirtschaften, die dann aufeinander wirken, das Verhältnis zwischen England und Indien, überhaupt seinen Kolonien. Da sind auseinanderliegende Volkswirtschaften durch Eroberung, auch durch friedliche Eroberung, in ein gemeinsames Gebiet einbezogen worden. Das ist der erste Zustand. Der zweite ist der, wenn die Gebiete aneinander grenzen und selbständige Volkswirtschaften sind. Und der dritte ist der, wo nun ein geschlossenes Gebiet dadurch geschaffen ist, daß nichts mehr nebeneinander sein kann im volkswirtschaftlichen Sinn - denn völlige Ödländer kommen dabei nicht in Betracht. Jetzt müßte man eben darauf aufmerksam sein, daß wir in einer ungeheuren Umwälzungszeit darinstehen, und daß das Wesentlichste ist die Weltenforderung der Weltwirtschaft, der wir uns anpassen müssen. Dieses Umverstehen aller Dinge in der Volkswirtschaft ist das, auf das es ankommt. Sie haben ein sehr interessantes Beispiel, wie wenig das die Leute können, in dem Buch von Spengler «Der Untergang des Abendlandes», das auch ein wirtschaftliches Kapitel hat. Spengler redet wirklich in ausgezeichneten Apercus, hat aber keine Ahnung, wie die Sachen in Wirklichkeit sind. Seine Begriffe decken sich doch nirgends mit der Wirklichkeit. Auf dem wirtschaftlichen Felde ist es besonders jetzt, im zweiten Band, schlimm, weil der Spengler eine verhältnismäßig gute Einsicht hat, wie gewisse antike Wirtschaftsgebiete wirtschafteten. Er versteht also die Bauern-Naturalwirtschaft auf der einen Seite außerordentlich gut, versteht auf der anderen Seite auch gar nicht schlecht das moderne Wirtschaftsleben. Er unterscheidet da - das ist Spenglersche Koketterie! - das Faustische vom Homerischen. Nun, das ungeheuer Bedeutungsvolle ist, daß auch ein so geistreicher Mensch, wie Spengler es ist, absolut nicht darauf kommen kann, daß dasjenige, was einmal überwunden ist, scheinbar, in das spätere noch hineingeht, so daß all dasjenige, was er als antike Volkswirtschaft bezeichnet, ja mitten unter uns als ein Gebiet ist. Da namentlich, wo wir es mit dem zu tun haben, was ich Kaufgeld genannt habe, ragt überall das herein, was Spengler nur dem Altertum zuschreibt, nur daß sich die Form etwas geändert hat. Er glaubt, während man früher nach seiner Meinung Stoffgeld gehabt |
| 73 | hat, habe man heute nur Funktionsgeld, während unser Geld heute darauf hinaus laufen muß, daß die Beziehungen zwischen StorTgeld und Funktionsgeld durchschaut würden: Er schmeißt mit solchen kokett zugeschnittenen Begriffen herum und kommt dennoch nicht zu Begriffen, die die Wirklichkeit decken. Daher dieses Brillante, was in den Spenglerschen Begriffen liegt. Dieses Blendende und auf der anderen Seite wiederum das Verwirrende - wie er die Begriffe durcheinander bringt -, es ist tatsächlich für diejenigen, die nicht gefeit sind gegen diese Verwirrung, eine Gefahr. Unsere Aufgabe ist, mit dem Denken den Verhältnissen, wie sie gefordert sind, nachzukommen. Wir haben dieses dreifache Nebeneinander: die ganz gewöhnliche Eroberung und das Nebeneinanderwirtschaften und die ursprüngliche Naturalwirtschaft, was kaschiert ist dadurch, daß wir Geld zu allem verwenden. Es gibt diesen Streit zwischen Nominalisten und Metallisten. Erstere sind der Meinung, daß Geld nur Zeichen ist, also daß der Stoff, aus dem es besteht, gar keinen Wert hat, sondern nur die Zahl, die daraufsteht; während die Metallisten die Meinung haben, daß es der Stoffwert im wesentlichen ist, was das Geld ausmacht. Die Leute streiten über so etwas, während die Sache so ist: auf dem einen Gebiet, wo wir es noch mehr zu tun haben mit der Landwirtschaft und dem, was mit ihr verwandt ist, haben mit Bezug auf die Funktion des Geldes in der Wirtschaft die Metallisten recht, während in der Industrie und im freien Geistesleben die Nominalisten recht haben; denn dort spielt das Geld die Rolle, die die Nominalisten ihm zuschreiben. Und dann haben wir das Durcheinänderspielen von beiden. Solche Dinge haben wir zu erfassen! Die Leute kämpfen für viel zu einfache Sachen, während wir ein kompliziertes Leben haben. Einwurf: Jetzt müßte man aber unseren Nationalökonomischen Kurs umtaufen zu einem «Kurs der Weltwirtschaftslehre»! Rudolf Steiner: Nun, die Namen bleiben. Sehen Sie, es gab ja sogar eine Zeit, in der man die Moral zu der ökonomischen Wirtschaft gerechnet hat. Im 1., 2. christlichen Jahrhundert, da gehörte zu der Ökonomie die Moral. |
| 74 | Frage: Ich kann mir die gegenseitige Bewegung Naturprodukt - Arbeit - Kapital und so weiter nicht zum Verständnis bringen. Das Produktionsmittel hat doch schon eine Umwandlung durchgemacht. Rudolf Steiner: Aber die Umkehrung bezieht sich nicht darauf, daß das Produktionsmittel erzeugt wird, sondern daß es erzeugt. Die Umwandlung hat erst eine Bedeutung in dem Moment, wo das Produktionsmittel aufhört, Ware zu sein. Es bleibt Ware bis zu dem Moment, wo es übergeführt werden kann, zu produzieren. Wo es anfängt zu produzieren, ändert sich für das Produktionsmittel der Strom des nationalökonomischen Geschehens. Es wird von dem Moment ab herausgehoben aus dem Zusammenhang, in dem es war, wo es Ware war. In den «Kernpunkten» habe ich angeführt, daß es da anfängt, der Natur ganz gleichgeartet zu sein, weil es keinen Preis mehr haben kann. Es steht genau so in den Wirtschaftsprozessen darin wie die bloße Natur. Es bewegt sich also wiederum zur Natur zurück. Frage: Kommt das bilanzmäßig zum Ausdruck? Rudolf Steiner: Sie meinen dieses Verschwinden des Wertes? Es kommt bilanzmäßig nur in abnormen Fällen zum Ausdruck. Es kommt nur dann zum Ausdruck, wenn jemand, sagen wir, ein Werk anlegt, also eine Summe von Produktionsmitteln zustandebringt, dann zugrunde geht, und ein anderer die Sache weiterführt, der geschickter ist und der reüssiert. Dann werden Sie, wenn Sie diese zwei Bilanzen zusammenstellen, die des Zugrundegehens und die des Weiterführens, eine solche partielle Erscheinung des Entwertens hervorgerufen finden. Durch das Zugrundegehen hat der zweite - einfach durch den Prozeß des Zugrundegehens - die Summe der Produktionsmittel billiger gekauft, als er sie sonst je hätte haben können. Dadurch hat er einen Teil geschenkt bekommen. So daß also dann durch die Bilanz das zum Ausdruck kommen könnte. Wenn Sie jetzt wiederum die Folge eines solchen Vorganges im weiteren Verlauf der neuen Bilanz verfolgen würden, würden Sie in dieser ein wesentlich billigeres, das heißt, zum Teil preislos übergegangenes Werk haben. So könnte es heute schon rechnungsmäßig bewiesen werden. |
| 75 | Bemerkung: Das sind natürlich Ausnahmen. Normal ist heute das Unnormale. Rudolf Steiner: Das muß aber nach und nach zur Ungeheuerlichkeit führen, weil man die Produktionsmittel direkt in Renten überleitet, während die Bodenrente erst entsteht, wenn ich das Kapital hinein investiere. Frage nicht notiert. Rudolf Steiner: Sie dürfen nicht vergessen: Wenn Sie Kapital in eine Unternehmung hineinstecken, so bedeutet das volkswirtschaftlich wesentlich etwas anderes, als wenn Sie das Kapital nicht in der Unternehmung darin haben. Es arbeitet ein ganz anderes Agens, wenn man es darin hat, als wenn man es nicht darin hat, wobei das Nichtdarinhaben ja im Grunde genommen auch nur ein Scheingebilde ist. Es führen die Dinge zu solchen Scheingebilden. Sie können fragen: Wo sind denn eigentlich die Kapitalien, also sagen wir, die Leihkapitalien, die nicht in Unternehmungen darinstecken? Sie sind ja nur da als Produktion und als Bodenrente, nur da sind sie vorhanden. Und wenn irgend jemand irgendwelches Geld für sich haben wollte, so müßte er es ganz aus dem volkswirtschaftlichen Prozeß eine Zeitlang herausziehen, dadurch eine Spannung hervorrufen und es bei einem anderen Werte wieder weggeben. Er würde da zu kurz kommen, weil das Geld doch progressiv entwertet wird - denn sonst ist es nicht denkbar, daß der Prozeß radikal eintritt, und das verschiebt die Verhältnisse. Wenn man in gesunder Weise die Wirtschaft in die Hand nehmen würde, würden sich richtige Verhältnisse ergeben. Heute ist es oft drollig, in welcher Weise man zum Beispiel die Lohnfrage behandelt: man fordert höhere Lohne, es entstehen teurere Produktionsbedingungen. Dann reichen die Löhne wieder nicht. Man fordert wieder höhere Löhne, und so geht das, man weiß nicht, wohin. Durch diese Dinge streuen sich die Leute selber Sand in die Augen. Während einfach - wenn wir den Ausdruck Lohn, der ja nicht stimmt, beibehalten - in einer assoziativen Wirtschaft diejenigen Löhne entstehen, die entstehen können. Es entstehen nicht falsche Löhne. |
| 76 | Frage: Wafum die Löhne «entstehen» müssen? Rudolf Steiner: Versuchen Sie einmal zu untersuchen: Ein Arbeiter bekommt durchschnittlich, sagen wir, da oder dort im Tage zwei Franken. Nun können Sie sagen: das ist ein sehr niedriger Lohn. - Wodurch kann dieser Lohn ein sehr hoher Lohn werden, ohne daß er mehr beträgt als zwei Franken? Bemerkung: Dadurch daß die Produkte billiger werden. Rudolf Steiner: Dann kriegen Sie erst die Endwerte. Dann werden Sie sehen, daß all das herauskommt, was ich gesagt habe. Es müssen die Pferde nicht fortwährend beim Schwanz aufgezäumt werden. Man muß die Frage so stellen: Zwei Franken, die lassen wir ihm. Aber unter welchen Verhältnissen werden zwei Franken ein doppelt so großer Lohn sein als heute, oder ein dreifacher? Sie müssen von den dynamischen Verhältnissen ausgehen. Man geht immer aus von den statischen. Dann will man, daß die ruhenden Dinge Bewegung hervorrufen. Es ist tatsächlich: wenn ich fünf Centimes in meine Tasche stecke, an sich nichts, sondern nur etwas im Verhältnis zur ganzen Volkswirtschaft. |