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FÜNFTER VORTRAG, 29. Oktober 1919 : Die Zusammenwirkung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens zum einheitlichen dreigegliederten sozialen Organismus

FÜNFTER VORTRAG, 29. Oktober 1919 : Die Zusammenwirkung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens zum einheitlichen dreigegliederten sozialen Organismus

Der Dreigliederungsimpuls als Resultat objektiver entwickelungsgeschichtlicher Beobachtungen. Der Einheitsstaat und die Notwendigkeit seiner Überwindung durch die Dreigliederung. Kritik gegenwärtiger Denkgewohnheiten an Beispielen der Steuergesetzgebung, der Kapitalverwaltung und des Besitzes an Produktionsmitteln. Von der Machtgesellschaft zur Gemeingesellschaft.

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151 Im zweiten Vortrage habe ich bereits skizziert, wie eine solche Gestaltung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens, wie ich sie zu schildern versuchte in den drei vorangegangenen Vorträgen, nur erreichbar ist dadurch, daß dasjenige, was man bisher als einen streng in sich gestalteten Einheitsstaat gedacht hat, dreigegliedert werde, zum dreigliederigen sozialen Organismus werde, das heißt, daß alles, was sich auf Rechts-, politische, Staatsverhältnisse bezieht, in einem demokratischen Parlamente seine Verwaltung finde, daß dagegen abgegliedert werde von dieser politischen oder Rechtsorganisation alles, was sich auf das Geistesleben bezieht einerseits und dieses Geistesleben in seiner Freiheit selbständig verwaltet werde; daß sich andererseits abgliedere vom politischen das wirtschaftliche Leben, das wiederum aus seinen eigenen Verhältnissen heraus, aus seinen eigenen Bedingungen heraus seine Verwaltung finde, begründet auf Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit.
Nun wird ja immer wieder der Einwand erhoben, daß eine solche Gliederung des sozialen Organismus der Notwendigkeit widerspreche, das gesellschaftliche Leben zu einer Einheit zu formen, denn alle einzelnen Einrichtungen, alles einzelne, was der Mensch vollbringen kann innerhalb des sozialen Organismus, müsse zusammenstreben zu einer solchen Einheit. Und eine solche Einheit würde durchbrochen, so wird gesagt, wenn man versuche, den sozialen Organismus in drei Glieder zu zersprengen. - Ein solcher Einwand ist aus den Denkgewohnheiten der Gegenwart heraus ganz begreiflich und verständlich. Aber er ist, wie wir heute sehen wollen, durchaus nicht gerechtfertigt. Er ist verständlich, weil man ja nur zunächst hinzuschauen braucht auf das wirtschaftliche Leben selbst: wie in diesem wirtschaftlichen Leben im kleinsten alles zusammenfließt. Geistiges, Rechtliches und eigentlich Wirtschaftliches.
152 Demgegenüber kann man schon sagen: Wie soll da irgendeine Trennung, eine Gliederung zu einem Heil kommen?
Nehmen wir nur einmal das Wertproblem der Waren, der Güter selbst, so werden wir finden, daß der Güter-, der Warenwert für sich schon Dreifaches zeitigt, Dreifaches aber, das, indem das Gut im sozialen Organismus produziert wird, zirkuliert und konsumiert wird, sich als eine Einheit, ich möchte sagen, gebunden an die Einheit des Gutes, zeigt in der folgenden Weise: Was bedingt den Wert eines Gutes, durch das der Mensch seine Bedürfnisse befriedigen kann? - Zunächst muß der Mensch subjektiv irgendwelchen Bedarf für dieses Gut haben. Sehen wir aber zu, wodurch sich ein solcher Bedarf bestimmt. Das hängt zusammen, erstens, selbstverständlich mit der leiblichen Artung des Menschen. Die leibliche Artung bedingt namentlich den Wert der verschiedensten materiellen Güter. Aber auch materielle Güter werden verschieden beurteilt, je nachdem der Mensch diese oder jene Erziehung durchgemacht und diese oder jene Ansprüche hat. Und erst, wenn es sich um geistige Güter handelt, die ja oft gar nicht getrennt werden können von der Sphäre der leiblichen, physischen Güter, da werden wir sehen, daß die ganze Verfassung des Menschen durchaus die Art und Weise bedingt, wie einer irgendein Gut bewertet, was er für irgendein Gut für eine Arbeit leisten möchte, was er aufbringen möchte an eigenen Leistungen für solch ein Gut. Da sehen wir, daß das geistige Element, das im Menschen lebt, bestimmend ist für den Wert eines Gutes, für den Wert einer Ware.
Auf der anderen Seite sehen wir, daß ja die Waren, indem sie ausgetauscht werden zwischen Mensch und Mensch, gebunden sind an Besitzverhältnisse, das heißt auch nichts anderes als an Rechtsverhältnisse. Indem irgendein Mensch von einem anderen ein Gut erwerben will, stößt er auf Rechte, die der andere in irgendeiner Weise an diesem Gut hat. So daß das Wirtschaftsleben, die Wirtschaftszirkulation durchaus durchdrungen ist von lauter Rechtsverhältnissen.
Und zum dritten: Ein Gut hat auch einen objektiven Wert, nicht nur denjenigen Wert, den wir ihm beilegen durch unsere Bedürfnisse und die subjektive Bewertung dieser Bedürfnisse, die sich dann auf das Gut überträgt, sondern ein Gut hat einen objektiven Wert, indem es haltbar
153 oder unhaltbar, dauerhaft oder nicht dauerhaft ist, indem es durch seine Natur mehr oder weniger brauchbar ist, indem es mehr oder weniger häufig oder mehr oder weniger selten ist. Das alles bedingt einen objektiven, einen eigentlich wirtschaftlichen Wert, zu dessen Bestimmung eine objektive Sachkenntnis und zu dessen Herstellung eine objektive Fachtüchtigkeit notwendig ist.
Aber diese drei Wertbestimmungen sind in dem Gute zu einer Einheit vereinigt. Und daher kann man mit Recht sagen: Wie soll also, was in dem Gute sich vereinigt, in drei Verwaltungsgebiete getrennt werden, die sich auf dieses Gut beziehen, die mit diesem Gute in seinen Zirkulationen irgend etwas zu schaffen haben?
Nun, zunächst handelt es sich, rein der Idee nach, darum, einzusehen, daß sich allerdings im Leben Dinge vereinigen können, die von den verschiedensten Seiten her verwaltet werden. Warum sollte nicht auf der einen Seite das, was der Mensch subjektiv von sich aus an Wertschätzung den Gütern entgegenbringt, von seiner Erziehung aus, die ihre selbständige Verwaltung hat, bestimmt sein? Warum sollte nicht von ganz anderer Seite her das in das wirtschaftliche Leben hineingestaltet werden, was Rechtsverhältnisse sind, und warum sollte nicht hinzukommen zu alldem und sich im Objekte zu einer Einheit vereinigen, was aus der Sachkenntnis und Fachtüchtigkeit an objektivem Werte dem Gute zukommt? Aber das ist zunächst ideell und hat nicht viel besonderen Wert. Es muß vielmehr tiefer begründet werden, was in dieser Richtung die Dreigliederung des sozialen Organismus eigentlich will.
Und da muß zunächst gesagt werden: Diese Dreigliederung des sozialen Organismus ist nicht irgendeine Idee, die heute aus subjektiven Antrieben eines oder ein paar Menschen heraus gefaßt wird, sondern dieser Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus ergibt sich aus einer objektiven Betrachtung der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit. So daß man sagen kann: Eigentlich schon seit Jahrhunderten tendiert unbewußt die Menschheit in den wichtigsten Antrieben nach dieser Dreigliederung. Sie hat nur niemals die Kraft gefunden, diese Dreigliederung wirklich durchzuführen, und aus dem Aiangel an dieser Kraftentwickelung sind unsere
154 heutigen Zustände, ist das Unheil unserer Umgebung entstanden. Heute aber sind die Dinge so weit reif, daß man sagen muß: Es muß in Angriff genommen werden, was sich seit Jahrhunderten für die Gestaltung des sozialen Organismus vorbereitet hat.
Zunächst muß man sagen: Es hat sich ja eigentlich seit langer Zeit das wirklich freie Geistesleben abgegliedert von dem Staatsleben und von dem Wirtschaftsleben. Denn das Geistesleben, das abhängig ist vom Wirtschaftsleben und vom Rechts- und Staatsleben, dieses Geistesleben ist eben durchaus kein freies. Es ist ein Stück Geistesleben, das losgerissen worden ist von dem eigentlich fruchtbaren freien Geistesleben. Wir können vielmehr sagen, daß im Beginne der Zeit, in der der Kapitalismus, in der die moderne technische Wirtschaftsordnung mit ihrer großartigen Arbeitsteilung heraufgekommen ist, daß in dieser Zeit das eigentlich freie Geistesleben — jenes Geistesleben, das nur aus den Antrieben der Menschen selbst heraus schafft, so wie ich es gestern für das gesamte Geistesleben gefordert habe -, daß dieses freie Geistesleben, aber eben nur als ein Teil des Geisteslebens, in gewissen Gebieten der Kunst, der Weltanschauung, der religiösen Überzeugungen sich losgelöst hat vom Wirtschaftsleben und vom Staatsleben und gewissermaßen zwischen den Zeilen des Lebens getrieben wird, während wiederum losgerissen ist von diesem freien, aus den menschlichen Antrieben selbst heraus schaffenden Geistesleben, was das Wirtschaftsleben zu seiner Verwaltung braucht, was der Staat zu seiner Verwaltung braucht.
Was das Wirtschaftsleben zu seiner Verwaltung braucht, ist abhängig geworden von den wirtschaftlichen Mächten selbst. In den Stellen, in den Kreisen, in denen wirtschaftliche Macht ist, ist die Möglichkeit vorhanden, die Nachkommen auch wirtschaftswissenschaftlich vorzubilden, so daß sie wiederum geeignet sind, wirtschaftliche Macht zu erringen. Aber was da als Wirtschaftswissenschaft aus der Wirtschaft selbst hervorgeht, ist nur ein Teil desjenigen, was hineinfließen könnte in das Wirtschaftsleben, wenn das gesamte Geistesleben für das Wirtschaftsleben fruchtbar gemacht würde. Es ist nur das, was von der Zufallswirtschaft noch für das Nachdenken übrigbleibt, und was dann zur Wirtschaftswissenschaft gemacht wird.
Und wiederum das Staatsleben: Der Staat braucht seine Beamten, ja
155 selbst seine Gelehrten so, daß sie den Schablonen entsprechen, die er einmal für seine Stellungen ausgebildet hat. Er wünscht, verlangt, daß in dem Menschen das herangebildet werde, was sich hineinschickt in den Umkreis dessen, was er für seine Stellungen bestimmt hat. Das aber ist ein unfreies Geistesleben, selbst wenn es wähnt, frei zu sein. Es bemerkt nicht seine Abhängigkeit, es bemerkt nicht, wie es in die Grenze der Stellungsschablonen hineingestellt wird.
Das eigentlich freie Geistesleben aber hat sich, unabhängig vom Wirtschaftsleben, vom Staatsleben, immerhin eine gewisse Stellung in der Welt erworben. Aber was für eine! Ich habe sie zum Teil schon charakterisiert. Es ist dieses Geistesleben, das sich seine Freiheit bewahrt hat, lebensfremd geworden. Es hat in einem gewissen Sinn einen abstrakten Charakter angenommen. Man braucht nur heute zu sehen, was in den ästhetischen, in den religiösen, selbst in den wissenschaftlich orientierten Weltanschauungen des freien Geisteslebens vorhanden ist, so wird man sehen: Es wird ja mancherlei gesagt, aber was gesagt wird, ist mehr oder weniger nur Predigt für die Menschheit. Es ist da, um den Verstand und das Gemüt zu ergreifen. Es ist da, um im Inneren des Menschen eine Rolle zu spielen, die Seele mit innerem Wohlbehagen und Wohlgefühl zu erfüllen, aber es hat nicht die Kraft, nicht die Stoßkraft, wirklich ins äußere Leben einzugreifen. Daher ist auch der Unglaube an dieses Geistesleben gekommen, jener Unglaube, den ich auch charakterisiert habe, der da ausgeht von sozialistischer Seite, der da sagt: Niemals wird irgendeine soziale Idee, und wenn sie noch so gut gemeint ist, wenn sie bloß aus dem Geiste heraus geboren ist, das soziale Leben umgestalten. Dazu bedarf es realer Kräfte. - Und zu den realen Kräften wird eben dieses abgespaltene Geistesleben gar nicht gerechnet. Wie weit entfernt ist das - ich habe das auch schon ausgesprochen —, was heute als sein inneres, religiöses, selbst sein wissenschaftliches Überzeugungsleben der Kaufmann, der Staatsbeamte, der industriell Tätige hat, von den Gesetzen, die er anwendet im wirtschaftlichen Leben, in seiner äußeren Stellung, in der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten! Vollständig eine zweifache Würdigung des Lebens! Auf der einen Seite gewisse Grundsätze, die aber ganz hervorgegangen sind aus Wirtschafts- und Staatsleben, auf der anderen Seite ein Rest
156 von Freiheit, von Geistesleben, der aber zur Ohnmacht gegenüber den äußeren Angelegenheiten des Lebens verurteilt ist.
Das muß auf der einen Seite gesagt werden, daß sich ein einheitliches freies Geistesleben schon seit Jahrhunderten abgegliedert hat, daß aber, weil man es nicht anerkennen wollte in der Gestaltung des öffentlichen Lebens, dieses freie Geistesleben abstrakt, lebensfremd geworden ist. Es fordert dieses Geistesleben aber heute, weil man den Einfluß des Geistes auf das äußere soziale Leben braucht, seine Macht, seine Kraft zurück. Das ist die Situation, die uns heute gegeben wird.
Einen anderen Weg hat das Rechtsleben genommen. Während das Geistesleben sich gewissermaßen, insof erne es ein freies ist, emanzipiert hat, hat das Rechtsleben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte vollständig verschmelzen lassen mit den wirtschaftlichen Machtverhältnissen. Man hat es gar nicht bemerkt, aber beide sind völlig eins geworden. Was wirtschaftliche Interessen und Bedürfnisse waren, das wurde in öffentlichen Rechten ausgedrückt. Diese Öffentlichen Rechte hält man oftmals für Menschheitsrechte. Genau besehen sind sie nur in den Rechtscharakter umgesetzte wirtschaftliche und staatliche Interessen und Bedürfnisse. Während das Geistesleben auf der einen Seite seine Kraft fordert, sehen wir auf der anderen Seite, wie nun eine Verwirrung eingetreten ist mit Bezug auf die Beziehung von Rechts- und Wirtschaftsverhältnissen. Weite Kreise unserer heutigen Bevölkerung durch die zivilisierte Welt hindurch fordern in dem, was sie die soziale Frage nennen, weitere Zusammenschweißung des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens. Wir sehen, wie unter politischen, unter Rechtsbegriffen das gesamte Wirtschaftsleben gestaltet werden soll. Und wenn wir die bei vielen heute beliebten Schlagworte ansehen, was sind sie denn anderes als die letzte Konsequenz der Verschmelzung des Rechtslebens mit dem Wirtschaftsleben? Wir sehen heute die weite Kreise ziehende radikalsozialistische Partei fordern, daß - wie ich es hier schon ausgesprochen habe - über das Wirtschaftsleben ein politisches System zentral, hierarchisch übergebauter, gegliederter Verwaltungen gestülpt werde. Ganz eingefaßt werden soll das Wirtschaftsleben in lauter Rechtsverhältnisse. Wir sehen geradezu, wie die Macht der Rechtsverhältnisse ganz und gar ausgedehnt werden soll über die Wirtschaftsverhältnisse.
157 Das ist das andere, was als die Krisis in unserer Zeit eintritt, was man dadurch aussprechen kann, daß man sagt: Indem in radikaler Weise diese politischen und Rechtsverhältnisse für das Wirtschaftsleben gefordert werden, soll gewissermaßen die Tyrannis des Staates, des Rechtssystems über das wirtschaftliche Wesen hereinbrechen. Wir sehen, daß für das Wirtschaftsleben und seine Heilung nicht eine Gestaltung des Wirtschaftslebens gefordert wird, die aus wirtschaftlichen Verhältnissen heraus selber gebildet ist, sondern daß Eroberung der politischen Macht gefordert wird, aber Eroberung der politischen Macht von dem Gesichtspunkte aus, das Wirtschaftsleben durch diese politische Macht an sich zu bringen und zu beherrschen. Diktatur des Proletariats, was ist es anderes, als die letzte Konsequenz der Zusammenschweißung von Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben?
So wird hier, freilich auf eine negative Art, bewiesen, wie nötig es heute ist, über das Verhältnis von Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben gründlich nachprüfend zu Werke zu gehen. So sieht man auf der einen Seite, daß das in einem Teil seiner Kraft freie Geistesleben sich emanzipiert hat und seine ursprüngliche Kraft fordert; so sieht man auf der anderen Seite, daß das Rechtsleben, wenn es weiter immer enger und enger an das Wirtschaftsleben gebunden werden soll, den ganzen sozialen Organismus in Unordnung bringt.
Genügend lange hat es gewährt, daß unter der Suggestion des Einheitsstaates, des einheitlichen sozialen Organismus gedacht wurde. Heute ist die Zeit gekommen, wo die Frucht dieses Denkens uns entgegentritt in dem sozialen Chaos, das über einen großen Teil der zivilisierten Welt ausgegossen ist. Die wirtschaftlichen Zustände fordern im strengsten Sinne, getrennt zu werden von dem Rechtsleben, weil es sich gezeigt hat, welchen Unfug dieses Rechtsleben selber nach und nach für das Wirtschaftsleben anrichten müßte, wenn die letzte Konsequenz von dem gezogen würde, was sich im Lauf der letzten Jahrhunderte herausgebildet hat.
Mit diesen Tatsachen rechnet der Impuls vom dreigliederigen sozialen Organismus. Und ich möchte Ihnen an einem anschaulichen Beispiel zeigen, wie durch diese Tatsache gerade dasjenige auseinandergerissen worden ist, was im Leben als eine Einheit wirken sollte. Man sagt heute,
158 die Dreigliederung des sozialen Organismus wolle die Einheit des sozialen Lebens zerreißen. Man wird in der Zukunft sagen: Diese Dreigliederung begründet erst im rechten Sinne diese Einheit. Daß das abstrakte Streben nach der Einheit gerade diese Einheit zerstört hat, das kann man eben an einem anschaulichen Beispiel sehen. Heute sind gewisse Leute außerordentlich stolz darauf, den theoretischen Unterschied zu machen zwischen Recht und Moral. Moral ist die Schätzung einer Handlung eines Menschen rein nach inneren Gesichtspunkten der Seele. Die Beurteilung einer Handlung, ob sie gut oder böse ist, wird nur von solchen inneren Gesichtspunkten der Seele geleitet. Und man unterscheidet sehr sorgfältig, gerade in Weltanschauungsfragen, von dieser moralischen Beurteilung die rechtliche Beurteilung, die das äußere öffentliche Leben angehe, die bestimmt sein soll durch die Verfügungen, durch die Maßnahmen des staatlichen oder sonstigen sozialen öffentlichen Lebens.
Von dieser Trennung von Moral und Recht wußte man die ganze Zeit nichts bis zu jenem Zeitpunkte, als die neuere technische wirtschaftliche Entwickelung und der neuere Kapitalismus heraufzogen. Erst in den letzten Jahrhunderten wurden die Impulse des Rechtes und der Moral auseinandergerissen. Und warum? Weil die moralische Beurteilung abgewälzt wurde in jenes freie Geistesleben hinein, das sich emanzipiert hat, das aber gegenüber dem äußeren Leben machtlos geworden ist, das gewissermaßen nur zum Predigen, zum Beurteilen da st, dem aber die Kraft geschwunden ist, wirklich einzugreifen in das Leben. Diejenigen Maximen aber, die in das Leben eingreifen können, die brauchen, weil sie rein menschliche Antriebe nicht mehr finden können, die auf die Moral abgeschoben sind, wirtschaftliche Antriebe, und die werden dann in das Recht umgesetzt. So ist mitten auseinandergerissen, was im Leben wirkt: Rechtsbestimmung und ihre Durchwärmung mit menschlicher Moral - mitten auseinandergerissen zu einer Zweiheit, was gerade eine Einheit sein sollte.
Wer daher die Entwickelung der modernen Staaten genauer studiert, der wird finden, daß gerade die Suggestion des Einheitsstaates eine Trennung der Kräfte herbeigeführt hat, die eigentlich zu einer Einheit zusammenwirken sollen. Gerade gegen diese Trennung will der Impuls
159 von der Dreigliederung des sozialen Organismus wirken. Schon wenn man das eigentliche Prinzip dieses Impulses richtig betrachtet, wird man sehen, daß von einer Spaltung des Lebens dabei gar nicht die Rede sein kann.
Das Geistesleben, das seine eigene Verwaltung haben soll - steht nicht jeder Mensch zu diesem Geistesleben, wenn es so, wie ich es geschildert habe, völlig frei sich entwickelt, in einer Beziehung? Er wird in diesem freien Geistesleben erzogen, er läßt wiederum seine Kinder erziehen, er hat seine unmittelbaren geistigen Interessen bei diesem Geistesleben, er ist mit diesem Geistesleben verbunden. Und dieselben Menschen, die auf diese Weise mit diesem Geistesleben verbunden sind, die ihre Kraft aus diesem Geistesleben ziehen, stehen im Rechts- oder Staatsleben und bestimmen in diesem, was als Rechtsordnung zwischen ihnen wirkt. Sie bestimmen aus dem Geiste heraus, den sie aus diesem Geistesleben aufnehmen, diese Rechtsordnung. Diese Rechtsordnung ist unmittelbar bewirkt durch das, was durch die Beziehung zum Geistesleben erworben wird. Und wiederum, was von Mensch zu Mensch demokratisch auf dem Boden der Rechtsordnung entwickelt wird, das, was so der Mensch aufnimmt als den Impuls seiner Beziehung zu anderen Menschen, das trägt er, weil es ja wiederum dieselben Menschen sind, die zum Geistesleben Beziehungen haben, im Rechtsleben drinnenstehen und wirtschaften, hinein in das Wirtschaftsleben. Die Einrichtungen, die er trifft, die Art und Weise, wie er sich mit anderen Menschen assoziiert, die Art und Weise, wie er überhaupt wirtschaftet, das alles ist durchdrungen von dem, was er im Geistesleben ausbildet, was er als Rechtsordnung regelt im Wirtschaftsleben, denn dieselben Menschen sind es, die in dem dreigegliederten sozialen Organismus drinnenstehen, und nicht durch irgendeine abstrakte Ordnung, sondern durch den lebendigen Menschen selber wird die Einheit bewirkt. Nur daß jedes der Glieder seine eigene Natur und Wesenheit durch seine Selbständigkeit sich ausbilden und so gerade in der kraftvollsten Weise zur Einheit wirken kann. Jedes der Glieder kann so wirken, während wir eben sehen können, wie durch die Suggestion des Einheitsstaates gerade das. was im Leben zusammengehört, selbst was so innerlich zusammengehört wie Recht und Morals auseinanderfällt. Also nicht um Zusammengehöriges
160 zu trennen, sondern um Zusammenwirkendes oder dasjenige, was zum Zusammenwirken bestimmt ist, wirklich zum Zusammenwirken zu bringen, macht sich der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus geltend.
Das Geistesleben, das ich gestern geschildert habe, das kann nur auf seinem eigenen freien Boden sich entwickeln. Aber wenn es sich auf seinem eigenen freien Boden entwickelt, dann wird es, wenn man ihm zugesteht, daß es gleiches Recht habe neben den beiden übrigen Gliedern des sozialen Organismus, nicht ein lebensfremdes Gebilde sein wie dasjenige Geistesleben, das sich seit Jahrhunderten eben lebensfremd und abstrakt entwickelt hat, sondern es wird die Stoßkraft entwickeln, unmittelbar in das wirkliche, äußerlich wirkliche Rechts- und Wirtschaftsleben einzugreifen. Es könnte als ein grotesker, als ein paradoxer Widerspruch erscheinen, wenn auf der einen Seite behauptet wird, das Geistesleben solle völlig selbständig werden, solle sich aus seinen eigenen Grundlagen heraus, so wie ich es gestern geschildert habe, entwickeln, und es könne doch auf der anderen Seite eingreifen in die praktischsten Gebiete des Lebens. Aber gerade dann, wenn der Geist sich selber überlassen ist, dann entwickelt er die Impulse, die das ganze Leben umfassen können. Denn dieser sich selbst überlassene Geist, der ist nicht darauf angewiesen, hinzuhorchen auf das, was der Mensch in sich ausbilden soll zum Zwecke irgendeiner Staatsschablone; er ist nicht bestimmt dadurch, daß nur derjenige ausgebildet werden kann, dem eine gewisse wirtschaftliche Macht zusteht, sondern es wird aus den Bedingungen der menschlichen Individualität heraus, aus der Beobachtung der menschlichen Fähigkeiten heraus entwickelt, was zutage treten will in irgendeiner Generation.
Das aber, was so zutage treten will in irgendeiner Generation, das wird, weil der Geist sein Interesse über das ganze Leben hin ausdehnt, nicht nur die Natur in ihren Erscheinungen und Tatsachen umfassen, sondern das wird vor allen Dingen das Menschenleben selbst umfassen. Wir waren verurteilt, unpraktisch zu sein auf geistigem Gebiete, weil uns für das freie Geistesleben nur diejenigen Gebiete überlassen waren, die nicht eingreifen durften in die äußere Wirklichkeit. In dem Augenblicke, wo man dem Geiste es zugestehen wird, nicht bloß zu registrieren,
161 was Parlamente als Staatsrecht bestimmen, sondern wo er von sich aus, wie es sein soll, das Staatsrecht zu bestimmen hat, in diesem Augenblicke wird er das Staatsrecht zu seiner Schöpfung machen und er wird eingreifen in das Getriebe, in die Ordnung der Wirtschaft in dem Augenblicke, wo man nicht bloß nach einer sich selbst überlassenen Wirtschaft, die nach ihren Tatsachen weiterrollt, ohne daß sie von Gedanken beherrscht wird, gewisse Gesichtspunkte und Maximen ausbilden wird für dieses Wirtschaftsleben, sondern wenn es dem Geiste überlassen wird, in dieses Wirtschaftsleben einzugreifen. Dann wird er sich auch fähig erweisen zur Lebenspraxis innerhalb des Wirtschaftskreislaufes. Man braucht ihm nur die Kraft zuzugestehen, ins praktische Leben einzugreifen, dann wird er es tun. Aber diese Wirklichkeitsanschauung ist notwendig, daß man den Geist nicht hermetisch abschließe in die Abstraktion, sondern daß man ihm den Einfluß in das Leben gebe. Dann wird er aus sich heraus jederzeit das Wirtschaf tsleben gerade befruchten, während es sonst unbefruchtet bleibt oder nur durch Zufallserscheinungen befruchtet wird.
Das muß berücksichtigt werden, wenn man klar sehen will, wie im dreigliederigen sozialen Organismus Geist, Recht und Staat und Wirtschaft zusammenwirken sollen. Über diese Dinge sind auch sehr einsichtige Persönlichkeiten der Gegenwart durchaus im unklaren. Diese einsichtigen Persönlichkeiten sehen oftmals, wie sich unter dem Wirtschaftsleben, das gewissermaßen von sich den Geist herausgetrieben hat, Zustände entwickelt haben, die heute sozial unhaltbar geworden sind. Da haben wir einen heute sehr angesehenen Denker über das Wirtschaftsleben, der findet zum Beispiel das Folgende. Er sagt: Wenn wir uns heute das Wirtschaftsleben anschauen, so sehen wir vor allen Dingen ein Verbrauchssystem, das im höchsten Grade zu sozialen Schäden führt. Die Menschen, die es können, die verbrauchen dies oder jenes, was eigentlich nur Luxus ist. — Dieser Denker weist darauf hin, welche Rolle das, was er Luxus nennt, im Leben der Menschen heute spielt, welche Rolle das auch spielt im wirtschaftlichen Leben der Menschen. Gewiß, man kann das leicht; man braucht nur auf solche Erscheinungen hinzuweisen, wie zum Beispiel, wenn sich, sagen wir, heute eine Dame eine Perlenkette kauft. Das werden manche heute noch
162 immer für einen ganz geringen Luxus ansehen. Aber es wird dabei nicht bedacht, was innerhalb der heutigen wirtschaftlichen Struktur diese Perlenkette eigentlich wert ist. Für diese Perlenkette, für den Wert dieser Perlenkette kann man sechs Monate hindurch fünf Arbeiterfamilien erhalten! Das hängt die betreffende Dame um den Hals. Ja, man kann das einsehen, und man kann aus dem heutigen Geiste heraus nach Abhilfe suchen. Der angesehene Denker, den ich hier im Auge habe, der findet heraus, daß es notwendig sei, daß der Staat — selbstverständlich, vom Staat ist jeder suggeriert! - hohe Luxussteuern einführe, und zwar solche Luxussteuern, daß es den Leuten überhaupt vergeht, solchen Luxus sich anzuschaffen. Er läßt den Einwand nicht gelten, den sehr viele machen, daß wenn man den Luxus besteuere, dann ja der Luxus nachlasse und der Staat nichts habe von diesem Luxus. Er sagt: Nein, das ist gerade richtig, daß der Luxus aufhört, denn das Besteuern soll einen sittlichen Zweck haben. Die menschliche Sittlichkeit soll durch die Besteuerung gefördert werden.
Sehen Sie, so ist das Denken. So wenig Glauben hat man an die Kraft des menschlichen Seelischen, des menschlichen Geistigen, daß man das, was aus dem menschlichen Seelischen, aus dem menschlichen Geistigen heraussprießen soll, herstellen will auf dem Wege der Besteuerung, das heißt des Rechtes! Kein Wunder, daß man da allerdings nicht zu einer einheitlichen Gliederung des Lebens kommt.
Derselbe Denker weist dann darauf hin, wie Besitzerwerbung dadurch Unrecht wird, daß in unserem Leben Monopole möglich sind, daß noch immer das soziale Leben unter dem Einflüsse des Erbrechtes steht und dergleichen. Wiederum macht er den Vorschlag, diese Dinge alle durch die Steuergesetzgebung zu regeln. Wenn man vererbten Besitz so stark als möglich besteuere, dann werde eine Gerechtigkeit in bezug auf den Besitz, wie er meint, herauskommen. Ebenso konnte man durch Staatsgesetze, das heißt durch rechtliche Maximen, gegen die Monopole wirken und dergleichen mehr. Das Merkwürdige ist, daß dieser Denker sagt: Ja, aber es komme gar nicht darauf an, daß durch Staatsgesetze, Steuergesetze und so weiter dies alles, was er ja in Aussicht stellt, wirklich bestimmt werde, denn es zeige sich ja, daß der Wert solcher Staatsgesetze ein durchaus anfechtbarer sei, daß solche Staatsgesetze gar nicht
163 immer das bewirken, was sie bewirken sollen. Aber nun sagt er: Darauf komme es nicht an, daß diese Gesetze tatsächlich die Sittlichkeit heben, die Monopole verhindern und so weiter, sondern es käme auf die Gesinnung an, aus welcher heraus diese Gesetze gegeben werden.
Jetzt sind wir ja nun doch wirklich bei dem absolutesten Drehen im Kreise angelangt. Ein angesehener politischer Denker der Gegenwart sagt ungefähr, was ich Ihnen hier charakterisiert habe. Gesinnung, ethische Gesinnung will er durch die Gesetzgebung hervorrufen; aber es komme nicht darauf an, daß die Erfolge dieser Gesetzgebung einträten, sondern daß die Menschen die Gesinnung zu dieser Gesetzgebung haben! Es ist der reine Chinese, der sich an seinem eigenen Zopfe auffangen will. Es ist ein merkwürdiger Zirkelschluß, aber ein Zirkelschluß, der gründlich in unserem heutigen sozialen Leben drinnen wirkt. Denn unter dem Einflüsse einer solchen Denkweise macht man heute das öffentliche Leben. Und man sieht nicht, daß alle diese Dinge letzten Endes doch dahin führen, anzuerkennen, daß die Grundlagen werden müssen für eine wirkliche Neugestaltung des sozialen Lebens: das Geistesleben in seiner Selbständigkeit, das Rechtsleben in seiner Selbständigkeit, in seiner Losgelöstheit vom Wirtschaftsorganismus, und die freie Ausgestaltung der Wirtschaftsorganisation als eine solche.
Solche Dinge treten einem besonders deutlich heute entgegen, wenn man, wie es jetzt zum Beispiel bei Robert Wilbrandt der Fall ist, der sein Buch über Sozialismus schrieb, das eben erschienen ist, wenn man da sieht, wie bei außerordentlich wohlmeinenden Leuten, bei Leuten, die durchaus das Ethos haben für eine Neugestaltung des sozialen Lebens, auftritt, ich möchte sagen, ein leises Hindeuten auf die absolute Notwendigkeit zum Beispiel einer geistigen Grundlage des sozialen Aufbaues, wie aber überall die Einsicht fehlt, wodurch diese geistige Grundlage zu erringen sei. Robert Wilbrandt ist kein Mensch, der bloß rein aus der Theorie heraus redet. Erstens redet er aus einem warmen und sozial begeisterten Herzen heraus. Zweitens hat er schier die ganze Welt bereist, um die sozialen Verhältnisse kennenzulernen, und er schildert in seinem Buche treulich, wie hart das Elend dem Menschen heute noch mitspielt über die ganze zivilisierte Welt hin. Er gibt anschauliche Beispiele von dem Elend des Proletariats in der zivilisierten Welt. Er
164 deutet aber auch von seinem Gesichtspunkte an, wie in den verschiedensten Gebieten, in denen heute die soziale Frage aktuell geworden ist, die Leute versucht haben, an einem Neuaufbau zu arbeiten, wie sie aber entweder gescheitert sind, oder wie es sich deutlich zeigt, wie zum Beispiel im heutigen Deutschland, daß sie scheitern müssen; und Robert Wilbrandt ist sich ganz klar darüber, daß alle die Versuche, die aus dem heutigen Sinneheraus gemacht werden, scheitern müssen. Damit schließt er ungefähr sein Buch. Nachdem das schon in verschiedenen Tönen im Verlauf des Textes des Buches angedeutet worden ist, klingt dann das ganze Buch in dieser merkwürdigen Weise aus. Da sagt er: Scheitern müssen diese Versuche, die da gemacht werden; zu keinem Aufbau werden sie wiederum kommen, weil dem sozialen Organismus heute die Seele fehlt, und ehe er die Seele bekommt, wird er keine fruchtbare Arbeit leisten. - Das Interessanteste ist, daß das Buch mit diesem Tone schließt, daß es nicht spricht von der Art und Weise, wie diese Seele gefunden werden soll.
Das möchte eben der Impuls für den dreigliederigen sozialen Organismus: nicht theoretisch reden, daß Seele notwendig ist, und warten, bis die Seele von selber sich einstellt, sondern hinweisen darauf, wie diese Seele sich entwickeln wird. Sie wird sich entwickeln, wenn man herauslöst aus dem Staatsleben und aus dem Wirtschaftsleben das Geistesleben. Und dann wird dieses Geistesleben, wenn es nur den Antrieben folgen kann, die der Mensch sich selbst für den Geist gibt, stark werden, um auch in das übrige praktische Leben eingreifen zu können. Dann wird sich dieses Geistesleben so gestalten, wie ich das Geistesleben gestern zu schildern versuchte. Dann wird dieses Geistesleben Wirklichkeit in sich selber enthalten. Und dann wird man von diesem Geistesleben sagen können, daß man in der Lage ist, ihm aufzubürden, was ihm zum Beispiel aufgebürdet wird in meinen Kernpunkten der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft».
Gewiß, man kann heute hinweisen darauf - und wir haben es im zweiten Vortrage getan -, wie das Kapital im sozialen wirtschaftlichen Prozeß heute wirkt. Allein, wenn man bloß davon spricht, daß das Kapital abgeschafft werden soll oder in Gemeineigentum übergeführt
165 werden soll, so hat man keinen Begriff davon, wie eigentlich im wirtschaftlichen Leben drinnen, besonders unter den heutigen Produktionsverhältnissen, das Kapital wirkt, wie es notwendig ist, daß die Kapitalansammlungen stattfinden, damit die befähigten Menschen durch die Verwaltung dieser Kapitalmassen gerade zum Gemeindienste wirken können. Deshalb wurde im Grunde genommen in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» die Kapitalverwaltung abhängig gemacht von dem Geistesleben unter Mitwirkung des selbständigen Rechtslebens. Während wir heute sagen, daß das Kapital selber wirtschaftet, wird verlangt von dem Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus, daß es zwar immer möglich sein müsse, Kapitalansammlung zu bilden, daß es möglich sein müsse, daß diese Kapitalansammlung verwaltet werden könne von demjenigen, der für irgendeinen Betrieb die nötigen Fähigkeiten aus dem geistigen Leben heraus entwickelt hat, daß aber diese Kapitalansammlungen nur so lange von demjenigen, der sie angesammelt hat, verwaltet werden sollen, als er sie selbst verwalten kann. In dem Augenblicke, oder wenigstens bald nach diesem Augenblicke - auf das einzelne brauchen wir heute nicht einzugehen -, wenn der Betreffende nicht mehr mit seinen Fähigkeiten selbst hinter der Verwaltung des Kapitals stehen kann, hat er dafür zu sorgen, oder wenn er sich dazu unfähig fühlt, hat er irgendeine Korporation des Geisteslebens, die da sein muß, dafür sorgen zu lassen, daß dieser Betrieb wiederum an einen Fähigsten, der ihn verwalten kann zum Gemeindienste, übergehen könne. Das heißt: Die Überleitung eines Betriebes an eine Persönlichkeit oder Personengruppe ist nicht gebunden an Kauf oder an sonstigen Kapitalübergang, sondern ist gebunden an das, was sich aus den Fähigkeiten der Menschen selbst ergibt, von den Fähigen an die Fähigen, von denjenigen, die im Gemeinschaftsdienste arbeiten können an diejenigen, die wiederum im Gemeinschaftsdienste in der besten Weise arbeiten können. Von diesem Übergange hängt das soziale Heil der Zukunft ab. Dieser Übergang wird aber nicht ein wirtschaftlicher sein, wie er es jetzt ist, sondern dieser Übergang wird aus Impulsen der Menschen erfolgen, die er bekommt aus dem selbständigen Geistesleben und aus dem selbständigen Rechtsleben. Es werden sogar Korporationen im Geistesleben vorhanden sein, verbunden mit allen anderen Gebieten
166 des Geisteslebens, denen sozusagen die Verwaltung des Kapitals obliegt.
So konnte ich an die Stelle des Übergangs der Produktionsmittel an die Gemeinschaft die Zirkulation der Produktionsmittel im sozialen Organismus setzen, den Übergang vom Fähigen zum Fähigen, das heißt, die Zirkulation; und diese Zirkulation hängt ab von der Selbständigkeit des Geisteslebens, der sie gewissermaßen untersteht, von der sie bewirkt wird. So daß man sagen kann: In dem, was im eminentesten Sinne im Wirtschaftskreislauf drinnensteht, wirkt, was als Kraft im Geistesleben vorhanden ist, im Rechtsleben vorhanden ist. Man kann sich die Einheit im Wirtschaftsleben nicht geschlossener denken, als sie bewirkt wird durch solche Maßnahmen. Aber die Strömung, die sich dem Wirtschaftsleben eingliedert, kommt aus dem selbständigen Geistesleben, aus dem selbständigen Rechtsleben her. Der Mensch wird nicht mehr dem Zufall preisgegeben sein, der da wirkt durch bloßes Angebot und Nachfrage oder durch die sonstigen Faktoren, die heute im Wirtschaftsleben tätig sind, sondern in dieses Wirtschaftsleben wird hereinwirken Vernunft und rechtliche Beziehung zwischen Mensch und Mensch. Also zusammenwirken wird Geist, Recht und Wirtschaft, wenn sie auch getrennt voneinander verwaltet werden, weil der Mensch aus einem Gebiete in das andere - er gehört allen dreien an - dasjenige hineintragen wird, was hineinzutragen ist. Allerdings werden sich die Menschen von manchem Vorurteil frei machen müssen, wenn diese Dinge nach und nach zustande kommen sollen.
Heute ist man sich noch durchaus klar darüber, daß Produktionsmittel, daß Grund und Boden Dinge des Wirtschaftslebens sind. Der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus verlangt, daß im Wirtschaftsleben nur verwaltet werden die gegenseitigen Werte, an die angenähert werden sollen die Preise, so daß bloß die Preisbestimmung dasjenige ist, was eigentlich zuletzt aus der Wirtschaftsverwaltung herauskommt.
Diese Preisbestimmung aber zu einer gerechten zu machen, ist unmöglich, wenn im Wirtschaftsleben drinnen wirkt das Produktionsmittel als solches und der Grund und Boden als solcher. Die Verfügung über Grund und Boden, was sich heute im Eigentumsrecht von Grund
167 und Boden konzentriert, und die Verfügung über die fertigen Produktionsmittel können keine wirtschaftliche Angelegenheit sein, sondern die sollen zum Teil eine geistige, zum Teil eine rechtliche Angelegenheit sein. Das heißt, die Überleitung von Grund und Boden von einer Person oder Personengruppe auf eine andere soll nicht durch Kauf oder Erbschaft, sondern durch eine Übertragung auf dem Rechtsboden beziehungsweise aus den Prinzipien des geistigen Lebens heraus erfolgen. Das Produktionsmittel, also dasjenige, wodurch in der Industrie oder dergleichen produziert wird, das vorzugsweise der Kapitalbildung zugrunde liegt, kann nur solange etwas kosten, bis es fertig ist. Ist es fertig, dann verwaltet es derjenige, der es zustande gebracht hat, weil er es am besten versteht, so lange als er selbst mit seinen Fähigkeiten bei dieser Verwaltung dabei sein kann. Aber es ist ferner nicht ein Gut, das verkauft werden kann, sondern das nur durch Rechts- beziehungsweise durch geistige Bestimmung, die durch das Recht realisiert wird, von einer Person oder Personengruppe auf eine andere Person oder Personengruppe übertragen werden kann.
So wird dasjenige, was heute zu Unrecht im Wirtschaftsleben drinnensteht, das Eigentumsverfügungsrecht, das Grund- und Boden verfügungsrecht, das Verfügungsrecht über die Produktionsmittel, gestellt auf den selbständigen Rechtsboden unter Mitwirkung des selbständigen Geistesbodens.
Fremd mögen den heutigen Menschen noch diese Ideen anmuten. Aber das ist ja gerade das Traurige, das Bittere, daß sie den gegenwärtigen Menschen fremd anmuten. Denn erst dadurch, daß diese Dinge wirklich einziehen in die Menschengeister, in die Menschenseelen und auch in die Menschenherzen, so daß sich die Menschen sozial im Leben nach ihnen verhalten, erst dadurch kann dasjenige kommen, was so viele Menschen auf ganz andere Art herbeiführen wollen, aber niemals werden herbeiführen können. Das ist es, was man endlich einsehen sollte: daß manches, was heute noch paradox erscheint, einem wirklich gesundenden sozialen Leben als etwas Selbstverständliches erscheinen wird. Nicht aus den Leidenschaften, aus den Antrieben und Emotionen heraus, aus denen heute oftmals soziale Forderungen gestellt werden, stellt der Impuls für die Dreigliederung des sozialen Organismus seine
168 sozialen Forderungen. Er stellt sie aus einem Studium der wirklichen Entwickelung der Menschheit in der neueren Zeit und bis in die Gegenwart herein. Er sieht zum Beispiel, wie im Laufe langer Jahrhunderte eine soziale Form die andere abgelöst hat. Gehen wir zurück hinter das letzte Mittelalter - es hat sich noch etwas hineinerstreckt ins letzte Mittelalter, namentlich in der europäischen zivilisierten Welt —, so finden wir das gesellschaftliche Leben in einer solchen Struktur, daß wir sprechen können von einer Machtgeseilschaft. Diese Machtgesellschaft war dadurch heraufgekommen, daß, um nur ein Beispiel anzuführen, meinetwillen irgendein Eroberer mit einer Gefolgschaft sich irgendwo seßhaft gemacht, seine Gefolgschaft gewissermaßen zu seiner Arbeiterschaft gemacht hat. Dann wurde dadurch, daß der Führer angesehen wurde vermöge seiner individuellen Eigenschaften, individuellen Tüchtigkeit oder vermeintlichen individuellen Tüchtigkeit, das soziale Verhältnis zustande gebracht zwischen seiner Macht und der Macht derer, die er erst anführte und die dann seine Diener beziehungsweise seine Arbeiterschaft waren. Da ging gewissermaßen als das Maßgebliche für den sozialen Organismus dasjenige, was in einem entsprang oder in einer aristokratischen Gruppe, auf die Gesamtheit über, das lebte in der Gesamtheit weiter. Der Wille, der in der Gesamtheit war, war gewissermaßen in dieser Machtgesellschaft nur die Abzeichnung, die Projektion des Einzelwillens.
Unter dem Einflüsse der neueren Zeit, der Arbeitsteilung, des Kapitalismus, der technischen Kultur, trat an die Stelle dieser Machtgesellschaft, aber durchaus ihre Impulse fortsetzend unter den Menschen und dem menschlichen Zusammenleben, die Tauschgesellschaft. Was der einzelne hervorbrachte, wurde zur Ware, die er mit dem anderen austauschte. Denn schließlich ist die Geldwirtschaft auch nichts anderes, insofern sie Verkehr mit dem anderen einzelnen oder mit der anderen Gruppe ist. Es ist ein Tauschverkehr. Die Gesellschaft ist eine Tauschgesellschaft geworden. Während in der Machtgesellschaft die Gesamtheit es zu tun hat mit dem Willen des einzelnen, den sie aufnimmt, hat es die Tauschgesellschaft, in der wir noch mitten drinnen sind und aus der ein großer Teil der heutigen Menschheit herausstrebt, zu tun mit dem Willen des einzelnen, der gegen den Willen des einzelnen steht,
169 und aus dem Zusammenwirken von Einzelwille zu Einzelwille entsteht erst, wie ein Zufallsergebnis, der Gesamtwille. Da sprießt auf aus dem, was von einzelnem zu einzelnem geschieht, was sich bildet als Wirtschaftsgemeinschaft, was sich bildet als Reichtümer, was sich herausbildet in der Plutokratie und so weiter. In all dem wirkt aber dasjenige drinnen, was zu tun hat mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwillen auf Einzelwillen.
Es ist kein 'wunder, daß die alte Machtgesellschaft nicht nach irgendeiner Emanzipation des Geistigen streben konnte. Denn derjenige, der der Führer war, wurde vermöge seiner Tüchtigkeit auch anerkannt als der Führer des Geistigen und als der Führer der Rechtsordnung. Es ist aber auch begreiflich, daß das Rechts-, das Staats-, das politische Prinzip in der Tauschgesellschaft besonders überhandgenommen hat. Haben wir doch gesehen, worauf das Recht eigentlich beruhen will, wenn auch dieses Wollen nicht zum richtigen Ausdrucke kommt in der heutigen sozialen Ordnung. Das Recht hat es eigentlich zu tun mit dem, was der einzelne Mensch als ein gleicher dem anderen gegenüber, der ihm gleich ist, auszumachen hat. In der Tauschgesellschaft hat der einzelne mit dem einzelnen zu tun. So hat die Tauschgesellschaft das Interesse, ihr Wirtschaftsleben, wo auch der einzelne mit dem einzelnen zu tun hat, in ein Rechtsleben umzuwandeln, das heißt, zu Rechtssatzungen umzugestalten, was wirtschaftliche Interessen sind.
Geradeso wie die alte Machtgesellschaft übergegangen ist in eine Tauschgesellschaft, so strebt heute aus innersten Impulsen der Menschheitsentwickelung heraus diese Tauschgesellschaft in eine neue Gesellschaft hinein, namentlich auf wirtschaftlichem Boden. Denn die Tauschgesellschaft ist nach und nach, indem sie sich angeeignet hat das Geistesleben, es unfrei gemacht hat, lebensfremd gemacht hat, eine bloße Wirtschaftsgesellschaft geworden, und sie wird als solche gefordert von gewissen radikalen Sozialisten. Aber aus tiefsten Impulsen der heutigen Menschheit heraus will diese Tauschgeseilschaft, namentlich auf wirtschaftlichem Gebiete, in das übergehen, was ich nennen möchte - wenn auch der Name etwas hinkt, es ist aber eben eine neue Sache, und man hat in der Regel für die neuen Sachen nicht zutreffende Bezeichnungen, die ja aus der Sprache heraus gebildet werden müssen - die Gemeingesellschaft.
170 Es muß übergehen die Tauschgesellschaft in die Gemeingesellschaft.
Wie wird diese Gemeingesellschaft gestaltet sein? Geradeso wie in der Machtgesellschaft der Einzelwille oder der Wille einer Aristokratie, also auch eine Art Einzelwille, gewissermaßen fortwirkt in der Gesamtheit, so daß die einzelnen in ihren Wollungen nur darstellen Fortsetzungen des Willens der einzelnen, und wie die Tauschgesellschaft zu tun hatte mit dem Aufeinanderprallen von Einzelwille auf Einzelwille, so wird es die wirtschaftliche Ordnung der Gemeingesellschaft zu tun haben mit einer Art von Gesamtwille, der nun umgekehrt auf den Einzelwillen zurückwirkt. Denn ich habe es im zweiten Vortrage auseinandergesetzt, wie auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens Assoziationen der verschiedenen Produktionszweige auftreten sollen, Assoziationen von Produktionszweigen mit den Konsumierenden, so daß überall sich die Wirtschaftenden und auch die wirtschaftlich Konsumierenden zusammenschließen sollen. Die Assoziationen werden Verträge miteinander schließen. Es wird sich innerhalb von Gruppen, die größer oder kleiner sind, eine Art von Gesamtwille bilden. Nach diesem Gesamtwillen streben ja viele sozialistisch sich Sehnende. Nur stellen sie sich die Sache oftmals in einer höchst unklaren, durchaus nicht vernünftigen Weise vor.
Geradeso wie in der Gewaltgesellschaft, in der Machtgesellschaft der Einzelwille in der Gesamtheit gewirkt hat, so wird in der Gemeingesellschaft der Zukunft ein gemeinsamer Wille, ein Gesamtwille in dem einzelnen wirken müssen.
Wie aber wird das möglich sein? Was muß in dem Gesamtwillen - er muß ja entstehen durch das Zusammenwirken der Einzel willen, die Einzelwillen müssen etwas ergeben, was keine Tyrannis ist, keine demokratische Tyrannis ist für den einzelnen, innerhalb dessen sich der einzelne frei fühlen kann -, was muß denn drinnenstecken in diesem Gesamtwillen? In diesem Gesamtwillen muß drinnenstecken, was die einzelne Seele und der einzelne menschliche Geist aufnehmen können, womit sie sich einverstanden erklären können, worinnen sie sich einleben können. Das heißt, das, was im einzelnen Menschen lebt, Geist und Seele, das muß im Gesamtwillen der Gemeingesellschaft leben. Das
171 ist nicht anders möglich, als wenn diejenigen, die diesen Gesamtwillen ausgestalten, aus dem Einzel willen heraus in sich tragen in ihrem Wollen, in ihrem Empfinden, in ihrem Vorstellen das völlige Verständnis für den einzelnen Menschen. Einfließen muß in diesen Gesamtwillen, was der einzelne Mensch als sein eigenes Geistiges und Seelisches und Leibliches empfindet. Dann muß es aber hineingelegt werden.
Anders war das in der instinktiven Machtgesellschaft, wo der einzelne anerkannt wurde von der Gesamtheit, weil die einzelnen in der Gesamtheit nicht geltend machten ihren eigenen Willen; anders war es in der Tauschgesellschaft, wo der Einzelwille aufgeprallt ist und eine Art Zufallsgemeinsamkeit herausgekommen ist; anders aber muß es sein, wenn ein organisierter Gesamtwille auf den einzelnen wirken soll. Dann darf niemand, der an der Gestaltung dieses Gesamtwillens teilnimmt, unverständig sein gegenüber dem, was das wahrhaft Menschliche ist. Dann darf man nicht mit einer abstrakten Naturwissenschaft, mit einer Naturwissenschaft, die bloß auf die äußere Natur gerichtet ist und die niemals den ganzen Menschen verstehen kann, heranrücken an die Lebensanschauung. Dann muß man mit Geisteswissenschaft an die Lebensanschauung heranrücken, mit jener Geisteswissenschaft, die, weil sie den ganzen Menschen umfaßt nach Leib, Seele und Geist, auch empfindungsgemäß und willensgemäß ein Verständnis hervorruft für diesen einzelnen Menschen.
Will man daher eine gemeinschaftliche Wirtschaftsordnung hervorrufen, wird man sie nur hervorrufen können, wenn man sie wird beseelen können aus dem selbständigen Geistesleben heraus. So wird nur möglich sein, eine gedeihliche Zukunft zu gestalten, wenn es andererseits wird geschehen können, daß widerstrahlt, was in freiem Geistesleben gedacht ist, aus dem Wirtschaftsleben heraus. Und dieses freie Geistesleben wird sich nicht als unpraktisch erweisen, es wird sich als sehr praktisch erweisen. Nur wer im unfreien Geistesleben verweilt, kann so leben, daß er nachdenkt über das Gute, daß er nachdenkt über das Böse, über das Richtige und über das Wahre, über das Schöne und über das Häßliche, und das nur im Inneren seiner Seele besteht. Derjenige aber, der den Geist als etwas Lebendiges durch Geisteswissenschaft anschaut, durch geisteswissenschaftliche Erkenntnis ergreift, der
172 wird insbesondere in bezug auf das Menschenleben praktisch in allen seinen Handlungen. Was er aus der Geistanschauung in sich aufnimmt, das geht unmittelbar in die Hände, das geht in jede Lebensverrichtung über, das gestaltet sich wirklich so, daß es sich hineinleben kann in das unmittelbare praktische Leben. Nur eine aus dem praktischen Leben verdrängte Geisteskultur wird lebensfremd. Eine Geisteskultur, der man Einfluß gestattet auf das praktische Leben, die entwickelt sich zur Praxis. Ich möchte sagen: Wer das geistige Leben wirklich kennt, der weiß, wie wenig jenem geistigen Element, das seinem eigenen Antrieb überlassen ist, das praktische Leben fernsteht. Ich möchte sagen: Der ist kein guter Philosoph, der nicht im richtigen Augenblicke auch Holz hacken kann, denn wer eine Philosophie begründen will, ohne daß er Hand anlegen kann an das unmittelbar praktische Leben, der begründet keine Lebensphilosophie, der begründet eine lebensfremde Philosophie. Praktisch ist das wirkliche Geistesleben.
Unter den Einflüssen, die im Laufe der Jahrhunderte heraufgezogen sind, kann man es begreifen, wenn heute gerade Menschen, die innerhalb des heutigen Kulturlebens, des heutigen führenden Geisteslebens stehen wie zum Beispiel Robert WÜbrandt, der seine Sozialisierung aus einer wirklichen guten Meinung heraus, aus einem wirklichen sozialen Ethos heraus geschrieben hat, doch sagen: Es kann keine praktische Aufbauarbeit geleistet werden, weil die Seele fehlt -, wenn sie sich nicht dazu aufschwingen können, nach der Realität der Seelenbildung, der Seelengestaltung zu fragen, sich nicht entschließen können zu fragen: Was bewirkt ein wirkliches freies Geistesleben auch für das Staats-, auch für das Wirtschaftsleben? Dieses freie Geistesleben wird in der richtigen Weise zusammenwirken, wie ich gezeigt habe, mit dem Wirtschaftsleben. Dann aber wird auch das Wirtschaftsleben, das mit dem Staats- und Geistesleben zusammenwirken kann, jederzeit solche Menschen ausbilden können, die wiederum die Anregung geben dem Geistesleben.
Ein freies, unmittelbar wirkliches Zusammenleben wird durch die Dreigliederung des sozialen Organismus bewirkt. Daher möchte man den Menschen, die heute aus einem Instinkt heraus, aber durchaus nicht aus einem wirklichen Lebensmute heraus, nach einer unbestimmten
173 Seele, nach einem unbestimmten Geist verlangen, entgegenrufen: Lernet erkennen, was die Wirklichkeit des Geistes ist; gebet dem Geiste, was des Geistes ist, gebet der Seele, was der Seele ist, und es wird auch dem Wirtschaftsleben erscheinen, was der Wirtschaft ist.



Fragenbeantwortung nach dem fünften Vortrag

173 Hier ist zunächst die Frage gestellt:

Ich fürchte, daß durch die Dreigliederung des sozialen Organismus ein ewiger Schematismus erzeugt werden wird, wie derjenige des deutschen Idealismus, speziell Kants war, der das gesamte reiche Geistesleben in das Schema der Dreigliedrigkeit von Denken, Fühlen und Wollen hineingepreßt hat.

Verzeihen Sie, wenn ich zunächst auf etwas Persönliches hinweise. Ich habe mir in den verschiedensten Büchern - und es ist ja eine große Reihe, die ich geschrieben habe, eine viel zu große - die Aufgabe gestellt, das Unrichtige, das Verwerfliche in einer gewissen Beziehung sogar des Kantianismus in der Weltanschauung darzulegen. Es ist das heute noch ein recht unpopuläres Geschäft. Und ich habe insbesondere immer wiederum auf das Ungesunde der kantianischen Denkweise aus dem Grunde hinweisen müssen, weil ich fühlte, wie ein aus der Wirklichkeit heraus gestaltetes und geformtes Denken dem kantischen genau entgegengesetzt ist. Man möchte sagen: Das kantische Denken ist deshalb so beliebt, weil es schematisiert. Wer meine Vorträge hier verfolgt hat, der wird finden, daß ich ja zwar auch Worte gebrauchen muß, daß aber schematischen Geist in diesen Worten, in diesen Auseinandersetzungen nur finden könnte, wer ihn selbst erst hineinträgt. In der Art und Weise, wie ich versuche, die Wirklichkeit anzusehen, liegt wirklich nichts Schematisierendes, sondern, wenn man überhaupt redet - man kann da das Reden für unnütz halten, das tun ja doch nur wenige Menschen heute -, so muß man sich der Worte bedienen, und dann handelt es sich nur darum, daß man in der richtigen Weise verstanden wird. Ich
174 spreche nicht so, daß ich irgendein philosophisches Thema im Auge habe, sondern ich möchte das Ganze des Lebens ins Auge fassen.
Bei der Gelegenheit ist es schon notwendig, etwas Persönliches zu berühren. Ich habe ja mein sechstes Lebensjahrzehnt bald vollendet und habe tatsächlich manches durchgemacht, bin durch mein Schicksal getragen worden in mancherlei Lebensgebiete, habe kennenlernen können, was in den verschiedensten Klassen, Ständen der heutigen Menschen lebt, und zwar so kennenlernen, daß da wahrhaftig kein Schematismus zugrunde lag, sondern daß ich eben das volle Leben hinnehmen konnte. Und aus diesem vollen Leben heraus haben sich mir deshalb Anschauungen ergeben, die manche Menschen aus dem Grunde nicht gleich verständlich finden, weil eben gerade der Schematismus, der heute so beliebt ist, nicht genügt zu ihrem Verständnisse, sondern weil man einen gewissen Lebensinstinkt braucht, um diese Dinge in der richtigen Weise zu wissen. Allerdings, eines habe ich - trotzdem ich kennengelernt habe Parteimänner von der äußersten Rechten zur radikalsten Linken und auch in der Mitte - nie fertiggebracht: selber einer Partei anzugehören. Vielleicht verdanke ich gerade diesem Umstände - wenigstens nach meinem eigenen Glauben ist es so - eine gewisse Unbefangenheit.
Nun soll das, was ich für die Dreigliederung des sozialen Organismus vorbringe, wahrhaftig nicht irgendeinem Schematismus entsprechen, sondern überall, wo man das Leben anfaßt, zeigt es sich in dieser Dreigliederung. Lesen Sie in meinem Buche «Von Seelenrätseln» nach: da handelt es sich nicht um einen Schematismus, nach dem ich etwa den ganzen menschlichen natürlichen Organismus einteilen will, wie Kant so fein säuberlich das Geistesleben in seine drei Abteilungen eingeteilt hat, sondern da ist es so, daß da wirklich drei Glieder ineinanderwirken. Das ist nicht Schematismus, wenn man irgend etwas von der Wirklichkeit beschreibt, wo es ankommt auf die drei Glieder und dabei diese drei Glieder namhaft macht. Es ist etwas ganz anderes, wenn man einteilt nach subjektiven Gesichtspunkten, als wenn man versucht, die Wirklichkeit wiederzugeben. Und das liegt gerade der Denkweise zugrunde, die hier geltend gemacht wird: daß die Wirklichkeit als solche genommen wird, daß nichts behauptet wird, was nicht gerade von der Wirklichkeit selber diktiert wird.
175 Ich möchte es Ihnen durch ein Beispiel klarmachen: Ich habe in einer kleinen süddeutschen Stadt einmal einen Vortrag gehalten über die Weisheit des Christentums. Da waren auch zwei katholische Pfarrer. Und weil der Vortrag gerade nichts enthielt, was sie inhaltlich anfechten konnten, so kamen sie nachher zu mir und sagten: Ja, sehen Sie, wir können ja nichts sagen gegen das, was Sie heute vorgebracht haben; aber Sie bringen das so vor, daß Sie nur zu einigen Menschen sprechen, die gerade durch ihre Bildung prädestiniert sind, sich diese Dinge anzuhören, während wir zu allen Menschen sprechen. - Ich sagte damals: Ja, wissen Sie, daß Sie und ich, daß wir uns etwa einbilden, wir sprechen zu allen Menschen, das ist subjektiv, das wird sich im Grunde genommen jeder Mensch einbilden können; denn warum sollte er denn sonst überhaupt zu Menschen sprechen, wenn er nicht glaubte, daß das allgemein gültig und einleuchtend ist, was er sagt. Aber auf dieses Subjektive kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, ob die objektiven Tatsachen sprechen und man im Sinne dieser objektiven Tatsachen sich verhalt. Und nun frage ich Sie: Sie sagen, Sie sprechen zu allen Menschen; das ist Ihre subjektive Meinung, auch Ihr subjektives Bestreben meinetwillen; aber gehen alle Menschen zu Ihnen in die Kirche? Das würde der Beweis sein, daß Sie zu allen Menschen sprechen. - Da konnten sie natürlich nicht sagen: Ja, das sei so. Denn da sprachen die Tatsachen, nicht die subjektiven Meinungen. Nun sagte ich: Das nehmen wir jetzt als eine Tatsache, und zu denen, die nicht zu Ihnen in die Kirche gehen, zu denen spreche ich, denn die haben auch ein Recht, vom Christus zu hören.
So läßt man die Wirklichkeit sprechen. Da schematisiert man wahrhaftig nicht, richtet sich überhaupt nicht nach Subjektivem, sondern versucht zu deuten, was wirkliche Zeitimpulse sind. Aus solchen wirklichen Zeitimpulsen heraus will gesprochen werden.

Denken Sie sich die Dreigliederung der sozialen Ordnung innerhalb der bestehenden Staaten durchgeführt oder wie? Das heißt, ist der heutige Staat der Rahmen mit seinen politischen Grenzen auch in der neuen Ordnung?

Nun, es ist nur möglich, irgend etwas fruchtbar zu gestalten, wenn man nicht alles kurz und klein schlagen will, sondern wenn man auf die
176 wirkliche Entwickelung bedacht ist, wenn man im Sinn der wirklichen Entwickelung arbeitet. Sie haben vielleicht schon bemerken können, wie gerade innerhalb der Ideen vom dreigliederigen sozialen Organismus hingearbeitet wird nach einer Ausgestaltung des Lebens aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen heraus. Diese geisteswissenschaftlichen Grundlagen werden auch das ergeben, was angesehene Denker heute vermissen, nämlich eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft. Was heute Wirtschaftswissenschaft genannt wird, das sind ja nur zusammengetragene Brocken aus einzelnen Beobachtungen. Das ist nicht etwas, was wirklich ein Impuls für das soziale Wollen werden könnte. Eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft kann eben nur aus geisteswissenschaftlichen Grundlagen erwachsen.
Da wird sich mancherlei ergeben in bezug auf die Übergrenzung der sozialen Organisationen. So werden sich zum Beispiel Gesetze aus dem Wirtschaftsleben heraus selbst ergeben, wie Wirtschaftsgebiete, Wirtschaftsterritorien in sich abgegrenzt werden sollen, so daß man auf eine Zukunft blicken kann, über die man etwa in der folgenden Art sprechen müßte. Eine wirkliche Wirtschaftswissenschaft zeigt: Wenn die Assoziationen, von denen ich im zweiten und im heutigen Vortrage gesprochen habe, zu groß werden, dann sind sie nicht mehr wirtschaftlich möglich; wenn sie zu klein werden, sind sie auch nicht mehr wirtschaftlich möglich. Durch die inneren Bedingungen eines Wirtschaftsterritoriums, durch die mannigfaltige Produktion, durch die mannigfaltigen Zweige, mannigfaltigen Gebiete, die da sind, ist auch die Größe dieses Territoriums bestimmt. Wollte ich das Gesetz für diese Größe aussprechen, so müßte ich etwa sagen: zu kleine Wirtschaftsgebiete irgendwelcher Art wirken dadurch schädlich, daß sie die assoziierten Menschen nicht aufkommen lassen, gewissermaßen die assoziierten Menschen verhungern lassen; zu große Wirtschaftsterritorien dagegen wirken so, daß sie die außerhalb des Territoriums Befindlichen schädigen, verhungern lassen. Man kann tatsächlich für kleinere Wirtschaftsgesichtspunkte und auch für größere Wirtschaftsgesichtspunkte aus inneren Gesetzen heraus die Größe der Wirtschaftsterritorien bestimmen lassen. Und es ist auch gar nicht geboten — ich werde davon noch zu sprechen haben —, wenn der soziale Organismus wirklich dreigegliedert ist, daß die Geistesgrenzen
177 mit den Wirtschaftsgrenzen oder mit den Rechtsgrenzen zusammenfallen. Ein großer Teil des Unheiles in der Gegenwart, das sich entladen hat in dieser furchtbaren Weltkriegskatastrophe - die, wie ich am Ende des gestrigen Vortrages auseinandergesetzt habe, durchaus nicht zu Ende ist -, beruht darauf, daß man eben unter dem Einheitsstaat überall wirtschaftliche, politische und Geisteskulturgrenzen hat zusammenfallen lassen. Es handelt sich also darum, daß aus einer inneren Gesetzmäßigkeit, aus dem lebendigen Leben selbst heraus die Größe der Territorien sich ergeben wird.
Aber man muß mit der Entwickelung rechnen. Deshalb muß zunächst der Anfang gemacht werden mit dem Gegebenen. Und da kann man sagen: Zunächst wird sich allerdings herausstellen, daß die historischen Körperschaften und Gebilde hinarbeiten müssen nach diesem Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dann aber, wenn sie diese in gesunder Weise, ich will nicht sagen, durchgeführt haben, sondern in sich haben, dann wird aus dem Gesetze des Lebens, das sich dann ergibt, schon das andere hervorgehen.
Also diese Dinge dürften nicht theoretisch beantwortet werden, sondern lebensgemäß. So daß man sagt: Was sich etwa morgen ergibt, das wird erst die Grundlage sein für das Übermorgen. Also es handelt sich darum, auf ein Leben hinzuweisen, nicht irgendwelche Programme zu erfinden. Solche Programme sind furchtbar billig, und es sind ihrer wahrhaftig schon genug erfunden worden.

Wird sich wesentlich die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel von derjenigen der industriellen unterscheiden?

Die Behandlung der agrarischen Produktionsmittel, also vorzugsweise des Grundes und Bodens - denn insoferne andere Produktionsmittel in Betracht kommen, sind sie ja auch industrielle Produktionsmittel —, tritt einem besonders heute auf dem Boden desjenigen Kampfes entgegen, der geführt wird von den Bodenreformern. Sie können ja leicht das, was da in Betracht kommt, sich aneignen, wenn Sie zurückgehen auf den zunächst originellsten Bodenreformer, auf Henry Georges «Fortschritt und Armut» und auf sein Bestreben, durch die sogenannte «Single tax» die Ungerechtigkeiten der gesellschaftlichen
178 Ordnung, welche durch die Bodenverteuerung bewirkt werden können, auszugleichen, auszumerzen. Gewinnen kann unter Umständen derjenige, der am Bodenbesitz nicht die geringste Arbeit geleistet hat. So wird von dieser Seite her versucht, zunächst die agrarischen Produktionsmittel, in gewissen Grenzen wenigstens, in den Dienst der Gemeinsamkeit zu stellen.
Nun hatte ich einmal vor vielen Jahren eine Diskussion mit Damaschke, der ja in gewissem Sinne durchaus auf Henry George fußt, und ich sagte ihm dazumal: Es dürfen nicht ohne weiteres die agrarischen Produktionsmittel mit den industriellen Produktionsmitteln verwechselt werden, denn es besteht ein beträchtlicher Unterschied, der einen Unterschied in der Wirkung der Produktionsmittel, des einen und des anderen, für die ganze soziale Ordnung bedingt. Der Boden hat eine bestimmte Größe, der Boden ist nicht elastisch. Wenn zwei Häuser nebeneinanderstehen, aneinandergrenzen, so kann man auch nicht den Boden, auf dem sie stehen, auseinanderziehen, so daß zwischen sie ein drittes Haus gebaut werden kann. Dagegen können industrielle Produktionsmittel, ich möchte sagen, in Elastizität gehalten werden, können vermehrt werden. Das bewirkt einen großen Unterschied. Deshalb muß beides verschieden behandelt werden. Es darf also nicht etwa die sozialdemokratische Theorie, die vorzugsweise zugeschnitten ist auf die industriellen Produktionsmittel, ohne weiteres auf das Produktionsmittel Grund und Boden übergeleitet werden. Worauf es ankommt, ist das, was ich gerade heute im Vortrag gesagt habe: daß Grund und Boden sowohl wie das fertige Produktionsmittel kein Gegenstand des Wirtschaftens sein soll, sondern ein Gegenstand der Rechtsübertragung aus geistigen Gesichtspunkten heraus. Wenn das bei beiden der Fall ist, dann ergeben sich die Unterschiede nicht auf theoretische Art, sondern aus dem unmittelbaren Leben. Denken Sie zum Beispiel nur das Folgende: Die industriellen Produktionsmittel nützen sich ab; sie müssen immer erneuert werden. Bei den agrarischen Produktionsmitteln ist das schon wiederum etwas anders; nicht nur, daß sie nicht elastisch sind, sondern sie nützen sich nur in viel geringerem Maße ab, müssen wenigstens ganz anders behandelt werden als die industriellen Produktionsmittel.
179 Aber es besteht noch ein wesentlich anderes Verhältnis zwischen agrarischen Produktionsmitteln und industriellen Produktionsmitteln. Man mag daran denken, daß ja ein Teil des Erträgnisses der Industrie dazu verwendet werden muß, um diese Industrie höher zu bringen, um sie immer mehr und mehr auszugestalten. Da sehen wir, daß ein Teil desjenigen, was wir die Kapitalverwaltung der Industrie nennen können, von der Industrie wiederum verschluckt wird. Das ist in derselben Art nicht der Fall bei den agrarischen Produktionsmitteln. Die Bücher, wenn sie geführt würden als Gesamtbücher für ein Wirtschaftsleben, würden zwei Pole aufweisen: Der eine Pol würde ungefähr hinweisen nach der Kohlenproduktion; da würde man von der Kohlenproduktion ausgehend ungefähr alle diejenigen Posten haben, welche in das Industrielle hineinwandern. Der andere Pol geht zu dem Brot; wenn man alle Posten zusammenschreiben würde, welche sich auf das Brot - im weitesten Sinne selbstverständlich, wie die anderen Nahrungsmittel zeigen, die durch Grund und Boden beschaffen werden - beziehen, wenn man die aufschreiben würde, so würde man ungefähr das herausbekommen, was der Grund und Boden leistet.
Nun ist vieles von dem, was in diesem Gesamtbuch stecken würde, wenn Grund und Boden sowohl wie die Produktionsmittel aus der Wirtschaft heraußen wären und zugeteilt würden der Rechtsordnung, der Geistesordnung, vieles davon ist heute dadurch verdeckt, daß die Industrie mit der Verwaltung von Grund und Boden konfundiert wird. Man braucht ja nur Industrieller zu sein und Hypotheken zu haben auf Grund und Boden, so ist die Konfundierung schon da. Aber noch durch zahlreiche andere Dinge. Wenn das nicht der Fall wäre, würde man reinlich sehen, daß die Weltwirtschaft heute so steht — so paradox das für manchen heute noch scheint —, daß wirklich produktiv Grund und Boden ist; nicht produktiv, sondern erhalten aus den Erträgnissen in Wahrheit von Grund und Boden, ist die gesamte Industrie. So sonderbar das für manchen heute klingt, so ist es dennoch so der Fall. Es ist jedes industrielle Unternehmen im Grunde genommen das, was man in der Landwirtschaft nennt ein fressendes Gut, das heißt ein Gut, das seine Erträgnisse eigentlich aufzehrt.
Man betrachtet heute durchaus nicht die Gesamtwirtschaft. Sie ist
180 verdeckt durch die mannigfaltigsten Umstände. Im wirklichen Leben aber würden sich die Gesichtspunkte ergeben, welche bei der Übertragung sowohl der agrarischen Produktionsmittel einerseits, wie der industriellen Produktionsmittel andererseits maßgebend sein können.
Bei dem industriellen Pol wird ja vorzugsweise die individuelle geistige Fähigkeit der Menschen, dasjenige, was sie können, gelernt haben, wozu sie veranlagt sind, bei dieser Übertragung in Betracht kommen. Bei der agrarischen Übertragung kommt anderes in Betracht; da kommt zum Beispiel in Betracht das Zusammengewachsensein des Menschen mit Grund und Boden. Da muß durchaus berücksichtigt werden, daß derjenige, der die besten Fähigkeiten hat, um den Grund und Boden weiter zu bearbeiten, nicht in abstrakter Weise gewählt werden kann nach seiner geistigen Veranlagung, sondern in einer gewissen Weise mit dem Boden zusammengewachsen sein muß. Wenn in der richtigen Weise gerade auf dem Land draußen der Sinn der Dreigliederung klargemacht werden könnte, so würde das gesamte Bauerntum zustimmen. Selbstverständlich, wenn irgendeiner hinauskommt, der in dem üblen Ruf eines Gelehrten steht, dann werden ihn die Leute natürlich nicht anhören, dann hat er nichts zu sagen; aber wenn in der richtigen Weise die Sache an die Leute herangebracht wird, werden sie gar nichts dagegen haben. Denn eigentlich wird ja nach diesem Prinzip gehandelt, gerade im Agrariertum. Nicht im Großgrundbesitz, aber im Bauerntum wird im wesentlichen, insofern nicht der Staat störend eingreift, durchaus in diesem Sinne gedacht und gehandelt.
Es handelt sich also darum, daß sich die Gesichtspunkte im Konkreten und aus diesem heraus ergeben. Programme dürfen bei einer lebensfähigen sozialen Ordnung nicht gemacht werden, sondern darum handelt es sich, so zu charakterisieren, daß das Leben bestehen kann. Das Leben hat dann noch etwas zu tun.
Sehen Sie, dadurch unterscheidet sich dieser Impuls der sozialen Dreigliederung, der hier vorgetragen wird, von mancherlei Programmen, die ja heute eigentlich billig wie Brombeeren sind. Diese sozialen Programme, die stellen auf: Erstens, zweitens, drittens und so weiter. Die schematisieren eigentlich alles. Diese Allwissenheit, die schreibt sich die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus durchaus
181 nicht zu, sondern sie will, daß die Menschen aus sich heraus so zusammenwirken können, daß sie dazu kommen, den sozialen Organismus entsprechend zu gestalten. Sie möchte nur die Menschen in solche Verhältnisse bringen, daß daraus eine entsprechende soziale Ordnung entstehen kann. Wenn man nur das begreifen würde, daß dies ein prinzipieller Unterschied ist zwischen dem Impuls der Dreigliederung und dem anderen, was heute auftritt, so würde man sehen, wie diese Dreigliederung eben gerade aus der vollen Wirklichkeit heraus schöpft.
Ich habe deshalb oftmals zu den Leuten gesagt: Es kommt gar nicht darauf an, ob das eine oder das andere so oder anders sein soll. Meinetwillen sogar, möchte ich radikal sagen: Man nehme die Sache in Angriff, vielleicht stellt sich heraus, daß kein Stein auf dem anderen bleibt, aber es wird etwas entstehen, was ganz gewiß Standfestigkeit hat, weil die Wirklichkeit an einem Zipfel angefaßt ist. Gerade wenn man die Wirklichkeit anfaßt, so ergibt sich vielleicht etwas ganz anderes, als man programmatisch zunächst gesagt hat. Aber es handelt sich darum, kein Programm aufzustellen, sondern hinzuweisen, wie man die Wirklichkeit anzufassen hat.

Zu Beginn der Fragebeantwortung hatte ein Besucher zu längeren Ausführungen das Wort ergriffen. Dr. Steiner antwortete darauf:

Nun noch ein paar Worte mit Bezug auf das, was der verehrte Herr Vorredner gesagt hat. Er sagte zum Beispiel, es habe die Dreigliederung immer bestanden. Ich verstand sehr gut, daß er das ausgesprochen hat, denn er hat das, was ich gesagt habe, mit etwas anderem verwechselt. Er hat auch deutlich angedeutet, daß er es verwechselt: er sprach nämlich immer von der «Dreigliederung des Sozialismus», wenn ich ihn richtig gehört habe.
Ich würde natürlich niemals von der «Dreigliederung des Sozialismus» sprechen. Das erscheint mir als eine völlige Unmöglichkeit. Denn der Sozialismus kann natürlich als Weltanschauung nur etwas Einheitliches sein. Und nur, wenn man so abstrakt denkt, ist man versucht, zu sagen: Nun, das Leben war ja immer dreigeteilt, warum soll man denn erst von dieser Dreigliederung, Dreiteilung des Lebens reden?
Ja, das ist es ja gerade, worum es sich handelt! Gewiß, das Leben war
182 immer dreigeteilt, und es handelt sich nicht darum, daß man das Leben gerade dreiteilt. Das teilt sich von selber. Es handelt sich darum, daß man in der Verwaltung des Lebens nicht immer das Richtige getroffen hat, um das dreigliederige Leben eben in der richtigen Weise zu verwalten, zu ordnen, zu orientieren. Es ist ja eine Selbstverständlichkeit, daß das Leben dreigliederig ist. Darum redet man ja gerade! Weil das Leben dreigliederig ist, fragt man: Wie soll man es machen, wenn eine Einheit herauskommen soll, daß diese wirklich herauskommt? - Sie ist nicht herausgekommen für die letzten Jahrhunderte und die Gegenwart. Also darum handelt es sich, einen neuen Weg zu finden. Es ist eine im höchsten Sinne - wenn sie auch glaubt, der Wirklichkeit freundlich zu sein - abstrakte, lebensfremde Denkweise, wenn man mit Selbstverständlichkeiten abtun will, was durchaus mit diesen Selbstverständlichkeiten rechnet, aber gerade aus diesen Selbstverständlichkeiten heraus die Notwendigkeit einsieht, daß eben das Leben diesen Selbstverständlichkeiten gemäß gestaltet werden müßte. Im Leben kommt es eben nur zu häufig vor, daß man solche Selbstverständlichkeiten in ein falsches Fahrwasser rückt, und daraus kommen dann die Lebenskrisen. Das ist es, worauf ich im besonderen aufmerksam machen möchte.
Ebenso ist es wirklich eine bloße Redensart, wenn man sagt: Aus der Wirtschaft mit dem Geist zusammen kommt das Recht. Nun, ganz gewiß, es kommt schon; wenn einmal der dreigliederige Organismus da sein wird, dann wird auch das Recht kommen. Aber es wird eben auf die Art kommen, daß man findet, wie es kommen soll. Die Menschen müssen es einrichten. Also muß man über die Methode nachdenken, wie sie es einrichten sollen.
Dann ist noch manches andere Beherzigenswerte gesagt worden über die Verbindung von geistigem Leben und praktischer Arbeit. Ich möchte nicht auf Persönliches eingehen, sonst könnte ich dem verehrten Vorredner leicht beweisen, wie ich mich bemüht habe mein ganzes Leben lang, praktische Arbeit zu verbinden mit dem Geistesleben. Aber man darf mir nur nicht zumuten, was man mir in manchen Diskussionen zugemutet hat, daß das praktische Leben auf diesem Gebiete darinnen bestehen soll, daß man im Rahmen irgendeiner Partei mitarbeitet. Das haben nämlich manche mit dem «praktischen sozialen Arbeiten» verstanden.
183 Dieses praktische soziale Arbeiten ist manchmal ein sehr theoretisches und unpraktisches soziales Arbeiten. Also diese Dinge darf man durchaus nicht mit wirklicher Lebenspraxis verwechseln.
Dann wurde gesagt, daß wenn wirklich eine Besserung, eine Gesundung der Verhältnisse eintreten solle, es sich darum handle, daß die Arbeiterschaft sich wirklich mit den geistigen Grundlagen des sozialen Lebens befasse. Ich bin vollständig damit einverstanden, glaube aber auch, in diesen Vorträgen schon das richtige Mittel angedeutet zu haben, wodurch sich die Arbeiterschaft eben befassen kann mit den geistigen Fragen. Ich habe bereits darauf hingedeutet, daß ich durch Jahre hindurch Lehrer an einer Arbeiterbildungsschule war, daß ich da sehr wohl die Arbeiterschaft gefunden habe, auch den Ton, um gerade in Arbeiterherzen hinein wissenschaftlich zu sprechen. Allein dann sind die Führer gekommen; die haben mich herausgeschmissen, wenn ich das auf deutsch sagen soll, weil sie wollten, daß nur auf sie gehört werde und nur das gehört werde, was sie befehlen, daß es vertreten werde. Ich habe Ihnen das in diesen Vorträgen ja schon früher erzählt. Als ich sagte: Wenn nicht einmal hier Lehrfreiheit herrschen soll, wo soll sie denn herrschen? - Da erwiderte einer der Führer: Lehrfreiheit, das kann nicht sein bei uns, ein vernünftiger Zwang, das ist es, um was es sich handelt!
Ja, sehen Sie, mit diesem zusammen könnte ich Ihnen vieles anführen, was ein gutes Mittel wäre, wodurch die gegenwärtige Arbeiterschaft tatsächlich zum Ergreifen der geistigen Grundlagen für eine soziale Neugestaltung kommen-würde. Dieses Mittel wäre dieses: sich loszusagen von den meisten der gegenwärtigen Führer, die durchaus nicht im Auge haben, in ehrlicher Weise einen sozialen Neuaufbau herbeizuführen, sondern die etwas ganz anderes im Auge haben, denen aber in vieler Beziehung heute noch viel mehr gehorcht wird — das hat gerade die Praxis des Wirkens in der sozialen Dreigliederung ergeben -, als von den Katholiken ihren Erzbischöfen gehorcht wird. Das ist etwas, was beherzigt werden sollte. Und ich bin überzeugt davon: Es herrscht heute so viel gesunder Sinn in den breiten Massen des Volkes, daß in dem Augenblicke, wo mancher Führer fiele5 viel wirkliche gesunde soziale Einsicht eintreten würde.
184 Wir haben es heute nötig, daß die Menschen sich wiederum kristallisieren um Ideen, um wirkliche ideelle Impulse, aus denen heraus das Leben gestaltet werden kann, daß die alten Parteischablonen und Parteiprogramme überwunden werden, denn die sind es, was hauptsächlich eine gesunde Einsicht und auch ein gesundes Wirken im Sinne einer solchen Einsicht hindert. Man muß nur auch da aus der vollen Wirklichkeit heraus das aufsuchen, was zum Heile führen könnte. Die bloße Forderung tut es nicht, geradesowenig wie es die bloße Forderung tut: Abschaffung des Kapitals - sondern wie man sehen muß, wie das Kapital wirken soll. Denn «Abschaffung», das ist leicht. Das heißt, es ist deshalb nicht leicht, weil es zum Ruin führt. Aber wenn man hinauskommen soll über die Schäden des Kapitalismus, dann ist etwas andere notwendig. Wie es notwendig ist, auf diesem konkreten Gebiete in die Wirklichkeit hineinzuschauen, so ist es schon auch notwendig, im heutigen Menschenleben in die volle Wirklichkeit hineinzuschauen und sich zu sagen, daß die Parteien vielfach nur noch leben von den abstrakten Fortführungen ihrer Programme, daß sie aber mit dem Leben nicht mehr zusammenhängen. Das aber ist insbesondere da notwendig, wo es sich um einen wirklichen Neuaufbau auf dem Gebiete des sozialen Lebens handelt.
Das ist es, was ich heute sagen möchte, obwohl zur Aufhellung solcher Fragen noch manches gestreift werden müßte.




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ablage/offen/rudolf_steiner/dreigliederung/005_ga_332a_soziale_zukunft/005_fuenfter_vortrag.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:21

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