Zuletzt angesehen: 001_erster_vortrag

ERSTER VORTRAG, Zürich, 24. Oktober 1919 : Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage

ERSTER VORTRAG, Zürich, 24. Oktober 1919 : Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage

Die soziale Frage als Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsfrage Zur Entwickelungsgeschichte der Nationalökonomie. Folgen der naturwissenschaftlich orientierten Weltanschauung für die Menschheit. Übereinstimmungen in den Gesellschaftskritiken Woodrow Wilsons, Lenins und Trotzkis hinsichtlich des Verhältnisses von Rechts- und Wirtschaftsleben. Das Zusammenwirken von Wirtschaft, Recht und Geist in den Anschauungen von Marx und Engels. Zur Abgrenzung der einzelnen Glieder des sozialen Organismus

Seite Text
7 Wer heute über die soziale Frage denkt, dem sollte vor Augen stehen, daß diese Frage, nach den Lehren gewaltiger Tatsachen der neueren und neuesten Zeit, nicht mehr aufgefaßt werden kann als irgendeine Parteifrage, als eine Frage, die hervorgeht bloß aus den subjektiven Forderungen einzelner Menschengruppen, sondern daß sie aufgefaßt werden muß als eine Frage, welche das geschichtliche Leben selbst an die Menschheit stellt.
Wenn ich von einschneidenden Tatsachen, die zu dieser Anschauung führen müssen, spreche, so brauche ich ja nur hinzuweisen darauf, wie seit reichlich mehr als einem halben Jahrhunderte die proletarischsozialistische Bewegung immer mehr und mehr angewachsen ist. Und man kann ja nach seinen eigenen Anschauungen, nach seinen eigenen Lebensverhältnissen kritisch oder anerkennend, wie immer, zu den Anschauungen stehen, welche in dieser sozialistisch-proletarischen Bewegung zutage getreten sind, man muß sie aber als eine geschichtliche Tatsache hinnehmen, mit der in sachlicher Weise zu rechnen ist. Und wer die schreckensvollen letzten Jahre des sogenannten Weltkrieges ins Auge faßt, der wird sich nicht verhehlen können - wenn er auch da und dort anders geartete Ursachen und Veranlassungen zu diesen Schreckensereignissen sehen muß -, daß die sozialen Forderungen, die sozialen Gegensätze letzten Endes zu einem großen Teile das Furchtbare herbeigeführt haben, und namentlich, daß sich jetzt, wo wir am Ausgange, am vorläufigen Ausgange dieser Schreckensereignisse stehen, klar und deutlich zeigt, wie über einen großen Teil der zivilisierten Welt hin die soziale Frage sich wie ein Ergebnis aus diesem sogenannten Weltkrieg herausgestaltet. Wenn sie sich wie ein Ergebnis aus diesem sogenannten Weltkrieg herausgestaltet, so muß es ja ohne Zweifel auch gelten, daß sie irgendwie in ihm darinnengesteckt hat.
8 Nun wird aber kaum jemand die in Frage kommende Tatsache richtig beachten, der sie nur ansieht von dem allernächsten, oftmals persönlichen Standpunkte, wie es ja heute so sehr üblich ist, der nicht seinen Horizont erweitern kann über das menschliche Geschehen im allgemeinen. Und diese Erweiterung des Horizontes, das ist es, was angestrebt wird in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft» und was insbesondere für die Schweiz ausgebaut werden soll durch die Zeitschrift «Soziale Zukunft», die hier in Zürich erscheint.
Nun muß man sagen, daß zunächst die meisten Menschen, die heute über die soziale Frage sprechen, in ihr ganz naturgemäß eine Wirtschaftsfrage sehen, ja zunächst überhaupt kaum etwas anderes als eine Brotfrage, und höchstens eben noch, das zeigen ja die Tatsachen deutlich, eine Frage der menschlichen Arbeit, eine Brot- und eine Arbeitsfrage. Man muß, wenn man gerade die soziale Frage als eine Brot- und als eine Arbeitsfrage behandeln will, sich klar darüber werden, daß der Mensch dadurch Brot hat, daß die Menschengemeinschaft ihm dieses Brot erzeugt, und daß diese Menschengemeinschaft dieses Brot nur erzeugen kann, wenn Arbeit verrichtet wird.
Aber die Art und Weise, wie gearbeitet werden soll und muß, sie hängt zusammen, im großen und kleinen, mit der Art und Weise, wie die menschliche Gesellschaft, irgendein geschlossenes Gebiet dieser menschlichen Gesellschaft, ein Staatsgebilde zum Beispiel, organisiert ist. Und wer einen etwas weiteren Blick sich aneignet, der wird bald sehen, daß ein Stückchen Brot nicht teurer oder billiger werden kann, ohne daß sich vieles, ungeheuer vieles ändert in der ganzen Struktur des sozialen Organismus. Und wer dann auf die Art und Weise, wie der einzelne mit seiner Arbeit in diesen sozialen Organismus eingreift, seinen Blick richtet, wird sehen, daß, ob der einzelne auch nur um eine Viertelstunde länger oder kürzer arbeitet, dies sich ausdrückt in der Art und Weise, wie die Gesellschaft eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes Brot und Geld für den einzelnen hat. Sie sehen daraus: Selbst wenn man die soziale Frage nur als Brot- und Arbeitsfrage betrachten will, man kommt sofort zu einem größeren Horizonte. Von diesem größeren Horizonte in seinen verschiedensten Gebieten möchte ich Ihnen in diesen
9 sechs Vorträgen sprechen. Heute möchte ich mir erlauben, vor allen Dingen eine Art Einleitung zu geben.
Wer die neuere und neueste Entwickelungsgeschichte der Menschheit überblickt, der wird bald bestätigt finden können, was einsichtige Beobachter des sozialen Lebens wirklich eindringlich genug ausgesprochen haben. Aber allerdings nur einsichtige! Es gibt eine Schrift aus dem Jahre 1909, die, man darf sagen, einiges von dem Besten enthält, das aus wirklicher Einsicht in die sozialen Verhältnisse hervorgegangen ist. Es ist die Schrift von Hartley Withers> «Money and Credit in England». In dieser Schrift wird etwas unverhohlen zugestanden, das jedem heute vor Augen stehen sollte, der sich anschickt, das soziale Problem überhaupt zu behandeln. Withers sagt unverhohlen: Die Art und Weise, wie heute Kredit-, Vermögens-, Geldverhältnisse im sozialen Organismus figurieren, ist eine so komplizierte, daß es verwirrend wirkt, wenn man in logischer Weise die Funktionen von Kredit, Geld, Arbeit und so weiter im sozialen Organismus zergliedern will, daß es schier unmöglich ist, dasjenige herbeizuholen, was notwendig ist, um die Dinge, die innerhalb des sozialen Organismus in Betracht kommen, wirklich verständnisvoll zu verfolgen. Und was von solch einsichtiger Seite ausgesprochen wird, es wird erhärtet durch das ganze geschichtliche Denken, das wir in der neuesten Zeit verfolgen können über das soziale Problem, über das soziale, namentlich das wirtschaftliche Zusammenarbeiten der Menschen.
Was haben wir denn eigentlich gesehen? Seit das Wirtschaftsleben aufgehört hat, in einer gewissen Beziehung, ich möchte sagen, instinktiv patriarchalisch geordnet zu werden, seit es sich immer komplizierter und komplizierter durch die moderne Technik, durch den modernen Kapitalismus gestaltet hat, seit der Zeit hat man die Notwendigkeit empfunden, über dieses Wirtschaftsleben so nachzudenken, sich solche Vorstellungen zu machen, wie man nachdenkt, wie man sich Vorstellungen macht, sagen wir im wissenschaftlichen Forschen, im wissenschaftlichen Arbeiten. Und man hat gesehen, wie im Laufe der neueren Zeit über die sogenannte Nationalökonomie die Anschauungen heraufgekommen sind, die man genannt hat die Anschauungen der Merkantilisten, der Physiokraten, Adam Smiths und so weiter bis auf SaintSimon3 Fourier, Blanc, bis auf Marx und Engels und bis auf die gegenwärtigen.
10 Was hat sich gezeigt in diesem Verlauf des nationalökonomischen Denkens? Man kann seinen Blick richten auf das, was, sagen wir, zum Beispiel die merkantilistische Schule oder die physiokratische Schule der Nationalökonomie war, oder auf das, was Ricardo, der Lehrer des Karl Marx, zur Nationalökonomie beigetragen hat, man kann viele andere Nationalökonomen durchschauen, und man wird immer finden: diese Persönlichkeiten richten ihren Blick auf die eine oder die andere Strömung in den Erscheinungen. Von dieser einseitigen Strömung aus suchen sie gewisse Gesetze zu gewinnen, nach denen man das nationalökonomische Leben gestalten soll. Immer hat sich gezeigt: Das, was nach dem Muster der wissenschaftlichen Vorstellungen der neueren Zeit als solche Gesetze gefunden wird, es paßt auf einige nationalökonomische Tatsachen, aber andere nationalökonomische Tatsachen erweisen sich als zu weit, um umfaßt zu werden von diesen Gesetzen. Immer hat sich ergeben: Einseitig waren die Anschauungen, die aufgetreten sind, die allerdings im 17., 18., im Beginn des 19. Jahrhunderts so aufgetreten sind, daß sie den Anspruch erhoben haben, Gesetze zu finden, nach denen man das wirtschaftliche Leben gestalten kann. Dann hat sich etwas sehr, sehr Merkwürdiges ergeben.
Die Nationalökonomie ist gewissermaßen wissenschaftsfähig geworden. Sie wurde eingereiht in unsere offiziellen Universitäts-Hochschulwissenschaf ten, und man hat versucht, mit dem ganzen Rüstzeug wissenschaftlicher Vorstellungsart auch das ökonomisch-soziale Leben zu durchforschen. Wohin ist man gekommen? Man sehe einmal nach bei Röscher, bei Wagner, bei anderen, wohin sie gekommen sind: zu einer Betrachtung der wirtschaftlichen Gesetze, die nicht mehr wagt, solche Maximen, solche Impulse auszugestalten, welche nun wirklich in das Wirtschaftsleben formend eingreifen könnten. Man möchte sagen: Kontemplativ, betrachtend ist die wissenschaftliche Nationalökonomie geworden. Zurückgewichen ist sio mehr oder weniger vor dem, was man nennen könnte soziales Wollen. Nicht zu Gesetzen ist sie gekommen, die sich hineinergießen könnten in das menschliche Leben, so daß sie im sozialen Leben gestaltend wirken könnten.
Noch in einer anderen Art hat sich dasselbe gezeigt. Es sind Menschen aufgetreten, die weitherzig, wohlwollend, menschenfreundlich,
11 den Menschen brüderlich gesinnt waren - Fourier, Saint-Simon und ähnliche brauchen nur von diesem Gesichtspunkte aus genannt zu werden. In geistvoller Weise haben sie Gesellschaftsbilder ausgestaltet, durch deren Verwirklichung sie glaubten, daß gesellschaftlich wünschenswerte, sozial wünschenswerte Zustände im Menschenleben herbeigeführt werden könnten. Nun weiß man, wie sich diejenigen, die vor allen Dingen die soziale Frage als eine Lebensfrage heute empfinden, gegenüber solchen Gesellschaftsidealen verhalten. Man frage heute an bei denen, die glauben, in wahrhaft zeitgemäßem Sinne sozialistisch zu denken, was sie von Gesellschaftsidealen, von sozialen Idealen eines Fourier, eines Louis Blanc, eines Saint-Simon denken. Sie sagen, das sind Utopien, das sind Bilder des sozialen Lebens, durch die man den Menschenklassen, die die führenden sind, zuruft: Macht es so und so, dann werden viele Schäden des sozialen Elendes verschwinden. Aber alles das, was an solchen Utopien, so sagt man, ausgedacht wird, das hat keine Kraft, um in den Willen der Menschen hinein sich zu ergießen, das bleibt Utopie. Man kann noch so schöne Theorien, sagt man, aufstellen, die menschlichen Instinkte zum Beispiel der Begüterten werden sich nicht richten nach diesen Theorien; da müssen andere Kräfte eintreten. - Kurz, aufgetreten ist ein durchgreifender Unglaube an soziale Ideale, die aus dem Fühlen, Empfinden und aus der modernen Art von Erkenntnis unter die Menschen gebracht werden.
Das wiederum hängt zusammen mit dem, was sich nun überhaupt im Laufe der neueren Geschichtsentwickelung innerhalb des Geisteslebens der Menschheit zugetragen hat. Man hat ja oftmals betont, daß, was heute als soziale Frage figuriert, im wesentlichen zusammenhängt mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung der neueren Zeit, die sich wiederum in der besonderen Art, wie wir sie heute haben, gestaltet hat durch das Überhandnehmen der neueren Technik und so weiter. Aber man wird all den Dingen, die dabei in Frage kommen, niemals gerecht werden, wenn man nicht etwas anderes noch ins Auge faßt: daß mit der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, mit der modernen Kulturtechnik heraufgekommen ist in der Lebensführung der neueren zivilisierten Menschheit eine besondere Art von Weltanschauungsgesinnungj eine Weltanschauungsgesinnung, die große Früchte, bedeutsame, einschneidende
12 Fortschrittsfrüchte insbesondere in Technik und Naturwissenschaft getragen hat, aber von der auch zugleich etwas anderes gesagt werden muß.
Sie werden nicht verkennen, wenn Sie das eine oder das andere aus meinen Schriften verfolgen, daß ich ein Anerkenner, nicht ein Ablehner, ein Kritiker dessen bin, was heraufgekommen ist in der neueren Zeit durch die naturwissenschaftliche Vorstellungsart. Voll anerkenne ich für den Fortschritt der Menschheit, was eingetreten ist durch die kopernikanische Weltanschauung, durch den Galileismus, durch die Erweiterung des Menschheitshorizontes durch Giordano Bruno und andere, viele andere. Allein, was zugleich mit der modernen Technik, mit dem modernen Kapitalismus sich entwickelt hat, das ist: Alte, ältere Weltanschauungen haben sich so verwandelt, daß die neuere Weltanschauung einen stark intellektualistischen, vor allen Dingen einen wissenschaftlichen Charakter angenommen hat.
Man erinnere sich nur - freilich findet man es heute unbequem, solche Tatsachen richtig ins Auge zu fassen -, wie sich das, was wir heute mit Stolz unsere «wissenschaftliche Weltanschauung» nennen, allmählich herausentwickelt hat, man kann das im einzelnen nachweisen, aus alten religiösen, künstlerisch-ästhetischen, sittlichen und so weiter Weltanschauungsströmungen. Diese Weltanschauungsströmungen hatten eine gewisse Stoßkraft für das Leben. Vor allen Dingen eines war diesen Weltanschauungen eigen: sie brachten den Menschen zu dem Bewußtsein von der Geistigkeit seines Wesens. Diese älteren Weltanschauungen, man mag heute stehen zu ihnen wie man will, sie sprachen dem Menschen so von dem Geiste, daß der Mensch fühlte, in ihm lebt geistiges Wesen, das angegliedert ist an das die Welt durchwellende und durchwirkende geistige Wesen. An die Stelle dieser Weltanschauung mit einer gewissen sozialen Stoßkraft, mit einer Stoßkraft für das Leben, trat nun die mehr wissenschaftlich orientierte neue Weltanschauung. Sie hat es zu tun mit mehr oder weniger abstrakten Naturgesetzen, mit mehr oder weniger von dem Menschen bloß abgesonderten Sinneswahrnehmungen, mit abstrakten Ideen und abstrakten Tatsachen. Und man muß diese Naturwissenschaft - man braucht ihr dadurch nicht im geringsten ihren Wert zu nehmen - daraufhin ansehen, was sie dem Menschen gibt, was
13 sie vor allen Dingen dem Menschen so gibt, daß der Mensch die Frage seines eigenen Wesens beantwortet findet. Diese Naturwissenschaft sagt sehr viel über den Zusammenhang der Naturerscheinungen. Sie sagt auch sehr viel über die leiblich-physische Beschaffenheit des Menschen. Aber sie überschreitet ihr Feld, wenn sie irgend etwas aussagen will über das innerste Wesen des Menschen. Sie gibt keine Antwort über das innerste Wesen des Menschen, und sie versteht sich selber schlecht, wenn sie auch nur versucht, eine solche Antwort zu geben.
Nun behaupte ich durchaus nicht, daß dasjenige, was populäres, allgemeines Menschheitsbewußtsein ist, etwa heute schon herausströmte aus naturwissenschaftlichen Lehren. Aber etwas anderes ist wahr, tief wahr: Die naturwissenschaftliche Gesinnung selbst ist hervorgegangen aus einer gewissen Stimmung der modernen Menschenseele. Erkennt man heute das Leben durchdringend, so weiß man, daß sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts und dann immer mehr und mehr in der Stimmung der Menschenseele gegenüber früheren Zeiträumen etwas geändert hat. Man weiß, daß über die ganze Menschheit sich, zuerst über die Städtebevölkerung, dann aber hinaus aufs Land, immer mehr und mehr hinausgegossen hat diejenige Anschauung der Welt, die sich dann nur ausgesprochen hat in der naturwissenschaftlichen Richtung wie in einem Symptom. Man hat es also nicht etwa mit einem bloßen Ergebnis theoretischer Naturwissenschaft zu tun, wenn man von dem spricht, wie heute die Menschenseele gestimmt ist, sondern man hat es mit etwas zu tun, was als innere Seelenstimmung die Menschheit überhaupt überkommen hat seit dem Beginn der neueren Zeit.
Und nun trat das Bedeutsame ein: Diese wissenschaftlich orientierte Weltanschauung, sie kam herauf zugleich mit dem Kapitalismus, zugleich mit der modernen Kulturtechnik. Die Menschen wurden hinweggerufen von ihrem alten Handwerk und an die Maschine gestellt, in die Fabrik hineingepfercht. Neben dem stehen sie, in das sind sie eingepfercht, was nur von mechanischer Gesetzmäßigkeit beherrscht wird, woraus nichts strömt, was zum Menschen selbst einen unmittelbaren Bezug hat. Aus dem alten Handwerk war etwas hervorgequollen, was Antwort gab auf die Frage nach Menschenwert und Menschenwürde. Die abstrakte Maschine gibt keine Antwort. Der moderne Industrialismus
14 ist wie ein mechanisches Gewebe, das um den Menschen herumgesponnen wird, in dem er drinnensteht, das ihm nicht entgegen tönt von etwas, an dem er freudig beteiligt ist wie an dem Ergebnis des alten Handwerks.
Und so trat die Kluft zutage zwischen denjenigen, die als industrielle Arbeiterschaft arbeiteten in der modernen Zeit, die an der Maschine in der Fabrik standen, die nicht mehr aus ihrer mechanischen Umgebung heraus den Glauben aufbringen konnten an das, was die alte Anschauung mit der alten Stoßkraft war, die sich davon lossagten, weil sie das Leben damit nicht zusammenbrachten, die sich einzig und allein an das hielten, was im neueren Geistesleben die Welt eben bekommen hat: an die wissenschaftlich orientierte Weltanschauung. Und diese wissenschaftlich orientierte Weltanschauung, wie wirkte sie auf sie? So wirkte sie auf sie, daß sie sich sagten, daß sie immer mehr und mehr fühlten: Was als Weltanschauungs-Wahrheit gegeben werden kann, es sind ja nur Gedanken, Gedanken, die nur eine Gedankenwirklichkeit haben. — Wer mit dem modernen Proletariat gelebt hat, wer da weiß, wie sich die sozialen Empfindungen nach und nach in der neueren Zeit heraufgestaltet haben, der weiß, was ein oft und oft wiederkehrendes Wort in proletarischen, in sozialistischen Kreisen zu bedeuten hat, das Wort Ideologie. Das Geistesleben ist unter den Einflüssen, die ich eben geschildert habe, für die neuere arbeitende Menschheit zu einer Ideologie geworden. Die naturwissenschaftlich orientierte Weltanschauung wurde so aufgenommen, daß die Leute sich sagten: sie liefert nur Gedanken. Die alte Weltanschauung wollte nicht bloß Gedanken liefern; sie wollte den Menschen etwas geben, was ihnen zeigte: Du hängst mit deinem eigenen Geiste an den geistigen Wesenheiten der Welt. Geist dem Geiste, das wollten die alten Weltanschauungen den Menschen geben. Die neuere Weltanschauung gibt nur Gedanken, und vor allen Dingen keine Antwort auf die Frage nach dem eigentlichen Wesen des Menschen. Als Ideologie wurde sie empfunden.
Und so entstand eben die Kluft zu den leitenden, führenden Kreisen, welche sich erhalten hatten die Tradition der alten Überlieferungen, der alten ästhetisch-künstlerischen Weltanschauungen, der religiösen, der sittlichen Weltauffassungen der älteren Zeiten und so weiter.
15 Das trugen sie weiter, diese führenden Klassen, für ihren ganzen Menschen, während ihr Kopf aufnahm, was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung geworden ist. Eine breite Masse der Bevölkerung jedoch konnte nicht mehr irgendeine Neigung, irgendeine Sympathie aufbringen für dieses Überlieferte. Sie nahm als einzigen Inhalt einer Weltanschauung an, was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung war. Und sie nahm diese Weltanschauung so an, daß sie sie als Ideologie, als bloßes Gedankengebilde empfand. Man sagte sich: Wirklichkeit ist nur das wirtschaftliche Leben; Wirklichkeit ist nur, wie produziert wird, wie die produzierten Produkte verteilt werden, wie der Mensch konsumiert, wie der Mensch dies und jenes besitzt oder an den anderen abgibt und so weiter. Was im Menschenleben sonst da ist - Recht, Sitte, Wissenschaft, Kunst, Religion -, das ist nur wie ein Rauch, der aufsteigt als Ideologie aus der einzigen Wirklichkeit, aus der wirtschaftlichen Wirklichkeit.
Und so wurde für die breite Masse der Menschheit das Geistesleben zu einer Ideologie. Es wurde zu einer Ideologie, weil vor allen Dingen die leitenden, führenden Kreise nicht verstanden, indem sie das neuere wirtschaftliche Leben sich ausgestalten sahen und sich in dasselbe einlebten, nachzufolgen mit dem Geistesleben diesem kompliziert werdenden Wirtschaftsleben. Sie behielten die Tradition der alten Zeit, ein Geistesleben, das mehr oder weniger so orientiert war, wie es orientiert gewesen war in der alten Zeit. Die breite Masse nahm das neue Geistesleben auf, aber nicht so, daß es ihr etwas gab, was Herz und Seele erfüllte.
Mit einer solchen Weltanschauung, die man als Ideologie empfindet, die man so empfindet, daß man sagt: Recht, Sitte, Religion, Kunst, Wissenschaft sind nur ein Überbau, ein Rauch über dem einzig Wirklichen, über den Produktionsverhältnissen, über der Wirtschaftsordnung - mit einer solchen Weltanschauung läßt sich denken, mit einer solchen Weitanschauung läßt sich nicht leben. Eine solche Weltanschauung, sie mag noch so triumphal, wie sie es auch ist, für die Naturbetrachtung sein, mit einer solchen Weltanschauung wird die Menschenseele ausgehöhlt. Was diese Weltanschauung der Menschenseele zurechtgezimmert hat, das wirkt in den sozialen Tatsachen der neueren Zeit.
16 Man wird diesen sozialen Tatsachen nicht gerecht, wenn man nur hinblickt auf das, was die Menschen in ihrem Bewußtsein tragen. Aus ihrem Bewußtsein heraus mögen die Menschen sagen: Ach, was redet ihr uns von der sozialen Frage als einer Geistesfrage! Es handelt sich darum, daß die wirtschaftlichen Güter ungleich verteilt sind. Wir streben an die gleiche Verteilung! - Solche Dinge mögen die Menschen in ihrem Oberstübchen bewußt empfinden, aber in den unterbewußten Tiefen der Seele, da wühlt etwas anderes, da wühlt, was sich unbewußt entwickelt, weil vom Bewußtsein hinunter nicht strömt, was wirkliche geistige Erfüllung der Seele wäre, weil da nur wirkt, was die Seelen aushöhlt, was als Ideologie empfunden wird. Die Leerheit des neueren Geisteslebens, das ist es, was als das erste Glied der sozialen Frage aufgefaßt werden muß. Eine Geistesfrage ist zunächst diese soziale Frage.
Und weil es so ist, weil sich ein Geistesleben entwickelt hat, das zum Beispiel auf nationalökonomischem Gebiete, in der vornehmsten, in der Universitätsnationalökonomie, zu einer bloßen Betrachtung geworden ist, die nicht aus sich heraus Prinzipien des sozialen Wolfens entwickelt, weil es dazu gekommen ist, daß die besten Menschenfreunde wie SaintSimon, Louis Blanc, Fourier Gesellschaftsideale ausgedacht haben, an die niemand glaubt - weil man überhaupt das, was aus dem Geiste herauskommt, als Utopie, namentlich als bloße Ideologie empfindet —, weil es eine weltgeschichtliche Tatsache ist, daß ein Geistesleben sich entwickelt hat, das nur wie ein Überbau des Wirtschaftslebens wirkt, das nicht wirklich eindringt in die Tatsachen und daher als Ideologie empfunden wird: deshalb ist es so, daß die soziale Frage in ihrem ersten Gliede als eine Geistesfrage aufgefaßt werden muß. Die Frage steht vor uns heute, man möchte sagen, mit Flammenschrift: Wie muß der Menschengeist beschaffen sein, damit er die soziale Frage meistern lerne?
Man hat gesehen, daß wissenschaftliche Gesinnung mit ihren besten Methoden sich an die Nationalökonomie herangemacht hat - sie ist zu einer bloßen Betrachtung gekommen, nicht zu einem sozialen Wollen. Also aus dem Grunde des neueren Geisteslebens geht eine Geistesverfassung hervor, die nicht imstande ist, die Nationalökonomie als Grundlage für praktisch soziales Wollen zu entwickeln. Wie muß der Geist
17 beschaffen sein, aus dem solche Nationalökonomie hervorgeht, die die Grundlage werden kann eines wirklichen sozialen Wollens?
Man hat gesehen, daß breite Menschenmassen nur den Ruf «Utopie» haben, wenn sie die Gesellschaftsideale wohlmeinender Menschenfreunde hören, daß sie keinen Glauben haben, daß der Menschengeist so stark sei, daß er die sozialen Tatsachen meistere. Wie muß das Geistesleben beschaffen sein, damit die Menschen wieder glauben lernen: Der Geist kann die Ideen fassen, welche die sozialen Einrichtungen so schaffen, daß gewisse soziale Schäden verschwinden?
Man hat gesehen: Was wissenschaftlich orientierte Weltanschauung ist, wird in weiten Kreisen als Ideologie empfunden. Ideologie aber als einziger Inhalt der menschlichen Seele höhlt diese Seele aus, erzeugt in den unterbewußten Tiefen, was heute hervortritt in den verwirrend chaotischen Tatsachen der sozialen Frage. Wie muß das Geistesleben beschaffen sein, damit es ferner nicht eine Ideologie hervorbringe, damit es hineingieße in die menschliche Seele, was sie fähig macht, in die sozialen Tatsachen so einzugreifen, daß die Menschen wirklich in sozialer Weise nebeneinander wirken können?
So sieht man zunächst, wie die soziale Frage eine Geistesfrage ist, wie der moderne Geist nicht in der Lage war, sozialen Glauben an sich hervorzurufen, wie dieser moderne Geist nicht in der Lage war, ein Seelenerfüllendes zu geben, sondern wie er als Ideologie ein Seelenverödendes gegeben hat.
Ich möchte Ihnen heute in der Einleitung zunächst mehr in historischer Weise zeigen, wie aus den Verhältnissen des neueren Lebens die soziale Frage als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage, als eine Wirtschaftsfrage empfunden wird.
Nehmen wir einmal dasjenige, was eine Persönlichkeit gesprochen hat vor nicht allzulanger Zeit — und oft und oft —, die mitten drinnenstand im tätigen politischen, im Staatsleben der heutigen Zeit, die hervorgegangen ist aus dem Geistesleben der heutigen Zeit. Diejenigen der verehrten Zuhörer, die mich bei früheren Vorträgen hier gehört haben, werden nicht mißverstehen, was ich nun sagen werde, denn in den Zeiten, als Woodyow Wilson von aller Welt außerhalb der mitteleuropäischen anerkannt wurde als eine Art Weltdirigent, da habe ich mich
18 immer wieder und wiederum gegen diese Anerkennung ausgesprochen. Und diejenigen, die mich gehört haben, die wissen, daß ich niemals ein Anhänger, sondern stets ein Gegner des Woodrow Wilson war. Auch in der Zeit, als selbst Deutschland dem Wilson-Kultus verfiel, habe ich nicht zurückgehalten mit dieser Anschauung, die ich hier auch in Zürich immer wieder geltend gemacht habe. Aber heute, wo es gewissermaßen mit diesem Kultus vorüber ist, kann etwas gesagt werden, was besonders einem Wilson-Gegner nicht übelgenommen zu werden braucht.
Dieser Mann hat aus einem eindringlichen Empfinden der sozialen Zustände Amerikas, wie sie sich herausgebildet haben seit dem Sezessions- und Bürgerkrieg der sechziger Jahre, gerade empfunden, wie die Staats-, die Rechtsverhältnisse stehen zu den wirtschaftlichen Verhältnissen. Er hat mit einem gewissen unbefangenen Blick gesehen, wie sich durch die komplizierte neuere Wirtschaftsordnung die großen Zusammenhäufungen der Kapitalmassen herausgebildet haben. Er hat gesehen, wie sich die Trusts, wie sich die großen Kapitalgesellschaften gegründet haben. Er hat gesehen, wie selbst in einem demokratischen Staatswesen das demokratische Prinzip immer mehr und mehr geschwunden ist gegenüber den Geheimverhandlungen jener Gesellschaften, die am Geheimnis ihr Interesse hatten, jener Gesellschaften, die mit den angehäuften Kapitalmassen sich große Macht erwarben und große Menschenmassen beherrschten. Und er hat immer wieder und wieder seine Stimme erhoben für die Freiheit der Menschen gegenüber jener Machtentfaltung, die aus Wirtschaftsverhältnissen heraus kommt. Er hat aus einer tief menschlichen Empfindung heraus - das darf gesagt werden - gefühlt, wie zusammenhängt mit dem einzelnsten Menschen, was soziale Tatsache ist, mit der Art und Weise, wie der einzelne Mensch zu diesem sozialen Leben reif ist. Er wies darauf hin, wie es für die Gesundung des sozialen Lebens darauf ankommt, daß unter jedem menschlichen Kleide ein frei gesinntes menschliches Herz lebt. Er wies immer wieder und wieder darauf hin, wie das politische Leben demokratisiert werden müsse, wie abgenommen werden müsse den einzelnen Machtgesellschaften diese Macht und die Machtmittel, die sie haben, wie die individuellen Fähigkeiten und Kräfte jedes Menschen, der sie hat, zugelassen
19 werden müssen zum allgemeinen wirtschaftlichen, sozialen und Staatsleben überhaupt. Er hat es eindringlich ausgesprochen, daß sein Staatswesen, das er offenbar als das fortgeschrittenste ansieht, leidet unter den Verhältnissen, die sich ausgebildet haben.
Warum? Ja, neue wirtschaftliche Verhältnisse sind heraufgezogen; große wirtschaftliche Kapitalzusammendrängungen, wirtschaftliche Machtentfaltung. Alles überflügelt auf diesem Gebiete das, was noch vor kurzem da war. Ganz neue Formen des menschlichen Zusammenlebens brachte diese Wirtschaftsgestaltung herauf. Man steht einer vollständigen Neugestaltung des wirtschaftlichen Lebens gegenüber. Und nicht ich - aus irgendeiner Theorie heraus —, sondern dieser Staatsmann, man darf sagen, dieser «Weltstaatsmann», er hat es ausgesprochen: Der Grundschaden der neueren Entwickelung liegt darinnen, daß zwar die wirtschaftlichen Verhältnisse fortgeschritten sind, daß die Menschen sich das wirtschaftliche Leben nach ihren geheimen Machtverhältnissen gestaltet haben, daß aber die Ideen des Rechtes, die Ideen des politischen Gemeinschaftslebens nicht nachgekommen sind, daß sie auf einem früheren Standpunkte zurückgeblieben sind. Woodrow Wilson hat es deutlich ausgesprochen: Wir wirtschaften mit neuen Verhältnissen, aber wir denken, wir geben Gesetze über das Wirtschaften von einem Gesichtspunkt, der längst überholt ist, der ein alter ist. Nicht so wie im Wirtschaftsleben hat sich ein Neueres herausgebildet auf dem Gebiete des Rechtslebens, des politischen Lebens; diese sind zurückgeblieben. Mit alten politischen, mit alten Rechtsideen leben wir in einer vollständig neuen Wirtschaftsordnung darinnen. - So spricht es ungefähr Woodrow Wilson aus. Und eindringlich sagt er: Unter dieser Inkongruenz zwischen Rechtsleben und Wirtschaftsleben, da kann sich nicht das entwickeln, was der gegenwärtige Zeitpunkt der menschlichen Entwickelungsgeschichte fordert: daß der einzelne nicht für sich, sondern zum Wohle der Gemeinschaft arbeitet. Und eine eindringliche Kritik übt Woodrow Wilson an der Gesellschaftsordnung, die ihm unmittelbar vorliegt.
Ich darf sagen - gestatten Sie mir diese persönliche Bemerkung -, ich habe mir viel, viel Mühe gegeben, Woodrow Wilsons Kritik der gegenwärtigen sozialen Zustände, wie er sie namentlich im Auge hat,
20 der amerikanischen, zu prüfen und zu vergleichen mit anderen Kritiken - ich werde jetzt etwas sehr Paradoxes sagen, allein die Verhältnisse der Gegenwart fordern einen sehr häufig auf, recht sehr Paradoxes zu sagen; man muß das, wenn man der heutigen Wirklichkeit gerecht werden will -, ich habe versucht zu vergleichen, sowohl der äußeren Form wie auch den inneren Impulsen nach, Woodrow Wilsons Gesellschaftskritik als Kritik zunächst mit der Kritik der Gesellschaft, die von fortgeschrittener, von radikal sozialdemokratischer Seite geübt wird. Ja, man kann diesen Vergleich sogar ausdehnen auf den radikalsten Flügel der sozialistischen Gesinnung und des sozialistischen Handelns von heute. Bleibt man innerhalb dessen, was diese Menschen als Kritik liefern, stehen, so kann man sagen: Fast bis zur Wortwörtlichkeit stimmt Woodrow Wilsons Kritik der heutigen Gesellschaftsordnung überein mit dem, was selbst Lenin und Trotzki sagen, die Totengräber der gegenwärtigen Zivilisation, von denen man sagen muß, daß, wenn das zu lange in der Menschheit, auch nur in einigen Gebieten, walten darf, was sie im Auge haben, so wird das den Tod der modernen Zivilisation bedeuten, so wird das zum Unter gange all desjenigen führen müssen, was durch die moderne Zivilisation errungen worden ist. - Und dennoch muß man das Paradoxe sagen: Woodrow Wilson, der sich ganz gewiß immer den Aufbau anders gedacht hat als diese Zerstörer, Woodrow Wilson richtet an die gegenwärtige Gesellschaftsordnung fast wörtlich die gleiche Kritik wie diese anderen.
Und er kommt zu der Konsequenz, daß Rechtsbegriffe, politische Begriffe, wie sie heute herrschen, veraltet sind, daß sie nicht mehr in der Lage sind, einzugreifen in das Wirtschaftsleben. Und sonderbar, versucht man das dann zum Positiven zu wenden, versucht man zu prüfen, was Woodrow Wilson beigebracht hat, um nun eine soziale Struktur, eine Struktur des sozialen Organismus hervorzurufen: man findet kaum irgendwelche Antwort! Einzelne Maßnahmen da oder dort, die aber auch sonst gemacht werden von jemand, der viel weniger eindringliche und objektive Kritik übt, aber irgend etwas Durchgreifendes nicht, jedenfalls nicht eine Antwort auf die Frage: Wie muß das Recht, wie müssen die politischen Begriffe, Ideen, die politischen Impulse gestaltet werden, damit sie die Forderungen des modernen
21 Wirtschaftslebens beherrschen können, damit man hineindringen kann in dieses moderne Wirtschaftsleben?
Hier sieht man, wie aus dem neueren Leben heraus selbst das zweite Glied der sozialen Frage entspringt: diese soziale Frage als eine Rechtsfrage.
Zu suchen hat man erst nach einer Grundlage für das Recht, für die politischen Verhältnisse, für die Staatsverhältnisse, die da sein müssen, damit sie ergreifen können, meistern können dieses moderne Wirtschaftsleben. So muß man fragen: Wie dringt man vor zu Rechts-, zu politischen Impulsen gegenüber den großen Forderungen der sozialen Frage? Das ist das zweite Glied der sozialen Frage.
Und betrachten Sie doch nur das Leben selber: Sie werden finden, wie dies Leben des Menschen dreigliederig ist, so wie er in der menschlichen Gesellschaft drinnensteht. Drei Glieder heben sich ganz deutlich voneinander ab, wenn wir den Menschen in seiner Stellung in der menschlichen Gesellschaft betrachten. Das erste ist, daß der Mensch notwendig hat, wenn er etwas beitragen soll - wie er es in der modernen Gesellschaft zweifellos muß zum Heile einer sozialen Ordnung -, wenn der Mensch etwas beizutragen hat zu Gemeinschaftsdingen, zu gemeinschaftlicher Arbeit, gemeinschaftlicher Werterzeugung, gemeinschaftlicher Gütererzeugung, so muß er erstens die individuelle Tauglichkeit, die individuelle Begabung, die individuelle Tüchtigkeit dazu haben. Das zweite ist: er muß mit seinen Mitmenschen in Frieden auskommen, in Frieden mit ihnen zusammen arbeiten können. Und das dritte ist: er muß seinen Platz finden können, von dem aus er mit seiner Arbeit, mit seinem Wirken, mit seinen Leistungen für Menschen eintreten kann.
In bezug auf das erste ist der Mensch darauf angewiesen, daß die menschliche Gesellschaft seine Fähigkeiten und seine Begabungen ausbildet, daß sie seinen Geist leitet und den Geist, den sie in ihm ausbildet, zu gleicher Zeit zum Führer für eine physische Arbeit macht. Für das zweite ist der Mensch darauf angewiesen, daß er sich einleben kann in eine soziale Struktur, in der die Menschen sich so verständigen können, daß sie miteinander in Frieden auskommen können. Das erste führt uns auf das Gebiet des Geisteslebens. Wir werden sehen in den folgenden Vortragen, wie die Pflege des Geisteslebens mit dem ersten zusammenhängt.
22 Das zweite führt uns auf das Gebiet des Rechtslebens, denn das Rechtsleben kann sich nur dadurch seinem Wesen nach ausbilden, daß eine soziale Struktur gefunden wird, durch die die Menschen miteinander in Frieden zusammenarbeiten und wirken und füreinander leisten. Und das dritte führt uns in das moderne Wirtschaftsleben, dieses moderne Wirtschaftsleben, das, wie ich geschildert habe, Woodrow Wilson so anschaut, daß es gleichsam so geworden ist wie ein Mensch, der groß gewachsen ist und der zu kleine Kleider anhat, über die er überall hinausgewachsen ist. Diese zu kleinen Kleider sind für Woodrow Wilson die alten Rechts- und politischen Begriffe. Das Wirtschaftsleben ist über sie längst hinausgewachsen.
Dieses Hinauswachsen des Wirtschaftslebens über das, was vorher als Geistesleben da war, was vorher als Rechtsleben da war, das wurde insbesondere von sozialistischen Denkern empfunden. Und man braucht, um das, was auf diesem Gebiete gewirkt hat, besonders ins Auge zu fassen, nur auf eines hinzuweisen.
Sie wissen ja, und wir werden über all diese Fragen noch genauer sprechen: Das moderne Proletariat steht ganz unter dem Einflüsse des sogenannten Marxismus. Der Marxismus, die marxistische Lehre von der Umwandlung des Privateigentums an Produktionsmitteln in Gemeineigentum wurde zwar vielfach abgeändert von diesen oder jenen Anhängern oder Gegnern von Karl Marx; aber der Marxismus ist doch etwas, was wirkt in der Gesinnung, in der Lebensauffassung breiter Menschenmassen der Gegenwart, was wirkt insbesondere in dem, was als so verwirrende soziale Tatsache in der Gegenwart auftritt. Man braucht nur einmal das immerhin sehr bedeutungsvolle merkwürdige Büchelchen von Friedrich Engels, dem Mitarbeiter und Freund von Karl Marx, in die Hand zu nehmen: «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft», um sich bekanntzumachen mit der ganzen Gesinnung, die in diesem Büchelchen lebt, dann wird man sehen, wie von einem sozialistischen Denker das Wirtschaftsleben der neueren Zeit aufgefaßt wird in seinem Verhältnis zum Rechts- und zum Geistesleben. Den einzigen Satz zum Beispiel, der als eine Zusammenfassung steht in dem genannten Büchelchen von Engels, braucht man nur recht zu verstehen: Es darf in der Zukunft nicht mehr Regierungen über
23 Menschen, über Personen geben, sondern nur noch Leitung von Wirtschaftszweigen und Verwaltung der Produktion.
Das heißt sehr viel! Das heißt, es wird gewünscht von dieser Seite, daß etwas aufhöre im Wirtschaftsleben, was sich gerade unter den Entwickelungsimpulsen der neueren Zeit mit dem Wirtschaftsleben verbunden hat. Das Wirtschaftsleben hat ja, weil es hinausgewachsen ist, wie ich gezeigt habe, über das Rechtsleben, weil es auch über das Geistesleben hinausgewachsen ist, gewissermaßen alles überflutet und hat suggestiv gewirkt auch auf die Gedanken, Empfindungen, Leidenschaften der Menschen. Und so trat denn immer mehr und mehr zutage, daß aus der Art und Weise, wie gewirtschaftet wird, eigentlich für die Menschen das Geistesleben folgt und das Rechtsleben folgt. Diejenigen, die die wirtschaftlich Mächtigen sind - das wurde nur zu klar immer weiter und weiter eingesehen -, die sind zu gleicher Zeit durch ihre wirtschaftliche Übermacht im Besitz des Bildungsmonopols. Die wirtschaftlich Schwachen bleiben die Ungebildeten. Ein gewisser Zusammenhang hat sich herausgestellt zwischen dem Wirtschafts- und dem Geistesleben, ein Zusammenhang zwischen dem Geistesleben und dem Staatsleben. Das Geistesleben ist immer mehr und mehr zu etwas geworden, was sich nicht aus seinen eigenen Bedürfnissen heraus entwickelt, was nicht seinen eigenen Impulsen folgt, sondern was - insbesondere da, wo es öffentlich verwaltet wird, im Erziehungs- und Schulwesen - so gestaltet wird, wie es gebraucht wird von den Staatsmächten. Der Mensch kann gar nicht mehr auf das hin angesehen werden, wie und wozu er befähigt ist. Er kann nicht so entwickelt werden, wie es die in ihm vorhandenen Anlagen erfordern. Sondern die Frage ist: Was braucht der Staat, was braucht das Wirtschaftsleben für Kräfte, was braucht es für Menschen mit einer gewissen Bildung? Danach richten sich die Lehrmittel, danach richten sich die Studien, die Prüfungen. Das Geistesleben wird nicht aus sich selber heraus gestaltet, das Geistesleben wird angepaßt dem Rechtsleben, dem Staatsleben, dem politischen Leben, dem Wirtschaftsleben. Dieses bringt aber zugleich - und brachte namentlich in der neueren Zeit - auch das Wirtschaftsleben wieder in Abhängigkeit von dem Rechtsleben.
Dieses Zusammenleben von Wirtschaft, Recht und Geist, das sahen
24 solche Menschen wie Marx und Engels. Und sie sahen, wie das moderne Wirtschaftsleben nicht mehr vertrug die alte Rechtsform, auch nicht mehr vertrug die alte Geistesform. Sie kamen darauf, daß herausgeworfen werden müsse aus dem Wirtschaftsleben das alte Rechtsleben, das alte Geistesleben. Aber sie kamen nun zu einem sonderbaren Aberglauben, zu einem Aberglauben, über den wir werden viel sprechen müssen in diesen Vorträgen. Sie kamen zu dem Aberglauben, daß das Wirtschaftsleben - sie sahen das Geistesleben, das Rechtsleben als eine Ideologie an, weil sie es ja ansahen als die einzige Wirklichkeit -, daß das Wirtschaftsleben die neuen Rechtsverhältnisse, die neuen Geistesverhältnisse aus sich selber hervorbringen könne. Einer der verhängnisvollsten Aberglauben kam auf: man müsse in einer bestimmten gesetzmäßigen Weise wirtschaften, und wenn man wirtschafte in dieser bestimmten gesetzmäßigen Weise, dann ergäbe sich das Geistesleben, das Rechtsleben, das Staats- und das politische Leben aus dem Wirtschaftsleben heraus von selber.
Wodurch konnte denn dieser Aberglaube entstehen? Dieser Aberglaube konnte nur dadurch entstehen, daß sich die eigentliche Struktur der menschlichen Wirtschaft, das eigentliche Arbeiten des neueren Wirtschaftslebens, verbarg hinter dem, was man gewohnt worden ist die Geldwirtschaft zu nennen.
Diese Geldwirtschaft ist ja in Europa heraufgekommen als Begleiterscheinung ganz bestimmter Ereignisse. Sie brauchen nur einen tieferen Blick in die Geschichte hinein zu tun, so werden Sie sehen, daß ungefähr in der Zeit, als Reformation und Renaissance, also eine neue Geistesverfassung, über die europäische zivilisierte Welt heraufziehen, erschlossen werden die Gold- und Silberquellen Amerikas, daß der Goldund Silberzustrom, namentlich Mittel- und Südamerikas, nach Europa kommt. Was früher mehr Naturalwirtschaft war, das wird immer mehr und mehr überflutet von der Geldwirtschaft.
Die Naturalwirtschaft hat noch hinsehen können auf das, was der Boden hergibt, das heißt auf das Sachliche; sie hat auch hinsehen können auf das, wozu der einzelne Mensch tüchtig ist und was er hervorbringen kann, also auf das Sachliche und Fachliche. Unter der Zirkulation des Geldes ist allmählich hingeschwunden der Blick auf das rein
25 Sachliche des Wirtschaftslebens. Indem die Geldwirtschaft abgelöst hat die Naturalwirtschaft, hat sich gewissermaßen ein Schleier hingezogen über das Wirtschaftsleben. Man konnte nicht mehr die reinen Anforderungen des Wirtschaftslebens sehen.
Was liefert dieses Wirtschaftsleben für den Menschen? Dieses Wirtschaftsleben liefert für den Menschen Güter, die er für seinen Konsum braucht. Wir brauchen heute noch gar nicht zu unterscheiden zwischen geistigen und physischen Gütern, denn auch geistige Güter können wirtschaftlich so aufgefaßt werden, daß sie eben für den menschlichen Konsum verbraucht werden. Dieses Wirtschaftsleben liefert also Güter, und diese Güter sind Werte, weil der Mensch ihrer bedarf, weil das menschliche Begehren darauf geht. Der Mensch muß den Gütern einen bestimmten Wert beimessen. Dadurch haben sie innerhalb des sozialen Lebens auch ihren objektiven Wert, der innig zusammenhängt mit dem subjektiven Beurteilungswert, den der Mensch ihnen beilegt.
Aber wie drückt sich in der neueren Zeit volkswirtschaftlich der Wert der Güter aus? Der Wert der Güter, der im wesentlichen das ausmacht, was diese Güter bedeuten im sozialen, im wirtschaftlichen Zusammenleben, wie drückt sich dieser Wert aus? Dieser Wert drückt sich in den Preisen aus. Über Wert und Preis werden wir zu sprechen haben in diesen Tagen; ich will heute nur darauf hindeuten, daß im wirtschaftlichen Verkehrsleben, im sozialen Verkehrsleben überhaupt - sofern dieses Verkehrsleben abhängig ist von dem Wirtschaften, von den Gütern - sich für den Menschen der Wert der Güter in dem Preis ausdrückt. Es ist auch ein großer Irrtum, wenn man den Wert der Güter mit den Geldpreisen verwechselt. Und nicht eigentlich durch theoretische Erwägungen, sondern durch die Lebenspraxis wird die Menschheit immer mehr und mehr darauf kommen, daß etwas anderes ist der Wert der Güter, die wirtschaftlich erzeugt werden, und der abhängt von menschlicher subjektiver Beurteilung, von gewissen sozialen Rechtsund Kulturverhältnissen, und dasjenige, was sich ausdrückt in den Preisverhältnissen, die durch das Geld zum Vorschein kommen. Aber der Wert der Güter wird zugedeckt in der neueren Zeit durch die Preisverhältnisse, die in der sozialen Zirkulation herrschen.
Das liegt zugrunde den modernen sozialen Verhältnissen als das
26 dritte Glied der sozialen Frage. Hier, hier wird man die soziale Frage als eine wirtschaftliche Frage erkennen lernen: wenn man wiederum zurückgeht auf dasjenige, was den eigentlichen Wert der Güter dokumentiert, gegenüber dem, was in den bloßen Preisverhältnissen zum Ausdruck kommt. Die Preisverhältnisse können gar nicht anders, besonders in kritischen Zeiten, aufrechterhalten werden, als dadurch, daß der Staat, das heißt der Rechtsboden, die Garantie übernimmt für den Wert des Geldes, für den Wert also einer einzigen Ware.
Aber es tritt etwas Neues auf. Man braucht gar keine theoretischen Betrachtungen über das, was herausgekommen ist durch das Mißverständnis über Preis und Wert, anzustellen, man braucht nur hinzuweisen auf etwas Tatsächliches, was in der neueren Zeit aufgetreten ist. Man spricht davon in der Nationalökonomie, daß es in alter Zeit - in Deutschland sogar bis zum Ende des Mittelalters - die alte Naturalwirtschaft gegeben hat, die bloß auf dem Tausch der Güter beruht, daß an deren Stelle trat die Geldwirtschaft, wo das Geld der Repräsentant ist für die Güter und eigentlich immer nur das Wertgut gegen Geld ausgetauscht wird. Aber schon sehen wir etwas einziehen in das soziale Leben, das bestimmt scheint, die Geldwirtschaft abzulösen. Schon wirkt dieses andere überall drinnen, wird nur noch nicht bemerkt. Aber wer hinausgeht über das abstrakte Begreifen seines Kassen- oder Kontobuches, wer hinausgeht über die bloße Zahl und lesen kann, was in diesen Zahlen geschrieben ist, der wird finden, daß in den Zahlen eines heutigen Kassen- oder Kontobuches nicht bloß Güter stehen, sondern daß in diesen Zahlen vielfach zum Ausdruck kommt, was man nennen könnte die Kredit Verhältnisse im modernsten Sinne des Wortes. Was ein Mensch erst leisten kann, weil man von ihm voraussetzt, daß er zu dem oder jenem fähig ist, was aus der Tüchtigkeit des Menschen heraus Vertrauen erwecken kann, das ist es, was merkwürdigerweise in unser trockenes, nüchternes Wirtschaftsleben immer mehr und mehr einzieht.
Studieren Sie heute die Geschäftsbücher, so werden Sie finden, daß einzieht — gegenüber dem, was bloßer Geldwert ist -, das Bauen auf Menschenvertrauen, das Bauen auf menschliche Tüchtigkeit. In den Zahlen der heutigen Geschäftsbücher drückt sich ein großer Umschwung, drückt sich eine soziale Metamorphose aus, wenn man sie
27 richtig liest. Indem man betont, daß sich die alte Naturalwirtschaft in Geldwirtschaft umgewandelt hat, muß man heute zugleich betonen: das dritte Glied ist die Umwandlung der Geldwirtschaft in die Kreditwirtschaft.
Damit tritt an die Stelle desjenigen, was lange Zeit hindurch war, wiederum ein Neues. Dadurch tritt aber auch das in das soziale Leben ein, was auf den Wert des Menschen selber hinweist. Das Wirtschaftsleben selber, in bezug auf die Hervorbringung von Werten, steht einer Umwandelung gegenüber, steht einer Frage gegenüber, und das ist die Wirtschaftsfrage, das ist das dritte Glied dieser sozialen Frage.
Diese soziale Frage werden wir in diesen Vorträgen kennenlernen müssen als eine Geistesfrage, als eine Rechtsfrage und Staatsfrage oder politische Frage und als eine Wirtschaftsfrage. Der Geist wird die Antwort zu geben haben auf die erste Frage: Wie macht man die Menschen tüchtig, damit eine soziale Struktur entstehen könne, die nicht die heutigen Schäden, die nicht zu verantworten sind, enthält? Die zweite Frage ist diese: Welches Rechtssystem wird unter den vorgerückten Wirtschaftsverhältnissen die Menschen wiederum zum Frieden bringen? as dritte ist: Welche soziale Struktur wird imstande sein, den Menschen so an seinen Platz zu stellen, daß er imstande ist, von diesem Platze aus für die menschliche Gemeinschaft zu deren Wohl zu arbeiten, so wie er es nach seiner Wesenheit, nach seinen Begabungen, nach seinen Fähigkeiten vermag? Dahin wird führen die Frage: Welcher Kredit ist dem persönlichen Werte eines Menschen zu gewähren? Da sehen wir die Umgestaltung der Wirtschaft vor uns aus neuen Verhältnissen heraus.
Eine Geistesfrage, eine Rechtsfrage, eine Wirtschaftsfrage steht in der sozialen Frage vor uns. Und wir werden sehen, daß die kleinste Gliederung der sozialen Frage nur im richtigen Lichte gesehen werden kann, wenn man diese soziale Frage im Grunde betrachtet als eine Geistes-, als eine Rechts-, als eine Wirtschaftsfrage. Davon dann morgen weiter.



Fragenbeantwortung nach dem ersten Vortrag

28 Es liegt in der Natur der Sache, daß, da ich heute nur eine Einleitung gegeben habe, sehr leicht Fragen gestellt werden können, die sachgemäß erst m den nächsten Tagen und da im Zusammenhange der Vorträge zur Beantwortung kommen werden. Eine solche Frage ist diese, die mir als erste vorgelegt worden ist:

Wie kann ein objektiver Wertmaßstab für Güter gefunden werden?

Nun, wie gesagt, ich möchte nur einiges über diese Frage sagen, weil ja eine Ausführung in den nächsten Tagen gerade auf diese Frage sich beziehen muß und sie dann aus dem Zusammenhang heraus beantwortet werden kann. Ich möchte aber doch das Folgende dazu sagen.
Sehen Sie, bei Stellung einer solchen Frage handelt es sich darum, daß man sich ganz klar ist: Man stellt diese Frage auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Die Frage nach dem Werte der Güter kann man nur stellen auf dem Boden des Wirtschaftslebens. Das heißt aber: Es wird nötig sein, daß man sich dabei bekanntmacht mit manchem, was in der Gegenwart mit Bezug auf eine Art Umlernen und Umdenken nötig ist. Die Gegenwart sieht sich sehr an als etwas, was ungeheuer praktisch denkt. Leicht nennt man in der Gegenwart dies oder jenes «graue Theorie». Aber mit dem wirklich praktischen Denken ist es doch nicht allzuweit her. Und gerade diejenigen, die sich heute oftmals Praktiker nennen, sind von den grauesten Theorien beherrscht. Sie sind nur in der Lage, diese grauen Theorien in einer naheliegenden Lebensroutine zum Ausdruck zu bringen und halten sie daher für praktisch, weil sie nicht sehen, ob sie fruchtbringend oder zerstörend für das Leben wirken.
Was hier verfochten wird, die Dreigliederung des sozialen Organismus, soll sich von sozialistischen oder anderen Theorien dadurch unterscheiden, daß es etwas ist, was im eminentesten Sinne aus der Lebenspraxis heraus gewonnen ist. Deshalb muß schon gesagt werden, daß eine solche Frage nach dem objektiven Werte eines Gutes, einer Leistung, eines Erzeugnisses streng auf den Boden des Wirtschaftslebens gestellt werden muß. Da aber — und jetzt komme ich auf das, was in seiner Vorstellungsart der Gegenwart noch fremd ist - handelt es sich nicht darum,
29 daß man irgendeine Definition findet, was der Wert eines Gutes ist. Die schönste Definition hat man ja immer für alle möglichen Dinge gefunden, aber es zeigt sich bei sehr schönen Definitionen oftmals eben das, daß sie einem im Leben auch nicht um einen einzigen kleinen Schritt vorwärts helfen. Wenn man von dem Werte der Güter spricht, so handelt es sich ja nicht darum, daß man sagen kann, dies oder jenes sei der Wert eines Gutes, sondern es handelt sich darum, daß der Wert des Gutes in der Zirkulation des menschlichen Verkehrs zum wirklichen Ausdruck kommt, daß wirklich das Gut, das ich hervorbringe, so viel mir einbringt, als ich brauche zu einer solchen Leistung. Also es handelt sich darum, daß in die Güterzirkulation das Gut mit seinem entsprechenden Wert eindringt. Und das Nachdenken hat sich nicht damit zu befassen, anzugeben, welches der objektive Wertmaßstab eines Gutes ist, sondern das Nachdenken hat sich damit zu befassen, eine soziale Struktur zu finden, durch die menschliche Gütererzeugnisse so in das soziale Leben eintreten, daß sie darinnen zirkulieren zum Wohle der Gemeinschaft. Da handelt es sich darum, vor allen Dingen die Bedingungen herauszufinden, durch die Güter mehr oder weniger wert werden.
Man braucht zum Beispiel nur auf folgendes hinzuweisen. Nehmen wir an, es wird in irgendeinem geschlossenen Wirtschaftsgebiete zuviel Fett, zuviel menschlich konsumierbares Fett erzeugt. Gut, man kann ja den Überfluß, den Menschen nicht verzehren können, meinetwillen zum Wagenschmieren benützen. Man kann es so verwenden, schön. Dadurch aber wird der Wert des Fettes für diese Menschengemeinschaft im wesentlichen herabgemindert. Nehmen wir an, es wird zuwenig Fett erzeugt, dann wird der Wert hinauf gesteigert, und es können nur solche Menschen, die ein Vermögen über das Durchschnittsmaß haben, sich das Fett verschaffen. Also man kann die Bedingungen angeben, unter denen der Wert eines Gutes, einer Leistung, steigt oder fällt.
Nun handelt es sich darum, daß eine soziale Struktur eintrete, durch welche dieser Wert des einzelnen Gutes im Vergleiche zu anderen Gütern zu seinem entsprechenden Daseinsausdruck komme. Also es handelt sich nicht darum, daß man den Wert angeben kann, was man natürlich durch den entsprechenden Geldpreis kann; aber da kommt
30 der vollständige Wert nicht zum Ausdruck. Es handelt sich darum, daß man es dahin bringen muß, daß vergleichsweise mit anderen Gütern die hervorgebrachten Güter, um die es sich handelt, den entsprechenden Wert haben. Es muß also diese Frage auf den Boden des Wirtschaftslebens gestellt und nicht nach einer Definition des Wertes, sondern nach den Bedingungen gefragt werden, unter denen Güter den entsprechenden gerechten Wert bekommen können.
Das ist es, was ich zunächst sagen möchte. Ich wollte durch das nur darauf hinweisen, daß man in vieler Beziehung über das soziale Leben die Fragestellungen, die Vorstellungsarten wird umwandeln müssen. An ein Umdenken wird sich die Menschheit gewöhnen müssen. Heute ist sogar das praktische Leben, ich möchte sagen, eingesogen in die Theorie. Und ich wollte im Vortrage andeuten, wie nun wiederum auf der anderen Seite nach und nach hineindringt in das allmählich ganz abstrakt gewordene — gerade unter dem Eindrucke der Geldwirtschaft abstrakt gewordene - Leben das konkrete Leben in der Kreditwirtschaft. Sehen Sie, diese Dinge werden ja eigentlich heute mit einem gewissen wissenschaftlichen Hochmut behandelt. Man merkt gar nicht, von welchen komplizierten Verhältnissen so etwas wie der Wert abhängig ist, der wirkliche Wert. Wenn man den bloßen Preis nimmt, so hat man kein Bild des wirklichen Wertes. Da muß man eingehen auf die gesamte Wirtschaftsgrundlage. Man kann zum Beispiel von der Preisbildung im Sinne der Goldpreisbildung sprechen. Man kommt darauf - Nationalökonomen, zum Beispiel Unruh, haben auf diese Tatsache ja ganz schon hingewiesen, aber ohne die großen Zusammenhänge -, daß innerhalb eines geschlossenen Wirtschaftsgebietes, sagen wir, eine Gans einen bestimmten Wert hat, der sich im Preise ausdrückt. Dann ist es der Geldwertpreis. Aber wenn man, wie das andere Nationalökonomen getan haben, danach die ganze Struktur der Volkswirtschaft studieren will, dann kommt man eben zu sehr einseitigen Resultaten, weil in einem geschlossenen Wirtschaftsgebiete die Wertbestimmung auch der Gänse nicht nach dem bloßen Geldpreiswert bestimmt werden kann. Von solchen Dingen hängt nämlich auch der Wert ab: ob innerhalb einer Wirtschaft Gänse gehalten werden, damit man Fettgänse bekommt und sie als Gänse verkauft, oder ob sie vielleicht gehalten werden,
31 weil sie gerupft werden und man die Federn verkaufen will. Also davon, ob man Produzent von Federn oder von Gänsen ist, davon hängt manches ab. Das stellt sich erst heraus bei einer sachgemäßen Betrachtung des Wirtschaftslebens. Wenn man bloß statistisch die Zahlen aufnimmt, was die einzelnen Dinge geldlich kosten, dann bekommt man keinen Einblick in den sachlichen Gang des Wirtschaftslebens, damit aber keinen Einblick in die wirkliche Bewertung.
Also man muß auf die Beziehungen eingehen und sich streng auf den Boden des Wirtschaftslebens stellen, wenn man von Werten sprechen will. Dann braucht man auch nicht danach zu fragen: Wie drückt sich objektiv der Wert aus? - sondern danach: Welche Verhältnisse sozialer Natur sind imstande, einem Gute, einer Leistung, einer menschlichen Hervorbringung denjenigen Wert zu geben, der im Vergleich zu anderen Leistungen, anderen Hervorbringungen, anderen Gütern der gerechte ist? Das würde die richtige Frage sein. Die Fragen, die heute sehr stark theoretisch auftreten, werden sehr, ich möchte sagen, sich verpraktisieren! Und auf dieses Sich-Verpraktisieren, das heute noch manchen ganz fremd anmutet, der gerade ein Praktiker sein will, auf das arbeitet die Dreigliederung des sozialen Organismus hin.
Dann ist gefragt:

Aus welchen Voraussetzungen heraus ist der Impuls zur Dreigliederung des sozialen Organismus entstanden?

Nun, da muß gesagt werden, daß die soziale Frage eigentlich erst kritisch geworden ist während dieser großen Weltkriegskatastrophe.
Ich berühre ja nicht gern Persönliches, aber in solchen Dingen ist man nur allzuoft genötigt, das zu tun. Ich habe Gelegenheit gehabt, reichlich genug mitzuerleben den Gang der sozialen Frage. Ich war lange Zeit Lehrer an einer Berliner Arbeiterbildungsschule, in der von mir im Umgange mit den nicht nur erwachsenen, sondern oftmals recht alten Schülern die soziale Frage sehr gut studiert werden konnte. Ich habe die soziale Frage da von den verschiedensten Seiten praktisch im Leben kennengelernt, erstens kennengelernt vor allen Dingen von der Seite, v/ie sie lebt in den Seelen großer, breiter Menschenmassen von heute, wie schwer sie verstanden wird gerade von diesen breiten Menschenklassen.
32 Ja, ich habe gesehen - diese Lehrerschaft von mir liegt ja zwei Jahrzehnte zurück —, wie es gerade in dem Zeitpunkt um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert möglich gewesen wäre, in die modernen breiteren Massen der arbeitenden Bevölkerung Ideen hineinzutragen, welche das heutige Chaos und die heutige Zerstörungswut auf sozialem Gebiete hätten verhindern können. Wahrhaftig, ich konnte deutlich sehen: Für aus dem Geiste heraus geborene Ideen wäre vor zwanzig Jahren, wenn man darauf seine Aufmerksamkeit gewendet hätte, eine breite Masse der Bevölkerung zugänglich gewesen.
Was dem entgegenstand, habe ich, zweitens, kennengelernt, indem ich auch die andere Seite kennengelernt habe. Ich habe das Malheur gehabt, sehen Sie, gerade unter den Schülern Anhänger zu gewinnen, Anhänger für wahrhaftig ganz andere Denkweisen, als sie seither groß geworden sind. Ich habe gesehen, wie für gesunde Ideen breite Massen des Volkes wirklich zugänglich waren. Und ich darf, ohne unbescheiden zu werden — ich erzähle wirklich nur Tatsachen —, sagen: gewöhnlich wenn die sozialistischen Dutzendlehrer, die so die gewöhnlichen agitatorischen Lehrer der Arbeiterbildungsschule eben waren, ihre Kurse gaben, dann war es so, daß sie im ersten Quartal - quartalsweise wurde der Unterricht erteilt - eine gewisse Zuhörerschaft hatten; aber dann verminderte sie sich rasch. Meine Zuhörerschaft — ich darf das wirklich eben sagen, weil es eine Tatsache ist -, die wuchs von Quartal zu Quartal und ist nur zu groß geworden für die Führer des Proletariats, für diese Führer, welche die Abschnitzel der bürgerlichen Wissenschaft übernommen haben und sie in einer ja sattsam bekannten Weise verwerten. Als diese Leute gesehen haben, daß ich Anhängerschaft gewinne, da wurde arrangiert, daß einmal die gesamte Schülerschaft dieses Quartals zusammengewürfelt wurde, und auch etwa drei Abgesandte — aber von minderer Sorte — der Führerschaft hineingedrückt wurden. Ja, da wurde mir vorgeworfen, daß ich nicht richtige marxistische Geschichtsauffassung, nicht historischen Materialismus lehre, daß ich auch die Naturwissenschaft nicht benütze, um in den Materialismus hineinzuführen, um das Marxistische zu stützen, sondern um in ernster Weise Wissenschaftsanschauung in die Volksmenge zu tragen. Kurz, es wurde mir vorgeworfen, daß ich kein richtiger Dogmenlehrer des sozialistischen
33 Systems sei. Nun, ich wagte zu sagen dazumal: Ihr wollt ja doch vorstellen eine Gesellschaft, welche für die Zukunft arbeitet. Mir scheint, da wäre die erste Notwendigkeit diese, daß eine wirkliche Zukunftsforderung bei euch eingehalten würde: daß ihr gestatten würdet Lehrfreiheit! - Da erwiderte ein solcher Hineingeschickter: Lehrfreiheit, das können wir nicht anerkennen, das hat im öffentlichen Leben keine Bedeutung für uns, wir kennen nur einen vernünftigen Zwang. — Und sehen Sie, unter diesem «vernünftigen Zwang» gestaltete sich die Sache so, daß für mich alle anderen sechshundert, gegen mich die drei stimmten, aber mich dennoch herauslancierten. Das ist die andere Seite der Entwickelung der sozialen Frage, die ich auch habe kennenlernen können. Da konnte man schon sehen, unter welchen öffentlichen Kräften die soziale Frage eigentlich steht.
Man mußte allmählich durchschauen, wie im Menschenleben, in der Menschenentwickelung überhaupt, zusammenwirken Geistiges, Rechtlich-Politisches und Wirtschaftliches. Man konnte dann aber sehen, wie gerade unter den neuesten Verhältnissen durch das Zusammen- und Ineinanderschieben des Rechtlich-Politischen, des Geistig-Kulturellen, zu dem auch die nationalen Verhältnisse gehören, mit dem Wirtschaftlichen die großen Wirtschaftsimperien, die Wirtschaftsimperialismen sich ausbildeten. Man konnte sehen, wie das wirtschaftliche System, das, wenn es in derselben Weise weiterläuft, wie es namentlich als Ideal angesehen wurde von gewissen Seiten am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, zu fortwährenden Krisen führen muß. Man konnte dann sehen, wie diese Weltkriegskatastrophe nur eine zusammengeschobene große Krise ist, weil allmählich die Staaten aus politischen Körperschaften zu Wirtschaftsimperien sich ausgewachsen haben, welche nur das politische und das geistige Wesen in sich aufgenommen haben.
Nehmen wir den Ausgang dieser Weltkriegskatastrophe. Ich habe ja erst, abgesehen von gelegentlichen Äußerungen, verhältnismäßig spät über die soziale Frage so gesprochen,, wie ich jetzt spreche, da ich gewissermaßen als einem Teil meiner Aufgabe darüber sprechen muß. Aber ich habe mein ganzes Leben hindurch die soziale Bewegung der Menschheit beobachtet. Und wer gleich mir seine halbe Lebenszeit, dreißig Jahre, in Österreich zugebracht hat, der hat an diesem Österreich
34 gesehen wie an einem Schulfall - wenn man diesen Ausdruck anwenden darf auf ein großes Historisches, das an seinen Verhältnissen zerbrechen mußte -, wie in ihm sich zusammenknäuelten die geistigen, und vor allen Dingen die national-kulturellen Verhältnisse, die rechtlich-politischen Verhältnisse und die wirtschaftlichen Verhältnisse. Nehmen Sie einmal den Südosten Europas, jenen Wetterwinkel, aus dem die eigentliche Weltkatastrophe zuletzt ihre Veranlassung bekommen hat, da werden Sie sehen, wie sich das, was später dann zu heller Flamme aufloderte, vorbereitet hat durch den Berliner Kongreß, wo Österreich die Okkupation von Bosnien und der Herzegowina zugesprochen wurde. Das war ein Programm politischer Art, das in die politische Struktur Österreich-Ungarns eingriff. Aber die Verhältnisse, die dadurch geschaffen waren, die waren nicht mehr haltbar in dem Momente, wo eine völlige Umwälzung auf dem Balkan stattfand, also eine rein politische Umwälzung, das heißt eine Umwälzung auf politisch-rechtlichem Gebiete. Das alte reaktionäre türkische Element wurde durch die jungtürkische Herrschaft abgelöst. Eine unmittelbare Folge davon war, daß Österreich zur Annexion, anstelle der Okkupation, von Bosnien und der Herzegowina geführt wurde, daß Bulgarien aus einem Fürstentum sich zu einem Königreich machte. Das waren politische Verhältnisse, die da spielten. In diese politischen Verhältnisse knäuelten sich aber hinein wirtschaftliche Verhältnisse. Und die wirtschaftlichen Verhältnisse spielten zuletzt mit den politischen Verhältnissen so zusammen, daß aus diesem Zusammenspiel Unmöglichkeiten des weltgeschichtlichen Werdens entstanden. Man mußte, weil die politische Verwaltung Österreichs zugleich die wirtschaftliche war, mit den politischen Verhältnissen so etwas verquicken wie zum Beispiel den Ausbau der Bahn von Österreich aus nach Südosten, der Salonikibahn. Es war etwas rein Wirtschaftliches; aber die politischen Verhältnisse spielten fortwährend mit den wirtschaftlichen zusammen. Das Ganze beruht auf dem Unverstandenen von geistig-kulturellen Verhältnissen, nämlich auf Gegensätzen von Slawen- und Germanentum. Diese drei Dinge knäuelten sich ineinander, und aus dieser Verknäuelung entstand die Schreckenskatastrophe. Man kann studieren von Jahr zu Jahr, wie dadurch Scheinverhältnisse geschaffen wurden, daß die Rechtsverhältnisse,
35 die geistig-kulturellen Verhältnisse, die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht auseinandergehalten werden konnten.
Aber diese Verhältnisse drängen nach Auseinandertrennung, Auseinanderhaltung. Und man muß sich erinnern, wie mit dem Heraufkommen der neueren Zeitverhältnisse sehr früh das Rechtsleben, das Geistesleben und das Wirtschaftsleben sich auseinanderzuhalten suchten. Gerade die Tatsache, daß etwas so Furchtbares aus der Zusammenknäuelung entstehen konnte wie diese Weltkriegskatastrophe, gerade das wies einen darauf hin, wie ja wie in einem Reagenzglase im chemischen Laboratorium Substanzen, die man zusammenbringt, die aber nicht zusammengehören, wie die auseinanderfallen: so fallen, fielen schon verhältnismäßig früh die wirtschaftlichen Verhältnisse, die geistigen und die Rechtsverhältnisse auseinander.
Ich will nur an eine Erscheinung erinnern, die verhältnismäßig früh auftrat. Später, nach der Reformation, nach der Renaissance wurde sie verwischt. Wenn Sie die Geschichte des Mittelalters studieren, so werden Sie finden, daß die Kirche zinsfeindlich war, das heißt, daß die Kirche überall Lehren verbreitete, die dahin gingen, es sei unmöglich, es vertrage sich nicht mit einem wirklich christlichen Leben, Zins zu nehmen von Geldausborgung. Das war Lehre, das war Geistesleben. Diese Lehre empfand man als schön. Aber die Kirche in ihren Vertretern nahm sehr viel Zins in Wirklichkeit. Das wirtschaftliche Leben trennte sich sehr stark von dem geistigen Leben. Beides fiel auseinander.
Und auf ähnliche Erscheinungen könnte man in den letzten Jahren sehr stark hinweisen, wenn man zum Beispiel zeigen wollte, wie das wirtschaftliche Leben in Form von allerlei Schiebertum, Verschaffung von Lebensmitteln unter der Hand, auseinanderfiel mit dem rechtlichen Leben, das rationierte. Da sehen Sie ähnliche Erscheinungen wie eben in einem Reagenzglase, wo nicht zusammengehörige Substanzen auseinanderfallen.
Alle diese Dinge müssen im einzelnen studiert werden. Und weil nach und nach durch die Kompliziertheit der modernen Lebensverhältnisse sich immer mehr und mehr dies Auseinanderfallen zeigt, sowohl im internationalen wie im nationalen Leben, ergibt sich daraus nach und nach die Notwendigkeit, hinzuarbeiten auf die Dreigliederung des
36 sozialen Organismus, wie ich sie in den nächsten Vorträgen darstellen werde und wie Sie sie auseinandergesetzt finden in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage».
Man muß sich klar darüber sein, daß solch ein Ausspruch, wie ich ihn angeführt habe von Hartley Withers, durchaus begründet ist. Die Verhältnisse sind in der neueren Zeit sehr kompliziert geworden. Und nur dann, wenn man darauf kommt, wie man gewisse Grundgesetze - Urideen, so habe ich sie genannt in meinen «Kernpunkten der sozialen Frage» - finden kann, die dann in den kompliziertesten Verhältnissen des praktischen Lebens zu einem wirklich praktischen Wegweiser werden können, nur dann kann man hoffen, etwas beizutragen zu dem, was heute die soziale Frage ist. Und nur dadurch kann man hoffen, das zu überwinden, was nach und nach in Form von Schlagworten, von Parteimeinungen in so furchtbarer Weise die Massen ergreift und durch die Menschen leider zu Tatsachen wird. Ehe wir nicht dazu kommen, die soziale Frage aus dem Parteigetriebe herauszuheben und sie auf den Boden der praktischen, vernünftigen Erfassung der Wirklichkeit zu stellen, eher können wir nicht hoffen, weiterzukommen. Daß eine solche Betrachtung möglich ist, das möchte ich Ihnen eben durch die folgenden Vorträge zeigen.
Damit möchte ich, was ich über die Entstehung und über das Hervorkommen der Dreigliederung im neueren Leben zu sagen hätte, zunächst angedeutet haben. Manches wird ja in den nächsten Vorträgen sich noch ergeben.




Zur Übersicht

ablage/offen/rudolf_steiner/dreigliederung/005_ga_332a_soziale_zukunft/001_erster_vortrag.txt · Zuletzt geändert: 2026/09/19 17:21

Impressum Datenschutzerklärung