FRAGENBEANTWORTUNGEN

FRAGENBEANTWORTUNGEN

nach einem Vortrag von Eugen Kolisko über «Hypothesenfreie Chemie»

Stuttgart, 13. März 1920

Seite Text
481 Vorbemerkung: Der Vortrag von Eugen Kolisko wurde nicht mitgeschrieben. Kolisko hat jedoch später, und zwar während des ersten Hochschulkurses im Herbst 1920, weitere Vorträge zu dem gleichen Thema gehalten. Diese wurden in einer von ihm überarbeiteten Form gedruckt in dem Sammelband «Aenigmatisches aus Kunst und Wissenschaft», Stuttgart 1922.

'' '' Erste Frage: Wie verhalten sich eigentlich die verschiedenen Qualitäten Wärme, Licht, Elektrizität und die verschiedenen Zustände zu dem periodischen System und wie kommt das periodische System zustande?

'' '' Zweite Frage: In der alchemistischen Literatur rindet man eine Gliederung der chemischen Stoffe so, daß hingewiesen wird darauf, wie die einzelnen Metalle zugeordnet sind den Planeten. Wie verhält sich diese Siebengliederung der Zuordnung der Metalle zu den Planeten zu der, die im periodischen System vorhanden ist?

Rudolf Steiner: Nun, Herr Dr. Kolisko hat ja in wichtigen Gesichtspunkten sehr schön darüber gesprochen, wie angestrebt werden könnte, die Chemie zu befreien von denjenigen Denkgewohnheiten, die von vornherein bei dieser Chemie zur atomistischen Hypothese oder sagen wir zum Aufbau der Chemie aus der atomistischen Hypothese geführt haben. Ich möchte im Hinblick auf die Fragen, die gestellt worden sind, zunächst auf eines aufmerksam machen. Mir erscheint die Auffindung des periodischen Systems nicht gerade als etwas unbedingt Neues. Natürlich ist es nicht möglich, in einer kurzen Betrachtung einzugehen auf die große Verschiedenheit, die da vorliegt zwischen unserer chemischen Interpretation der Erscheinungen und älteren Anschauungen über die Konstitution der Materie. Interessant wird das periodische System wohl ganz
482 besonders dadurch, daß man versucht
483 '' '' der Versuch ist, glaube ich, öfter gemacht worden
'' '' das periodische System so anzuordnen, daß man die
sieben Elemente aufträgt auf eine Kurve, und dann die nächsten sieben Elemente aufträgt auf eine darübergehende Kurve und so weiter, so daß, wenn man Zwischenzustände schafft, man den richtigen Aufbau in einer Spirale bekommt. Wir können das zeichnen: Hier das Lithium zum Beispiel, das Natrium gewissermaßen darüber, und darüber würde das Kalium sein. Es handelt sich darum, daß man ja wirklich mit dem alten Merkurstab etwas verbinden muß wie die Vorstellung eines Universalmittels der Natur: zu schaffen, um die Tatsachen der Natur hervorzubringen. Können wir uns nun vorstellen, daß die Elemente so übereinanderliegen, daß ich sie angeordnet habe nach dem periodischen System, und ich dann diese Elemente verbinde durch solche Linien, die eine Spirale darstellen, dann würde gewissermaßen das Entstehen eines jeden Elementes nur möglich sein unter gewissen Kräfte-zusammenhängen, die in einem Verhältnis stehen zu einer bestimmten Bewegung dieser Zustände.

Nun hat in interessanter Weise Crookes darauf aufmerksam gemacht in einem Cambridger Vortrag der Royal Society, daß gerade, wenn man die übereinanderliegende Spirale bekommen will, man gut tun wird, sich vorzustellen, daß ein Fortschreiten des Wärmezustandes stattfindet in der Richtung der Achse der Spirale, daß also gewissermaßen die Reihe der nächsten sieben Elemente gegenüber der Reihe der vorigen sieben Elemente auf eine ähnliche Weise zustande kam wie einfach ein höherer Temperaturgrad gegenüber einem niedrigeren Temperaturgrad. Aber es ist kein Fortschreiten bloß in einer Ausdehnung, sondern in einer Genesis. Wir würden da etwas Ähnliches haben in einem komplizierten Natursystem, wie wir es elementar haben bei der einfachen Ausdehnung durch die Temperatur. Und nun ist es selbstverständlich außerordentlich naheliegend, sich überhaupt nicht eine Spirale zu denken, die eine gerade Linienachse hat, sondern sich vielleicht etwas zu denken, was nun eine Kreisachse hat, dann würden wir eine Solenoidlinie bekommen. Aber auch diese können wir uns wiederum als
484 Spirale denken. Dann würden wir bekommen eine dreifach im Raum fortschreitende Spirale.
485 Während Crookes zunächst nur eine Abnahme des Wärmezustandes als ein Analogon für das Fortschreiten hier annimmt auf dieser Achse, würden wir - durch eine Erweiterung der Anschauungsweise von Crookes - schon bekommen ein Fortschreiten in der Achse zum Licht und zu den chemischen Effekten, die ja etwas anderes sind als die chemischen Kräfte, die in den Substanzen wirken. Wir würden also gewissermaßen in Wärme, Licht und chemischen Effekten, also in dem, was zugrundeliegt den chemischen Wirksamkeiten, Entitäten bekommen, die nun nicht in den einzelnen Körpern sind, sondern die in den inneren Wirksamkeiten zum Beispiel unserer irdischen Natur oder sonst vorhanden sind.
486 Nicht wahr, das, was ich hier zeichne, sind ja nur räumliche Versinnlichungen; es sind nicht Dinge im Raum, sondern die Raumbilder sind Raumversinnlichungen.
Wir würden ja in die Möglichkeit versetzt werden, uns zu denken, daß diese aufeinanderfolgenden Elemente und dann gleichsam die nächsten Potenzen derselben und Gegenpotenzen derselben zusammenhingen mit einem Durcheinanderwirken von Wärme, Licht und eben chemischen Effekten, so daß dieser dreifache schraubenförmige Aufbau der Elemente eben eigentlich nichts anderes wäre als eine gewisse Art von Zusammenwirken der verschiedenen Ätherpotenzen. Dann müßten wir aber annehmen, daß allerdings diese Ätherpotenzen radikal voneinander verschieden sind, daß nicht die eine in die andere in ihrer eigentlichen Wesenheit überführbar sind, sondern daß sie in ihrer eigenen Wesenheit aufeinander wirken und [daraus] Resultierende entstehen, nicht Umwandlungsprodukte.
Diese Andeutung nur zur Beantwortung der ersten Frage. Denn diese Frage schließt so viel ein, daß es nicht möglich ist, in kurzer Zeit die Frage ganz zu erschöpfen.
Nun die zweite Frage. Da müßte allerdings zurückgegangen werden auf sehr weit [zurückliegende Prinzipien. Sehen Sie, Sie müssen sich klar sein darüber, daß dasjenige, was in irgendeinem Stoff heute wirksam ist, gestaltbildend ist, Kalium oder Natrium zum Beispiel, das muß nicht notwendigerweise auch heute im Weltall entstehen. Das kann etwas sein, welches irgendwann entstanden ist, gewirkt hat vielleicht vor sehr langer Zeit, und konserviert worden ist, so daß also die ursprünglichen Gestalten, die ursprünglichen Kristallgestalten unserer Elemente - ob es nun ausgesprochene Kristallgestalten sind oder etwas anderes
487 - aus dem Kosmos hereingebildet worden sind in der Vorzeit, nehmen wir an während der Mondperiode, und daß in diesen Elementen die Tendenz geblieben ist, diese Gestalten zu konservieren. Wir müssen uns also klar sein: Auf der einen Seite haben wir es zu tun mit den heutigen, gleichsam in Abdruck erscheinenden Gestalten, die sich gebildet haben in einer sehr frühen Zeit der kosmischen Entwicklung, auf der anderen Seite wiederum mit den Wirkungen desjenigen, was nun aus den um die Erde herum befindlichen Faktoren geworden ist. Wir haben es also nicht etwa zu tun mit unseren Elementgestalten unmittelbar, so daß wir sagen könnten mit einer kosmischen Wirkung.
Hier irgendwo wäre die Erde, hier die Planeten, und die Planeten bewirken etwas durch ihre Konstellation. Wenn wir hier meinetwillen Venus, Mars, Merkur haben, so wird nicht heute die Konstellation Venus, Mars, Merkur, wie sie in gegenseitigen Kräfteerscheinungen auf die Erde wirken, einen tetraedrisch gestalteten Körper unmittelbar bewirken, sondern diese Venus, Mars, Merkur werden etwa während der Mondperiode den Tetraeder gestiftet haben; und daß er heute erscheint, das ist, weil sich konserviert hat die Mondenwirkung. Während, wenn heute Merkur und so weiter wirken aus dem Kosmos, so wirken sie gewissermaßen gemäß den Gesetzen der Imponderabilien; sie wirken eigentlich den Ponderabilien entgegen. Die Gestaltung hat also schon ihren kosmischen Ursprung, aber jede Gestaltung, die auftritt auf der Erde, wird gewissermaßen entgestaltet durch dasjenige, was heute ausgeht von denselben kosmischen Planeten, die früher die Gestalten hervorgerufen haben; so daß wir also zum Beispiel eine Verflüchtigung als eine heute existierende kosmische Wirkung auffassen müssen, eine Kristallisation jedoch als eine solche, wo ich das Frühere wiederum herstellt gegen das Heutige. Da haben wir zeitliche Wirkungen, die auseinandergehen.
488 Nun brauchen Sie das, was ich jetzt gewissermaßen schematisch herausgerissen dargestellt habe, nicht so zu denken natürlich, daß gewissermaßen nur ein paar Konstellationen da sind, sondern es sind sehr viele Konstellationen da. Wenn Sie sich das vorstellen, so bekommen Sie natürlich ein kompliziertes System, etwa ein kompliziertes Kurvensystem, das Sie im Kosmos und in der Erde sich vorstellen können.
Wenn Sie in der Erde die ursprünglichen Stätten, wo sich die Metallgestalten bilden, zusammenfassen durch Kurven - diese Kurven müssen im Innern der Erde vorgestellt werden, weil da der Mittelpunkt ist; die Metalle kommen ja allerdings in späteren Epochen an die Oberfläche, aber es sind eigentlich im Innern der Erde die Kräfte, durch die die Konservierung stattfindet -, und draußen im Kosmos die Kräfte, die zu den Kristallgestalten führen, dann können wir diese Kräfte in der Umgebung ebenso durch Kurven fassen. Und da haben wir, wenn Sie sich dies jetzt bildhaft vorstellen, eine Kugel und sich in der verschiedensten Weise ineinander verschlingende Kugelschalen und die Resultierende, die daraus entstehen würde, wenn ich die Kräftedifferenz mir bilde zwischen dem, was da konserviert ist, und dem, was heute im Kosmos ist. Wenn ich mir nun die Differenzen der Kräfte in diesen beiden Kräftesystemen denke, bekomme ich eigentlich das, was den gegenwärtigen Zustand der kosmischen Wirkung auf der Erde vorstellt. Und in diesem drinnen muß alles das stecken, was dann im periodischen System zum Vorschein kommt. Das periodische System ist nichts anderes als ein Aufeinanderwirken eines vorirdischen Zustandes mit einem gegenwärtigen, die Erde umspielenden kosmischen Zustand. Es sind dies nur Andeutungen zur Beantwortung, aber ich glaube, man kann es verstehen.
489 Eugen Kolisko: Was wir also als Metalle zuordnen den einzelnen Planeten, das hat nichts zu tun unmittelbar mit den Stoffen, die wir im periodischen System drinnen haben?

Rudolf Steiner: Nein. Warum Eisen dem Mars zugeordnet wird, Silber dem Mond und so weiter, das sind Dinge, die heute nicht mehr von der äußeren Wissenschaft verstanden werden können, ganz unmöglich, weil diese Zuordnung auf eine ganz andere Weise gewonnen worden ist, als heute vielfach sogar von Okkultisten geglaubt wird. Der ältere Okkultismus, der noch auf atavistischem Hellsehen beruhte, wußte, daß unsere Erde selbst innerlich gestaltet ist, aber nur latent gestaltet ist, und daß wir in der Erdensphäre als Überbleibsel der vorirdisch- kosmischen Wirkung auf die Erde sieben Sphären zu unterscheiden haben, die nicht ganz regelmäßig waren, sondern verschieden. Also hier gibt es drinnen sieben Sphären, das ist der innere Kosmos der Erde, das ist das Spiegelbild des äußeren Kosmos. Und mit dieser Partie der Erde, also der Marspartie der Erde, wird das irdische Eisen in Zusammenhang gebracht, mit der Merkursphäre der Erde wird das Quecksilber in Zusammenhang gebracht und so weiter. Also diese unsere Stoffe, wie wir sie heute haben, die würden eigentlich letzten Endes nun doch wiederum zurückgeführt werden müssen auf die sieben Metalle; das würden sie schon müssen. Aber wir müssen uns vorstellen, daß alle diese Stoffe im Grunde genommen doch recht komplizierte Dinge darstellen.
490 Nicht wahr, wir reden von den Atomgewichten dieser Stoffe. Aber diese Atomgewichte gibt es ja in Wirklichkeit gar nicht. Sie haben das Atomgewicht von Blei aufzufinden: 207. Das ist schon richtig, daß das Atomgewicht von Blei 207 ist, aber wenn Sie es suchen, finden Sie eigentlich nicht 207 in Wirklichkeit, sondern Sie finden eigentlich eine Zahl: 207 + x in unbestimmter Weise. Das, was man wirklich findet, das schwankt hin und her, und die Atomgewichtszahl für unsere Elemente ist eigentlich so, daß man sagen kann: Würde man den Zustand, der die Atomgewichtszahl repräsentiert, festhalten wollen, so müßte man hier eine pendelnde Bewegung, nicht einen Punkt zeigen. Und wir dürften das periodische System auch nicht so beschreiben, wie es ist, sondern in Zitterbewegungen müßten wir es haben, in innerer Zitterbewegung. Es ist so, daß wir durchaus nicht sagen können, aus dem Atomgewicht gehe hervor, daß wir es nun wirklich zu tun haben mit festen Elementen. Diese Vorstellung eines starren Atoms - denken Sie, was das bedeutet, was Herr Dr. Kolisko eben gesagt hat: Wasser ist nicht mehr Wasser bei einer bestimmten Temperaturhöhe. Der Atomist von heute ist aber genötigt, Wasserstoff und Sauerstoff, die im Wasser sind, wenn das Wasser nicht mehr da ist, unverändert vorzustellen, wenn er richtig Atome vorstellt. Also man kommt dazu, solch eine Eigenschaft der Materie als das eigentlich Maßgebende zu betrachten: diese Starrheit, die schon da, wo das Element entsteht, nicht vorhanden ist. Das Element ist noch nicht vorhanden, sondern das Element ist etwas, was einem schon aus der Hand fällt, wenn man es fassen will. Denn Atomgewichte strikte festzustellen, ist ein Unding. Es gibt kein Atomgewicht, sondern es gibt Mittelzustände, um die herum das Atomgewicht variiert, und man sage: im Mittelzustand ist das Atomgewicht so und so. Es gibt geradeso wenig Atomgewichte, wie es beim Weizenkorn eine bestimmte Größe gibt. Es gibt natürlich für das Weizenkorn eine mittlere Größe, aber die Größe schwankt hin und her. So ist es auch mit dem Atomgewicht; es ist nur ein Mittelzustand.
491 Diese Betrachtungen, die heute Herr Dr. Kolisko angestellt hat, sind außerordentlich fruchtbar und sollten gerade für die Chemie weiter ausgebildet werden. Dann würde man allerdings sehen, daß der Gang der Entwicklung so ist, daß man in alchemistischen Vorstellungen, auch in dem Merkurstab, den man da besonders pflegte, gewisse, den Wirklichkeiten doch angemessene Begriffe erzeugte, daß dann die Zeit kam der atomistisch-mechanistischen Denkweise, die alles mit einer Schicht von Unverständlichkeit bedeckt hat. Wir müssen uns wiederum durcharbeiten zu einer Betrachtung, die eine der Wirklichkeit angemessene ist. Dazu ist aber notwendig - das ist dasjenige, was ich an den Vortrag von Herrn Dr. Kolisko noch anknüpfen möchte, namentlich, um auch diese beiden Fragen ganz exakt zu beantworten -, dazu ist notwendig, daß wir dahin kommen, auch Herrn Blümel möchte ich das sagen, daß wir dazu kommen, das Intensive ins Auge zu fassen, und die Extension, das Extensive auffassen zu lernen als eine Funktion des Intensiven, und umgekehrt, das Intensive als eine Funktion des Extensiven, so daß man also wirklich diese beiden Dinge, die so nebeneinander stehen, auseinander ableiten kann. Wenn es möglich sein wird, Intensives und Extensives in einen Funktionszusammenhang zu bringen, wird es auch möglich sein, diese Symbolik, die man braucht, um dieses periodische System ganz zu durchschauen, zu entwickeln, sonst bleibt immer ein unverstandener Rest.
492 Verzeihen Sie, aber diese Dinge sind so undeutlich, weil sie ein so großes Gebiet umfassen, daß man nichts anders sagen kann, als mit den Begriffen nur so hinzuhuschen. Da können sich auch die Begriffe nicht so scharf konturieren.



SCHLUSSWORT

493 nach dem Vortrag von Paula Matthes über die Frage «Was kann Philosophie dem Menschen heute noch geben?»

Dornach, 11. Mai 1920

Vorbemerkung: Der Vortrag von Paula Matthes ist nicht mitgeschrieben worden. Auch die von ihr oder von einem der Zuhörer gestellte Frage nach dem Verhältnis von Imagination, Inspiration und Intuition zum gewöhnlichen Bewußtsein wurde von der Stenographin nicht festgehalten.

Rudolf Steiner: Das ist, wie ich verstanden habe, am besten zu lösen, wenn Sie sich denken, daß die Skala von Imagination, Inspiration und Intuition nicht so aufgebaut ist, daß diese übereinanderstehen; sondern sie muß eigentlich so aufgebaut sein:
Zeichnung

Imagination
Inspiration
Intuition
494 Und wenn wir uns das gewöhnliche Bewußtsein da herumgewandert denken würden, wenn wir uns zum Beispiel so herum entwickeln, dann haben wir Imagination, Inspiration und Intuition. Wir haben dann allerdings einen Aufstieg zur Intuition, aber, wenn wir uns zu dieser Höhe erheben, die nun wirklich in der geistigen Welt spielt, so haben wir zugleich eine Art Projektion davon in unser gewöhnliches Leben herein - für jene Fähigkeiten des gewöhnlichen Bewußtseins, die in das ethische Gebiet hineinspielen. Im ethischen Gebiete sind die gewöhnlichen Bewußtseins-Bestände, ich möchte sagen instinktiv intuitiv. Das ist es auch, was bewirkt, daß man das Wort «Intuition» ja populär gebraucht. Man wird heute das Wort «Inspiration» scharf abweisen, weil die Inspiration in gewisser Beziehung etwas weiter zurückliegt, doch wird das Wort «Intuition» gelten gelassen, weil die sittlichen Bewußtseins-Bestände, wie sie im gewöhnlichen Bewußtsein auftreten, schon etwas der Intuition Verwandtes haben, aber eben, sie sind instinktiv. Dadurch tritt das Wort Intuition sehr häufig auf, wird manchmal auch mit einem gewissen Recht verwendet. Und man kann daher, wenn man so, wie ich es in der «Philosophie der Freiheit» getan habe, gradlinig danach geht, aus dem Denken herauszukommen in das Gebiet der lebendigen Sittlichkeit hinein, wenn man durch das Überspringen der Imagination und Inspiration von Intuition sprechen will, kann man einen Anhaltspunkt am gewöhnlichen sittlichen Bewußtsein haben.
495 Ich darf dann vielleicht an dieser Stelle einiges einfügen - selbstverständlich nicht, um über den Vortrag von Fräulein Matthes, der in sich ganz abgeschlossen und sehr schön war, irgend etwas zu sagen. Es ist von ihr ein durchaus in sich geschlossenes Bild gegeben worden, welches geeignet ist, Licht zu werfen auf das Verhältnis
- das heute ein wünschenswertes wäre - zwischen dem allgemeinen Zeitbewußtsein und dem, was man aus der Philosophie haben könnte. Nun handelt es sich ja aber natürlich darum, daß die verschiedensten Umstände zusammenwirkten, um den heutigen Tatbestand hervorzurufen, der von Fräulein Matthes so ausgezeichnet charakterisiert worden ist.
Sehen Sie, es ist ganz richtig, in den letzten Jahren hat sich, hervorgerufen durch die tragische Weltenlage in unserem Europa, etwas herausgebildet, was ein erhöhtes Interesse der Jugend an Philosophie ist. Man wird aber dieses Interesse vielleicht psychologisch erst dann voll bewerten können, wenn man verfolgt, wie doch im Laufe der Zeit, durch das ganze 19. Jahrhundert und auch im Beginne des 20. Jahrhunderts, da, wo eine Möglichkeit vorhanden war, das Interesse der Jugend an der Philosophie immerhin aufgeflammt ist. Ich möchte dafür ein paar Tatsachen anführen. Zum Beispiel war es in den sechziger, siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Wien so, daß die allgemein herrschende philosophische Anschauung die der Herbartschen Schule war. Der Hauptvertreter dieser Herbartschen Schule war in Wien dazumal Robert Zimmermann. Robert Zimmermann hatte - sehr merkwürdig - in seinem Auditorium, wenn er praktische Philosophie gab, die ja sogar ein Pflichtkolleg war, in den ersten zwei bis drei Vorlesungen gewöhnlich eines der größten Auditorien der Wiener Universität; es war alles voll, überfüllt. Dann aber nahm die Zuhörerschaft sehr rasch ab, und es waren dann gewöhnlich nur sieben oder acht, die das Kolleg durchhielten, die von mehreren Hundert eigentlich geblieben waren. Robert Zimmermann selbst, der sehr schön und gemessen sprach, sagte oftmals von seinen Kollegien über praktische Philosophie: Anfangs ist der ganze Hörsaal voll, eine große Klasse, dann wird es ein dünnerer Faden, und zuletzt, wenn das Testieren kommt, wenn die Leute die Unterschriften brauchen, dann kommen sie wieder alle. - Das
496 lag nicht allein an den Studenten und ihrer Interesselosigkeit. Denn 1874 wurde Franz Brentano nach Wien gerufen, der eine außerordentlich durchhaltende Zuhörerschaft hatte. Brentanos Vorlesungen in Wien waren, ebenso wie vorher schon in Würzburg, sehr besucht. Man kann nicht sagen, daß das an den Studenten gelegen hätte, nur aus dem Grunde, weil es auch ein Pflichtkolleg war, sondern die Vorlesungen waren auch dann noch dauernd gut besucht, als Brentano, der zuerst als ordentlicher Professor nach Wien berufen worden war, wiederum Privatdozent wurde wegen seiner privaten Verhältnisse er hatte als ehemaliger katholischer Geistlicher geheiratet und mußte daher die Wiener Professur niederlegen. Er hoffte immer, daß er wieder berufen würde, doch das konnte nicht geschehen, trotzdem sein Kolleg immer überfüllt war und die Vorlesungen der anderen Professoren, die dann das Examen abzunehmen hatten, ebenso leer waren wie die Zimmermannschen. Brentano wurde immer wieder an ersten Orten von den Kollegen vorgeschlagen für die ordentliche Professur, aber es war halt immer das Hindernis, daß er als Geistlicher exkommuniziert war, weil er geheiratet hatte, noch dazu eine Jüdin; die Kirche beansprucht, auch nach dieser Richtung zu gebieten über diejenigen, die sie exkommuniziert hat. Und als der damalige Kaiser, dem die Sache wiederholt vorgelegt worden ist, hörte, daß Brentano als ehemaliger Geistlicher eine Jüdin geheiratet hatte, da sagte er zu dem Minister für Kultus und Unterricht, der ihm die Sache vorgelegt und der selber befürwortet hatte, daß Brentano wieder die ordentliche Professur haben sollte: «Ist sie wenigstens sauber, die Jüdin?» [«sauber» bedeutet österreichisch «hübsch»]. Und als man das nicht mit gutem Gewissen behaupten konnte - sie war übrigens eine Tochter des Professors von Lieben in Wien -, so sagte der Kaiser: «Nein, da wird nichts draus.» - Und das ging so fort, bis Brentano in den neunziger Jahren die Lehrkanzel als Privatdozent verließ.
497 Also man konnte sehen, wenn wirklich anregende Dinge besprochen wurden, so war bei den Studenten Interesse da. Brentano hatte auch in Würzburg ein volles Kolleg gehabt im Auditorium maximum, in dem, als er es das erste Mal betrat, als Studentenurteil über seinen Vorgänger stand: Schwefelbude! - Da war es vorher vollständig leer gewesen. Dasselbe Auditorium maximum, auf das die Studenten «Schwefelbude» geschrieben hatten, das konnte Brentano füllen, weil er — man mag über seine Philosophie denken, wie man will - immerhin eine sehr anregende Persönlichkeit war.
498 Es ist schon einmal so, daß die Geistesentwicklung des 19. Jahrhunderts und im Beginn des 20. Jahrhunderts tatsächlich immer mehr und mehr die aktive Betätigung des geistigen Lebens, die hervorging aus Ideen und dergleichen, eigentlich niedergedrückt hat. Es kam immer mehr und mehr herauf dieses Niederdrücken der eigentlichen geistigen Produktion. Und daran ist ja natürlich durchaus schuld das Sich-Breitmachen der naturwissenschaftlichen Richtung. Nun hat sich aus alledem eigentlich dann eine Art unmöglicher Situation ergeben. Und aus dieser unmöglichen Situation heraus sind wiederum einzelne Richtungen gekommen, die sich bemühten, sich wenigstens doch wiederum philosophisch zu betätigen.
Nun hat Fräulein Matthes gerade die deutschen Richtungen in einer vorzüglichen Weise Ihnen hier vorgeführt. Für die Schweiz habe ich das Gefühl, daß diese vier deutschen Richtungen zunächst doch weniger Bedeutung haben. Hier hat ja in weiteren Kreisen die Bergsonsche Richtung einen gewissen Einfluß erlangt. Und nur in weniger intensiver Weise sind diese vier deutschen Richtungen in das philosophische Leben der Schweiz eingedrungen. Es ist auch in der Schweiz wohl nicht dieselbe Wahrnehmung zu machen, wie sie auf deutschen Universitäten in den letzten Jahren zu machen gewesen sein soll. In einem gewissen Sinne war die Leerheit die sich den Seelen ergab, schon vor dem Kriege da, wo immerhin jemand - wenn auch in einer, ich möchte sagen mehr geschwätzigen Weise - anregend wirkte wie der Eucken in Jena, zu dem die Studenten hineintrotteten. Euckens Kolleg war nicht allzu stark, aber es war immerhin besucht. Und dann kam der Krieg, mit seinen verheerenden Wirkungen auch im moralischen Leben, in der ganzen Lebenshaltung, der doch zu einer gewissen Sehnsucht der Menschen geführt hat, irgendwie etwas zu hören über dasjenige, was nun im Leben doch das Bestimmende, das Haltende ist.
499 Nun, diese vier Richtungen, die von Fräulein Matthes charakterisiert worden sind, sie sind ja alle eigentlich schon vor dem Kriege dagewesen, und gerade an ihnen ist vielleicht das Trostlose der geistigen Substanz unserer Gegenwart so recht zu bemerken. Es ist mit Recht angeführt worden die Marburger Schule, die ja vorzugsweise auf das sehr scharfsinnige Denken von Cohen gebaut ist. Cohen hat ja wohl doch den allerbedeutsamsten Einfluß gehabt in der Marburger Schule, und auf sein scharfsinniges Denken ist sehr viel zurückzuführen. Man kann auch sagen, daß in der Zeit, in der in der deutschen Philosophie vielleicht nur Otto Liebmann ein wirklich scharfsinniger Denker war außer dem Marburger, daß da die Marburger Schule doch eigentlich disziplinierend gewirkt hat und erzieherisch war für die Ausbildung eines gewissen scharfsinnigen Denkens. Diese Marburger Schule, sie ist nun eigentlich doch ganz abhängig von einer gewissen einseitigen Ausbildung des Kantianismus. Man möchte sagen, daß die Marburger Schule gerade durch Cohen darauf gekommen ist, daß man das Denken als solches doch eigentlich nicht bloß in seiner Passivität betrachten darf, daß man es in seiner Aktivität nehmen muß. Und da war ja natürlich das Zeitalter ganz und gar nicht geeignet, nun etwa so, wie es, sagen wir Fichte getan hat, die innere Gültigkeit des Denkens außermenschlich zu empfinden, sondern es ist das Denken doch auch von den Modernen mehr oder weniger als ein subjektives, wenn auch mit dem Anspruch objektiver Gültigkeit, als ein subjektives wenigstens, ich will nicht sagen gedacht, aber erarbeitet worden. Und es ist dieses Aktive des Denkens, auf das man da kam. Es war dies in einer Zeit, in der es unmöglich war dahinterzukommen, wie der Weltprozeß eigentlich objektiv beschaffen ist, wo es kaum möglich gewesen ist, auf etwas anderes hinzusehen als auf diese Aktivität des Denkens.
500 Ich möchte allen Philosophen, die so in der Richtung der Marburger Schule denken - was ich sage, sollen nur einzelne aphoristische Bemerkungen sein -, doch die Frage vorlegen: Wie stellen Sie sich dazu, in dem Denken ein wirkliches Sein zu sehen, wenn doch das denkende Subjekt, also der Mensch, diese Aktivität des Denkens jedesmal vom Einschlafen bis zum Aufwachen unterbrochen hat? - Das ist eine Kardinalfrage, die der ganzen Marburger Schule gestellt werden müßte. Es handelt sich darum, daß ja doch im Grunde die Marburger Schule eine konsequente Ausgestaltung des Cartesiusschen Satzes «Ich denke, also bin ich» ist, aber das stützt sich nur auf ein besonderes Gegenwartsurteil über das Denken. Denn es ist nicht zu leugnen: Wir sind auch dann, wenn wir nicht denken im gewöhnlichen Bewußtsein zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Und wenn wir rückwärts denken, gliedert sich unsere Rückschau in solche Strömungen, in denen wir denken, und in solche Strömungen, in denen wir nicht denken, dann wieder denken und so weiter, und in der Zwischenzeit sind wir, ohne daß wir denken. Hier liegt das Kardinalproblem, an dem nicht nur die Marburger Schule scheitert, sondern auch zum Beispiel Bergson und gewisse amerikanische Richtungen, die jetzt immerhin beachtenswert sind. Es ist der Einfluß des Cartesiusschen «Ich denke, also bin ich» zunächst zu überwinden.
501 Es ist also notwendig, in den Umfang des Bewußtseins der Menschen das zu bekommen, was mitumfaßt einerseits die Aktivität des Denkens und andererseits die Diskontinuität des Denkens. Das ist dasjenige, was als ein Problem gegenüber dieser Schule aufgeworfen werden muß, und es ist ein Problem, das von dieser Marburger Schule überhaupt nicht einmal berührt worden ist. Es ist gar nicht einmal ein Bewußtsein davon vorhanden, daß dieses Problem vorliegt, ebensowenig wie zum Beispiel bei Bergson und bei der gegenwärtigen erkenntnistheoretischen Richtung; ich meine nicht James - der entwickelt den Pragmatismus -, sondern ich meine einige andere amerikanische Richtungen. Das Problem wird eigentlich nicht berührt, und wenn es aufgeworfen wird, so ist kein Bewußtsein vorhanden, wie man ihm beizukommen hat, auch erkenntnistheoretisch nicht.
Dann, nicht wahr, gibt es die Richtung von Husserl, aber die kommt nicht sehr stark in Betracht. Meiner Empfindung nach ist er ein Schüler von Franz Brentano. Bei Franz Brentano liegt überall die Tatsache vor, daß er ein scharf geschulter Aristoteliker ist und ein scharf geschulter Thomist, ein guter, gründlicher Kenner der Thomistik, so daß also auf Husserl manches übergegangen ist sowohl vom Aristotelismus wie vom Thomismus. Selbstverständlich kann das ein moderner Philosoph, wie Husserl es ist, nicht ohne weiteres zugeben, aber man kann es in seiner Psychologie und in alle dem, was in ihm so zutage tritt, verfolgen.
Nun weiß ich nicht, wie Fräulein Matthes darüber denkt - ich muß gestehen, als ich meine «Rätsel der Philosophie» in der neuen Auflage abfaßte und versuchte, ein wenig diese neueren Richtungen zu verarbeiten, da stand ich immer wieder vor der Frage: Was soll man nun mit dem Husserl eigentlich machen? - Es ist tatsächlich so, wenn man sich noch so sehr bemüht, etwas heranzuholen, um ihm irgendwie beizukommen, ihn zu fassen, man kriegt es nicht fertig; es kommt nichts Besonderes dabei heraus. Es ist mir so stark aufgefallen, wie Husserl im Grunde genommen in Worten kramt, wie er auch bei aller seiner Wesensschau und so weiter ganz abhängig ist von dem sekundären Wortinhalt und wie er nicht zu einem wirklichen Schauen auch nur der einfachsten Bewußtseinstatbestände
502 kommen kann. Es ist zum Beispiel für Husserl, wie es scheint, eine Unmöglichkeit, darauf zu kommen, was für ein Unterschied ist zwischen dem Bilde vom Kölner Dom, das ich nur in der Erinnerung, aber bis in die Einzelheiten, vermerkt habe im Bewußtsein, und dem Bilde, das ich vor mir habe, wenn ich dann vor dem Kölner Dom stehe und ihn wirklich anschaue. Also ich wüßte nicht, wo aus der ganzen Struktur der Husserlschen Philosophie ein Unterschied zwischen diesen zwei Bildern als wesentlich wirklich aufzufinden wäre. Und wenn ich nicht irre, hat sogar Husserl selbst dieses Bild vom Kölner Dom in diesen zwei Beziehungen einmal gebraucht, ich glaube zur Illustration. Man kommt eigentlich aus seinem Gewirre durch alle möglichen Auseinandersetzungen nicht zu irgend etwas Greifbarem.
503 Dieses Gefühl habe ich auch, wenn ich die ja zuweilen recht schönen Abhandlungen von Scheler ins Auge fasse. Scheler ist ein begabter Mensch, aber ich frage mich doch immer, warum Scheler - der zum Beispiel über die unmittelbare Wahrnehmung des Fühlens, also über das unmittelbare Erleben des Mitgefühles sehr schöne Abhandlungen geschrieben hat -, warum er nicht dazu kommt, nun wirklich eine selbständige Weltanschauung irgendwie zu gewinnen? Warum katholisiert er so furchtbar stark? Warum sucht er die Anlehnung an den alten Katholizismus? Das ist etwas, was mir doch zeigt, daß diese Philosophen Brentanoschüler sind.
504 Brentano hat von seiner Philosophie nur [… Lücke in den Aufzeichnungen der Stenographin], weil er nicht einmünden konnte in eine wirkliche Geisteswissenschaft. Das wollte er nicht, das konnte er auch nicht. Und nicht wahr, so stark war wiederum Brentano, daß er selbst nicht wiederum einmündete in den Katholizismus, aber seine Schüler katholisieren eigentlich furchtbar stark, wenn sie einen Anschluß suchen wollen für ihre Weltanschauung.
Was nun die Badenser betrifft - Windelband, Rickert und einige andere -, so scheint mir die ganze Sache darauf zu beruhen, daß eine furchtbare Einseitigkeit in der Auffassung der Wirklichkeit vorliegt. Nicht wahr, die Leute wissen sich ja gar nicht mehr zu helfen mit der Philosophie und möchten sich retten, indem sie sogar das Wertproblem absondern. Sie sondern es so ab, daß sie dann nicht nötig haben, über das Verhältnis des Wertes zu sich irgendwie sich Aufstellungen zu machen. Sie kristallisieren gewissermaßen das Wertproblem heraus aus dem Umfang der Weltprobleme und lehnen sich an John Mackay an, ohne daß sie eine Verpflichtung fühlen, den Wert in die Strömungen des Seins irgendwie einzugliedern. Das wird auch ganz und gar unmöglich sein, solange wir nicht in kürzester Zeit überwinden das ertötende Gesetz von der Erhaltung der Energie und des Stoffes. Denn man muß sich klar werden darüber, daß mit dem Werte irgend etwas gegeben ist, was keimhaft ist für Zukunftswerte, was da ist, wenn das Gegenwärtige abgefallen ist, man muß also dazu kommen, den Stoff und die Kraft als vergänglich zu denken und die Früchte, die Keime, die sie in sich haben, als Werte anzusehen - erst dann wird man ein weiteres Bild von diesen Problemen, von Wertproblemen aus gewinnen können. Dazu fehlt es heute an Courage. Es fehlt natürlich den Leuten vollständig die Courage, das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes irgendwie anzugreifen. Es sind einzelne, zaghafte Versuche da - der Drews weist zuweilen immerhin darauf hin, wie das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft ja doch nur eine Art Erfahrungsproblem ist und dergleichen -, aber eine durchgreifende Einsicht wird man kaum finden auf diesem Gebiet.
505 In bezug auf Nelson und seine Richtung, da wird man vielleicht nicht übersehen dürfen, daß die Leute ausgegangen sind von Hegel und dem von ihm als «Vater aller Seichtigkeit» angesehenen Fries, denn die Leute waren ja doch zunächst alle Friesianer, nicht wahr, es ist ja zunächst eine Fries-Schule gewesen. Und nun darf man nicht vergessen, daß da sehr stark in Betracht kommt, was ich immer wieder betone: Man kann ein außerordentlich scharfsinniger Logiker sein - das ist ja Nelson zweifellos -, aber für wirkliche Lebensprobleme, da reicht es durchaus nicht aus. Ich muß sagen, als er damals sprach auf dem Bologneser Kongreß 1911, da war er unter all den verschiedenen illustren Philosophen, unter denen auch Bergson war, an dialektischer Kraft und an solider handwerkmäßiger Handhabung des Denkens eigentlich der allerausgezeichnetste. Aber dann, namentlich als ich den Nelson wiedersah vor kurzer Zeit in Bern, da habe ich doch das Gefühl bekommen, da reicht es durchaus nicht aus für wirkliche Lebensprobleme, da mündet es in eine Abstraktheit - die eigentlich ziemlich schauderhaft ist, die aber von Fräulein Matthes ausgezeichnet charakterisiert wurde -, indem er versucht, aus einem abstrakten Satz heraus eine Ethik in drei Bänden zu gewinnen. Das kann man nämlich; man kann ein ausgezeichneter Dialektiker sein, ohne den geringsten Wirklichkeitssinn zu haben. Das zeigt sich auch daran, wie der Nelson das Erkenntnisproblem behandelt, nicht wahr, es ist ihm ja schließlich ziemlich einerlei, ob man das Erkenntnisproblem so behandelt wie viele Neukantianer, die eigentlich ausgehen von ganz sekundären Sachen.
506 Sehen Sie, es war vielleicht 1888, da saß ich einmal in Berlin bei Eduard von Hartmann, und das Gespräch drehte sich eigentlich fast ganz ausschließlich um die Grundfragen der Erkenntnistheorie. Nun, es war wirklich Eduard von Hartmann gar nicht beizukommen nach dieser Richtung hin. Also ich vertrat die Meinung, daß, wenn man von der Vorstellung spricht, man zunächst meinetwillen ja durchaus sagen kann, die Vorstellung sei etwas Subjektives, daß es aber nicht möglich ist, dabei zu bleiben, wenn man fortgeht in den Anschauungen. Nicht wahr, ich habe es hier neulich einmal damit verglichen, daß ich sagte: Wenn jemand einen Buchstaben nimmt, E oder irgend etwas, so kann er nicht die abstrakte Frage aufwerfen, was dieser einzelne Buchstabe an sich bedeute. Aber wenn man Buchstaben hat, die sich dann zu Worten verbinden und die Worte sich zu Sätzen verbinden, dann rundet sich das Ganze. Und so kann man sagen: Gewiß, wenn man bloß ein kleines Ding aus der Phänomenologie herausnimmt, da wird das Problem, wie sich dieses Einzelne nun zu dem Ding an sich verhält und so weiter immer wieder eine Art Lebensproblem. Aber wenn man die Phänomene miteinander verbindet, ergibt sich eine gewisse Struktur, und man kann schon über eine gewisse Sphäre von Phänomenen in bezug auf die Realität nicht mehr dasselbe denken, wie man über einzelnes denken kann. An solchen Dingen gehen dann solche Nicht-Erkenntnistheoretiker wie der Nelson ganz vorbei. Es ist schon wirklich ganz einerlei, ob nun auf der einen Seite gegen die Erkenntnistheorie gesagt wird, wie Hegel gesagt hat: Man kann doch nicht erkennen, ohne zu erkennen, denn das wäre dasselbe, wie wenn man schwimmen lernen wollte, ohne sich ins Wasser zu begeben -, oder ob man auf der anderen Seite sagt: Um ein Erkenntnisproblem auf zuwerfen, müßte ja schon eine Erkenntnis da sein. - Es handelt sich ja dabei wirklich darum einzusehen, daß das Erkenntnisproblem noch immer ein ganz gültiges Problem sein könnte, trotzdem es ein gewisses Erkennen schon voraussetzt. Es könnte nämlich Erkennen zunächst geübt werden, und dann hinterher könnte es betrachtet werden, und man könnte eben hinterher kritisch - oder wie man es nennen will
507 - festlegen, ob das Erkennen ein gültiges ist oder nicht. Also eine Erkenntnistheorie würde niemals durch die Nelsonschen Argumente aus der Welt geschafft werden können.
Also diese Dinge, die sind da. Es könnten noch andere Bilder gegeben werden, noch einige bemerkenswerte philosophische Richtungen erwähnt werden. Ich erwähne nur, daß zum Beispiel der Pragmatismus auch in Deutschland eine ganz große Summe von Anhängern hat, daß auch der Neuthomismus immerhin eine gewisse Bedeutung in der Gegenwart hat, namentlich unter katholisierenden Philosophen, wenn er auch nicht bemerkt wird, weil ja Spaltungen bestehen und weil man sich nicht kümmert, was die einen hervorbringen, wenn man im Kreise der anderen lebt.
508 Aber alle diese Richtungen, sie stehen eigentlich heute vor der Notwendigkeit, einen Übergang zu finden zu einer Realität, aus dem bloßen Formalen herauszukommen. Wenn man Eucken hört oder liest - jedes Buch von Eucken sagt ja ungefähr wieder dasselbe -, so ist es wirklich so, als wenn jemand nicht auf dem Erdboden stünde, sondern fortwährend in der Luft schwebend sich selber an seinen Haaren in die Luft zöge. Es ist ein Herumreden aus einem Nichts heraus. Das ist gerade bei Eucken so außerordentlich hervorstechend. Und man muß sagen, wenn man das anschaut, was da ist und was nun so gar nicht den Anschluß finden kann an eine Realität, so kann man begreifen, daß die Jugend, die wirklich die Tendenz hat, etwas über den Weltzusammenhang in sich aufzunehmen, daß diese Jugend doch nicht zu ihrem Rechte kommen kann und schließlich wirklich enttäuscht werden muß, veröden muß. Es ist eigentlich auch wirklich recht traurig bestellt, wenn man sieht, wie so wenig dasjenige, was aus den letzten Entwicklungsmomenten heraus an die Oberfläche gebracht worden ist, geneigt ist, dieser Sehnsucht der Tugend entgegenzukommen. Nicht wahr, da hören die Studenten vielleicht gerne irgend etwas, aber was sie da hören können, ist eigentlich wirklich nicht zum Anhören. Und was dann weiter geschieht, das ist im Grunde genommen schrecklich.
Also an einer deutschen Universität versuchte man, einen Mann, der eigentlich gutwillig ist, der aber eben doch aus dem ganzen letzten System heraus kam, den versuchte man zu interessieren für die Dreigliederung. Da hat er sich dazumal aufgeschwungen, um die Dreigliederung kennenzulernen, einem Studenten, der bei ihm das Examen machen wollte, eine Dissertation über die Dreigliederung zu geben, denn er ersparte sich dadurch das Selbstlesen der «Kernpunkte». Er korrigierte dann die Dissertation und glaubte, indem er im Verlaufe seiner Amtstätigkeit nun mit den Ideen der «Kernpunkte» bekannt wird, auf diese Weise eben die Dreigliederung kennenzulernen; denn sonst, direkt, tut er es nicht. Das erinnert mich lebhaft daran, wie einmal an einer Universität ein Student seinen Professor gefragt hat über Solovjeff. Nun, der Professor wußte kaum den Namen, aber er sagte sich: Da ist ja die beste Gelegenheit, daß ich ihn auch kennenlerne. [Und dem Studenten
509 sagte er:] Machen Sie eine Dissertation darüber. - So ist es also an einer deutschen Universität, wenn eine Dissertation über Solovjeff gemacht werden soll. Der Professor hatte in diesem Augenblick, als er die Dissertation gab, keine Ahnung von Solovjeff - später auch nicht, er wußte nicht mehr, als was er aus der Dissertation selber entnommen hatte.
510 Es ist kaum zu schildern, in welchen Zustand wir allmählich eingelaufen sind. Und mit diesen Zuständen hat engste Beziehungen das Unterstelltsein der geistigen Gebiete unter die staatliche Struktur. Und das, was helfen kann, ist nur ein wirklich emanzipiertes, freies Geistesleben. Nur auf dem Boden des freien Geisteslebens kann irgend etwas von dem gelingen, was heute, wo die Not so groß ist, von den Studenten eigentlich gesucht wird. Hier in der Schweiz weiß man es ja nicht; man kennt nicht die Not. Es ist wirklich viel schwieriger, viel schlimmer, als man denkt. Und das ist es, was ich immer versuche, auch in meinen anthroposophischen Betrachtungen, unseren Freunden darzulegen: daß es viel schlimmer ist, als man denkt. Wenn es irgendwie gelingen könnte, eine genügend große Anzahl von Menschen zu durchdringen auf der einen Seite mit Ideen der Geisteswissenschaft, auf der anderen Seite aber mit dem, was für das öffentliche Einführen der Geisteswissenschaft notwendig ist, mit den Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus, so würde man einen gewichtigen Schritt wirklich vorwärts machen können.
511 Auch das, was heute von Fräulein Matthes vorgetragen worden ist, kann Ihnen ein voller Beweis dafür sein, daß ein völlig neuer Einschlag notwendig ist, daß wir nicht fortwursteln können in dem, was sich heraufentwickelt hat. Wir brauchen einen neuen Einschlag in unserem öffentlichen Leben, ohne den kommen wir nicht weiter.
Der Bruch [im geistigen Leben] ist eigentlich schon verhältnismäßig früh geschehen. Sehen Sie, es darf vielleicht doch darauf aufmerksam gemacht werden, daß die großen Philosophen keine großen Schüler mehr gefunden haben. Nehmen Sie alle die Schüler Hegels - die Hennings und Marheinekes und so weiter, Michelet heißt der eine -, nehmen Sie die alle, sie sind ja zusammenzuklauben zunächst unter denjenigen, die den Hegeischen Nachlaß herausgegeben haben, und nehmen Sie dann, was eigentlich gleich entstand, den reaktionären Kurs dieser Weisen, oder nehmen Sie Immanuel Hermann Fichte, und nehmen Sie dann in der Philosophie alle, die solche Philosophen waren wie Carriere und so weiter, selbst Friedrich Theodor Vischer, der ein Draufgänger in vieler Beziehung war, so muß man doch sagen: Es hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein starker Bruch stattgefunden im geistigen Leben als solchem. Und statt daß in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland, wo es natürlich gewesen wäre, daß ein wirkliches Hineingehen in das geistige Leben stattgefunden hätte, wurde namentlich die deutsche Philosophie überschwemmt mit allem möglichen, was weniger war als die deutsche Philosophie. Geistigkeit war eigentlich vorhanden; was fehlte, war Wirklichkeitssinn.
512 Sehen Sie, ich habe einen Philosophen gekannt, der eigentlich gar keine Rolle gespielt hat, der aber wahrhaftig gescheiter war als viele, die eine Rolle gespielt haben, das war Gregor Itelson. Der hat eigentlich als Dialektiker alle in die Tasche gesteckt, und Sie können sicher sein, er würde auch den Nelson bei einer Diskussion leicht in die Tasche stecken. Gregor Itelson konnte, wenn er wollte, glänzend denjenigen abführen, der in einer solchen Weise wie zum Beispiel der Pater Wasman redete. Als der einmal in Berlin aufgetreten war - es war bei Gelegenheit dieser Leben-Jesu-Bewegung, 1905 oder so, Anfang des 20. Jahrhunderts war es jedenfalls -, da hat der Gregor Itelson eine Glanzrede gegen den Jesuitenpater Wasman gehalten. Aber ich habe jetzt in jüngster Zeit auch gerade wiederum reden gehört, daß der Gregor Itelson, als es sich darum handelte, daß ein Monist seine Weltanschauung verteidigt hat, alles in der glänzendsten Weise zum Niederwerfen des betreffenden Monisten getan hat. Aber ich habe nie vernommen, daß Gregor Itelson irgendeinen eigenen positiven Gedanken vorgebracht hätte. Ein glänzender Dialektiker - aber keine irgendwie gearteten positiven Gedanken! Ich habe mit ihm einmal eine Diskussion gehabt, vielleicht 1901 oder 1902. Ich sagte ungefähr: Das, was Sie heute wieder gesagt haben, ist ja schön, aber warum haben Sie denn noch niemals irgend etwas gesagt, was Ihre eigene Anschauung ist? - Ja, sagte er, daran arbeite ich ja; ich arbeite seit meiner Jugend an einer Revision der Logik, aber ich bin noch nicht fertig. - Wenn man heute die Leute reden hört, überall, ob es nun Naturwissenschafter sind oder Theologen sind und so weiter - er hatte recht, man kann ihnen ja überall Fehler in der Logik nachweisen. Und er sagte: Wir brauchen nicht eine Revolution der Logik, wir brauchen nur eine Revision der Logik. - Dann sagte er noch, als wir etwas weiter sprachen: Aber diese Revision der Logik, sie ist eigentlich gar nicht so schwer, man kann sie auf zwei Quartseiten aufschreiben. - Ich sagte: Ja, schreiben Sie doch endlich diese zwei Quartseiten. Warum müssen es denn gerade zwei Quartseiten sein? - Aber er hat sie bis heute nicht geschrieben, wenigstens ist sie mir nicht irgendwie vor Augen gekommen.
513 Es fehlt nicht an Logik, es fehlt nicht an Dialektik. Nicht wahr, in der Zeit, in der ich Itelson kannte, da stand er um 10 Uhr morgens auf, ging dann ins Kaffeehaus, las seine Zeitungen; dann ging er zum Mittagessen, dann ging er wieder ins Kaffeehaus, und wenn man nach irgendeinem Vortrag in das Kaffeehaus kam, da traf man auch ihn wieder an. Er war ein Bummler, konnte aber außerordentlich anregend auch noch um 12 Uhr nachts zum Beispiel über die Unmöglichkeit der Maeterlinckschen Ideen reden. Und solch ein Mensch wie Nelson, der unterscheidet sich von solchen Dialektikern wie Itelson nur dadurch, daß er unverfrorener ist, daß er also mehr auf seine Beine sich stellt, unverfrorener auftritt, kein Bummler ist, ein fleißiger Mensch, eine geistige Kapazität. Nelson hat in gewisser Beziehung eine brutale, keine sehr weitmaschige [Denkweise], gar nicht die geringste Finesse im Denken. Es ist eigentlich traurig im Grunde genommen, daß eine ganze Anzahl von jungen Leuten sich heute ins Schlepptau von Nelson nehmen lassen.
514 Dazu gehören auch Leute wie der Mühlestein, der in Basel in der Diskussion nach einem Vortrag aufgetreten ist und meinte, die Dreigliederung sei doch nicht möglich, man müsse alles zu einer Einheit vereinigen. Ich erwiderte darauf, daß das Recht schon auch im Geistesleben und im Wirtschaftsleben sei; ich sagte: Ja, die Einheit ist zum Beispiel eine bäuerliche Familie, zu der man rechnen kann den Bauern, die Bäuerin, die Kinder, die Knechte und auch die Kühe. Wenn die Kühe ordentlich Milch geben, so wird die ganze Familie Milch haben. Man braucht deshalb nicht zu verlangen, daß alle Glieder der Familie Milch geben. Und so ist es auch in der sozialen Dreigliederung: Wenn bloß der politische Staat das Recht besorgt, so wird das Wirtschaftsleben und das Geistesleben das Recht schon auch haben. Ebensowenig wie die Bäuerin oder der Bauer selber Milch zu geben brauchen, damit die Familie einheitlich mit Milch versorgt ist, ebensowenig braucht das Wirtschaftsleben und das Geistesleben Recht hervorzubringen. - Also solche Gedanken, die da auftreten, die sind, wenn man sie ein wenig mit Wirklichkeitssinn durchdringt, sehr leicht aus den Angeln zu heben. Und so ist auch das meiste bei Nelson, besonders in seinen ethischen und politischen Anschauungen.
Dasjenige also, worauf jede solche Betrachtung doch hinweist, das ist, daß wir heute vor allen Dingen brauchen den Mut, den Fluß zu überspringen und wirklich in die Geisteswissenschaft hineinzudringen. Dann wird, wie Fräulein Matthes ganz richtig gesagt hat, auch Philosophie wiederum etwas sehr, sehr Fruchtbares werden können. Philosophie wird selbstverständlich ohne Geisteswissenschaft immer etwas bleiben, was mindestens nicht in die Praxis des Lebens eingreifen kann und was sich auch nicht ausweisen kann, daß es eine solide Grundlage hat. Philosophie ohne Geisteswissenschaft kommt heute doch nur zu einem leeren Formalismus, kommt nicht zu einem Inhalt.
515 Das ist dasjenige, was ich vielleicht noch hinzufügen durfte zu dem, was Fräulein Matthes gesagt hat. Wir dürfen Fräulein Matthes gewiß sehr dankbar sein, daß sie gerade dieses Thema in einer so ausgezeichneten und anschaulichen Weise heute vor uns aufgeworfen hat.



AUS DEN FRAGENBEANTWORTUNGEN

während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses

Erster Gesprächsabend, Dornach, 4. Oktober 1920

516 Vorbemerkung: Während des dreiwöchigen ersten «anthroposophischen Hochschulkurses» (26. September bis 16. Oktober 1920 in Dornach), bei dem außer Rudolf Steiner 30 Vertreter der verschiedensten Fachrichtungen Vorträge hielten, fanden auch drei Gesprächsabende statt, und zwar am 4., 6. und 15. Oktober 1920. Bei diesen sogenannten «Konversationen über Geisteswissenschaft» konnten Fragen über beliebige Themen gestellt werden, auf die Rudolf Steiner dann mehr oder weniger ausführlich einging. Die Gesprächsabende sind von den Stenographen nicht in ganzer Länge und zum Teil lückenhaft festgehalten worden.

Rudolf Steiner: Meine sehr verehrten Anwesenden! Ich stelle mir vor, daß wir heute in einer Art Konversation allerlei Fragen und dergleichen erörtern, die sich bei dem einen oder anderen der verehrten Zuhörer an das anknüpfen, was hier als Anthroposophie in den letzten Tagen entwickelt worden ist. Obwohl Ihnen, wie ich heute versuchte zusammenzustellen, im Laufe dieser drei Wochen an hundert Vorträge geboten werden sollen, ist es ja nicht möglich, das eine oder andere Thema mehr als nur skizzenhaft zu berühren. Was Ihnen hier gegeben werden kann, können ja zunächst nur Anregungen sein, Anregungen, die aber vielleicht zeigen werden, daß die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht schlechter fundiert ist als das, was man im äußeren Leben der heutigen strengen Wissenschaft entnimmt, ja, daß sie alle methodische Disziplin dieser Wissenschaft in sich aufnimmt und eben auch dasjenige wahrnimmt, was als eine große Forderung der Zeit dasteht, die Forderung nach Weiterentwicklung. Diese Forderung nach Weiterentwicklung ergibt sich aus dem Grunde, weil namentlich diejenigen Impulse des wissenschaftlichen Lebens, die Großes hervorgebracht haben in der abgelaufenen Epoche, eben heute durchaus im Absterben begriffen sind und in den Niedergang unserer Zivilisation hineinführen müßten,
517 wenn nicht ein neuer Einschlag kommen würde.
518 Das, was nun an Anregungen gegeben worden ist für einen solchen neuen Einschlag, kann gewiß bei einer solchen Besprechung, wie sie heute stattfinden soll, nach den verschiedensten Richtungen hin ergänzt werden, und für eine solche Ergänzung bitte ich Sie jetzt mitzutun. Ich bitte, Fragen zu stellen, Wünsche zu äußern und überhaupt alles vorzubringen, was Sie eben vorbringen wollen. Die Fragen können ja am besten schriftlich gestellt werden, und ich bitte, diese Gelegenheit reichlich zu nützen.

Herr Conrad: Die Frage, die ich zu stellen habe, bezieht sich auf ein therapeutisches Gebiet. Herr Dr. Steiner hat in seinen Vorträgen auf gewisse Krankheiten hingewiesen, die gerade in der Gegenwart sehr zahlreich auftreten. Es gibt da nun gewisse seelische Störungen, bezüglich derer ich für eine Antwort über die tieferen Ursachen sehr dankbar wäre. Es handelt sich dabei hauptsächlich um Sprachstörungen. Ich bemerke, daß durchaus nicht persönliche Interessen von mir mitspielen, sondern ich frage nur, insofern pädagogische Interessen hineinspielen. Ich bin schon mehrmals von Lehrern gefragt worden, was bei Sprachstörungen zu tun sei. Bei dieser Frage, die ja in das therapeutische Gebiet hineingeht, möchte ich aber nicht Fragen anregen, die nur Krankheiten betreffen. Ich wäre für die Beantwortung sehr dankbar, weil mir diese Frage sehr brennend in der Gegenwart zu sein scheint.
519 Rudolf Steiner: Wir können ja vielleicht gerade von der Beantwortung dieser Frage den Ausgang nehmen. Man muß, wenn dergleichen Spezielles in Frage kommt, natürlich berücksichtigen, daß solche speziellen Störungen im menschlichen Organismus die mannigfaltigsten Ursachen haben können und daß es gerade dann, wenn man auf die wahre Ursache eingehen will, außerordentlich schwierig ist, über diese Dinge im Allgemeinen zu sprechen. Bei allen solchen Dingen, meine verehrten Anwesenden, handelt es sich eigentlich darum, daß man sich durch Geisteswissenschaft in die Lage versetzt, den einzelnen Fall in der richtigen Weise zu beurteilen. Und da möchte ich etwas sagen, was vielleicht eine viel allgemeinere Bedeutung hat, als es diese Frage erheischt.
Sehen Sie, wir leben in einem Zeitalter des Abstrahierens, in einem Zeitalter, wo man es liebt, die mannigfaltige Welt, die vielgestaltige Welt auf wenige Formeln zurückzubringen, wo man es liebt, abstrakte Gesetze aufzustellen, die weite Gebiete des Daseins umfassen. Sie können dies dann nur in abstrakter Weise unter Hinweglassung gerade des Individuellen umfassen. Geisteswissenschaft wird insbesondere nach dieser Richtung hin einen bedeutsamen Wandel zu bringen haben. Sie wird weniger schwelgen in den Vereinfachungen des mannigfaltigen Daseins, sie wird ja herantragen Erkenntnisse über das konkrete Geistige. Dadurch aber, daß man an das konkrete Geistige herankommt, regt man sich mit Bezug auf seine Seelenverfassung überhaupt so an, daß Beobachtungsvermögen und Urteilsvermögen gestärkt, gekräftigt werden. Das wird sich schon zeigen im allgemeinen sozialen Verkehr der Menschen. Ein gutes Stück der sozialen Frage liegt heute eigentlich darin, daß wir gar keine Neigung mehr haben, den Menschen, an dem wir vorbeigehen, wirklich kennenzulernen, weil unser Inneres eben nicht jene Anregungen hat, die es ihm ermöglichen, das Individuelle, das Besondere richtig ins Auge zu fassen. Da wird Geisteswissenschaft eben etwas anderes schaffen. Da wird Geisteswissenschaft unser Inneres wieder reich machen, wird es befähigt machen, auf das Besondere einzugehen. Und so wird sich das Beobachtungsvermögen, das Unterscheidungsvermögen und all das besonders ausbilden. Daher werden wir weniger Lust bekommen nach abstrakten Verallgemeinerungen, dagegen
520 mehr Lust bekommen nach dem Besonderen, dem Einzelnen. Wir werden uns gewissermaßen mehr an das Exemplarische als an das Abstrakte halten. Und insbesondere wenn man es mit so etwas zu tun hat wie mit körperlichen Störungen, mit Sprachstörungen, so muß man sagen: Fast liegt ja jeder einzelne Fall anders - es ist ja natürlich etwas übertrieben, aber doch im allgemeinen gültig -, fast liegt jeder einzelne Fall anders, und mindestens muß man Typisches unterscheiden.
521 Man muß sich klar sein darüber, daß ein Teil desjenigen, was Sprachstörungen hervorruft, natürlich organisch bedingt ist, das heißt in einer gewissen Weise auf der mangelnden Ausbildung dieses oder jenes Organes beruht. Aber eine ganze Reihe von solchen Störungen kommen in der Gegenwart allerdings davon her, daß gerade die geistig-seelischen Kräfte des Menschen nicht in der richtigen Weise entwickelt werden. Und es darf sogar gesagt werden, daß, wenn eine richtige Entwicklung der geistig-seelischen Fähigkeiten des Menschen im kindlichen Lebensalter durch Pädagogik erreicht werden kann in der Zeit, in der der menschliche Organismus noch biegsam ist, auch organische Störungen bis zu einem gewissen Grade überwunden werden können; sie können da leichter überwunden werden als in einem späteren Lebensalter, wo der Körper mehr verfestigt ist. Unser ganzes Erziehungswesen ist ja im Grunde genommen allmählich zu einem Betriebe in Abstraktheit geworden. Unsere Pädagogik leidet nicht etwa an schlechten Grundsätzen. Wir haben im allgemeinen, wenn wir auf die abstrakte Behandlung der pädagogischen Prinzipien sehen, große, bedeutsame Leistungen im 19. Jahrhundert aufzuweisen gehabt. Und wenn man auf die heutige abstrakte Anwendungsweise hinsieht, wie man dies oder jenes tun soll in der Schule, so wird man sagen müssen, da bedeutet wirklich die Pädagogik des 19. Jahrhunderts ganz Gewaltiges. Aber grade die Kunst, auf das einzelne Kind einzugehen, die besondere Entwicklung des einzelnen Kindes zu bemerken, das ist etwas, was durch das Zueilen zur Intellektualität und zur Abstraktheit in der neueren Zeit verloren gegangen ist. Wir sind durch die abstrakte Pädagogik gewissermaßen nicht mehr fähig, in der richtigen Weise das Geistig-Seelische des Kindes zu erkraften. Glauben Sie nicht, daß, wenn man eine solche Forderung aufstellt, man etwa wiederum in einseitiger Weise nur nach einer weltfremden Seelen- oder Geisteserziehung hinweisen möchte -o nein. Es ist vielleicht heute paradox erscheinend, aber es ist tatsächlich so, daß der Materialismus das tragische Schicksal gehabt hat, daß er gerade die materiellen Erscheinungen nicht bewältigen konnte. Das beste Beispiel dafür ist, daß wir solche psychologischen Theorien wie den psycho-physischen Parallelismus haben. Da hat man auf der einen Seite die menschliche Leiblichkeit, die
522 man nur danach kennt, wie sie die Anatomie befriedigt, die lediglich am Leichnam lernt, da haben wir auf der anderen Seite ausgedachte oder sogar nur mehr in Worten lebende Theorien über das Seelisch-Geistige, und da denkt man dann nach, wie dieses Seelisch-Geistige, das nun gar keine Ähnlichkeit mehr hat mit dem Physisch-Leiblichen, wie dieses Seelisch-Geistige auf das Physisch-Leibliche wirken soll.
523 Geisteswissenschaft wird gerade dahin führen, daß man wiederum konkret auf das Leibliche wird eingehen können, daß man wiederum solche Dinge wissen wird wie die, die ich schon gestern im Vortrage angedeutet habe und deren Wichtigkeit ich hier noch einmal erwähnen möchte: In uns als Menschenwesen wirkt von der Geburt bis zum Zahnwechsel etwas, was wir eine Summe von Gleichgewichtskräften nennen können, die uns durchorganisieren, und etwas, was bewegliche Kräfte sind, was Lebenskräfte sind. Das wirkt in unserem Organismus besonders stark innerhalb dieses menschlichen Lebensalters. Dasjenige, was da im Menschen wirkt, das ist es wirklich, was dann die zweiten Zähne, ich möchte sagen herausstößt, was seinen Abschluß findet im Herausstoßen der zweiten Zähne, was für seine Wirksamkeit im Organismus bis zu einem gewissen Grade - es dauert natürlich fort -, aber bis zu einem gewissen Grade zum Abschluß kommt mit dem Erscheinen der zweiten Zähne. Es verwandelt sich dann in das, was wir nennen können mathematisches, geometrisches Denken, was wir nennen können Denken über die Gleichgewichtsverhältnisse im Räume, Denken über die Bewegungsverhältnisse im Räume, was wir nennen können Sich-Finden in den Lebensverhältnissen im Räume und in der Zeit. Das, was da herauskommt, was gewissermaßen aus einem Zustand der Latenz in einen Zustand der Freiheit übergeht, das studieren wir dann, wenn es eben frei geworden ist. Da haben wir es als Geistig-Seelisches, als ganz konkretes Geistig-Seelisches, wie wir es heraufwachsen sehen im Kinde, wenn der Zahnwechsel beginnt und weiter in die späteren Lebensjahre hinein. Und nun schauen wir das an und sehen: Das, was da geistig-seelisch ist, das wirkt in den ersten sieben Lebensjahren organisierend im Leibe. Und wiederum studieren wir den Zusammenhang eines Geistig-Seelischen mit der physischen Organisation, wenn wir das ins Auge fassen, was der Mensch dann
524 - allerdings bewußt nur in der Inspiration - erleben kann, das heißt, was er mit dem gewöhnlichen Bewußtsein dann erlebt, aber doch unbewußt erlebt in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife. Es ist das mehr ein Hineintauchen in die physische Leiblichkeit, wo es in seinem Verlaufe zunächst als hauptsächlichste Erscheinung - aber es sind auch andere da - den Liebestrieb erweckt, wo es den Schlußpunkt macht zum Beispiel beim männlichen Geschlecht mit der Veränderung der Stimme, beim weiblichen Geschlecht mit etwas breiteren Wirkungen. Das, was wir erkennen, wenn wir die Entwicklung der Gefühlswelt beobachten, wenn wir auch zum Beispiel speziell so etwas wie die Entwicklung des musikalischen Sinnes gerade in der Zeit beobachten, in der sich die Gefühlswelt entwickelt, das studieren wir wiederum als den Zusammenhang eines Geistig-Seelischen mit der physischen Organisation vom siebenten bis zum vierzehnten, fünfzehnten Jahre.
525 Kurz, Geisteswissenschaft stellt nicht die abstrakte Frage: Wie wirkt die Seele auf den Leib?, sondern sie studiert das konkrete Seelische, sie weiß, daß man auf das konkrete Seelische in bestimmten Lebensaltern hinsehen muß und wie es in anderen Lebensaltern gerade auf den Leib wirkt. Also sie verwandelt die abstrakte und dadurch so unbefriedigende Behandlungsmethode der heutigen Psychologie und Physiologie in ganz konkrete Methoden. Und im weiteren Verlaufe kommt man dann dazu, daß man durch die Geisteswissenschaft nicht nur im allgemeinen feststellen kann: in den ersten sieben Lebensjahren wirkt Gleichgewichtskraft, Bewegungskraft, Lebenskraft -, sondern man kann spezialisieren, wie dieses Geistige in den Organen sich äußert, wie dieses Geistige in Lunge, Herz, Leber und so weiter wirkt; man bekommt die Möglichkeit, wirklich lebendig hineinzuschauen in den menschlichen Leib. Da stellt sich als Erkenntnis des Materiellen etwas ganz anderes heraus, als der Materialismus das [erkennen] kann. Das Eigentümliche beim Materialismus ist das, daß er sich einer falschen, nämlich einer abstrakten, einer abgezogenen Geistigkeit hingibt. Das Eigentümliche der Geisteswissenschaft wird sein, daß sie gerade das Materielle in der richtigen Weise zu beurteilen vermag. Natürlich geht sie nach der anderen Seite auch in der richtigen Art nach dem Geistigen hin. Immer deutlicher sollte man diejenige Meinung bekämpfen, die von nebulosen Mystikern ausgeht, daß die Geisteswissenschaft etwas wäre, das auf Phantasmen in allgemeinen Redereien eingeht. Nein, Geisteswissenschaft geht gerade auf das Konkrete ein und möchte eine Anschauung liefern, wie das Geistig-Seelische bis in die einzelnen Organe hineinwirkt. Denn nur dadurch erkennt man das materielle Dasein, daß man das Wirken der Geistigkeit in konkreter Weise im materiellen Dasein kennenlernt. Aber durch solches konkretes Eindringen in den menschlichen Organismus erwirbt man sich - durch eine Art von Imagination, Inspiration und so weiter - allmählich eine Fähigkeit, ich möchte sagen eine Begabung, das Individuelle wirklich zu sehen und dann beurteilen zu können, wo irgendein besonderer Fehler liegt, wenn zum Beispiel Sprachstörungen vorliegen. Da wird in einem gewissen kindlichen Alter die Möglichkeit vorhanden sein, gerade durch besondere Sprachübungen auf die
526 Entwicklung der Sprachorgane zu wirken. Es handelt sich dabei darum, daß man gerade im rechten Lebensalter dasjenige bemerkt, dasjenige beobachten kann, was vielleicht an physischen Störungen vorliegt. Und obwohl einfach durch die äußeren Verhältnisse alle möglichen Hindernisse vorliegen - man erkennt ja heute nur dasjenige an und läßt es irgend welche Praxis ausüben, was amtlich abgestempelt ist nach dieser Richtung hin -, obzwar also alle möglichen Hindernisse vorliegen, so können wir doch sagen, daß zum Beispiel gerade bei Sprachstörungen manche schöne Resultate einfach dadurch erzielt worden sind, daß man rhythmische Sprachübungen hat machen lassen, daß man den besonderen Fehler erkannte, der vorlag, und daß man dann den Menschen mit dem fehlerhaften Sprachorganismus in diesem oder jenem Sprachrhythmus Dinge rezitieren ließ, immer wiederholen ließ, daß man ihn darauf verwies, sich besonders fühlend hineinzuverlegen in den rhythmischen Verlauf dieser oder jener Töne. Nach dieser Richtung hin kann man ganz besonders bedeutsame Behebungen oder auch wenigstens Erleichterungen in bezug auf solche Störungen bewirken.
527 Aber auch etwas anderes ist möglich. Man kann zum Beispiel bei Sprachstörungen besonders auf eine Regulierung des Atmungsprozesses wirken, eine solche Regulierung des Atmungsprozesses, die allerdings ganz individuell sein muß. Diese Regulierung des Atmungsprozesses kann man dadurch erreichen, daß man denjenigen, den man behandeln will, ein Gefühl entwickeln läßt zwischen dem innerlichen Hersagen, ja vielleicht nur Denken, aber breitem Denken, langsamem Denken gewisser Wortzusammenhänge [und dem Atmungsprozeß]. Da stellt sich das Eigentümliche ein, daß man, wenn man solche Wortzusammenhänge in der richtigen Weise formt, dann in dem zu Behandelnden, indem man sich hingibt an einen solchen Gedankenrhythmus oder innerlichen Wortrhythmus, daß man ihm ein Gefühl übermittelt: Bei diesem Worte und seinem Verlauf, seinem langsamen oder schnellen Verlauf, merkst du das an deinem Atem, er verändert sich nach dieser oder jener Weise, und dem gehst du nach. - Man bringt ihm in einer gewissen Weise dasjenige zum Bewußtsein, was sich als Parallelerscheinung des Atems ergibt für das Sprechvorstellen. Man bringt ihm das zum Bewußtsein. Und wenn er einem dann etwas darüber erzählen kann, dann versucht man wiederum weiter nachzuhelfen, so daß, wenn er einmal den Atmungsprozeß sich zur Bewußtheit gebracht hat, er nach und nach allein dahin gelangt, auch in bewußter Weise jetzt selbst, ich möchte sagen Wortzusammenhänge, die er sich bildet in diesem Atmungsprozeß, den er jetzt in einer gewissen Weise bewußt verfolgen kann, in entsprechender Art einschnappen zu lassen.
528 Also man hat sich die Sache so zu denken: Dadurch, daß man zunächst Rhythmen gibt, die, je nachdem die Sache so oder so liegt, innerlich zu denken sind, zu murmeln, zu flüstern oder laut herzusagen, ruft man bei dem Betreffenden hervor das Bemerken einer Veränderung des Atmens. Jetzt weiß er, der Atem verändert sich in dieser Weise. Und nun verbietet man ihm in gewissem Sinne, gerade dasjenige an Wort oder Gedankenmaterial zu gebrauchen, was man ihm gegeben hat. Man macht ihn darauf aufmerksam, daß er in sich selbst jetzt etwas Ähnliches bildet, und dann kommt er darauf, einen bewußten Parallelismus dieses ganzen inneren Denk- oder Wort- oder innerlichen Hör-Ablaufs von Worten mit dem Atemprozeß herbeizuführen, so daß ein gewisses Atmen immer einschnappt auf ein innerliches Vorstellen oder innerliches Hören von Worten. Dadurch gleicht sich sehr vieles von dem aus, was, ich möchte sagen eine schlechte Assoziation ist zwischen den Vorgängen, die mehr mentaler Art sind, mehr nach dem Seelischen hin liegen, indem man spricht, und denjenigen Vorgängen, die im Organismus als mehr materielle, als physische Vorgänge sich abspielen. Das alles wirkt ganz besonders günstig, wenn man es in der richtigen Kindheitsepoche anwendet. Und man kann schon sagen: Würden unsere Pädagogen bessere Psychologen sein, würden sie wirklich eine konkrete Erkenntnis des menschlichen Leibes aus dem Geiste heraus haben, so würden sie auch in einer ganz anderen Weise gerade pädagogisch auf die Sprachstörungen einwirken können.
529 Nun, man kann allerdings das, was ich da erwähnt habe, auch zu einer gewissen Therapie ausbilden und wird da manches sehr Günstige auch noch für das spätere Lebensalter leisten können. Von besonderer Wichtigkeit scheint mir aber auch zu sein - und da könnte schon auf gewisse Erfolge, die nach dieser Richtung erzielt worden sind, hingedeutet werden -, von besonderer Wichtigkeit scheint mir auch zu sein, daß solche Dinge geheilt werden können durch eine besondere rationelle Anwendung des Nachahmungsprinzipes. Dann aber muß man eine viel intimere, ich möchte sagen eine subjektiv-objektive Erkenntnis des ganzen menschlichen Organismus und seiner Teile haben.
Sehen Sie, die Menschen sprechen im Leben miteinander; aber sie merken im Leben wenig von den, ich möchte sagen imponderablen Wirkungen, die von Mensch zu Mensch ausgeübt werden beim Sprechen. Diese Wirkungen sind aber doch da. Wir sind heute so abstrakt geworden, daß wir eigentlich nur den anderen auf den Verstandesinhalt hin anhören. Die wenigsten Menschen haben heute ein Gefühl davon, was eigentlich gemeint ist, wenn ein mit etwas mehr psychisch-organischem Mitgefühl ausgestatteter Mensch, nachdem er mit einem anderen gesprochen hat, nun fühlt, wie er die Sprechweise des anderen in seinem eigenen Sprachorganismus bis zu einem hohen Grade bewußt mit weiterträgt. Die wenigsten Menschen haben heute ein Gefühl davon, was man nach dieser Richtung alles erlebt, wenn man hintereinander mit vier, fünf, sechs Menschen zu sprechen hat, von denen der eine hustet, der zweite heiser ist, der dritte einen anschreit, der vierte ganz unverständlich redet und so weiter, denn das alles macht der eigene Organismus mit; der vibriert fortwährend mit, der erlebt das alles mit. Und wenn man dieses Gefühl des Miterlebens der Sprache ausbildet, dann erlangt man allerdings ein starkes Gefühl, ich möchte sagen auch für die Abwehr. Da tritt das Eigentümliche auf, daß man gerade bei solchen Dingen, die so eng mit der Subjektivität des Menschen verbunden sind wie Sprachstörungen, dann herausfindet, in welcher Weise man jemandem vorsprechen muß, der an Sprachstörungen leidet, wie man ihm vorsprechen muß, damit er durch Imitation, durch Nachahmung manches erreicht. Ich habe Stotterer kennengelernt; wenn man ihr Stottern hat nachfühlen können
530 und ihnen dann namentlich Rhythmisches vorgesprochen hat, dann konnte man sie dahin bringen, daß sie wirklich - ich rede jetzt vergleichsweise
531 - so etwas erreichen konnten wie ein Vergessen ihres Stotterns, indem sie dem Vorsprechen gewissermaßen nachlaufen. Allerdings muß man dann das menschliche Mitgefühl bis in dieses Organische hinein entwickeln können. Es beruht überhaupt ungeheuer viel im Therapeutischen darauf, daß man vergessen machen kann das subjektive Erleben, das mit irgendeinem objektiven Vorgang verknüpft ist. Und namentlich ist zum Beispiel ein wirkliches Heilmittel für Sprachstörungen ganz besonders, wenn man die Zeit zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Jahre richtig anwendet, indem man möglichst die Sprachgestörten liebevoll zu einer solchen eben geschilderten Nachahmung bringt. Es ist ja so, daß man oft die Erfahrung macht, daß Stotterer manchmal drei Worte nicht ordentlich aussprechen können, ohne anzustoßen, nicht drei Worte ordentlich hintereinander herausbringen können. Gibt man ihnen nun eine Dichtung zu rezitieren, der sie ganz hingegeben sein können, die sie lieben können, und steht man gewissermaßen hinter der Sache als ein aufmerksamer Zuhörer, dann können sie ganze lange Strophenreihen sagen, ohne zu stottern. Daß man solche Gelegenheiten herbeiführt, wo sie so etwas tun, das ist etwas, was hier von psychischer Seite her ein ganz besonders gutes therapeutisches Mittel ist. Etwas Schlechtes erweist man gerade Menschen mit solchen Fehlern, wenn man sie durch irgend etwas äußerlich auf ihre Fehler hinweist. Ich hatte einen Freund, der auch Dichter war, der konnte sich immer in einer sehr explosiven Weise äußern, wenn irgendein taktloser Mensch kam, der ihn hinwies auf sein Stottern. Als ihn einmal jemand «taktvoll» fragte: Herr Doktor, stottern Sie immer so? - da sagte er: Nein, nur wenn ich einem gegenüberstehe, der mir durchaus unsympathisch ist.
532 - Ich hätte natürlich jetzt furchtbar stottern müssen, wenn ich es in Wirklichkeit hätte nachahmen wollen, wie diese Antwort gegeben wurde.
Dann aber wird man nach und nach erkennen, welch ein bedeutsames Heilmittel man gegen solche und ähnliche Fehler des menschlichen Organismus in der Eurythmie haben kann. Die Eurythmie kann, ich möchte sagen nach zwei Seiten hin verfolgt werden. Die eine Seite ist die, auf die ich immer in den Einleitungen aufmerksam mache, die ich zu den Vorstellungen gebe. Da zeige ich, wie durch sinnlich-übersinnliches Schauen an dem heutigen Menschen der Sprachorganismus mit seinen Bewegungstendenzen bewußt wird, die dann auf den ganzen menschlichen Organismus übertragen werden. Aber nicht wenig Bedeutung hat auch der umgekehrte Weg. Denn, sehen Sie, bei dem, was Ihnen heute von einem anderen Gesichtspunkt aus sehr gut vorgebracht worden ist von Herrn Dr. Treichler, bei der Sprachentstehung, spielt ganz zweifellos, ganz gewiß eine Ureurythmie der Menschen eine ganz bedeutsame Rolle. Die Dinge haben nicht den Klang gleichsam in sich in dem Sinne, wie es die Bim-Bam-Theorie behauptet, aber es besteht zwischen allen Dingen, zwischen dem ganzen Makrokosmos und der menschlichen Organisation, diesem Mikrokosmos, eine Beziehung, und im Grunde genommen kann alles, was äußerlich in der Welt geschieht, auch durch die menschliche Organisation in einer gewissen Weise gebärdenhaft in Bewegung nachgebildet werden. Und so haben wir denn fortwährend im Grunde genommen allen Erscheinungen gegenüber die Tendenz, sie durch unseren eigenen Organismus nachzubilden. Wir führen das nur mit dem physischen Organismus nicht aus, sondern wir führen es mit dem Ätherorganismus aus. Der Ätherorganismus ist in einer fortwährenden Eurythmie begriffen. Der ursprüngliche Mensch war viel beweglicher als der heutige. Sie wissen, dieses Sich-Entwickeln von der Beweglichkeit zur Ruhe, das bildet sich ja noch darin ab, daß es heute in gewissen Kreisen durchaus für ein Charakteristikum der Bildung angesehen wird, wenn man sich möglichst phlegmatisch verhält, während man spricht und mit möglichst wenig Gesten sein Sprechen begleitet. Es ist «angesehen» bei gewissen Rednern, die Hände immer in der Hosentasche zu haben, damit sie nur ja nicht mit ihren
533 Armen irgendwelche Gesten machen, denn es gilt als der Ausdruck einer besonders guten Redehandhabung, wenn man wie ein Klotz ruhig dasteht. Aber das, was da karikaturhaft zum Ausdruck kommt, das entspricht nur jenem Vorschreiten der Menschheit von der Beweglichkeit zur Ruhe, und wir müssen auf dem Urgründe der menschlichen Entwicklung in Urzeiten einen Übergang von einer gebärdenhaften Sprache, von einer Art Eurythmie, zu der Lautsprache konstatieren. Dasjenige, was im Organismus zur Ruhe gekommen ist, hat sich spezialisiert in den Sprachorganen, hat selbstverständlich erst die Sprachorgane eigentlich ausgebildet. Wie das Auge am Licht gebildet ist, so ist das Sprachorgan gebildet aus einer zuerst tonlosen Sprache. Und wenn man diese ganzen Zusammenhänge kennt, dann wird man nach und nach das Eurythmische ganz besonders gut verwenden können, indem man es ganz ordentlich einführt in das Didaktische, um entgegenzuarbeiten all dem, was sprachstörend eingreifen könnte. Und nach dieser Richtung hin wird es ja, wenn nur ein wenig Muße dazu vorhanden sein wird, eine sehr reizvolle Aufgabe sein, unsere jetzige, mehr künstlerisch und pädagogisch ausgebildete Eurythmie immer mehr und mehr auch nach der therapeutischen Seite hin auszubilden und eine Art Heileurythmie auszugestalten, die sich dann insbesondere auf solche therapeutischen Forderungen erstrecken wird, wie diejenige ist, von der hier gesprochen worden ist. Ich weiß nicht, ob es schon erschöpfend ist, was ich gesagt habe, aber ich wollte doch mit einigen Worten darauf eingehen. Es wird natürlich in derselben Progression, in der sich die Fragen häufen, in zunehmendem Sinne also, die Ausführlichkeit der Beantwortung abnehmen müssen.
534 Ein Teilnehmer fragt, wie das gemeint sei mit der Bewegung der Eurythmie in bezug auf den Ätherleib, ob er nach der geisteswissenschaftlichen Forschung dieselbe Form wie der Körper habe. Ist der Ätherleib lokalisiert beim Kehlkopf? Sind die Ungarn, von denen neulich erzählt wurde, die beim Kartenspiel in dem ungarischen Grenzort von Herrn Dr. Steiner beobachtet wurden, selber unter die Tische gefallen oder nur ihre Ätherleiber? War das ein Vorgang, den man nur am Ätherleib beobachten konnte?
535 Rudolf Steiner: Verstehen Sie mich richtig. Die Eurythmie ist so, daß sie im physischen Leibe und durch den physischen Leib das ausführen läßt, was sonst nur der Ätherleib des Menschen ausführt. Dadurch, daß der Mensch als Eurythmist mit seinem physischen Leib die am Ätherleib studierten Bewegungen ausführt, dadurch ist noch nicht gegeben, daß dann derjenige, der eurythmisierend dasteht, wenn er gerade irgendeinen abscheulichen Gedanken hat, diesen abscheulichen Gedanken nicht mit seinem Ätherleibe ausführt. Er kann also mit seinem äußeren, physischen Leibe die schönsten Bewegungen ausführen, und da tanzt dann der Ätherleib, seinen Emotionen folgend, unter Umständen in recht karikaturhafter Weise. Aber jene Menschen, die an der ungarischen Grenze kartenspielend neulich von mir charakterisiert worden sind, die habe ich natürlich durchaus nur nach dem Verlaufe ihres physischen Treibens charakterisiert. Ich habe nur gesagt, daß man die Leidenschaften in ihnen, die sie dazu geführt haben, solche Dinge über und unter dem Tisch auszuführen, sich nachher auch noch zu kratzen und zu zerfleischen, daß man diese Leidenschaften geistig-seelisch studieren konnte.
Ich möchte noch das folgende sagen. Nicht wahr, es ist im allgemeinen so, wenn man den ruhenden Menschen ansieht, daß der Ätherleib ruhig ist, nur etwas größer ist als der physische Leib. Aber das wird nur dadurch bewirkt, daß für den Ätherleib des Menschen, schematisch gezeichnet, der physische Leib nach allen Seiten verluftigend wirkt. Wenn der Ätherleib nicht vom physischen Leib in seiner Form gehalten würde, wenn er nicht vom physischen Leibe gebannt würde, dann würde er ein ganz bewegliches Wesen sein. Der Ätherleib hat an sich durchaus die Möglichkeit, nach allen Seiten hin sich zu bewegen, und er ist außerdem in wachem Zustande unter dem fortwährenden Einfluß des allem Seelischen folgenden beweglichen Astralischen. Der Ätherleib für sich ist also etwas durchaus Bewegliches. Als Maler hat man zum Beispiel die Schwierigkeit, wenn man etwas Ätherisches malen will, daß man malen muß, ich möchte sagen, wie wenn man den Blitz malen könnte. Man muß das Bewegte in Ruhe übersetzen. Also in dem Augenblick, wo man aus der physischen Welt herauskommt, in dem Augenblick hört ja auch der Begriff Distanz auf und alle die Dinge, die
536 eigentlich nur auf den ruhenden Raum sich beziehen; das hört alles auf, und es beginnt ein ganz anders geartetes Vorstellen. Es beginnt ein Vorstellen, das eigentlich nur so charakterisiert werden kann, daß man sagt, es verhält sich zu dem gewöhnlichen Vorstellen räumlicher Dinge, wie sich eine Saugwirkung zu einer Druckwirkung verhält. Man wird in die Sache hineingerissen, statt daß man sie betastet und so weiter. Also so verhält es sich mit der Beziehung des ätherischen Leibes zum physischen Leib.
537 Ein Teilnehmer (als Sprecher auch für andere): Sehr geehrte Anwesende, durch Aussprache mit vielen Freunden
538 veranlaßt, möchte ich einige Fragen stellen, die vielleicht doch manches von dem zum Ausdruck bringen, was im Laufe der vorigen Woche durch viele Köpfe und Herzen gegangen ist. Wir haben gehört, daß besonders die studentische Jugend hier manches hören und lernen kann, was hinausgetragen werden muß in unser Volk zum Aufbau einer neuen Kultur. Nun taucht bei den ganzen Problemen, die hier besprochen werden, oft die Frage auf nach dem Schicksal unseres deutschen Volkes. Wie muß sich unsere Jugend in die Schicksalszusammenhänge unseres deutschen Volkes hineinstellen, wenn sie in der rechten Weise und aus freiem Willen heraus ihre innerlichen Pflichten erfüllen will? Wie vor hundert Jahren Fichte große, gewaltige Gedanken gebracht hat, so empfangen wir auch heute wieder gewaltige Gedanken, deren Verwirklichung wir ersehnen. In weiten Kreisen, wenigstens in solchen Kreisen, die der Dreigliederung nahestehen, herrscht heute die Anschauung, daß diese Dreigliederung sich auch verwirklichen wird, ohne daß in einer intensiven Weise daran gearbeitet wird, daß sie also gleichsam ganz von selbst kommen könne, auch wenn die Menschen nichts dazu beitragen.
Nun möchte ich die Frage aufwerfen: Wie stellt sich eigentlich das Schicksal unseres Volkes dar, wenn diese fatalistische Gesinnung in unseren Kreisen herrscht - die ja sehr leicht erklärlich ist aus unserer gesamten Kulturentwicklung heraus - und wenn nicht an ihre Stelle jenes mutige Wollen tritt, das von hier aus gewollt wird? Man hört heute oft, es sei möglich, daß der Bolschewismus sich noch weiter ausbreitet, es sei möglich, daß anarchische Zustände in Deutschland sich weiter fortpflanzen. Wie sollen wir uns zu diesen Fragen stellen, wenn dieses fatalistische Element, das ich darzustellen versuchte, jenem mutigen, vorwärtsstürmenden Wollen gegenübersteht?
539 Eine zweite Frage: Wir sprechen hier von Anthroposophie, von Menschenweisheit. Nun ist wiederholt in den letzten Tagen die Frage gestellt worden: Wie sähe eigentlich die ganze Weltbetrachtung aus, wenn man nicht vom Standpunkte des Anthroposophen ausgeht, sondern wenn man vom Standpunkt irgend eines anderen Bewußtseins ausgeht? Wir sehen, besonders aus den Vorträgen von Herrn Dr. Steiner, aber auch aus anderen Vorträgen, daß die drei unteren Reiche, also Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich, eigentlich die zurückgebliebenen Brüder des Menschen sind. Wie würde sich dies nun darstellen, wenn wir den Menschen wiederum beziehen würden auf die höherstehende Hierarchie, etwa auf die Engelwesen? Ist es denkbar, das, was vom menschlichen Standpunkte aus heute als Anthroposophie dargestellt wird, vielleicht vom Standpunkt eines höheren Bewußtseins, also vom Standpunkt eines Engelbewußtseins darzustellen - man könnte vielleicht in diesem Zusammenhang von einer Angeloisophie sprechen -, und wie würden sich von diesem Standpunkt aus die Probleme ausnehmen? Ich stelle diese Frage, weil sie in den letzten Tagen wiederholt durchgeklungen ist in unseren Unterhaltungen.
Eine dritte Frage: Aus den vorhergehenden Ausführungen von Herrn Dr. Steiner ist ersichtlich, daß die Eurythmie vom therapeutischen Standpunkt aus außerordentlich wichtig ist. Nun möchte ich darauf hinweisen, daß, wenn man heute gewisse Dinge genau beobachtet, die scheinbar Kleinigkeiten sind, man sehen kann, wie unbedingt notwendig diese Eurythmie auch von einem anderen Gesichtspunkt aus ist. Schon an bestimmten Kinderspielzeugen kann man beobachten, wie gewisse,
540 der jetzigen Zeit angemessene Kräfte heraus wollen, nach Offenbarung drängen. [Es folgt ein Hinweis auf das Diabolo-Spiel und auf Spielzeuge, die namentlich von französischen und amerikanischen Soldaten eingeführt wurden.] Zeigen sich nicht durch solche Spielzeuge gewisse hinunterziehende Kräfte? Kann da nicht irgend etwas zum Ausdruck kommen von Kräften, die der Menschennatur polarisch entgegengesetzt sind, vielleicht ein Hinweis auf das Teuflische? Und da wollte ich die Frage aufwerfen: Ist es nicht möglich, daß das Schädliche dieser oder anderer materialistischer Spiele, die in der Gegenwart den Kindern gegeben werden, überwunden wird durch die Eurythmie? Gerade gestern haben wir in der Kindereurythmie ein lebendiges Beispiel dafür gehabt, wie Kinder in einer genialen Weise auf die Eurythmie eingehen können und dann von sich aus alles zurückstoßen können, was in solchen Spielen liegt.

Rudolf Steiner: Ich werde versuchen, die Fragen, die ja jede einen Vortrag verlangen würde, kurz zu beantworten, aber ich bitte Sie zu berücksichtigen, daß, wenn man in einer kurzen Fragenbeantwortung etwas sagt, natürlich leicht manche Ungenauigkeiten oder Mißverständnisse sich einnisten können.
Zunächst die Frage nach dem Schicksal des deutschen Volkes: Es ist richtig, es tritt heute innerhalb weiter Kreise des deutschen Volkes eine ungeheuer fatalistische Stimmung auf. Diese fatalistische Stimmung ist zu bemerken im Großen und sie ist zu bemerken in Einzelheiten. Und diese fatalistische Stimmung stand auch, ich möchte sagen tragisch da, als wir im April des vorigen Jahres von Stuttgart aus begannen, Verständnis zu suchen für die Dreigliederung des sozialen Organismus und für eine aus diesem Verständnis kommende Erhebung dessen, was eben in so furchtbarer Weise darniederliegt. Aber auf der anderen Seite muß ja gesagt werden, daß wir in der Gegenwart in einem ganz besonderen Zeitpunkte der Menschheitsentwicklung angekommen sind. Ich muß offen sagen: Als ich vor einiger Zeit in Stuttgart von unserer dortigen anthroposophischen Studentengruppe aufgefordert wurde, für die Studenten der Technischen Hochschule in Stuttgart in ihrer Aula einen Vortrag zu halten,
541 da stand ich vor diesem Vortrage durchaus unter dem Eindruck des Spenglerschen Buches «Der Untergang des Abendlandes». Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, wir haben es dazu gebracht, daß heute in streng methodischer Weise der Niedergang bewiesen werden kann. Nun ist das Spenglersche Buch keineswegs ein talentloses Buch, im Gegenteil, es ist in vieler Beziehung außerordentlich genial. Was da dargestellt wird, das bezeugt nichts anderes als das: Wenn nur diejenigen Kräfte in die Zukunft hin wirksam sein würden, von denen Spengler etwas weiß - Anthroposophie kennt er nicht, sondern, wie aus manchem hervorgeht, was er geschrieben hat, würde er vermutlich einen roten Kopf kriegen vor Wut, wenn er von Anthroposophie nur hörte -, wenn das allein wirksam bliebe, was Spengler kennt, dann wäre der Untergang der abendländischen Zivilisation ganz gewiß bis in das zweite Jahrtausend hinein absolut sicher. Lassen Sie nur alles das wirksam sein, was sich da heraufentwickelt hat in der Menschheit - der Untergang kommt sicher. Geradeso wie der Mensch altert, wenn er eine gewisse Anzahl von Jahren erreicht hat und dem Tode entgegengeht, so geht diese Kultur dem Tode entgegen. Was solche Leute wie Spengler nicht kennen, das ist das, was sich in den aufeinanderfolgenden Kulturperioden entwickelt hat, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft» beschrieben finden.
542 Man hat in der ersten Kulturperiode - ich habe sie die urindische genannt - eine Urkultur, die auf der damaligen Weisheit beruhte. Einiges davon ist ja auch in diesen Tagen in Vorträgen schon charakterisiert worden. Von dieser gab es eine Erbschaft in das nächste Zeitalter, in das urpersische hinein, in die Zarathustra-Kultur; von da wiederum verdünnt in dasjenige Zeitalter, was man nennen kann die ägyptisch-chaldäische Kultur, den dritten Zeitraum, der ungefähr im 8. Jahrhundert vor dem Mysterium von Golgatha schließt. Dann geht schon sehr wenig hinein in den vierten Zeitraum, wo Plato zwar noch seine Lehre und seine Schriften durchtränkt sein läßt von alter Mysterienweisheit, wo aber mit Aristoteles bereits beginnt der Naturalismus und Intellektualismus. In diesen Zeitraum, in dem die menschliche Urweisheit allerdings schon beginnt, arg in die Dekadenz zu kommen, in diesen Zeitraum fällt die Begründung des Christentums. Das Mysterium von Golgatha wird noch begriffen mit der letzten Urweisheit. Aber indem diese Urweisheit selber schwindet, wird sie endlich zu der modernen Theologie, die entweder in einen materiellen Dogmatismus und Kirchenglauben ausartet oder in eine Charakteristik des Jesus als schlichten Menschen von Nazareth, in dem der Christus, das Christus-Wesen, ganz verloren gegangen ist. Aber es muß natürlich ein neues Verständnis gerade des Christentums kommen. Die Entstehung des Christentums stellt sich in diesen vierten Zeitraum hinein, und von dem, was Urweisheit ist, geht hier noch ein wenig in unseren fünften Zeitraum hinein. Der fünfte Zeitraum ist der, in dem die Urweisheit verschwindet, abgelähmt wird, und in der der Mensch aus seinem eigenen Innern heraus eine neue Geistigkeit finden muß. Alles Reden darüber, daß diese Geistigkeit irgendwoher von außen her kommen könne, ist für die Zukunft vergeblich. Die Götter müssen in der Zukunft sprechen durch das menschliche Innere. Die Frage richtet sich heute nicht an irgendeine andere Seelenkraft als allein an unseren Willen. Das heißt, heute handelt es sich für die ganze Menschheit darum, den Fatalismus gründlich zu überwinden und die Geistigkeit bewußt in den Willen aufzunehmen. Diese Mission ist schon in einem ganz beträchtlichen Maße gerade dem deutschen Volke zugefallen. Wer dies einmal an den großen Gestalten des deutschen Volkes
543 intimer studiert, der merkt, wie sehr gerade dieses Volk die Mission hat, aus seinem Willen heraus, ich möchte sagen seine soziale Welt neu zu gestalten, trotz all der Not und all des Furchtbaren, das sich jetzt gerade innerhalb dieses Volkes ausbreitet. Nur ist vorläufig gar keine Erkenntnis da von dem eigentlichen Tatbestande und dem großen weltgeschichtlichen Zusammenhang.
544 Ich möchte da, wie ich das manchmal überhaupt gern tue, nicht bloß ein eigenes Urteil sagen, sondern auf das Urteil eines anderen hinweisen, auf Herman Grimm, von dem man wirklich nicht sagen kann, daß er etwa Bolschewist gewesen wäre oder dergleichen. Sie finden bereits in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Herman Grimm geschrieben, die Größe des deutschen Volkes beruhe nicht auf seinen Fürsten, nicht auf seinen Regierungen, sie beruhe auf seinen Geistesgrößen.
545 - Aber man darf auch sagen, daß gerade das am allermeisten verkannt, am allermeisten vergessen worden ist. Es gibt heute eine bedeutsame Tatsache, die man nur richtig beachten muß. Nehmen Sie das allgemeine Geistesleben, das unberührt ist von einem wirklichen geistigen Aufschwung, studieren Sie es, wie es sich auslebt in der populären Literatur, sei es in Berlin, in Wien oder sonstwo - ich meine hier nicht bloß nach dem Kriege, sondern lange vor dem Kriege -, studieren Sie das alles, wie es sich auslebte in Berlin, Wien, München, Köln, in Hamburg, Bremen und so weiter, studieren Sie es in der populären Literatur, namentlich in der Zeitungsliteratur, von der man ja sagen kann, daß sie zugleich die Meinung einer ganz großen Anzahl von Menschen darstellt. Ja, besonders während des Krieges stellte sich heraus, daß manchmal sich auch Leute erinnern, daß es einen Goethe gegeben hat, daß es einen Schiller gegeben hat, daß es einen Fichte gegeben hat - ja, sogar Fichtes Aussprüche wurden zitiert. Aber damit verhält es sich so: Wer heute ein Gefühl, eine wirkliche Empfänglichkeit hat für das innere Gefüge, für die Richtung, für die ganze Signatur des Geisteslebens, der weiß, daß das, was im 20. Jahrhundert in Wien, Berlin, München, Hamburg, Dresden, Leipzig geschrieben worden ist in der populären, in der wissenschaftlichen Literatur, in der Zeitungsliteratur, ähnlicher dem war, was in Paris, Chicago, New York, London geschrieben worden ist, als dem, was ein Herder, ein Goethe, ein Fichte durch ihre Seele vibrieren fühlten.
Diese Tatsache wird vielfach verkannt. Vergessen worden ist das, worauf die eigentliche Größe Mitteleuropas beruht. Wenn man einmal solche Gestalten wie Friedrich den Großen der Wahrheit nach schildern wird, nicht der Legende nach, dann wird das einiges davon abschmelzen gegenüber dem, was in Mitteleuropa an wirklicher geistiger Größe dasteht. Und das muß kommen. Wir müssen wiederum lernen, nicht bloß die Worte Fichtes zu zitieren, nicht bloß die Worte Goethes zu zitieren, sondern wir müssen wiederum leben können in dem, was um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert da gelebt hat. Und wir müssen uns bewußt werden, wie nur in der individuellen Gestaltung der über die Erde hin differenzierten Völker etwas von dem erreicht werden kann, was erreicht werden soll -
546 nun nicht etwa dadurch, daß von irgendeiner Seite eine Einheitskultur ausgeht, die eben durchaus eine westliche und nur für den Westen berechtigte ist, die Mitteleuropa überflutet hat, nicht durch die Schuld des Westens allein, sondern vor allen Dingen dadurch, daß sich Mitteleuropa hat überfluten lassen und alles entgegengenommen hat. Und dieses Bewußtwerden, worauf es ankommt, das ist es, was heute verbreitet werden muß von denjenigen, die es gut meinen.
547 Meine sehr verehrten Anwesenden, ich kannte einen österreichischen Dichter; ich lernte ihn kennen, als er schon ein hohes Alter hatte: Fercher von Steinwand heißt er. Dieser Fercher von Steinwand hat manches Bedeutsame geschrieben, es ist nur unbekannt geblieben. Wie gesagt, ich lernte ihn kennen in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts als einen alten Herrn. Er hatte einmal in den fünfziger Jahren in Dresden vor dem damaligen sächsischen Kronprinzen und all den hohen und gescheiten Regierungsleuten, auch vor einigen anderen Leuten, eine Rede zu halten gehabt über das innere Wesen des Deutschtums, dieses Deutschtum, das er ganz besonders geliebt hat. Aber er hat da keine Rede gehalten über das Deutschtum, sondern er hat eine Rede gehalten über die Zigeuner, und er hat die wandernden, die heimatlosen Zigeuner geschildert und ist dann dazu übergegangen, dazumal in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, all die ordenbesternten und uniformierten Herren mit einem ganz gehörigen Strom von Wahrheit zu übergießen. Er hat darauf hingewiesen, daß, wenn es in dieser Weise fortginge in Mitteleuropa, dann würde einstmals eine Zukunft kommen, in der das deutsche Volk wie die jetzigen Zigeuner heimatlos in der Welt herumirren würde. Und er wies noch auf manches hin, das beobachtet werden kann, wenn gerade der Deutsche in fremden Gegenden mit Nichtbewußtsein seiner besonderen Volksindividualität herumstreicht.
548 Ich will dem nur noch hinzufügen, was ich [1895] in meinem Büchelchen über «Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit» schrieb. Da habe ich gleich zu Anfang einen Nietzsche-Ausspruch zitiert, der eigentlich ganz gut verdient, etwas bekannter zu werden, den Ausspruch, den Nietzsche niedergeschrieben hat, als er gedient hat im deutsch-französischen Kriege, allerdings als Lazarettmann. Er schrieb da [von den schlimmen, gefährlichen Folgen des siegreich beendeten Krieges und nannte es einen Wahn, daß auch die deutsche Kultur gesiegt habe; durch diesen Wahn sei die Gefahr vorhanden, den Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln,] ja, in die Exstirpation des deutschen Geistes zugunsten des Deutschen Reiches. - Es wurde das ja in den letzten Jahrzehnten nur wenig verstanden, wenn gegenüber der Exstirpation des Geistes gesprochen worden ist von dem Willen, diesen Geist wieder einströmen zu lassen.
549 Und wenn man das alles berücksichtigt, muß auch wiederum erinnert werden an das, was Fichte empfunden hat und was er so großartig ausgedrückt hat in seinen «Reden an die deutsche Nation»: daß die Götter dienen dem Willen der Menschen, daß sie durch den Willen der selbstbewußten Menschen wirken.
Und nach einem Herder, Goethe, Schiller, Fichte, Schelling, Hegel und anderen sollte sich gerade dieses deutsche Volk dessen bewußt sein, daß der Wille aufsteigen muß, aber der von Geistigkeit durchsetzte Wille. Was hat dieses deutsche Volk für merkwürdige Geisteswanderungen durchgemacht. Da kann man an manches erinnern, das nur sehr wenig in der äußeren Geschichte dargestellt wird.
Ich rate jedem, noch schnell, bevor sie noch teurer werden, das Reclam-Heftchen sich zu kaufen von Wilhelm von Humboldt: «Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen». Da werden Sie sehen, wie viel da schon darinnen ist für eine Charakteristik unseres mittleren Teiles der Dreigliederung des sozialen Organismus, des rechtlichen, des staatlichen Teiles. Natürlich ist nicht der dreigegliederte soziale Organismus darin, aber das, was über den eigentlichen Staat gesagt werden kann, das ist darin. Wilhelm von Humboldt ersucht in dieser Schrift, den Menschen in Schutz zu nehmen gegen den Staat, gegen das Überhandnehmen der Staatskräfte auf geistigem Gebiet und auch auf wirtschaftlichem Gebiet - Wilhelm von Humboldt, der vom Jahr 1809 bis 1819 - man getraut sich's fast nicht auszusprechen gegenüber dem, was dann geworden ist — preußischer Unterrichtsminister war.
Und so könnte man noch manches Beispiel sagen. Was notwendig ist, das ist vor allen Dingen, daß diejenigen, die diese Frage vor der Seele fühlen, wirklich einmal die Geschichte in sich lebendig werden lassen. Meine sehr verehrten Anwesenden, dafür hat man als Österreicher ein ganz besonderes Empfinden, wenn man die Schulgeschichtsbücher des nördlichen Mitteleuropa kennenlernt. 1889 war es, da kam ich von Wien nach Weimar, um dort mitzuarbeiten in dem Weimarischen Goethe-Schiller-Archiv an der Herausgabe der Goetheschen Werke. Und da ich mich vorher viel in Erziehung und Unterricht betätigt hatte, so fiel mir dort auch der Freundschaftsdienst zu, die Buben des Direktors des Goethe-Schiller-Archivs ein bißchen
550 anzuleiten. Sie waren damals gerade im Gymnasium, und eigentlich lernte ich da erst ein wenig deren Geschichtsbücher kennen- ich hatte das vorher nicht berücksichtigt -, eingeleitet von der Entstehung der Welt bis hin zur Entwicklung der Hohenzollern-Dynastie, dann erst die eigentliche Weltgeschichte. In mehreren Schulbüchern stand das so, das eine war ungefähr so wie das andere. Aber ist es nicht immer ein bloßer Radikalismus, wenn so gesprochen wird, sondern es ist manchmal auch die richtige Liebe zu dem deutschen Volkstum. Und die richtige Liebe, wenn sie nun wirklich durch geisteswissenschaftliche Anregung kommen kann, die wird schon aus dem bloßen Fatalismus wiederum eine Willenskultur hervorrufen, und darauf kommt es an. Ehe man nicht begreifen wird das Entweder-Oder, entweder den Untergang oder den Aufstieg durch den eigenen Willen, eher wird man nicht aus dem Niedergang herauskommen, eher kommt natürlich nicht der Aufstieg, sondern etwas ganz anderes. Nun, ich könnte ja über dieses Thema noch viel sagen, aber es ist vielleicht vorläufig genug. Wir sehen uns ja noch öfter.
551 Zu der Frage: Wie würde unser Weltbild aussehen vom Standpunkt eines anderen Bewußtseins, zum Beispiel eines Engelbewußtseins?

Nun, in einem gewissen Sinne schildert ja die Geisteswissenschaft durchaus andere Bewußtseinsformen, solche Bewußtseinsformen, welche die Menschen in den früheren Entwicklungsstadien hatten, oder solche durch Inspiration oder Imagination, zu denen man aufsteigen kann. Also man lernt durch die Geisteswissenschaft schon in einem gewissen Sinne erkennen, was das Weltbild eines anderen Bewußtseins ist. Was nun aber die Frage betrifft nach einem Engelbewußtsein, da, meine sehr verehrten Anwesenden, kommt es doch sehr darauf an, daß wir nicht abstraktere Fragen wählen, als es einer gewissen, ich möchte sagen Elastizität unserer Begriffsfähigkeit notwendig ist. Denn sehen Sie, wir haben unser Bewußtsein nicht dazu, daß wir uns mit ihm durch allerlei sensationelle Neuigkeiten aus den verschiedensten Welten befriedigen, sondern damit wir durch seine Entwicklung unsere gesamtmenschliche Entwicklung durchmachen. Und die Engel haben eben ihr Bewußtsein, damit sie die Engelentwicklung durchmachen können. Und wenn jemand fragt, wie sich mit einem anderen Bewußtsein das Weltbild ausnehmen würde, so kommt mir das etwa so vor, wie wenn mich jemand fragen würde, wie der Mensch essen würde, wenn er einen Schnabel hätte statt eines Mundes. Es ist das eben ein Schulbeispiel für das Herausgehen aus der Konkretheit ins das Abstrakte hinein. Durch Anthroposophie soll gerade das errungen werden, daß man innerhalb des Erfahrungsgemäßen bleibt und das nur nach der geistigen Welt ausgedehnt, daß man allerdings immer bereit ist, die Erfahrungen zu erweitern, nicht aber, daß man aus reiner Abstraktheit heraus allerlei Fragen konstruiert. Es ist ja gar nicht notwendig, daß wir irgendwie spekulieren über Engelbewußtseine oder Säugetierbewußtseine oder dergleichen, sondern es ist notwendig, daß wir uns einfach der Erfahrung überlassen. Die gibt uns in unser Bewußtsein das herein, was wir brauchen zu unserer Orientierung und zu unserer Fortentwicklung in der Welt. Und das ist es, was wir lernen müssen gerade aus der Anthroposophie: stehen zu bleiben
552 innerhalb desjenigen, was uns Menschen angeht, denn da kommen wir schon in entsprechender Weise vorwärts.
553 Das hängt dann zusammen mit der Frage, die ich vorhin hier gehört habe, die ungeheuer oft gestellt wird, mit der Frage, welches das letzte Endziel der Menschheitsentwicklung überhaupt ist:

Welches ist der Endzweck des Menschenlebens oder besser des Lebens?

Sehen Sie, auch zu einer solchen Frage muß sich gerade die Geisteswissenschaft nicht in einer abstrakten, sondern in einer konkreten Weise verhalten. Wenn man keine Möglichkeit hätte, hier in Dornach schon einen Fahrplan nach Rom zu bekommen, sondern nur bis Lugano, und man wüßte, daß man in Lugano dann den Fahrplan weiter erhalten kann, meinetwillen bis Florenz und dort wieder weiter bis Rom, so würde man gut tun, nicht die Reise zu unterlassen oder zu spekulieren, wie ich die Reise einrichten muß von hier nach Rom, sondern ich reise zunächst bis Lugano, und dann sehe ich, wie die Sache weitergeht. So ist es auch mit dem Menschenleben, insbesondere, wenn man weiß, daß es wiederholte Erdenleben gibt. Wenn ich Ihnen nun hier mit den Fähigkeiten, die man in diesem einen Erdenleben haben kann, etwas über das Ziel alles Menschenlebens sage, dann könnte es ja das nächste Mal etwas Vollkommeneres sein und dann könnte man das vollkommener beantworten, wie man den Fahrplan bis Rom bekommt. So hat man das, was zunächst unmittelbar gegeben ist, im Konkreten zu berücksichtigen, und man muß wissen, daß eben das Menschenleben in einer fortwährenden Entwicklung ist. So kann man nicht nach seinem Endzweck fragen, sondern nur nach der Entwicklungsrichtung, in der man sich bewegt. Da gibt es ja, wenn man darauf wirklich eingeht, wahrhaftig für das physische und seelische und geistige Leben reichlich viel zu tun. Und dieser Weg nach Lugano ist ja nicht ganz nah - ich meine jetzt den Weg in der Entwicklung der Menschheit -, und wie das dann weitergeht, das wollen wir den vollkommener entwickelten Fähigkeiten der Zukunft überlassen. Kurz, es handelt sich darum, Stück für Stück im Konkreten zu bleiben, und die Abstraktheit, die auch solche Fragen gebiert, sich abzugewöhnen. Nun, hier ist noch etwas über Eurythmie gefragt:
554 Kann Eurythmie, richtig angewendet, wichtige Leistungen für unsere Volkskultur zutage fördern?

Ja, verehrte Anwesende, aus manchen Bemerkungen, die ich über Eurythmie schon gemacht habe, werden Sie ja ersehen können, daß Eurythmie eine große pädagogisch-didaktische Bedeutung haben kann, und wenn man der Überzeugung ist, und wenn man nicht nur der Überzeugung ist, sondern auch die Erkenntnis hat, daß man sogar Störungen des Lebens abhelfen kann durch entsprechende eurythmische Didaktik, dann kommt noch viel mehr in Betracht, das im sozialen Leben in die richtigen Bahnen, in die richtigen Richtungen gebracht werden kann durch eine gesunde Eurythmie. Aber nach dieser Richtung hin ist natürlich eines zu bemerken. Sehen Sie, wir sollten dahin kommen, diese Eurythmie bis in das Kinderspielen hinein zu treiben. Der verehrte Fragesteller hat von den Kinderspielzeugen gesprochen und gefragt, ob da nicht mit Eurythmie viel getan werden könnte. Und es wurde auch noch gefragt, ob Eurythmie gesundend wirken kann auf Kinder von fünf bis sieben Jahren, die an Epilepsie leiden.
555 Sie kann das ganz gewiß, wenn sie in der richtigen Weise angewendet wird. Allerdings sind wir in der Eurythmie erst am Anfang. Aber die Fortsetzung dieses Anfanges hängt wahrhaftig nicht immer nur von der geistigen Schwungkraft ab. Wir haben zum Beispiel vorgehabt, in Stuttgart zunächst, weil ja da die Waldorfschule ist, und später hier im Bau selbst, eine Art Eurythmeum zu bauen. Man braucht ja tatsächlich Gelegenheiten, wenn diese Dinge nach und nach ausgebaut werden sollen. Man kann nicht diese Dinge treiben, ohne daß sie geübt werden, ohne daß man die nötigen Räumlichkeiten und auch den nötigen Zusammenhang mit der übrigen Menschheitskultur hat; man kann diese Dinge nicht aus dem Leeren heraus treiben. Es wäre ja der Bau eines Eurythmeums in Stuttgart furchtbar teuer geworden und wir hatten nur eine kleine Summe beisammen. Ich darf Ihnen vielleicht folgendes dazu sagen. Wir haben im ersten Jahr durch die hingebungsvolle Tätigkeit unserer Waldorf-Lehrerschaft, die nicht genug anerkannt werden kann, in der Waldorfschule wirklich alles mögliche erreicht, was im ersten Jahr für die Waldorfschule zu erreichen gehofft werden konnte. Obwohl also im Geistig-Seelischen alles geschehen ist, was man nur hat erwarten können - das darf man schon sagen, ohne unbescheiden zu werden -, trotzdem begann dieses Jahr außerordentlich sorgenvoll für diejenigen, die es ehrlich meinten mit der Waldorfschule. Es ist doch so, daß die Waldorfschule vergrößert werden mußte, weil von auswärts eine große Anzahl von Kindern hinzugekommen sind; mehr als verdoppelt hat sich die Anzahl der Kinder gegenüber dem Vorjahr. Wir standen vor einem ganz erheblichen Defizit, und der Fonds, den wir hatten für ein Eurythmeum, den hat zunächst die Waldorfschule aufgefressen. Es ist selbstverständlich, daß die Waldorfschule das hinübernehmen mußte, aber wir können eben dadurch jetzt kein Eurythmeum bauen. Was uns im Stich läßt, das ist das Verständnis der Menschen. Für alles mögliche findet man heute Verständnis, nur nicht für das, was aus dem wirklich konkreten Geistig-Seelischen heraus arbeiten will. Ich will hier nicht polemisch werden, allein, ich könnte Ihnen manche Dinge erzählen, die Ihnen zeigen würden, welcher Dilettantismus, welche philosophische Leerheit heute
556 dazu kommt, indem sie einige Purzelbäume schlägt vor allen möglichen reaktionären Gewalten, in der Welt zu wirken. Wir finden nicht so leicht das Verständnis derjenigen, die nach der materiellen Seite hin irgend etwas tun könnten, damit die Dinge vorwärts kommen. Und derjenige, der will, daß die didaktische, die pädagogische, vor allem auch die volkspädagogische Seite der Eurythmie und anderer Glieder einer geisteswissenschaftlichen Erziehungskunst fortgebildet werde, der muß eben dafür sorgen, daß in möglichst viele Köpfe und in möglichst viele Seelen hineinziehe Verständnis für das, was eigentlich gewollt ist mit dem, was als anthroposophische Geisteswissenschaft hier sich geltend machen will.
557 Frage: Es wird öfter in der Geisteswissenschaft erwähnt, daß diese oder jene von den höheren Hierarchien ihre Menschheitsstufe in diesen oder anderen Verhältnissen durchgemacht haben. Was bedeutet Menschheitsstufe in diesem Sinn, also Ziel der Menschheitsentwicklung? Wird als Ziel die Ausbildung des Ich, der Freiheit gesetzt, welche Freiheit den höheren Hierarchien abgesprochen wird? Was ist also die Menschheitsstufe?

Rudolf Steiner: Ja, ich weiß nicht, wer den höheren Hierarchien hier die Freiheit in ihrer besonderen Ausbildungsform abgesprochen hat. Das, was gemeint ist, wenn ich zum Beispiel in der «Geheimwissenschaft» oder in den anderen Schriften von der Menschheitsstufe anderer Wesenheiten spreche, das charakterisiert sich im wesentlichen durch Grade, durch die verschiedenen Bewußtseinszustände. Unter «Menschheitsstufe» ist geisteswissenschaftlich folgendes zu verstehen:
Wir leben heute innerhalb der Menschheitsentwicklung im weitesten Sinne in einem Bewußseinszustande, wenn wir wach sind, den wir das Gegenstandsbewußtsein nennen können. Man kann diesen Bewußtseinszustand so schildern, wie ihn Herr Dr. Stein in seinen Vorträgen Ihnen geschildert hat, nach seiner Betätigung in Vorstellung, Begriff, Urteil. Man kann auch noch die Wahrnehmung hinzunehmen und die besondere Art der Gefühlswirkung, der Willensemotion, Willensimpulse und so weiter. Dann kennt die gegenwärtige Menschheit auch noch, aber nur in Reminiszenzen, in chaotischen Bildern, den Traumzustand, der aber zurückweist, der ein atavistischer Rest ist eines früheren Bewußtseinszustandes, eines ichlosen Bilderbewußtseins; das ist also ein untermenschliches Bewußtsein. Und dem gehen noch zwei andere Bewußtseinszustände voran, so daß wir sagen können: der gegenwärtige Bewußtseinszustand ist der vierte in der Reihe. Es wird ein fünfter folgen, den wir heute durch Imagination, Inspiration und so weiter vorausnehmen können. Dieses Aufsteigen können wir auch charakterisieren als Zukunftszustände des sechsten und siebenten Bewußtseinsszustandes. Der vierte aber, der, den wir heute haben, das ist im engeren Sinne der Bewußtseinszustand der
558 Menschheit, wie sie heute ist. Wenn man also von der Menschheitsstufe redet, so meint man Wesen mit dem Gegenstandsbewußtsein. Wesen, welche also nicht durch solche Sinne wahrnehmen, wie es die menschlichen sind, die haben wieder eine spezielle Ausbildung, sind vielleicht durch ganz anders geartete Sinne, aber eben wieder in ihrem inneren Wesen darauf angewiesen, vorzustellen und zu begreifen und dann in einer mehr oder weniger unterbewußten Tätigkeit Vorstellung und Begriffe mit der Wahrnehmung zu verbinden. Der höhere, der fünfte Bewußtseinszustand wäre also der, daß man ganz bewußt auseinanderhält das ideelle Innere, das man zunächst erfaßt im reinen Denken, wie es in der «Philosophie der Freiheit» versucht worden ist [darzustellen], und dann die Wahrnehmung für sich hat als eigenes Entwicklungsphänomen, in das man aber auch jetzt nicht mehr Begriffe und Vorstellungen hineinmischt, so daß wirklich wie im Einatmungsprozeß, im Einatmen, Ausatmen, ein inneres Wechselwirken zwischen Wahrnehmung und Begriff in bewußter Weise stattfindet. Das würde der nächsthöhere Bewußtseinszustand sein.
559 Spricht man nun von anderen Wesenheiten und sagt, sie haben in anderen Zeiten auf der Menschheitsstufe gestanden, so meint man damit, daß sie dazumal - gleichgültig durch welche Sinne - eine Anschauung der Außenwelt hatten, die sie in einer mehr oder weniger bewußten Art mit dem inneren Seelenleben verbanden, daß sie also damals noch nicht auf einer Stufe waren, auf der sie vielleicht heute schon sind, auf der die Menschheit künftig ankommen wird, der Stufe eines getrennten Erlebens der Wahrnehmung, des ideellen Geistig-Seelischen und eines bewußten Zusammenfügens. Das ist es, was über diese Frage zu sagen ist.
Meine sehr verehrten Anwesenden, jetzt ist es 10 Uhr, ich denke, ich werde die Fragen, die noch gestellt worden sind, sammeln und aufheben, und wir können uns ja in den nächsten Tagen wiederum zusammenfinden. Ich glaube, wir werden dann über die Materie, die noch auf den anderen Zetteln angegeben ist, besser, konzentrierter sprechen können, wenn wir es nicht überhudeln in ein paar Minuten, sondern dann noch einmal zusammenkommen, um diese Fragen zu beantworten. Ich denke auch, das wird Ihnen recht sein, nachdem wir zwei Stunden mit dieser Konversation zugebracht haben. Wir schließen also heute ab und setzen demnächst in irgendeiner Weise fort.



AUS DEN FRAGENBEANTWORTUNGEN

während des ersten anthroposophischen Hochschulkurses

Zweiter Gesprächsabend, Dornach, 6. Oktober 1920

560 Rudolf Steiner: Es liegen noch eine ganze Anzahl von Fragen vor, die das letzte Mal übriggeblieben sind, als wir hier eine Besprechung hatten. Es sind etwa zwanzig Fragen. Wir werden schon eine andere Gelegenheit wahrnehmen müssen, um auf diese zwanzig Fragen, die ja zum Teil interessant sind, einzugehen. Aber ich bin gebeten worden - und deshalb wollen wir noch ein paar Minuten verweilen -, von diesen zwanzig Fragen diejenigen heute noch zu beantworten, welche von solchen Anwesenden herrühren, die schon morgen oder in den nächsten Tagen abreisen müssen. Ich bitte also, mich darauf aufmerksam zu machen, welche Fragen drängen.

Teilnehmer: Ich möchte gern etwas hören über die Ehe im Lichte der Geisteswissenschaft.

Rudolf Steiner: Diese Frage leidet wirklich an einer gewissen Unbestimmtheit, weil man aus ihr nicht entnehmen kann, was der Fragesteller eigentlich gern wissen möchte. Es ist die Ehe durchaus ein Phänomen, eine Erscheinung innerhalb des ganzen sozialen Lebens; sie hat sich mit dem sozialen Leben mit entwickelt, und sie hat ja eigentlich im Laufe der Zeit die verschiedensten Formen, namentlich auch den verschiedensten Sinn angenommen, so daß man etwa darüber sprechen könnte: Was ist die Ehe im heutigen rationalistischen Gesellschaftsleben? - oder: Was ist die Ehe noch für den Katholiken? - und so weiter. Ich weiß also nicht, was eigentlich mit der Frage gemeint sein soll. Denn, nicht wahr, über das Wesen der Ehe als solche braucht nicht besonders gesprochen zu werden vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. Ich kann mir nichts Rechtes darunter vorstellen. Der Herr, der die Frage gestellt hat, hat sich gewundert, daß nichts über die Ehe vom sozialen Standpunkte in unseren Vortragsprogrammen, in unseren Kursprogrammen gestanden hat. Es hätte ja natürlich sein können, daß im Rahmen der sozialen Vorträge auch die Ehe
561 gestreift worden wäre. Aber nicht wahr, es sind ja tatsächlich die Dinge so, daß vorläufig andere soziale Fragen viel brennender sind als diejenigen, die heute gewöhnlich an das Eheproblem geknüpft werden.
562 An das Eheproblem werden seit längerer Zeit psychologische, anthropologische Fragen und so weiter angeknüpft, und wenn man überhaupt über ein solches Problem redet, hat man natürlich nötig, sich von irgendeiner bestimmten Seite her diesem Problem zu nähern. Man kann kaum über das Problem der Ehe so ohne weiteres sprechen, ohne daß man meinetwillen über das Problem der Liebe gesprochen hat. Wenn man über das Problem der Liebe spricht, dann kann sich das Eheproblem als eine Konsequenz daraus ergeben. Aber es ist tatsächlich kaum möglich, über ein solches Problem herausgerissen zu reden, denn erstens kommt das in Betracht, was ich gesagt habe, und zweitens muß man bedenken, daß die meisten Menschen, wenn sie eine solche Frage stellen, irgend etwas Normatives im Sinne haben, irgend etwas Normierendes, während doch die Menschen wirklich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts immer mehr und mehr individuelle Wesen geworden sind. Also für die unmittelbare psychologische Erfassung des Eheproblems liegt ja das vor, daß natürlich die Ehe zunächst ebenso auf den Menschen selbst bezogen wird, auf das menschliche Seelenleben, und wie jede andere Beziehung von Mensch zu Mensch auch einen ganz individuellen Charakter annehmen kann. Und über Dinge von solch individuellem Charakter allgemeine Theorien aufzustellen, das würde uns hineinführen in eine abstrakte Auseinandersetzung, die im Grunde genommen gerade dann, wenn solche intimen, individuellen Dinge in Betracht kommen, immer an der Realität, an der Wirklichkeit vorbeigehen würden.
563 Nun kann man natürlich das Problem der Ehe auch vom sozialen Gesichtspunkt aus betrachten. Ich habe das vor Jahren getan, als ein Mitglied unserer Anthroposophischen Gesellschaft eine gedruckte Enquete veranstaltet hat, in der er die Leute hat antworten lassen auf die Frage über das Eheproblem vom Standpunkte des Staates. Ja, wenn man von einem solchen Ausgangspunkt ausgeht, dann läßt sich darüber reden. Da kann man dann sehr genau angeben, daß wir leben in einer, wir wollen jetzt nicht sagen Staatsgemeinschaft, sondern daß wir leben in einer sozialen Gemeinschaft, daß diese soziale Gemeinschaft ein ganz entschiedenes Interesse hat an dem Kinde, das aus der Ehe stammt oder an den Kindern, die aus der Ehe stammen, und daß eigentlich für die soziale Gemeinschaft das Kinderproblem als ein Spezialproblem vorliegt. Da kann man angeben, daß einfach die Ehe auf die nächste Generation hin gedacht werden muß und daß gegenüber diesem Denken der Ehe auf die nächste Generation hin allerdings die individuellen Aspirationen zurücktreten müssen, so daß der Mensch da sich fühlen müßte als ein Glied seiner sozialen Gemeinschaft und sich dann nicht diese Ehe so einrichten kann, wie es ihm gerade persönlich paßt.
564 Diese Dinge sind so, daß sie in das Allerindividuellste hineinführen und daß, wenn sie behandelt werden, sie eigentlich immer in eine normierende Betrachtungsweise hineinführen, die eigentlich die Realitäten dabei zerstört. Was will man denn schließlich, wenn man eine solche Frage stellt? Man will in der Regel eine Anweisung für das Leben haben. Und solche Anweisungen für das Leben zu geben, ist nicht Sache der Geisteswissenschaft. Sache der Geisteswissenschaft ist es, meine sehr verehrten Anwesenden, den Menschen mit einem geistigen und seelischen Inhalt zu erfüllen, so daß er ein ganzer Mensch wird. Und dann, wenn er ein ganzer Mensch wird, wenn seine Seele voll wird von dem, was ihm Geisteswissenschaft geben kann, wenn Geisteswissenschaft aus seinen Seelenuntergründen heraus dasjenige an die Oberfläche bringt, was alles an Seelenfähigkeiten, Kräfteimpulsen in ihm liegt, so daß der Mensch sich ins Leben hineinzustellen vermag und seinen Weg ins Leben findet, dann findet sich auch das, was nicht normiert werden soll, sondern was entstehen soll zwischen Mensch und Mensch.
Wenn Sie meine «Philosophie der Freiheit» lesen, dann werden Sie vor allen Dingen finden, daß sie darauf hinausläuft, den Menschen von innen heraus so zu gestalten, daß er für die Gestaltung des Lebens die nötigen, die richtigen Impulse bekommt, so daß er nicht von außen durch irgendwelche dogmatischen Gebote sich regeln lassen will. Das ist es, was immer berücksichtigt werden muß, auch bei einer solchen Fragestellung. Man wird sehen, daß derjenige, der dem Weg der Geisteswissenschaft folgt, in der richtigen Weise den Weg im Individuellen finden wird. Nur im allgemeinen über diese Dinge Theorien aufzustellen, das kann gar nicht die Aufgabe der Geisteswissenschaft sein, weil das wiederum bedeuten würde, den Menschen in ein System, in eine Schablone hineinzuzwängen. Schablonen aber zu geben, allgemeine Abstraktionen, das kann ja nicht die Aufgabe der Geisteswissenschaft sein, weil es auch nicht mehr die Aufgabe des gegenwärtigen Lebens sein kann. Die Aufgabe der Geisteswissenschaft ist, den Menschen auf seinen individuellen Boden zu stellen und ihn da lebenstüchtig und lebensinhaltsvoll zu machen.
565 Das ist es, was ich darüber zu sagen habe. Es trifft wahrscheinlich nicht das, was Sie meinten. Aber es ist diese Frage genau ebenso, wie wenn jemand fragt, wie man sich im Sinne der Geisteswissenschaft bei der Berufswahl verhalten soll. Natürlich kann man allerlei Schönes über die Berufswahl sagen, aber man kann es nicht im allgemeinen sagen, weil das immer von den individuellen Verhältnissen abhängt.

Teilnehmer: Woher kommt das Empfinden eines sauren Geschmackes nach erschütternden Erlebnissen?

Rudolf Steiner: Wenn man festhält an den Wechselwirkungen, die stattfinden zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Physischen des Menschen, wie das ja in den verschiedensten Vorträgen hier zur Darstellung gekommen ist, dann ist es schon so, daß [die menschliche Organisation] durch irgendein seelisch erschütterndes Ereignis zu stark durchdrungen wird von Stoffvorgängen, die im gewöhnlichen, normalen Leben selbstverständlich nicht unmittelbar wahrgenommen werden. Bei einem erschütternden Ereignis geht natürlich nicht bloß in unserer Seele etwas vor, sondern die seelische Erschütterung hat durchaus ihre organische, ihre physische Parallelerscheinung, und zwar in einer ganz bestimmten Weise. Man muß sich nur klar sein darüber, wie kompliziert eigentlich diese menschliche Organisation ist.
566 Ich habe selbst in einem meiner Vorträge darauf aufmerksam gemacht, daß sich aus dem Innern des Menschen heraus emanzipieren Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, Lebenssinn, während gleichzeitig sich entwickeln Geschmacks-, Geruchsund Tastsinn, und daß beim Durchdringen der Sinne sich vorlagern können die Erfahrungen des Geruchs-, Geschmacks-, Tastsinns vor dasjenige, was wir erfahren würden durch Gleichgewichts-, Bewegungs-, Lebenssinn. Und ich habe gezeigt, daß, wenn man stehenbleibt auf halbem Wege, statt bis ins Innere vorzudringen, man hineinkommt in eine nebulose Mystik. Diese kann zwar sehr schön, sehr bedeutsam sein, aber im wesentlichen ist es so, daß man bei diesem Nach-innen-Gehen, das auf halbem Wege stehenbleibt, eigentlich in den Regionen des Geschmacks-, des Geruchs-, des Tast-Erlebens stehenbleibt. Man braucht nur die Aussprüche durchzulesen, wie sie etwa die Erzählungen der Heiligendichter sind, der Mechthild von Magdeburg zum Beispiel, so wird man schon, ich möchte sagen geistig mit Händen greifen können, wie da ein nach innen gewendeter Geschmacks-, Geruchs-, Tastsinn zustande gekommen ist, in sehr schönen Erlebnissen, durch das was ich eben beschrieben habe.
567 Nun hat man, wenn ein erschütterndes Erlebnis eintritt, es in der Regel damit zu tun - ich sage: in der Regel - daß das Geistig-Seelische, das wir in unserer Ausdrucksweise Ich und astralischen Leib nennen, das aber gerade der Träger desjenigen ist, was da nach innen wirkt beim Menschen, daß dieses Geistig-Seelische wie im Schlafe sich herausreißt aus dem Organismus. Es kann natürlich infolge solcher Erschütterungen des Seelischen ein Ohnmachtszustand eintreten, der einfach nichts weiter ist, als daß das Astralische, das Seelische, nicht den Ätherleib und den physischen Leib beherrscht, weil es nicht in der richtigen Weise eingreift. Nun stelle man sich den Vorgang ganz lebendig vor. Es tritt eine Erschütterung ein; gelockert werden der astralische Leib und das Ich. Sie sind gelockert, aber der Mensch hält sich doch. Das heißt, Astralleib und Ich haben das Bestreben herauszugehen, werden aber zurückgehalten, und so entsteht nun ein fortwährendes Hin- und Herschwingen. In diesem Hin- und Herschwingen treten gerade die Erlebnisse auf, die in dem, dem eigentlichen Innern des Menschen vorgelagerten Gebiete sich abspielen, wo Geschmacks-, Geruchsund Tastsinn [stehengeblieben sind], und wenn dann auch subjektiv ein Geschmack, eine Geschmacksillusion erlebt wird, das heißt ein Irritieren des Geschmacksorganismus bei diesem Hin- und Herpendeln, so ist das eine ganz naturgemäße Erscheinung.

Ein Teilnehmer fragt nach den Begriffen Sal, Mercur und Sulfur.

Rudolf Steiner: Es ist schon ganz richtig gesagt worden, daß, wenn man in solche Begriffe eindringen will wie die Paracelsusschen, übrigens auch von anderen
568 gebrauchten Begriffe von Sulfur, Mercur, Sal, man natürlich ganz absehen muß von der modernen Chemie. Man muß auch daran denken, daß in der Zeit des Paracelsus diese moderne Chemie als solche eigentlich noch nicht vorhanden war. Die ganze Denkweise war damals eine andere. Es ist interessant, wie moderne Geschichtsschreiber, wenn sie in ältere Zeiten zurückkommen, wie jüngst ein nordischer Chemiker, der die Geschichte der Alchemie geschrieben hat, von den angeführten Prozessen schreibt, daß nur die Persönlichkeiten des 13. bis 15. Jahrhunderts damit einen Sinn verbinden konnten, nicht aber der moderne Chemiker, der überhaupt mit dem, was da auseinandergesetzt wird, keinen Sinn verbinden kann. Es kommt das daher, daß die ganze Denkweise eine andere war. Der Denker vor der Entstehung der modernen Chemie hatte den Begriff des Stoffes, wie wir ihn heute haben, überhaupt nicht. Er verfolgte mehr den Prozeß, wie ein Zustand in den anderen hinein sich entwickelte. Also er fragte mehr danach, wie das Verhältnis eines Zustandes zu einem anderen in der materiellen Welt ist. So hatte man für die Außenwelt, für die außermenschliche Welt, für die äußere, organische Welt müßte man sagen, die Begriffe erdig, wässrig, luftförmig, feurig oder wärmig. Damit meinte man nicht die Stoffe, wie sie heute verstanden werden, sondern man meinte den Zustand des Erdigen, des Flüssigen - Wasser war das Flüssige als solches - und so weiter. Und man hatte eine gewisse Empfindung dafür, indem man so unterschied das Erdige, das Wässrige, das Luftige, das Feurige, daß der ganze Zusammenhang, den man hineinbrachte in die Zuständlichkeit der Welt, sich eben auf das Außerorganische bezog, namentlich auf das Außermenschliche. Und für das Menschliche nahm man überhaupt nicht an,
569 daß im Organismus dieselbe Art von Zuständlichkeit vorhanden wäre, sondern man nahm eine andere Art von Zuständlichkeit an. Nach den Vorstellungen, die man damals hatte, konnte man nicht gut sagen, wie das Luftförmige oder das Erdige im Menschen vorkommt. Man sah den Menschen als eine, ich möchte sagen in sich gebaute Konstitution und schrieb dasjenige, was der Mensch zum Beispiel als Denkender war, gewissen Zuständen seines physischen Organismus zu. Man sagte sich einfach: Im Menschen geht etwas physisch vor, indem er ein denkendes Wesen ist oder indem er sich in dem Zustande des Denkens befindet. Dieses Geschehen sah man in einer gewissen Kongruenz oder in einer gewissen Ähnlichkeit mit der Verfestigung des Irdischen. Man stellte sich vor, daß der Zustand, in dem vor Zeiten das Irdische, das Gesamt-Irdische einmal war, den festen Erdenzustand noch nicht hatte, daß der feste Erdenzustand gewissermaßen eben verfestigt worden ist aus einem weniger dichten Zustand. Aber diesen selben Vorgang der Verfestigung, den man im Außermenschlichen dachte, den schrieb man dem Menschlichen als solchem nicht zu. Dafür schrieb man dem Menschlichen, wenn dieses Menschliche im Zustande des Denkens war, einen Vorgang zu, den man beschrieb als Salzbildung, so daß also dieses Parallelvorgänge waren für das Äußere und für das Innere: Vererdigung - Salzbildung im Menschen; kosmische Gedankenbildung, Entstehung des Festen, das heißt des Erdigen - planetarische innermenschliche Gedankenbildung, der entsprechende physische Prozeß, das Versalzen. Und so stellte man sich eben alles, was man unter Salz verstand, vor als verwandt mit dem, was im Menschen physisch vorhanden ist, wenn er denkt, wenn er als denkendes Wesen sich offenbart.
570 Natürlich übertrug man damit gewissermaßen Analogie dasjenige, was man da zunächst dem Menschen zuschrieb, auf Prozesse, die hinter der eigentlichen Verfestigung des Planeten standen, die äußer Salzbildung. Manche von diesen Ausdrücken sind heut noch geblieben. Man gebraucht sie noch, man kenn aber ihren historischen Ursprung nicht mehr.
Insofern im Menschen als fühlendem Wesen physische Prozesse sich abspielen, oder sagen wir, wenn zusammenfassen die Summe aller derjenigen Prozess im Menschen - die als physische Prozesse ja offenbar sind -, die Träger sind des Gefühlslebens, so haben das Merkuriale. Und fassen wir alles das am Menschen ins Auge, was Träger des Willenslebens ist, so haben wir das Sulfurige im Menschen.
Und so dachten sich solche Persönlichkeiten menschliche Konstitution, den menschlichen Organismus als aus diesen drei ineinander verlaufenden Prozessen bestehend: dem Salzartigen, gewissermaßen Menschen Errötenden, parallel dem Denkprozeß -den dadurch, daß wir denkende Wesen sind, sind wir einem Zustande, der verwandt ist mit demjenigen, was uns fortwährend zum Tode führt, also Ablagerungsprozessen, Salzbildungsprozessen -, dann dem Sulfurprozeß, gewissermaßen das den Menschen Aufrüttelnde das ihn fortwährend mit neuem, das Bewußtsein hemmenden Wachstumszustand durchsetzende Sulfurartige. Und dasjenige, was zwischen beiden rhythmisch ausgleicht, das ist das Merkurialische.
Man muß sich eben, wenn man in frühere Zeiten zurückgeht, einfach darauf einlassen, nicht mehr den Gedankenformen der heutigen Wissenschaft denken, sondern eben mit den Gedankenformen,


500
571 anthroposophischen Hochschulkurses», Stuttgart, 16. bis 23. März 1921 - GA 324

Die befruchtende Wirkung der Anthroposophie auf die Fachwissenschaften
Vorträge und Ansprachen beim zweiten anthroposophischen Hochschulkurs in Dornach, 3. bis 10. April 1921, ursprünglich auch angekündigt mit dem Titel «Anthroposophie und Fachwissenschaften» - GA 76

Die Naturwissenschaft und die weltgeschichtliche Entwickelung der Menschheit seit dem Altertum
Zwei öffentliche Vorträge in Dornach am 15. und 16. Mai 1921 sowie vier Vorträge, gehalten in Stuttgart vom 21. bis 24. Mai 1921 im Rahmen der «Freien anthroposophischen Hochschulkurse» - GA 325.
Die Aufgabe der Anthroposophie gegenüber Wissenschaft und Leben
Darmstädter Hochschulkurs. Vorträge, Ansprachen und Fragenbeantwortungen, Darmstadt, 27. bis 30. Juli 1921 - GA 77a

Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und Lebensfrüchte, mit einer Einleitung über den Agnostizismus ah Verderber echten Menschentums
Acht Vorträge, gehalten in Stuttgart vom 29. August bis 6. September 1921 im Rahmen des öffentlichen Kongresses «Kulturausblicke der anthroposophischen Bewegung» - GA 78
Erneuerungsimpulse für Kultur und Wissenschaft
Sieben Vorträge, gehalten beim anthroposophischen Hochschulkurs in Berlin vom 6. bis 11. März 1922 - GA 81

Damit der Mensch ganz Mensch werde. Die Bedeutung der Anthroposophie im Geistesleben der Gegenwart
Sechs Vorträge, gehalten beim anthroposophischen Hochschulkurs, Den Haag vom 7. bis 12. April 1922 - GA 82

Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeiten. Wege zu ihrer Verständigung durch Anthroposophie.
Zehn Vorträge, gehalten auf dem zweiten internationalen Kongreß der anthroposophischen Bewegung in Wien vom 1. bis 12. Juni 1922 -GA83

Der Entstehungsmoment der Naturwissenschaft in der Weltgeschichte und ihre seitherige Entwickelung
Neun Vorträge, gehalten in Dornach vom 24. bis 28. Dezember 1922 und vom 1. bis 6. Januar 1923 - GA 326




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