ZUR EINFÜHRUNG
Es handelt sich nicht darum, die Anthroposophie vor der
Wissenschaft zu rechtfertigen, sondern die Wissenschaft
von der Anthroposophie her zu befruchten.1)
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| 15 | In seinem Vortrag vom 23. Dezember 19212) beschreibt Rudolf Steiner die verschiedenen Phasen, die die anthroposophische Bewegung im Verlaufe von zwanzig Jahren durchlebt hat. Er schildert, wie zunächst die anthroposophische Betrachtungsweise von Philosophie, Kosmologie und Religion von einem kleinen Kreis von Menschen fast wie eine religiöse Weltanschauung aufgenommen wurde und man sich wenig bekümmerte um entsprechende Konsequenzen für die soziale Lebenspraxis. Steiners Bemühen, die Anthroposophie aus der Theorie herauszuholen und sie allmählich ins praktische Leben einfließen zu lassen, fand in einer zweiten Phase zunächst Ausdruck auf dem Gebiet der Kunst, so bei der Entwicklung der neuen Bewegungskunst «Eurythmie», der Aufführung von Mysteriendramen sowie beim Bau des ersten Goetheanum und mehrerer Wohn- und Zweckbauten in Dornach bei Basel. Erst nach Beendigung des Ersten Weltkrieges, dessen Folgen Mitteleuropa in ein Chaos ohnegleichen gestürzt hatten, konnte versucht werden, anthroposophische Impulse nun auch auf sozialem, medizinischem, pädagogischem |
| 16 | und wissenschaftlichem Gebiet zur Wirksamkeit zu bringen. Zu dieser dritten Phase gehört, «…, daß eine große Anzahl von Menschen mit wissenschaftlicher Bildung und mit wissenschaftlichen Aspirationen sich gefunden haben, welche einsahen, daß die anthroposophische Bewegung auch das unmittelbare wissenschaftliche Leben der Neuzeit befruchten kann. […] Medizinische […], physikalische, astronomische Kurse mußten gehalten werden. Nach den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten hin mußte von der Anthroposophie heraus das geleistet werden, was eben aus einer wirklichen Geist-Erkenntnis für die heutige Wissenschaft geleistet werden kann. Diese dritte Phase der anthroposophischen Bewegung charakterisiert sich gerade dadurch, daß man da, wo man streng wissenschaftliche Fundierung fordert, allmählich - wenn das auch heute noch vielfach angefochten ist - dennoch findet, daß die Geisteswissenschaft, wie sie hier gepflegt wird, mit voller Strenge und im vollen Einklänge mit jedem wissenschaftlichen Ernste arbeiten kann.»3) Die im vorliegenden Band zusammengefaßten Vorträge und Fragenbeantwortungen gehören zu dieser dritten Phase im Leben der anthroposophischen Bewegung. Es war eine Gruppe jüngerer Mitarbeiter unter Federführung von Roman Boos, die im März 1920 den Kurs über «Anthroposophie und Fachwissenschaften» in Dornach organisierte, einen Vorläufer des «Ersten Hochschulkurses» vom Herbst 1920. Ein «Bund für anthroposophisch Hochschularbeit» wurde begründet, der es sich zur Aufgabe machte, weitere Kurse für ein wissenschaftlich interessiertes Publikum zu organisieren (siehe Verzeichnis auf Seite 581). |
| 17 | Über sein Anliegen sagt Rudolf Steiner im ersten Vortrag des Kurses «Proben für die Beziehungen der Geisteswissenschaft zu den einzelnen Fachgebieten», «… daß diese Geisteswissenschaft allerdings in ihrer ganzen Forschungsweise sich unterscheidet von dem, was sonst heute im wissenschaftlichen Leben geltend gemacht wird, daß aber dennoch diese Geisteswissenschaft nichts anderes sein will als eine wirkliche Fortsetzung gerade der strengsten wissenschaftlichen Erkenntnisweise der Gegenwart. Sie will durchaus Rechnung tragen denjenigen Fortschritten, die die Menschheit gemacht hat in den letzten Jahrhunderten […] in bezug auf Exaktheit und Gewissenhaftigkeit der wissenschaftlichen Methoden […]. Aber sie ist sich zu gleicher Zeit klar darüber, daß die Erkenntnisfähigkeiten erweitert werden müssen, wenn man zu einer, wenn auch nur relativen Beantwortung derjenigen Fragen kommen will, welche unbeantwortet bleiben auf allen Gebieten des heutigen wissenschaftlichen Lebens.»4) '' '' U. Trapp |