ZEHNTER VORTRAG
ZEHNTER VORTRAG, Dornach, 4. März 1923
Bericht über den Stuttgarter Vortrag vom 28. Februar. Die Unbrüderlichkeit in Gesellschaften, deren Ziel die Pflege der Brüderlichkeit ist. Die drei Bewußtseinszustände Träumen (und Schlafen), Tagesbewußtsein und erhöhtes Wachbewußtsein und die ihnen entsprechenden Seelenverfassungen. Geistesverwirrung und Egoismus durch das Hereintragen von Seelenverfassungen in den ihnen nicht entsprechenden Bewußtseinszustand. Über Toleranz und das notwendige Interesse für die Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft. Bericht über die Stuttgarter Behandlung der Gegner-Frage. Versuch, in der
Gesellschaft in zwei Strömungen nebeneinander zu arbeiten.
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Bericht, als vielmehr die Dinge, die in diesem Vortrage gesprochen
worden sind, eben auch hier besprechen, um noch einzelne Bemerkungen daran zu knüpfen über die Stuttgarter Versammlung. Bei diesem
zweiten Vortrage hat es sich darum gehandelt, die Gründe aufzuzeigen
dafür, daß in einer solchen Gesellschaft wie der anthroposophischen,
trotzdem es in ihr gerade nicht sein sollte, leicht auch das vorkommt,
was in andern ähnlichen Gesellschaften eine wohlbekannte Tatsache
für alle diejenigen ist, die mit der Geschichte solcher Gesellschaften
bekannt sind, ich meine Gesellschaften, die auf einer gewissen geistigen
Weltanschauung beruhen. Sie wissen ja, solche Gesellschaften hat es
immer gegeben. Je nach den verschiedenen Zeitaltern der Menschheit
waren sie gestaltet. In älteren Zeiten hat man eine andere Art des Bewußtseins gehabt, um in die geistigen Welten einzudringen, heute hat
man wiederum eine andere. Und es handelt sich darum, daß in der
Regel diejenigen, die sich zusammengeschlossen haben, um auf Grundlage einer höheren, übersinnlichen Einsicht eine Wissenschaft zu begründen, gewöhnlich, ja eigentlich immer unter ihre Grundsätze auch
den aufgenommen haben, Brüderlichkeit unter den Mitgliedern zu entfalten. Sie wissen aber auch, und das wissen namentlich diejenigen gut,
die mit der Geschichte solcher Gesellschaften bekannt sind, daß diese
Brüderlichkeit leicht Brüche erfahren hat, ja, daß gerade in solchen auf
geistigen Grundlagen errichteten Gesellschaften die stärksten Disharmonien, ja oft die schlimmsten Unbrüderlichkeiten sich entwickelt
haben. Nun ist die Anthroposophische Gesellschaft, wenn Anthroposophie richtig erfaßt wird, durchaus geschützt vor solcher Unbrüderlichkeit. Aber sie wird eben nicht immer richtig erfaßt. Sie kann aber
vielleicht richtiger erfaßt werden, als das oftmals geschieht, wenn man
sich gerade über die Gründe dieser Unbrüderlichkeit ein wenig klar
wird.
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Betrachten wir dazu noch einmal die Dinge, die ich gestern Ihnen
vor das Seelenauge geführt habe. Ich habe gesagt: Wir unterscheiden
zunächst drei Bewußtseinsstufen, die eine ist die des wachen Tageslebens, dann haben wir das Traumbewußtsein und endlich den von
Träumen nicht durchsetzten Schlaf. Der Mensch erlebt seine Traumbilder als eine Welt. Er ist auch in dem Augenblick desTräumens durchaus in der Lage, die Träume für Wirklichkeiten zu halten; für solche
Wirklichkeiten hält er sie, wie eigentlich die Erscheinungen, die Tatsachen der physischen Welt, in der er sich wachend befindet. - Aber es
ist doch eben, wie ich schon gestern gesagt habe, ein gewaltiger Unterschied zwischen den Traumerlebnissen und den Erlebnissen des Alltags
vorhanden. Mit den Traumerlebnissen ist der Träumende isoliert. Ein
anderer, sagte ich, kann neben ihm schlafen, hat andere Träume, kann
also eine ganz andere Welt haben. Beide verständigen sich nicht während des Träumens über ihre jeweiligen Welten. Und wenn zehn Menschen in einem Räume schlafen, so kann jeder seine eigene Welt vor
seinem Bewußtsein haben. Das ist schließlich für denjenigen, der gerade
geisteswissenschaftlich in die oft ja wunderbare Welt der Träume eintauchen kann, gar nicht besonders verwunderlich, denn die Welt, in
welcher der Mensch träumend lebt, ist auch eine wirkliche Welt. Nur
hängt sie durch ihre Bilder mit denjenigen Dingen zusammen, die den
Menschen als einzelne menschliche Persönlichkeit ganz allein angehen.
Gewiß kleidet der Traum dasjenige, was in ihm erlebt wird, in die Bilder der physischen Welt; allein ich habe ja oftmals darauf aufmerksam
gemacht: diese Bilder sind die Einkleidungen des Traumes. Die Wirklichkeit - und es steckt auch in dem Traum durchaus Wirklichkeit - ist
eben doch eigentlich hinter diesen Bildern, für diese Wirklichkeit sind
diese Bilder nur der oberflächliche Ausdruck.
Wer in geisteswissenschaftlichem Sinne sich an die Träume heranmacht, um ihre Bedeutung kennenzulernen, der sieht nicht auf die Bilder, sondern auf die hinter den Bildern ruhende Dramatik des Traumes. Dem einen können diese Träume vor Augen stehen, dem andern
jene Träume, aber es findet sich zum Beispiel bei beiden Träumenden,
sagen wir ein Aufstieg, ein Stehen vor einem Abgrund oder vor irgendeiner Gefahr, eine Lösung. Diese Dramatik, das ist das Wesentliche,
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das sich dann nur in die Bilder kleidet. Und was da als Traumdramatik
auftritt, das wurzelt oftmals in lang vergangenen Erdenleben, oder es
weist auch hin auf spätere Erdenleben. Dasjenige, was der sich fortziehende Schicksalsfaden im menschlichen Leben ist, vielleicht durch
viele Erdenleben, das ist es, was in die Träume hineinspielt. Der Mensch
hat es im Traume durchaus mit dem zu tun, was sein individueller Kern
ist. Er ist ja auch außer dem Leibe mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe; also er ist außer dem Leibe mit seinem Ich, das er von
Erdenleben zu Erdenleben trägt, und er ist in seinem astralischen Leib,
das heißt in derjenigen Welt, die miterleben kann die ganze Umgebung
von Vorgängen und Wesen, in denen wir sind, bevor wir zur Erde herniedersteigen, und wiederum, wenn wir durch den Tod hindurchgegangen sind, um in einer übersinnlichen Welt zu leben.
Aber wir sind auch von unserem physischen Leib und von unserem
Ätherleib im Schlafe isoliert. Die Träume kleiden sich erst in Bilder,
wenn der astralische Leib an den Ätherleib anstößt oder ihn eben verläßt, also beim Aufwachen oder Einschlafen. Aber als Träume sind sie
vorhanden, wenn der Mensch auch im gewöhnlichen Bewußtsein keine
Ahnung davon hat. Der Mensch träumt vom Abend bis zum Morgen
während seines ganzen Schlafens. Da ist er immer beschäftigt mit dem,
was eigentlich nur ihn angeht. Wenn der Mensch nun aufwacht, dann
ist er in derjenigen Welt, in der er gemeinschaftlich mit seinen Mitmenschen ist. Da können nicht zehn Menschen in einem Zimmer sein
und jeder im wesentlichen seine eigene Welt haben, sondern sie alle
haben die Innenverhältnisse des Zimmers zu ihrer gemeinsamen Welt.
Auf dem physischen Plane erleben zunächst die Menschen, die zusammen sind, ihre gemeinsame Welt. Und dann habe ich gestern darauf
aufmerksam gemacht: es sei schon notwendig, daß eine Art Ruck des
Bewußtseins, daß wieder ein Aufwachen stattfinde für diejenigen Welten, aus denen uns dann die wirklichen Erkenntnisse über die Übersinnlichkeiten kommen, jene Erkenntnisse, welche vom wahren Wesen
des Menschen handeln und die ja gerade in der Anthroposophie zugänglich werden sollen. Wir haben also drei Stufen des Bewußtseins.
Nehmen wir aber jetzt den folgenden Fall an: Die Art des Bewußtseins in Bildern, die der schlafende Mensch mit vollem Rechte entCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:257 Seite: 186
wickelt, setzt sich fort in das gewöhnliche alltägliche Bewußtsein, in
die physische Welt herein. Diese Fälle kommen vor. Durch krankhafte
Vorgänge im menschlichen Organismus stellt der Mensch in der physischen Welt so vor, wie er sonst nur im Traume vorstellt: er lebt in
Bildern, die nur ihm angehören. Es ist dies bei abnormen Geisteszuständen, wie man sie nennt, der Fall. Eigentlich sind es Zustände, die durch
irgend etwas Krankhaftes im physischen oder im ätherischen Organismus hervorgerufen werden. Da kann sich der Mensch gewissermaßen
von dem Erleben der äußeren Welt ausschließen wie sonst nur im
Schlafe. Dafür aber steigen, durch seinen krankhaften Organismus veranlaßt, ähnliche Bilder in ihm empor, wie sie sonst nur im Traum vorkommen. Gewiß, von der, ich möchte sagen, läßlichsten Störung des
normalen Seelenlebens des Menschen bis zu den Geisteskrankheiten
haben wir ja alle Abstufungen. Aber was tritt dann ein, wenn der
Mensch die Traumbewußtseinsverfassung hereinträgt in das gewöhnliche physische Erdenleben? Dann steht er neben seinem Nebenmenschen so, wie eben der Träumende neben seinem Nebenmenschen
schläft. Dann isoliert er sich, dann hat er etwas in seinem Bewußtsein,
das sein Nebenmensch nicht hat. Und dann tritt bei einem solchen
Menschen, ohne daß er schließlich im hohen Maße dafür verantwortlich ist, ein besonderer Egoismus hervor. Er kennt nur das, was in seiner
Seele lebt, er kennt nicht das, was in der Seele des andern lebt. Wir
Menschen werden dadurch veranlaßt, miteinander zu leben, daß wir
gemeinsame Sinnesempfindungen haben, über die wir uns dann wieder
gemeinsame Gedanken machen. Wenn aber jemand das, was Seelenverfassung im Traume ist, herausbringt in das gewöhnliche Erdenleben,
so isoliert er sich zum Egoismus, so geht er neben seinem Nebenmenschen hin und behauptet Dinge als wahr, die der andere eben nicht
erlebt. Und Sie werden ja selbst schon im Leben erfahren haben, zu
welchen Graden von Egoismus das verführt, wenn der Mensch das
Traumleben in das gewöhnliche Alltagsleben hereinträgt.
Dieselbe Verirrung aber kann vorkommen, wenn der Mensch sich
nun vereinigt mit andern Menschen, sagen wir in irgendeiner Gruppe,
um anthroposophische Wahrheiten zu pflegen, und das nicht eintritt,
was ich gestern charakterisiert habe: daß in solchen Gruppen die eine
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Seele an der andern erwacht zu einem gewissen höheren, wenn auch
nicht Bewußtsein, so doch zu einem gewissen höheren Empfinden, zu
einem intensiven höheren Erleben. Dann wird der Grad von Selbstsucht, den man in der physischen Welt mit Recht hat, hineingetragen
in die Auffassung der geistigen Welt. Und geradeso wie jemand, der
sein Traumbewußtsein hereinbringt in die physische Welt, ein Egoist
wird in der physischen Welt, so wird man zwar in einem andern Grade,
aber doch eben ein Egoist für die geistige Welt, in der Auffassung der
geistigen Welt, wenn man die ganze Seelenstimmung, Seelenverfassung,
die richtig ist für die physische Welt, hineinträgt in die Auffassung der
höheren Welten.
Aber so geht es ja vielen Menschen. Sie interessieren sich aus einer
gewissen Lebenssensation heraus dafür, daß der Mensch aus physischem
Leib, Ätherleib, astralischem Leib und Ich besteht, daß er wiederholte
Erdenleben hat, daß er ein Karma hat. Sie informieren sich darüber so,
wie man sich über irgendeine Wahrheit oder eine Tatsache der physischen Welt informiert. Wir sehen ja, wie das alle Tage gerade heute
geschieht in dem Kampfe, den man gegen Anthroposophie führt. Da
kommen zum Beispiel die gewöhnlichen Wissenschafter und sagen: Anthroposophie soll geprüft werden durch die gewöhnliche Wissenschaft.
Das wäre gerade so, als wenn man dasjenige, was in der physischen
Welt vor sich geht, prüfen wollte an den Bildern des Traumes. Wie
absurd wäre es, wenn jemand sagen würde: Daß hier so und so viele
Menschen versammelt sind in diesem Zimmer, daß hier ein anthroposophischer Vortrag gehalten wird, das glaube ich erst dann, wenn es
mir nachher geträumt hat. - Denken Sie, wie absurd das wäre! Aber
ebenso absurd ist es, wenn jemand anthroposophische Wahrheiten hört
und sagt, er glaube sie erst dann, wenn es ihm die gewöhnliche Wissenschaft, die nur auf dem physischen Plane Berechtigung hat, bewiesen
hat. Man braucht nur ernsthaftig sachlich auf die Dinge einzugehen,
so sind sie ja durchaus durchsichtig. Geradeso wie derjenige ein Egoist
wird, der seine traumhaften Vorstellungen hereinträgt in die physische
Welt, so isoliert sich in einem höheren Grade, sondert sich von den
andern Menschen ab, will nur ganz sein Recht haben, wer nun die gewöhnliche Auffassung, die man über alle die Dinge von Mensch zu
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Mensch hat, hineinbewahrt in die Auffassung, die er haben sollte von
der höheren Welt. Aber das machen eben schon die Menschen. Die
meisten wollen ja sogar schon bei der Anthroposophie etwas Besonderes. Sie finden in ihrer Lebensauffassung dies oder jenes dort ihrem
Gefühl, ihrem Empfinden entsprechend; das hätten sie gerne. Deshalb
nehmen sie es als wahr an, und weil ihnen das in der physischen Welt
nicht bewiesen wird, möchten sie es gerade von der Anthroposophie
bewiesen haben.
Also es wird hineingetragen in die Auffassung der höheren Welten
die Bewußtseinsverfassung der gewöhnlichen physischen Welt. Und
dadurch entsteht, daß, wenn man auch noch so sehr Brüderlichkeit als
Grundsatz hat, man da die Unbrüderlichkeit hineinträgt, geradeso wie
sich derjenige, der in der physischen Welt träumt, recht unbrüderlich
benehmen kann gegen seinen Nachbarn. Wenn dieser Nachbar vernünftig handelt, so kann er vielleicht aus seinen Traumbildern heraus
zu ihm sagen: Du bist ein Dummkopf, ich weiß es besser. - So kann
der, der aus den Prätentionen der physischen Welt an die Auffassung
der höheren Welt herantritt, demjenigen, der sich mit ihm vereinigt hat,
wenn er etwas anderes als Auffassung hat, sagen: Du bist ein Dummkopf oder ein schlechter Mensch-oder irgend etwas ähnliches. Es handelt sich eben durchaus darum, daß man eine andere Seelenverfassung,
ein ganz anderes Denken und Empfinden gegenüber der geistigen Welt
entwickeln muß. Dann hört auch die Unbrüderlichkeit auf, dann kann
man schon Brüderlichkeit entfalten. Sie ist gerade durch das anthroposophische Wesen im höchsten Maße gegeben, aber man muß auch dieses
anthroposophische Wesen ohne alle Sektiererei und dergleichen Dinge,
die eigentlich nur aus der physischen Welt kommen, betrachten.
Wenn man die Gründe kennt, warum so leicht gerade in eine Gesellschaft, die auf geistigen Untergründen fußt, die Unbrüderlichkeit hineinkommen kann, so weiß man auch, wie man sie zu vermeiden hat,
indem man sich eben wirklich darauf einläßt, seine Seele etwas umzustimmen, wenn man sich anschickt, mit andern Menschen zusammen
die Erkenntnis von den höheren Welten zu pflegen. Und das ist auch
der Grund, warum diejenigen, die sagen: Was ich da gesehen habe, das
glaube ich erst dann, wenn es mir nachträglich geträumt hat - und
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welche der Anthroposophie gegenüber nach diesem Grundsatze handeln, warum diese schon die Sprache, in der die Anthroposophie gesprochen wird, anstößig finden. Wie viele Leute sagen, sie können die
Sprache, in der die Anthroposophie dargeboten wird, namentlich in
meinen Büchern, nicht vertragen! Ja, es handelt sich eben darum, daß
nicht nur über anderes, sondern daß auch anders gesprochen werden
muß, wenn man Erkenntnisse der übersinnlichen Welten darstellt. Das
alles muß durchaus berücksichtigt werden. Wenn man tief durchdrungen ist davon, daß, um Anthroposophie zu verstehen, ein gewisser
Ruck notwendig ist aus einer Lebenslage heraus in die andere, dann
wird tatsächlich Anthroposophie so fruchtbar werden für das Leben,
wie sie eben werden soll. Denn wenn auch Anthroposophie erlebt werden muß durch eine ganz andere Seelenverfassung, als es die gewöhnliche ist, dennoch wird dasjenige, was man aus der Anthroposophie
heraus gewinnt für die ganze Formung der Seele, für die Eigenart der
Seele, moralisch, religiös, künstlerisch, erkenntnismäßig wiederum in
die physische Welt hereinwirken, so wie diese physische Welt in die
Traumwelt hereinwirkt. Man muß nur die Stufe der Realitäten in richtiger Weise ins Auge fassen.
Im Traume brauchen wir nicht mit andern Menschen in einer besonderen Kommunikation, in einer besonderen Beziehung zu stehen,
denn im Traume arbeiten wir im Grunde genommen an unserem fortströmenden Ich. Dasjenige, was wir hinter dem, was sich in Bildern im
Traume darstellt, ausführen, das geht auch nur uns an. Im Traume
arbeiten wir an unserem Karma. Irgend jemand mag dies oder jenes in
den Bildern des Traumes vor sich haben, hinter diesen Bildern arbeitet
seine Seele, sein Ich an dem Karma.
Hier in der physischen Welt arbeiten wir an dem, was in dem
Menschengeschlechte lebt, das in physischen Leibern verkörpert ist.
Wir müssen mit andern Menschen zusammenarbeiten, um an der gesamtmenschlichen Entwickelung das unsrige zu tun. In der geistigen
Welt arbeiten wir mit denjenigen zusammen, die Wesen sind wie
wir Menschen, nur daß sie nicht in einem physischen Leibe leben,
sondern in geistigen Elementen, in geistigem Substantiellen leben. Es
ist eben eine andere Welt, aus der die übersinnlichen Wahrheiten entCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 19 0
nommen werden, und wir müssen uns jeder dieser Welten anpassen.
Das ist der Kern dessen, was ich in so vielen Vorträgen hier ausgesprochen habe, daß es sich nicht nur darum handelt, die Erkenntnisse
der Anthroposophie aufzunehmen wie andere Erkenntnisse, sondern sie
mit einer andern Empfindung aufzunehmen, vor allen Dingen mit der
Empfindung, daß man durch sie einen solchen Ruck im Leben macht,
wie sonst nur durch die Farben, die in das Auge hereinfließen, durch
die Töne, die das Ohr hört, gegenüber den selbsterzeugten Bildern der
Traumeswelt.
Geradeso wie jemand, der weiß, in einer Eisdecke ist da oder dort
eine Stelle, durch die er einbrechen kann, wie der durch sein Wissen das
Unglück vermeiden kann, so kann derjenige, der die Gefahr kennt,
Egoismus auf einer höheren Stufe zu entwickeln gerade gegenüber den
geistigen Wahrheiten, wenn man nicht mit der richtigen Seelenverfassung an sie herantritt, dasjenige vermeiden, was die Unbrüderlichkeit
herbeiführt. Gegenüber geistigen Wahrheiten muß man fortwährend in
einem höchsten Sinne dasjenige entwickeln, was im besten Sinne des
Wortes als Toleranz bezeichnet werden kann. Toleranz gehört zum
Verkehr mit solchen Menschen, die miteinander anthroposophische
Geisteswissenschaft treiben wollen. Und wenn man von diesem Gesichtspunkte aus auf jene schöne Eigenschaft der menschlichen Toleranz
sieht, so wird man zu gleicher Zeit gewahr werden, wie notwendig die
Selbsterziehung zur Toleranz gerade in unserer gegenwärtigen Zeit ist.
Ist es doch das Eigentümlichste in unserer Zeit, daß überhaupt kein
Mensch mehr dem andern ordentlich zuhört! Kann man denn überhaupt noch einen Satz sprechen, ohne daß schon bei den ersten Worten
der andere einem seine eigene Meinung sagt und Meinung gegen Meinung stehenbleibt? Das ist ja die heutige Zivilisation im Grunde genommen, daß keiner mehr zuhört, daß jedem nur seine eigene Meinung wert ist und daß er jeden andern für einen Toren hält, der nicht
die Meinung hat, die er selber hat.
Aber, meine lieben Freunde, wenn ein Mensch eine Meinung äußert,
und wenn wir sie noch so sehr für töricht halten, sie ist eine menschliche Meinung, und sie muß von uns entgegengenommen werden können, wir müssen sie anhören können. Ich möchte Ihnen etwas recht
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 57 Seite: 191
Paradoxes sagen: Wenn man aus der heutigen intellektualistischen
Seelenverfassung heraus seine Seele gestimmt hat, dann weiß man
immer, was gescheit ist. Jeder einzelne weiß immer, was gescheit ist.
Ich sage nicht, daß es nicht gescheit ist, es ist meistens auch gescheit!
Aber das geht doch nur bis zu einem gewissen Punkte. Bis zu diesem
Punkte hin hält der Gescheite denjenigen, der noch nicht seine Meinung hat, eben für einen Dummkopf. Wir finden ja heute dieses Urteil
außerordentlich häufig, und zwar für die gewöhnlichen Lebensverhältnisse mit Recht. Es ist ja manchmal für den Menschen, der sich ein
gesundes Urteil über verschiedene Verhältnisse angeeignet hat, schrecklich, was manche Menschen für Torheiten sagen. Man kann dann den
Leuten nicht verübeln, wenn sie die Sache auch töricht finden. Ja,
schön, aber das geht nur bis zu einem gewissen Punkte. Man kann dann
noch gescheiter werden als gescheit, man kann dann sich noch mehr
aneignen. Namentlich kann man die Gescheitheit etwas färben lassen
durch übersinnliche Einsichten. Da ist das Merkwürdige, daß dann das
Interesse an der Torheit nicht abnimmt, sondern daß es wächst. Wenn
man selbst etwas weise geworden ist, hat man es ganz gern - verzeihen
Sie, daß ich den harten Ausdruck gebrauche -, wenn einem die Leute
Dummheiten sagen. Man findet manchmal die Dummheiten sogar gescheiter als das, was die durchschnittsgescheiten Leute sagen, denn
hinter den Torheiten steckt manchmal unendlich viel mehr Menschlichkeit als hinter den Durchschnittsgescheitheiten der durchschnittsgescheiten Menschen. Eigentlich fängt für eine wirklich immer tiefer
dringende Einsicht in die Welt ein immer größer werdendes Interesse
an für die menschliche Torheit. Denn diese Dinge sind ja für die verschiedenen Welten immer verschieden. Ein Mensch, der für einen gescheiten Menschen unserer gewöhnlichen physischen Welt ein Tor ist,
der kann unter Umständen mit diesen Torheiten die Offenbarung sein
für etwas, was Weisheiten in einer ganz andern Welt sind, die nur, ich
möchte sagen, gebrochen und karikiert zum Vorschein kommen. Die
Welt ist wirklich, wenn ich ein Wort Nietzsches gebrauchen darf,
«tiefer als der Tag gedacht».
Solche Dinge müssen unserer Empfindungswelt zugrunde liegen,
wenn die Anthroposophische Gesellschaft, das heißt die Vereinigung
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Vei waltung Buch: 2 5 7 Seite: 19 2
derer, die Anthroposophie treiben, auf eine gesunde Grundlage gebracht
werden soll. Dann wird der Mensch gerade dadurch, daß er weiß, man
muß sich anders verhalten gegenüber der geistigen Welt als gegenüber
der physischen Welt, das Richtige aus dieser geistigen Welt in die physische hereintragen. Er wird in der physischen Welt nicht ein Träumer
werden, sondern gerade ein lebenspraktischer Mensch. Und das ist ja
notwendig. Es ist wirklich notwendig, daß der Mensch nicht dadurch,
daß er Anthroposoph ist, für die gewöhnliche physische Welt unbrauchbar werde. Das muß immer wieder und wieder betont werden. - Dies
wollte ich in meinem zweiten der Stuttgarter Vorträge auseinandersetzen, damit eben von da aus manches Licht fallen könnte auf die Art
und Weise, wie sich die einzelnen in der Anthroposophischen Gesellschaft angelegen sein lassen sollen die Pflege des richtigen anthroposophischen Lebens in dieser Gesellschaft. Denn was in dieser Gesellschaft leben muß, ist durchaus nicht bloß eine Erkenntnissache, es ist
eine Herzenssache. Aber inwiefern es eine Herzenssache ist, das muß
eben durchschaut werden.
Gewiß, man kann ja finden, daß einen die Lebensverhältnisse nötigen, seinen eigenen, einsamen Weg zu gehen. Den kann man auch gehen.
Aber in Stuttgart haben wir halt verhandelt über die Lebensbedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft, und so mußten diese eben
einmal besprochen werden. Soll die Gesellschaft weiterbestehen, so
muß bei denjenigen, die die Gesellschaft bilden wollen, unbedingt ein
Interesse für die Lebensbedingungen dieser Gesellschaft vorhanden
sein. Dann müssen aber auch diejenigen Dinge interessieren, die mit der
täglich immer stärker werdenden Gegnerschaft gegen diese Gesellschaft
zusammenhängen. Auch nach dieser Richtung mußte ich in Stuttgart
einiges ausführen. Ich sagte, seit dem Jahre 1919 ist manches innerhalb
dieser Gesellschaft begründet worden, das an sich gut ist, aber es ist
nicht gelungen, die Dinge in der richtigen Weise in die gesamte anthroposophische Bewegung hineinzustellen, das heißt, sie zur gemeinsamen
Sorge der Anthroposophen zu machen. Denen, die heute eintreten, darf
kein Vorwurf gemacht werden, wenn sie gar kein Interesse haben an
dem, was ohne sie seit dem Jahre 1919 begründet worden ist, und wenn
sie bloß, wie das die Jugend zum Beispiel tut, eigentlich Anthroposophie
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 193
an sich im engeren Sinne suchen. Aber die Gegnerschaft ist eigentlich
im wesentlichen entwickelt worden an diesen neuen Begründungen.
Gewiß, Gegnerschaft war auch schon früher da, aber man brauchte
sich nicht um sie zu kümmern. Nun mußte ich in Anknüpfung an diese
Erscheinungen über diese Gegner etwas sagen, was eigentlich gewußt
werden sollte in der Anthroposophischen Gesellschaft. Meine lieben
Freunde, ich habe Ihnen von den drei Phasen der anthroposophischen
Gesellschaft gesprochen und habe darauf aufmerksam gemacht, wie ja
doch in der letzten, in der dritten Phase vom Jahre 1916,1917 bis jetzt,
in den Vorträgen eine ganze Menge anthroposophische Einsichten in
die übersinnliche Welt an Sie herangekommen sind. Ja, das mußte alles
herausgearbeitet werden, das erforderte ein wirkliches Forschen in der
geistigen Welt. Wer unbefangen hinschaut, wird sehen, wieviel gegenüber Früherem gerade in den letzten Jahren aus der geistigen Welt herausgeholt und den Vorträgen einverleibt worden ist.
Nun sind unter den Gegnern ja gewiß unendlich viele, die eigentlich
gar nicht wissen, warum sie Gegner sind, die es sind, weil sie eben Mitläufer mit andern sind, weil sie sich irgendwie für ihre Bequemlichkeit
einen blauen Dunst vormachen lassen. Aber es sind immerhin einige
führende Menschen unter diesen Gegnern, die ganz gut wissen, um was
es sich handelt, die eben einfach ein Interesse daran haben, daß diese
Wahrheiten über die geistige Welt, welche einzig und allein die Menschenwürde wirklich heben könnten, welche wiederum Friede über die
Erde bringen werden, nicht ans Tageslicht treten, die diese Wahrheiten
ausrotten möchten. Die andern laufen mit, aber einige wenige gibt es,
die eben einfach nicht wollen, daß die anthroposophischen Einsichten
in die Welt hineinkommen. Diese handeln ganz bewußt mit ihrer Gegnerschaft und mit der Gegnerschaft, die sie unter ihren Mitläufern
anzetteln. Denn, was wollen diese? Sie wollen, wenn ich in diesem Falle
von mir sprechen darf, daß ich so viel zu tun habe mit der Abwehr der
Gegner, daß ich nicht zum eigentlichen anthroposophischen Forschen
mehr kommen kann; denn zum anthroposophischen Forschen gehört
eine gewisse Ruhe, eine gewisse innere Betätigung der Seele, die nichts
zu tun hat mit dem, was man tun müßte, wenn man alle die zumeist
törichten Gegnerschaften abwehren möchte.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 194
Nun hat Herr Werbeck in seinem wirklich genialen Vortrage, den er
in Stuttgart gehalten hat über die Gegnerschaften im allgemeinen, darauf aufmerksam gemacht, wie viele Bücher allein auf theologischem
Gebiete da sind. Ich glaube, ein Dutzend hat er angeführt oder noch
mehr, es sind also so viele, daß wenn man sie alle nur lesen würde, man
schon genug damit zu tun hätte. Und denken Sie sich: das alles zu
widerlegen! Man würde gar nicht zu einem Forschen kommen.Und das
ist nur auf einem Gebiete. Auf andern Gebieten sind zum mindesten
ebensoviel oder noch mehr Bücher geschrieben worden. Man wird eben
mit gegnerischen Schriften bombardiert, um abgehalten zu werden von
der eigentlichen anthroposophischen Tätigkeit. Das ist System, das ist
so gewollt. Aber man hat die Möglichkeit, wenn eben auf der andern
Seite das Notwendige vorhanden ist, nun doch die Anthroposophie zu
pflegen und diese gegnerischen Schriften beiseite zu schieben. Viele
kenne ich nicht einmal dem Titel nach, aber diejenigen, die ich habe,
stapele ich zumeist auf, denn es ist nicht möglich, zu gleicher Zeit wirklich wahre, echte Geistesforschung zu betreiben und sich mit dieser
Gegnerschaft selber zu befassen. Nun, dann sagen die Gegner: Er antwortet nicht selbst. - Aber was da von den Gegnern vorgebracht wird,
kann eben auch von andern beantwortet werden. Und da die Begründungen eben seit 1919 auf die Initiative von andern hin eigentlich entstanden sind, so ist es notwendig, daß auf diesem Gebiete eben die Gesellschaft ihre Verpflichtung übernimmt, daß tatsächlich der Kampf
gegen die Gegner gewissermaßen von der Gesellschaft übernommen
werde, sonst ist es nicht möglich, die anthroposophische Forschung
wirklich aufrechtzuerhalten.
Das wollen ja gerade die Gegner. Am liebsten wäre es ihnen sogar,
wenn sie Prozesse machen könnten - dazu zeigen sie überall die Absicht -, denn sie wissen, dadurch würde man genötigt, die ganze Seelenverfassung und Seelenstimmung auf ein Feld zu bringen, das die eigentliche anthroposophische Tätigkeit zerstört. Ja, meine lieben Freunde,
die Gegner wissen eben zumeist sehr gut, was sie wollen, sie sind gut
organisiert. Das ist es aber, was auch in der Anthroposophischen Gesellschaft gewußt werden muß. Auf diese Dinge muß durchaus die nötige
Aufmerksamkeit verwendet werden, dann führt sie schon auch zur Tat.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 25 7 Seite: 19 5
Ich habe Ihnen berichtet, inwiefern es in Stuttgart dazu gekommen
ist, daß wiederum eine Zeitlang die Anthroposophische Gesellschaft
wird arbeiten können. Aber es gab da einen Moment, in dem ich eigentlich hätte sagen müssen: Ich ziehe mich nunmehr, nachdem das vorgekommen ist, von der Gesellschaft zurück. - Es geht natürlich aus
andern Gründen nicht, jetzt, nachdem eben die Gesellschaft das in sich
aufgenommen hat, demgegenüber man sich nicht zurückziehen darf.
Aber wenn es nur eben auf das angekommen wäre, was sich da in Stuttgart im Versammlungssaal entwickelt hat in dem einen Momente, dann
wäre es voll berechtigt gewesen, demgegenüber zu sagen: Nun muß
ich sehen, Anthroposophie auf eine andere Weise Vor der Welt zu vertreten; ich muß mich von der Anthroposophischen Gesellschaft zurückziehen. - Dieser Moment war in dem Augenblick gegeben, als das Folgende eintrat. Der Neunerausschuß hatte beschlossen, eine Anzahl von
Referaten zu halten über die Tätigkeit innerhalb dieses oder jenes Gebietes in der Anthroposophischen Gesellschaft. Es sollte ein Referat
gehalten werden über die Waldorfschule, über den «Bund für freies
Geistesleben», über den «Kommenden Tag», über die Zeitschrift «Anthroposophie», über die Zeitschrift «Die Drei» und so weiter, auch
Referate über die Gegnerschaften und namentlich die Behandlung der
Gegnerschaften.
Nun hat ja Werbeck, der sich mit der Gegnerschaft befaßt hat, wie
gesagt, über die Art und Weise, wie man literarisch die Gegnerschaft
behandeln kann, einen genialen Vortrag gehalten. Jetzt mußte man
aber erst noch auf die konkreten Dinge der Gegnerschaften eingehen.
Und was geschah da? Gerade mitten in diesem Referieren über die
Gegnerschaften wurde der Antrag gestellt, man wolle die Referate
nicht mehr anhören, man wolle weiter diskutieren. Ohne eigentlich
irgend etwas zu wissen, was geschehen ist in der Gesellschaft, wollte
man weiter diskutieren. Man stellte also den Antrag, die Referate sollen
abgesetzt werden, mitten drinnen im Referat über die Gegner! Der
Antrag wurde angenommen.
Es stellte sich noch das Groteske heraus: Am Abend vorher hatte
Dr. Stein über die Jugendbewegung das Referat zu halten gehabt. Dies
war schon sehr spät am Abend. Herr Leinhas, welcher der Vorsitzende
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 196
war, war wirklich in keiner beneidenswerten Lage, denn ich habe Ihnen
schon vorgestern gesagt, er wurde förmlich bombardiert mit Geschäftsordnungsanträgen, die sich wiederum einkapselten.Wenn ein Geschäftsordnungsantrag gestellt war, so lief sofort ein anderer ein, und kein
Mensch konnte überhaupt mehr übersehen, wie nun die Debatte geleitet
werden sollte. Nun, diejenigen, die zu dieser Delegiertenversammlung
gekommen waren, die waren nicht so dauerhaft im Sitzen, wie jene, die
sie vorbereitet hatten. In Stuttgart ist man ja schon daran gewöhnt, wir
haben schon Sitzungen gehabt, die bis sechs Uhr morgens gedauert
haben, nachdem sie nicht viel später als um halb zehn oder zehn Uhr
abends angefangen hatten. Aber wie gesagt, die Delegierten waren
noch nicht trainiert auf diese Art. Und so war es schon spät geworden,
bevor Dr. Stein sein Referat über die Jugendbewegung, über die Wünsche der Jugend halten sollte, und da war irgendein Irrtum entstanden,
so daß man nicht recht wußte: hält er das Referat oder nicht - und da
gingen eine Menge fort. Nun hielt er es aber. Und am nächsten Tag, als
die wieder kamen, hörten die Leute, er habe das Referat gehalten, und
sie waren nicht dabei gewesen. Es wurde nun der Antrag gestellt, er
solle das Referat noch einmal halten. Es scheiterte daran, daß er nicht
da war. Aber just als Dr. Stein kam, um sein Referat über die Gegner
zu halten, da wurde die Sache so, daß sie nun sein Referat nicht nur
nicht zweimal, sondern nicht einmal einmal hören wollten; es wurde
ein entsprechender Antrag angenommen. Er hat dieses Referat dann
später gehalten. Aber an dieses Referat hätte sich noch eine Besprechung der konkreten Gegnerschaft schließen müssen. Stein hatte zu
meiner Überraschung ja nicht über die konkrete Gegnerschaft gesprochen, sondern er hat eine Art Metaphysik der anthroposophischen
Gegnerschaft entwickelt, wodurch ja eigentlich die Sache nicht so recht
anschaulich geworden war. Es war ein sehr geistreiches Referat, aber
nicht über die Konkretheit der Gegner, sondern über die Metaphysik
der Gegner. Und im Grunde genommen hat sich also dabei gezeigt, daß
die ganze Gesellschaft - denn die Delegiertenversammlung repräsentierte die ganze Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland -
nichts wissen wollte von der Gegnerschaft!
Man kann das natürlich begreifen. Aber heute ist das so notwendig
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 197
für die Erkenntnis der Lebensbedingungen der Anthroposophischen
Gesellschaft, daß es eben jemand nicht ernst meint mit der Anthroposophischen Gesellschaft, wenn er es ablehnt, die Gegnerschaft kennenzulernen, wenn dazu die beste Gelegenheit gegeben wird. Und es hängt
wirklich von der Art und Weise des Verhaltens der anthroposophischen
Mitglieder gegenüber der mit jedem Tage intensiver werdenden Gegnerschaft alles ab für das Vertreten der Anthroposophie vor der Welt.
Also war in diesem Momente für mich eigentlich die Notwendigkeit
gegeben, aus der Versammlung heraus zu sagen: Da kann ich nun nicht
mehr mitmachen, wenn einen gar nichts mehr interessiert als nur dasjenige, was man immer wieder und wiederum sagen kann mit den allgemeinen Worten «Menschlichkeit muß auf Menschlichkeit stoßen»
und wie diese allgemeinen Worte eben sind. Sie sind ja auch in Stuttgart im ausgiebigsten Maße, man kann nicht sagen, diskutiert, sondern
eben paraphrasiert worden oder irgend etwas ähnliches. Aber es geht
natürlich nicht, daß man sich heute trennt von etwas, was eben nicht
bloß in der Einbildung, sondern in der Realität besteht: daß man sich
von dieser Anthroposophischen Gesellschaft trennt! Und so ist es eben
notwendig geworden, auch über solche Dinge hinwegzusehen und eben
zu versuchen, den Modus zu finden, den ich Ihnen am Samstag geschildert habe: daß auf der einen Seite die alte Anthroposophische Gesellschaft in voller Realität fortlebt und auf der andern Seite eine lose
Vereinigung besteht, die ja auch zu Gemeinschaftsbildungen in dem
Sinne führen kann, wie ich sie gestern in ihren Bedingungen geschildert
habe, und daß dann eben eine Art Bindeglied geschaffen werde für die
Überbrückung des Gegensatzes, der da besteht.
Denn man muß sich gewiß durchaus klar darüber sein, daß Anthroposophie etwas Ewiges ist. Daher kann sie jeder Mensch in voller Einsamkeit studieren, dazu hat er auch das Recht; er braucht sich ja gar
nicht für die Anthroposophische Gesellschaft zu interessieren. Es
könnte ja vorkommen, und bis zum Jahre 1918 war durchaus die Möglichkeit gegeben, daß Anthroposophie nur verbreitet wird durch Literatur oder durch Vorträge, die sich an den richten, der sie eben hören
will. Die Anthroposophische Gesellschaft bis zum Jahre 1918 war insofern ganz richtig ihrem Wesen entsprechend, weil sie jeden Tag aufCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 5 7 Seite: 19 8
hören konnte, ohne daß die Anthroposophie aufhörte. Diejenigen, die
sich außerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft wahrhaft interessierten für Anthroposophie, konnten alles geradeso haben, wie sie es
durch die Anthroposophische Gesellschaft haben konnten. Durch die
Anthroposophische Gesellschaft war nur eine werktätige Zusammenarbeit und ein Erwachen einer Menschenseele an der andern gegeben.
Aber aus demjenigen, was so gepflogen war, hat sich eben durch die
Initiative dieser oder jener Persönlichkeiten innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft etwas herausentwickelt, was nun bindet, was
da ist, was nicht jeden Tag aufgegeben werden kann. Und das muß
von der alten Anthroposophischen Gesellschaft fortgepflegt werden.
Deshalb kann einem die Art und Weise, wie das alte Komitee katalogisiert und bürokratisiert und sich überhaupt verhält, noch so unsympathisch sein: was es zu besorgen hat, das muß es eben besorgen. Dafür
können keine andern eintreten. Es ist ein ganz blinder Glaube, wenn
man meint, daß derjenige, der nur im allgemeinen Interesse hat für
anthroposophisches Leben, so wie man es 1902 auch gehabt hat, daß
der nun die Mitbesorgung aller dieser Dinge übernehmen kann. Damit
muß man ja verwachsen sein. Das muß man kennengelernt haben in
seinem Wesen.
Also diese alte Anthroposophische Gesellschaft muß fortbestehen,
sie ist ja doch eben durchaus etwas Reales. Daneben aber haben diejenigen, die einfach Anthroposophie als solche wollen, ihr volles Recht,
an die Anthroposophie heranzukommen. Für die ist nun jene lose Vereinigung geschaffen, von der ich Ihnen gestern gesprochen habe, die
ihrerseits ihr Vertrauenskomitee hat, deren Namen ich Ihnen genannt
habe. So daß wir diese zwei Vertrauenskomitees haben, und beide Vertrauenskomitees werden nach und nach engere Komitees bilden, die
dann miteinander verhandeln, so daß die Gesellschaft doch eine Einheit bildet. Daß auch bei der loseren Vereinigung ein Interesse da sein
kann für alles dasjenige, was aus der Anthroposophischen Gesellschaft
hervorgeht, das zeigte sich ja darin, daß gleich, und zwar gerade von
den Jüngsten aus der Jugendbewegung heraus, aus der akademischen
Jugendbewegung heraus der Antrag auf eine Neugründung gestellt
worden ist, die also wieder da sein wird und als solche ihre volle BeCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 199
rechtigung hat. Es war, ich möchte sagen, sogar eine der allerberechtigtsten, intimst berechtigten Fragen der anthroposophischen Bewegung, Gesellschaft.
Ein Antrag war ja ganz besonders interessant, der da gestellt worden ist, der ging aus von den Schülern der obersten Klassen der Waldorfschule. Ich habe ihn selber verlesen, weil er mir geschickt worden
war. Also die Schüler der obersten Klassen der Waldorfschule stellten
ihrerseits einen Antrag, der etwa den folgenden Inhalt hat. Sie sagten:
Wir haben uns jetzt nach den Grundsätzen, die in der Waldorfschule
sind, entwickelt. Das nächste Jahr ist nun dasjenige, wo wir zum Abiturium kommen sollen. Vielleicht werden wir schon deshalb das Abiturium nicht machen können, weil uns Schwierigkeiten erwachsen werden. Aber jedenfalls, wenn wir nun nach den richtigen Grundsätzen in
der Waldorfschule erzogen werden und sollen jetzt an eine gewöhnliche Hochschule kommen, wie wird es uns denn da ergehen? - Und da
haben die Waldorfschüler schon in einer ganz netten Weise diese Hochschule charakterisiert und daher den Antrag gestellt, daß man eine
freie Hochschule begründen soll, an der man nun studieren kann, wenn
man Waldorfschüler gewesen ist.
Es ist ganz gescheit, es ist ganz berechtigt. Der Antrag wurde auch
gleich von den Vertretern der akademischen Jugendbewegung aufgenommen, und es ist sogar schon eine - bei der jetzigen Valuta bedeutet es freilich nicht viel -, aber immerhin eine ganz erkleckliche
Summe von, ich glaube, 25 Millionen Mark zustande gekommen als
Grundkapital für die Begründung einer solchen freien Hochschule.
Mit 25 Millionen Mark kann man heute natürlich keine Hochschule
begründen, aber wenn sich ein Amerikaner finden würde, um eine solche Hochschule zu begründen, mit vielleicht einer Milliarde oder noch
mehr, dann könnte man ja anfangen. Anders ginge es ja natürlich nicht,
und das würde vielleicht auch noch zu wenig sein, ich kann es jetzt
nicht gleich überschlagen. Aber wenn die Möglichkeit dazu gegeben
würde, dann wäre erst recht eine Verlegenheit da, eine furchtbare Verlegenheit, selbst wenn Aussicht vorhanden wäre, daß die Doktordiplome und die Prüfungen anerkannt würden, nämlich diese: Soll ich
nun diese Hochschule besetzen mit der Waldorflehrerschaft? Mit den
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einzelnen Mitgliedern unserer Forschungsinstitute? Das ginge ja allenfalls. Aber dann hätten wir keine Waldorf schule und keine Forschungsinstitute! Denn durch die besondere Art, wie die Anthroposophische
Gesellschaft sich in den letzten Jahren entfaltet hat, sind ja diejenigen
Menschen, die, ich möchte sagen, gut in der Anthroposophischen Gesellschaft sein könnten, eher abgehalten worden. Heute ist es schon
wirklich ein unglaublich schweres Problem, wenn ein neuer Waldorflehrer bei Begründung einer Waldorfschulklasse angestellt werden soll,
einen solchen innerhalb der Reihe der Anthroposophen zu finden. Denn
es ist schon etwas daran, daß, trotzdem wir glänzende Kongresse und
alles mögliche gehabt haben, vielfach das Verhalten in der Anthroposophischen Gesellschaft so war, daß die Leute gesagt haben: Anthroposophie gefällt uns ganz gut, aber in die Gesellschaft wollen wir nicht
eintreten.
Und daran muß zunächst gearbeitet werden, die Gesellschaft wiederum zur Geltung zu bringen, denn es sind viele Menschen in der Welt,
die prädestiniert sind, Anthroposophie zu dem wichtigsten Inhalt ihres
Herzens und ihrer ganzen Seele zu machen. Aber die Anthroposophische Gesellschaft muß das Nötige dazu tun. So daß also, wenn man
einer solchen Sache gegenübersteht, es sich sofort klar zeigt: Angefangen muß zunächst jetzt werden mit etwas ganz anderem, angefangen
muß zunächst werden damit, wirklich Anthroposophie vor die Welt
hinzutragen, so daß die Menschheit kennenlernt die Anthroposophie.
Unsere Gegner tragen sie als Karikatur vor die Welt hin. Da wird
sehr stark gearbeitet. Überall ist auch das, was in den Zyklen steht, in
die Schriften der Gegner hineingeheimnißt. Und jetzt gibt es ja Leihbibliotheken, wo sie ausgeliehen werden können, die Zyklen und so
weiter! Die alte Art, über die Dinge zu denken, ist heute nicht mehr
tunlich. Es gibt durchaus Antiquariate, die Einrichtungen haben, daß
man gegen ein Entgelt Zyklen ausborgen kann. Die kann jeder lesen,
das ist nun schon so. Man kennt ja auch gar nicht die Bedingungen
unseres gegenwärtigen sozialen Lebens, wenn man glaubt, daß man
ewig solche Dinge sekretieren kann. Das kann man eben in der Gegenwart nicht mehr. In dieser Beziehung ist unser Zeitalter tatsächlich
auch geistig demokratisch geworden. Das muß wieder verstanden werCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 257 Seite: 201
den, daß Anthroposophie eben vor die Welt hingetragen werden soll.
Das lebt nun tatsächlich in dieser losen Vereinigung.
Die Menschen, die sich dort zusammengefunden haben, haben von
vornherein das Bestreben, die Anthroposophie in der breitesten Weise
vor die Welt hinzutragen. Ich weiß ganz gut, daß dadurch wiederum
allerlei neue Kanäle geschaffen werden, um das, was man glaubt, in
der Gesellschaft halten zu können, eben aus der Gesellschaft hinauszuliefern. Aber man muß sich den Notwendigkeiten der Zeit fügen. Und
man muß als Anthroposoph ein aufmerksames Seelenauge haben können auf das, was die Zeit fordert. Deshalb ist es so, daß Anthroposophie
gerade jetzt so angesehen werden muß, daß sie Lebensinhalt werden
kann, wie ich das ja auch gestern angedeutet habe.
Nun, meine lieben Freunde, wie gesagt, es ist der Versuch gemacht
worden, mit diesen zwei Strömungen in der Anthroposophischen Gesellschaft in einer loseren Bindung zueinander zu stehen, und ich hoffe,
daß damit wiederum, wenn es richtig verstanden wird, wenn es richtig
gehandhabt wird, sich eine Zeitlang leben läßt, wahrscheinlich eine gar
nicht sehr lange Zeit, darüber gebe ich mich keinen Illusionen hin.
Dann wird ja natürlich wieder etwas anderes gemacht werden müssen.
Aber ich habe ja damals gesagt, als ich nach Stuttgart reiste zu dieser
Generalversammlung der Deutschen Anthroposophischen Gesellschaft,
daß es notwendig wäre, weil die Anthroposophie von Deutschland ausgegangen ist und die Welt das auch weiß und akzeptiert hat, daß zunächst innerhalb der Deutschen Anthroposophischen Gesellschaft eine
gewisse Ordnung geschaffen werde, daß aber dann dies der Ausgangspunkt sein soll für das Ordnung-Schaffen auch außerhalb. Ich stelle
mir allerdings vor, daß die Anthroposophischen Gesellschaften in den
verschiedensten Sprachgebieten, die ja überall vorhanden sind, sich
nun auch veranlaßt sehen werden, in einem ähnlichen oder in einem
andern Sinne etwas zur Konsolidierung der Gesellschaft zu tun, so daß
tatsächlich überall der Versuch gemacht wird, die Lebensbedingungen
dieser Anthroposophischen Gesellschaft so zu gestalten, daß Anthroposophie der Welt das werden kann, was sie werden soll. |