FRAGENBEANTWORTUNG
Penmaenmawr, 20. August 1923, abends
| Seite | Text |
| 71 |
Intuition. Der Wortlaut der Fragen ist von der Stenografin nicht notiert
worden.
Rudolf Steiner: In bezug auf die Frage der Schwierigkeit mit einem
solchen Wort wie «Imagination» möchte ich das folgende bemerken:
Wenn wir ein Wort aufnehmen, um einen bedeutsamen Inhalt
wiederzugeben, so sollte man immer auf die ursprüngliche Wortbedeutung zurückgehen und eigentlich nicht fragen: «Welche Bedeutung gibt man dem Worte gerade augenblicklich in der Umgangssprache?»,„ denn im Grunde ist es bei allen gegenwärtigen Umgangssprachen so, daß sie die Worte verflacht haben. Ich habe
schon heute morgen auf etwas aufmerksam machen müssen, was
aber eine innerliche Berechtigung hat. Das Wort «Intuition» wird
ja auch in einem, ich möchte sagen, alltäglichen Sinne gebraucht,
aber mit Recht, weil die höchste Erkenntnis über das geistige Leben für das sittliche Gebiet bis in das einfachste, ja primitivste
Menschengemüt herunterkommen muß. Für ein solches Wort wie
«Imagination» können wir ein ganz Gleiches nicht sagen, und man
sollte daher zunächst sich an einem solchen Worte immer klar
machen, was in ihm alles steckt. In dem Augenblicke, wo Sie Vorund Nachsilbe des Wortes losschälen und auf das Mittlere gehen,
da kommen Sie unmittelbar auf «Magie». «Magie» steckt in dem
Worte «Imagination»: es ist eine Verinnerlichung des Magischen.
Wenn Sie auf eine solch ursprüngliche Bedeutung des Wortes zurückgehen, dann werden Sie finden, daß derjenige Sprachgebrauch,
der heute zugrunde liegt, eben ein durchaus verflachter ist.
Das Wort «Imagination» wird in der englischen Sprache auch für «Phantasie»
gebraucht.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 22 7 Seite: 71
Nun mochte ich gern wissen, was man eigentlich in der Anthroposophie und überhaupt bei einer spirituellen Vertiefung machen
soll, wenn man nicht die Anforderung stellt: alle Worte müssen
zurückgeführt werden zu ihrer vertiefteren Bedeutung.
Sehen Sie, man muß schon so etwas wie Anthroposophie so
ernst nehmen, daß man sich auch diesen Gedanken einmal klarmachen muß: Kann man Anthroposophie in der heutigen Umgangssprache überhaupt darstellen in Wirklichkeit? Kann man in irgendeiner Umgangssprache überhaupt so Bedeutendes über Anthroposophie sagen? - Nun, alle Umgangssprachen enthalten ursprünglich etwas Vertieftes, und man kann in allen heutigen Umgangssprachen zurückgehen zu diesen vertiefteren Bedeutungen.
Wenn man heute von «Imagination» spricht und das Wort auch
anwendet für dasjenige, was sich der Phantasie einverleibt, so hat
man eben das Wort bloß für das genommen, was man einzig und
allein heute von einem inneren Erleben kennt. Die meisten Menschen meinen ja heute, wenn von innerem Erleben die Rede ist, das
sei alles phantastisch, und sie bezeichnen dann das Phantastische als
das Imaginative. Sie haben von ihrem Standpunkte aus ganz recht.
Aber wenn man nicht den Willen hat, zurückzugehen zu einer
solchen ursprünglichen Bedeutung, wie sie in dem Wort «Imagination» liegt, dann wird es sehr schwer werden, Anthroposophie
überhaupt in die Sprache hereinzubekommen.
Man muß sich folgendes klar machen: Sehen Sie, in dem Worte
«Magie» liegt Mannigfaltiges. Zunächst liegt dasjenige in dem
Worte «Magie», was ich etwa folgendermaßen umschreiben möchte: Wir sehen, wenn wir heute wissenschaftlich neugierig sind, in
das Mikroskop hinein, und wir sehen dann dasjenige, was klein ist
in der Welt, auf dieses Kleine in der Welt - sei es das ersehnte
Atom, das ja heute auch experimentell gezeigt wird, sei es irgendeine Keimanlage -, auf dieses Kleine ist die heutige materialistische
Wissenschaft immer neugierig. Aber in dem Augenblicke, wo wir
zu den wirklichen Ursachen der Dinge gehen, wo wir dahin gehen,
wo die schöpferischen Kräfte und Mächte der Dinge sind, da kommen wir nicht zu dem Kleinen, sondern da kommen wir zu dem
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 27 Seite: 7 2
Großen. Und das Schöpfen aus dem Großen heraus, das Schöpfen
aus dem Gewaltigen, Imposanten, dasjenige, was Schöpferkräfte
umfaßt, die den kleinen Menschen überragen, das in entsprechender Weise hereinzubekommen in die menschliche Seele, das heißt:
das Magische verdichten, so daß es in der Verdichtung von der
menschlichen Seele empfangen und erlebt werden kann.
Und so, wie man es mit dem Worte «Imagination» machen soll,
so sollte man es eben auch mit allen anderen Worten, die gebraucht
werden, machen. Es spricht doch heute fast jeder Mensch von Inspiration. Ich spreche ihm das Recht nicht ab - warum sollte ich es
ihm absprechen, denn jeder hat auf dem Niveau, auf dem er sich
bewegt, das Recht, das Wort «Inspiration» zu gebrauchen -, aber
jeder spricht heute, sogar wenn ihm ein Witz einfällt, von «Inspiration». Nun, natürlich kommt man mit dieser Interpretation des
Wortes «Inspiration», wenn man es so gebraucht, nicht zurecht für
die Wege der höheren Erkenntnis. Aber machen wir es wiederum
uns zum Grundsatze, die Worte in den jetzigen Zivilisationssprachen so zu betrachten, wie man einstmals den Menschen überhaupt
betrachtet hat.
Denken Sie doch nur: Noch im 18. Jahrhundert beschäftigte
man sich hier in England und auf dem Kontinente überall sehr viel
mit dem sogenannten Martinismus, mit der Philosophie, die von
Saint-Martin stammte, vor allem mit seinem Buch: «Des erreurs et
de la verite». Ja, in «Edimbourg» erschien 1775 ein Buch, das in alle
europäischen Sprachen übersetzt worden ist, ein Buch, das in der
damaligen Art sozusagen das Spirituelle behandelte, ein letzter
Ausläufer für die Art der spirituellen Betrachtung, wie sie noch
möglich war bis ins 18. Jahrhundert und bis in den Beginn des 19.
Jahrhunderts herein, wie sie heute aber nicht mehr möglich ist.
Nun, wenn wir eine der Hauptideen des Buches von Saint-Martin «Des erreurs et de la verite» nehmen, dann finden wir, daß da
der Mensch in seiner Totalität als Erdenwesen wie abgefallen gesehen wird von seiner ursprünglichen Größe; da wird der - ich
möchte sagen noch vollständige Mensch - des Sündenfalles bezichtigt. Der Mensch war einmal im Sinne Saint-Martins noch ein
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 73
gewaltiges Wesen, umgürtet mit dem sogenannten heiligen Panzer,
der ihm magisch diente, ihn magisch machte gegenüber allen Kräften und Wesenheiten der Welt, die ihm vielfach feindlich waren.
Der Mensch lebte an jenem Orte, der bezeichnet wird von SamtMartin als der Ort der sieben heiligen Bäume, was dann in der
religiösen Legende, oder früher meinetwillen in der Bibel, als das
Paradies bezeichnet wird. Der Mensch war begabt mit der feurigen
Lanze, durch die er seine entsprechende Macht ausübte, und so
weiter. All die Dinge, die da ursprünglich dem Menschen zugeschrieben werden, von denen wird gesagt, daß der Mensch sie
durch seine eigene vorirdische Schuld verloren habe; es wird dem
Menschen sogar in seinem vorirdischen Zustande eine furchtbare
Sünde zugeschrieben, die heute zu nennen selbst schon im sozialen
Leben etwas Schockantes habe. Und so wird dargestellt der
Mensch als ein Wesen, das von seiner ursprünglichen Größe heruntergefallen ist. Und der ganze Martinismus, die ganze Philosophie
des Saint-Martin, stellt sich eigentlich die Aufgabe, zu zeigen, was
der Mensch sein könnte, wenn er nicht heruntergefallen wäre von
seiner ursprünglichen Größe.
Nun, diese Zusammenhänge können heute nicht mehr vollständig lebendig gemacht werden; sie sind eben der letzte Ausläufer
derjenigen Anschauungsweise, die ich heute morgen als die alte
Anschauungsweise geschildert habe. Innerhalb der modernen Initiationswissenschaft müssen wir von der naturwissenschaftlichen
Erkenntnisweise ausgehen - nicht von der Naturwissenschaft
selbst, aber von der naturwissenschaftlichen Erkenntnisweise -,
denn das wird den Menschen im Laufe der nächsten Zukunft allein
befriedigen können. Allein, in bezug auf Spezialgebiete werden wir
doch, wenn wir wirklich das Anthroposophisch-Inhaltliche, überhaupt alles Inhaltliche irgendeines spirituellen Strebens durchdringen wollen mit der nötigen Stimmung, mit dem nötigen Aufschwung der Seele, mit dem heiligen Enthusiasmus, mit dem wir es
durchdringen sollen, um es wirklich zu verstehen - wenn wir das
wollen, dann werden wir nicht die Worte aus der gewöhnlichen
Umgangssprache heraus nehmen dürfen, sondern wir müssen die
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 74
Worte so ansehen, als ob eigentlich alle Worte bis zu unserer
Zivilisation herunter einen Sündenfall durchgemacht hätten. Die
Worte sind heute nicht mehr dasjenige, was sie waren: es sind sündhafte Wesen geworden. Sie sind in die Materie heruntergestürzt und
bezeichnen nicht mehr dasjenige, was sie bezeichnet haben, als sie
einstmals noch nahestanden derjenigen Stufe der Menschheitsentwicklung, in der sie in den Mysterien gebraucht worden sind. Und
wir müssen schon in gewissem Sinne einen Ruck nach aufwärts
machen in dem Fühlen der Worte. Wir müssen uns bemühen, nicht
stehen zu bleiben bei dem, was allgemeine Umgangssprache ist;
sonst haftet den Worten eben auch die Farbe, das Timbre an, wie
es diese Worte in der Umgangssprache haben. Am leichtesten wird
es im Grunde genommen heute, von den im Sündenfall begriffenen
Worten hinaufzusteigen zu einer Art sakraler Bedeutung der Worte
bei der hebräischen Sprache. Für diejenigen Sprachen, die mehr
gebraucht worden sind innerhalb des neuzeitlichen Lebens mit
seinen durch und durch unsakramentalen Interessen, für diese Sprachen ist es natürlich schwierig, hinaufzurücken zu der Sündlosigkeit der Worte - wenn ich mich so ausdrücken darf -, es ist nicht
so schlimm gemeint, aber in einer gewissen Beziehung müssen wir
schon das tun. Und so müssen wir uns klar sein: das Wort «Inspiration» ist heute bis zu der Sündhaftigkeit heruntergefallen, wo
jeder, der einen Witz macht, schon sagt, er sei inspiriert. - Warum
denn nicht? Im Grunde genommen brauchen die Verfasser, auch
die Zeichner von Witzblättern sehr viel Inspiration im heutigen
Sinne, aber es ist heute eine profanierte Inspiration.
Aber gehen wir zurück zu dem Worte in seiner ursprünglicheren Bedeutung, dann werden wir in sehr tiefe Regionen des
Menschenstrebens geführt.
Da muß ich Sie dann erinnern an die Art und Weise, wie zum
Beispiel im Indischen sich noch - auf dekadenter Stufe - eine herrliche, bewundernswürdige Erkenntnisart erhalten hat, die einstmals
viel bedeutsamer war als sie heute ist, die aber nicht, wie man das
heute muß, ausging direkt vom Denken, sondern die ausging von
einer ganz bestimmten Regulierung oder auch Irregulierung des
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 75
Atmungsprozesses. Innerhalb der ursprünglichen Yogamethode
handelte es sich darum, den Atmungsprozeß, der sonst immer
unbewußt im Menschen verläuft, zur Bewußtheit zu erheben. Das
kann man dadurch, daß man den Rhythmus von Einatmung,
Atemanhalten, Ausatmung anders gestaltet, als er sich dann gestaltet, wenn das Atmen unbewußt verläuft. Gibt man dem Atemrhythmus andere Zahlenverhältnisse, als Sie im gewöhnlichen alltäglichen Atmen sie haben, dann atmet man also im Verhältnis zum
Einatmen, Atemanhalten und Ausatmen anders. Auf solchem anderen Gestalten und Formen des Atmens beruhte im wesentlichen
dasjenige, was man die Yogamethode nennt. Diese Yogamethode
brachte dadurch den ganzen Atmungsprozeß zum Bewußtsein. Der
Mensch atmete dadurch, daß er vollbewußt den Atmungsrhythmus
änderte: es ging die AtmungsStrömung bewußt in die Blutzirkulation hinein. Der ganze Mensch durchwellte und durchwebte sich
mit einem veränderten Atmungsrhythmus. Und geradeso, wie wir
im Sehstrahl oder im Hörstrahl die sinnliche Beobachtung empfangen, wie wir durch das Sehen empfangen Kenntnis der Farben der
umliegenden Dinge, wie wir durch den Hörstrahl empfangen
Kenntnis von den Tönen, die von den umliegenden Dingen ausgehen, so empfand derjenige, der den Atmungsrhythmus zu einem
erhöhten, zu einem magischen Wahrnehmen machte, der empfand
das Seelisch-Geistige, er nahm wahr im Atmungsprozesse das ihn
durchdringende Seelisch-Geistige. In dem Augenblicke, wo der
Atmungsprozeß vollständig bewußt wird, und wo gleichzeitig diejenige Seelendisposition vorhanden war, die etwa sieben-, achttausend Jahre vor unserer Zeitrechnung in Südasien drüben vorhanden
war, in diesem Augenblicke schickte man durch diesen geänderten
Atmungsrhythmus nicht nur die physische Luft in den Körper
hinein mit diesem Durchwellenden und Durchwallenden, sondern
man schickte in diesen strömenden Atem in sich Seele und Geist
hinein, und man erlebte Seele und Geist, insofern Seele und Geist
des Menschen in diesem strömenden Atem sind.
Nun kann man materiell die Einatmung ja «Inspiration» nennen
- das ist das Wörtliche. Vergeistigt man die Inspiration, so tut man
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 227 Seite: 76
das, was im alten Indien geschehen ist: dann wird man mit der
vergeistigten Inspiration, mit dem durchseelten und durchgeistigten
Atem wie irgendein gedankliches Wesen wahrnehmend erleben.
Dann hat man es mit dem zu tun, was eigentlich ursprünglich immer
- auch im Nicht-Indischen, im Europäischen - das Wort «Inspiration» bedeutete. Wir müssen also auch, wenn wir vom Wort «Inspiration» sprechen, aufrücken, ich möchte sagen, zu der Sündlosigkeit des Wortes. Und aus diesem Grunde habe ich mich eigentlich
immer gesträubt - trotzdem immer von allen möglichen Seiten
solche Vorschläge gemacht worden sind - sogenannte «populäre»
Bücher über Anthroposophie zu schreiben. Natürlich wäre das ein
sehr Leichtes. Aber auch der Anfänger soll eigentlich nicht ganz
populäre Bücher über Anthroposophie in die Hand bekommen,
sondern er soll an anthroposophischen Büchern etwas haben, woran
er sich - ich meine es geistig - die Zähne ausbrechen kann, wo er
sich furchtbar bemühen muß, das ist etwas, was nicht leicht geht!
Denn in dieser Bemühung, in der Überwindung desjenigen, was
man eben überwinden muß, wenn man etwas Schwerverständliches
sich zum Verständnis bringt, liegt zu gleicher Zeit etwas anderes.
Wenn man nämhch so wie - ja, wie soll ich sagen? - wie eine
Volksrede populär Anthroposophie empfängt, dann hat man auch
einen anderen Geschmack und eine ganz andere Gesinnung gegenüber den Wortbedeutungen, dann zieht man die Wortbedeutungen
in ihre Sündhaftigkeit herunter. Wenn man aber sich die Zähne
ausbeißen muß an der Schwierigkeit eines Anfängerbuches, dann
bekommt man auch Geschmack, in die Worte sich zu vertiefen.
Man kann ja dabei sogar an manches Historische erinnern. Sehen Sie einmal nach, wie Jakob Böhme wunderbar über die Worte
erst nachsinnt, tief nachsinnt, bevor er sie gebraucht. Ganze Welten, möchte ich sagen, destilliert Jakob Böhme erst aus den Worten
heraus, bevor er die Worte gebraucht. Und so liegt die Stellung in
bezug auf so etwas wie «Imagination» oder «Inspiration» oder
«Intuition» oder anderer Worte, wie man sie im gewöhnlichen
Leben gebraucht, auf einem tieferen Niveau als man gewöhnlich
annimmt. Und so meine ich schon, daß man eigentlich nicht versuCopyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:22 7 Seite:77
chen sollte, Worte, die mit Recht gebraucht werden - «Imagination», «Inspiration» - durch andere zu ersetzen, sondern das man
eher dafür wirken sollte, für das anthroposophische Sichverständigen diese Worte zu ihrer Sündlosigkeit etwas zu erheben, wenigstens solange man es mit der Anthroposophie zu tun hat. Wenn
man wiederum in das gewöhnliche Leben hinausgeht, so kann man
ja natürlich wiederum in die Sündhaftigkeit der Worte verfallen, da
schadet es ja nichts. Und so könnte gerade eine solche Gesinnung
gegenüber dem Worte der anthroposophischen Vertiefung außerordentlich zugute kommen. Also, ich meine, wer sich bewußt wird,
was in dem Wort «Imagination» steckt, würde am Ende sogar,
wenn er ein Fanatiker ist, nach einem Gesetz schreien, welches das
Wort Imagination für dieses «Phantasie»-Spiel zu gebrauchen verbietet, damit solch ein Wort gewahrt bleibe demjenigen Gebiet, wo
es eigentlich mit Recht angewendet wird.
Zu der Frage: «Wer oder was erkennt im Menschen?» möchte ich
das folgende sagen: Es ist leider so, daß diese Fragen wirklich
schneller gestellt sind, als sie beantwortet werden können, und man
muß auf sehr vieles zu sprechen kommen, wenn man eine so weitreichende, umfassende Frage beantworten soll. Man muß sich klar
machen, wenn eine solche Frage aufgeworfen wird, was denn
eigentlich der Inhalt der heute morgen vorliegenden Ausführungen
war. Nicht wahr: um was handelt es sich denn, wenn wir so sprechen von den Wegen zur übersinnlichen Erkenntnis, wie ich heute
morgen und auch schon gestern gesprochen habe? Es handelt sich
darum, wie dieses menschliche Seelische, das in der gegenwärtigen
Inkarnation bei irgendeinem Menschen vorhanden ist, wie dieses
Geistig-Seelische, das also in einem physischen Leib zwischen der
Geburt oder Empfängnis und dem Tode vorhanden ist, wie dieses
aufsteigt zu dem allmählichen Erkennen erstens der ätherischen
Bildekräftewelt in der Imagination, zweitens durch die Stille, die
ich geschildert habe, durch das leere Bewußtsein, in der Inspiration, zu dem Erkennen der vorgeburtlichen Welt. Und dann, durch
die Intuition, die durch die besondere Ausbildung der Liebefähig78
CopyrightRudolfSteinerNachlass-VerwaltungBuch:227Seite:78
keit erreicht wird, kommt man dann eben bis zu der Anschauung
des vorigen, oder man könnte auch sagen der vorigen Erdenleben,
derjenigen Erdenleben also, die dem Menschen - wie ich ja heute
morgen ausgeführt habe - so objektiv schon gegenüberstehen, wie
irgendein äußerer Gegenstand oder Vorgang der Natur, oder meinetwillen könnte ich auch sagen wie ein anderer Mensch einem
objektiv gegenübersteht. Stehe ich im gewöhnlichen sozialen Leben
einem andern Menschen gegenüber, so bin ich ja, durch die innere
Verwandtschaft des gleichen Menschengeschlechts, mit dem betreffenden Menschen verwandt, aber ich stehe ihm objektiv gegenüber.
So objektiv wie einem andern Menschen, so muß ich meinen vorigen Inkarnationen gegenüberstehen, wenn ich sie in Wahrheit
wahrnehmen will. Dann lernt man erkennen mit dem SeelischGeistigen, das eben im gegenwärtigen Erdenkörper verkörpert
ist, das eigentliche, wahre Ich, das durch die wiederholten Erdenleben geht.
Nun scheint mir die Frage dahin zu gehen: Wer ist es eigentlich,
oder was ist es im Menschen, was nun dieses wahre Ich, das durch
die wiederholten Erdenleben geht, erkennt, oder welches Glied im
Menschen ist es? - Diese Frage selber, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eigentlich keine Frage, die einen wirklichen, konkreten
Inhalt hat. Es wird gefragt nach dem Subjekt des Erkennens. Dieses
Subjekt des Erkennens ist eben jenes Ich, das im gegenwärtigen
Erdenleibe verkörpert ist, das schwingt sich dann auf zu der Erkenntnis. Das wahre Ich erreicht man also nur so, daß man zunächst mit seinem Bewußtsein dasjenige umfaßt, was in das Erdenleben zwischen Geburt und Tod eingeschlossen ist; dann lebt man
in dem Ich auf einer gewissen Stufe; man lebt in diesem Ich, aber
man erkennt noch nicht das wahre Ich, das durch viele Geburten
und Tode geht. Aber durch die Methoden, die ich geschildert habe,
wird eben dieses höhere Ich, das man im Erdenleben trägt, indem
es sich selber bis zur Selbstlosigkeit bringt, fähig gemacht, das
wahre Ich zu erkennen.
Und bedenken Sie: Sie verändern ja während dieses Erkenntnisweges das Subjekt. Erstens haben wir es zu tun mit dem Ich, das
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 27 Seite: 7 9
zwischen Geburt und Tod lebt; das erkennt noch gar nicht das
wahre Ich. Jetzt schwingt sich dieses Ich auf und ist zunächst der
Erkenner des wahren Ich, das durch wiederholte Erdenleben geht.
Dadurch identifiziert es sich in der Tat erkennend mit dem wahren
Ich. Also, es wird, indem es eine Metamorphose durchmacht, dieses höhere Ich in das wahre Ich erhoben. Und dann, wenn es in das
wahre Ich erhoben ist, kann es auch das wahre Ich erst erkennen.
So also können wir nicht fragen: Wer oder was im Menschen
erkennt?, sondern wir müssen sagen: Was im gewöhnlichen Leben
erkennt im Menschen, das wird an sich schon zu einem andern Ich
gemacht, es geht durch eine Metamorphose, indem es eben aufsteigt von der Imagination durch die Inspiration zur Intuition.
Dann aber ist es für das Erkennen ein verwandeltes Ich. Aber die
Verwandlung ist gerade dazu da, um das wahre Ich zu erreichen. |