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DRITTER VORTRAG, Dornach, 27. Juni 1924

DRITTER VORTRAG, Dornach, 27. Juni 1924

Das Ich hat unmittelbare Beziehung zur Physis, keine vermittelte. Astralleib indirekte Beziehung zum strömenden Licht, zum Chemismus, zum allgemeinen Weltenleben. Unmittelbares Erfassen des innerlich Physikalischen wie im Auge. Nicht durch die Organe Hindurchdringen von Ich und Astralleib gibt Epilepsie. Therapie der Epilepsie aus der Erkenntnis dieser Tatsache. Medikation. Das Organ als richtig oder unrichtig eingegliederter Gedanke. Der unsichere Wille im Inkarnationsbeginn; das Erwerben der Moralität. Der moralische Defekt: bleibende Symptome. Ursachen der moralischen Blindheit. Die Kleptomanie, ihre Ursachen und ihre Verwandlung.

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42 Nun, meine lieben Freunde, wir haben gesprochen vom Zusammenhang von ätherischem, physischem, astralischem Leib und Ich-Organisation, wie er sich darstellen kann, dieser Zusammenhang, beim sogenannten abnormen Kinde. Aus dem, was ich gestern auseinandersetzte über die eigentümliche Art, wie der Ätherleib abnorm gestaltet sein kann durch eine nicht entsprechende Einfügung in das allgemeine Gedankensystem des Weltenäthers, haben wir uns versucht auseinanderzusetzen, daß dies, was da eintritt, nach den verschiedenen Seiten hin unregelmäßig sein kann. Wenn Sie dies begreifen können, werden Sie auch im Verlaufe der Vorträge vielleicht eine Überzeugung mitnehmen können; das ist diese: Man wird im einzelnen die Behandlungsmethode fast jeder kindlichen Individualität gegenüber finden müssen, wenn man eine allgemeine Seelenstimmung ins Erziehen hineinträgt. Aber man muß etwas wissen zunächst, und das Wesentliche ist dieses, daß eigentlich die gesamte heutige Psychiatrie von den sogenannten Seelenerkrankungen der Methode nach nichts wissen kann. Wenn man die Dinge kennt, wird man zu den Behandlungsmethoden im einzelnen kommen. Daher ist es viel weniger wichtig, daß Sie Maßregeln für das einzelne bekommen, sondern besonders wichtig ist es, daß Sie im Prinzipe einsehen, daß auch auf diesem Felde eine gesunde Pathologie, eine gesunde Diagnose von selbst sich in das Therapeutische hinein entwickelt.
Nun liegt es ja bei vielen sogenannten Geisteskrankheiten so, daß man sie aus Gründen, die Sie auch im Laufe dieser Vorträge einsehen können, nicht mehr heilen kann, oder wenigstens nur unter äußerst schwierigen Verhältnissen heilen könnte, selbst wenn man auch das Geisteswissenschaftliche berücksichtigen könnte. Dazu würde man eigene Sanatorien brauchen für diese Geisteskranken, wo man erwachsene Geisteskranke - wenn auch außerordentlich schwer - heilen könnte; ich meine Kranke besonderer Art, besonders solche Fälle, die uns für das kindliche Alter wichtig sind. Andererseits werden Sie sehen, daß man durch eine richtige pädagogische Behandlung im kindlichen Alter
43 durchaus helfen kann. Und wir werden sehen, daß dasjenige, was auch zu dem Schwersten gehört, wenn man es bei dem Erwachsenen vorliegen hat, zum Beispiel die Epilepsie, eigentlich in frühem Kindheitsstadium viel Aussicht hat, ausgebessert oder gar weggebracht zu werden, wenn man die Sache nur richtig ansehen kann. an kommt dann schon im einzelnen individuellen Falle zu den Maßregeln, wenn man das Prinzip des Überganges kennt von dem, was zugrunde liegt, zu dem, was man tun soll. Aber man muß eben wissen, was der Erkrankung zugrunde liegt.
Nun, sehen Sie, daß man das mit der heutigen Psychiatrie nicht wissen kann, das beruht darauf, daß man heute gar keine Ahnung hat, daß es so etwas wie eine besondere Ich-Organisation oder einen besonderen astralischen Leib gibt, sogar den Ätherleib leugnet man heute noch vielfach. Ich bestehe nicht auf Namen, aber wenn gewisse Leute aus der Theorie heraus von gewissen Begriffen sprechen wie Driesch, so erkennen sie den Ätherleib nicht, weil sie sich davor fürchten. Aber immerhin vom Physischen aus dringt zu der Erkenntnis des OrganischÄtherischen die heutige Wissenschaft schon vor. Nun ist das Wichtige, was man nicht wissen kann, wenn man vom astralischen Leib und der Ich-Organisation nichts weiß, dieses: Nehmen Sie einmal zuerst den Zusammenhang zwischen physischem Leib und ätherischem Leib. Er bleibt aufrechterhalten das ganze Leben hindurch, von der Konzeption, vom Embryonalzustand bis zum Tode, denn er geht durch alle Schlafzustände hindurch. Dagegen wird durch jeden Schlaf hindurch unterbrochen der Zusammenhang mit astralischem Leib und Ich-Organisation.
Die Art und Weise, wie sich nun die Ich-Organisation und der astralische Leib im Wachzustande im physischen Leib und Ätherleib verhalten, muß richtig angesehen werden, wenn man überhaupt einen realen Begriff über sogenannte Geisteskranke haben will. Es ist unerläßlich, daß man diese Eingliederung des astralischen Leibes und des Ichs in den physischen Leib und ätherischen Leib ihrem Wesen nach kennt, wenn man überhaupt einen vernünftigen Gedanken fassen will über eine sogenannte Geisteskrankheit. Nun, sehen Sie, gewöhnlich glauben auch die Anthroposophen - nicht weil die Anthroposophie,
44 die sehr präzise in ihren Formulierungen vorgeht, dazu Veranlassung gibt, aber weil man eben alte Denkgewohnheiten hat -, gewöhnlich glauben auch die Anthroposophen: wenn der Mensch aufwacht, gehen halt sein astralischer Leib und die Ich-Organisation über in den physischen und ätherischen Leib, verbinden sich so, wie sich Wasserstoff und Sauerstoff verbinden. So ist es nicht. Wenn man die Sache hellseherisch anschaut, so ist es so (siehe Tafel 4):

Tafel 4

wenn man hier den physischen Leib, hier den ätherischen Leib hat, so kommt der astralische Leib allerdings hinein und auch die Ich-Organisation kommt hinein; das kommt alles hinein und man sieht diesen Übergang. Aber dieser Übergang, der also darin besteht, daß der astralische Leib und die Ich-Organisation den physischen und Ätherleib ergreifen, das ist nicht alles. Und hier beginnt eben, möchte ich sagen, eine Tatsache des menschlichen Lebens, die von außerordentlicher Wichtigkeit ist.
Gehen wir zunächst zur Ich-Organisation. Die Ich-Organisation ergreift nicht bloß den ätherischen und den physischen Leib, wenn sie zurückgeht beim Aufwachen, sondern sie ergreift im menschlichen Leibe die äußere Welt, die Kräfte der äußeren Welt. Was heißt das? Nun stellen Sie sich vor, wir haben die Schwerkraft, die so wirkt (siehe Tafel 4).

Tafel 4

Innerhalb der Richtung der Schwerkraft stehen wir ja aufrecht, wenn wir wachen. Stellen Sie sich einfach die Schwerkraft als solche vor, die da wirkt, also die Richtung der Gewichtskräfte. Nun gibt es zwei Vorstellungen; machen wir uns das recht klar: die eine könnte darin bestehen, daß das Ich - sehen wir zunächst vom ätherischen Leibe ab - den physischen Leib ergreift, der physische Leib fügt sich dann der Schwerkraft, nicht wahr, wir stellen uns in die Schwerkraft hinein, wenn wir gehen, wir müssen das Gleichgewicht aufsuchen und so weiter. Das wäre die eine Vorstellung: wir ergreifen im Aufwachen mit dem Ich den physischen Leib; der physische Leib, der ist schwer und unterliegt dem Gewichte der Erde, und jetzt unterliegen wir mit unserem physischen Leib dem Gewichte der Erde und haben dadurch mittelbar eine Beziehung zur physischen Schwerkraft. Das ist die eine Möglichkeit. Es ist gerade so, wie wenn ich mit dem Gewichte des Buches eine mittelbare Beziehung zur Schwerkraft habe, indem ich das Buch ergreife. Das ist die eine Vorstellung; die ist falsch, unrichtig.

45 Die andere Vorstellung ist diese: das Ich schlüpft hinein in den physischen Leib, ergreift den physischen Leib, aber schlüpft so weit hinein, daß es den physischen Leib unschwer macht; der physische Leib verliert, indem das Ich hineinschlüpft, seine Schwerkraft. Wenn ich also als wacher Mensch aufrecht stehe, so ist für mein Bewußtsein, für das Ich selbst, für die Ich-Organisation, die auch im Wärmeorganismus ihren physischen Ausdruck hat, die Schwerkraft überwunden. Es ist keine Möglichkeit vorhandenen mittelbare Beziehung zur Schwerkraft zu treten. Das Ich tritt in unmittelbare Beziehung, stellt sich als Ich in die Schwerkraft hinein, schaltet also den physischen Leib aus. Das ist dasjenige, um was es sich handelt. Sie stellen sich fortwährend in die wirkliche Schwerkraft der Erde hinein mit der Ich-Organisation, wenn Sie gehen, nicht auf dem Umwege durch den physischen Leib, Sie treten in unmittelbare Beziehung zu dem Tellurischen.
Ebenso ist es mit dem Ätherleib. Auch der Ätherleib ist in Kräfte eingeschaltet. Nehmen wir eine von diesen Kräften. Ich habe oft darauf aufmerksam gemacht, wir unterliegen, indem wir als Mensch auf der Erde herumgehen, einem sehr starken Auftrieb. Wir haben unser Gehirn; das ist durchschnittlich 1500 Gramm schwer.

Tafel 4

Wenn diese Schwere von 1500 Gramm auf die Basis unseres Gehirns mit den feinen Adern drücken würde, würden diese sofort zerquetscht werden. Es drückt eben nicht, es schwimmt in Wahrheit in dem Gehirnwasser. Dadurch erleidet es einen Auftrieb, es verliert soviel von seinem Gewicht, als die verdrängte Wassermasse Gewicht hat. Diese verdrängte Wassermasse hat ein Gewicht, das ungefähr 20 Gramm weniger ist als das Gewicht des Gehirns selbst, so daß das Gehirn nur mit einem Gewichte von 20 Gramm auf seine Unterlage drückt. Wir haben also ein schweres Gehirn, das aber nicht hinuntergedrückt wird, sondern einen Auftrieb hat. In diesem Auftrieb leben wir darinnen, unser Ätherleib lebt darinnen. Aber indem wir hineinschlüpfen mit unserer IchOrganisation in unseren Ätherleib, stehen wir nicht mittelbar in dem Auftrieb darinnen, sondern direkt mit der Ich-Organisation. Mit allen Kräften der Erde, mit der ganzen physischen Welt steht unsere menschliche Organisation in Beziehung, und zwar in direkter unmittelbarer Beziehung, nicht in indirekter Beziehung.

46 Nun, sehen Sie, womit steht da unsere Ich-Organisation in Beziehung? Da steht unsere Ich-Organisation erstens in Beziehung zur Schwerkraft, das heißt zu dem Irdischen. Denn, meine lieben Freunde, das, was die Physiker Materie nennen, das gibt es ja nicht. In Wirklichkeit existieren nur Kräfte, und die Kräfte sind durchaus ähnlich wie zum Beispiel die Schwerkraft - es gibt natürlich noch andere Kräfte, gewisse elektrische Kräfte, magnetische Kräfte -, mit allen steht die Ich-Organisation in unmittelbarer Beziehung und ist während des ganzen Wachzustandes im normalen Menschen darinnen. Wir können sagen, alles dasjenige, was wir unter Erde umfassen, das sind diese Kräfte. Alles dasjenige, was wir unter Wasser umfassen, was im Gleichgewichtszustande ist, mit dem steht die Ich-Organisation in unmittelbarer Verbindung. Alles, was luftförmig ist - nicht wahr, wir müssen in der Physik neben der gewöhnlichen Mechanik auch eine Hydromechanik, eine Aeromechanik lernen, weil die Gleichgewichtsprozesse und meteorologischen Prozesse in der Luft ihre besondere Formung haben -, mit dem steht die Ich-Organisation in unmittelbarer Verbindung. Dann steht die Ich-Organisation noch in Verbindung mit einem Teile des allgemeinen Wärmezustandes, mit einem Teile der allgemeinen Wärmekräfte, durch den wir immer durchgehen, wenn wir in der physischen Welt leben. (Siehe Tafel 5):

Tafel 5


Ich-Organisation: Erde
Wasser
Luft
Wärme
Astralleib: Wärme
Licht
Chemismus
Lebensäther


Ich durchstreiche «Warme», weil es nur ein Teil ist. - Wir wachen auf und stellen uns als Geist mit unserer Ich-Organisation in die Welt der irdischen Kräfte hinein. Unsere Beziehung ist in Wirklichkeit nicht eine physisch vermittelte, sondern eine magische. Nur daß diese nur räumlich ausgeübt werden kann, rein räumlich begrenzt durch die Grenzen unseres Organismus. Wenn Sie anfangen zu begreifen, daß die

47 Beziehung unserer Ich-Organisation nicht eine physische, sondern eine magische ist, dann haben Sie sehr viel gewonnen.
Wenn wir jetzt zum Astralleib gehen: der Astralleib steht nun auch nicht etwa bloß durch den Ätherleib, sondern in unmittelbarer Beziehung zu gewissen Kräften, die auf uns wirken, wenn wir im Wachzustand sind. Nun, das ist wiederum ein Teil der Wärmekraft; die Wärme nämlich wirkt mit einem Teil auf den physischen Organismus und mit einem Teil auf den Ätherorganismus zurück. Dann ist der astralische Leib in unmittelbarer Beziehung zu den Lichtkräften. Aber da müssen Sie wissen, daß Lichtkräfte für Geisteswissenschaft etwas anderes sind als das, was die Physik heute darunter versteht. Wir wollen nicht auf Theorien eingehen, aber nicht wahr, dem, was die Welt rings um uns herum in Beleuchtung wahrnehmen kann, dem liegt natürlich etwas zugrunde, und zwar im Äther, so daß wir schon sagen können: Licht ist eine Ätherkraft. - Wir sprechen nun in der gewöhnlichen Wissenschaft heute von dem Licht, als in dem Beleuchteten enthalten. Geisteswissenschaft spricht so vom Licht: sie nennt Licht auch dasjenige, was andern Sinneswahrnehmungen zugrunde liegt, wie zum Beispiel das Licht der Tonwahrnehmungen. Wenn wir Tonwahrnehmungen haben, so ist die äußere Physik überhaupt nur versucht, als von dem äußeren Korrelat der Tonwahrnehmung, von der bewegten Luft zu reden. Die bewegte Luft ist nur das Medium des wirklichen Tonelementes. Das wirkliche Tonelement ist ein Ätherisches, und die Vibration der Luft ist nur die Wirkung dieses ätherischen Vibrierens. Licht lebt auch in der Geruchswahrnehmung. Kurz, für alle Wahrnehmungen liegt zugrunde ein viel Allgemeineres als Licht, als was man in der Physik heute Licht nennt. Es ist gewiß irreführend, das gebe ich Ihnen zu, daß so vom Licht gesprochen wird. Denn im Grunde genommen hat man so vom Lichte gesprochen in der alten Geisteswissenschaft bis zum 12., 13. nachchristlichen Jahrhundert. Dann hat sich das Verständnis dafür verloren, und man hat versucht, andere Ausdrücke anzuwenden, die aber noch unverständlicher sind. Deshalb sind die Bücher über Alchimie, die auf das 12. Jahrhundert folgen, so unverständlich. Für Sie ist von Bedeutung, daß man dies Licht nennt. Mit diesem Licht nun steht der astralische Leib in Verbindung mit alldem,
48 was den Sinneswahrnehmungen unterliegt auf der Erde, nicht auf dem Umweg durch den Ätherleib, sondern direkt in Beziehung. Das ist ganz besonders interessant. Draußen lebt das Licht im Äther, aber wir haben auch Ätherisches in uns. Das Licht wirkt auf den Ätherleib. Aber mit diesem Licht, das in uns ist, kommen wir beim Aufwachen nicht allein in Beziehung, sondern mit Umgehung dieses Lichtes gliedern wir uns in das äußerlich strömende Licht ein. Ebenso ist es auch mit dem äußern, durch die Welt wirkenden Chemismus. Auch in den Chemismus gliedern wir uns ein auf eine unmittelbare Art. Und das ist besonders wichtig, denn damit wird gesagt, daß der Mensch wachend in eine Art kosmischen Chemismus eingegliedert ist. Nun kennt unsere heutige Wissenschaft nur den leblosen Chemismus, höchstens ein bißchen den organischen Chemismus, aber sie kennt gar nicht jenen Chemismus, der ein allgemeiner Weltenchemismus ist. In den gliedern wir uns ein, wenn wir aufwachen. Und ebenso gliedern wir uns ein in das allgemeine Weltenleben, in den Lebensäther; alles unmittelbar.
Und das, was ich Ihnen jetzt skizziert habe, das muß erreicht werden, wenn der Mensch so, wie ich es geschildert habe, nach und nach seinen zweiten Körper aus dem ersten aufbaut und auch den dritten aufbaut. Das alles muß erreicht werden, indem der Mensch in sich untertaucht, mit Durchdringung seines eigenen Wesens, in die irdischkosmischen Agenzien hinein. Er muß die Welt ergreifen können durch sich. Wir haben heute in unserer Wissenschaft noch eine solche Sache nur ganz klar auf einem einzigen Gebiet, wo in der Tat die Physik in ähnlicher Art vorgeht, wie man es auf vielen Gebieten wünschen könnte. Das ist die Augenorganisation.
Denken Sie, wenn man das Auge betrachtet, richtig wie ein knüppeldicker Physiker, wie eine physische Vorrichtung, ein physikalisches Instrument: man zeichnet ins Auge hinein genau dieselben Figuren, wenn man das Auge begreifen will, von Lichtbrechung durch die Linse, Bildung des objektiven Bildes und so weiter, nur daß man nicht übergehen kann zu der Art, wie das Seelische in das Physikalische eingreift. Aber das Ganze ist furchtbar interessant. Denn nun hat man, wenn man so physikalisch vorgeht, diese ganze Zeichnung da vor sich, und jetzt stockt man, jetzt will man durch das Gehirn hindurch an das
49 Seelische heran. Schauen Sie sich einmal diese drolligen philosophischen Purzelbäume an, alle diese interessanten, aber in der Tat blitzdummen Theorien vom psychophysischen Parallelismus oder von der Wechselwirkung. In Wahrheit kommen eben im Auge die Ich-Organisation und der astralische Leib unmittelbar an das, was wir physisch zeichnen, heran, ergreifen innerhalb des Auges das Physische. Für das Auge ist man also nahe daran, den richtigen Tatbestand zu ergreifen, weil man dazu genötigt ist durch diese eigentümliche Absonderung des Auges, weil das Auge fast nach außen liegt und in der embryonalen Entwickelung von außen eingebaut wird. Beim Auge macht man das. Das ist aber beim ganzen Menschen der Fall. Man müßte den ganzen Menschen innerlich physikalisch, geist-physikalisch erfassen, so daß man zu den irdischen Kräften auch die flüchtigen Lichtkräfte hinzufügen kann. Man müßte innerhalb der menschlichen Organisation dasjenige, was eigentlich aus der Umgebung heraus am Menschen da vorhanden ist und was vom Menschen so unmittelbar ergriffen wird, das physikalisch Konstruierte, das müßte man erkennen.
Wie kann nun aber die Sache in abnormen Zuständen liegen? Im abnormen Zustande kann tatsächlich irgend etwas, irgendein Organ - es kann nicht der ganze Organismus sein - so liegen, daß der Mensch keine Möglichkeit hat, durch dieses Organ hindurch den Anschluß an die Außenwelt unmittelbar zu finden. Ein Organ kann sozusagen sich in den Weg stellen, so daß der Mensch durch dieses Organ nicht den Anschluß an die Außenwelt findet. Was muß dann eintreten? Nehmen Sie irgendein Organ (siehe Tafel 5, rechts),

Tafel 5

die Lunge meinetwegen, die Lunge stellt sich so hinein in den menschlichen Organismus, daß der Mensch, wenn er aufwacht, nicht den Anschluß an die Außenwelt findet. Nehmen Sie aber an, der Mensch schläft, und es tritt da während des Schlafes etwas in der Lunge auf, was die Lunge so organisiert, daß der Mensch, wenn er nun aufwachen würde, untertauchen würde in die Lunge, aber nicht in die Außenwelt heraus könnte. Dann ist sein Ich und astralischer Leib für die Lungenorganisation genötigt, sich in die Lunge hineinzupressen, aber sie können nicht wieder herauskommen. Denn die Sache muß so sein, daß der Mensch mit seinem Astralleib untertaucht, aber wieder heraus kann nach allen Seiten in die

50 Welt hinein. Die Lunge muß bloß den Übergang darstellen können. Nun liefert sie den Übergang nicht, sondern hält Astralleib und Ich fest, das heißt, würde sie festhalten, wenn der Mensch aufwachen würde. Das Unglück ist, daß er unter solchen Umständen auf jeden Fall aufwacht, weil dasjenige, was in die Lunge eintritt, durch den besonderen Chemismus eine Infiltration irgendeines Stoffes in feiner Verteilung ist. Die so verlegte Organisation füllt irgendein feiner Stoff aus, der besondere Affinität zur Lunge hat. Dann ist die Lunge unregelmäßig, und der Mensch wacht infolgedessen auf. Aber wie? Er wacht auf, aber ohne daß er das Bewußtsein kriegt. Daß man das Bewußtsein kriegt, dazu ist es notwendig, daß man herauskommt. Man bekommt das Bewußtsein, wenn man durchgedrungen ist. Wenn man bloß hineingekommen ist, wacht man auf; wenn man durchdringt, bekommt man das Bewußtsein. Man bleibt darin stehen, man bleibt darin stecken, und es setzt sich der Schlaf, der gesunde Bewußtseinslosigkeit ist, in die kranke Bewußtseinslosigkeit fort, das heißt, der Mensch wacht zwar auf, kriegt aber nicht das Bewußtsein.
Sie sehen, man schildert nach der einen Seite genau aus dem Innern heraus den Zustand des Epileptikers. Die Epilepsie ist so, und ist insbesondere im kindlichen Alter so, wie ich es geschildert habe. So daß also gesagt werden muß: Was liegt bei einem Epileptiker eigentlich vor? - Bei einem Epileptiker liegt das vor, daß er mit seiner IchOrganisation und seinem astralischen Leib zwar in den physischen und Ätherleib untertauchen kann, daß er aber auf der andern Seite nicht herauskommt in die physische Welt, daß er darinnen festgehalten wird. Nun denken Sie sich doch, wie ist es denn da eigentlich, wenn nun da der astralische Leib hineingeht, sagen wir in die Lunge, da drinnen festgehalten wird, da nicht wieder heraus kann? So wird er ja an der Oberfläche der Lunge gepreßt. Der astralische Leib und die IchOrganisation werden da gepreßt, stauen sich da. Sehen Sie, deshalb entsteht in einem solchen Falle unter der Oberfläche der Organe eine Stauung der Ich-Organisation und des astralischen Leibes. Das tritt in der Außenwelt als Krampf auf. Das sind Krämpfe. Jedesmal, wenn Krampf auftritt, findet eine innere Stauung an der Oberfläche irgendeines Organs statt. Diese Stauungen sind ja vorzugsweise in den Gehirnpartien
51 vorhanden - und wir wissen ja, wie sich die Gehirnpartien zu den andern verhalten -, können aber durchaus darin bestehen, daß sich in Leber oder Lunge etwas staut und die Gehirnstauung nur eine Projektion, ein schwächeres Abbild ist. Jedesmal, wenn ein Krampf vorliegt, bemerkt man diese Stauung der Ich-Organisation und des astralischen Leibes innerhalb eines Organs. Und dann ist man erst auf der wahren Ursache der epileptischen Krämpfe, für die man sonst nichts hat als die äußere Deskriptive. Man kann nicht diesen Zustand wirklich kennenlernen, wenn man nicht in der Lage ist, von physischem und Ätherleib aufzurücken zu Ich und astralischem Leib. Sonst hat man keinen Inhalt, wenn man von Krämpfen spricht, wenn man nicht weiß, daß da an der Oberfläche Astralleib und Ich-Organisation furchtbar zusammengeschoppt sind. Sie können nicht heraus, drängen dann nach außen und werden zurückgehalten.
Wenn Sie nun dasjenige nehmen, was wir da auseinandergesetzt haben, dann werden Sie sich von selbst sagen: Was tue ich nun, wenn im kindlichen Lebensalter die Symptome der Epilepsie vorliegen, Bewußtseinsausfälle mit Krämpfen verknüpft oder ihre Ersatzerscheinungen, von denen wir noch sprechen werden? Was kann man tun im einzelnen Fall? - Im einzelnen Fall muß man sozusagen aus dem Instinkte heraus probieren. Man probiert zunächst, ob die Bewußtseinsstörungen sehr verwandt sind, wie es bei manchen Epileptikern durchaus der Fall ist, den Erscheinungen des gewöhnlichen Schwindels. Es treten die Schwindelerscheinungen auf. Man wird sie beim Kinde bemerken in der Anlage. Man wird sich klar sein können, wenn, sagen wir, die Bewußtseinsausfälle nur kurz sind, dafür aber stark bemerkbare Schwindelerscheinungen auftreten, wo es irgendwie fehlt. Es wird hier fehlen: die Ich-Organisation und der astralische Leib kommen nicht in unmittelbare Beziehung zu den Gleichgewichtskräften. Da müssen Sie zunächst erforschen, ob bei irgendeinem Kinde das vorliegt, daß die Ich-Organisation und der astralische Leib nicht in die richtige Beziehung zu den Gleichgewichtskräften kommen. Jetzt lassen Sie es turnen oder eurythmisieren, indem Sie beim Turnen oder Eurythmisieren ihm immer äußere Gegenstände geben, die bekannten Hanteln (siehe Tafel 5, unten)

Tafel 5

oder dergleichen, lassen es namentlich Gleichgewichtsübungen

52 machen, lassen es diese Gleichgewichtsübungen machen im Lebensalter zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife. Dann wird das Kind noch die Möglichkeit haben, daß es, wenn Sie ihm zwei gleichschwere Hanteln geben - die müssen aber apothekermäßig ausgewogen sein - und lassen es hanteln und eurythmische Bewegungen oder sonstige Turnbewegungen mit Hanteln machen, dann werden Sie eines getan haben. Jetzt geben Sie in die linke Hand eine Hantel, welche leichter ist als die in der rechten, lassen es wieder turnen, dann in die rechte Hand eine leichtere Hantel als in die linke, lassen es wieder turnen, dann binden Sie ihm etwas, was schwer ist, es braucht nicht besonders schwer zu sein, an das eine Bein an, lassen es damit gehen, daß es gewahr wird die Kraft, die da am Bein zieht. Wenn es gewöhnlich geht, wird es nicht gewahr die Kraft; es muß sich aber mit der Ich-Organisation hineinversetzen und es wird es gleich gewahr, wenn Sie ihm etwas anhängen. Dann hängen Sie das Gewicht an das andere Bein an, dann veranlassen Sie es, die Sache mehr geistig zu machen, veranlassen Sie es zu spüren, sich hineinzudenken in die Bewegungen, in die Streckbewegung des linken Armes, in die Streckbewegung des rechten Armes, in die Streckbewegung beider Arme; lassen es bewußt wahrnehmen die Schwere, indem Sie es ein Bein aufheben lassen, das andere stehen lassen. Kurz, Sie machen in diesen Fällen, wo Sie durch die Schwindelanfälle merken: in die irdischen Kräfte geht es nicht recht herein, solche Bewegungen, in denen das Kind genötigt ist, die äußere Gleichgewichtslage beherrschen zu lernen. Ebenso wird man es dazu bringen, epileptische und epileptoide Kinder zu behandeln, wenn man sie in die andern Kräfte sich einfügen läßt.
Nun, nicht wahr, bis hierher geht es ja noch. Sie werden schon etwas erreichen bei manchen Epileptikern, bei denen Sie etwa sehen, daß sie namentlich ein gestörtes Zirkulationssystem haben, daß der Säfteumlauf eigentlich die Erscheinungen bewirkt. Wenn Sie also wahrnehmen, daß mit den epileptischen Anfällen, wenn sie als Krämpfe oder auch noch als Schwindelanfälle auftreten, da besondere Übelkeitsempfindungen verbunden sind, dann hat man es zu tun mit dem Nichteinfügen-Können ins Wasserelement. Dann wird man gut tun, wenn
53 man dem Kinde möglichst bemerkbar macht das wäßrige Element, bevor es in den Organismus aufgenommen wird, wenn man versucht, dem Kinde die Speisen so vorzubereiten, daß es die Speisen stark spürt. Äußerlich könnte man etwas erreichen, wenn man es schwimmen lernen lassen könnte. Schwimmenlernen ist für Epileptiker ein sehr gutes Mittel, nur muß man verständig hinschauen auf das, um was es sich handelt.
Für die eigentlichen Bewußtseinstrübungen, die auftreten, aber ohne daß der Betreffende starke Übelkeiten hat, sind dann sorgfältig regulierte Atemübungen nicht schlecht, um die Verbindung mit der Luft herzustellen. Und für den richtigen Zusammenhang mit der Wärme ist es nötig, daß man besonders epileptische Kinder daran gewöhnt, daß sie die Wärme fühlen. Das heißt, wenn es schon bei gewöhnlichen Kindern etwas Schauderhaftes ist, wenn man sie halb nackt herumgehen läßt mit unbedeckten Unterschenkeln, was ja sehr häufig die Ursache ist von Blinddarmreizungen, sogar Blinddarmentzündungen im späteren Lebensalter - die Leute wissen das nicht -, so ist das bei epileptischen Kindern durchaus Gift. Epileptische Kinder sollte man so anziehen, daß sie immer etwas neigen zum Schwitzen, so daß das Schwitzen immer ein bißchen im Status nascendi vorhanden ist, daß sie ein bißchen zu warm angezogen sind. Das ist eigentlich Therapie. All dieses schreckliche Reden von Abhärtung führt dazu, daß die Leute als Kinder furchtbar abgehärtet werden, und die Ergebnisse dieser Abhärtung bestehen darinnen, daß, wenn sie nachher alt geworden sind, sie nicht einmal über einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen können, ohne in die Knie zu sinken. Man ist nicht abgehärtet, wenn man nicht unbeschadet über einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen kann. Sie sollen nur sehen die Herren, wie sie den Zylinder abnehmen, wenn sie über einen sonnenbeschienenen Marktplatz gehen und fortwährend in die Knie sinken wollen. Das sind in der Regel die Lebensergebnisse der heutigen Abhärtungen.
Nun damit sind wir hauptsächlich auf die Dinge eingegangen, welche gerade im kindlichen Alter die Ich-Organisation noch hineinleiten in die Elemente, in die sie hineingeleitet werden muß. Hier beginnt aber schon das Gebiet, wo unmittelbar an das Pädagogische der Arzt
54 herantreten muß. Denn bei diesen Dingen, da können wir, wenn epileptische Erscheinungen da sind, eben nur auf dem Wege des Heilmittels der Sache beikommen, und wir müssen auch nicht zurückschrecken, auf dem Wege des Heilmittels der Sache beizukommen. Sobald die epileptischen Erscheinungen verknüpft sind, namentlich mit demjenigen, mit dem sie verknüpft werden, wenn der astralische Leib in der Hauptsache dabei engagiert ist, wenn also die oberen, die ätherischen Elemente aufhalten das Durchdringen des astralischen Leibes in die Außenwelt, dann müssen wir ja auf diese Elemente im Menschen drinnen selber wirken. Und da handelt es sich darum, daß wir wirklich den Weg finden, aber vor allen Dingen zuerst erkennen, ob der astralische Leib engagiert ist oder nicht.
Und wie erkennen wir, ob der astralische Leib engagiert ist? Nun, wer viel epileptische oder epileptoid veranlagte Kinder beobachtet hat, wird zwei voneinander sehr verschiedene Zustände bemerken. Das eine sind diejenigen Zustände, wo, ich möchte sagen, gegenüber einer moralischen Beurteilung das Kind nicht herausfordernd ist, weil das Kind sich in das, was man jedem Kinde in moralischer Beziehung beibringen will, hineinfügt. Wenn man es also mit epileptischen oder epileptoiden Kindern zu tun hat, die sich leicht in die moralische Weltordnung hineinfügen, kann man vielleicht bei dem stehenbleiben, was ich gesagt habe. Wenn man es aber zu tun hat mit solchen Kindern, die unzugänglich werden für das Moralische, die also zum Beispiel leicht gewalttätig werden in ihren Anfällen - denn die epileptischen Anfälle können sich dadurch maskieren, daß zum Beispiel Gewalttätigkeiten beim Kinde auftreten, an die oftmals keine Erinnerung vorhanden ist -, wenn dies eintritt, daß also moralisch erscheinende Defekte auftreten, dann handelt es sich darum, daß man im kindlichen Alter noch mit wirklichen Heilmitteln eingreift, so daß man tatsächlich also die Epilepsie zum Beispiel versucht zu bekämpfen mit den Mitteln, die überhaupt gebräuchlich oder von uns angegeben werden in gewisser Beziehung, wie Schwefel oder Belladonna, und hier eine regelmäßige Therapie einleitet. Nun, über diesen mehr medizinischen Teil werden wir noch sprechen. Ich möchte heute nur hinweisen darauf, wie man aus den äußeren Anschauungen übergehen muß von der mehr pädagogischen
55 Behandlung in die mehr medizinische Behandlung. Und bei gewissen epileptischen Kindern wird es sich durchaus darum handeln, daß man sogar, weil sie ja ganz gut in die äußere Welt eingeschaltet sind, vermeiden muß die äußere Übung und vorzugsweise durch innere Therapie zu wirken hat.
Nun ist hier zu gleicher Zeit der Punkt, wo die epileptischen Erscheinungen ganz sukzessive übergehen in andere Erscheinungen. Ich habe gestern davon gesprochen, daß Gedanken eigentlich nicht falsch sein können, und jetzt habe ich fortwährend davon gesprochen, von dieser Art und Weise, wie der Mensch sich die Gedanken eingliedert. Solch eine Erscheinung, daß der Astralleib sich staut in der Lunge, beruht darauf, daß der Gedanke der Lunge nicht richtig eingegliedert ist. Also das sind alles Gedankendefekte. Die treten ein, wenn wir nicht imstande sind, beim Heruntersteigen unseren Organismus in der richtigen Weise zu beherrschen, daß wir ihn das zweite Mal aufbauen können. Aber wir bringen auch das Willensmäßige, das auf die einzelnen Organe verteilt ist, aus unserem früheren Erdenleben mit. Wenn nun die Gedanken überhaupt nicht falsch sein können, sondern immer richtig sind, sie nur verzerrt durch unseren Organismus in uns erscheinen, dadurch also auch Organe verzerrt aufbauen können, so ist es beim Willen, wie er aus dem vorirdischen Dasein ins irdische Dasein eintritt, so, daß er kaum richtig sein kann. Er kommt in völliger Unsicherheit an und muß sich im Gedankensystem aufbauen. Beim Gedankensystem ist es so, daß es in der Welt nirgends unrichtig ist, beim Willenssystem ist es so, daß es kaum irgendwie richtig ist, ohne daß der Mensch etwas dazu tut. Der Mensch bringt unter allen Umständen ein unrichtiges Willenssystem in die Welt herein. Und das bewirkt, daß wir niemals in die Welt, indem wir physische Menschen werden, mit Moralität heruntersteigen. Die Moralität müssen wir uns erst nach und nach erwerben. Das, was Moralität war für unsere frühere Inkarnation, das haben wir gebraucht zwischen Tod und neuer Geburt, wo wir beschäftigt waren mit unserem weisheitsvollen Bauen, das haben wir längst verschwitzt; die Moral müssen wir uns immer in jedem einzelnen Erdenleben neu erwerben. Das heißt, jetzt tritt etwas sehr bedeutungsvolles ein: jetzt müssen wir, indem wir aus dem vorirdischen Dasein
56 amoralisch hereinkommen, in unserem Willen Sinn entwickeln; wir kommen mit unserem Willen herein in unsere Organe, wir müssen in unserem Willen Sinn entwickeln für dasjenige, was uns moralisch entgegengebracht wird.
Da ist es außerordentlich wunderbar, wie mit dem Sprechenlernen die moralischen Impulse in das Kind hineinfließen. Deshalb ist es uns von so ungeheurer Bedeutung, zu erkennen, daß das Imitieren bis in die intimsten Dinge hineingeht. Daß das beachtet wird, ist sehr bedeutsam: denn wenn die Erzieher und Eltern in der Umgebung des Kindes unmoralisch sind, unmoralisch reden, so wird nicht die äußere Handlung, sondern der unmoralische Gehalt in der tiefen Innenorganisation des Kindes mit imitiert. Da handelt es sich also darum, daß wir auch mit der Außenwelt in Beziehung treten, aber auf dem Umwege durch den ganzen Organismus, nicht durch einzelne Organe. Und wenn da eine Stauung auftritt, dann tritt diese Stauung auf dadurch, daß wir, während wir vorher nicht mit unseren Gedanken überall herauskommen, hier nicht mit unserem Willen herauskommen. Und das tritt in den moralischen Defekten zutage. Jetzt sehen Sie die inneren Ursachen der moralischen Defekte, wenn im ganzen menschlichen Organismus sich staut dasjenige, was aus dem vorirdischen Dasein hereinkommt und durchstoßen und sich durchfinden soll, wenn es den Durchgang zur moralischen Beurteilung unserer Umwelt finden soll. Wir müssen die Moral unserer Umwelt aufnehmen können. Das können wir unter Umständen nicht, wenn unsere geistig-seelische Organisation sich staut, wenn wir darinnen steckenbleiben - in der physischen Organisation -, wenn wir nicht durchkommen mit unserer geistig-seelischen Organisation.
Nun, sehen Sie, da handelt es sich darum, daß man in der Tat ganz auf moralischem Gebiete steht. Nur muß das auch in der richtigen Weise erkannt werden. Sie werden, wenn Sie es mit eigentlichen epileptischen Erscheinungen zu tun haben, das aus den Symptomen, die ich angeführt habe, Schwindelanfälle, Bewußtseinsauslöschung und so weiter, das werden Sie aus solchen Erscheinungen, die am Menschen auftreten, vorübergehend auftreten, diagnostizieren müssen. Wollen Sie im moralischen Gebiete moralische Defekte erkennen, dann müssen
57 Sie nicht an die vorübergehenden Symptome denken, sondern an die bleibenden Symptome.
Die hauptsächlichsten Störungen, wodurch können sie auftreten? Natürlich ist alles im Karma bedingt; man muß von zwei Seiten sprechen, von der Beschaffenheit, mit der der Mensch auftritt, und von seiner karmischen Bedingtheit. Nun denken Sie sich einmal, der Embryo lagert so im Organismus, daß er hier zusammengedrückt wird, daß das Gehirn zu schmal gebildet wird für die ganze übrige Organisation. Jetzt haben Sie dies zu beachten: während der kindlichen Entwickelung durch das zu schmal entwickelte Gehirn haben Sie jene Strahlungen von dem Gehirn, die gerade wichtig sind vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre, dadurch gestört und gestaut, weil von dem, was hier sich staut, ein Abbild eintritt in der Milzfunktion. Was ist die Folge? Die Folge dieses Stauens ist, daß das Kind keine innerliche Sympathie entwickelt für irgend etwas, was ein moralisches Urteil ist; es fehlt ihm die Sympathie dafür. Wie für einen Farbenblinden die Farben nicht da sind, so sind für gewisse Kinder die moralischen Impulse, die in unserem Sprechen, in unseren Ermahnungen liegen, nicht da. Das Kind wird dadurch moralblind. Und wir haben dann die Aufgabe, diese Moralblindheit zu beheben. - Wir werden also an äußeren Deformationen, wenn wir sorgfältig vorgehen, immer ein wunderbares Symptom haben können. Und man wird immer gar vieles finden, was gegen diese scharlatanhafte Betätigung aller Phrenologie eingewendet wird, aber zur Beurteilung von moralischen Defekten sollte eigentlich von jedem eine echte Phrenologie schon studiert werden. Denn es ist schon interessant, zu sehen, daß moralische Defekte, die mit dem Karma zusammenhängen, daß diese so starke Kräfte sind, wo karmische Immoralität ist, daß sie unweigerlich in Deformationen des physischen Organismus auftreten.
Aber auf der andern Seite sind gerade auf diesem Gebiete heilpädagogische Versuche außerordentlich angezeigt, und man wird, wenn man die gestern erwähnten Eigenschaften mitbringt, diesen inneren Mut und dieses Sich-Stellen vor Entscheidungen, seinen Ermahnungen, die man dann braucht, eben auch die nötige innere Kraft geben können. Innere Kraft braucht man dazu. Daß Heilung eintreten kann, das
58 habe ich öfter schon an einem bestimmten Beispiel klargemacht. Sehen Sie, ein ganz bekannter deutscher Dichter ließ sich einmal phrenologisieren von einem Sachverständigen. Er war schon ein berühmter Dichter. Und der Phrenologe, der gedacht hat, allerlei Interessantes zu finden, wurde plötzlich leichenblaß, als er eine bestimmte Stelle betastete, und da getraute er sich nicht weiterzureden, während er sonst bei interessanten Dingen immer redselig war. Der Dichter fing an zu lachen und sagte: Ich weiß schon, Sie haben den Diebssinn entdeckt; den habe ich stark gehabt! - Er hatte entdeckt, daß der Betreffende ein Kleptoman hätte werden können. Nun hat er die Kleptomanie in Dichtkunst umgewandelt.
Da ist eben das, wo man die Dinge so anfassen muß, wie ich es gestern erklärt habe; und man darf tatsächlich schon von vorneherein diese Dinge nicht so beurteilen, wie man sie sonst beurteilt. Denn sehen Sie, es ist ja so: wenn man dem Menschen gegenübersteht, so hat er seine menschlichen Eigenschaften nach zwei Polen hin hauptsächlich ausgebildet, nach dem Pol des mehr Gedanklich-Vorstellungsmäßigen und nach dem Pol des Willensmäßigen. Ja, das Vorstellungsmäßige ist krank, wenn es nicht ein Dieb ist, und zwar ein ganz ausgiebiger Dieb. Die Hirn-Vorstellungsorganisation muß ein furchtbarer Dieb sein, nicht Moral anwenden auf das, was sie aufnehmen soll. Sie muß den Sinn haben, sich alles anzueignen. Das ist der eine Pol. Und man ist eben geneigt, entweder zur Epilepsie oder zu irgend etwas, wenn man nicht nach allen Seiten hin mit der Vorstellungsorganisation grapst. Aber das darf um Gottes Willen nicht hinunterschlüpfen in die Willensorganisation! Die muß zurückhaltend sein, sie muß empfänglich sein, sie muß einen Sinn haben für Mein und Dein, der erst am äußeren Leben entwickelt wird. Denken Sie: die Tiere, die mehr im Vorstellungsleben leben als die Menschen, die würden fortwährend verhungern, wenn sie nicht den Sinn hätten, sich alles anzueignen. Diese Dinge muß man durchschauen. Das darf nicht in die Willensorganisation hinunterschlüpfen, das muß in der feinen Vorstellungsart bleiben. Wenn ich so sagen darf, wenn die astrale Infiltration unseres Gehirns, die ganz berechtigt ist, sich alles anzueignen, hinunterschlüpft bis in die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation oder in das rhythmische System hinein,
59 dann entsteht im Willen als Tendenz dasjenige, was in der Vorstellungsorganisation da sein muß: es entsteht dieser Drang, sich alles anzueignen. Er kann in verhältnismäßig harmlosem Sinne auftreten, was Sie dann beobachten können, wenn ein Kind anfängt, alles was es findet, aufzuheben und sich eine Sammlung davon anzulegen. Natürlich, man bekämpft solche Dinge fortwährend; deshalb treten sie nicht so kraß auf. Man muß sich angewöhnen, die Anlage dazu zu sehen. Gewiß, das Kind bringt es gewöhnlich nicht dazu, weil man anfängt, es durchzuprügeln. Aber darauf muß man sorgfältig aufpassen, ob das Kind diese Neigung hat, irgendwie Dinge sich zurückzulegen, sich zusammenzulegen, und man muß eine Empfindung dafür haben, wo das Krankhafte beginnt. Es beginnt das Krankhafte, wenn es über ein gewisses Maß hinausgeht. Die Philistrosität hat vieles, aber hat kein Urteil darüber, wenn nicht gerade eine Veranlassung dazu vorliegt, wieviel man sammeln darf. Man kann ein grandioser Philister sein und Postmarken sammeln, da ist die Sammelwut mehr unschädlich. Wenn sie aber beim Kinde auftritt im Nachahmen, dann deutet das darauf, daß das Kind das heruntergerutscht hat, dieses Sich-Aneignen, in die Willenssphäre. Da handelt es sich wirklich darum, daß Sie sorgfältig sehen, wenn es sich um karmisch-moralische Defekte handelt in der Kleptomanie, daß Sie es sehen aus den Zusammenhängen heraus, die ich gestern geschildert habe, und aus einer solchen Seelenverfassung heraus an das Kind herankommen, indem Sie möglichst wirksam moralisch erziehen mit einer ungeheuren inneren Lebendigkeit, nicht mit Lässigkeit. Mit innerer Lebendigkeit erfindet man Geschichten, wodurch dasjenige, was das Kind tut, im Leben ad absurdum geführt wird. Man erzählt ihm einen Fall von Stehlen und macht das wiederum und immer wiederum. Das greift tatsächlich in das Karma ein.
Da wirkt man auf dem Wege des Heilpädagogischen, das im Moralischen stehenbleiben kann, wenn man wirklich ganz dabei ist, wenn man sich ganz individuell interessiert, wie die Dinge gemacht werden. Jeder Kleptomane ist außerordentlich interessant. Es sind ihm bis in die Zehenspitzen, bis in die Fingerspitzen die Vorstellungseigenschaften hineingerutscht. Das muß man natürlich wissen, wenn man ihn erziehen will. Man muß in die Erzählungen unter Umständen Gesten hineinflechten,
60 die der Kleptomane gern macht. Man versetzt sich ganz in diesen Fall hinein, erfindet Legenden, Märchen, in denen diese Dinge ad absurdum geführt werden.
Denken Sie nach, wir werden auch Kleptomanen vorführen, denken Sie die Dinge immer weiter durch, Sie werden sehen, gerade dadurch kommen Sie auf diesem Gebiet durch die Diagnostik in die Therapie hinein.




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