Die Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners
I DER EINSATZ FÜR EINE GEISTGEMÄSSE WISSENSCHAFT DER FARBEN
Dort stehenbleiben zu wollen, wo Goethe stand, ist unsinnig, aber ohne ihn im Leibe zu haben und ohne mit den von ihm in die Welt gesetzten Triebfedern sich ganz durch und durch auszuspannen, ist kein Fortschritt möglich. (Brief Rudolf Steiners aus Weimar vom 18. Juli 1891, in «Briefe» II, GA 39)
… wir brauchen durchaus, wenn wir auch nicht Physikergläubige sind, auch nicht wieder Goethegläubige zu werden, denn Goethe ist 1832 gestorben, und wir bekennen uns nicht zu einem Goetheanismus vom
Jahre 1832, sondern zu einem vom Jahre 1919, also zu einem fortgebildeten Goetheanismus. (Vortrag Stuttgart, 27. Dezember 1919, GA 320)
Werkbiographische Skizze von Hella Wiesberger
(Goethes Farbenlehre - Ausgangspunkt des öffentlichen Wirkens / Goethes «Farbenlehre» in der Weimarer Ausgabe und in der Deutschen Nationalliteratur. Stille
Auseinandersetzung mit dem Physiker Salomon Kalischer. Und die Frage wurde Erlebnis: «Muß man verstummen?» / Der Schritt in die Darstellung der übersinnlichen Farbenwahrnehmung / Neuer Ansatz zur experimentellen Weiterbildung der Goetheschen Farbenlehre)
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Durchbruch zu bringen. Das kann nicht verstanden werden. Warum? Weil das materialistische
Prinzip bei Newton, den Goethe bekämpfen
mußte, den Sieg davongetragen hat über das, was
bei Goethe aus dem Geist entsprungen ist.1
Dem, was die Goethesche Farbenlehre in sich
schließt, liegt zugrunde das Geheimnis des Zusammenwirkens von Licht und Finsternis als
zweier polarischer wesenhafter Entitäten in der
Welt.2
Goethes Farbenlehre steht nicht nur äußerlich biographisch, sondern in
erster Linie ihrem ideellen Werte nach am Ausgangspunkt von Rudolf
Steiners Wirken. Denn in dem von Goethe entdeckten Urphänomen der
Farbenentstehung — Farben entstehen durch das Zusammenwirken von
Licht und Finsternis, von Rudolf Steiner oft auf die einfache Formel
gebracht: Finsternis durch Licht gesehen = Blau, Licht durch Finsternis
gesehen = Rot3
- fand er seine eigene zentrale Erkenntnis bestätigt, daß
alle Erkenntnisfindung voraussetzt, anzuerkennen, daß sowohl die Natur- wie auch die Menschen- und Geistesordnung auf Polaritäten aufgebaut ist, daß alles Leben in Gegensätzen verläuft und nur der Gleichgewichtszustand zwischen Gegensätzen angestrebt werden kann.4
So wie Goethe in diesem Sinne seine Naturanschauung, insbesondere
seine Farbenlehre ausbildete, so Rudolf Steiner seine anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft. Wenn er einmal äußerte: «Die Farbgedanken, die Farbanschauungen, lassen sich auf alles anwenden»,5
so steht
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dahinter die Erkenntnis, daß unter Licht und Finsternis nicht die sinnlich wahrnehmbaren Wesenhaftigkeiten, sondern geistige Entitäten zu
verstehen sind, die nicht nur der Entstehung der Farben, sondern allen
Erscheinungen - sei es im Physischen, Seelischen oder Geistigen - zugrunde liegen. Denn in der «kosmischen Tätigkeit» gebe es keine Möglichkeit des Bestandes, ohne daß überall in die Lichtkraft zugleich Dunkelkraft hineinverwoben wird: «Und in dem Ineinanderweben, gleichsam in dem Netz-Weben von Lichtkraft und Dunkelkraft liegt eines der
Geheimnisse des kosmischen Daseins, der kosmischen Alchemie.»6
Es
sei dies Mysterienwissensgut in uralten Menschheitszeiten gewesen und
etwas davon bewahrt geblieben in der altindischen Sankhya-Philosophie,
insofern sie fundiert ist auf der Lehre von den drei Gunas, den drei
Grundbildekräften, und deren möglichen Verbindungen: Sattwa (Licht),
Tamas (Finsternis), Rajas (Ausgleich). Ein Nachklang davon findet sich
dann noch bei Aristoteles, wenn er die Farben in diesem Sinne gliedert:
Nach dem Rotgelben hin überwiegt das Licht das Finstere, nach dem
Blauvioletten hin das Finstere das Licht, im Grün halten sich beide das
Gleichgewicht.
Darin, daß in den auf Aristoteles folgenden Zeiten dieses Erkenntnisprinzip verlorenging, und, nachdem es lange verschüttet gewesen war,
durch Goethe «mitten aus unserer wissenschaftlichen Kultur heraus»
neu aufleuchtete, liegt für Rudolf Steiner die eigentliche Bedeutung von
Goethes Farbenlehre. Darum werde man wohl verstehen können,
warum er sich im Beginne der 80er Jahre die Aufgabe gestellt habe, die
Goethesche Farbenlehre als eine «physische Wissenschaft», aber auf
«okkulten Prinzipien» beruhend, zur Geltung zu bringen. Denn man
könne sachgemäß sagen: Goethe gliedert die Farbenerscheinungen so,
daß er sie darstellt nach den drei Zuständen Sattwa, Tamas, Rajas. Und
so trete nach und nach wie aus einem Geistesdunkel heraus in die neue
Geistesgeschichte herein, «mit den neuen Mitteln erforscht», was einmal
jdurch ganz andere Mittel der Menschheit errungen worden sei.7
Goethe selbst muß von diesem in graue Zeiten Zurückreichenden
seiner Farbenerkenntnis ein Bewußtsein gehabt haben, denn er äußerte
einmal zu Eckermann (am 18. März 1831): «Meine Farbenlehre ist so alt
wie die Welt und wird auf die Länge nicht zu verleugnen und beseite zu
bringen sein.» Und ein andermal (am 19. Februar 1829): «Auf alles, was
ich als Poet geleistet habe, bilde ich mir gar nichts ein. Es haben treffliche
Dichter mit mir gelebt, es lebten noch trefflichere vor mir und es werden
12 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 91a Seite: 12
ihrer nach mir sein. Daß ich aber in meinem Jahrhundert in der schwierigen Wissenschaft der Farbenlehre der einzige bin, der das Rechte weiß,
darauf tue ich mir etwas zugute, und ich habe daher ein Bewußtsein der
Superiontät über viele.»
Rudolf Steiner aber sah die Bedeutung von Goethes Farbenlehre nicht
nur darin, daß ihr Erkenntnisprinzip in weite Vergangenheit zurückreicht, sondern vor allem in ihrer Zukunftsbedeutung. Darüber äußerte
er einmal:
«Ich beschäftige mich seit 1879/80 eigentlich immer mit Goethes Naturanschauung. Und ich habe in dieser Zeit die Anschauung gewonnen: in
dem Impuls, den Goethe der Naturanschauung gegeben hat - von dem
die heutigen Naturgelehrten, Naturwissenschaftler, Naturdenker eigentlich nichts verstehen - liegt etwas, das ausgebildet werden kann, aber erst
in Jahrhunderten… Manche Dinge ahnt man heute noch gar nicht, die
in Goethes Naturanschauung liegen… So daß man schon sagen kann:
Goethe mit seiner Naturanschauung trägt etwas in sich, das in weite,
weite Horizonte hinausweist.»8
Dieses Zukünftige lag für ihn konkret darin, daß «Goethe durch die
Naturerkenntnis die Brücke zu bauen sucht zwischen Selbsterkenntnis
und Welterkenntnis»:
«Wenn man dasjenige betrachtet, was von Goethes Art in der Naturanschauung ist, findet man, daß die einzelnen Ereignisse dieser Forschung
und seine Entdeckungen gar nicht die Hauptsache sind. Die Art und
Weise, wie er sich die Entwickelung dachte, ist es, worauf es ankam. Wie
war sie? So war sie, daß Goethe nach ganz anderen Begriffen und Ideen
suchte, als man sie gewöhnt ist. Wenn man nicht sein Augenmerk auf
diesen Punkt wenden will, wird man niemals Goethes Naturanschauung
verstehen. Bis in die Farbenlehre hinein versteht man Goethe nicht,
wenn man nicht ins Auge faßt, was Goethe wollte. Er wollte mit seiner
metaphysischen Lehre zu solchen Begriffen kommen, die nicht von
Vorstellung zu Vorstellung, von Begriff zu Begriff in äußerlicher Weise
vorgehen, sondern wollte, daß man in die Wirklichkeit selber untertaucht, daß die Idee im Selbsterleben entwickelt wird, welches aber
selbstlos genug ist, um gleichzeitig Welterleben zu sein. Er wollte mit
dieser seiner Naturanschauung dasjenige erreichen, was wirklich in die
Wirklichkeit untertaucht: er wollte verbinden Selbsterkenntnis und
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Welterkenntnis. Goethe konnte nicht, indem er sich in dasjenige, was
ihm wissenschaftlich entgegentrat, vertiefte, eine ihn befriedigende Naturanschauung schaffen; er mußte aus seinem eigenen Wesen heraus zu
einer Weltanschauung kommen; die mußte er sich redlich erringen, und
dann erst war ihm die Möglichkeit gegeben, Selbsterkenntnis an Welterkenntnis zu knüpfen.»9
Goethes Farbenlehre - Ausgangspunkt des öffentlichen Wirkens
Zum Ansatzpunkt für sein Bestreben, «die Brücke zu bauen von den
Einsichten in die geistige Welt zu denen, die aus der naturwissenschaftlichen Forschung kommen», wurde für Rudolf Steiner die im Beginn
seiner Studienjahre an der Technischen Hochschule in Wien (1879-1883)
gewonnene Erkenntnis, daß das Licht eine «Zwischenstufe» bilde zwischen den sinnlich faßbaren und den im Geiste anschaubaren Wesenhaftigkeiten. Licht, obwohl eine wirkliche Wesenheit in der Sinneswelt,
werde doch nicht sinnlich wahrgenommen, sondern offenbare sich immer und überall in der Farbenwahrnehmung. Auch weißes Licht sei
nicht Licht, sondern bereits Farbe. So berichtet er in seiner Autobiographie.10
Später erzählte er in einem Vortrag, daß er sich schon als Realschüler
für die Erklärung des Lichtes interessiert habe:
«Ich weiß noch, als ich ein ziemlich junger Bursche war, da hatte ich
einen ehemaligen Kameraden aus der Dorfschule gefragt: Wie lehrt man
denn bei euch über das Licht? - Ich hatte dazumal schon mit einer etwas
kindlichen Skepsis gehört von der sogenannten realen Ursache des
Lichts, nämlich von all den tanzenden kleinen Atomkügelchen und
Lichtwellen; aber der Junge, der dazumal auf dem Seminar ausgebildet
war, der hatte davon noch nichts gehört und sagte: Wir haben immer nur
sagen hören, wenn die Frage entstand, was ist das Licht?: Licht ist die
Ursache des Leuchtens der Körper. - Damit ist selbstverständlich etwas
<Gewaltiges> gesagt über das Licht.»11
Experimente, die er auf der Technischen Hochschule durchführen
konnte, erhärteten ihm seine grundlegende Erkenntnis vom Wesen des
Lichtes. Nun drängte es ihn von der physikalischen Schulanschauung
weg zu Goethes Farbenlehre hin, und er fand seine eigenen Erkenntnisse
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mit dieser übereinstimmend. Begeistert studierte er daraufhin ebenso
gründlich auch alle anderen naturwissenschaftlichen Schriften Goethes.
Dieses intensive Goethe-Studium führte dazu, daß er mit dem
Sprach- und Goetheforscher Karl Julius Schröer (1825-1900), der an der
Technischen Hochschule Literaturgeschichte vortrug und gerade an der
Kommentierung von Goethes «Faust» arbeitete, bald persönlich bekannt
wurde. Darüber schrieb er einem Freund am 13. Januar 1881:12
«Ich danke es Gott und einem guten Geschicke, daß ich hier in Wien
einen Mann kennenlernte, der - nach Goethe selbstverständlich - sich als
der beste Faustkenner rühmen darf, einen Mann, den ich hochschätze
und verehre als Lehrer, als Gelehrten, als Dichter, als Menschen. Es ist
Karl Julius Schröer.»
Schröer seinerseits wurde dem jungen Steiner ebenfalls sehr gewogen.
Er hatte bisher nur erlebt, daß Goethes Naturanschauung, insbesondere
die Farbenlehre, von den Fachgelehrten schroff abgelehnt wurde. Da er,
selbst den Naturwissenschaften fernstehend, nicht sachgemäß zu entgegnen vermochte, kam er dem von Goethes Naturforschungen begeisterten
jungen Naturwissenschaftler mit besonderem Wohlwollen entgegen.
Die Beziehung zu Schröer brachte es mit sich, daß der erst 21jährige
Student Steiner zum Herausgeber und Kommentator von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften innerhalb des großen Sammelwerkes
«Deutsche National-Litteratur» wurde. Dieses bedeutende verlegerische
Werk mit insgesamt 221 Bänden, darunter 36 Goethe-Bänden, war im
Frühjahr 1882 von Joseph Kürschner13
ins Leben gerufen worden.
Schröer hatte im April die Herausgabe von Goethes Dramen übernommen und schrieb am 13. Mai 1882 an Kürschner unter anderem: «Was die
Farbenlehre anlangt, habe ich meine eignen Gedanken. Hier könnte
Großes geschehen! Unsere Physiker werden erzogen dazu, sie nicht zu
verstehen, alle ihre Instrumente sind danach eingerichtet, und Goethe
hatte doch recht! Wenn sich da ein Kundiger fände! Ich habe darüber
einst mit Rosenkranz14
in Königsberg gesprochen, der mit mir derselben
Überzeugung war. Alles hangt davon ab, daß ein philosophisch gebildeter Geist ersteht, der die Forschungen der Physik zu überschauen vermöchte…» Kürschner antwortete darauf am 22. Mai: «Die novellistischen und wissenschaftlichen Arbeiten harren noch ihres Bearbeiters.
Wissen Sie betr. der letzten namentlich, den philosophischen Kopf noch
zu finden, der uns not tut, so bin ich Ihnen für Mitteilung des Fundes
Die Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners 15
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wahrlich dankbar.» Am 4. Juni schrieb Schröer daraufhin zurück: «Ein
Student in höheren Semestern, der Physik, Mathematik und Philosophie
betreibt, bei mir aber auch seit Jahren Vorlesungen hört, befaßt sich
eingehend mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Ich gab ihm
die Anregung, sich in einem populären Aufsatze über Goethe und Newton zu versuchen und denselben Ihrem Journal zuzusenden.15
Wenn
dieser Aufsatz gelänge, da hätten wir den rechten Mann für die Herausgabe der naturwissenschaftlichen Schriften. Von diesem Gedanken sagte
ich ihm nichts; ich weiß auch nicht, wie er schreibt. Aus Gesprächen
aber erfahre ich, daß er den Stoff beherrscht und eine selbständige, mir
richtig erscheinende Anschauung hat. Er heißt Steiner.»
Kürschner übertrug daraufhin mit Brief vom 9. Oktober 1882 dem
jungen, noch völlig unbekannten Rudolf Steiner die Herausgabe von
Goethes sämtlichen naturwissenschaftlichen Schriften innerhalb der
«Deutschen National-Litteratur». So wurde tatsächlich die Farbenlehre
zum Ausgangspunkt seines Wirkens. Der erste Band mit den morphologischen Schriften erschien zum Jahresende 1883 (mit dem Eindruck
«1884»); der zweite mit den Schriften zur Mineralogie, Geologie, Meteorologie und so weiter 1887; der dritte Band, die Farbenlehre, 1890; der
vierte und fünfte Band mit den «Materialien zur Geschichte der Farbenlehre» und den Sprüchen in Prosa 1897. Später äußerte sich Rudolf
Steiner darüber: «Ich verfaßte innerhalb dieses Sammelwerkes Einführungen in Goethes Botanik, Zoologie, Geologie und Farbenlehre. Wer
diese Einführungen liest, wird darin schon die theosophischen Ideen in
dem Gewände eines philosophischen Idealismus finden.»16
In der Einleitung zum ersten Band wurde die Bedeutung der Metamorphosenanschauung als kopernikanisch-keplerische Tat Goethes im
Bereich der Organik herausgearbeitet und mit den Worten gewürdigt:
«Lange vor Kepler und Kopernikus sah man die Vorgänge am gestirnten
Himmel, diese fanden erst die Gesetze; lange vor Goethe beobachtete
man das organische Naturreich, Goethe fand dessen Gesetze. Goethe ist
der Kopernikus und Kepler der organischen Welt.»
Namhafte Gelehrte anerkannten es damals als Verdienst Rudolf Steiners, die zentrale Bedeutung Goethes für die Wissenschaft der Organik
erabeitet zu haben.
Einige Monate nach dem Erscheinen des ersten Bandes trat er in
einem Artikel, den er für eine Wiener Tageszeitung schrieb («Goethes
Recht in der Naturwissenschaft - Eine Rettung»17) - in der «Deutschen
16 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 91a Seite: 16
Zeitung» vom 6. Juni 1884 -, nun auch erstmals öffentlich für Goethes
Farbenlehre ein. Darin heißt es:
«…Nichts liegt Goethe ferner als das willkürliche Erschaffen leerer
Hirngespinste, die nicht in der Wirklichkeit wurzeln. Nur sucht er den
allein für den Geist erreichbaren Kern dieser Wirklichkeit, das innere
Wesen derselben, das wir voraussetzen müssen, wenn sie uns erklärlich
sein soll.
Dieses Wesen zu fassen^ dazu gehört Produktivität des Geistes. Es ist
noch mehr hierzu nötig als die Beobachtung der Zufälligkeit einzelner
Fälle. Die Gesetze gehören der Wirklichkeit an, aber wir können sie aus
ihr nicht entlehnen, wir müssen sie an der Hand der Erfahrung schaffen.
Allen Bahnbrechern auf dem Gebiete der engeren Wissenschaft war
dieses schöpferische Vermögen des Geistes eigen. Die Erscheinungen der
Pendelbewegung und des Falles waren erst begreiflich, als Galilei die
Gesetze dieser Erscheinungen geschaffen hatte. Wie Galilei die Mechanik durch seine Gesetze begründet hat, so Goethe die Wissenschaft des
Organischen. Das ist sein wahres Verhältnis zur Wissenschaft. Goethes
Organik ist ebenso ein Reflex der Erscheinungen der organischen Welt,
wie die theoretische Mechanik der Reflex der mechanischen Naturerscheinungen ist. Die organische Wissenschaft kann ins Unendliche neue
Tatsachen entdecken, selbst ihre wissenschaftliche Grundlage erweitern,
der Wendepunkt, an dem sie sich von einer unwissenschaftlichen zu
einer wissenschaftlichen Methode erhoben hat, ist bei Goethe zu suchen.
Kein anderer als dieser Geist beherrscht aber auch das physikalische
Kapitel, dem Goethes Bestrebungen zugewandt waren: die Farbenlehre.
Nur von dieser Seite kommt man diesem merkwürdigen Werke näher.
Der Kampf gegen Newton war nur im Anfang die Hauptsache für
Goethe, war nur Ausgangspunkt, nicht Ziel seiner optischen Arbeiten.
Das Ziel war kein anderes als das, die reiche Mannigfaltigkeit der Farbenwelt auf ein systematisches Ganzes zurückzuführen, so daß uns aus
diesem Ganzen jedes Farbenphänomen ebenso verständlich wird, wie es
irgendein Zusammenhang von Raumgrößen aus dem System der Mathematik wird. Der Jahrhunderte überdauernde, wohlgegliederte, sich
selbst tragende Bau der Mathematik stand Goethe bei dem Aufbau der
Farbenlehre als Ideal vor Augen. Wenn man dieses hohe Ziel übersieht
und den Streit mit Newton in den Vordergrund rückt, erweckt man von
vornherein nur Mißverständnisse. Denn es gewinnt die Sache dann den
Die Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners 17
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Anschein, als ob Goethe gegen eine von Newton gefundene Tatsache
gekämpft hätte, während doch sein Streben nichts anderes im Auge
hatte, als eine sich selbst mißverstehende Methode, eine hypothetische
Erklärung einer Tatsache zu korrigieren. Daß so betrachtet der in Rede
stehende Gegensatz eine ganz andere Bedeutung gewinnt als die, die man
ihm gewöhnlich beilegt, wurde wiederholt von geistvollen Denkern wie
Joh. Müller, Karl Rosenkranz anerkannt. Newtons Behauptungen tragen eigentlich den Charakter des Aphoristischen an sich. Sie dehnen sich
bloß über einen Teil der Farbenlehre, über die bei der Brechung des
Lichtes entstehenden Farben aus. Sie modifizieren sich sogleich von
selbst, wenn man sie in das System einfügt, das die Totalität der Farbenerscheinungen behandelt. Was hier schwer einzusehen ist, ist eigentlich
nur, daß nicht Behauptung gegen Behauptung steht, sondern ein Ganzes
gegen ein einzelnes Kapitel. In einer Harmonie hat man nicht bloß das
Ganze aus seinen Teilen mechanisch zusammenzufügen, sondern es
werden auch die Teile durch die Natur des Ganzen bestimmt.»
Es war noch kein volles Jahr nach dem Erscheinen dieses Artikels
vergangen, da starb am 15. April 1885 der letzte Goethe-Nachkomme.
Erbin des Nachlasses wurde die Großherzogin Wilhelmine Marie Luise
Sophie von Sachsen-Weimar (1824-1897), Tochter des Königs Wilhelm
II. der Niederlande, verheiratet mit Großherzog Karl Alexander
(1818-1901), der seine Knabenjahre noch unter Goethe selbst verlebt
hatte. Die Großherzogin veranlaßte sogleich die Gründung einer Goethe-Gesellschaft und die Einrichtung eines Archivs, damit der bisher
unzugänglich gewesene Nachlaß Goethes der Welt erschlossen und eine
kritische Ausgabe sämtlicher Werke in Angriff genommen werden
könne. Das Goethe-Archiv, 1889 zum Goethe-Schiller-Archiv erweitert,
stand unter ihrem Protektorat. Rudolf Steiner äußerte über sie später,
daß man «einen wirklich unbegrenzten Respekt gewinnen [konnte] vor
der Art und Weise, wie diese Oranierin, die Großherzogin Sophie von
Sachsen, den Goethe-Nachlaß pflegte, wie sie sich widmete allen Einzelheiten, die eingerichtet wurden».18
Zum ersten Direktor des Archivs
berief sie auf Vorschlag des damals in der Literaturwissenschaft tonangebenden Germanisten Wilhelm Scherer (Schönborn/Niederösterreich
1841-1886 Berlin), dessen Schüler Erich Schmidt (Jena 1853-1913 Berlin). Am 21. November 1885 richtete an ihn die Großherzogin aus Gries
bei Bozen brieflich die Frage, «wie die Publikation [von] Goethes Na18 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
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turwissenschaftlichen Schriften durch Rudolf Steiner in dem maßgebenden Kreise der wissenschaftlichen und der Goethe-Forschung angesehen
und beurteilt wird».19
So kam es, daß durch Protektion der Großherzogin, die Schröer sehr
gewogen und sicher von ihm auf Rudolf Steiner hingewiesen worden
war, Rudolf Steiner auch für die Herausgabe der Farbenlehre und der
Geschichte der Farbenlehre für die Weimarer Ausgabe in Betracht gezogen wurde. An demselben Tag (26. Juni 1886), an dem Rudolf Steiner
dem Archivdirektor Schmidt für die ihm übertragene Aufgabe dankt:
«… Besonders erfreulich ist, daß Sie mir gerade die Farbenlehre übertragen. Ich glaube nämlich, gerade zu diesem Teile die umfassendsten
Vorarbeiten mitzubringen»,20
frug Wilhelm Scherer bei Erich Schmidt
an, ob man nicht dem Direktor der Berliner Sternwarte, Förster, die
Bearbeitung der Farbenlehre übertragen könnte, worauf Schmidt anderntags, den 27.Juni 1886, antwortete: «Die Farbenlehre ist Schröers
Genossen Steiner angeboten, der das Werk für Kürschners Nationalliteratur fleißig bearbeitet hat und dessen Beteiligung die Großherzogin
wünschte.»
Nachdem im Oktober desselben Jahres 1886 durch Vermittlung
Kürschners im Verlag Spemann, Berlin, Rudolf Steiners erste eigene
Schrift «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung mit besonderer Rücksicht auf Schiller, zugleich eine Zugabe zu
Goethes naturwissenschaftlichen Schriften in Kürschners Deutscher Nationalliteratur» sowie in der ersten Nummer der von Schröer begründeten Zeitschrift «Chronik des Wiener Goethe-Vereins» (Nr. 1 vom
17. Oktober 1886) der Aufsatz «Das Verhalten Thomas Seebecks zu
Goethes Farbenlehre»21
erschienen waren, folgte im April 1887 der
kurze Aufsatz «Hundert Jahre zurück. Zur Farbenlehre», in dem -
offensichtlich im Hinblick auf die ihm übertragene Herausgabe der
Farbenlehre in der Weimarer Ausgabe - die Punkte festgelegt wurden,
die nach seiner Auffassung die Grundlage zur richtigen Beurteilung von
Goethes Farbenlehre bilden müßten:
«Außer dem zweiten Teile des <Faust> ist über kein Werk Goethes so
geringschätzend geurteilt worden wie über seine Farbenlehre. Seine poetischen Schöpfungen werden immer mehr zur Grundlage unserer ganzen
Bildung und seine gewaltige Naturauffassung mit ihren wunderbaren
Konsequenzen im Reiche des Organischen erfreut sich immer mehr der
Die Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners 19
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Anerkennung derer, die Tiefblick genug besitzen, einzusehen, daß gerade sie das geistige Band bildet für die Unzahl der heute auf naturwissenschaftlichem Boden bekannten Tatsachen. Nur die Farbenlehre gilt
als der mißlungene Versuch eines Mannes, dessen ganzer Geistesrichtung die Denkweise fremd war, die in der Physik maßgebend ist. Dieser
schroffen Ablehnung steht die vollwichtige Tatsache gegenüber, daß
gerade die Farbenlehre die reifste Frucht von Goethes Forschen ist, daß
also gerade in ihr seine Naturauffassung sich bewähren mußte. Das
genügt allein schon, die Akten hierüber noch einmal zu prüfen. Vielleicht ist die Fragestellung bisher nicht die rechte gewesen. Wir wollen
uns bemühen, dieselbe wenigstens in einem Punkte zu berichtigen: was
Goethes Verhältnis zur Mathematik betrifft. Gerade der Umstand, daß
er kein Mathematiker gewesen, steht ja einer unbefangenen Beurteilung
seiner Farbenlehre störend im Wege. Wer aber das von Goethe über
Mathematik Gesagte eingehend erwägt, wird sehen, wie der Dichter
bemüht war, die Grenze zu finden, wo in der Naturwissenschaft Mathematik am Platze ist, wo nicht. Damit wollte er zugleich das Reich seines
Forschens begrenzen. Mit Rücksicht darauf ergeben sich in bezug auf
diesen Punkt folgende Hauptfragen: 1. Hat Goethe diese Grenze richtig
bestimmt? 2. Hat er sie gebührend berücksichtigt? und 3. Hätte er bei
genauer Bekanntschaft mit der Mathematik seiner Farbenlehre eine andere Gestalt geben können, ohne zugleich seiner ganzen Naturauffassung untreu zu werden? Diese Fragen müssen künftig die Grundlage
bilden, wenn es sich um die Beurteilung von Goethes Farbenlehre handelt. Mindestens, so scheint es uns, sollte man über Goethes Farbenlehre
nicht weiter den Stab brechen, ohne früher diese Fragen zu erledigen.»
20 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
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Goethes Farbenlehre in der Weimarer Ausgabe
und in der Deutschen Nationalliteratur.
Stille Auseinandersetzung mit dem Physiker Salomon Kalischer.22
«Und die Frage wurde Erlebnis: Muß man verstummen?»23
Im Herbst 1890 war Rudolf Steiner zur ständigen Mitarbeit an der
großen Weimarer Goethe-Ausgabe nach Weimar übergesiedelt. Aber die
Freude, die ursprünglich ihm zugedachte Farbenlehre nicht nur innerhalb der Deutschen Nationalliteratur, sondern auch innerhalb der ungleich gewichtigeren Weimarer Ausgabe herausgeben zu können, war
ihm doch nicht zuteil geworden. Nachdem der erste Archivdirektor
Erich Schmidt zu Beginn des Jahres 1887 eine Berufung nach Berlin
angenommen hatte und an seine Stelle Bernhard Suphan (Nordhausen
1845-1911 Weimar) getreten war, wurde im Laufe des Jahres 1888 in
bezug auf die Herausgeber der 13 Bände naturwissenschaftlicher Schriften umdisponiert.24
Die Farbenlehre (Band 1-5) wurde dem Fachphysiker Salomon Kalischer übertragen, Rudolf Steiner dafür die übrigen
Gebiete (Band 6, 7, 9-12, 8 Karl von Bardeleben unter Mitarbeit Rudolf
Steiners, 13 als Supplement zu 6-12 Max Morris).
Der Grund für die Umdisponierung ließ sich bisher nicht eruieren.25
Denkbar wäre, daß Kalischer die Farbenlehre für sich beansprucht hatte,
da er zur gleichen Zeit wie Rudolf Steiner - nur ohne nähere Angabe -
zur Mitarbeit eingeladen worden war und außerdem schon innerhalb der
im Verlag Gustav Hempel, Berlin, erschienenen Ausgabe von Goethes
Werken die naturwissenschaftlichen Schriften mit der Farbenlehre kommentiert herausgegeben hatte.
Die Hempelsche Ausgabe galt als erste kritische und hatte seinerzeit
große Beachtung gefunden. Auch Rudolf Steiner hat für seine Editionen
innerhalb der Deutschen Nationalliteratur von Anfang an diejenigen
Kalischers berücksichtigt.26
Kalischer hatte zwar die Bedeutung der
morphologischen Forschungen Goethes für die Naturwissenschaft vertreten, aber die Farbenlehre konnte er als Newtonianer nur als Irrtum
Goethes werten. In seiner mit «Berlin im Juli 1878» datierten Einführung heißt es darüber:27
«Goethe … hatte bereits im Jahre 1780 die
Überzeugung gewonnen, daß Newtons Lehre falsch sei, zwar aufgrund
einer irrtümlichen Auffassung der aus dem Fundamentalsatze der Newton'schen Optik von der verschiedenen Brechbarkeit des Lichtes sich
ergebenden Folgerungen, aber eben weil er von vornherein einen falDie Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners 21
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:291a Seite: 21
sehen Gesichtspunkt eingenommen und sofort eine andere Anschauung
über die Entstehung der Farben bei sich festgesetzt hatte, so vermochte
keine Überredungskunst unterrichteter Physiker ihn von seinem Irrtume
zu überzeugen…»
Wie klar sich Rudolf Steiner darüber gewesen sein muß, daß er mit
seiner Auffassung von der Richtigkeit der Goetheschen Farbenlehre
ganz allein stand, spricht beispielsweise aus dem Brief vom 2. November
1890, den er kurz nach seiner Übersiedlung von Wien nach Weimar und
kurz nach der Fertigstellung seiner Arbeiten an der Farbenlehre an den
Verleger Joseph Kürschner schrieb:
«… Je mehr ich von dem wissenschaftlichen Nachlasse hier in Weimar
kennenlerne, desto klarer bestätigt sich mir alles, was ich in meinen
Einleitungen ausgeführt habe. Wenn die hinterlassenen Schriften von
mir redigiert erscheinen werden, dann werden sie Stück für Stück
schwerwiegende Beweisgründe für meine Auffassung sein. Das gewagteste Stück innerhalb dieser Auffassung ist jedenfalls die Einleitung zum
dritten Bande [Farbenlehre]. Aber ich sehe allen Angriffen mit gutem
Mute entgegen, denn ich glaube, die Gegner dieser Auffassung werden
sonderbare Augen machen, wenn ihnen der Nachlaß vorliegen wird.
Dieser kann nur in der allergünstigsten Weise auf unsere Ausgabe zurückwirken. Ich werde mich ja auch sachlich durchaus immer auf meine
Einleitungen in der Nationalliteratur beziehen müssen. Dies werde ich
gegen alle Einwände durchsetzen.»28
Kurze Zeit nach diesem Brief, noch im Jahre 1890, erschien zuerst
Kalischers und dann Rudolf Steiners Edition. Vergleicht man Rudolf
Steiners Einleitungen mit denen Kalischers in der Hempelschen Ausgabe
- die Weimarer Ausgabe selber ist unkommentiert-, dann wird «jede
Seite zu einer Auseinandersetzung zwischen einer spirituellen und einer
materialistisch orientierten Weltauffassung».29
Schon in der «Vorrede»
Rudolf Steiners zu seiner Einleitung heißt es in diesem Sinne:
«Wer diese Erwägungen für richtig findet, der wird diese Farbenlehre
mit ganz anderen Augen lesen, als die modernen Naturforscher dies tun
können. Er wird sehen, daß hier nicht Goethes Hypothese der Newtons
gegenübersteht, sondern daß es sich hier um die Frage handelt: Ist die
heutige theoretische Physik zu akzeptieren oder nicht? Wenn nicht,
dann aber muß sich auch das Licht verlieren, das diese Physik über die
22 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 91a Seite: 2 2
Farbenlehre verbreitet. Welches unsere theoretische Grundlage der Physik ist, mag der Leser aus den folgenden Kapiteln der Einleitung erfahren, um dann von dieser Grundlage aus Goethes Auseinandersetzungen
im rechten Lichte zu sehen.»
Die darauf folgende «Einleitung» («I. Goethe und die moderne Naturwissenschaft») beginnt mit den Worten:
«Gäbe es nicht eine Pflicht, die Wahrheit rückhaltlos zu sagen, wenn
man sie erkannt zu haben glaubt, dann wären die folgenden Ausführungen wohl ungeschrieben geblieben. Das Urteil, das sie bei der heute
herrschenden Richtung in den Naturwissenschaften von Seite der Fachgelehrten erfahren werden, kann für mich nicht zweifelhaft sein. Man
wird in ihnen den dilettantenhaften Versuch eines Menschen sehen, einer
Sache das Wort zu reden, die bei allen <Einsichtigen> längst gerichtet ist.
Wenn ich mir die Geringschätzung all derer vorhalte, die sich heute
allein berufen glauben, über naturwissenschaftliche Fragen zu sprechen,
dann muß ich mir gestehen, daß Verlockendes im landläufigen Sinne in
diesem Versuche allerdings nicht gelegen ist. Allein ich konnte mich
durch diese voraussichtlichen Einwände doch nicht abschrecken lassen.
Denn ich kann mir alle diese Einwände ja selbst machen und weiß daher,
wie wenig stichhaltig sie sind.»
Im Folgenden wird auseinandergesetzt, daß es überhaupt nicht um
die Frage geht, ob Goethe oder Newton recht habe, denn Goethes
Farbenlehre bewege sich in einem Gebiet, «welches die Begriffsbestimmungen der Physiker gar nicht berührt». Er sah in der Wellentheorie,
ebenso wie Goethe, der sie noch selbst erlebte, nichts, was mit der
Goetheschen Überzeugung von dem Wesen der Farbe nicht in Einklang
zu bringen wäre. Die Physik dagegen kenne die Grundbegriffe der
Goetheschen Farbenlehre nicht, weil Goethe Licht und Finsternis nicht
als reale Wesenheiten, sondern als «bloße Prinzipien, geistige Entitäten»
verstehe. Mit den Worten: «Goethe beginnt eben da, wo die Physik
aufhört» schließt die Einleitung.
Aus den Reihen der Fachgelehrten kam sozusagen überhaupt kein
Echo.30
Es scheinen keine Besprechungen erfolgt zu sein. Lediglich in
der Bremer «Weser Zeitung» vom 3. November 1891 findet sich in dem
Bericht über einen am 2. November im Naturwissenschaftlichen Verein
Die Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners 23
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 2 91a Seite: 2 3
gehaltenen Vortrag von einem Dr. Grosse: «Die Grundlagen der heutigen Farbenlehre im Gegensatz zu den Ansichten Goethes» Rudolf Steiners Herausgabe wie folgt erwähnt:
«Der Umstand, daß seit dem ersten Erscheinen von Goethes Farbenlehre hundert Jahre verflossen sind und daß kein Gebiet der Physik sich
heute einer gleich vollkommenen wissenschaftlichen Ausbildung rühmen kann, gibt dem Vortragenden Veranlassung zur Wahl seines Themas. Welchen Wert der Dichter selbst auf seine Leistungen gerade auf
diesem Gebiet der Naturwissenschaft gelegt hat, ist bekannt und ebenso
auch, daß bedeutende Physiker, wie Dove, Du Bois-Reymond und
Helmholtz, das Wort ergriffen haben, um das größere Publikum vor
einer Annahme der Irrlehren Goethes zu warnen… Doch hat es dem
Dichter auch nicht an Verteidigern seiner Farbenlehre gefehlt, von denen
namentlich Grävell («Goethe im Recht gegen Newton») und Rudolf
Steiner (Vorwort in der Kürschner'schen Goetheausgabe) zu nennen
sind. Ersterer macht den als mißlungen zu bezeichnenden Versuch, die
Goetheschen Ansichten in das Fahrwasser der herrschenden Undulationstheorie zu lenken, indem er den polaren Gegensatz von Hell und
Dunkel, aus welchem Goethe die Farben ableitet, als <Berg> und <Tal> der
Wellen zu deuten sucht, durch deren Interferenz (bei Goethe <Kampf
mit der Materie>) die Farben entstünden.31
Steiner geht von dem Gedanken aus, daß Goethe der Physik eine ganz andere Aufgabe zugewiesen
habe als die Naturforscher. Von seinem Standpunkt aus habe Goethe
recht und Steiner würde es als schönste Lebensaufgabe betrachten, die
Optik in Goethes Sinne auszubauen. Es erscheint sehr zweifelhaft, ob
das mit Erfolg geschehen kann, wenn auch, wie vom Vortragenden näher
ausgeführt wird, der heutigen Äthertheorie noch manche Mängel anhaften. Die heutige Forschung läßt aber hoffen, daß eine allgemeine Theorie
gefunden wird, welche jene Mängel zu heben im Stande ist.»
So wiederholte sich für Rudolf Steiner die Erfahrung Goethes: «Man
kann in der Naturwissenschaft über manche Probleme nicht gehörig
sprechen, weil man die Metaphysik nicht zu Hilfe ruft; aber nicht jene
Schul- und Wortweisheit: es ist dasjenige, was vor und nach der Physik
war, ist und sein wird.»32
Aufgrund dieser Erfahrung begann Rudolf
Steiner, als er zwei Jahre nach dem Erscheinen der von ihm edierten
Farbenlehre, im Sommer 1893, eingeladen worden war, zu Goethes
Geburtstag im Freien Hochstift zu Frankfurt am Main über Goethes
Weltanschauung zu sprechen, seinen Vortrag damit, daß er sagte, er
24 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
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werde nur über Goethes Anschauungen vom Leben sprechen, denn seine
Ideen über das Licht und die Farben seien solche, daß in der Physik der
Gegenwart keine Möglichkeit vorläge, zu diesen Ideen eine Brücke zu
schlagen.
Anschließend an diesen Bericht in seiner Autobiographie (Mein Lebensgang Kap. XXIII) führt er ein Gespräch an, das er mit Kalischer
geführt haben muß. Er nennt zwar selbst den Namen Kalischer nicht,
aber es kann sich nur um Kalischer gehandelt haben. Das Gespräch
dürfte bei dem Arbeitsaufenthalt Kalischers in Weimar zwischen Mai
und Oktober 1895 stattgefunden haben.33
In der Autobiographie wird
dieses Gespräch mit den Worten erwähnt: «Etwas später» — gemeint ist
der Frankfurter Vortrag im Sommer 1893 — «hatte ich mit einem Physiker, der in seinem Fach bedeutend war und der auch intensiv sich mit
Goethes Naturanschauung beschäftigte, ein Gespräch, das darin gipfelte,
daß er sagte: Goethes Vorstellung über die Farben ist so, daß die Physik
damit gar nichts anfangen kann, und daß ich - verstummte.»
Wie bedrückend dieses Gespräch auf Rudolf Steiner im Hinblick auf
sein damaliges Anliegen, von der Naturwissenschaft her die Brücke zum
Geistigen schlagen zu können, gewirkt haben muß, läßt sich daran
ermessen, daß er es nicht nur in seiner Autobiographie, sondern auch in
verschiedenen Vorträgen anführt, am ausführlichsten im Vortrag Stuttgart, 18. Januar 1921 (GA 323). Darin erzählt er es so:
«Ich sprach einmal mit einem Hochschulprofessor der Physik über die
Goethesche Farbenlehre. Der Mann hat sogar die Goethesche Farbenlehre herausgegeben und einen Kommentar dazu geschrieben. Ich sprach
mit ihm über die Goethesche Farbenlehre und er sagte mir, nachdem wir
uns auseinandergesetzt hatten, er wäre ein strenger Newtonianer. Er
sagte: Bei der Goetheschen Farbenlehre kann sich ja überhaupt kein
Mensch etwas denken, ein Physiker kann sich dabei nichts vorstellen. -
Also der Mann ist durch seine physikalische Erziehung dazu gebracht
worden, sich nichts vorstellen zu können bei der Goetheschen Farbenlehre. Ich konnte das begreifen. Es kann sich eigentlich der heutige
Physiker, wenn er ehrlich ist, bei der Goetheschen Farbenlehre nichts
vorstellen.»
In der Beziehung zwischen Rudolf Steiner und Salomon Kalischer
gab es einige merkwürdige Koinzidenzen. So traf zum Beispiel das
Manuskript Kalischers für die beiden ersten von ihm bearbeiteten Bände
Die Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners 25
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 291a Seite:25
der Farbenlehre innerhalb der Weimarer Ausgabe im Goethe-Archiv an
demselben Tag ein, an dem Rudolf Steiner zu seinem ersten Arbeitsbesuch dort eintraf. Und der Druck dieser beiden Bände erschien zu der
gleichen Zeit wie Rudolf Steiners Farbenlehre-Edition in der Deutschen
Nationalliteratur. Außerdem geschah in dem gleichen Jahr, in dem das
für Rudolf Steiner so bedrückende Gespräch geführt wurde, etwas, das
am Ende wiederum zu einer inneren Konfrontation führte. Es war 1895
- Rudolf Steiner war also noch in Weimar-, da wurde er mit Brief vom
17. Juni von dem ihm persönlich bekannten Literaturforscher Albert
Bielschowsky (1847-1902) aufgefordert, für den zweiten Band von dessen Goethe-Biographie «Goethe - Sein Leben und seine Werke» (2
Bände 1895-1903) das Kapitel «Goethe als Naturforscher» zu übernehmen. Aus Briefen Bielschowskys geht hervor, daß Rudolf Steiner das
Manuskript zugesagt, aber erst einige Jahre später geliefert hat. Bielschowsky hatte an seinem zweiten Goethe-Band selbst mehrere Jahre
gearbeitet und ist noch vor der Fertigstellung gestorben. Der Band
wurde daraufhin mit Hilfe anderer Autoren fertiggestellt. Dabei war nun
das Kapitel «Goethe als Naturforscher» plötzlich Kalischer übertragen
worden! In der Vorbemerkung des Verlegers (Beck'sche Verlagsbuchhandlung München) mit «Anfang Oktober 1903» datiert, heißt es: «Professor S. Kalischer erfüllte einen lang gehegten Wunsch Bielschowskys,
indem er das Kapitel <Goethe als Naturforscher beisteuerte.» — Daß dies
wirklich der Wunsch Bielschowskys gewesen sein soll, ist aufgrund
seiner durch Jahre sich hinziehenden sehr freundschaftlichen Anmahnungen des versprochenen Manuskriptes bei Steiner unglaubhaft. Einige
Wochen nach Bielschowskys Tod wurde Rudolf Steiner von der Beck-
'schen Verlagsbuchhandlung sein Manuskript mit den Worten zurückgeschickt: «Im Nachlaß Dr. Bielschowskys hat sich auch das mitfolgende
kleine Manuskript über Goethes naturwissenschaftliche Arbeiten [mit
einem Abschnitt über Goethes Farbenlehre, siehe Seite 49] vorgefunden,
das Ew. Hochwohlgeboren die Güte hatten, zwecks Verwendung im
2. Band der Goethe-Biographie des verstorbenen Verfassers zu bearbeiten. Zu unserem lebhaften Bedauern vermögen wir jedoch für den gedachten Zweck von dem Manuskript keinen Gebrauch zu machen und
sehen uns daher veranlaßt, es Ew. Hochwohlgeboren zur eventuellen
anderweitigen Verwertung wieder zurückzustellen.»
Jahre später äußerte sich Rudolf Steiner über den Vorfall wie folgt:
26 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
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«Eines Tages wurde ich aufgrund meiner Goethe-Schriften aufgefordert,
das Kapitel über Goethes Verhältnis zur Naturwissenschaft zu schreiben. Das Werk erschien lange Zeit nicht, das Manuskript lag lange beim
Herausgeber, Es war damals fast eine Selbstverständlichkeit, daß mir
dieses Kapitel übertragen worden war, und es zweifelte auch keiner der
in Betracht kommenden Menschen daran, daß dieses Kapitel gerade von
mir geschrieben werden sollte. Aber da geschah etwas Merkwürdiges:
Ich hatte angefangen, das Wort Theosophie auszusprechen, ja, ich war
sogar offiziell innerhalb der theosophischen Bewegung aufgetreten - und
die Abhandlung wurde mir als unbrauchbar zurückgeschickt!»34
So war auch hier wieder zu Ungunsten einer spirituellen Naturanschauung entschieden worden.
1896 war Rudolf Steiners Herausgabetätigkeit an den naturwissenschaftlichen Schriften für die Weimarer Ausgabe beendet und 1897 mit
den «Materialien zur Geschichte der Farbenlehre» auch für die Deutsche
Nationalliteratur. Mit der ebenfalls 1897 erschienenen eigenen Schrift
«Goethes Weltanschauung» mit einem Kapitel über Goethes Farbenanschauung wurde seine 15jährige Periode als Goethe-Herausgeber abgeschlossen. Vielleicht war er damals schon zu der später geäußerten
Auffassung gelangt, daß Goethes Farbenlehre von der Physik erst in der
zweiten Hälfte des 20. oder sogar erst in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts verstanden werden würde.35
Der Weg führte nun von Weimar nach Berlin, wo er die Redaktion
der Wochenschrift «Magazin für Litteratur» übernahm und sich als
freier Schriftsteller und Vortragender betätigte. Bald darauf eröffnete
sich ihm eine ganz anders geartete Möglichkeit, seine Farbenerkenntnis
weiterzuführen, als er vom Beginn des neuen, des 20. Jahrhunderts an für
seine anthroposophisch orientierte Geisteserkenntnis zu wirken begann.
Die Farbenerkenntnis im Lebenswerk Rudolf Steiners 27
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Der Schritt in die Darstellung
der übersinnlichen Farbenwahrnehmung
Wenn die hellsichtige Erkenntnis davon spricht:
«ich sehe rot», so bedeutet dies: ich habe im Seelisch-Geistigen ein Erlebnis, welches gleichkommt
dem physischen Erlebnis beim Eindruck der roten
Farbe. Nur weil es der hellsichtigen Erkenntnis in
einem solchen Falle ganz naturgemäß ist, zu sagen: «ich sehe rot», wird dieser Ausdruck angewandt. Wer dies nicht bedenkt, kann leicht eine
Farbenvision mit einem wahrhaft hellseherischen
Erlebnis verwechseln.36
Nachdem am Anfang des Jahrhunderts mit der geisteswissenschaftlichen
Lehrtätigkeit begonnen worden war, kam es auch schon bald zur Schilderung übersinnlicher Farbenwahrnehmungen, da diese ein wesentliches
Element auf der ersten Stufe der höheren Erkenntnis bilden. In den
öffentlichen Schriften «Von der Aura des Menschen» (Aufsatz 190437),
«Theosophie» (1904) und «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren
Welten?» (Aufsätze 1904-08, 1. Buchausgabe 1909) findet sich dargestellt, wie das geistige Auge ebenso wie das physische Farben wahrnimmt. Doch immer wird dabei ausdrücklich betont, daß man, was hier
als Farben bezeichnet wird, nicht so sieht, wie physische Augen die
Farben sehen, sondern daß man durch die geistige Wahrnehmung Ahnliches empfindet wie bei einem physischen Farbeneindruck.
Goethe charakterisiert einmal das, was er unter «Urphänomen» verstand, mit den Worten:
«Urphänomen: Ideal-real-symbolisch-identisch.
Ideal, als das letzte Erkennbare;
real, als erkannt;
symbolisch, weil es alle Fälle begreift;
identisch, mit allen Fällen.»38
In diesem Sinne ist das Urphänomen der Entstehung der übersinnlichen Farben identisch mit dem Urphänomen der Entstehung der physischen Farben. Denn ebenso wie die physischen Farben durch das Zusammenwirken von Licht und Finsternis entstehen, so auch die übersinnlichen Farben. Gleich wie die Gegenstände der physischen Welt erst
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durch das auf sie fallende Sonnenlicht sichtbar werden, so werden auch
die Gegenstände der geistigen Welt nur sichtbar, wenn sie beleuchtet
werden. Dieses Licht kommt jedoch nicht von außen, sondern wird von
dem geistig Schauenden selber ausgestrahlt. Es ist die durch innere
Schulung erlangte Betätigung des Bildekräfteleibes, die sich mit ausstrahlendem Licht vergleichen läßt. Wenn es auf ein sich offenbarendes Geistwesen trifft, so wird es von diesem zurückgestrahlt. Zeigt sich zum
Beispiel ein Wesen in einem blauen sternenbesetzten Kleid, so deshalb,
weil Finsternis durch Licht gesehen blau erscheint, während die Sterne
nicht rückstrahlende, sondern von dem Wesen aufgenommene Teile des
von dem geistig Schauenden ausgestrahlten Licht sind.39
Die Schilderungen von übersinnlichen Farbenwahrnehmungen in der
1904 erschienenen Schrift «Theosophie - Einführung in übersinnliche
Welt- und Menschenbestimmung» sind damals auf Mißverständnisse
gestoßen und offenbar auch angefochten worden. Darum muß es für
Rudolf Steiner eine gewisse Befriedigung bedeutet haben, als im Jahre
1917 durch Experimente des Wiener Arztes, Naturforschers und Kriminalanthropologen Moritz Benedikt eine Art Beweis erbracht wurde.40
Die Emanationswahrnehmungen seiner sogenannten dunkelangepaßten
Versuchspersonen wurden von Rudolf Steiner sofort als außerordentlich
interessante Phänomene besprochen.41
Insbesondere hielt er die von den
Versuchspersonen wahrgenommene Rot-Blau-Polarität für so wesentlich, daß er sie in der zu dieser Zeit von ihm neu überarbeiteten «Theosophie» (9. Auflage 1918 unter «Einzelne Bemerkungen und Ergänzungen») als zu den «interessantesten der modernen Naturlehre» gehörig
anführte. Er wies aber auch gleichzeitig darauf hin, daß es sich bei
den Benediktschen Untersuchungen nicht um die «geistige» Aura
handle. Diese sei nicht ein «mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu Erforschendes», sondern nur dem geistigen Schauen zugänglich. In seinem in Dornach am 13. Januar 1918 gehaltenen Vortrag fügte er seinen
Ausführungen darüber hinzu: «Aber eine Berührung ist doch da, so
daß gerade derjenige Teil meiner <Theosophie>, der am meisten Anfechtungen erfahren hat, über den man am meisten geschimpft hat,
jetzt schon seine Berührungspunkte mit der äußeren Wissenschaft
erwiesen hat.» (GA 180).
Beschreibungen übersinnlicher Farbenwahrnehmungen ziehen sich
durch das ganze weitere der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gewidmete Werk Rudolf Steiners.
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Neuer Ansatz zur experimentellen Weiterbildung
der Goetheschen Farbenlehre
Erst nach einer 21jährigen Aufbautätigkeit für die anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft mit einer Fülle von neuen Erkenntnissen
über das Wesen der Farben bot sich eine Möglichkeit, an die experimentelle Weiterbildung von Goethes Farbenlehre heranzutreten. Vor 30
Jahren, 1890, hatte er in der Einleitung zu Goethes Farbenlehre geschrieben: «Es fällt mir natürlich nicht ein, alle Einzelheiten der Goetheschen
Farbenlehre verteidigen zu wollen; was ich aufrechterhalten wissen will,
ist nur das Prinzip. Aber es kann auch hier nicht meine Aufgabe sein, die
zu Goethes Zeit noch unbekannten Erscheinungen der Farbenlehre aus
seinem Prinzipe abzuleiten. Sollte ich dereinst das Glück haben, Muße
und Mittel zu besitzen, um eine Farbenlehre im Goetheschen Sinne ganz
auf der Höhe der modernen Errungenschaften der Naturwissenschaft zu
schreiben, so wäre in einer solchen allein die angedeutete Aufgabe zu
lösen. Ich würde das als zu meinen schönsten Lebensaufgaben gehörig
betrachten.»42
In gleichem Sinne äußerte er sich auch noch im Jahre 1903 gegenüber
Marie von Sivers, als er ihr in einer Reihe von Stunden mit einer Kerzenflamme und einem Bogen Papier die Entstehung des Farben-Urphänomens aus Licht und Finsternis demonstrierte. Sie berichtet, daß er ihr
sagte: «Wenn ich jetzt 10 000 Mark hätte, um die nötigen Instrumente
anzuschaffen, würde ich der Welt die Wahrheit der Goetheschen Farbenlehre beweisen können.»43
Es fehlten aber damals nicht nur die Mittel und die nötige Muße,
sondern auch das notwendige Verständnis, sowohl von Seiten der Physik
wie auch von Seiten des ihm nun verbundenen Menschenkreises. Dazu
äußerte er einmal: «Ich weiß nicht, ob einige von Ihnen wissen, daß ich
mich nun seit dreißig Jahren etwa immer wieder bemühe, zu zeigen,
welche tiefe Bedeutung und welchen inneren Wert die Goethesche Farbenlehre hat. Allerdings, wer sich heute für die Goethesche Farbenlehre
einsetzt, der muß sich ganz klar darüber sein, daß er das-Ohr seiner
Zeitgenossen nicht haben kann. Denn diejenigen, welche durch physikalische Erkenntnisse fähig wären einzusehen, was damit eigentlich gesagt
wird, wenn man von der Goetheschen Farbenlehre spricht, die sind
heute ganz und gar unreif, überhaupt das Wesen der Goetheschen Farbenlehre zu verstehen. Die physikalische Phantasterei mit ihren Äther30 Der Einsatz für eine geistgemäße Wissenschaft der Farben
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Schwingungen und so weiter ist heute absolut unfähig, irgendwie den
Wesenskern dessen, was die Goethesche Farbenlehre ausmacht, einzusehen. Da muß man einfach noch einige Jahrzehnte warten. Wer über diese
Dinge spricht, weiß das. Und die anderen wiederum - verzeihen Sie,
wenn ich diesen Ausspruch tue-, die vielleicht vom Okkultismus her
oder sonstwie anthroposophisch schon reif wären, das Wesenhafte der
Goetheschen Farbenlehre einzusehen, die wissen viel zu wenig von
Physik, als daß man sachgemäß über diese Dinge sprechen könnte. So ist
also heute ein rechter Boden für diese Sache nicht vorhanden.»44
Dies schien anders zu werden, als mit dem Ende des ersten Weltkrieges sich immer mehr und mehr auch junge Wissenschaftler der Anthroposophie zuwendeten. Als er von den Lehrern der im Herbst 1919
begründeten Freien Waldorfschule in Stuttgart gebeten wurde, ihnen zur
Verlebendigung des Physikunterrichtes Vorträge über Licht- und Wärmeerscheinungen zu halten, gab er drei naturwissenschaftliche Kurse
und hoffte, daß nun von Seiten der jungen anthroposophischen Wissenschaftler eine entsprechende Licht- und Wärmelehre erarbeitet werden
könnte. In dem damals in Stuttgart entstandenen wissenschaftlichen
Forschungsinstitut mit einer physikalischen Abteilung wurde u. a. nach
seinen Angaben versucht, die Schließung des Farbenspektrums zum
Kreis mit Hilfe eines Elektromagneten zustande zu bringen. Aber auch
diesen Versuchen waren wiederum die Zeitverhältnisse nicht günstig.
Infolge der allgemeinen schlechten Wirtschaftslage in den damaligen
Nachkriegs Jahren konnte das Institut nur kurze Zeit arbeiten.
Im Dezember 1923, wenige Wochen nach dem ersten Versuch, das
siebenfarbige Spektrum zum Zwölffarbenkreis zusammenzuschließen,
um Lebenswirkungen zu erzielen (vgl. Seite 73 und 74), begann Rudolf
Steiner in der Wochenschrift «Das Goetheanum» mit der Darstellung
seines Lebensganges und kam dabei nun ausführlich auf seine ersten
Licht- und Farbenstudien zurück. Im Winter 1924/25 wurde ein Sonderdruck seiner Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften
aus Kürschners Nationalliteratur vorbereitet. Seine Absicht, am Schluß
dieses Sonderdruckes eine große Anzahl von Anmerkungen auch zur
Farbenlehre zu schreiben, konnte er wegen seines am 30. März 1925
eingetretenen Todes nicht mehr verwirklichen.
So stand am Ende seines Wirkens genauso wie am Anfang der Einsatz
für Goethes Farbenlehre als Prototyp einer geistgemäßen Naturwissenschaft.
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